image002   Über dieses Buch Nun sind also vor dem Haus, in dem ich meine Jugendjahre verbracht habe, die kleinen messingnen Stolpersteine verlegt, die der Erfinder dieser Form des Gedenkens an die jüdischen Opfer der Hitler-Barbarei, ein Kölner Künstler, in seiner Werkstatt herstellen ließ. Kleine Pflastersteine, die von Arbeitern der Stadt verlegt worden sind. Tausende solcher Steine sind mittlerweile vielerorts in Deutschland und in anderen Ländern verlegt worden. Ich habe lange gezögert, solche winzigen Mahnmale in Auftrag zu geben, weil es durchaus verstehbare Gründe gibt, diese Art des Gedenkens abzulehnen. Am Ende hat sich bei mir der Gedanke behauptet, dass diese Steine zwar den Bewohnern des Hauses und der Nachbarhäuser, die täglich vorübergehen, im Fortgang der Zeit nichts mehr bedeuten werden, dass aber die Nachwachsenden und andere Hinzugekommene ebenso wie zufällig Vorübergehende der neugierigen Frage vielleicht nicht ausweichen werden, was es mit diesen, zuweilen in der Sonne glänzenden Messingplättchen und ihren Inschriften auf sich hat. Dass diese Passanten die Namen, die Geburts- und Sterbedaten der von Hitlers Schergen deportierten und ermordeten jüdischen Bewohner dieses Hauses zur Kenntnis nehmen, weil sie neugierig und nachdenklich sind. Mag sein, dass ich mich in diesen Erwartungen täusche. Es gab und gibt ja von alters her an einzelnen Hauswänden Hinweise darauf, dass dieser oder jener berühmte Mann dort gelebt und gewirkt hat, und solche Tafeln werden allenfalls von Fremden beachtet und meist alsbald wieder vergessen. Ich habe mich, wie gesagt, über solche Bedenken hinweggesetzt. Auch darüber, dass gleichgültige Passanten diese Mahnsteine gedankenlos betreten und beschmutzen werden. Und ich nehme den Unwillen in Kauf, den der eine oder andere Bewohner des Hauses vielleicht empfindet, der nichts von solchen Mahnmalen wissen will. Aus allerlei fragwürdigen Gründen. Mit der von mir veranlassten Verlegung der Stolpersteine vor dem Haus, in dem ich meine Jugend verbracht habe, dem Haus, in dem ich Zeuge des Leids der einen und der Gleichgültigkeit ebenso wie der Hilfsbereitschaft der anderen Bewohner war, hat sich mir die Frage gestellt, ob es nicht Zeit sei, den Text meines vor Jahren erschienenen Buches über dieses Judenhaus für eine neue Auflage zu überarbeiten, ihn von Ballast zu befreien, vor allem aber, ihn um eine nachdenkliche Auseinandersetzung mit den in den vergangenen Jahrzehnten verfestigten Ritualen und den künftigen Weisen des öffentlichen Gedenkens an die Verbrechen des Hitlerregimes zu ergänzen. Und über Gespräche zu berichten, die ich bei der Verlegung von Stolpersteinen mit einzelnen Bewohnern der betreffenden Häuser darüber geführt habe, wie sie diese kleinen Mahnmale sehen. Diese Neuauflage hat überdies Teile eines anderen Buches über die Quellen antijüdischer Vorurteile aufgenommen, die Hitler und seine Kumpane bis ins Extrem getrieben und zum schrecklichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte veranlasst haben. Diese Gedanken über die historischen Quellen des neuzeitlichen Antisemitismus sind in einem Exkurs am Ende des Buches enthalten. Mit dem Inhalt haben sich auch der Titel und der Umfang des Buches verändert. Auch diese Ausgabe des Buches versucht nicht, allgemeine Erklärungen, Begründungen oder Beschreibungen zur Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland während der Hitlerjahre vorzutragen. Das haben andere getan, und viele werden immer wieder auf das Neue versuchen, das Unbegreifliche begreifbar, das Unfassliche fassbar zu machen. Mir geht es indessen darum, jenen jüdischen Menschen ein kleines Denkmal in Wörtern zu setzen, die ich, ein Nichtjude mit vielen jüdischen Verwandten und Bekannten, als Kind kennengelernt und auf ihrem Weg durch die Zeit des Hitlerregimes begleitet habe. Ihrer zu gedenken, von denen allenfalls noch der Name in den amtlichen Listen der Opfer erscheint, ist die Aufgabe, die ich mir gestellt habe. Ich will den Namen, so weit es geht, ein Bild der Menschen zugesellen, die diese Namen trugen. Auch von den anderen Menschen in meiner Umgebung, den Nichtjuden, die damals Arier oder Deutschblütige genannt wurden, werde ich erzählen. Von den vielen, die weggeschaut haben. Von den wenigen, die sich, weil sie halfen, in Gefahr begeben haben. Denn bereits ein längeres, freundliches Gespräch mit dem jüdischen Nachbarn in der Öffentlichkeit: Das brauchte in den späten Hitlerjahren Mut, den nicht viele aufgebracht haben. Dieses Buch versucht auch, am Beispiel des Umfelds meiner Jugendjahre Antwort auf die Frage zu geben, was Nichtjuden und Juden in unserem Haus, in unserer Stadt über das Schicksal der deportierten Juden gewusst haben oder jedenfalls hätten wissen können. Juden, um es vorweg zu sagen, wussten nach meiner Erinnerung viel mehr, Nichtjuden viel weniger als im Alltag zu erfahren, in Zeitungen zu lesen, in der Wochenschau zu sehen oder im Radio zu hören war. Viele Nichtjuden wussten Vieles nicht, weil sie es nicht wissen wollten. Wer waren die Juden, von denen dieses Buch berichtet? Vor allem die jüdischen Bewohner des Hauses, in dem ich die Hitlerjahre, meine Jugendzeit, verbracht habe. Des Judenhauses, wie es später genannt wurde. Alsdann meine jüdischen Verwandten, die oft Besucher des Hauses waren. Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, Menschen allesamt, die im Jargon jener Zeit in Mischehen lebten oder in Mischehen geboren waren. Voll- und Halbjuden, wie es damals hieß. Meine Juden, sozusagen. Sie sind das ernstlich erst geworden, als sie nicht mehr da waren. Nachdem sie verschwunden waren und nie wiederkamen. Als ich erfahren hatte, was ihnen widerfahren ist. Da sind sie also meine Juden geworden. Ich meine damit: Sie haben von mir Besitz genommen, haben im Haus meiner Gefühle und Gedanken Wohnung bezogen, und wenn wir uns dort zuweilen begegnen, dann spreche ich sie an, ohne freilich je eine Antwort zu finden. Starre, blasse Gesichter, die um das Leben weinen, das sie nicht haben fortführen dürfen, das ihnen genommen wurde, bloß weil sie Juden waren. Gesichter, die keinen Trost, nur Traurigkeit vermitteln. Aber, im gleichen, inneren Haus, in anderen Räumen, in der Erinnerung an meine Jugend, da leben sie noch, meine jüdischen Verwandten, die jüdischen Nachbarn und ihre Kinder, von denen vor der Hitlerzeit kaum jemand wusste, dass sie Juden waren. Das bedeutete in meiner damaligen Welt ohnehin nicht viel mehr, als dass sie, wenn überhaupt, in die Synagoge und nicht in die katholische oder evangelische Kirche gingen. In die prächtige Synagoge, die mit ihrer blauen Kuppel mitten in der Stadt stand und deren Bild einen Tupfer von ferner, fremder Kultur beifügten, weil sie anders, ganz anders aussah als die katholischen und evangelischen Kirchen. Meine jüdischen Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen freilich gingen selten oder nie in die Synagoge. Sie waren Juden im Grunde nur, weil ihre Eltern und Großeltern Juden waren und weil in ihren Papieren unter Religionszugehörigkeit stand, dass sie Juden seien. Ihre Familie lebte nachweislich seit Generationen in Hessen. Sie sprachen und verstanden außer einigen Worten, Versen und Gebeten, die sie als Kinder gelernt hatten, nicht Hebräisch und erst recht nicht Jiddisch, das Judendeutsch, das in den Gemeinden Osteuropas gesprochen wurde, als es dort noch jüdische Gemeinden gab. Meine Verwandten kannten allein die deutsche Sprache, und sie redeten in dem Dialekt, der von den einfachen Leuten in Wiesbaden gesprochen wurde. Ihr Leben unterschied sich überhaupt nicht von dem ihrer nichtjüdischen Umgebung. Darum waren sie für mich, einen Evangelischen, so viel und so wenig fremd wie die katholischen Kinder und Erwachsenen, die Teil meiner Jugendwelt waren. Ein leichter Hauch von Anderssein allenfalls, hier wie dort. Meine jüdischen Verwandten waren einfache Leute. Menschen, die natürlich lesen und schreiben konnten, denen es aber Mühe gemacht hätte, längere Texte zu verfassen. Geschweige denn ein ganzes Buch. Das war ein weiterer Grund, dieses Buch zu schreiben. Die Autobiographien von Juden, die den Holocaust überlebt haben und die Biographien, die über Juden und jüdische Familien berichten, die der Barbarei Hitlers zum Opfer gefallen sind, handeln meist von Menschen, die dem Bürgertum angehört haben. Von Ärzten und Rechtsanwälten, Künstlern und Schriftstellern, Bankiers, Industriellen und Professoren, um nur die häufigsten Fälle zu nennen. Leicht erhalten darum die Nachgeborenen, die sich über die damalige Barbarei in unserem Land unterrichten wollen, den Eindruck, Juden in Deutschland seien allesamt gut gestellte Leute gewesen. Jedenfalls, bis Hitlers Schergen ihnen alles wegnahmen, was sie besaßen. Meinen Verwandten, über die ich berichte, wurden damals keine wertvollen Dinge weggenommen, kein Haus, kein Geld, kein Schmuck, keine Wertpapiere. Weil sie derlei gar nicht besaßen. Sie mussten nicht, wie viele andere Juden in der Stadt, proletarisiert, pauperisiert werden. Sie waren vorher schon arme Leute. Ihnen konnte man allein ihre kleine Lebenswelt und am Ende auch das Leben nehmen. Mit dem Bericht über meine Angehörigen und unsere jüdischen Nachbarn will ich dazu beitragen, das Bild von den wohlhabenden und erfolgreichen deutschen Juden ein wenig zurechtzurücken. Es gab sie, natürlich, so wie es wohlhabende Nichtjuden gab und gibt. Und sicherlich fanden sich unter den Juden damals vergleichsweise - im Verhältnis zu den Bevölkerungsanteilen - mehr Angehörige akademischer Berufe und mehr selbstständige Kaufleute als unter ihren nichtjüdischen Zeitgenossen. Es gab aber eben auch jüdische Arbeiter in unserer Stadt und in unserem Land. Wenngleich nicht viele. Das zeigt sich in einem amtlichen Verzeichnis der Berufe, die von Wiesbadener Juden damals ausgeübt wurden. Bei der Erfassung der Berufe der rund 2000 Juden, die vor Beginn des Zweiten Weltkriegs noch in unserer Stadt lebten, gaben von den Männern in der Tat nur wenige an, Arbeiter zu sein. Und unter denen, die andere Berufe genannt haben, waren ein Amtsrichter, vier Apotheker, fünfzehn Ärzte, vier Bankdirektoren, zwei Betriebsleiter, ein Bücherrevisor, vier Direktoren, zwei Fabrikanten, vier Ingenieure, ein Kommerzienrat, ein Kammergerichtsrat, ein Geheimer Regierungsrat, ein Notar, ein Oberstabsarzt, sieben Rechtsanwälte, ein Notar, ein Tierarzt, drei Zahnärzte und 192 Kaufleute. Man braucht also gar keinen Rechner zu Hilfe zu nehmen, um zu erkennen, dass der Anteil der Arbeiter unter den erwerbstätigen Wiesbadener Juden sehr klein war. Kleiner als bei den nichtjüdischen Einwohnern unserer Stadt. Dabei ist noch nicht einmal bedacht, dass unter den Juden, die zwischen 1933 und 1939 ausgewandert sind, wiederum nur wenige Arbeiter und viele Akademiker und Kaufleute waren. Was zählt: Es gab auch Arbeiter - und  das heißt: arme Leute - unter den Wiesbadener Juden, darunter meine Verwandten. Sie waren freilich nicht Bewohner, sondern häufige Besucher des Hauses in der Hermannstraße. Die jüdischen Eigentümer des Hauses waren keine Arbeiter, sondern Kaufleute, denen es gut ging, bis die Nazis ihnen alles wegnahmen, was sie besaßen. Die einen wie die anderen, die jüdischen Arbeiter und die jüdischen Kaufleute, die nicht rechtzeitig geflohen waren, mussten die Züge besteigen, die sie im Sommer 1942 zu den Gaskammern und Ghettos im „Osten“ fuhren. Menschen, die, wie es damals beschwichtigend hieß, „umgesiedelt“, die „evakuiert“ wurden. Umsiedlung und Evakuierung waren damals geläufige Ausdrücke, weil Millionen Menschen in Hitlers Europa tatsächlich umgesiedelt, evakuiert worden sind. Ich denke an die Millionen Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen, die kreuz und quer durch Europa verschleppt wurden. Oder an die ausgebombten Frauen und Kinder der Städte, die in ferne Dörfer verbracht wurden, die kaum Ziel von Luftangriffen waren. Der Unterschied war freilich, dass alle diese anderen Transporte nicht in Mordfabriken im Osten Europas endeten. Darüber also will ich berichten: Über das Leben von Juden und Nichtjuden in dem Haus, in dem ich meine Jugendjahre verbrachte. Dieses Haus war - wie viele anderen in unserer Stadt - in den Kriegsjahren in den Unterlagen der Geheimen Staatspolizei und des Wohnungsamtes als ein Haus aufgeführt, das der „Zusammenlegung von Juden“ diente. Als Haus, in dem der Eigentümer oder die Eigentümerin Jude war und in dem in freigewordenen Wohnraum vom Wohnungsamt nur noch jüdische Familien und Einzelpersonen eingewiesen wurden, sodass sich der Anteil der Juden an den Hausbewohnern erhöhte. Im Grenzfall wohnten nur noch jüdische Familien und Einzelpersonen im Hause. In unserem Haus ist dieser Fall nicht eingetreten. Jüdische und nichtjüdische Familien haben bis zum bitteren Ende, der Deportation aller jüdischen Bewohner, einvernehmlich miteinander gelebt. Der Ausdruck „Judenhaus“ taucht in amtlichen Dokumenten nicht auf. Dort ist, wie gesagt, von Häusern die Rede, die der Zusammenlegung der Juden dienen. Judenhaus ist ein Name, den die betroffenen Juden damals diesen Zwangsunterkünften gegeben haben. In den Jahren seit der Veröffentlichung der Erstausgabe dieses Buches hat sich im öffentlichen Umgang mit den geschilderten, schrecklichen Ereignissen mancherlei verändert. Im Stadtzentrum wurde nun am Standort der in der Pogromnacht im November 1938 zerstörten Synagoge ein großes Mahnmal mit den Namen, den Geburts- und Sterbedaten der ermordeten jüdischen Bürger dieser Stadt errichtet. Ein Ort, an dem Jahr für Jahr am Abend des 9. November der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde, der Oberbürgermeister und andere staatliche und kirchliche Würdenträger samt vielen Besuchern der Veranstaltung jener schrecklichen Ereignisse gedenken, von denen auch dieses Buch berichtet. Und wer dieser Tage mit offenen Augen durch die Stadt geht, trifft immer wieder auf die kleinen messingnen Platten, auf die Stolpersteine, die deutlicher und direkter als das Namensband an dem wuchtigen Mahnmal an einzelne Opfer der Barbarei erinnern. Mehr als tausend solcher kleinen Mahnmale kann ein rüstiger Suchender anhand eines im Internet verfügbaren Plans leicht bei einem Rundgang in unserer Stadt und ihrer Umgebung entdecken. Darunter auch die Stolpersteine, die ich vor dem Haus habe verlegen lassen, von dem in diesem Buch die Rede ist. Hinzu kommen, verstreut über das ganze Jahr, mancherlei Initiativen, die die Schrecknisse der Hitlerjahre in Erinnerung rufen. Vor allem das Auftreten von Zeitzeugen, die in Schulen und anderswo über ihre Erlebnisse in der Hitlerzeit berichten. Zeitzeugen, deren Zahl im Fortgang der Zeit naturgemäß schwindet. Es werden aber andererseits die Stimmen jener laut, die ein Ende des öffentlichen Erinnerns, die kollektives Vergessen und Verdrängen, die einen Schlussstrich verlangen. Dieses Ansinnen veranlasst mich angesichts der unfasslichen Verbrechen, um die es geht, zum entschiedenen Widerspruch. Zwar trägt kein Einzelner unter den Nachgeborenen persönliche Schuld an den Verbrechen des Hitlerregimes, es gibt nichts, was man ihm in diesem Kontext vorwerfen könnte, aber der Blick auf die Vergangenheit des eigenen Volkes darf gleichwohl jene schreckliche Spanne seiner Geschichte nicht auslassen, nicht verdrängen. Freilich sind nicht sinnleere, wiederkehrende Rituale, sondern offene Herzen geboten. Als ob die Ermordeten unsere Altvorderen, als ob sie enge Verwandte von uns allen gewesen wären. In diesem Bewusstsein habe ich diese Zweitauflage des Buches geschrieben. Wiesbaden, am 31. März 2015 Willy Rink   Nachbemerkung. Ich hätte gerne auch für die Familie Strauss, ein älteres Ehepaar, das vor den Deportationen in unser Haus eingewiesen worden ist, Stolpersteine verlegen lassen. Diese Menschen wurden im späten Sommer 1942 nach Theresienstadt deportiert, und sie haben in dieser Schreckensstätte nur kurze Zeit überlebt. Nach den vom Erfinder und Hersteller der Stolpersteine gesetzten Vorgaben war es aber nicht möglich, für diese Menschen Stolpersteine vor unserem Haus zu verlegen, weil dieses Haus nicht ihre letzte freiwillig gewählte Wohnstätte war. Weil sie in das „Judenhaus“ eingewiesen worden sind. Das gilt auch für Zerline, Helga und Karl-Heinz Löwenberg, jüdische Verwandte, die in ein „Judenhaus“ am Stadtrand eingewiesen worden sind. Auch vor diesem Haus können aus gleichem Grund bislang keine Stolpersteine verlegt werden  [if gte vml 1]> [endif]  Das Haus in der Hermannstraße   Das Haus vor der Deportation I Meine Familie zog Mitte 1934 in das Haus in der Hermannstraße. Es war ein Umzug innerhalb des gleichen Stadtviertels von Wiesbaden, des Westends, wie man diesen Teil der Stadt nannte und nennt. Damals war ich acht Jahre alt und brauchte wegen des Umzugs die Schule und damit die Schulfreunde nicht zu wechseln. Nur der Schulweg war um ein beträchtliches Stück länger geworden. In den Hauptstraßen des Westends wohnten damals die Inhaber der zahlreichen Geschäfte und besserverdienende Angestellte und Beamte, während in den Nebenstraßen, in schmaleren und niedrigeren Häusern, Arbeiter, kleine Angestellte, einfache Beamte und kleine Handwerker Wohnung und Werkstatt gefunden hatten. Dieses Stadtviertel war, wie andere, in der Kaiserzeit entstanden, einer Epoche raschen wirtschaftlichen Wandels. Damals mussten für die wachsende Zahl von Arbeitern und Angestellten rasch Wohnraum, Schulen, Ämter und Läden geschaffen werden. Dafür war in der Altstadt kein Platz. Neben die Kellner, Köche und Zimmermädchen, die in den Hotels und Restaurants des Kurviertels arbeiteten und die kleinen Häuser der Altstadt bewohnten, traten so Zehntausende Fabrikarbeiter und Büroangestellte in den neuen Stadtvierteln, die, Felder und Gärten verschlingend, immer weiter nach draußen, den Vororten entgegen wuchsen. So jedenfalls hat man uns damals in der Schule, in Heimatkunde, die Verwandlung der kleinen Kur- und Bäderstadt Wiesbaden in eine moderne Großstadt erklärt. Im Westend war damals von der Weltkurstadt, als die Wiesbaden sich auf Plakaten, in Prospekten und in den örtlichen Zeitungen darzustellen versuchte, nichts zu bemerken. Es war und ist auch heute noch die Lebenswelt kleiner Leute und der Geschäfte, deren Kunden sie waren und sind. Das Kurviertel mit dem Kurhaus, der Spielbank, dem Kurpark, mit seinen Badehäusern, Hotels, Restaurants, Cafés, Grünanlagen, Kutschen und Reitwegen und die benachbarten Villenviertel waren damals ein Teil der Stadt, den die Bewohner des Westends allenfalls auf Sonntagsspaziergängen zu Gesicht bekamen. Die meisten dieser noblen Etablissements sind mittlerweile verschwunden. An ihre Stelle sind feine Boutiquen und andere Geschäfte getreten, die teures Porzellan, Orientteppiche, Schmuck, Pelze, Parfums, Designermode und andere aufwändige Waren anbieten, deren Käufer nicht mehr noble Kurgäste, sondern gutgestellte Einwohner der Stadt und des Umlandes sind. Aber es gilt immer noch, dass an Sonn- und Feiertagen viele Leute aus dem Westend, Ausländer meist oder Menschen ausländischer Herkunft, mit ihren Kindern auf der Wilhelmstraße von Schaufenster zu Schaufenster schlendern und die teuren Auslagen bestaunen. Dinge, die sie sich vermutlich nie werden kaufen können. Die Hermannstraße, in der wir nun wohnten, war eine kleine Nebenstraße des Bismarckrings, einer breiten Allee, in deren Mitte eine doppelte Platanenreihe samt gepflastertem Gehweg die Fahrspuren beider Richtungen trennte, auf denen sich in den dreißiger Jahren viele Last- und wenige Personenwagen, Straßenbahnen, Pferdegespanne, Handwagen und Fahrräder bewegten. Hier, nicht in den Nebenstraßen, befanden sich die größeren Geschäfte des Westends, die Apotheken und Drogerien, die Bank- und Postfilialen, Konditoreien und Feinkostgeschäfte, die Friseursalons und Blumenläden. Neben den Hauseingängen mit den messingnen Türklinken und Klingelknöpfen fanden sich die Schilder von Rechtsanwälten, Ärzten, Zahnärzten, Bücherrevisoren und anderen Angehörigen freier Berufe. Darunter bis 1933 viele jüdische Namen. Bescheiden, um nicht zu sagen ärmlich, boten sich im Vergleich dazu damals die Nebenstraßen dar, die Wellritz-, Walram-, Hellmund-, Helenen- und Frankenstraße - um nur einige benachbarte Straßen zu nennen. Fünfzehn Häuser auf jeder Seite bildeten die Hermannstraße, jedes drei oder vier Stockwerke hoch, manche mit roten Backsteinfassaden, Vorder- und Hinterhäusern, mit Höfen dazwischen, auf denen Fuhrwerke und Fahrräder abgestellt wurden. Manchmal fand sich im Hof ein gemauerter oder aus Wellblech gefertigter Schuppen, in dem kleine Handwerksbetriebe oder deren Lager untergebracht waren. Eine Bäckerei, eine Metzgerei und ein Kramladen, allesamt klein und unansehnlich, besetzten die Straßenecken, dazwischen eine Schuhmacherei, eine Kohlenhandlung und eine Pferdemetzgerei, die freilich bald und für immer geschlossen wurde, weil die Kunden ausblieben. Ganz deutlich sehe ich noch den Bäckermeister Gerbig, seinen Laden, in dem seine Frau Brot, Brötchen und süßes Gebäck verkaufte und die Backstube, in der die Hausfrauen vor Festtagen ihre Kuchenbleche abgaben, die sie unter den Armen oder auf dem Kopf herbeitrugen und später wieder abholten. Ich sehe die Metzgerei Wolf, in der ich als kleiner Junge nachmittags, mit einem Notizzettel in der Hand, in den das Geld eingewickelt war, Wurst oder Fleisch kaufte, am Ende immer von Frau Wolf mit einer Scheibe Fleischwurst belohnt. Auch den Kramladen Nattermann, in dem es an Dingen des täglichen oder gelegentlichen Bedarfs ungefähr alles gab, was man anderswo in der Nähe nicht kaufen konnte. Der Laden war vollgestopft mit Bürsten, Besen, Eimern, Tüten, Büchsen, Flaschen, Kartons und Schachteln. In der kleinen Öffnung zwischen all diesen Dingen, die teils auf dem Boden oder auf der Theke standen, teils von der Decke hingen, schaute Herr Nattermann oder seine Frau wie aus einem Bilderrahmen den Kunden entgegen, die den Laden betraten und die beide fast alle beim Namen kannten. Nie mehr später, weder im Inland noch im Ausland, habe ich einen so skurrilen Laden gesehen. Auch nicht in mancherlei pittoresken Bazaren. Dann: Der Tabakladen Bergmann, in dem ich für meinen Adoptivvater jeden Samstag Zigarettentabak der Marke „Wie immer“ und Zigarettenpapier der Marke „Job“ holte. Das musste seine Sucht für eine Woche stillen. Die Schuhmacherei Beilstein, die mir darum in guter Erinnerung ist, weil es Herrn Beilstein, einem „Arier“, eines Tages verboten wurde, jüdischen Kunden, die er seit Jahren kannte, weiterhin die Schuhe zu reparieren. So ging es auch dem Friseur Eckert, der seinen jüdischen Kunden nicht mehr Bart und Haare schneiden durfte. Unsere jüdischen Hausbewohner, die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss, mussten von da an weite Wege gehen, um ihre Schuhe bei einem jüdischen Schuhmacher reparieren zu lassen. Oder die Haare schneiden oder ondulieren zu lassen. Das galt auch für unsere jüdischen Verwandten, die anderswo in der Stadt wohnten. Im Haus nebenan verkaufte die Kohlenhandlung Nemnich Brennholz, Kohle, Koks und Briketts, die den Kunden, die nicht mit dem Handwagen vorfuhren, mit dem Pferdegespann ins Haus geliefert wurden. Bleibt der Pferdemetzger Landau, ein Cousin meiner jüdischen Onkel und Tanten, der Mitte der dreißiger Jahre vergeblich versuchte, Kunden für sein Pferdefleisch, die Pferdewurst und das in kleine Flaschen abgefüllte Kammfett zu finden, das bei einfachen Leuten im Rufe stand, dem Haarausfall entgegenzuwirken. Es gab aber offenkundig in unserer Gegend nicht viele Leute, die Pferdefleisch, Pferdewurst und Pferdefett schätzten. Darum wurde diese Metzgerei bald wieder geschlossen. Das also waren die Läden in der Hermannstraße, an die ich mich erinnern kann. Das Haus, von dem in diesem Bericht die Rede ist, unterschied sich allenfalls in Kleinigkeiten von den Nachbargebäuden und denen auf der anderen Straßenseite. Vielleicht fünfzehn Meter breit, vier Stockwerke hoch das Vorderhaus, eine breite Toreinfahrt, die zum Hof und zum Hinterhaus führte und der Eingang zum Treppenhaus des Vorderhauses. Schließlich der Hof mit der Treppe zum Hinterhaus mit seinen drei Stockwerken. Zwanzig Wohnungen insgesamt, acht im Vorderhaus, die übrigen im Hinterhaus. Erbaut vielleicht um 1880. Jedenfalls fanden sich entsprechende Angaben auf manchen der anderen Häuser in der gleichen Straße. Alles ein bisschen verwittert, abgenutzt, brüchig und rissig. Das also war das Haus, in dem wir elf Jahre lang wohnen würden, elf Jahre, in denen Hitler und seine Kumpane die Welt und dabei auch das Leben in diesem Haus auf schreckliche Weise verändern sollten. Das Haus, in dem - obwohl es von den Behörden für die Unterbringung von Juden ausgewiesen war - bis zur Deportation seiner jüdischen Bewohner im Sommer 1942 immer auch nichtjüdische Familien gewohnt haben. II Durch das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939 wurden Juden als Eigentümer oder anderweitig Nutzungsberechtigte eines Hauses verpflichtet, auf Verlangen des städtischen Wohnungsamtes Juden als Mieter oder Untermieter aufzunehmen, wenn Wohnungen oder Räume im Haus frei geworden waren. Umgekehrt verloren Juden als Mieter von Wohnungen oder Räumen in einem Haus, dessen Eigentümer Nichtjude war, jeglichen Kündigungsschutz. Das städtische Wohnungsamt konnte Juden auf der Grundlage dieses Gesetzes in eine frei gewordene Wohnung oder Teilwohnung in einem Haus mit jüdischem Eigentümer einweisen und die Miete für solche Wohnungen oder Räume festlegen. So wurden die Ackermanns als Eigentümer des Hauses, in dem wir damals wohnten, gezwungen, freigewordene Wohnungen an andere, vom Wohnungsamt benannte Juden zu vermieten und gleicherweise Juden als Untermieter in ihrer Wohnung aufzunehmen. Die Löwensteins und die Strauss wurden als Mieter ihrer Wohnung ebenfalls verpflichtet, auf Weisung des Wohnungsamtes Juden als Untermieter aufzunehmen. Auf diese Weise stieg die Zahl der jüdischen Bewohner bis zu den Deportationen im Sommer 1942 von zwei auf elf Personen, die in drei Wohnungen im Vorderhaus als Mieter und Untermieter lebten. Zwischenzeitig stieg und sank die Zahl der vom Wohnungsamt als Untermieter eingewiesenen Juden, weil jüdische Familien und Einzelpersonen nicht nur eingewiesen, sondern auch in andere „Judenhäuser“ umquartiert wurden. Das Hinterhaus blieb von diesen Veränderungen in der Belegung einzelner Wohnungen unberührt, weil keine der eingesessenen Familien Anlass hatte, die Wohnung zu wechseln. Gleichzeitig wurden Häuser mit jüdischem Eigentümer für die Zusammenlegung der Juden in Wiesbaden ausgewählt. Für das Stadtgebiet Wiesbaden wurden Anfang des Krieges über vierzig solche „Judenhäuser“ bestimmt, die nach dem Willen der Partei einer Quasi-Ghettoisierung der Wiesbadener Juden dienen sollten. Darunter auch das Haus in der Hermannstraße, in dem wir wohnten. Absicht war, „Arier“ und „Nichtarier“ zu trennen und die Kontrolle über die jüdische Bevölkerung und die künftige Verlegung in Judenreservate zu erleichtern. Den ursprünglichen Gedanken, den Juden innerhalb der deutschen Gemeinden geschlossene Gebiete zuzuweisen, also in Deutschland wieder Ghettos einzurichten, hatte man fallengelassen. Es blieb bei den Klein-Ghettos der „Judenhäuser“. Auch deren Einrichtung hat jüdische und nichtjüdische Bewohner in den meisten Fällen nicht völlig getrennt, weil Juden immer nur eingewiesen wurden, wenn Nichtjuden fortzogen und so eine Wohnung frei wurde. Nichtjuden konnten, ganz gleich, ob der Eigentümer des Hauses Jude oder Nichtjude war, vom Wohnungsamt nicht gezwungen werden, in eine andere Wohnung umzuziehen. Sie wurden erst im Krieg, nach den verheerenden Bombenangriffen, gezwungen, ausgebombte Untermieter in ihre Wohnungen aufzunehmen. Da Juden nurmehr Anspruch auf wenige Quadratmeter Wohnraum je Person zugestanden wurde, mussten die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss nach 1939 jeweils jüdische Untermieter aufnehmen, die freilich nicht lange blieben. In mehreren Fällen wurde damals allein das Vorder- oder Hinterhaus mit jüdischen Mietern und Untermietern belegt. So in der Ludwigstraße 3, in der alle Wohnungen des Hinterhauses mit jüdischen Familien und Einzelpersonen, Mietern und Untermietern, belegt war, mit Menschen, die allesamt am 10. Juni 1942 deportiert worden sind. Im Vorderhaus wohnten dort ausschließlich nichtjüdische Familien. Hier konnte man also, auf das Hinterhaus bezogen, von einem wirklichen „Judenhaus“ sprechen, von einem Haus, in dem ausschließlich Juden wohnten. Überdies mag es in Wiesbaden einige weitere, kleinere Häuser gegeben haben, in denen im Sommer 1942 ausschließlich Juden gewohnt haben. Das waren dann aber keine „Judenhäuser“ in der Bedeutung, dass dort vom Wohnungsamt Juden zwangsweise zusammengeführt worden wären. Oft sind vom jüdischen Eigentümer Verwandte aufgenommen worden, die ihre bisherige Wohnung verloren hatten und den Schutz und die Hilfe vertrauter Menschen suchten. Es ist also, von wenigen Ausnahmen abgesehen, bis zum Sommer 1942 nicht gelungen, in den für die Zusammenlegung der Juden in unserer Stadt ausgewählten Häusern die Mehrheit der Wohnungen mit jüdischen Familien und Einzelpersonen zu belegen, also die geplante Ghettoisierung zuwege zu bringen. Juden und Nichtjuden haben in den meisten Fällen bis zum schaurigen Ende zusammengelebt. Die Deportationslisten zeigen klar, dass die Wiesbadener Juden über die ganze Stadt verstreut gelebt haben. Der geringe Erfolg des Versuchs, die Wiesbadener Juden in wenigen Häusern zusamenzuführen und so unter Kontrolle zu bringen, erklärt sich ganz einfach daraus, dass das Wohnungsamt jüdische Familien und Einzelpersonen nur dann in freigewordene Wohnungen einweisen konnte, die bislang von Nichtjuden, von „Deutschblütigen“ bewohnt waren, wenn diese freiwillig auszogen. Dazu aber hatten die meisten nichtjüdischen Bewohner damals, im Krieg, keinen Grund. Die Familienväter waren als Soldaten im Feld, die Frauen waren dienstverpflichtet, ein Wohnungswechsel war wegen der strikten Bewirtschaftung aller Wohnungen schwer zu bewerkstelligen. Das Wohnungsamt konnte keinen nichtjüdischen Mieter zwingen, die Wohnung zu wechseln. Es war allenfalls möglich, ihm nichtjüdische Untermieter aufzunötigen, denn das Zusammenleben mit Juden galt nach Lesart der Partei als unzumutbar. In unserem Haus ist in den Kriegsjahren kein Nichtjude aus- oder eingezogen. Wechsel ergaben sich bis zu den Deportationen im Sommer 1942 allein bei den jüdischen Bewohnern des Vorderhauses. Und bei den Steins und Grabners, die im Herbst 1942 vom Hinterhaus in die von den Ackermanns und den Löwensteins verlassenen Wohnungen im Vorderhaus umgezogen sind und sich in deren Möbeln und mit deren Hausrat eingerichtet haben. III Eigentümerin des Hauses war Klara Schaffer, eine Textilkauffrau, Weißwarenhändlerin, wie sie ihren Beruf bezeichnete, eine Frau in mittleren Jahren, die im Vorderhaus wohnte. Dass die Vermieterin der Jüdischen Gemeinde angehörte, wussten wir aus dem vorangegangenen Gespräch über Miete und Mietbedingungen. Dabei hat sie uns auf unsere jüdischen Verwandten, die Löwenbergs, angesprochen, die sie kannte. Sie war eine kleine, schmale, unauffällige Person mit dunklen Augen und Haaren, eine Geschäftsfrau, die wenig von sich her machte. Einfache Kostüme, weiße Blusen, Pumps mit mittelhohen Absätzen, gescheitelte, dunkle Dauerwellen. Sie war polnische Jüdin, Mitte der zwanziger Jahren eingewandert und sprach immer noch mit leichtem, aber deutlichem polnischen Akzent. Aber das war schwer festzustellen, weil sie kaum mit den anderen Hausbewohnern sprach. Sie war selten auf der Straße zu sehen, obwohl dem in den ersten Jahren des Hitlerregimes nichts im Wege stand. Sie betrieb den Weißwarenhandel in ihrer Wohnung, und die Kunden gingen täglich ein und aus, bis ihr diese Tätigkeit von den Behörden untersagt wurde. Sie hatte als einzige im Haus ein Telefon. Jedenfalls solange Juden Telefone besitzen durften. Klara Schaffer - in ihrer Familie und bei ihren Freunden hieß sie Cilly - heiratete 1938 einen jüngeren Mann, Arthur Ackermann, ein durch das Berufsverbot des Hitlerregimes arbeitslos gewordener Angehöriger der Jüdischen Gemeinde, um die Jahrhundertwende in Holzhausen im Taunus als Spross einer jüdischen Familie geboren, die seit Generationen in Deutschland lebte. Das hat er jedenfalls meiner Mutter in einem gelegentlichen Gespräch erzählt. Aber über seinen Beruf hat er nicht gesprochen. Jetzt freilich war er arbeitslos. Auch für ihn galt, dass es keinen besonderen Grund gab, sich nach ihm umzusehen, wenn man ihm auf der Straße oder im Haus begegnete. Ich will damit sagen: Beide Ackermanns waren unauffällige und bescheidene Menschen. Ohne Dünkel den kleinen Leuten gegenüber, die ihre Mieter waren. Höflich, aber immer ein wenig reserviert, bedächtig, zögerlich. Ich habe sie in den wenigen Jahren, die ihnen bleiben würden, nie richtig lachen gesehen und gehört. Aber es war ja auch eine Zeit, in der Juden in Deutschland nichts zu lachen hatten. Und wer wusste schon, wie sie sich verhalten hätten, wenn sie damals ein normales Leben hätten führen dürfen. Und wie sie sich bei Freunden, bei vertrauten Menschen gaben. Ihr Kontakt zu den anderen Bewohnern des Hauses beschränkte sich damals, von gelegentlichem Treffen und Grüßen, von seltenen und im Lauf der Zeit immer selteneren kleinen Gesprächen auf der Straße, im Hausflur oder im Hof abgesehen, darauf, dass die Mieter oder eines ihrer Kinder einmal im Monat mit dem Mietbuch und dem Mietgeld in der Hand vorbeikamen und mit der Empfangsbestätigung im Mietbuch und freundlichen Grüßen versehen die Wohnung der Ackermanns wieder verließen. An Samstagen freilich, am Sabbat, waren solche Besuche nicht erwünscht. Später haben es einige Leute im Haus darauf angelegt, die Vermieter zu brüskieren, indem sie ihre Kinder am Samstag zu Ackermanns schickten, um die Miete zu zahlen. Ohne Erfolg, denn Ackermanns waren fromme Leute, und sie haben das angebotene Geld natürlich abgelehnt und auf einen anderen Tag verwiesen. Die Kinder im Haus trafen Herrn Ackermann, solange er seine Wohnung noch verließ, beinahe jeden Tag, wenn er nämlich, die Schirmmütze auf dem Kopf und meist in schottisch gemusterten Knickerbockers und Pullovern mit gewürfeltem Muster in den Hof kam und sie, durch seine dicken Brillengläser streng dreinblickend, in ruhigem, aber bestimmtem Ton aufforderte, bei ihren Spielen nicht so laut zu sein oder auf die Straße zu gehen, wenn sie unbedingt laut sein wollten. Darauf verzichtete er erst, als ihm einige Kinder „Jud, Jud, Jud“ entgegen riefen, wenn er auf dem Hof oder in der Toreinfahrt erschien. Die Eltern hatten das ihren Kindern offenbar nicht verboten. Oder sie haben nicht gewusst, was ihre Kinder treiben. Im November 1938 wurde eine Wohnung im Vorderhaus frei, in die Hermann und Selma Löwenstein und ihre Tochter Ilse einzogen. Im September 1939 zogen dann Liebmann und Karoline Strauss in eine kleine, im Vorderhaus freigewordene Wohnung ein. Beide Familien mussten ihre vorige Wohnung verlassen und in unser „Judenhaus“ umziehen. Nun lebten also schon drei jüdische Familien im Haus. Die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss mussten, wie bereits erwähnt, später weitere Juden in ihre Drei-Zimmer-Wohnungen aufnehmen. Alle diese jüdischen Bewohner des Hauses wurden 1942 in zwei Schüben deportiert. Klara und Arthur Ackermann, Hermann, Selma und Ilse Löwenstein und ihre Untermieter am 10. Juni 1942 nach Sobíbor in Polen, Liebmann und Karoline Strauss und ihre Untermieter am 1. September 1942 nach Theresienstadt. Sie sind alle umgebracht worden. Die einen in Sobíbor, die anderen in Theresienstadt und Auschwitz. IV Im Vorderhaus wohnten, als wir damals einzogen, wie überall in dieser Gegend, kleine Angestellte, Beamte und Pensionäre. Das waren neben den Hauseigentümern und den jüdischen Familien, die ich bereits genannt habe, nach meiner Erinnerung: Jakob Igstein, ein älterer Stadtangestellter; Anton Kleinwerk, Angestellter einer lokalen Bierbrauerei; Christian Jude, ein Bankangestellter, der ungeachtet seines Namens kein Jude war; Franz Kircher, ein Postbeamter, dessen Gesicht ich manchmal durch die kleine Schalterluke im nahen Postamt sah, wenn ich nach langem Schlangestehen Briefmarken oder Postkarten holte; Paul Maier, ein Pensionär, von dem ich weiter  nichts wusste, weil er selten zu sehen war; Wilhelm Meyer, der Schreinermeister, der seine Werkstatt anderswo hatte und Karl März, ein Kellner oder, wie sein Sohn Kurt betonte, Oberkellner, der in einem der feinen Restaurants im Kurviertel arbeitete. Zu diesen männlichen Bewohnern gehörten natürlich auch ihre Frauen und Kinder. Hinzu kamen weitere, wechselnde Mieter. Alles Leute, die, wie man heute sagen würde, der unteren Mittelschicht angehörten. Kleinbürger, die erkennbar darauf bedacht waren, nicht als Arbeiter wahrgenommen zu werden. Ich habe diese Menschen nur selten gesehen, weiß auch so gut wie garnichts von ihnen. Arbeiterfamilien lebten nicht im Vorder-, sondern im Hinterhaus. Sie konnten sich die höheren Vorderhausmieten nicht leisten. Acht Zwei-Zimmer-Wohnungen mit Küche und kleinem Flur, deren Toiletten sich nicht wie im Vorderhaus in den Wohnungen befanden, sondern um eine halbe Etage versetzt, außerhalb der Wohnungen. Außerdem, in der Mitte jedes Stockwerks, Ein-Zimmer-Wohnungen, deren Mieter die Toiletten ihrer Nachbarn mitbenutzen mussten. Damals wohnten nach meiner Erinnerung im Hinterhaus: Im Parterre Philipp Herz, der meinem Adoptivvater bald nach unserem Einzug bei einem Gespräch im Treppenhaus erzählte, dass er vor 1933 in der Kommunistischen Partei aktiv gewesen sei und jetzt, nach langer Arbeitslosigkeit, Arbeit als Kranführer gefunden habe. Philipp Herz ist später wegen kommunistischer  Umtriebe für Jahre im Zuchthaus gelandet und als schwerkranker Mann zurückgekehrt.  Im ersten Stock wohnte nun meine Familie. Das heißt: Mein Adoptivvater, ein Elektroingenieur um die dreißig, der damals in seinem Beruf keine Arbeit fand und ein bißchen Geld mit dem Vertrieb kleiner Radioapparate verdiente, die er aus gekauften Teilen zusammenbaute. Und natürlich meine Mutter, mein kleiner Bruder und ich. In der Wohnung gegenüber: Hermann Grabner, ein Maurer, um die vierzig Jahre alt, mit seiner Frau und seinen zwei Kindern Walter und Annemarie. In der kleinen Wohnung im gleichen Stock lebte Johanna Scharf, eine Hausangestellte um die dreißig. Sie hatte einen Sohn in meinem Alter, Roland Scharf. Sein leiblicher Vater war ein englischer Besatzungssoldat, der in seine Heimat zurückgekehrt war. Wiesbaden war nämlich, wie ich später in der Schule lernte, nach dem Versailler Vertrag als rechtsrheinischer Brückenkopf zunächst von englischen, dann von französischen Truppen besetzt, und ich erinnere mich, obwohl damals erst drei oder vier Jahre alt, genau an die kleinen Kolonnen nordafrikanischer französischer Soldaten, die täglich mit aufgepflanztem Bajonett durch die Stadt marschierten. Aber das war nun schon einige Jahre her, denn die Besetzung endete vorzeitig im Jahre 1930. Im zweiten Stock wohnte Kurt Stein mit seiner Frau und drei Kindern, der einzige Mann im Hinterhaus, der Mitglied der Partei und der SS geworden war. Mitunter polterte er in seinen hohen, glänzenden schwarzen Stiefeln und seiner schwarzen SS-Uniform die Treppe herunter oder hinauf. Ich kann nicht mehr sagen, welchem Beruf er nachging. Ebenfalls im zweiten Stock wohnte Josef Rheinheimer mit seiner Frau, ein kleiner, älterer, schnauzbärtiger Rentner, der oft mit seinem Handwagen in den Stadtwald fuhr und Brennholz sammelte. Der Handwagen, ein zweirädriges, hölzernes und wackeliges Gefährt, erlangte im Krieg allgemeine Wertschätzung im Hinterhaus, weil er den Frauen und Kindern unentbehrlich war, wenn es darum ging, Briketts, Kohlen, Brennholz oder Kartoffeln zur Einkellerung herbeizuschaffen. Im dritten, im Dachstock wohnte Paul Reusch mit seiner Frau, ein junger Arbeiter und im gleichen Stock Andreas Schwab mit Frau und drei Kindern, ein Kraftfahrer mit wechselnder Arbeitsstelle, wie er meiner Mutter bei einem Schwatz im Treppenhaus erzählte. Allesamt also Arbeiter mit ihren Familien. Außer Josef Rheinheimer und seiner Frau, die beide älter waren, durchweg Männer und Frauen zwischen dreißig und vierzig Jahren mit ihren zwei oder drei kleinen Kindern. Die Erwachsenen sind mir zwar allesamt noch deutlich vor Augen, aber es waren und blieben für mich fremde Menschen, mit denen ich selten mehr als ein Grußwort wechselte. Ich erinnere mich nicht, in den elf Jahren, während derer wir dort wohnten, je eine dieser fremden Wohnungen betreten zu haben. Weiter als bis zu den Türen oder in den Flur bin ich nie gelangt. Ihre Wohnungen werden wohl nicht viel anders ausgesehen haben als die unsere: Ein kleiner Flur, Wohnküche, Schlaf- und Wohnzimmer, wobei die Kinderbetten, wie ich von den Spielgefährten aus dem Haus erfuhr, teils im Elternschlafzimmer, teils im Wohnzimmer standen. Sehr beengt also lebten die Bewohner des Hinterhauses. Ein Hof mit den Mülltonnen, einer Teppichstange und einem kümmerlichen Rasenstück, auf dem eine Frauenfigur aus Gips stand, die ein kunstsinniger Mensch dort auf- oder abgestellt haben mag, trennte Vorder- und Hinterhaus. Zwischen beiden Gebäuden waren in allen Stockwerken Wäscheleinen gezogen, die teils den Vorder-, teils den Hinterhausmietern gehörten, und an der Wäsche auf der einen oder anderen Leine konnte man erkennen, wer gerade Waschtag hatte. Waschtag, das hieß für die Frauen, die keine Hausgehilfin hatten, also für fast alle, schwere Arbeit in der Waschküche im Kellergeschoß, die man über eine Treppe im Hof erreichte. Schwere Arbeit, weil der Waschkessel mit hergeschafftem Holz und Briketts geheizt, die Wäsche heruntergeschleppt, in der heißen, vom Waschmittel und Schmutz getrübten Brühe gerührt, auf dem Waschbrett geschrubbt und nass in schweren Körben über die steilen Treppen in die Wohnung getragen und auf die Leinen gehängt werden musste. Der Waschtag wurde erst nach dem Krieg abgeschafft, weil die meisten Bewohner nun eigene Waschmaschinen hatten. V Die Bewohner des Vorderhauses hatten ihren Kindern verboten, mit den Hinterhauskindern zu spielen. Wenn diese im Hof herumtobten, dann dauerte es nicht lange, bis aus einem der Fenster im Vorderhaus verärgert Ruhe befohlen wurde. Ansonsten sahen wir Hinterhauskinder die Frauen aus dem Vorderhaus, wenn sie den Musikanten, die damals Tag für Tag auf den Höfen mit oder ohne Akkordeon oder Violine geläufige Melodien sangen und spielten, einige Pfennigmünzen, in Zeitungspapier eingewickelt, herunterwarfen. Diese musikalische Art des Erwerbs wurde übrigens bald als Bettelei verboten. So wie Vieles, am Ende Alles verboten und bestraft wurde, was Hitlers Kumpanen nicht passte.  Die erwachsenen Bewohner des Hinterhauses sprachen einander mit Du an, die des Vorderhauses blieben beim Sie. Die Männer und Frauen des Hinterhauses machten, wenn sie sich im Hausflur oder auf dem Hof begegneten, zu einem Schwatz halt, sofern sie es nicht gerade eilig hatten oder nicht gut aufeinander zu sprechen waren. Auch das gab es, wenngleich selten. Die Frauen in ihren Schürzen oder Schürzenkleidern klopften oder klingelten gelegentlich abends beim Nachbarn mit der Bitte, ihnen mit einem Ei, etwas Salz oder Öl auszuhelfen, Dingen, die ihnen gerade fehlten und die sie natürlich am nächsten Tag ersetzten. Manchmal ging es auch darum, mit etwas Geld auszuhelfen. Ganz kleine Beträge natürlich. Bewohner des Vorderhauses kannten solche nachbarliche Hilfe nach meiner Erinnerung nicht. Sie waren finanziell bessergestellt und in ihren Wohnungen mit kleinen Vorratskammern und Eisschränken versehen, nicht darauf angewiesen, solche Bittgänge zu tun. Es hätte auch dem Ehrgefühl der meisten widersprochen. Sie haben einander gegrüßt und ein paar Worte gewechselt, wenn sie sich im Treppenhaus zufällig getroffen haben. Die im Hinterhaus lebten sozusagen von der Hand in den Mund. Wenn man von den Kartoffeln und Äpfeln, den Briketts, Kohlen und dem Brennholz, den eingelegten Gurken, Bohnen und dem Sauerkraut im Keller und von den Gläsern mit eingekochten Früchten, der Marmelade und den Gelees auf dem Küchen- und Kleiderschrank absieht, Vorräten, die einige, nicht alle Bewohner des Hinterhauses Jahr für Jahr anlegten. Auch meine Mutter. Diese für den Winter bestimmten Bestände wurden im Sommer und Herbst angeschafft, und darin war deutlich, dass die Eltern und Großeltern dieser Menschen noch auf dem Land gelebt hatten. Freilich waren diese Brennstoffe und Lebensmittel im Sommer und im Herbst auch viel billiger als im Winter. Neue Kleider und Schuhe für Erwachsene und Kinder ebenso wie alle anderen Dinge, die langlebig und teuer waren, Möbel, Nähmaschinen, Gasherde oder Fahrräder zum Beispiel, wurden im allgemeinen nur dann angeschafft, wenn die schmale Kasse, durch eisernes Sparen aufgefüllt, es erlaubte. Oft lagen die neuen Kleider, Strümpfe oder Schuhe als Gabe unter dem Weihnachtsbaum. Anders als beim Kaufmann an der Ecke, der geschuldete Beträge auf Bitte auch bis zum nächsten Samstag, an dem die Wochenlöhne meist ausgezahlt wurden, stundete, wenn er die Kunden kannte, war es in jenen Jahren bei Arbeitern noch nicht üblich, Dinge des täglichen oder gelegentlichen Bedarfs auf Pump zu kaufen, wie das damals hieß. Dem stand schon entgegen, dass sie von einer Woche zur nächsten ihre Arbeit verlieren und darum bei den Geschäftsleuten kaum Kredit erwarten konnten. Das gab ambulanten Händlern, die von Wohnungstür zu Wohnungstür zogen, Gelegenheit, ein Radio, ein Grammophon oder einen Staubsauger auf Raten zu verkaufen und die fälligen Beträge samstags oder sonntags zu kassieren, wenn die Arbeiter ihren Wochenlohn erhalten hatten. Aber das waren, wie gesagt, seltene Fälle. Mein Adoptivvater hat auf diese Weise ein für die damalige Zeit sehr teures Radiogerät erworben, und der Verkäufer, ein polnischer Jude, er hieß Krasnabowsky, kam jede Woche vorbei, um die vereinbarte Rate von 50 Pfennig zu kassieren. 50 Pfennig, das war der Stundenlohn eines Arbeiters. Wenn er gut verdiente. Herr Krasnabowsky blieb auch dann freundlich, wenn mein Adoptivvater gelegentlich gestehen musste, dass er die fällige Rate nicht zahlen konnte. Das kam vor, wenn mein Adoptivvater seine selbstgebastelten Radios einmal nicht an den Mann bringen konnte. Macht nichts, sagte Herr Krasnabowsky dann in seinem von jiddischen Einsprengseln verfremdeten Deutsch. Das teure Radio wurde übrigens nie vollständig bezahlt, weil Herr Krasnabowsky plötzlich nicht mehr erschien. Es hieß, er sei nach Polen ausgewiesen worden. Er war also wohl einer jener polnischen Juden, die in den Hitlerjahren nach Polen zurückkehren mussten. Lange, bevor Hunderttausende in die Todesfabriken im „Osten“ verfrachtet wurden. Auch Klara Schaffer, die Eigentümerin unseres Hauses, hätte damals nach Polen zurückkehren müssen, wenn sie nicht kurz vor dieser Aktion durch die Heirat mit Arthur Ackermann, einem deutschen Juden, die - durch die „Nürnberger Gesetze“ eingeschränkte - deutsche Staatsbürgerschaft erworben hätte. Das war eine Staatsbürgerschaft zweiter Klasse, die Juden das Wahlrecht und alle anderen bürgerlichen Rechte genommen hat. Die nichtjüdischen Deutschen - damals Deutschblütige genannt - besaßen als „Reichsbürger“ alle staatsbürgerlichen Rechte im überkommenen Sinn. Freilich nur auf dem Papier, weil das Wahlrecht keine Rolle spielt, wenn es keine konkurrierenden Parteien und keine Wahlen gibt. In den Hitlerjahren gab es nurmehr gelegentliche „Wahlen“, bei denen die Deutschen ankreuzen konnten, dass sie für bestimmte Entscheidungen Hitlers waren. Das Ergebnis lag dann immer nahe bei 100%. VI Die Männer gingen morgens, die Arbeiter im Hinterhaus in ihren Blaumännern, mit Schildmütze und Henkelmann früher, die Angestellten und Beamten im Vorderhaus in Anzug, Krawatte, Hut und mit Aktentasche später zur Arbeit, die größeren Kinder zum Kindergarten und zur Schule. Die Frauen im Vorderhaus wandten sich der Betreuung der kleineren Kinder, der Hausarbeit, dem Einkauf, dem Lesen der Lokalzeitung oder von Fortsetzungsromanen, Näharbeiten oder Besuchen bei Verwandten und Bekannten zu. Keine von ihnen war berufstätig, auch dann nicht, wenn sie in jüngeren Jahren eine Berufsausbildung erfahren haben mochte. Auch im Hinterhaus, bei den Arbeiterfamilien, galt im Grunde als Vorbild und Wunschbild, dass eine verheiratete Frau mit Kindern nicht berufstätig ist. Das konnte man leicht den Gesprächen entnehmen, die Männer und Frauen im Haus führten. Allerdings verfügten die Arbeiterfrauen in aller Regel über keinerlei berufliche Ausbildung. Sie hätten, nicht anders als ihre Männer, allenfalls als ungelernte Kräfte Arbeit gefunden. Die Frauen der Hilfsarbeiter und Arbeitslosen im Haus freilich mussten, vor allem wenn sie Kinder hatten, stundenweise als Putzhilfen in besser gestellten Haushalten, in Büros oder Läden arbeiten, wenn sie das Einkommen der Familie aufbessern wollten. Solche Zuverdienste waren auch darum zweckmäßig, weil die Männer jederzeit von Arbeitslosigkeit bedroht waren und weil die staatliche Arbeitslosenhilfe nicht einmal das schiere Existenzminimum deckte. Es waren freilich nicht alle Männer im Haus im gleichen Maß von dem Risiko betroffen, arbeitslos zu werden. Das hing einfach davon ab, ob die Arbeitgeber genug Aufträge hatten.  Einen Kündigungsschutz gab es damals nicht. Im Vorder- und Hinterhaus galten, ungeachtet der geringen Unterschiede in Bildung, Einkommen und Besitz, kleine, aber allen bewusste Rangunterschiede, die im Dünkel der besser und im Neid und in der Missgunst der schlechter Gestellten ihren verborgenen oder auch offenen Ausdruck fanden. In der Vorstellung der Beteiligten waren diese Unterschiede, hatte ich damals den Eindruck, umso gewichtiger, je kleiner sie tatsächlich waren. Kleine Leute vergleichen sich ja normalhin nicht mit höhergestellten Familien, sondern mit Nachbarn und anderen Bekannten aus der gleichen sozialen Schicht. Der Konsumwettlauf der Nachkriegszeit, dieses ständige einander Übertreffenwollen beim Besitz und Vorzeigen aufwändiger Dinge, war in den ersten Jahren des Hitlerregimes allenfalls im Ansatz bemerkbar, weil seine wirtschaftliche Grundlage, das stetige Wachstum der verfügbaren Einkommen, für den Einzelnen damals gar nicht spürbar war. Allen späteren Mythen über den Wohlstand, den Hitler in wenigen Jahren herbeigezaubert habe, zuwider. Allenfalls die steigende Beschäftigung - nach drei Jahren Hitlerregime war die Vollbeschäftigung zumindest auf dem Papier wieder erreicht, wie man damals überall und immerzu hören konnte - erhöhten die Kaufkraft der einfachen Leute. Wie wir heute wissen, war die Vollbeschäftigung nicht dem Bau der Autobahnen, “Hitlers Straßen”, sondern der massiven Aufrüstung und der mit ihr wachsenden Staatsverschuldung zu verdanken. Strikte Lohn- und Preiskontrollen dagegen hielten die realen Löhne der einzelnen Arbeiter während der gesamten Hitlerzeit mehr oder minder konstant, wenn man vom letzten Kriegsjahr absieht, als es mit dem festgeschriebenen Lohneinkommen so gut wie gar nichts mehr zu kaufen gab. Die Menschen mussten ungefragt einen wachsenden Teil ihrer Einkommen sparen. Das Geld wurde für die rasche Aufrüstung des Landes, später für die Finanzierung des Krieges verwendet. Das spürten die einfachen Leute, weil sie leicht abschätzen konnten, was und wie viel sie und ihre Nachbarn mit ihren geringen Einkünften kaufen konnten. Zunächst aber hatten alle Arbeit gefunden, die das wollten. Und das war nach den Jahren der großen Depression viel. Kein anderes Industrieland konnte vor dem Krieg einen solchen Aufschwung vorweisen. Freilich mussten die anderen Länder ringsum wirtschaftliche Verbesserungen auch nicht mit der Preisgabe aller politischen Rechte ihrer Bürger bezahlen. Ich sehe noch die vielen Arbeitslosen, die Anfang der dreißiger Jahre auf dem Faulbrunnenplatz und rund um das gegenüberliegende Arbeitsamt in Gruppen beisammenstanden, mit ihren Schiebermützen, in Arbeiterhosen und gestreiften Pullovern, die selbstgedrehten Zigaretten im Mundwinkel, eine weitere Zigarette hinter dem Ohr. Sie kamen vom Arbeitsamt, wo sie wöchentlich erscheinen mussten. Der Stempel, der ihnen von den Beamten in ihr Arbeitsbuch gedrückt wurde, berechtigte zum Bezug des kargen und befristeten Arbeitslosengeldes. Von daher die Aussage, dass jemand „stempeln“ ging. Hunderte waren es in meiner Erinnerung, die da jeden Tag herumstanden und miteinander schwatzten. Nun, Mitte der dreißiger Jahre, gab es diese Ansammlung von Arbeitslosen nicht mehr. Solche „Zusammenrottungen“ auf öffentlichen Plätzen waren überdies längst verboten. Die Straßen und Plätze der Stadt wurden stattdessen am Wochenende von den braunen Kolonnen Hitlers beherrscht. Es fand sich immer ein Anlass, die diversen Parteiformationen mit Fahnen, Wimpeln und Marschmusik durch die Innenstadt marschieren zu lassen. Vorübergehende mussten die Fahnen und Standarten dieser Truppen mit erhobenem Arm grüßen. Viel Publikum fanden diese Kolonnen nach meiner Erinnerung freilich nicht. Diese Aufzüge von SA, SS und Hitlerjugend waren, von heute her betrachtet, lächerliche Prozessionen. Niemand, kein Zivilist, würde heutzutage auf den Gedanken kommen, sich freiwillig in solche, dem Militär abgeguckten strammen Marschkolonnen einzureihen. Aber auch damals haben viele Menschen nur zähneknirschend bei solchen Umzügen mitgemacht, zu denen sie befohlen wurden. Zum Beispiel am 1. Mai, den das Hitlerregime zum gesetzlichen Feiertag, zum „Tag der nationalen Arbeit“, erklärte. Das hatten die Gewerkschaften nie erreicht. VII Freundschaftliche Beziehungen unter Nachbarn gab es in unserem Haus nach meiner Erinnerung nicht. Man grüßte einander, blieb ab und an zu einem kleinen Schwatz im Treppenhaus oder im Hof beisammen stehen oder nahm für den Nachbarn Briefe und Päckchen an, die der Postbote in dessen Abwesenheit brachte. Erst im Krieg, als so gut wie alle Männer des Hauses zum Wehrdienst einberufen und Frauen und Kinder unter sich waren, rückten die Frauen ein wenig zusammen, redeten darüber, wo und wann es dies oder das zu kaufen gab und was sie von ihren Männern, später auch von ihren älteren Söhnen gehört hatten, die in Russland, Frankreich oder sonstwo in Europa als Soldaten Dienst taten. Im Fortgang des Krieges blieb freilich immer weniger Zeit für solche Gespräche im Treppenhaus, im Hof oder auf der Straße, weil die Frauen, wenn sie keine kleinen Kinder hatten, zur Fabrikarbeit verpflichtet wurden und tagsüber nicht im Haus waren. Eine Art Hausgemeinschaft stellte sich erst im Krieg ein, als die Frauen und Kinder bei Fliegeralarmen dicht gedrängt im Luftschutzkeller beisammen saßen und die neuesten Gerüchte austauschten. Juden war der Aufenthalt im Luftschutzkeller verboten. Sie mussten in ihren Wohnungen bleiben. Als die großen Luftangriffe begannen, gab es freilich in unserem Haus keine Juden mehr. Die Deportationen im Sommer 1942 hatten sämtliche jüdischen Familien im Haus gewaltsam vertrieben. Das Haus war nach den Deportationen judenfrei, wie Hitlers Schergen das nannten. Im Erdgeschoß des Vorderhauses wohnte Jakob Igstein, ein älterer Angestellter der Stadtverwaltung, den die Partei zum Hauswart, später auch zum Blockleiter ernannt hatte. Er war Witwer. Als Hauswart war er, wie der Name sagt, der für ein Haus, als Blockleiter der für einen ganzen Straßenzug oder Häuserblock zuständige Vertreter der Partei. Später wurden diese Leute Zellenleiter genannt. Solche Helfer gab es damals in allen Stadtteilen. Sie waren der verlängerte Arm der Partei. Oder vielleicht sollte man sagen: Das verlängerte Ohr. Es war Igsteins Aufgabe, Propagandaschriften der Partei und Freiexemplare der parteieigenen Lokalzeitung und des „Stürmer“, eines antijüdischen Hetzblattes, zu verteilen, aktuelle Ereignisse im Sinn der Parteilinie zu erläutern, für das Winterhilfswerk und den Eintopfsonntag zu sammeln, Beiträge zu kassieren und, wie er gelegentlich stolz erzählte, den Parteistellen über die Stimmungen und Meinungen der Hausbewohner zu berichten. Später wurde er auch Luftschutzwart, und in dieser Funktion kontrollierte er die Dachböden und die bereits Mitte der dreißiger Jahre hergerichteten Luftschutzkeller im Vorder- und Hinterhaus. Er verteilte Gasmasken, und er veranstaltete mit den Hausbewohnern Luftschutzübungen. Im Krieg war er für die Einhaltung der Verdunkelung der Fenster und für die Bereitstellung der Löschmittel verantwortlich. Immer trug er dabei seinen Luftschutzhelm, als ob es bereits gälte, sich gegen Granaten- und Bombensplitter zu schützen. Für uns Kinder war dieser kleine Mann mit seinem albernen Schnauzbart eine eher lächerliche Figur. Nicht dieser Tätigkeiten wegen, sondern in seiner Rolle als Handlanger und Horchposten der Partei war er bei vielen Bewohnern des Hauses unbeliebt. Die meisten versuchten gleichwohl, sich gut mit ihm zu stellen. Nicht so meine Mutter. Sie beließ es beim distanzierten Grüßen. Als Igstein sie eines Tages in meiner Gegenwart wegen der häufigen Besuche von Juden, damit meinte er unsere Verwandten, meine Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, zur Rede stellte und sie darauf hinwies, dass der Umgang von Ariern mit Juden von der Partei nicht gerne gesehen werde, erwiderte meine Mutter ruhig, dass niemand ihr verbieten könne, nahe Verwandte als Besucher aufzunehmen. Sie kenne kein Gesetz, das ihr diese Selbstverständlichkeit untersagen würde. Igstein hat meine Mutter in dieser Sache nie wieder angesprochen, aber sie war sicher, dass er das Gespräch seinen Kontaktpersonen in der Partei gemeldet hat. Ohnehin wurde gemunkelt, dass er Denunzianten bereitwillig zugehört und Gesagtes wie Vermutetes weitergetragen habe. Die Verhaftung von Philipp Herz, dem Kranführer aus dem Hinterhaus, der nach unbedachten Äußerungen über das Hitlerregime für Jahre im Zuchthaus verschwand und als gebrochener Mann zurückkehrte, wurde einer Anzeige von Herrn Igstein zugeschrieben, und darum hüteten sich alle vor ihm, die dem Regime mit Vorbehalten gegenüberstanden oder sich einfach aus Allem heraushalten wollten. Jüdische Kinder gab es im Haus in all den Jahren nicht, wenn man von meinen Cousinen Ilse und Helga absieht, die gelegentlich allein oder mit ihren Müttern bei uns zu Besuch waren und dann im Hof oder auf der Straße mit den anderen Kindern spielten. Damals, in den ersten Jahren des Hitlerregimes, war das noch ohne Schwierigkeiten möglich. Ilse und Helga Löwenberg, zwei gutaussehende und gutgekleidete Mädchen, waren zwar, im damaligen Jargon ausgedrückt, Halbjüdinnen, aber das war natürlich nicht erkennbar und spielte darum keine Rolle. Sie malten kreuzförmig angeordnete Hickelfelder auf den Asphalt des Trottoirs und hüpften von einem Feld auf das nächste um die Wette, teils auf einem Bein, teils auf beiden. Dafür gab es, wie für jedes Spiel, feste Regeln. Oder sie spielten mit Murmeln, den kleinen, aus Ton gebrannten und den großen aus gefärbtem Glas. Eine Art Kleinstgolf, das mit Fingerknipsen gespielt wurde. Später haben die Jungen kleine Mannschaften gebildet und Fußball gespielt, während die Mädchen Bälle gegen die Hauswand warfen und auffingen oder sich im Seilspringen übten, bis einige von uns Fahrräder hatten und die Kinderspiele aufgaben. Aber das waren beileibe nicht alle. Ich gehörte zu den Glücklichen und sah als Zehnjähriger ein Jugendfahrrad neben dem Weihnachtsbaum stehen. Das Fahrrad war für die Arbeiter damals ungefähr das, was heute das Auto ist. Selten, dass ein Arbeiter damals auch nur ein Motorrad besaß. Und keiner in unserem Haus hat die Raten zum späteren Erwerb eines Volkswagens eingezahlt. Er hätte ihn auch nie bekommen. Dieses Auto kam erst nach dem Krieg auf den zivilen Markt.  Die Erwachsenen im Hause machten, gerade wenn sie Hitler, vor allem wegen seiner in den Zeitungen, in den Illustrierten, im Kino und im Radio immer wieder geschilderten Erfolge in den ersten Jahren seiner Herrschaft als den großen fernen Führer verehrten, also in der Zeit bis 1942, allenfalls 1943, einen Unterschied zwischen ihm und den aufgeblasenen Parteibonzen, die als Hauswarte, als Zellen-, Ortsgruppen-, Kreis- oder Gauleiter gestanzte Reden hielten und darum von den einfachen Leuten, wenn keine Fremden in der Nähe waren, als Goldfasane verspottet wurden. So jovial sich der Ortsgruppen-, Kreis- oder Gauleiter auch geben mochte, respektiert wurden diese Parteifunktionäre jedenfalls in meiner Umgebung von niemandem. Wieso auch: Die unteren Parteifunktionäre waren in ihrer Mehrheit Einzelhändler, Handwerker und kleine Geschäftsleute, Mittelständler also, denen es normalerweise nicht gegeben war, ihre Zuhörer durch wohlgesetzte Worte zu faszinieren. Sie sprachen eine Art gestelzten hiesigen Dialekt. Sie hatten in ihren Rednerkursen nur gelernt, Plattitüden von sich zu geben. Ungeachtet der mit den innen- und außenpolitischen Erfolgen des Regimes wachsenden Popularität Hitlers auch bei den kleinen Leuten, kursierten bei uns Kindern ständig neue respektlose, aber auch geschmacklose Witze über Hitler, Göring und Goebbels. Unsere Witze und Witzeleien waren natürlich nicht mehr als ein harmloses Löcken wider den Stachel, wie kleine Leute sich allzeit und überall gegen die Obrigkeit wehren, ohne dass sie die geltende Ordnung ernstlich in Frage stellen. Gleichwohl: Einem Erwachsenen, der den falschen Leuten damals solche Witze erzählt hätte, wäre das nicht gut bekommen. Das Hitlerregime ließ von Anfang an nur sehr engen Raum für kritische Äußerungen. Ein falsches Wort bei den falschen Leuten. Das hat einen schnell ins Gefängnis oder als „Schutzhäftling“ ins Konzentrationslager gebracht. Parteiabzeichen, die am Revers getragen wurden, zeigten während der gesamten Hitlerzeit nach meiner Erinnerung nur einige Angestellte und Beamte, die im Vorderhaus wohnten. Ich kann mich nicht erinnern, bei den Bewohnern des Hinterhauses, Herrn Stein ausgenommen, der früh Mitglied der Partei und der SS geworden war, je ein Parteiabzeichen gesehen zu haben. Sie waren vor 1933 Mitglieder oder wenigstens Anhänger und Wähler der linken Parteien, und das gestanden sie, wenn befragt, freimütig, ganz gleich, ob sie sich später von den zeitweiligen Erfolgen Hitlers beeindruckt zeigten oder nicht. Ich habe auch niemals einen Bewohner des Hinterhauses den „Deutschen Gruß“ aussprechen, also „Heil Hitler“ sagen hören. Geschweige denn, dass jemand im Alltag den Arm zum Hitlergruß erhoben hätte. Diese Arbeiter und ihre Familien blieben, auch Fremden gegenüber, bis zum Ende der Nazizeit beim Guten Morgen, Guten Tag und Guten Abend. Allenfalls gegenüber Amts- und Respektspersonen, die das verlangten, mögen sie „Heil Hitler“ gesagt oder diesen Gruß auf gleiche Weise erwidert haben. Auch die nichtjüdischen Bewohner des Vorderhauses, Parteigenossen oder nicht, grüßten einander nach überkommener Weise. In unserem Haus jedenfalls, in den Läden und Gaststätten unserer Gegend ist niemand mit „Heil Hitler“ hereingekommen oder hinausgegangen - außer den wenigen echten Parteiaktivisten oder jemand in SA- oder SS-Uniform. Aber daraus war natürlich nicht zu schließen, dass die Menschen, die bei den überkommenen Grußformen blieben, Gegner der Nazipartei waren. Davon konnte gewiss keine Rede sein. Das Versprechen, dass jeder nach Maßgabe seiner Fähigkeiten und nicht nach seiner Herkunft einen Platz in der Volksgemeinschaft einnehmen werde, dass, im Jargon der Partei ausgedrückt, die Arbeit der Faust und die der Stirn im neuen Staat den gleichen Rang besitze, dass dem Tüchtigen im Dritten Reich alle Türen offen stünden, machten auf uns Hinterhauskinder großen Eindruck. Wir glaubten an die verhießene Volksgemeinschaft, ohne indessen genaue Vorstellungen davon zu haben, was dieses Wort meinte. Der im Namen der Partei verankerte Sozialismus und damit auch die ständig ausposaunte Volksgemeinschaft blieb immer eine nebelhafte Sache. Das sei, erklärten meine Mutter und Walter Löwenberg damals, ein Programmpunkt, den Hitler bei den linken Parteien abgeschrieben habe, um die Arbeiter für seine Partei zu gewinnen. Wie immer: Viele junge Arbeiter und Arbeiterkinder haben es als Versprechen auf Chancengleichheit verstanden. In der Tat hat sich das Regime einiges einfallen lassen, was der überkommenen sozialen Schichtung entgegenwirkte. Ohne sie freilich aufzuheben. Große Urlaubsschiffe wie die „Wilhelm Gustloff“ oder die „Robert Ley“ waren die spektakulärsten Beispiele für den kommenden Massentourismus, dessen Anfänge Hitler und seine Gesellen gefördert haben. Begünstigt waren freilich vorderhand Parteifunktionäre. Die Massenmotorisierung sollte mit dem Volkswagen und den Autobahnen folgen. Der Volksempfänger, das auf Goebbels‘ Order entwickelte billige Einheitsradio der Deutschen, war bereits am Anfang der Hitlerzeit in Millionen Exemplaren als Propaganda-Mittler in den Haushalten verbreitet worden. Besonders begabte und zugleich regimeverbundene Schüler konnten damals unabhängig von ihrer Herkunft in die Adolf-Hitler-Schulen oder in die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (Napola) aufgenommen werden, Eliteschulen des Nazisystems, die ihren Zöglingen den Zugang zu Abitur und Studium öffneten. Die Absolventen sollten später in politische Führungspositionen einrücken. Das hat freilich der verlorene Krieg verhindert. VIII Nach Hitler geriet die Worthülse der Volksgemeinschaft schnell in Vergessenheit. Aber Massenmotorisierung und Massentourismus kamen mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegsjahre schnell in Gang. Nicht nur in Deutschland, sondern in allen westlichen Industriestaaten. Die USA waren dabei weit voraus. Dafür hätte es Hitlers und seiner Kumpane also gar nicht bedurft. Immer noch gilt indessen, dass vergleichsweise wenige Arbeiterkinder den Weg in die Gymnasien und Universitäten schaffen. Das war freilich, allen gegenteiligen Beteuerungen zuwider, auch unter Hitler nicht anders. Man darf aber annehmen, dass Hitler und seine Partei das geändert hätten, wenn ihnen die Zeit geblieben wäre. Viele Jungen und Mädchen aus dem Arbeitermilieu wurden nach 1933 Mitglieder der Jugendorganisationen der Nazipartei für Zehn- bis Vierzehnjährige, dem Deutschen Jungvolk und dem Jungmädelbund. Außer mir auch die anderen Jungen aus unserem Haus: Roland Scharf, Helmut Schwab, Fredy Stein und Kurt Matz. Die Mädchen im Hause, Ilse Schwab und Annemie Grabner, wurden Mitglieder des Jungmädelbundes. Mit vierzehn Jahren wurden die Jungen Mitglieder der Hitlerjugend, und die Mädchen wurden in den Bund Deutscher Mädel aufgenommen. Die Mitgliedschaft in diesen Organisationen wurde nach wenigen Jahren gesetzliche Pflicht. Natürlich nur für arische und nicht für jüdische Jugendliche. Die gewohnten sozialen Unterschiede, die doch nicht mehr gelten sollten, fanden sich allerdings im quasi-militärischen Aufbau und in den absurden Ritualen dieser Jugendorganisationen alsbald wieder, weil die kleinen und großen Anführer meist aus dem mittelständischen und die einfachen Pimpfe und Jungmädel aus dem Arbeitermilieu stammten. Von den Jungen aus unserem Haus jedenfalls ist nur einer, Kurt Matz, im Jungvolk zu bescheidenen Ehren gekommen. Natürlich einer aus dem Vorderhaus. Die Knaben aus dem Hinterhaus, die zunächst begeistert bei den Geländespielen, den Zeltlagern und Lagerfeuern mitgemacht hatten, verloren den Spaß am Jungvolk schnell, als das stupide Marschieren und Exerzieren in Schulhöfen samt dem Absingen der immer gleichen Lieder an die Stelle der Pfadfinderspiele traten, die als Abenteuer erlebt worden waren. Nicht umsonst wurde nach wenigen Jahren die Mitgliedschaft in den Jugendorganisationen der Partei zur gesetzlichen Pflicht. Ich will damit keineswegs sagen, dass die von mir bei einigen Jungen in unserem Haus und bei meinen Schulfreunden beobachtete innere Abkehr vom Jungvolkbetrieb mit einer Ablehnung des Hitlerregimes einherging. Das war nicht so. Das geschlossene Netz der politischen Indoktrination durch die Schule, die Zeitungen, das Radio, die Wochenschauen und Filme, Medien allesamt, die Hitler recht bald nach dem Beginn seiner Herrschaft zum Heilsbringer verklärten, war viel zu eng und viel zu schlau geknotet, sodass auch elterlicher Widerstand, wo es ihn gab, oft wenig auszurichten vermochte. Vereinfacht gesagt, waren die im Alltag, in der Schule und in den Betrieben erlebten Züge des Hitlerregimes bei Jungen wie Alten eher unbeliebt, während die ferne Figur Hitlers von Vielen verklärt wurde. Das war jedenfalls meine Erfahrung. Allenfalls Hermann Göring, der Joviale und Beleibte, konnte da noch Punkte sammeln. Nur nüchterne und kluge Beobachter haben damals erkannt, dass die meisten Paladine des Nazisystems Außenseiter waren, die in normalen Zeiten kaum Chancen gehabt hätten, auf der Erfolgsleiter des bürgerlichen Lebens hohe Sprossen zu erklimmen. Göring freilich entstammte, anders als Hitler, Goebbels, Himmler und die meisten anderen Parteipaladine, einer wohlhabenden Familie. Und sein Ruhm als erfolgreicher Jagdflieger des Weltkriegs und letzter Kommodore des Jagdgeschwaders „Von Richthofen“ hätte ihm sicherlich auch ohne Hitler viele Türen geöffnet. Und womöglich wäre Goebbels ohne Hitler ein guter Journalist oder der Chefredner einer demokratischen Partei geworden. Denn seine politische Karriere war ihm gewiss nicht in die Wiege gelegt. Auch nach dem Ende der Hitlerjahre haben ihn manche Zeitgenossen als Genie der politischen Propaganda gesehen. Vielleicht war ihm darin aber Hitler in seinen besseren Jahren doch überlegen. Jedenfalls hat er lange Zeit mehr Menschen in seinen Bann gezogen als jeder andere aus seiner Gefolge. Ich bin damals nicht mehr zu den Jungvolktreffen gegangen, weil mich ihre absurden Rituale, das Hin- und Hermarschieren auf Kommando, das Tragen und Grüßen von Fahnen und Wimpeln, das Absingen der Marschlieder mit ihren schwachsinnigen Texten immer mehr gelangweilt haben. Das galt nicht nur für mich, sondern auch für Roland Scharf und Helmut Schwab, zwei andere Jungen aus unserem Haus. Fredy Stein dagegen, Sohn des einzigen Parteimitglieds im Hinterhaus, eines SS-Mannes überdies, und Kurt Matz aus dem Vorderhaus, dessen Vater ebenfalls Parteigenosse war, blieben weiterhin aktive Mitglieder des Jungvolks, und sie wurden später Mitglied der Hitlerjugend, der Parteiorganisation für Fünfzehn- bis Achtzehnjährige. Wir anderen gingen nicht mehr zu den wöchentlichen Jungvolktreffen. Wir haben lieber Fußball gespielt. Wie gesagt: Pflicht war es damals noch nicht, Mitglied der Jugendorganisationen der Partei zu sein, aber in der Schule wurde durchaus erwartet, dass man mittat und an bestimmten Tagen in der Uniform des Jungvolks, also mit kurzen schwarzen Cordhosen, Braunhemd, schwarzem Halstuch mit Lederknoten, Koppel und Schulterriemen erschien. Da mir meine Mutter zwar Hosen, Hemd und Halstuch nähen, nicht aber Koppel und Schulterriemen kaufen konnte, weil Ledersachen und Uniformbeschläge sehr teuer waren, erhielt ich das braune Koppel und den Schulterriemen, beide auf schwarz umgefärbt, die Walter Löwenberg vor 1933 bei kommunistischen Aufmärschen getragen hatte und die er nun nicht mehr brauchte. Wenige Monate nach dem Beginn des Hitlerregimes war er von einem Frankfurter Sondergericht wegen hochverräterischer Aktivitäten - er hatte gewagt, kommunistische Flugblätter zu verteilen, mehr nicht - für eineinhalb Jahre im Gefängnis und hatte danach keine Verwendung mehr für diese Uniformteile, denn die kommunistische Partei war längst verboten. Ich war nicht glücklich mit meiner zusammengestückelten Uniform, weil der Gürtel und der Schulterriemen schlecht gefärbt waren und die Schnallen und Karabinerhaken nicht den Vorgaben des Jungvolks entsprachen. Darüber machte sich der Fähnleinführer, als er einmal die Uniformen seiner Untergebenen kontrollierte, lustig. Er wusste gottlob nicht, dass ich zusammengestückelte kommunistische Uniformteile trug. Trotzdem: Dieses Erlebnis war ein weiterer Grund, dem Jungvolk den Rücken zu kehren. Damals grassierte in Deutschland der Uniformwahn. Nicht nur Polizisten, Briefträger, Bahnschaffner, Feuerwehrleute, Sanitäter und Soldaten versahen ihren Dienst in Uniform, sondern die vielen Ableger der Nazipartei hatten jeweils eigene Uniformen, denen nur eines gemeinsam war, nämlich das Hakenkreuz am Ärmel, auf dem Kragen, an der Brust oder an den Mützen. Die braunen Uniformen der Parteimitglieder, der SA, die schwarzen Uniformen der SS und mancherlei andere Uniformen, die ich gar nicht mehr alle in Erinnerung habe. Das Hitlerregime hat Autofahrer, Reiter, Jäger und viele anderen Gruppen in reichsweiten Verbänden organisiert und mit eigenen Uniformen versehen. Dazu kamen immer häufiger die Uniformen der Wehrmachtsteile, des Heeres, der Marine und der Luftwaffe. Die Deutschen waren ein Volk von Uniformträgern und Marschierern geworden. Die Juden in Deutschland durften natürlich keine dieser Uniformen tragen und auch nicht in den Kolonnen mitmarschieren. Sie wurden wie die gefangenen Gegner des Hitlerregimes erst in den Konzentrationslagern, soweit sie als Arbeitsjuden ausgesondert und nicht gleich ermordet wurden, mit gestreiften Jacken und Hosen uniformiert, und an den Stoffwinkeln auf ihren Jacken konnte man erkennen, welcher Gruppe von Häftlingen sie angehörten. Walter Löwenberg zum Beispiel trug im Konzentrationslager Dachau einen rot-gelben Judenstern, zwei gegeneinander vernähte Dreiecke, der ihn als einen Juden kennzeichnete, der als politischer Häftling in das Lager eingewiesen worden war. Andere „Schutzhäftlinge“ waren als Berufsverbrecher, Emigranten, Bibelforscher, Homosexuelle oder Asoziale markiert. Das war ihr Uniform samt Rangabzeichen im Konzentrationslager. IX Als wir in die Hermannstraße zogen, war ich acht Jahre alt und Schüler der zweiten Klasse in der Volksschule. Vier Jahre lang gingen die Kinder jeglicher Herkunft, wenn sie keine Privatschulen besuchten, damals in diese Schule. Dann trennten sich die Schulwege der Gleichaltrigen. Die Arbeiterkinder blieben in der Volksschule, während die Kinder der unteren Angestellten und Beamten zur Mittelschule, wie damals die Realschule hieß, und die Kinder der höheren Angestellten und Beamten und die der meisten Selbstständigen zur Oberrealschule oder zum Gymnasium wechselten. Elternhaus, Schulart und Ausbildung sorgten damals viel mehr noch als heute für die Erhaltung der sozialen Unterschiede. Kein Arbeiter konnte damals davon träumen, seine Kinder zum Gymnasium zu schicken oder gar studieren zu lassen. Schon darum nicht, weil er das Schulgeld gar nicht bezahlen konnte. Daran änderte sich auch in den Hitlerjahren nichts. Nur die katholische Kirche hat begabte Knaben aus armen Familien mit Stipendien oder Aufnahme in ihre Klosterschulen gefördert. Jedenfalls verschwand zum Ende des vierten Schuljahres ein Drittel der Schüler meiner Klasse, allesamt Söhne besser gestellter Familien, die nun die Mittel- oder Oberschule besuchten. Übrig blieben wir Hinterhauskinder. Zwei Mitschüler, die in den vier Jahren nie das Schreiben, Lesen und Rechnen erlernt hatten, wurden in die Hilfsschule geschickt. Der Rest der Klasse blieb für weitere vier Jahre beisammen.  Anders als die meisten Väter der Hinterhauskinder, die vor Hitler den linken Arbeiterparteien nahegestanden hatten oder sogar Mitglieder der sozialdemokratischen oder der kommunistischen Partei gewesen waren und ihre Überzeugungen auch unter der Einwirkung der allgegenwärtigen Propaganda des Systems nicht so schnell aufgaben, schlossen sich ihre Kinder nach meiner Erinnerung ziemlich rasch Hitler und seinen Ideen an. Dahin wirkte vor allem die politische Indoktrination in der Volksschule, wo die Lehrer  erstaunlich schnell Parteiabzeichen trugen und die Standpunkte der Hitlerpartei vortrugen. Jüdische Lehrer gab es schon lange nicht mehr. Sie waren bald nach dem Beginn des Hitlerregimes aus dem Schuldienst entlassen worden. Die Nazidoktrin erfasste rasch alle Fächer. Ganz gleich, ob in Deutsch, Geschichte, Heimat- oder Erdkunde: Immer stand der Versailler Vertrag im Vordergrund, die Gebiete, die Deutschland damals abtreten musste, die riesigen Reparationen, die ihm auferlegt wurden und jahrzehntelang bezahlt werden sollten, die Kolonien, die ihm weggenommen worden waren. Der Weltkrieg 1914-1918, den Deutschland vorgeblich nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in der Heimat, durch die von den linken Parteien angezettelten Streiks der Rüstungsarbeiter, verloren hatte. Die Novemberverbrecher, die Verräter, Juden zumeist, die den Waffenstillstand erzwungen und die Republik eingeführt hatten. Im Felde unbesiegt, lautete die Parole, die uns Schülern immer wieder eingetrichtert wurde.  Einzelheiten über die abgetretenen Gebiete, über die verlorenen Kolonien und die gewonnenen Schlachten, über die U-Boot-Kommandanten, die Jagdflieger-Asse und Stoßtruppführer an der Westfront gehörten ebenso zum Lernpensum der Volksschüler wie, zweiter Schwerpunkt des Unterrichts, Aufzählungen der menschlichen Rassen und ihrer Eigenschaften. Rassenkunde war schon 1933 als Pflichtfach eingeführt worden. Die Geschichte von den jüdischen Kriegsgewinnlern und den von Juden geführten linken Parteien, die Deutschland den Sieg genommen hatten, war nahtlos verbunden mit der zentralen Botschaft des Regimes, die zwischen den Ariern als der hellen und schöpferischen Rasse und  den Juden als der finsteren und schmarotzerischen Gegenrasse unterschied. Den Juden, die durch genetische Vermischung den Ariern die schöpferische Kraft nehmen und die Weltherrschaft erringen wollten. Wer genau zu den arischen Völkern zählte, ist im Unterricht nie recht deutlich geworden. Viel später habe ich erfahren, dass dieser Begriff eigentlich in den Sprachwissenschaften angesiedelt war. Arier, so lernten wir damals, das waren die Griechen, die Römer und jedenfalls die Germanen im Norden und ihre Nachfahren. Eine Doktrin also, in der die Mehrheit der Menschheit ebenso wie Jahrtausende alte Kulturen gar nicht vorkamen. Immer nur die Arier und die Juden. Die Germanen, die zur Zeit des Römischen Reiches noch in den Wäldern Mittel- und Nordeuropas gelebt hatten, wie Walter Löwenberg trocken feststellte. Er wusste nicht, dass Hitler selbst sich bei verschiedenen Gelegenheiten über den Germanenkult  seiner Anhänger lustig gemacht hat. Das antike Hellas und das römische Imperium stellte er, der verkannte Künstler, weit über die frühen Waldbewohner des Nordens. Freilich waren die Griechen und die  Römer in seinen Augen Arier, Abkömmlinge also der mythischen indogermanischen Rasse, die einst aus dem Nirgendwo nach Europa gekommen sein sollte. Eine Ethnie, die von den Forschern nie zweifelsfrei verortet werden konnte. Später, in der zweijährigen Handelsschule, in der die meisten Lehrer promovierte Studienräte waren, habe ich die Rassendoktrin der Nationalsozialisten dann auch in pseudowissenschaftlicher Verpackung kennengelernt. Am Kern der Argumentation hat das indessen nicht viel geändert. Drei simple Glaubenssätze haben Hitlers Weltbild in der Sicht dieser Lehrer ausgemacht, wenn ich das damals richtig verstanden habe. Erstens: Die These vom Fehlen des Nahrungsspielraums für ein weiteres Wachstum der deutschen Bevölkerung in ihren damaligen Grenzen als Grundlage eines künftigen Eroberungskrieges im Osten. Zweitens: Die These, dass der internationale Handel ein Nullsummenspiel, der Gewinn des Einen der Verlust des Anderen sei, als Grundlage der Forderung nach wirtschaftlicher Autarkie des Deutschen Reichs. Autarkie, die Eroberungskriege zu führen erlaubte, die der Gewinnung neuer Nahrungs- und Rohstoffquellen im Osten gelten würden. Autarkie, die es den Gegnern nicht noch einmal erlauben würde, das Deutsche Reich mit überlegenen Ressourcen niederzuproduzieren. Drittens: Die These vom ewigen Kampf der Arten, in simplifizierender Manier auf menschliche Völker und Rassen übertragen und in einen irrationalen Judenhass getränkt. Verballhornte und auf den Kopf gestellte Sätze der Wissenschaft und Literatur des 19. Jahrhunderts, die in der Fachwelt längst als Aberglaube abgetan waren. Aber das habe ich erst viele Jahre später verstanden. Immer ging es darum, der einen ethnisch verstandenen Gruppe, den Nichtariern, naturbedingte Minderwertigkeit und der anderen, den Ariern, Höherwertigkeit zuzuweisen und aus solchen willkürlichen Wertungen das Recht herzuleiten, um der Reinheit der eigenen, der höherwertigen Rasse willen die als minderwertig genommenen Rassen auszugrenzen oder gar auszurotten. Worin die Unterschiede in der sozialen und kulturellen Wertigkeit beider Gruppen bestanden, wurde von Hitler und seinen Nachbetern an keiner Stelle schlüssig erklärt. Die Höher- und Minderwertigkeit wurde einfach behauptet oder mit der schlichten Zuweisung positiv oder negativ besetzter menschlicher Eigenschaften begründet. Den Juden, einer kleinen, über die ganze Welt verstreuten Glaubensgemeinschaft, wurden - ungeachtet der Tatsache, dass sie die Bibel geschrieben und große Philosophen, Komponisten, Schriftsteller und Wissenschaftler hervorgebracht hatten - kulturelle Leistungen einfach abgesprochen. Stattdessen traten sie in Hitlers Horrorbild als Schmarotzer auf, als Krankheitserreger, die sich in den arischen Volkskörper einzunisten und ihn zu zerstören trachteten. Und die Gebildeten unter seinen Gefolgsleuten trugen die antisemitischen Vorurteile mit Hilfe pseudowissenschaftlicher Analogieschlüsse aus der Biologie und in der Sprache der Tier- und Pflanzenzucht vor. Diese Mühe machte sich Dr. Graf nicht, mein Klassenlehrer in der Handelsschule, der, überzeugter Anhänger Hitlers, oft in der braunen Parteiuniform im Unterricht erschien und in den Deutschstunden mit großer Begeisterung über frühmittelalterliche Epen dozierte. Die Juden, erklärte er immer wieder, seien solcher Schöpfungen nicht fähig. Sie seien allenfalls zu kommerziellen, nicht aber zu kulturellen Leistungen in der Lage. Das Schachern, nicht die schöpferische Tat sei ihr naturgegebenes Talent.   Umgeben von jüdischen Verwandten, an denen ich keine der Eigenschaften entdecken konnte, die ihnen von der Nazidoktrin angedichtet wurden, war ich als Knabe und später eigentlich nicht in Gefahr, dem Antisemitismus anzuhängen. Gestehen muss ich freilich, dass ich das „Weltjudentum“ im Sinne von mafiahaft verbundenen jüdischen Kapitalisten, die in London und New York lebten, von wo sie die Weltmärkte beherrschten, eine Weile lang für Wirklichkeit gehalten habe. Und meine jüdischen Verwandten haben dem nicht direkt widersprochen. Vielleicht, weil sie als Kommunisten ohnehin etwas gegen Kapitalisten hatten. Eher aber darum, weil sie mit einem vorlauten Jungen nicht über Juden und Judenfeindlichkeit sprechen wollten. Es war meine Mutter, die mir am Ende geholfen hat, das absurde Bild vom Weltjudentum loszuwerden, das im Zerrbild der Nazipropaganda sowohl den Weltkapitalismus wie den Weltbolschewismus lenkte. Beides bloße Phantasiegebilde, aber keine mafiösen Geheimbünde, in denen eine weltumfassende Verschwörung gegen die Deutschen geplant und in Gang gebracht wurde. Es brauchte Zeit, bis ich das verstanden hatte. Dass es ein solches „Weltjudentum“ nicht gibt, hat mir, als ich vierzehn Jahre alt war, also erst im Krieg, Pfarrer Merten, ein Mitglied der Bekennenden Kirche, an dessen Konfirmandenunterricht ich damals teilnahm, klarzumachen versucht. Er hat mir in unserem Gespräch, das auf Bitte meiner Mutter zustande kam, zu bedenken gegeben, dass es einigermaßen absurd wäre, wenn verschworene Juden wirklich die Lenker sowohl des Weltkapitalismus als auch des Weltbolschewismus wären, zweier politischer Philosophien und gesellschaftlicher Ordnungen, die einander ganz und gar widersprächen. Im Grunde, sagte Pfarrer Merten, liefe das schlichte Weltbild des Nationalsozialismus auf eine verweltlichte Religion, auf den Glauben an den Kampf des Guten gegen das Böse, des Hellen gegen das Dunkle, des Ariertums gegen das Judentum hinaus. Rasse und Gegenrasse also, wobei die phantasierte Gegenrasse, eine sehr kleine, über die ganze Welt verstreute Menschengruppe, dämonisiert werde, um den behaupteten weltumfassenden Kampf der Rassen überhaupt plausibel erscheinen zu lassen. Das Weltjudentum sei eine antisemitische Fiktion. Das sind meine Worte, die eines Erwachsenen, der sich seiner Jugend erinnert. Pfarrer Merten hat das seinerzeit, jegliches Fach- und Fremdwort vermeidend, in ruhigem Ton vorgebracht, als spräche er über ganz gewöhnliche Dinge. Ich muss gestehen, dass ich damals, als Vierzehnjähriger, nicht sofort fähig war, diesem Appell an meinen Verstand zu folgen, einer Aufforderung, die von einem klugen und mutigen Mann an mich gerichtet wurde und die, wenn man sie in noch einfachere Worte übersetzte, den Ansichten entsprach, die ich zu Hause vernehmen konnte, wenn sich meine Familie über Hitler und seine Reden und Taten unterhielt. Pfarrer Merten hat, ist mir erst später klargeworden, mit seinen Äußerungen viel riskiert. Er muss großes Zutrauen in die Aufrichtigkeit und die Urteilsfähigkeit meiner Mutter gefasst haben. Und in die Verschwiegenheit eines zehnjährigen Knabens, den er kaum kannte. Und dieses Vertrauen habe ich nicht enttäuscht. Andere evangelische Pfarrer sind verraten worden und im Konzentrationslager gelandet. Jüdische Mitschüler gab es in unserer Klasse bereits 1933 nicht mehr. Der einzige jüdische Junge, der mit mir 1932 eingeschult wurde, Karl Heinz Süss, war kurz nach dem Beginn des Hitlerregimes mit seinen Eltern nach England ausgewandert. Auf dem Klassenbild, das bei der Einschulung gemacht wurde, sitzt er in der ersten Reihe, und nichts Belangvolles unterscheidet ihn von den anderen Schülern auf dem Bild. In den höheren Klassen meiner Schule wird es damals sicherlich den einen oder anderen jüdischen Schüler gegeben haben, der dann im Unterricht und in den Pausen mancherlei verletzende Erfahrungen machen musste. Jedenfalls in den wenigen Jahren, in denen jüdische Schülerinnen und Schüler noch an staatlichen Schulen geduldet wurden. Nach dem Novemberpogrom 1938 war es nämlich jüdischen Jungen und Mädchen verboten, deutsche Schulen zu besuchen. Sie konnten nur in die Notschule gehen, die von der Jüdischen Gemeinde in einer Baracke in der Mainzer Straße eingerichtet worden war und an der jüdische Lehrer unterrichteten, die aus dem staatlichen Schuldienst entlassen worden waren. Das traf auch meine jüdischen Cousins und Cousinen. Sie, die Kinder armer Leute, konnten und wollten nicht mit ihren Eltern auswandern oder an den Kinderverschickungen nach England und in andere europäische Länder teilnehmen, die vor dem Krieg von jüdischen und nichtjüdischen Einrichtungen in Europa organisiert worden waren und Tausenden jüdischen Kindern das Leben retteten. Sie hatten auch keine Verwandten im Ausland, die sie hätten aufnehmen können. Also gingen sie in die jüdische Notschule in der Mainzer Straße.  Im Religionsunterricht wurde ein Lehrer, dessen Namen ich vergessen habe, der aber jedenfalls der Bekennenden Kirche angehörte, durch ein Mitglied der hitlerhörigen Deutschen Christen, Herrn Henrich, abgelöst. Ein Mann um vierzig, mit Parteiabzeichen am Revers und dem Hitler-Stutzbärtchen, das damals viele Männer trugen. Die Deutschen Christen waren die Vereinigung der regimeergebenen evangelischen Pfarrer. Ihnen standen die Mitglieder der Bekennenden Kirche gegenüber, evangelische Pfarrer, die versuchten, Distanz zum Hitlerregime und seinen kirchen- und menschenfeindlichen Parolen zu halten. Nicht wenige Mutige unter ihnen bezahlten, wie ich erst nach dem Krieg erfahren habe, ihre Haltung mit Verhaftung, Gefängnis und Konzentrationslager. Und manche sind am Galgen oder unter dem Schafott gestorben. Von dieser Spaltung der Evangelischen Kirche habe ich damals natürlich nichts gewusst. Herr Henrich, der den Klassenraum mit „Heil Hitler“ betrat und verließ, ließ nur das Neue Testament und nicht auch das Alte gelten. Dieses sei Juden- und damit Teufelswerk. Es müsse aus deutschen Kirchen, deutschen Bibliotheken und deutschen Häusern ohne Ausnahme verschwinden. Die Geschichte der Juden, die im Alten Testament lang und breit erzählt werde, ginge die Deutschen nichts an. Überdies stecke das Alte Testament voller Lügen, Übertreibungen und Verdrehungen. Jesus Christus sei überdies nicht Jude, sondern Nachkomme germanischer Söldner des Römischen Reiches und damit Arier gewesen, und darum hätten die Juden ihn ermordet. Wiederum blieb nebulös, wer denn nun die Arier und wer die Nicht-Arier waren. Manche Lehrer verwechselten, wie ich viel später lernte, die Gemeinsamkeiten der indoeuropäischen Sprachen mit genetischen Ähnlichkeiten unter den Völkern dieser Sprachgruppe. Im Religionsunterricht von Herrn Henrich spielte das christliche Gebot der Nächstenliebe keine Rolle. Er sprach stattdessen begeistert von Hitler als dem von Gott gesandten Retter der arischen Rasse. Herr Henrich versuchte also, Christentum und Nationalsozialismus unter einen Hut zu bringen. Er stand damit damals sicherlich nicht allein. Ich denke an die vielen Pressefotos mit Würdenträgern der evangelischen und katholischen Kirche, die den rechten Arm zum Hitlergruß ausgestreckt hatten. Beide Kirchen haben in den zwölf Hitlerjahren niemals ex cathedra Proteste gegen die Judenverfolgung vernehmen lassen. Anders als einzelne ihrer Pfarrer und Priester, die  ihren Widerstand oft mit dem Leben bezahlen mussten.  Meine Mutter, der ich die von Herrn Henrich vertretene Auffassung zu erklären versuchte, schüttelte den Kopf und fragte mich, wie sich das christliche Gebot der Nächstenliebe, das nach der Heiligen Schrift für alle Menschen Gültigkeit besitze, mit dem Rassenwahn Hitlers und seiner Gefolgsleute vertrüge. Wie wohl die abfälligen Reden über die „Humanitätsduselei“ jener, die gegen die Verfolgung von Juden und anderen unschuldigen Menschen waren, mit dem Wort Jesu in Einklang zu bringen seien. Ob man sich Christus in einer SA- oder SS-Uniform vorstellen könne. Ob Jesus und die Apostel irgendwann, irgendwo von Ariern gesprochen hätten. Wer das überhaupt sei, diese Arier. Natürlich wusste ich auf diese Fragen keine Antwort. Trotzdem: Jesus Christus als Wegbereiter Hitlers, das kam auch mir, dem damals Zehnjährigen, sehr seltsam vor. Hitler selbst sprach nie von Christus, sondern, vor allem im Krieg, von der „Vorsehung“, und später, als seine Sache längst verloren war, vom „Allmächtigen“, der ihm den Weg weise. Manchen Menschen soll dabei ein Schauer den Rücken hinuntergelaufen sein.  Die meisten unserer Lehrer waren zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt. Meist Teilnehmer des Ersten Weltkriegs, in einem Lehrerseminar schnell mit dem nötigsten Wissen versehen und als völkisch und national Gesinnte im Schuldienst belassen, während die jüdischen Lehrer und die mit sozialdemokratischer oder gar kommunistischer Vergangenheit unmittelbar nach dem Beginn des Hitlerregimes mit Hilfe des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ entlassen oder pensioniert worden sind. Das habe ich als Erstklässler erlebt, und einiger der damals entlassenen Lehrer und Lehrerinnen erinnere ich mich noch gut. Für uns waren die im Dienst belassenen Lehrer alte Männer in mausgrauen Konfektionsanzügen, denen wir wenig Respekt entgegenbrachten. Wir haben sie nicht als Vorbild für unser eigenes späteres Leben betrachtet. Der einzige Lehrer, der kein Parteiabzeichen trug und in eher legerer Kleidung im Klassenraum erschien, war Herr Zincke, der Zeichenlehrer. Der Name Hitler kam ihm niemals über die Lippen. Er sah sich erkennbar als Künstler, als Maler und Zeichner, der den Frondienst in der Schule offenbar auf sich nahm, weil er vom Verkauf seiner Werke nicht leben konnte. Später, nach dem Krieg, habe ich einige Male im Kunstverein Ausstellungen seiner kleinen Aquarelle und Zeichnungen besucht, informeller Werke, und ich habe mich gefragt, ob er auch in der Hitlerzeit schon solche ungegenständlichen Gebilde ausstellen konnte. Denn dem Geschmack Hitlers und seiner Banausen entsprachen solche Bilder nicht. Sie galten als artfremde Machwerke. Herr Zincke verschaffte sich wie die anderen Lehrer mit dem Rohrstock Respekt. Sie schlugen den Schülern, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten, zu spät zum Unterricht erschienen oder mit dem Nachbarn in der Schulbank schwatzten und lachten, vor der Klasse mit dem Weidenstock auf das Gesäß oder auf die Handflächen. Dafür hatte jeder Lehrer sein eigenes Reglement, und so wussten wir Schüler, was uns bei unseren kleinen Delikten jeweils erwartete. Herrn Zinckes Spezialität war, dass er mit seinem Stock fest auf die Handrücken schlug, und das tat sehr, sehr weh. Man versteht, dass er bei den Schülern unbeliebt war. Gut zeichnen hat keiner von uns gelernt. Unsere Lehrer waren, ganz gleich welchen Alters, ganz und gar unsportliche Leute, und ihr Sportunterricht bestand denn auch nur darin, dass die Schüler auf Kommando mit der Trillerpfeife in der Turnhalle oder auf dem Schulhof in Dreierreihen auf- und abmarschierten oder simple Übungen an Reck und Barren vollzogen, während sie daneben standen. Sie waren in einer Zeit groß geworden, in der es als unschicklich galt, als erwachsener Mann Sport zu treiben. Wenn es nicht Reiten, Fechten, Golf oder Tennis war. Sportarten, die allein in den oberen Schichten betrieben wurden. Ganz anders bei Herrn Hagelauer, einem jungen, schlanken, drahtigen Lehrer, der eines Tages samt seinem Sportrad mit Rennlenker als Neuling in die Schule kam. Er, vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt, erschien in SA-Uniform in der Klasse. So etwas hatte es bis dahin in der Schule noch nie gegeben. Wenn ich nicht irre, war er sogar ein SA-Führer unteren Ranges. Natürlich ein überzeugter Nationalsozialist, ein Verehrer Hitlers. Das wurde in allem deutlich, was er im Unterricht sagte. Ich erinnere mich freilich gar nicht mehr daran, in welchen Fächern - außer Sport - er unterrichtete. Die Nazidoktrin wurde im Grunde in allen Fächern verbreitet, selbst in Musik oder Turnen. So forsch unser neuer, junger Lehrer auch auftrat: Sein breites Gesicht, die niedrige Stirn, die dunklen Haare und die dicken Brillengläser gemahnten nicht unbedingt an die blonden nordischen Recken, von denen er im Unterricht sprach. Darin glich er den meisten Naziführern, Hitler eingeschlossen. Wahrscheinlich wäre Herr Hagelauer - wie Hitler - von den Rassenforschern jener Jahre nicht der nordischen, sondern der dinarischen Rasse zugeordnet worden. Die Nazis hatten für alles ein Kästchen. Bei Herrn Hagelauer mussten sich alle Schüler zum Sportunterricht umkleiden und, winters wie sommers, in Turnhemd, Turnhose und Turnschuhen erscheinen. Auch er wählte diese Bekleidung, und er nahm beim Fußball, Handball und anderen Wettbewerben als einfaches Mitglied der einen oder anderen Mannschaft teil. Ich weiß nicht, was sich seine sportfremden Kollegen gedacht haben, als sie von seinen Unziemlichkeiten erfuhren. Als Zeugnisnote in Sport erhielt jeder Schüler, der engagiert an diesen Spielen teilnahm, eine Eins, die beste Note. Ich brauche nicht zu erklären, dass Herr Hagelauer der beliebteste Lehrer in meiner Klasse war. Er und nicht die älteren Lehrer verkörperte für uns die neuen Zeit, von der nun überall die Rede war. Eine Zeit, die Körperkult höher als klassische Bildung schätzte. Nach dem Krieg habe ich dann Herrn Hagelauer als Inhaber einer Bratwursttheke in der Stadt wiedergesehen und überlegt, ob ich ihn begrüßen und ihm die Hand schütteln sollte. Ich habe das nicht getan, weil ich ihn wieder in seiner SA-Uniform vor mir stehen sah und an die vielen Menschen dachte, die in den Hitlerjahren von SA-Leuten gequält und ermordet worden waren. Offenbar war er wegen seiner Aktivität in der SA nach Kriegsende nicht wieder in den Schuldienst aufgenommen worden. Andere freilich, die Schlimmeres auf dem Kerbholz hatten, Richter, Staatsanwälte oder Ministerialbeamte, kehrten damals unbehelligt in den Staatsdienst zurück. Auch die Mehrheit der Lehrer, die uns jahrelang mit den Naziparolen gefüttert hatten. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, was sie ihren Schülern nun, nach dem Krieg und der Niederlage, erzählten.  X Mit vierzehn Jahren, also bereits im Krieg, habe ich die Volksschule beendet und bin Schüler der Zweijährigen Handelsschule geworden. Das Schulgeld von 20 Reichsmark je Monat, das war der Wochenlohn oder die Monatsmiete eines Arbeiters, hat eine Tante, eine kinderlose Schwester meiner Mutter, für mich aufgebracht, denn das geringe Einkommen meines Adoptivvaters und damit die Unterstützung, die meine Mutter während seines Wehrdienstes erhielt, hätte diese Aufwendung nicht zugelassen. Der Abschluss der zweijährigen Handelsschule war damals der Mittleren Reife an der Oberschule gleichgestellt. Dieses Zeugnis brauchte man, um in einer Bank oder in einem großen Industrieunternehmen als Kaufmännischer Lehrling angenommen zu werden. Und das war damals mein Ziel. Die meisten anderen Abgänger unserer achtklassigen Volksschule begannen eine handwerkliche Lehre in örtlichen Klein- und Mittelbetrieben, die sie beenden konnten, ehe sie 1944, als Siebzehn- oder Achtzehnjährige, zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Nur einige meiner Mitschüler, allesamt im letzten Kriegsjahr ohne nennenswerte militärische Ausbildung in den ungleichen Kampf geschickt, haben überlebt. Die meisten - nämlich 49 von 56 Schülern - wurden im letzten Kriegsjahr, ungeübt und schlecht bewaffnet, Opfer russischer und amerikanischer Geschütze und Gewehre. Ein ganzer Jahrgang der deutschen Jugend wurde im letzten Jahr des Krieges so gut wie völlig vernichtet. Für Führer, Volk und Vaterland. So stand es nach Vorschrift in den Todesanzeigen. Über die Lehrer und den Unterricht in der Zweijährigen Handelsschule will ich nicht viele Worte machen. Es ist klar, dass der Versailler Vertrag nun schon lange nicht mehr im Mittelpunkt des Unterrichts stand. Auch die Novemberverbrecher, die jüdischen Kriegsgewinnler, Drückeberger, Judenknechte und die anderen Schreckensfiguren im Unterricht der frühen Hitlerjahre spielten nun kaum noch eine Rolle. Denn Hitler hatte mittlerweile alle Einschränkungen, die der Versailler Vertrag von 1919 dem Deutschen Reich auferlegte, abgeschafft, hatte das Saarland, Österreich, das Sudetenland und den Rest der Tschechoslowakei angeschlossen, die Wehrmacht hatte Polen besiegt, Dänemark und Norwegen besetzt und, wenige Wochen nach meinem Schulwechsel, Belgien, Holland, Luxemburg und Frankreich bezwungen. Die Lehrer an der Handelsschule, bis auf einen allesamt promovierte Leute und ausnahmslos Parteimitglieder, erläuterten diese Siege mit sichtlicher Begeisterung. Hitler hatte den Deutschen den nationalen Stolz zurückgegeben, den sie nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg verloren hatten, weil sie ihn vor allem aus militärischen und nicht aus kulturellen, technischen und wissenschaftlichen Meriten herleiteten, deren weltweite Anerkennung durch Versailles um nichts geschmälert war. Dafür sprachen die zahlreichen Nobelpreise, die auch nach 1918 zahlreichen deutschen Wissenschaftlern und Schriftstellern verliehen worden waren. Darunter auch deutschen Juden. Der Unterricht war natürlich auch in der Zweijährigen Handelsschule von den Doktrinen der Nazipartei, vor allem von der Rassenlehre, beeinflusst. Diese wurde freilich, anders als in der Volksschule, von den meisten Lehrern in pseudowissenschaftliche Erklärungen verpackt. Schließlich waren sie promovierte Leute. Rassenbiologie, Rassenhygiene und Erbbiologie waren Stichwörter, an die ich mich erinnere. Von Euthanasie war keine Rede, obwohl das “Euthanasie”-Programm Hitlers zur Vernichtung „lebensunwerten Lebens“, die Ermordung Hunderttausender körperlich und geistig Behinderter, zur gleichen Zeit im Deutschen Reich praktiziert wurde. Ansonsten bestimmten betriebs- und volkswirtschaftliche Sachverhalte, Wirtschaftsgeographie, Buchführung und Fremdsprachen das Lehrprogramm. Einmal hat Dr. Cloes, der einzige unter den Lehrern, dessen Unterricht völlig frei von den üblichen Phrasen und Parolen war, in einer Geographiestunde die Kohle- und Stahlproduktionsziffern Deutschlands, Englands und der USA für 1939 an die Tafel geschrieben und sich beeilt hinzuzufügen, dass die Wehrkraft eines Landes nicht nur von seiner Wirtschaftskraft abhinge. Gleichwohl: Hätten wir, die Schüler, Augen für die militärische Bedeutung solcher Produktionszahlen gehabt, dann hätte uns dieser Vergleich sehr, sehr nachdenklich machen müssen. Ich dachte mir damals, dass diese Vergleiche Dr. Cloes leicht hätten in Schwierigkeiten bringen können, und in der Tat war er bald danach verschwunden. Zum Wehrdienst einberufen, wie man uns erzählte. Das mag so gewesen sein. Ich habe aber nie wieder etwas von Dr. Cloes gehört.  XI Ich war schon lange kaufmännischer Lehrling in einem örtlichen Industrieunternehmen, als ich an einem schönen Sommertag 1943 an der Haltestelle auf den Bus wartete und plötzlich ein immer lauter werdendes Brummen hörte. Es waren die Motorengeräusche amerikanischer Bomber, die allmählich den blauen Sommerhimmel bedeckten. Hunderte viermotorige Flugzeuge, die, silbrig glänzend, den ganzen Himmel bedeckten und in geordneter Formation langsam nach Süden zogen. Unbeirrt von den explodierenden Flakgranaten, die weiße Wölkchen hinterließen. Ich habe ebenso wie meine Nachbarn an der Haltestelle, Arbeiter aus dem Schichtdienst, sprachlos auf diese riesige silbrige Flugzeugflotte gestarrt. Ein faszinierendes Bild, das ich nie vergessen werde. Ebenso eindrucksvoll wie der Zeppelin, der Jahre zuvor in niedriger Höhe und gemächlich über das Land geglitten war. Als die Flugzeuge auf ihrem Weg nach Süden verschwunden waren, sind mir die Zahlen über die deutsche, englische und amerikanische Stahlproduktion eingefallen, die Dr. Cloes im Geografie-Unterricht an die Tafel gemalt hatte. Zum ersten Mal war mir klar geworden, was solche Zahlen im damaligen Krieg bedeuteten. Diese Bomberflotte hat, wie man am Abend im Radio hören konnte, am hellen Tag und kaum behelligt große Teile Schweinfurts zerstört, einer Stadt in Franken, in der ein Großteil der deutschen Kugellagerproduktion konzentriert war. Später dachte ich mir, dass es den deutschen Soldaten, die im Juni 1944 an der Normandieküste Tausende von Schiffen der alliierten Invasionsflotte auf sich zukommen sahen, ähnlich wie mir ergangen sein muss, als ich, gewissermaßen mit offenem Mund, die Bomberflotte am Himmel vorbeiziehen sah. Nach dem Beginn des Russlandfeldzugs im Sommer 1941 betrat der jüdische Bolschewismus die Bühne der Nazipropaganda aufs Neue. Zuvor war meist von der angelsächsischen Plutokratie, vom Weltfinanzjudentum die Rede, einer Floskel, unter der niemand sich etwas Rechtes vorstellen konnte. Nun waren die Zeitungen, die Radionachrichten und die Wochenschauen erneut voller antikommunistischer Berichte. Und die Zahl der Einschränkungen, denen die Juden in Deutschland und damit unsere jüdischen Angehörigen und Nachbarn unterworfen waren, wuchs von Tag zu Tag, ohne dass diese Maßnahmen in den Zeitungen und im Rundfunk erwähnt worden wären. Das galt auch für die unfasslichen Massenmorde, die von den Einsatzgruppen der SS hinter der Front im Osten organisiert wurden und von denen ich, ohne es zunächst zu glauben, Ende 1941, als Fünfzehnjähriger, zum ersten Mal erfuhr, weil ich heimlich die Meldungen von BBC abhörte. Was aber im Herbst 1941 kein Deutscher übersehen konnte, das waren die gelben Judensterne, die, im September 1941 eingeführt, zum ersten Mal seit dem Mittelalter jedermann in Deutschland erlaubten, Juden und Nichtjuden auf einen Blick zu unterscheiden. Auch Walter und Cilla Löwenberg und ihre Kinder ebenso wie die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss in unserem Haus mussten nun den großen, gelben Judenstern auf der linken Brustseite tragen, wenn sie das Haus verließen. Und in der Stadt konnte man oft Menschen sehen, die ihre Taschen oder Aktentaschen auf die linke Brustseite gedrückt hielten. Andere zwangen Menschen mit dem Judenstern vom Bürgersteig auf die - für Autos und Straßen-bahnen bestimmte - Fahrbahn der Straßen. Ich habe das mit eigenen Augen, wenn auch nur wenige Male gesehen. Im allgemeinen haben die Passanten das Gesicht zur Seite gewendet oder - auch das ist vorgekommen - durch den gelben Stern gekennzeichneten und völlig unbekannten Juden einen Guten Tag geboten. Obwohl „judenfreundliches Verhalten“ hinter Gitter führen konnte, wenn es der Geheimen Staatspolizei zu Ohren kam. Diese Kennzeichnung mit einem Symbol, das die Juden in aller Welt als Zeichen ihrer Identität genau so ehren und lieben wie gläubige Christen das Kreuz, strafte genau genommen die Mär vom „jüdischen Gesicht“ Lügen, die damals in jeder Ausgabe der antijüdischen Hetzblätter, die in zahlreichen Schaukästen in der Stadt aushingen, zu lesen war. Neben fratzenhaften Karikaturen, die das Gesagte veranschaulichen sollten. Ganz unabhängig davon, dass das naturgegebene Aussehen eines Menschen keinen Aufschluss über seinen Charakter gibt: Juden waren damals wie heute in Deutschland nicht ohne weiteres und schon gar nicht anhand physiognomischer Merkmale von nichtjüdischen Deutschen zu unterscheiden. Ich kannte deutsche Juden mit blonden Haaren und blauen Augen, die eher als nordische Recken durchgegangen wären als Hitler und die meisten seiner Kumpane. Was das Aussehen von Juden und Nichtjuden in Deutschland und anderswo in Europa anging, so sind eben die äußeren Merkmale Beider in Jahrhunderten gemeinsamen Lebens kräftig gemischt worden. Denn nach der Öffnung der Ghettos und der Gewährung der vollen bürgerlichen Rechte für alle deutschen Juden nahm die Zahl christlich-jüdischer Ehen schnell zu. Nur darum die Kennzeichnungspflicht, die 1941 eingeführt wurde. Diese Aussonderung war der erste Schritt zur endgültigen Ausmerzung aller Juden, derer man habhaft werden konnte. Ob diese offene Ausgrenzung der deutschen Juden die Zustimmung vieler deutscher Nichtjuden fand, vermag ich nicht zu sagen. Der Anschein sprach eher dagegen. Aber die meisten Menschen haben nicht gewagt, offen darüber zu sprechen. Reserven gegenüber der Partei und ihren Paladinen galten nach meiner Erinnerung bei den meisten Menschen ohnehin nicht der Person Hitlers. Selbst spektakuläre Maßnahmen wie die Einführung des Judensterns wurden von vielen Menschen nicht Hitler, sondern der Parteibürokratie angelastet. Missbilligung wurde meist mit dem Satz „Wenn das der Führer wüsste!“ vorsichtig zum Ausdruck gebracht. Als ob irgendetwas von nationaler Tragweite ohne Hitlers Zustimmung hätte praktiziert werden können. Er hat die meisten seiner Entscheidungen freilich nicht selbst verlautbart, sondern seine Paladine vorgeschickt. Keine Rede davon, dass er Wichtiges nicht erfahren hätte. Hitler behielt bis zum Scheitern des als Blitzfeldzugs gedachten deutschen Angriffs vor den Toren Moskaus, der Kapitulation des Afrikakorps, dem Ende der U-Boot-Erfolge, der deutschen Katastrophe von Stalingrad, dem unaufhaltsamen Vordringen der sowjetischen Armeen und den verheerenden Luftangriffen der Alliierten die Position des unfehlbaren Führers. Ich weiß, dass ich mich wiederhole, aber ich sage es gleichwohl, weil es für ein Urteil über jene Zeit wichtig ist: Die Herstellung der Vollbeschäftigung im Deutschen Reich. Die Gewinnung des Saarlandes. Die Remilitarisierung des Rheinlands. Der Glanz der Olympischen Spiele von 1936. Der Anschluss Österreichs, des Sudetenlandes und des Memelgebiets. Der Sieg über Polen. Die Besetzung Dänemarks und Norwegens. Der Sieg über Frankreich. Der Vormarsch in Nordafrika unter Rommel. Die Eroberung des Balkans. Der erfolgreiche U-Boot-Krieg und die Anfangserfolge im Russlandfeldzug waren Triumphe Hitlers, gegen die schlecht anzureden war. Auch die brutale Unterdrückung jeglicher Opposition, die Existenz der Konzentrationslager und die Verfolgung der deutschen Juden wogen die Erfolge im Urteil vieler Deutschen nicht auf. In jenen Jahren hat es auch Walter Löwenberg, der immer für kritische und trockene Kommentare gut war, fast verstummen lassen. Allerdings wusste er bereits nach Hitlers Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten und der Katastrophe der deutschen Truppen im Winter 1941/42 vor Moskau, dass Hitler seinen vom Größenwahn geleiteten Krieg gegen den Rest der Welt verloren hatte, dass das Großgermanische Reich niemals Wirklichkeit werden würde. Das hat er in einer abendlichen Skatrunde unter Nachbarn auch geäußert, und das hat ihn als politischen „Schutzhäftling“ in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Einer aus der Skatrunde hatte ihn bei der Geheimen Staatspolizei angezeigt. Die meisten unserer Nachbarn und Bekannten waren vom Scheitern des Blitzkriegs vor Moskau Ende 1941 zwar irritiert, sie gewannen aber ihren Glauben an den „Endsieg“ mit dem erneuten Vormarsch der deutschen Truppen bis zur Wolga und zum Kaukasus, mit den Erfolgen der U-Boote und Rommels Vormarsch in Nordafrika zurück. Aber das waren nur trügerische, flüchtige Erfolge. Mit dem Kriegseintritt der USA, der Niederlage in Nordafrika, dem Ende der großen U-Boot-Erfolge im Atlantik, der zunehmenden Zerstörung der deutschen Städte, der Industrie- und der Versorgungsbetriebe durch die alliierten Bomberflotten und der Katastrophe von Stalingrad verbreitete sich auch unter den Frauen und den alten Männern im Hause der unausgesprochene Zweifel am erfolgreichen Ausgang des Krieges. Überdies war von Hitler, anders als in der Zeit seiner Erfolge, so gut wie garnichts mehr zu vernehmen. Er sprach kaum mehr, er ließ Joseph Goebbels, den Nebenkanzler, für sich sprechen. Jene wenigen Hausbewohner, die auch in den letzten beiden Kriegsjahren, also nach Stalingrad, immer noch an den „Endsieg“ glauben wollten, klammerten sich an die Erwartung, dass die von der Propagandamaschine Goebbels‘ versprochenen Wunderwaffen, vielleicht auch das Auseinanderbrechen der feindlichen Allianz, die Wende bringen würden. In dieser Überzeugung wurden sie durch Presse, Rundfunk und Wochenschau ohne Unterlass bestärkt. Auch Herr Igstein sprach in den letzten Jahren des Kriegs, geheimnisvoll tuend, von neuen Waffen, als gäbe es sie und als sei er in deren Details eingeweiht. Wenn ich das richtig gesehen habe, dann  konnte er immer weniger Hausbewohner - und das hieß damals: Frauen, Kinder und alte Männer - überzeugen. Deren Gedanken kreisten stattdessen immer mehr um die Frage: Wie lange noch, und was kommt danach? Dieser Zweifel wurde nicht laut und direkt geäußert, aber in mancherlei Seufzer, verklärenden Rückblicken und beklommenen Ausblicken deutlich. Meine Mutter drückte aus, was viele gedacht haben mögen: Dass die wachsenden Verluste an der Front, die sich in den vielen Todesanzeigen in der Lokalzeitung spiegelten und die Vernichtung der deutschen Städte durch die alliierten Luftangriffe die Strafe Gottes für die Verbrechen der Deutschen seien. Meine Mutter zerbrach damals beherzt das Hitlerbild, das ich ihr als Zehnjähriger zum Muttertag geschenkt hatte und das sie jahrelang in einer Ecke hatte stehen und verstauben lassen, weil sie die jüdischen Verwandten nicht verletzen wollte, die uns oft besuchten.  [if gte vml 1]> [endif] Öffentliches Plakat1941Quelle: Aktives Museum Spiegelgasse, Wiesbaden  Aber das war nach Stalingrad und angesichts des Zurückweichens der deutschen Truppen an allen Fronten und der ständigen Luftangriffe bei Tag und Nacht, die Deutschland in ein Trümmerfeld verwandelten. Bis dahin indessen war die Bewunderung und Verehrung für Hitler bei den meisten Hausbewohnern und den anderen Deutschen, die wir kannten, ungebrochen. Und wer gegen die Herrschaft Hitlers war und die militärischen Ereignisse nüchtern beurteilte, hütete sich, das laut auszusprechen. Denn anders als die Wehrmacht waren die Geheime Staatspolizei und die Denunziation bis zum Ende des Kriegs wirksame Waffen des Hitlerregimes.  Wie gesagt: Die Verehrung Hitlers hielt länger als seine politischen und militärischen Erfolge. Dies galt auch für die Arbeiter im Hinterhaus. Ich erinnere mich an den Freudentanz, den mein Adoptivvater, der immer den Kommunisten hervorgekehrt und 1933, weil er hitlerfeindliche Flugblätter verteilt hatte, einige Tage in Untersuchungshaft verbrachte, in unserer Wohnung aufführte, als im Radio der Einmarsch deutscher Truppen in Paris gemeldet wurde. Meine Mutter schüttelte damals ob dieser Begeisterung den Kopf. Selbst Walter Löwenberg, als Jude wie als Kommunist gewiss kein Freund Hitlers, kam damals nicht umhin, Respekt für die militärischen Leistungen der Wehrmacht zu äußern, die alle Welt damals Hitler zurechnete. Er, Walter Löwenberg, machte immer und bis zum Ende einen Unterschied zwischen Hitler und Deutschland. Er war und blieb eben ein deutscher Jude. Besser gesagt: Ein jüdischer Deutscher. Darum ist er, anders als die meisten anderen Überlebenden des Holocaust, nach der Rückkehr aus Dachau mit seiner Frau in Deutschland geblieben, obwohl er mit seiner Tochter und ihrem Mann, einem amerikanischen Berufssoldaten, leicht hätte in die USA gehen können.  XII Im Fortgang der Hitlerjahre erfuhr auch das Grüßen der jüdischen Nachbarn durch die Nichtjuden in unserem Haus einen deutlichen Wandel. Die wie in Gezeiten an- und abschwellenden antijüdischen Kampagnen des Regimes und die sie begleitenden Einschränkungen, denen Juden durch Gesetze, Verordnungen und deren örtliche Auslegung und Anwendung unterworfen wurden, blieben nicht ohne Einfluss auf die Art des Umgangs von Juden und Nichtjuden in unserem Haus. Walter Löwenberg, über den ich noch manches zu sagen haben werde, schilderte eines Tages seine aus der Alltagserfahrung gewonnene Unterscheidung dreier Begegnungsweisen von Nichtjuden mit jüdischen Nachbarn und Arbeitskollegen. Erstens: Nichtgrüßen und Wegschauen. Zweitens: Verlegenes, gemurmeltes Grüßen. Drittens: Freundliches Grüßen als Zeichen der Normalität, die es freilich gar nicht mehr gab. Zu jedem dieser Fälle nannte er Beispiele. Tatsächlich konnte man im Haus wie anderswo alle drei Haltungen deutlich unterscheiden. Da waren Frauen wie meine Mutter, Frau Reusch, Frau Scharf und Frau Herz, die mit den Ackermanns, den Löwensteins, den Strauss und den anderen Juden, die später in unser Haus eingewiesen wurden, nicht anders als mit den nichtjüdischen Hausbewohnern sprachen, um deutlich zu machen, dass für sie die von den Nationalsozialisten behaupteten Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden nicht gelten. Sie sind Menschen wie Du und ich, hat meine Mutter immer wieder mit grimmiger Entschiedenheit gesagt. Ihr Gerechtigkeitssinn und ihr Mitgefühl blieben über alle Jahre, in denen das Regime Juden und andere Menschen vor aller Augen demütigte und drangsalierte, ungebrochen. Eher das Gegenteil war der Fall. Das hatte natürlich mit unseren jüdischen Verwandten zu tun, mit dem Familienzusammenhalt, der damals bei kleinen wie großen Leuten noch nicht erodiert war, weil man im allgemeinen viele Verwandte hatte. Das Verhalten meiner Mutter ergab sich aber auch, obwohl sie ganz und gar keine Kirchgängerin war, aus ihrem christlichen Glauben, dessen Kern ihr Verhalten allen Menschen gegenüber bestimmt hat. Dann, wie gesagt, waren da noch Frau Scharf, Frau Reusch und Frau Herz, die die Juden im Haus höflich grüßten und, wenn sie sich unbeobachtet sahen, ihre Anteilnahme deutlich zum Ausdruck brachten. Die anderen Hausbewohner grüßten zwar die jüdischen Nachbarn noch, ließen sich aber nicht auf längere Gespräche ein. Allenfalls kurze Bemerkungen über das Wetter oder ähnlich Unverbindliches, im Vorbeigehen gesagt, konnte man mitunter hören. Aber auch das gab sich im Fortgang des Kriegs. Freundlicher Umgang mit den jüdischen Hausbewohnern wäre auch von Herrn Igstein, dem örtlichen Statthalter der Partei, unwillig zur Kenntnis genommen und weitergemeldet worden, weil „Judenfreunde“ als verdächtige Zeitgenossen galten. Bereits ab dem Herbst 1939, also mit Kriegsbeginn, war Gesetz, dass alle Juden, die ein „staatsabträgliches“ Verhalten zeigen, zu verhaften und in ein Konzentrationslager einzuweisen waren. Und nach dem Beginn des Russlandfeldzuges 1941 galt, dass „deutschblütige Personen“, die in der Öffentlichkeit freundschaftliche Beziehungen zu Juden zeigten, aus erzieherischen Gründen in Schutzhaft zu nehmen - sprich: in ein Konzentrationslager einzuweisen - waren. Damit war Deutschland zu einem Ort der uneingeschränkten Terrorherrschaft geworden, zu einem Land, in dem nur noch die Duckmäuser, die Schlaumeier und die Dummköpfe ruhig schlafen konnten. Bis sich die geleugnete Tatsache des verlorenen Kriegs auch beim Letzten Geltung verschaffte. Aber das brauchte Zeit. Viel Zeit. Manche haben erst nach Kriegsende begriffen, worauf sie sich mit Hitler eingelassen hatten. Damals entstand auch in unserem Haus das, was man später den „Deutschen Blick“ nannte. Dieses nicht nur von Gegnern des Hitlerregimes in Gesprächen mit Freunden, Nachbarn und Bekannten praktizierte ständige Sichvergewissern, dass niemand in der Nähe ist, der das Gesagte verstehen und weitertragen könnte, wenn kritische politische Aussagen getroffen oder Witze über die Parteioberen erzählt wurden. Alle wussten, dass Gesetze gegen Volksverhetzung, Wehrkraftzersetzung und gegen negative Äußerungen über das Regime galten. Dass Gerichte da waren, die diese Gesetze anwandten und die Beschuldigten für  Jahre ins Gefängnis, ins Zuchthaus oder auf das Schafott schicken konnten. Und alle wussten, dass man auch ohne Gerichtsverfahren in ein Konzentrationslager gesteckt werden konnte. Das mussten jene nicht fürchten, die mit allem einverstanden waren oder die ihre Einwendungen für sich behielten. Sie waren die große Mehrheit, auch unter den Bewohnern unseres Hauses. Sie hielten, einfach gesagt, ihren Mund. Niemand wusste darum, was sie wirklich dachten. Wie längst belegt ist: Auch die Geheime Staatspolizei nicht, trotz ihrer vielen Spitzel. Sie haben sich in einem Meer von Mutmaßungen bewegt. Wie alle anderen auch. Weil man aber bei Bekannten wie Unbekannten nicht wissen konnte, wo sie stehen, was sie denken, blieb man in Gesprächen im Ungefähren, Unverbindlichen, wenn man sein Gegenüber nicht sehr gut kannte. Ein anderes Verhalten ist vielen zum Verhängnis geworden, denn jeder, dem „staatsabträgliches“ Verhalten nachgewiesen wurde, konnte, wie gesagt, auf der Stelle in ein Konzentrationslager eingewiesen werden. Später habe ich gelesen, dass ordentliche deutsche Gerichte während der Hitlerjahre rund 32.000 Todesurteile ausgesprochen haben, die in Akten festgehalten worden sind. Die meisten dieser Todesurteile ergingen natürlich im Krieg. Und die allerwenigsten davon wegen Mordes, des einzigen Deliktes, das vor Hitler mit der Todesstrafe geahndet werden konnte. Mittlerweile existierten, wie ich heute weiß, über 40 Tatbestände, die zum Todesurteil führten oder führen konnten. So kostete die Verbreitung von Meldungen ausländischer Sender oder eine Schwarzschlachtung die Betreffenden in vielen Fällen den Kopf. Es kam allein auf die Richter an, ob auf mildernde Umstände erkannt wurde oder nicht. Auch wenn auf mildernde Umstände festgestellt wurden: Immer noch konnte Hitler die Zeit- in eine Todesstrafe umwandeln. Das hatte er sich ausbedungen. Die oben genannte Zahl der Todesurteile muss übrigens um die Abertausende Exekutionen in Gefängnissen und Konzentrationslagern im Deutschen Reich ergänzt werden, die nicht in Akten und Statistiken registriert sind. Oder mit der Vorgabe natürlicher Todesursachen - am häufigsten: Herzversagen und Lungenentzündung - vertuscht wurden. Wie bei Lothar und Kurt Löwenberg. In allen Jahren der Nazizeit begleitete Herr Igstein die antijüdischen Aktionen des Regimes mit seinen Kommentaren, mit Prospekten, Broschüren und Parteizeitungen, die er den Hausbewohnern, ob sie wollten oder nicht, in die Hand drückte oder in die Briefkästen warf. Diese von oben gesteuerten, in Zeitungen, im Radio, in den Wochenschauen, auf Plakaten und in Versammlungen verbreiteten und verstärkten antijüdischen Kampagnen in den Jahren vor dem Krieg, vor allem 1935 und 1938, blieben, wie bereits geschildert, nicht ohne Einfluss auf das Leben im Hause. Manche Hausbewohner mieden den Umgang mit ihren jüdischen Nachbarn. Später, im Krieg, war es dann gefährlich, bei häufigem Umgang mit Juden beobachtet zu werden. Wie gesagt: Das konnte den Nichtjuden, der angeschwärzt wurde, ins Gefängnis oder Konzentrationslager bringen. Zumindest machte es ihn zum verpönten „Judenfreund“. Dem beteiligten Juden dagegen drohte die Verhaftung, das Konzentrationslager oder gleich die Deportation nach dem „Osten“. Darum mieden nach dem Herbst 1941 beide Seiten, Juden wie Nichtjuden, den Kontakt, wenn sie einander nicht sehr gut kannten und vertrauten. Nach dem Sommer 1942, nach den großen Deportationen, waren nur wenige Juden in Wiesbaden übrig geblieben, mit denen die „Deutschblütigen“ Kontakt hätten haben können. Von unseren jüdischen Angehörigen und Nachbarn lebte nur noch Walter Löwenberg, aufgrund seiner Ehe mit einer “Arierin”, als privilegierter Jude, von der Deportation vorderhand ausgenommen. Und in ganz Wiesbaden waren von den mehr als 1200 Juden, die 1939 noch gemeldet waren, nur noch wenige in der Stadt übrig geblieben. Fast alle als „privilegierte Juden“ vorderhand vor Schlimmerem bewahrt. Aber nur vorderhand. Ich eile den Ereignissen voraus. Kehren wir also zu der Zeit vor dem Krieg zurück.   Die Kinder im Haus und aus den anderen Häusern der Hermannstraße, wenn allein, schauten Herrn oder Frau Ackermann bei zufälligen Begegnungen scheu und verlegen an und rannten davon. In der Gruppe freilich konnte von Verlegenheit und Scheu oft nicht die Rede sein. „Jud, Jud, Jud“ riefen einige Kinder, wenn sie Herrn Ackermann in der Toreinfahrt oder auf der Straße trafen, die er und seine Frau im Verlauf der Hitlerzeit immer seltener betraten. Ich sehe und höre Herrn Ackermann immer noch, wie er, auf seine schwarz-weiß-rote Ordensspange am Revers deutend, den Kindern zurief, er habe im Weltkrieg als deutscher Soldat gedient und er sei wegen erwiesener Tapferkeit ausgezeichnet worden. Er sei Deutscher so wie ihre Eltern und sie, die frechen Kinder. Dabei hatte er Tränen in den Augen, zitterte am ganzen Körper, machte hilflose Handbewegungen, verlor die Sprache und verließ die Szene. Hilflose Reaktionen, die die Kinder nur zu lautem Lachen und neuerlichem „Jud, Jud, Jud“ ermunterten. Dem gleichen Verhalten sahen sich Frau Ackermann, später auch die Löwensteins und die Strauss ausgesetzt, nachdem sie in unser Haus eingewiesen worden waren. Ich erinnere mich nicht, dass ein Erwachsener den Kindern jemals Einhalt geboten hätte. Vielleicht haben die Eltern nicht gewusst oder nicht wissen wollen, was ihre Kinder im Hof und auf der Straße so alles treiben. Reichsbürger mit vollen Rechten war Herr Ackermann übrigens, wie mir meine Mutter damals erklärte, schon lange nicht mehr. Die Nürnberger Gesetze hatten ihn und die anderen deutschen Juden aller staatsbürgerlichen Rechte beraubt. Nur Staatsangehöriger ohne bürgerliche Rechte war Herr Ackermann, kaum mehr demnach als ein Ausländer, der in Deutschland wohnte. Genau genommen weniger, stellte meine Mutter damals fest, denn Ausländer unterlagen normalhin nicht den vielen Schikanen, denen die Juden im Deutschland Hitlers unterworfen wurden. Und die Auszeichnung am Revers zu zeigen, war Herrn Ackermann und anderen Juden ebenso verboten wie das Zeigen nationaler Symbole und das Mitsingen der Nationalhymne. Aber das wollte Arthur Ackermann nicht wahrhaben. Er trug weiterhin ungeachtet des Verbots und möglicher Folgen das schwarz-weiß-rote Zeichen seiner Auszeichnung für Tapferkeit im Ersten Weltkrieg. Er glaubte immer noch an Recht und Unrecht, an die Regeln korrekten und anständigen Verhaltens, die in Deutschland längst jegliche Geltung verloren hatten. Sein Zorn, sein Trotz hat ihm vielleicht für den Moment Erleichterung verschafft. Geändert war damit natürlich nichts. XIII Der Paukenschlag der Pogromnacht im November 1938 beendete in der antijüdischen Politik der Hitlerjahre die Zeit der kleinen, wenngleich für die betroffenen Juden schmerzhaften Schritte und eröffnete die Zeit der offenen und gnadenlosen Verfolgung und schließlich der physischen Vernichtung fast aller deutschen Juden, die das Land nicht rechtzeitig verlassen konnten oder wollten. Ich erinnerte mich zwar an den reichsweiten Judenboykott vom 1. April 1933, an die SA- und SS-Männer, die mit Plakaten vor jüdischen Geschäften standen, die Schaufensterscheiben beschmierten und die Menschen vom Betreten dieser Geschäfte abhielten, aber das war kein Vergleich mit dem, was am frühen Morgen des 10. November 1938 in Deutschland geschah. Soviel weiß ich, obwohl ich damals, 1933, ein kleiner Junge von sieben Jahren war. Der Pogrom vom November 1938 war ein Ereignis von gänzlich anderem Kaliber.  Ich kam gegen Mittag aus der Schule nach Hause. Meine Mutter war ganz blass und sagte nur mit zittriger Stimme: „Sie haben die Synagoge angesteckt und die Scheiben aller jüdischen Geschäfte in der Stadt eingeschlagen“. Ich habe das nicht gleich begriffen und gefragt, wer denn das getan habe. Sie sagte nur: „Die SA und die SS“. Ich merkte, dass meine Mutter zu längeren Erklärungen gar nicht in der Lage war, und ich bat sie um Erlaubnis, in die Stadt zu gehen, um mit eigenen Augen zu sehen, was da vorgegangen war. Meine Mutter stimmte widerwillig zu. Also machte ich mich auf den Weg zur Synagoge. Ich eilte durch die Wellritzstraße und sah dort die ersten eingeschlagenen Schaufenster, die Scherben und die zerbrochenen Teile von Auslagen auf der Straße liegen. Im Haus an der Ecke zur Helenenstraße musste es gebrannt haben, denn in dem Textilgeschäft und an den Hauswänden zeigten sich schwarze Brandspuren. Offenbar hatte die Feuerwehr aber den Brand bereits gelöscht. Ich ging weiter zum Michelsberg, zur Synagoge. Eine große Menschenmenge schaute zu, wie die Feuerwehr ihre Wasserschläuche auf die Synagoge richtete, aus deren Fenstern ohne Scheiben und dem offenen Dach immer noch leichter Qualm zum Himmel stieg. Die Feuerwehr war offenbar in erster Linie darauf bedacht, ein Übergreifen des Feuers auf die Nachbarhäuser durch Funkenflug zu verhindern. Diese Gefahr bestand aber wohl gar nicht mehr, weil das Feuer im Innern der Synagoge bereits gelöscht war. Ohnehin bestand zwischen der Synagoge und den Nachbarhäusern ein erheblicher Abstand, und es wehte kein Wind. Ein beißender Brandgeruch reizte zum Husten. Die meisten Menschen um mich herum sagten kein Wort. Andere sprachen leise miteinander. Laute Bekundungen für oder gegen diese Zerstörung eines Gotteshauses habe ich nicht vernommen. Wenn die Partei, wie später, nach Kriegsende, berichtet wurde, Mitglieder per Telefon zur Synagoge beordert hat, um dort den „Volkszorn“ darzustellen, dann waren diese Claqueure bereits gegangen, als ich eintraf. Jedenfalls habe ich, um es noch einmal zu sagen, keine lauten Kommentare der einen oder anderen Art vernommen, als ich unter den Zuschauern vor der Synagoge stand. Ich bin nach einer Weile weiter in die Innenstadt gegangen, über den Michelsberg in die Kirchgasse und die Langgasse, die beiden Hauptgeschäftsstraßen im Zentrum der Stadt. Überall eingeschlagene Schaufensterscheiben und Gegenstände, die auf die Straße geworfen worden waren. Zerbrochenes Glas und Porzellan, Textilien, Möbel, Dekorationsteile und viele andere Gegenstände, die auf  der Straße lagen. Menschen, die das eine oder andere Objekt aufhoben, betrachteten, zurückwarfen oder in die Tasche steckten. Ich habe nicht gesehen, dass jemand sie dabei behindert hätte. Andere Menschen haben einfach mit offenem Mund auf diese unfasslichen Szenen geblickt. Auf die Trümmer, die einen denken ließen, es sei Krieg, und es habe ein Häuserkampf gewütet. Polizisten waren weit und breit nicht zu sehen. Monatelang waren viele Schaufenster mit Brettern vernagelt. Bis clevere „arische“ Kaufleute die Läden wieder geöffnet haben. Vor einem zerstörten Einrichtungshaus in der Langgasse habe ich einen kleinen Handspiegel mit Messinggriff, das geschliffene Glas zerbrochen, von der Straße aufgehoben und überlegt, ob ich ihn zur Erinnerung an diesen Tag mitnehmen sollte. Ich habe ihn zurückgelegt, weil mir klar wurde, was meine Mutter gesagt hätte, wenn ich mit diesem Beweis der Barbarei nach Hause gekommen wäre. Sie hätte mich als Plünderer beschimpft und mir befohlen, den Spiegel wieder dort hinzulegen, wo ich ihn aufgehoben hatte. Das habe ich dann lieber an Ort und Stelle getan. Die meisten Menschen, denen ich begegnete, gingen ratlos und kopfschüttelnd durch die Straßen. Ich habe, um es zu wiederholen, niemanden getroffen, der diese Untaten laut gutgeheißen hätte. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass es nicht doch Deutsche gab, die diese Aktion richtig fanden. Aber ein spontaner Ausbruch des Volkszorns war der Pogrom, der diesen Namen deshalb wohl zu Unrecht trägt, erkennbar nicht. Vielmehr, wie wir heute wissen, eine von Goebbels und Himmler am Vorabend in München beschlossene und per Telefon koordinierte Aktion. Womöglich wollte man die Auswanderung der noch in Deutschland lebenden Juden beschleunigen. Vielleicht war es aber auch der Probelauf für schlimmere Pläne, ein Test der öffentlichen Meinung. Damals aber wurde uns mit allen Mitteln der Staatspropaganda erzählt, die Zerstörung der Synagogen und jüdischen Geschäfte sei die spontane Vergeltung des deutschen Volkes für die Ermordung eines deutschen Diplomaten durch einen Juden. Wie gesagt, niemand kann sagen, wie groß der Anteil der Deutschen war, die diese barbarischen Aktionen gut gefunden haben. Eine Vergeltung allein für den Tod eines Diplomaten, wie von Goebbels damals behauptet, konnte diese Aktion in niemandes Auge sein.   [if gte vml 1]> [endif] Die SynagogeVor dem PogromQuelle: Aktives Museum Spiegelgasse, Wiesbaden  [if gte vml 1]> [endif] Die brennende Synagoge10. November 1938Quelle: Aktives Museum Spiegelgasse, Wiesbaden  Es gab damals nach meiner Erinnerung keine aufgeheizte antijüdische Stimmung in der Stadt. Kein Pulverfass, das auf einen Funken gewartet hätte. Aber vielleicht ist mir, einem Zwölfjährigen, einfach entgangen, dass sich in der Volksseele Schlimmes aufgestaut hatte. Ich glaube das nicht. Es wäre zumindest den Juden aufgefallen, die wir kannten. Auch die Tatsache, dass man die großen jüdischen Kauf- und Warenhäuser aussparte, in Wiesbaden zum Beispiel das Kaufhaus Blumenthal in der Kirchgasse, spricht gegen einen Pogrom, denn wahrer Volkszorn hätte sich vor allem gegen diese großen jüdischen Geschäfte gerichtet. In Wirklichkeit sind diese großen Geschäfte wohl darum nicht behelligt worden, weil sie viele nichtjüdische Angestellte hatten, deren Arbeitsplätze nicht gefährdet werden sollten. Im Hause war es nur Herr Igstein, das Sprachrohr der Partei, der am Nachmittag im Hof stand und jedem, der zuhören wollte, erklärte, dass nun Schluss sei mit der Schonung der Juden. Sie sollten alle auswandern, dann sei die „Judenfrage“ gelöst. Auch bei dieser Gelegenheit habe ich keine positiven oder negativen Kommentare von Hausbewohnern vernommen. Sie hielten sich, auch im Gespräch untereinander, bedeckt. Das versteht sich für jene, die gegen diese Barbarei waren, von selbst. Es war ihnen zu gefährlich, laut ihre Meinung zu sagen. Sie taten das allenfalls hinter verschlossenen Türen. Ich weiß es nicht. Das galt auch für das ganze Land: Niemand wusste Genaues, denn Umfragen im heutigen Sinn gab es nicht, konnte es auch gar nicht geben, weil niemand mit der Wahrheit herausgerückt wäre, der dem System gleichgültig, skeptisch oder feindselig gegenüber stand. Hätte es solche Umfragen gleichwohl gegeben, dann wären ihre Ergebnisse sicherlich nicht veröffentlicht worden. Die Propagandamaschine des Systems jedenfalls hat das Thema erstaunlich schnell fallengelassen. Offenbar waren nicht nur die Reaktionen der ausländischen Presse, sondern auch die über den Spitzeldienst der Geheime Staatspolizei verfügbaren Meldungen über die Meinung und Stimmung der deutschen Bevölkerung nicht von der gewünschten und erhofften Art. Wieder in unserer Wohnung, erfuhr ich, dass Herr Ackermann verhaftet worden sei. Niemand wusste einen Grund zu nennen. Er war mit Sicherheit kein Mann des Widerstands gegen das Hitlerregime. Vielleicht hatte er die Beherrschung verloren und seiner Empörung über die Zerstörung der Synagoge laut Ausdruck verliehen. Das wäre verständlich gewesen, denn er war ein gläubiger Jude, und in ihm war immer noch die Vorstellung wach, dass man Unrecht auch als Unrecht bezeichnen müsse. Das wusste ich von meiner Mutter und Walter Löwenberg, die sich des öfteren mit ihm und seiner Frau unterhalten hatten. Aber niemand hatte derlei vernommen. Am Abend besuchte uns Walter Löwenberg mit seiner Frau. Er erzählte, dass die Geheime Staatspolizei in Wiesbaden viele Juden verhaftet und eingesperrt hatte. Brandstiftungen und Verhaftungen waren also eine abgestimmte Aktion. Alle in unserer Runde befürchteten das Schlimmste. Aber am nächsten Tag war Herr Ackermann wieder im Haus. Keiner der wenigen Bewohner, die noch offen mit den Ackermanns sprachen, hat von ihm je ein Wort darüber gehört, warum man ihn verhaftet und was man mit ihm angestellt hat. Jedenfalls spürten alle im Haus, dass mit dem Novemberpogrom die Verfolgung der Juden eine neue Dimension angenommen hatte. Von nun an ging es um die endgültige Lösung der „Judenfrage“. Das Wort Endlösung kam freilich damals noch nicht vor. Dazu brauchte es drei weitere Jahre. Jahre freilich, in denen die Schikanen, denen Juden unterworfen wurden, an Zahl und Gewicht immer mehr zunahmen. Die Ruine der Synagoge wurde später abgerissen. Ihre exponierte Lage, freistehend inmitten der Stadt, hat offenbar auch die Partei, die SA und die SS gestört, die das Gotteshaus angezündet hatten.   XIV Manche Hausbewohner machten, wenn sie sicher waren, unbelauscht zu sein, im Gespräch unter Nachbarn einen Unterschied zwischen dem fernen „Weltjudentum“ und Leuten wie Herrn oder Frau Ackermann, die zwar Juden seien, aber mit den jüdischen Feinden Deutschlands in Moskau, New York und London, mit dem jüdischen Weltbolschewismus auf der einen Seite und dem jüdischen Weltkapitalismus auf der anderen nichts zu tun hätten und im Grunde anständige Leute seien. Menschen wie Du und ich, gewissermaßen. Ich höre Frau Kleindienst und Frau Matz, Frauen aus dem Vorderhaus, im Gespräch mit meiner Mutter immer noch solche Meinungen äußern. Diese Unterscheidung zwischen fernen, bösen und nahen, guten Juden machte es ihnen möglich, an Hitler und seine Ideen zu glauben oder jedenfalls in einer unfriedlichen Welt in Frieden zu leben und doch gegen die wachsende Entrechtung und Demütigung der Juden zu sein, die sie als Nachbarn respektierten. Dabei fielen Bemerkungen wie die, dass nicht alle Juden schlechte Menschen seien oder dass sie, die Juden, eine solche Behandlung nicht verdient hätten. Jedenfalls nicht alle Juden. Oder: Es wäre besser, wenn die Juden auswandern würden, denn dann würden sie nicht mehr drangsaliert. Tatsächlich blieben die zunehmenden Schikanen, denen die Juden in Deutschland und damit auch die in unserem Haus ausgesetzt wurden, den anderen Bewohnern ganz und gar nicht verborgen. Nach Meinung der genannten Frauen, die sich mitunter mit meiner Mutter unterhielten und nach dem Ergehen unserer jüdischen Verwandten fragten, wusste Hitler gar nichts von dem Unrecht, das in seinem Namen an den Juden begangen wurde. Eine absurde Annahme, wie wir heute wissen und wie man damals schon wissen konnte und wissen musste. Entscheidungen von solchem Gewicht waren Hitler und nur ihm vorbehalten. Wie sonst hätte er auch der allmächtige und allwissende Führer der Nation sein können. Die Haltung dieser Hausbewohner war das kleine Gegenstück zu der prahlerischen Feststellung Hermann Görings: „Wer bei mir Jude ist, bestimme ich“. Er soll das im Zusammenhang mit der Ernennung des Generals der Luftwaffe Milch zum Generalfeldmarschall geäußert haben. Milch soll, im damaligen Jargon gesagt, Halb- oder Vierteljude, Mischling 1. oder 2. Grades in der Terminologie des „Gesetzes zur Erhaltung des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, gewesen sein. Natürlich machte diese Bemerkung damals auch in unserem Haus die Runde. Hitler selbst hat, wie ich viel später gelesen habe, dem Arzt Dr. Eduard Bloch aus Linz, der Hitlers Mutter bis zu deren Tod behandelt hatte, zur Auswanderung unter Mitnahme seines gesamten Vermögens verholfen, als das für Juden längst so gut wie unmöglich war. Auch er hatte also, so verblüffend das klingen mag, seinen Juden. Selbst einige KZ-Kommandanten haben über einzelne Juden ihre Hand gehalten und gleichzeitig Tausende andere in den Tod geschickt. Goebbels beklagte damals in seinen Tagebüchern, dass es de facto unmöglich sei, Deutschland „judenfrei“ zu machen, wenn jeder Deutsche seinen Juden habe. Was mir erst nach einer erregten Auseinandersetzung mit meiner Mutter klar wurde: Die Unterscheidung vom bösen Weltjudentum in Moskau, London und New York und den einzelnen Juden, die man als anständige Menschen kennt und respektiert, musste den Akteuren der Judenverfolgung auch dann unannehmbar bleiben, wenn sie selbst ihre Schutzjuden hatten. Denn ausrotten konnte man nicht das ungreifbare, chimärische Weltjudentum, Produkt einer paranoiden politischen Phantasie, sondern nur die einzelnen Juden, derer man habhaft wurde. Ausnahmen finden sich zu jeder Regel, immer und  überall. Aber eine Verallgemeinerung der Unterscheidung zwischen dem fernen Weltjudentum und den einzelnen Juden in Deutschland und den eroberten Ländern hätte Hitlers Rassenwahn ganz und gar widersprochen. Allenfalls verdienstvolle „Judenmischlinge“ fanden gelegentlich Gnade. Die von Hitler und seinen Paladinen gebilligte Aussparung einzelner Juden bei der Anwendung der Nürnberger Gesetze und ihrer Folgegesetze und -verordnungen war das Ergebnis von Zweckmäßigkeitsüberlegungen. Andere Fälle der Verschonung von Menschen, die im Jargon der Zeit Halb- und Vierteljuden hießen, ergaben sich aus mangelnder Abstimmung zwischen den beteiligten Partei-, Ministerial- und Polizeiinstanzen, waren also Ausnahmen, die am Prinzip nichts änderten. Das Hin und Her der Entscheidungen über die Behandlung von Mischlingen 1. und 2. Grades erklärt sich, wie wir heute wissen, aus Unklarheiten in den einschlägigen Gesetzen und in den ergänzenden Verordnungen und ihrer Auslegung. So entstanden Spielräume, die mitunter zugunsten einzelner „Halbjuden“ oder „Vierteljuden“ genutzt wurden. An der Entschlossenheit Hitlers, die „Judenfrage“ gewaltsam und vollständig zu lösen, haben solche Ausnahmen nichts geändert. Das von ihm geplante Germanische Großreich sollte judenfrei sein. Vielleicht war zunächst tatsächlich nur an eine Vertreibung, nach Madagaskar oder Sibirien, in ferne Groß-Ghettos gedacht. Man hat Grund, das zu bezweifeln. Aber auch dann, wenn man die Reden über ein von Hitlers Gnade beherrschtes Judenreservat ernst nimmt: Solche Möglichkeiten standen nach dem Fehlschlag der Aktion „Barbarossa“, des Blitzkriegs gegen Russland, nicht mehr zur Verfügung, sodass in der abwegigen Phantasie Hitlers offenbar nur noch die physische Vernichtung aller Juden in seinem schrumpfenden Herrschaftsbereich in Frage kam. Nimmt man indessen seine frühen Reden von der „Ausrottung“ des Judentums ernst, dann muss man davon ausgehen, dass das Gerede von Madagaskar oder Sibirien als Verbannungsgebieten nur Camouflage war, die er seinen Gehilfen überließ, um die öffentliche Meinung im In- und Ausland zu beschwichtigen. Auch die Massenerschießungen sowjetischer Juden unmittelbar hinter den vorrückenden deutschen Truppen im Sommer 1941 spricht gegen die Annahme, dass der Beschluss zur physischen Ausrottung der europäischen Juden erst nach dem Fehlschlag des Russlandfeldzugs gefasst worden sei. Man muss kein Historiker sein, um solche Schlüsse zu ziehen. Sie bleiben freilich Mutmaßungen, weil schriftliche Beweise nicht verfügbar sind. Jedenfalls, um darauf zurückzukommen, haben Hitler und seine Gefolgsleute nicht zwischen zweierlei Arten von Juden, bösen und guten, unterschieden. Sie wollten alle Juden loswerden. Selbst die zunächst von der Verfolgung ausgenommenen jüdischen Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs wurden am Ende gnadenlos in die Gaskammern geschickt. Anerkennung mag jenen gebühren, die einzelne Juden als Mitmenschen sahen und ihnen überdies vielleicht sogar halfen, obwohl sie die absurde Vorstellung von der Verschwörung des Weltjudentums gegen Deutschland teilten. Wir kennen solche Fälle aus biographischen und autobiographischen Publikationen. Diese Menschen waren irregeleitet von der Existenz jüdischer Politiker in den amerikanischen, englischen und sowjetischen Führungsgremien, von trivialen Tatsachen, die von der Propagandamaschine Goebbels’ genutzt wurden, eine jüdische Weltverschwörung zu erfinden. Aber diese Menschen waren und blieben mit ihrer Einstellung eine Stütze des herrschenden Rassenwahns und seiner furchtbaren Konsequenzen. Das musste ich damals auch gegen mich selbst gelten lassen.  Denn auch ich hatte mich in meinen Knabenjahren zunächst in diese Nische verkrochen, hatte die nationalsozialistische Doktrin vom Weltjudentum angenommen und ohne viel Nachdenken nachgeplappert und zugleich meine Verwandten, die Löwenbergs ebenso wie die Familien Ackermann, Löwenstein und Strauss in unserem Haus als anständige Menschen von dieser Verteufelung ausgenommen und die antijüdischen Maßnahmen des Hitlerregimes verurteilt, weil sie, wie ich damals mit der Bestimmtheit eines besserwisserischen Knaben erklärte, die Falschen trafen. Ich wollte, um ein englisches Sprichwort zu verwenden, den Kuchen zugleich haben und essen. Soll sagen: Ich wollte zugleich auf der Seite Hitlers und der seiner erklärten Opfer sein, von denen ich doch einige sehr gut  kannte. Darunter die Spielgefährten meiner Kindheit. Es hat noch eine Weile gebraucht, bis ich mich aus dieser Falle befreien konnte. Andere sind bis in die Nachkriegszeit bei der Unterscheidung von Weltjudentum und einzelnen Juden geblieben. Ich werde nie vergessen, was mir meine Mutter erwiderte, als ich, ein Fünfzehnjähriger, in Gegenwart von Walter und Cilla Löwenberg, beide Juden, die Unterscheidung zwischen dem fernen Weltjudentum und den anständigen Juden in Deutschland machte, die für die Untaten jener leiden müssten. Meine Mutter fragte mich voller Zorn, worin denn nach meiner Meinung der Unterschied zwischen Juden in Amerika, England oder Frankreich und denen in Deutschland bestehen solle, ob die Juden dort nicht auch Arbeiter, Buchhalter, Hausfrauen, Anwälte, Ärzte oder Künstler seien wie ihre christlichen Landsleute. Welche jüdischen Geheimbünde denn nach meiner Meinung zur Weltherrschaft strebten, und welche Zaubermittel ihnen zur Verfügung stünden, um die Mehrheit der Bürger ihrer Länder in einen Krieg gegen Deutschland zu stürzen. Ob ich glaubte, dass nichtjüdische Politiker wie Churchill und Roosevelt Hohlköpfe seien, die sich von heimtückischen Juden über das Ohr hauen ließen. Und ob es nicht Hitler gewesen sei, der diesen Krieg ohne Not angefangen habe. Ich solle das doch einmal in einfachen Worten erklären. Sie sagte das in großer Erregung und mit Tränen in den Augen. Natürlich konnte ich diesen, vom unverbogenen Verstand meiner Mutter bestimmten Feststellungen nichts Einleuchtendes entgegensetzen. Mir blieb, ebenfalls mit Tränen in den Augen, nur die trotzige Erklärung, dass ich mit meiner Überzeugung nicht allein stünde. Dass jeder die Namen der Juden kenne, die an der Spitze der in Moskau, London und New York Verantwortlichen stünden und die ganze Welt gegen Deutschland aufhetzten. Mehr ist mir damals als Erwiderung nicht eingefallen. Walter Löwenberg, ein Jude, dem Schlimmes durch die Nationalsozialisten widerfahren war und weiterhin widerfahren würde, hat dann dem Streit mit der Bemerkung „Lass den Bub gehen. Er kann doch nichts dafür“ ein Ende gesetzt. Alle Anwesenden blickten beklommen und starr aneinander vorbei, bis Walter Löwenberg aufstand und die Stille mit der Feststellung beendete, dass er nun gehen müsse. Als er und Cilla gegangen waren, herrschte völlige Stille im Raum. Über Wochen hin haben meine Mutter und ich kein Wort mehr miteinander gesprochen. Ich habe dieses erregte Gespräch nie vergessen. Walter Löwenberg sicherlich auch nicht. Aber er hat mir, einem vorlauten Knaben, die törichten Bemerkungen nicht nachgetragen. Er war Schlimmeres gewöhnt. Dieses Buch ist darum auch eine Hommage an meine Mutter. Weil sie, eine einfache, aber lebenskluge und warmherzige Frau, unseren bedrängten jüdischen Verwandten bis zur Verhaftung und Deportation ohne Rücksicht darauf beigestanden hat, dass sie sich selbst damit in Gefahr begab. Weil sie auch den Juden in unserem Haus bis zu deren „Umsiedlung“ mit Freundlichkeit und Herzlichkeit begegnet ist, obwohl solche Kontakte in den späten Hitlerjahren verboten waren und bestraft wurden, wenn sie den Partei- und Polizeistellen durch Denunzianten zu Ohren kamen. Weil sie mir mit ihrem unverbildeten Verstand immer wieder geholfen hat, den menschenfeindlichen Parolen der Nazidoktrin zu entkommen und zu beherzigen, was ich als Kind gelernt und verinnerlicht hatte. Dass alle Menschen Gottes Geschöpfe und darin gleich sind. Dass Gott alle Menschen mahnt, den Nächsten wie sich selbst zu lieben. Die Ermahnungen meiner Mutter haben aus mir keinen religiösen Menschen gemacht, keinen Kirchgänger, der sie selbst nicht war, aber jemanden, der zeitlebens versucht hat, Gut und Böse zu unterscheiden und danach zu handeln. Dass mir das in der langen Zeit meines Lebens nicht immer gelungen ist, war gewiss nicht die Schuld meiner Mutter. Sie bleibt für mich im Rückblick eine Heldin des Alltags in den Jahren, in denen es in unserem Land nicht sehr viele mutige Menschen gab, weil es damals schwierig und gefährlich war, das Böse böse und das Gute gut zu nennen und danach zu handeln. Eine solche Haltung wurde von den Nationalsozialisten als „Humanitätsduselei“ verpönt und streng bestraft, wenn sie mit Handlungen verbunden war, die ihnen nicht passten. Das Wort „Weltjudentum“ ist von da an auch nicht mehr über meine Lippen gekommen. Weil ich nun wusste, was der gesunde Menschenverstand auch einem Fünfzehnjährigen von vornherein leicht hätte klarmachen können: Dass man nicht gegen das sogenannte Weltjudentum sein kann, ohne die Juden in der eigenen Umgebung, Menschen also, die man kannte und schätzte, ebenfalls zu meinen und zu treffen. Mehr noch: Dass es immer einzelne Menschen sind, kleine und große, junge und alte, arme und reiche, kluge und dumme, weiße und schwarze, die da zu Kollektiven zusammengedacht und mit diesen oder jenen Eigenschaften etikettiert werden. Später fiel mir dazu das ironische Wort eines berühmten Philosophen ein: „Man kann die Menschen einteilen in Dienstmädchen, Schornsteinfeger und Offiziere“. Oder eben in Arier, Juden und Mischlinge ersten und zweiten Grades.  XV Ich bin damals, als Fünfzehnjähriger, natürlich nicht einfach zum engagierten Gegner des Hitlerregimes mutiert. Es blieb vorerst immer noch der Glaube daran, dass das Vaterland, von mächtigen Feinden umringt, gerettet werden müsse und dass Hitler der Mann sei, dem dieses Wunder gelingen könne. Genau genommen hatte ich mich also aus der einen Falle befreit, um in die nächste zu geraten. Statt die innere Lossagung von Hitler zu Ende zu bringen und die ganze Nazidoktrin als Aberwitz zu erkennen, habe ich mich damals, in den letzten drei Kriegsjahren, wie viele Gleichaltrige dem Nachdenken über den Nationalsozialismus und seine Botschaft völlig und der Teilnahme an Treffen und Aufmärschen der Hitlerjugend nach Möglichkeit entzogen und mir stattdessen in der Lektüre klassischer Werke, im Hören von Jazz und dem Sammeln und Tauschen von Schallplatten mit Aufnahmen berühmter amerikanischer und englischer Jazz-Musiker mein eigenes inneres Reich geschaffen. Ich lebte gleichzeitig in Welten, die einander genau genommen ausschlossen. Ein Kunststück, das damals viele Menschen übten, wie ich mittlerweile weiß. Der Teilnahme an den sonntäglichen Treffen der Hitlerjugend konnte ich mich nicht völlig entziehen. Die Mitgliedschaft und Teilnahme war verordnete Pflicht, und die Hitlerjugend setzte ihren Streifendienst und sogar die örtliche Polizei ein, um unwillige Jugendliche in der Wohnung festzunehmen und zu den sonntäglichen Treffen zu schleppen, vor denen jene sich drücken wollten. Man konnte dem nur entkommen, wenn man sich schon am frühen Morgen aus der Wohnung entfernte und so ungreifbar war. Wurde man ertappt, musste man die alberne Marschiererei auf Schulhöfen, öffentlichen Plätzen und Straßen und das Absingen der immergleichen Lieder mitmachen. Dabei bot die Hitlerjugend in den letzten Kriegsjahren bei ihrem öffentlichen Erscheinen alles andere als ein stolzes Bild, denn nach den wenigen Reihen der aktiven Mitglieder in Uniform trotteten die vielen Unwilligen in Zivil, darunter die Jazz-Freunde in weißen Schals, langen Haaren und weiten Hosenbeinen, durch die Straßen. Die Hitlerjugend-Führer waren völlig machtlos, weil es natürlich keine Uniformen mehr zu kaufen gab. Im übrigen war nur die Mitgliedschaft und Anwesenheit Pflicht, nicht aber die Teilnahme in Uniform. Obwohl man mitunter Hitlerjugend-Uniformen kaufen konnte, wenn man freigegebene Punkte auf der Kleiderkarte übrig hatte. Zum Glück für die Partei waren die Straßen am Sonntag-vormittag so gut wie leer, so dass kaum jemand das jämmerliche Bild erblickte, das die Hitlerjugend-Kolonnen damals boten. Den Verweigerern, die den Hitlerjugenddienst schwänzten, geschah meist nichts, weil sie noch minderjährig waren. Es konnte aber die Eltern, in Abwesenheit der meisten Väter also die Mütter treffen, die von der Polizei einbestellt und der Vernachlässigung ihrer Pflichten als Erziehungsberechtigte beschuldigt wurden. So wurde auch meine Mutter zum Polizeipräsidium beordert und streng ermahnt, dafür zu sorgen, dass ich regelmäßig an den Veranstaltungen der Hitlerjugend teilnehme. Darum habe ich meiner Mutter zuliebe mit Unterbrechungen am Dienst der Hitlerjugend teilgenommen, bin mit langen Haaren, weißem Schal und weiten Hosenbeinen manchmal mitgelaufen, habe die albernen Marschlieder falsch mitgesungen und erfreut beobachtet, dass allmählich die Zahl der Nicht-Uniformierten zu- und die der Uniformierten abnahm. Wiederum will ich nicht sagen, dass die Nicht-Uniformierten, die Widerspenstigen, ausgesprochene Nazigegner waren. Das weiß ich nicht, weil man über den Spott auf die Hitlerjugend-Führer hinaus kaum miteinander gesprochen hat. Man wusste, wohin abträgliche Bemerkungen führen konnten, wenn man denunziert wurde. Also hat man lieber den Mund gehalten oder Unverfängliches gesagt. Ich denke, dass die meisten der Nicht-Uniformierten die stupide Marschiererei und Schurigelei einfach satt hatten.  XVI Ungeachtet der Tatsache, dass die Juden in Wiesbaden wie anderswo in Deutschland unter jedermanns Augen einer ständig wachsenden Entrechtung und Demütigung ausgesetzt waren, gab es mancherorts erstaunliche Fälle menschlicher Zuwendung. Auch in unserem Haus. Die Kinder, die Herrn Ackermann und andere Menschen, von denen sie wussten, dass sie Juden waren, auf der Straße mit lautem „Jud, Jud, Jud“ attackierten, machten manchmal verblüffende Unterschiede. Ich habe bereits berichtet, dass vor Kriegsbeginn weitere jüdische Familien, Hermann und Selma Löwenstein und ihre Tochter Ilse im Jahre 1938, Hilda und Liebmann Strauss im Jahre 1939 in freigewordene Wohnungen im Vorderhaus eingewiesen wurden und dass die Ackermanns und die Löwensteins in ihren Wohnungen bald weitere Juden aufnehmen mussten, so dass jeder einzelnen Familie nur noch ein Zimmer und die gemeinsame Küchen- und Badbenutzung mit den Eingewiesenen blieben. Sie lebten von da an unter engeren Verhältnissen als die Arbeiter im Hinterhaus. Zu den Eingewiesenen gehörte auch Albert Wolf, der bei Löwensteins wohnte. Albert Wolf war als schwer Behinderter viele Jahre im Kalmenhof, einer jüdischen Heil- und Pflegeanstalt in Idstein im Taunus, betreut worden, und nach der von den Behörden erzwungenen Auflösung dieser jüdischen Einrichtung im Jahre 1938 nahmen sich Selma und Hermann Löwenstein in unserem Haus seiner an, denn die in Idstein entlassenen jüdischen Behinderten mussten in privaten Haushalten untergebracht werden, wenn sich keine jüdische Einrichtung fand, die freie Plätze hatte. Albert Wolf, damals ein Mann um Mitte vierzig, hatte, wie man im Hause ohne genaues Wissen mutmaßte, eine Nervenkrankheit, die freilich niemand zu benennen wusste, zu einem körperlich schwer behinderten Mann gemacht. Meine Mutter äußerte Zweifel an diesen Vermutungen. Nach ihrer Meinung konnte die körperliche Beeinträchtigung von Albert Wolf auch angeboren sein. Jedenfalls: Er konnte nur mit großer Mühe gehen, das Gesicht war durch ständige Zuckungen entstellt, und mit seinen zitternden Händen konnte er auch kleine Gegenstände nur unter Anstrengung halten. Ich sehe ihn, penibel in Anzug und Krawatte gekleidet, immer noch an der Mülltonne im Hof lehnen, seine einzige, Tag für Tag genutzte Möglichkeit, an die frische Luft zu kommen, von den Kindern umringt, die ihn „Albert“ nannten und ihm freundliche Fragen stellten, die er wegen seiner Behinderung nicht verständlich beantworten konnte. Manchmal brachte eines der Kinder Albert einen Apfel mit, den er dann verlegen in seinen zitternden Händen hielt. Die meisten Erwachsenen im Haus haben diesen Mann respekt- und mitleidvoll gegrüßt. Bis er dann Mitte Dezember 1940, also lange vor  der Deportation der anderen jüdischen Bewohner des Hauses, unversehens verschwunden war. Es hieß, er sei nach Mainz umgezogen. Meine Mutter hatte damals den Verdacht, dass Albert Wolf im Rahmen des Euthanasie-Programms abgeholt und umgebracht worden sei. Eine Aktion, der in den Jahren 1939 bis 1941 in Deutschland rund 120.000 körperlich und geistig Behinderte, Missgebildete und Träger von Erbkrankheiten zum Opfer fielen. Sie wurden in sogenannten Pflegeeinrichtungen gnadenlos umgebracht. Erst mit Giftinjektionen, dann in Gaskammern in den „Heil- und Pflegeanstalten“. Albert Wolf musste durchaus zu dieser Gruppe von Menschen gerechnet werden. Darum will ich einige Worte zur Euthanasie-Aktion sagen. Auch deshalb, weil ein Teil der in diesem Programm Tätigen bald danach beim Aufbau und Betrieb der Vernichtungslager im „Osten“ beschäftigt wurden, in denen unsere jüdischen Verwandten und Nachbarn den Tod fanden. Hitler hatte in einer geheimen Anweisung im Oktober 1939 die Vernichtung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ befohlen und dabei den verharmlosenden Ausdruck „Gnadentod“ verwendet. Die Auswahl und der Transport der Opfer oblag Tarnorganisationen, und die Ermordung fand in den „Heil- und Pflegeanstalten“ Grafeneck, Hadamar, Brandenberg, Bernburg, Hartheim und Sonnenstein statt. Die Opfer wurden in Gaskammern oder durch Giftinjektionen umgebracht. In den Tötungsanstalten wurden Standesämter eingerichtet, die den Hinterbliebenen den unerwarteten Tod ihrer Angehörigen mitteilten und die Übergabe der Urne mit der Asche der Ermordeten anboten. Falls es überhaupt die Asche des betreffenden Opfers war. Eine infame Täuschung der Angehörigen. Diese Mordserie wurde wegen der Unruhe in der deutschen Bevölkerung und nach kritischen öffentlichen Äußerungen von kirchlicher Seite im August 1941 vorgeblich abgebrochen, also zu einer Zeit, als hinter den vorrückenden deutschen Truppen in der Sowjetunion die SS-Einsatzgruppen bereits ihr blutiges Geschäft aufgenommen hatten. Trotz offiziellen Abbruchs der Euthanasie-Aktion gingen die Morde in Deutschland im Geheimen bis zum Ende des Krieges weiter. Es waren noch einmal rund 30.000 Menschen, die den „Gnadentod“ fanden. Darunter KZ-Häftlinge, die als „lebensunwert“ eingestuft und vor Ort ermordet wurden. Rechnet man die entsprechenden Morde in den von Deutschland besetzten Ländern hinzu, dann kommt man auf rund 250.000 Opfer des „Euthanasie“-Programms. Die Euthanasie-Aktion war die Vorstufe zur massenhaften Ermordung der Juden im deutschen Herrschaftsbereich, die 1941 ihren Anfang nahm. Die „Euthanasie“-Morde waren gewissermaßen der Probefall für die millionenfache Ausrottung „unwerten“ Lebens. Ein großer Teil des Personals der Euthanasie-Aktion wechselte als Spezialisten für Massentötungen in die Vernichtungslager, die ab 1941 in Osteuropa errichtet wurden. Auch im Vernichtungslager Sobíbor, in dem die Familien Ackermann, Löwenstein und Löwenberg im Juni 1942 ermordet wurden, hatten der Kommandant, sein Stellvertreter und ein Teil der anderen SS-Angehörigen Erfahrungen im Rahmen des „Euthanasie“-Programms in Deutschland gewonnen. Die Tatsache, dass sich damals in der deutschen Bevölkerung und auf kirchlicher Seite Widerstand gegen die Massenmorde in deutschen „Heil- und Pflegeanstalten“ regte, erklärt auch, warum die Vernichtungslager im fernen Polen errichtet und mit Hilfe von ukrainischen Hilfskräften betrieben wurden, die kaum Deutsch sprachen und keine Angehörigen in Deutschland hatten, denen sie Informationen über ihre Arbeit hätten zukommen lassen können. Ähnliche öffentliche Proteste der Kirchen wie bei der „Euthanasie“-Aktion hat es übrigens bei der Deportation und Ermordung der deutschen Juden nicht gegeben. Es waren einzelne, mutige Geistliche, die ihre Stimme erhoben und ihre Courage meist bitterlich bezahlen mussten. Aber auch dem katholischen Bischof von Münster, Graf von Galen, der in einem Hirtenbrief gegen die Euthanasie-Morde protestierte, hat Hitler in seiner Tafelrunde zornig für die Zeit nach dem Krieg Rache versprochen. Ohnehin wollte er die christlichen Kirchen und ihr Gerede von der Nächstenliebe abschaffen. Albert Wolf ist in Wirklichkeit weder im Rahmen des Euthanasie-Programms noch als Betroffener der Deportationen gestorben, denen seine zeitweilige Pflegefamilie, die Löwensteins, im Sommer 1942 zum Opfer fielen. Er ist vielmehr im jüdischen Altersheim in Mainz untergekommen und dort im Dezember 1941 im Alter von 49 Jahren eines natürlichen Todes gestorben. Diese jüdische Einrichtung wurde im folgenden Jahr geschlossen. Die Insassen wurden wie die meisten anderen Mainzer Juden deportiert und ermordet. Dieses Schicksal ist Albert Wolf erspart geblieben. Er hätte den tagelangen Transport gar nicht überlebt.  XVII Ich möchte nun etwas über unsere jüdischen Verwandten sagen, die uns in der Hermannstraße, im „Judenhaus“, oft besucht haben, solange sie noch nicht deportiert worden waren. Walter Löwenberg und seine Schwester Zerline, Cilla genannt, waren diejenigen der erwachsenen jüdischen Verwandten, die ich von Kindheit an am häufigsten gesehen habe. Er und seine Frau Lina, die Schwester meiner Mutter, kamen oft zu Besuch, und dann führte er meist das große Wort. Er war ein einfacher Mann, sein Wortschatz war eher begrenzt, aber er hatte einen klaren Kopf, einen nüchternen Sinn für das Wirkliche und das Mögliche. Der Sarkasmus, mit dem er Hitler, die Hitlerpartei und die wachsenden Schikanen gegen Juden kommentierte, ist mir in steter Erinnerung geblieben. Er hat schon 1934, als er aus dem Gefängnis entlassen war, vieles von dem vorhergesagt, was dann in den kommenden Jahren Wirklichkeit wurde. Ein bemerkenswerter Mann, gerade weil er keinerlei gehobene Schulbildung erfahren hatte, die ihn hätte in die Lage versetzen können, seine Meinung in gedrechselte, mit Fremdwörtern gespickte Sätze zu kleiden. Aber er hatte, was man einen gesunden Menschenverstand nennt, und den ließ er sich zu keiner Zeit nehmen. Walter Löwenbergs Frau Lina war, gewissermaßen zum Ausgleich seiner zierlichen Gestalt, eine große, stämmige, übergewichtige Frau. Sie gab ihrem Mann, solange es um Politik ging, immer recht, beschwerte sich freilich über die vielen Zigaretten, die er, eine nach der anderen, rauchte und die gelben Finger und Zähne, die er davon hatte. Ein Paar, das ob seiner äußerlichen Verschiedenheit andere ein wenig lächeln ließ. Aber sie waren beide gutherzige Leute, die in schweren Zeiten in Liebe zusammengehalten haben. Vier von den zwölf Hitlerjahren hat Walter Löwenberg im Gefängnis und im Konzentrationslager verbracht, und einundeinhalb Jahre lang hat er den Judenstern getragen und Zwangsarbeit verrichtet. Stundenlohn: 3 Pfennige. Das war damals der Preis eines kleinen Brötchens. Seinen trockenen Humor hat er nie verloren und auch nicht die sarkastische Art, in der er ungeniert über Hitler und sein Regime redete. Seine Frau hat ihn immer an der Jacke gezupft, wenn er wieder einmal Menschen gegenüber unvorsichtig redete, die er kaum kannte. Das hat ihn dann auch nach Dachau gebracht. Aber er war, wie er immer wieder betonte, ein Glückspilz, der Schlimmes ohne größeren Schaden überstanden hat. Das konnten seine drei Geschwister nicht behaupten. Zerline Löwenberg, in der Familie Cilla genannt, damals um vierzig, muss als junges Mädchen schön gewesen sein. Das konnte man noch erkennen. Glänzende schwarze Haare, große dunkle Augen, einen schmalen Nasenrücken und schöne Zähne, die nun freilich vom Tabakteer verfärbt waren, so habe ich sie in Erinnerung. Sie rauchte nämlich, darin ihren Brüdern Walter und Lothar gleich, eine Zigarette nach der anderen. Sie war Kettenraucherin. Das verursachte schnell wiederkehrende Hustenanfälle, die mich Abstand suchen ließen, wenn ich sie mit meiner Mutter und anderen Löwenbergs besuchte oder wenn sie bei uns zu Besuch war. Als zwanzigjähriges Mädchen war sie mit einem französischen Besatzungssoldaten marokkanischer Herkunft befreundet, und dieser Liaison entstammte ihr Sohn Kurt. Er, ein wenig älter als ich, fiel schon als kleiner Junge durch seinen fremden Gesichtsschnitt und die dunklere Hautfarbe auf, und darunter hatte er zu leiden, weil er von den anderen Kindern verspottet und gemieden wurde. Später hat sich seine Mutter mit einem Nichtjuden zusammengetan, und dieser Verbindung entstammten zwei Kinder. Meine Cousine Helga und mein Cousin Karl-Heinz. Helga Löwenberg, die später mit ihrer Mutter und ihrem Bruder deportiert und ermordet wurde, war, wie ihre Mutter in jungen Jahren, ein sehr schönes Mädchen, das sich von klein auf der anerkennenden Blicke der Erwachsenen sehr bewusst war. Kurt, Helga und Karl Heinz gingen bis zu ihrer Deportation in die Schule, vor 1938 in die deutsche, nach 1938 in die jüdische Schule, die von der jüdischen Gemeinde in der Mainzer Straße eingerichtet worden war, weil jüdische Kinder deutsche Schulen nicht mehr besuchen durften. Die vier, Zerline und ihre drei Kinder, waren eine Familie, die eng zusammengehalten hat. Sie haben ihr eingeschränktes Leben selber bestritten, sind niemandem zur Last gefallen. Auch nicht der jüdischen Gemeinde, der sie angehörten. Und sie waren, die Mutter und jedes ihrer Kinder, sympathische Menschen. Aber eben arme, sehr arme Juden. Sie wohnten zunächst in der Adlerstraße, im Bergkirchenviertel, wo die meisten Löwenbergs wohnten. Wie das Westend ein Wohnviertel der kleinen Leute. Vor ihrer Deportation wurden sie in ein „Judenhaus“ in der Ludwigstraße eingewiesen, wo sie in einem kleinen Zimmer mit Küchenbenutzung leben mussten. Auch die anderen Bewohner dieses Hauses waren jüdische Familien, die aus ihren früheren Wohnungen vertrieben worden waren. Meine Mutter und ich haben Cilla, Kurt, Helga und den kleinen Karl Heinz manchmal besucht, und dann war in dem kleinen Zimmer kaum Platz für so viele Menschen. Und immer, sommers wie winters, musste das Fenster geöffnet werden, weil Cilla Löwenberg eine Zigarette nach der anderen rauchte.  Walter Löwenberg hatte, wie schon berichtet, einen älteren Bruder, Lothar, und neben Zerline eine zweite Schwester, Martha, alle kurz vor oder nach der Jahrhundertwende geboren, damals also dreißig bis vierzig Jahre alt. Zu Martha Löwenberg, die mit einem Nichtjuden, Conrad Leonhardt, Schiffsingenieur und ebenfalls engagierter Kommunist, verheiratet war und mit ihm vier Kinder hatte, waren unsere Kontakte eher selten. Ich habe Martha Leonhardt nur wenige Male bei den anderen Löwenbergs getroffen. Darum kann ich über sie und ihre Familie wenig sagen. Sie und ihr nichtjüdischer Mann sind, getrennt voneinander, deportiert und umgebracht worden. Ihre Kinder, allesamt im Jargon der Hitlerzeit „Halbjuden“, wurden nach der Verhaftung ihrer Eltern in jüdischen Kinderheimen untergebracht. Sie haben den Krieg in verschiedenen Heimen, später im Konzentrationslager Bergen-Belsen überlebt, und sie sind nach ihrer Befreiung nach Palästina ausgewandert. Später haben sie in Dokumenten, die ihnen im Rahmen des Entschädigungsverfahrens bekannt wurden, erfahren, dass ihr Vater Conrad Leonhardt, ein Nichtjude, 1941 laut Aussage der Polizei in Wiesbaden als „Berufsverbrecher“ verhaftet, als „Schutzhäftling“ in das Konzentrationslager Natzweiler eingewiesen und 1943 nach Buchenwald verlegt worden war, wo er 1944 als Arbeiter im berüchtigten Nebenlager „Dora“ zu Tode kam, einer unterirdischen Produktionsstätte, die auch vom damaligen Rüstungsminister Speer inspiziert wurde, einem Mann, der  als Angeklagter in den Nürnberger Prozessen ernstlich beteuert hat, von der „Vernichtung durch Arbeit“ nichts gewusst zu haben, geschweige denn von den Gaskammern in den Arbeits- und Vernichtungslagern im „Osten“. Konrad Leonhardt wies, wie seine Kinder damals festgestellt haben, keinerlei Eintrag im Strafregister auf. Er war ein unbescholtener Mann, ein Kommunist, der freilich seinen Mund nicht halten konnte.  XVIII Walter, Lina, Ilse, Zerline, Helga, Kurt und Karl Heinz Löwenberg waren also die jüdischen Verwandten, die bei uns und bei denen wir ein- und ausgingen, bis sie deportiert worden sind. Helga und Ilse Löwenberg waren meine ständigen Spielgefährtinnen, denn alle Löwenbergs wohnten im gleichen Stadtteil, im Bergkirchenviertel. Dort lebte auch ihr Vater, Moses Löwenberg. Seine Frau Amalie war schon lange tot. Die Familie Löwenberg lebte seit Generationen in Wiesbaden. Ursprünge und Beziehungen zu den zahlreichen anderen jüdischen Löwenbergs in Wiesbaden und anderswo kenne ich nicht. Der Vater von Lothar, Walter, Zerline und Martha, Moses Löwenberg, war, als ich ihn kennenlernte, ein alter, verwitweter Mann, der allein in einer kleinen Wohnung im Bergkirchenviertel, einem Wohnviertel armer Leute, lebte. Die jüdische Gemeinde beschäftigte ihn in den Dreißiger Jahren als Gärtner und Gehilfen auf dem jüdischen Friedhof an der Platter Straße. Mutmaßlich hat man ihn damit unterstützt, weil seine Rente gekürzt oder gestrichen worden war. Dort habe ich ihn als acht- bis zehnjähriger Junge, allein oder von Helga und Ilse begleitet, manchmal besucht.  Der jüdische Friedhof hat damals aus mehreren Gründen großen Eindruck auf mich gemacht. Da waren einmal die hebräischen Inschriften auf den Grabsteinen, fremde Zeichen, die ich mir von Moses Löwenberg erklären und aufschreiben ließ. Zu Hause habe ich dann die hebräischen Zeichen und ihre Verknüpfung mit den Konsonanten der lateinischen Blockschrift auswendig gelernt und deutsche Namen und andere Wörter mühevoll und nicht immer korrekt in die vokallose, von rechts nach links geschriebene hebräische Schrift übertragen. Die lateinische Blockschrift kannte ich aus dem ersten Schuljahr. Die Schulanfänger kamen damals jeder mit einer holzgerahmten Schiefertafel, mit Schwämmchen und Griffeln in die Schule, und das Schreiben und Lesen der Wörter und Sätze wurde durch Abschreiben dessen geübt, was der Lehrer in Blockschrift auf der großen Schiefertafel an der Wand des Klassenzimmers angeschrieben hatte. Schreibhefte, Federhalter und Tinte wurden erst ab der zweiten Klasse verwendet, und dann erst wurde auch die Blockschrift durch die deutsche Schreibschrift abgelöst. Heute ist diese, die Sütterlin-Schrift der ersten Schuljahre, meine Geheimschrift, weil Jüngere und Fremde sie nicht lesen können. Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, in jungen Jahren von mir in Sütterlin Geschriebenes noch zu entziffern. Damals habe ich meine hebräischen Notizen stolz als Geheimschriften in der Schublade aufbewahrt. Sie waren das Ergebnis meiner ersten Versuche, eine fremde Sprache zu erlernen. Wenn auch nur ihre Schriftzeichen. Nicht nur die hebräischen Inschriften, sondern auch die Steine, die auf manchen Grabstätten lagen, weckten meine Neugier. Moses Löwenberg erklärte mir, dass diese Steine von den Besuchern auf die Grabsteine gelegt werden, weil sie an Sand und Steine der Wüste erinnern sollen, die von den Israeliten bei der Flucht aus Ägypten durchquert werden musste. Sie seien ein Zeichen der über den Tod hinaus bestehenden jüdischen Identität und damit auch der Erinnerung an den Toten. Dann die vielen deutschen Namen auf den Grabsteinen: Rosenberg, Löwenberg, Rosenthal, Löwenstein, Fuchs, Wolf, Stern, Friedmann, Bernstein, Nürnberger, Mannheimer und viele andere. Ich wollte von Moses Löwenberg wissen, warum die Juden, die doch, wie ich im Religionsunterricht und im Kindergottesdienst der Evangelischen Kirche gelernt hatte, aus Israel kamen und also biblische Namen hatten, diese deutschen Namen erhalten oder angenommen haben. Der alte Mann tat sich offensichtlich schwer, diese Frage schlüssig zu beantworten. Er meinte, dass die Juden ursprünglich überhaupt keine Familiennamen gehabt hätten, dass sie erst im Zuge der Judenemanzipation durch die Behörden der Länder, in denen sie lebten, genötigt worden seien, eingetragene Familiennamen zu führen. Auch die Christen hätten ja jahrhundertelang keine Familiennamen geführt. Aber auch ohne amtlichen Zwang sei es zweckmäßig gewesen, wie die Christen Familiennamen anzunehmen. Das habe den geschäftlichen Umgang mit Nichtjuden erleichtert. Viele Juden hätten damals ihre Geburts- oder Wohnorte, ihren Beruf oder aber Herkunft und Beruf ihrer Vorfahren oder sinngemäße Übertragungen hebräischer Bezeichnungen als Familiennamen gewählt. Vielfach hätten die Behörden den Juden auch Namen aufgezwungen. Manchmal Namen mit abfälliger Bedeutung. Damals gab ich mich mit diesen Antworten zufrieden. Heute weiß ich, dass die Erklärung jüdischer Familiennamen einen längeren Atem braucht, dass es ein Buch mit vielen Kapiteln ist. Meine Frage nach dem Unterschied zwischen Judentum und Christentum versuchte der alte Mann, der wusste, dass Ilse und ich Evangelische, dass wir Getaufte waren, in einfachen Worten zu beantworten. Damals, nach Jesu Auftreten, hätten einige Juden, eine Minderheit, geglaubt, Jesus sei der in den Heiligen Schriften verhießene Messias und die anderen, die Mehrheit der Juden, hätten das eben nicht geglaubt. Die Judenchristen hätten ihre Botschaft in alle Welt getragen, die Mehrheit der damaligen Juden hingegen sei bei ihrem überkommenen Glauben geblieben. Es war ihm erkennbar unbequem, mit uns Kindern über diese Dinge zu sprechen. Darum habe ich auch nicht auf weiteren Erklärungen bestanden. Gerne hätte ich allerdings von ihm gewusst, warum die Juden Jesus Christus nicht als Messias anerkennen, aber ich habe die Frage unterlassen. Im Kreise einer evangelischen Mutter, ihrer evangelischen Geschwister und deren Kindern, eines katholischen Adoptivvaters, seiner katholischen Geschwister und deren Kindern war ich als Knabe schon daran gewöhnt, dass Menschen sehr verschiedene Vorstellungen von Gott, Gottesglaube und Gottesdienst haben. Der jüdische Glaube, in dem alle Löwenbergs erzogen worden sind, war darum für mich schon damals eine unter mehreren Möglichkeiten der auf die Bibel gestützten Religiosität, und im Laufe meines Lebens habe ich den Gottesglauben in manchen anderen Formen kennengelernt, ohne mich je an eine von ihnen zu binden. Was mir wichtig war: Alle großen Konfessionen fordern uns auf, gute Menschen zu sein, und die Vorstellungen davon sind nicht so sehr verschieden. Jedenfalls gilt das für die großen Weltreligionen. Bei Hitler und den „Deutschen Christen“ tauchte dieses Ansinnen an keiner Stelle auf, und deshalb konnte man nicht ein guter Christ sein und zugleich Hitler verehren. Es hat einige Jahre gebraucht, bis ich das begriffen habe. Meine Mutter und Pfarrer Merten von der Ringkirchengemeinde haben mir zu dieser Einsicht verholfen. Auch Moses Löwenberg hätte mir das bestimmt gesagt. Ich will nicht den Eindruck erwecken, als hätte ich mit Moses Löwenberg ernsthafte Gespräche über Fragen des Glaubens zu führen versucht. Dafür waren wir beide nicht recht geeignet. Ich jedenfalls verfügte gar nicht über den Wortschatz und das Wissen, deren eine ernsthafte Beschäftigung mit den erwähnten Fragen bedurft hätte. Was ich klugtuend von mir gab, hatte ich im evangelischen Kindergottesdienst gelernt, an dem ich als acht- bis zwölfjähriger Junge teilnahm. Der Jüdische Friedhof war vielmehr wie die Synagoge, in die ich des öfteren schauen durfte, eine fremde, faszinierende Welt, und ich war neugierig und vorlaut genug, die Fragen zu stellen, die mir auf der Zunge lagen. Und Moses Löwenberg war freundlich genug, geduldig auf meine Fragen einzugehen. Der Zauber, der für mich von der Synagoge ausging, als sie noch nicht zerstört war, ist nie verloren gegangen, und er hat sich auf die Gotteshäuser anderer Religionen übertragen, die ich im Laufe meines Lebens betreten habe. Das beginnt mit katholischen und orthodoxen Kathedralen, und es endet mit buddhistischen Pagoden, Hindu- und Shinto-Tempeln oder Moscheen, die ich kennenlernen konnte, weil mein Beruf mich in alle Welt geführt hat. Immer hat mich die Stille und das gedämpfte Licht in diesen Stätten zum Innehalten veranlasst. Denn meist habe ich diese Orte außerhalb der Gottesdienste besucht. Seinen Anfang aber nahm dieses Erleben auf dem jüdischen Friedhof und in dem jüdischen Gotteshaus in Wiesbaden. Die evangelischen Kirchen mit ihrem kargen Interieur haben auf mich niemals einen ähnlichen Eindruck gemacht. Sie haben für mich nichts Geheimnisvolles. Sie gewinnen Leben allenfalls im Gottesdienst. Moses Löwenberg erzählte mir, als ich ihn auf den Antisemitismus ansprach, dem Ilse und Helga Löwenberg, beide “Halbjüdinnen”, nun auch in der Schule Tag für Tag begegneten, dass in seiner Jugendzeit, im Kaiserreich, die Fremdheit zwischen Juden und Christen eine viel geringere Rolle gespielt habe als die unter den Christen selbst, nämlich zwischen Protestanten und Katholiken. Man brauche nur an Bismarcks Politik gegen die katholische Kirche und katholische Verbände zu denken. Natürlich habe es, vor allem bei den Bauern, den Geschäftsleuten und unter den Akademikern, spürbaren Antisemitismus gegeben, aber bei den meisten Nichtjuden seien antijüdische Gefühle und Gedanken nicht zum Vorschein gebracht worden, vor allem nicht in den großen Städten, wo nicht jeder jeden kannte. In den Kleinstädten oder Dörfern möge das vielleicht anders gewesen sein, aber er, der immer in Wiesbaden, in einer großen Stadt, gelebt habe, sei in den Kaiserjahren und danach antijüdischen Behelligungen so gut wie gar nicht begegnet. Man brauche, um das einschätzen zu können, ja nur einmal auf die damals und in den Weimarer Jahren schnell steigende Zahl von christlich-jüdischen Ehen zu schauen.  XIX Die allgemeine Säkularisierung des Lebens, die allerorten abnehmende Bindung an die etablierten Konfessionen, der Rückgang des Besuchs der Gottesdienste und der Teilnahme an anderen kirchlichen Ereignissen machte auch vor den jüdischen Gemeinden nicht Halt. Meine jüdischen Verwandten, Walter, Lothar, Zerline und Martha Löwenberg, sind von ihren Eltern, Moses und Amalie Löwenberg, in ihren Kinderjahren zum orthodoxen jüdischen Glauben erzogen worden. Sie haben ihre Bar Mizba oder Bat Mizba gefeiert und gelobt, die jüdischen Glaubensgebote zu befolgen. Keiner von ihnen hat sich an das gegebene Versprechen gehalten. Sie haben als junge Erwachsene die Synagoge nicht einmal mehr am Sabbat oder hohen Festtagen aufgesucht, die täglichen Gebete und die vielen Regeln, die ein gläubiger Jude im Alltag und an den Festtagen zu befolgen hat, vernachlässigt und vergessen. Sie wussten, dass sie jüdischer Herkunft waren, aber sie wollten eigentlich keine Juden sein. So sind sie Kommunisten geworden, Gläubige einer gottlosen Bewegung, die das größte Glück der größten Zahl auf Erden erschaffen wollten. Den Löwenbergs ging es in erster Linie darum, gesellschaftliche Verhältnisse herzustellen, in denen alle Menschen die gleichen Rechte und die gleichen Chancen besitzen. Das haben sie in vielen Gesprächen deutlich werden lassen. Ihren Vater, Moses Löwenberg, haben sie freilich nicht überzeugt. Er hielt nichts davon, Gott ins Handwerk zu pfuschen und die Welt auf den Kopf zu stellen. Er blieb ein gläubiger Jude, dem es weh tat, seine Kinder als gottferne Menschen erleben zu müssen. In der Familie meiner Mutter sah es, was die Kirchengläubigkeit anging, nicht viel anders aus. Sie, ihre Brüder und Schwestern sind allesamt evangelisch getauft worden, haben am Kindergottesdienst teilgenommen und ihre Konfirmation gefeiert. Aber in der Kirche geheiratet hat keiner von ihnen. Sie haben, als sie erwachsen waren, auch nicht mehr an Gottesdiensten teilgenommen, nicht einmal an den hohen kirchlichen Feiertagen. Aber ihre Kinder haben sie taufen und konfirmieren lassen und Verstorbenen eine christliche Beerdigung verschafft. Das Gebot der Nächstenliebe ist auch ohne Kirchenfrömmigkeit in ihnen allen lebendig geblieben. Nächstenliebe, das hieß für sie vor allem anderen, mit den eigenen Nächsten, der Familie, den Nachbarn, Freunden und anderen Bekannten freundlich und friedlich umzugehen und ihnen nach dem Maß der Möglichkeiten zu helfen, wenn sie in Not geraten waren. Sie ergänzten gewissermaßen die Aufforderung „Was Du nicht willst, dass man Dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu“ um die Maxime „Was Du willst, dass man Dir tu’, das füge auch dem anderen zu“. Das waren alttestamentarische Gebote, die ich aus anderen Quellen kenne. Sie selbst, meine Mutter und ihre Geschwister, haben ihr Verhalten anderen gegenüber nicht bewusst an solchen kategorischen Imperativen ausgerichtet. Sie sprachen eher davon, dass man ein anständiger Mensch sein müsse. Sie sahen sich auch ohne Kirche und Gottesdienst immer noch dem Gebot der Nächstenliebe verpflichtet, das sie als Kinder verinnerlicht hatten. Und zu den Nächsten gehörten eben auch die jüdischen Verwandten und die jüdischen Nachbarn im Haus.  Moses Löwenberg ist 1938 gestorben. Ihm ist erspart geblieben, was er hätte erleiden müssen, wenn er vier Jahre später noch gelebt hätte. Eine makabre Sache, jemanden wegen seines frühen und friedlichen Tods zu loben, weil der spätere Tod jedenfalls schrecklich gewesen wäre. Moses Löwenberg hat noch erlebt, dass sein Sohn Lothar wegen kommunistischer Äußerungen verhaftet und in das Konzentrationslager Esterwegen, das „Moorlager“, eingewiesen wurde. Er hat nicht mehr erfahren, dass Lothar drei Jahre später in Dachau ermordet wurde. Auch nicht, dass sein Lieblingsenkel Kurt, Sohn seiner Tochter Cilla, verhaftet und im Konzentrationslager Groß-Rosen ermordet wurde. Ebenso blieb Moses Löwenberg erspart zu erleben, dass seine Töchter Zerline und Martha und seine Enkel Helga und Karl Heinz deportiert und ermordet wurden. Von ihnen kam keine Urne, keine Asche zurück. Sie haben, anders als die beiden ermordeten Brüder, kein Grab.  XX Alle vier Kinder Moses Löwenbergs, die beiden Söhne Lothar und Walter und die beiden Töchter Zerline und Martha, waren also in der Weimarer Republik Aktivisten der Kommunistischen Partei und damit nach dem Beginn des Hitlerregimes jederzeit in Gefahr, als politische Gegner eingesperrt zu werden. In der Tat sind die beiden Brüder unmittelbar nach dem Reichstagsbrand in sogenannte Schutzhaft genommen und zusammen mit vielen anderen Kommunisten in den Gersdorff-Kasernen interniert worden, die 1930 von der französischen Armee freigemacht wurden und seitdem teils leer gestanden hatten, teils von der kasernierten Polizei genutzt wurden. Denn deutsche Soldaten gab es im Rheinland, zu dem Wiesbaden gerechnet wurde, in Konsequenz des Versailler Vertrags damals noch nicht. Darum stand ein Teil der Kasernen leer, und man brauchte nur Stacheldrahtrollen auf den Zäunen zu montieren und die Tore zu bewachen, um die Flucht von „Schutzhäftlingen“ zu erschweren. Verglichen mit den später eingerichteten Konzentrationslagern war die Behandlung der „Schutzhäftlinge“ in dieser provisorischen Einrichtung nach den Berichten Walter Löwenbergs eher maßvoll, wenn man das angesichts dieser illegalen Einkerkerungen sagen darf. Die Schutzhäftlinge sind einfach weggesperrt worden und unbehelligt geblieben, solange sie keinen Widerstand geleistet haben oder beim Fluchtversuch ertappt wurden. Misshandlungen beschränkten sich auf Stiefeltritte und Schläge mit dem Gewehrkolben. Familienangehörige durften die Häftlinge sonntags besuchen, und so habe ich, damals sieben Jahre alt, mit meiner Mutter und meinen Tanten, vorbei an den SA-Posten mit Sturmriemen um das Kinn und Gewehren in der Hand, die beiden Schutzhäftlinge mehrfach besucht und ihnen den Kuchen und die Zigaretten übergeben, die wir mitgebracht hatten. Ich erinnere mich noch an die vielen Häftlinge, die zwischen den Kasernengebäuden auf und abgingen oder in kleinen Gruppen beisammen standen. Sie waren zumeist Arbeiter, Kommunisten, die man unerwartet aus ihren Wohnungen geholt hatte. Nach sechs Wochen sind beide Löwenbergs wieder entlassen worden. Ein ordentliches Gerichtsverfahren gab es damals, der Verfassung und den gültigen Gesetzen zuwider, bei solchen Inhaftierungen nicht. Es herrschten jenseits geschriebenen Rechts die Rabauken der SA und der SS. Damals konnte ich mir unter Kommunismus wenig vorstellen. Kommunisten, das waren Menschen wie Walter, Lothar, Cilla und Martha Löwenberg, Leute also, die einer bestimmten Partei angehörten, Uniformen anzogen, an Aufmärschen teilnahmen, Plakate klebten und Flugblätter verteilten. Solange das alles nicht verboten war. Ich hatte auch später keine klare Vorstellung davon, was die Kommunisten erreichen wollten, was sie anders machen würden, wenn sie das Sagen hätten. Davon hat Walter Löwenberg auch nach dem Beginn des Hitlerregimes noch gesprochen, weil er glaubte, dass Hitler sich nicht lange würde halten können. Für ihn war Hitler der Handlanger der Kapitalisten, der Industriebosse und Bankiers, die ihm seine Wahlkämpfe finanziert hätten, um den Sieg der Kommunisten zu verhindern. Bei einem seiner Besuche habe ich, ein kleiner Junge, Walter Löwenberg gefragt, was denn die Kommunisten mit der Macht anfangen würden, wenn sie ihnen denn zufiele. Er erklärte mit ernstem Gesicht, dass sie die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital beenden würden. Ich wollte natürlich wissen, was Ausbeutung sei. Walter Löwenberg erklärte daraufhin, dass im Kapitalismus die Arbeiter nicht alles erhalten, was sie erzeugen, dass die Kapitalisten, die Eigentümer der Fabriken, immer einen Teil des Geschaffenen als Profit einbehielten. Dass deshalb immer wieder Wirtschaftskrisen eintreten müssten, weil den Arbeitern die Kaufkraft fehle, um das von ihnen Erzeugte zu kaufen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie er versucht hat, mir den marxschen Begriff der Ausbeutung am Beispiel einer Brotfabrik klarzumachen, in der hundert Arbeiter hundert Brote erzeugen, mit ihrem Lohn aber nur fünfzig Brote kaufen können. Da der Eigentümer der Brotfabrik die anderen fünfzig Brote nicht selbst essen könne, müsse er fünfzig Arbeiter entlassen. Hitler habe, um im Beispiel zu bleiben, die fünfzig Arbeitslosen in die Rüstungsindustrie gesteckt und Panzer und Kanonen bauen lassen. Diese Produktion sei aber auf Pump finanziert, und deshalb müsse das ganze System am Ende zusammenbrechen. Dann sei die Zeit gekommen, Hitler davonzujagen, die Kapitalisten zu enteignen, die Produktion dem Volk und seinen gewählten Vertretern zu übergeben und das Ergebnis gerecht zu verteilen. Das Beispiel der Sowjetunion zeige, dass das möglich sei. Ich war ein kleiner Junge, als Walter Löwenberg mir dieses Bild des Kapitalismus in einfachen Worten nahezubringen versuchte. Was er sagte, hat mir eingeleuchtet, weil ich natürlich über keinerlei Kenntnisse wirtschaftlicher Vorgänge verfügte. Hätte ich sie gehabt, wäre meine erste Frage gewesen, ob der Brotfabrikant, wenn er die Hälfte seiner Arbeiter entlässt, dann bei gleichem Lohn nicht auch seinen Absatz halbiert, sodass er wiederum die Hälfte seiner Leute entlassen muss und so fort, so dass Beschäftigung und Produktion gegen Null gehen. Ein Multiplikatoreffekt, in der Sprache der modernen Ökonomie formuliert. Und die zweite Frage wäre gewesen, warum der Eigentümer der Brotfabrik die fünfzig Brote, die seine Arbeiter nicht kaufen können, nicht an andere Arbeiter verkauft, die keine Brote, sondern Maschinen herstellen, mit denen Brot und andere Güter hergestellt werden konnten, die von den Arbeitern und Kapitalisten gekauft worden wären. Ich hätte also gefragt, ob der Eigentümer der Brotfabrik mit seinem Profit nicht andere Produktionen finanzieren könnte, die teils dem Konsum der Arbeiter und Kapitalisten, teils der Investition dienen, also der Erneuerung und Erweiterung der Fabrikgebäude und des Maschinenparks. Oder eben der Herstellung von Panzern und Kanonen. Aber, wie gesagt, mangelndes Wissen hat mich daran gehindert, solche Argumente vorzubringen. Walter Löwenberg hätte sie ohnehin vom Tisch gewischt und mir freundlich gesagt, dass ich von diesen Dingen nichts verstünde.  Später, nach dem Krieg, hatte ich während des Studiums die Kenntnisse gewonnen, die mir damals gefehlt haben. Aber da war Walter Löwenberg an solchen Unterhaltungen nicht mehr interessiert. Die Beispiele, die er hätte anführen können, um die Funktionsweise einer sozialistischen Planwirtschaft zu belegen, wären auch alles andere als überzeugend gewesen. Darum hat er lieber über andere Dinge gesprochen. Jedenfalls nicht über Marx und seine ökonomischen Thesen. Er war eben nicht mehr der Kommunist, der an Aufmärschen teilnahm, Plakate klebte, Flugblätter verteilte und begeisterte Reden über eine bessere Welt hielt, die er und seine Mitkämpfer schaffen wollten. Er war nun in das Lager jener gewechselt, die das kapitalistische System nicht abschaffen, sondern mit dem Ziel sozialer Gerechtigkeit auf lange Sicht und auf friedliche Weise verändern wollten. Trotzdem: In seiner Geschichte von der Brotfabrik stecken einige Gedanken, die in der wirtschaftspolitischen Diskussion der Nachkriegsjahre eine große Rolle gespielt haben und die auch heute noch zur Rechtfertigung gewerkschaftlicher Lohnforderungen und von Vorschlägen zur Belebung der Konjunktur herhalten müssen. Freilich sind diese Thesen mittlerweile weniger an Marx und mehr an Keynes orientiert, dem englischen Ökonomen, der wie Marx mangelnde Nachfrage für Wirtschaftskrisen verantwortlich machte. So abwegig waren die Vorstellungen von Walter Löwenberg also gar nicht, wenn später ähnliche Argumente von vielen professoralen Kathedern herab zu hören und in den empfohlenen Lehrbüchern zu lesen waren. Auch, wenn der Name von Marx kaum mehr fiel. XXI Lothar und Walter Löwenberg haben nach ihrer Entlassung aus der „Schutzhaft“ die Ermahnungen der SA nicht ernst genommen und weiterhin kommunistische Flugblätter verteilt. Lothar wurde erneut verhaftet und ohne Gerichtsverfahren in das berüchtigte Konzentrationslager Esterwegen, das „Moorlager“ im Norden Deutschlands, eingewiesen, später bei der Errichtung des Konzentrationslagers Oranienburg in der Nähe von Berlin eingesetzt und nach der Entdeckung seiner jüdischen Herkunft in das Konzentrationslager Dachau übergeführt. Dort ist er ermordet worden. Eine Urne mit seiner Asche, wenn es denn die seine war, und ein lapidares Begleitschreiben informierte die Angehörigen über seinen Tod. Ich will nicht viel von ihm erzählen, weil er, seit dem Beginn des Hitlerregimes und bis zu seinem Tod in Haft, unser Haus in der Hermannstraße, von dem dieses Buch handelt, selten betreten hat. Soviel nur: Er war für mich als kleinen Jungen ein eindrucksvoller Mann, groß, schlank, stark, mit kühnem Gesicht, dunkler Stimme und knappen Gebärden, auf dessen Schultern ich mir wie ein Ritter vorkam, der gegen den Teufel reitet. Auf die Schultern hat er mich bei den kommunistischen Versammlungen genommen, damit ich besser sehen konnte, was da vonstatten ging. Von dort oben habe ich die Schalmeien-Kapellen nicht nur gehört, sondern auch gesehen, die damals zu jedem kommunistischen Aufmarsch gehörten. Sie haben die Internationale angestimmt, mit der damals alle kommunistischen Veranstaltungen beendet wurden. Meine jüdischen Onkel und Tanten, die Kommunisten waren und eine bessere, gerechte Welt schaffen wollten, wussten noch nichts von den Millionen Menschen, die in der Sowjetunion Stalins als Gegner des Regimes oder als Verräter ermordet wurden. Von den Abermillionen Zwangsarbeitern, die bei der Industrialisierung der Sowjetunion unter erbärmlichen Bedingungen schuften mussten. Von den Millionen ukrainischer Bauern, die verhungert sind, weil man ihre Ernte beschlagnahmt und ins Ausland verkauft hatte. Und natürlich konnten sie noch nicht wissen, dass Mao im kommunistischen China und Pol Pot in Kambodscha viele Millionen Menschen ermorden lassen würden. Das hätten sie wohl für Lügen gehalten. Man kann ihnen vorhalten, dass sie Utopisten waren, weil die Menschen nun einmal nicht so gemacht sind, dass sie das Paradies bereits hienieden zu schaffen vermöchten, und man kann ihnen vorwerfen, dass sie und ihresgleichen am Untergang der Weimarer Republik nach Kräften mitgewirkt haben. Sie waren keine Demokraten, sondern Verfechter einer Diktatur des Proletariats, und das lief auf die Herrschaft von Parteifunktionären hinaus. Natürlich. Aber das gab niemandem das Recht, sie und ihre Weggefährten einzusperren und zu ermorden, weil sie Kommunisten waren. Als ersten traf es, wie gesagt, Lothar Löwenberg. Walter Löwenberg, jüngerer Bruder von Lothar, wurde ebenfalls wegen der Verteilung kommunistischer Flugblätter nach Misshandlungen im SA-Keller in Wiesbaden und kurzer Untersuchungshaft vom Sondergericht Frankfurt auf Grundlage der „Verordnung des Reichspräsidenten zur Abwehr heimtückischer Angriffe gegen die Regierung der nationalen Erhebung“ wegen Verbreitung von Flugblättern hochverräterischen Inhalts zu fünfzehn Monaten Gefängnis verurteilt, die er in der Haftanstalt Freiendiez an der Lahn verbüßte. Nach seiner Entlassung leistete er Zwangsarbeit in verschiedenen Wiesbadener Betrieben. Aufgrund seiner Ehe mit einer „Deutschblütigen“, als „privilegierter Jude“ also, von den beiden großen Deportationen Wiesbadener Juden verschont, wurde er nach der Katastrophe von Stalingrad wegen kritischer Bemerkungen über den Verlauf des Krieges verhaftet und ohne Gerichtsverfahren in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen. Er hatte in einer kleinen abendlichen Skatrunde mit Nachbarn in seiner Wohnung wie viele Male zuvor geäußert, dass Hitler seinen Krieg gegen die geballte Macht der USA, der Sowjetunion und des britischen Weltreichs nun für jeden erkennbar verloren habe. Walter Löwenberg wollte letztlich sagen, dass die Juden endlich Hoffnung schöpfen können, Hitler und sein Regime zu überleben. Am nächsten Tag wurde er verhaftet, weil ihn einer seiner Skatfreunde verraten hatte. In Dachau hat er, als gelernter Schneider in der Kleiderkammer damit beschäftigt, SS-Leuten die Uniformen in Façon zu bringen, die restlichen beiden Hitlerjahre überstanden, und Ende April 1945 wurde er von der amerikanischen Armee befreit. Wie er uns nach seiner Rückkehr aus Dachau erklärte, verdankte er sein Überleben einem SS-Führer, der ihm gegen Ende des Kriegs in die Hand versprach, dass ihm nichts passieren, dass er ihn bis zum nahen Ende des Krieges schützen werde. Er war also eine Art Schutzjude jenes SS-Führers. Dem ging es, mutmaßte Walter Löwenberg, um einen Leumundzeugen, der nach Kriegsende zu seinen Gunsten aussagen konnte. Und so geschah es dann auch, als die SS-Männer und -Frauen von Dachau von der amerikanischen Besatzungsbehörde vor Gericht gestellt wurden. Walter Löwenberg hat den SS-Schergen mit seiner Aussage mutmaßlich vor dem Tod am Galgen bewahrt. Denn die amerikanischen Militärgerichte waren weniger zimperlich als die deutschen Tribunale in den Nachkriegsjahrzehnten. Jeder in der Familie hat damals den Kopf geschüttelt: Wäre Walter Löwenberg nicht das Opfer einer Denunziation im engsten Bekanntenkreis geworden, dann hätte ihn das Schicksal der kaum mehr als hundert anderen Wiesbadener Juden getroffen, die aufgrund einer Mischehe als „Privilegierte“ zu dieser Zeit noch in der Stadt lebten und die kurz vor Kriegsende, im letzten Augenblick, nach Theresienstadt deportiert wurden. Auch sie sind dort nicht alle umgekommen, weil der SS die Zeit, vielleicht auch der Wille fehlte, angesichts des bevorstehenden Kriegsendes die in Theresienstadt noch lebenden Juden zu ermorden. Und die Vernichtungslager waren bereits geschleift oder in alliierter Hand. Walter Löwenberg konnte übrigens seiner Personalakte in Dachau später entnehmen, dass er auch dort als „privilegierter Jude“ vor Deportationen geschützt war, solange er folgsam blieb. Walter Löwenberg kehrte nach Kriegsende zu Frau und Tochter zurück. Seine Tochter, meiner Cousine Ilse, hatte im letzten Kriegsjahr bei einem Bauern in Wallau, einem kleinen Ort bei Wiesbaden, Unterschlupf gefunden. Nicht seine Frau Lina, die Schwester meiner Mutter, war damals in Gefahr, denn sie fiel als „Deutschblütige“ und evangelische Christin in keine der Kategorien, die zur Deportation berechtigt hätten. Anders ihre Tochter Ilse, die als „Halbjüdin“ in den letzten Kriegsmonaten in Wiesbaden durchaus damit rechnen musste, deportiert zu werden, obwohl sie der evangelischen Kirche angehörte und nicht der jüdischen Gemeinde. Sie war also keine „Geltungsjüdin“, wie man „Halbjuden“ nannte, die der jüdischen Gemeinde angehörten. Gleichwohl: Die Einordnung von „Halbjuden“, von „Judenmischlingen“, als Juden oder Nichtjuden unterlag in vielen Fällen der Willkür, weil die Nürnberger Gesetze und die Folgevorschriften Widersprüche und Unklarheiten aufwiesen, die dazu führten, dass gleiche Fälle ungleich behandelt wurden. Als Tochter einer nichtjüdischen, einer „deutschblütigen“ Mutter, beide niemals Angehörige einer jüdischen Gemeinde, sondern immer Mitglied der evangelischen Kirche, war Ilse Löwenberg, wie gesagt, im Grunde davor geschützt, deportiert zu werden. Sicher konnte damals indessen niemand sein, dass sich die Verantwortlichen der Geheime Staatspolizei in Frankfurt und Wiesbaden an diese Regeln halten würden, und darum wurde Ilse Löwenberg in Wallau versteckt. Dazu bestand auch darum Anlass, weil sie zuvor ihrer Herkunft wegen, als “Halbjüdin”, aus dem Jungmädelbund ausgestoßen worden war. Sie hatte unbedingt wie ihre nichtjüdischen Schulkolleginnen und Freundinnen Mitglied des Jungmädelbundes sein wollen, und ihre Mutter hat zögernd zugestimmt, obwohl sie hätte wissen müssen, dass ihre Tochter in große Schwierigkeiten kommen konnte. Jemand aus dem Freundinnenkreis von Ilse Löwenberg hat dann auch verraten, dass Ilse Löwenbergs Vater nicht nur Kommunist, sondern auch Jude ist. Lina Löwenberg hatte nun einfach Angst, dass ihre Tochter Ilse nach diesem Ereignis von der Geheime Staatspolizei verhaftet und deportiert werden würde. So wie es Helga, der Tochter von Zerline Löwenberg, ergangen war, die mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Karl Heinz nach Polen deportiert und ermordet wurde, obwohl sie sich auf eine intime Liaison mit einem hochgestellten Angehörigen der SS eingelassen hatte. In der Hoffnung, dass er sie, ihre Mutter und ihren kleinen Bruder schützen würde. Dass sie eine Art Schutzjüdin gewesen wäre.  Helga Löwenberg, damals sechzehn Jahre alt und ein schönes junges Mädchen, hatte sich Anfang 1942 auf ein intimes Verhältnis mit einem Wiesbadener SS-Angehörigen eingelassen, der die schwarze Uniform natürlich nur bei dienstlichen Anlässen trug und darum im Alltag nicht als Angehöriger der SS erkennbar war. Helga Löwenberg hat in diese Beziehung eingewilligt, weil sie, wie ihre Mutter berichtete, geglaubt hatte, dass ihr SS-Freund sie und ihre Familie schützen würde. Diese Beziehung kam der Geheime Staatspolizei in Wiesbaden zur Kenntnis, und Helga Löwenberg wurde verhaftet, verhört und in den Zellen der Geheime Staatspolizei-Dienststelle in der Paulinenstraße mehrere Wochen lang festgehalten, dann aber mit der Auflage entlassen, über die Affäre mit dem SS-Angehörigen und ihre Haft absolutes Stillschweigen zu wahren. Sie hat natürlich ihrer Mutter alles erzählt, und Cilla Löwenberg hat in ihrer Not ihren Bruder Walter über diese Geschichte informiert. Er hat darüber erst nach dem Krieg gesprochen. Cilla, Helga und Karl Heinz Löwenberg sind, wie bereits berichtet, wenige Monate später deportiert und in Sobíbor, einem Vernichtungslager bei Lublin, umgebracht worden. Der Name des SS-Angehörigen ist nie bekannt geworden. Er hätte nach den damals geltenden Gesetzen aus mehreren Gründen vor Gericht gestellt und bestraft werden müssen. Denn er hatte sich der „Rassenschande“ und der Verführung einer Minderjährigen schuldig gemacht. Ich frage mich manchmal, ob eine Recherche anhand der verfügbaren Akten der Geheimen Staatspolizei einem Historiker erlauben würde, diese unglaubliche Geschichte aufzuklären. Der “Rassenschänder” ist längst tot, aber seine Affäre mit Helga Löwenberg, einem schönen jüdischen Mädchen, wäre in einer Chronik jener Jahre gut aufgehoben. Wir würden dann wissen, ob und wie er damals für seine „rassenschänderische“ Beziehung zu einer minderjährigen Jüdin zur Rechenschaft gezogen wurde. Die Akten der Geheime Staatspolizei Wiesbaden, soweit nicht verbrannt, sind im Besitz der hiesigen Jüdischen Gemeinde, und sie würden einem ausgewiesenen Forscher sicherlich zur Verfügung gestellt. Es hat aber offenbar noch niemand versucht, diese Archivalien aufzuarbeiten. Kurt Löwenberg, der ältere Sohn von Zerline Löwenberg, wurde als Siebzehnjähriger, in Konsequenz einer Verordnung, die es erlaubte, „minderwertige“ oder „fremdrassische“ Personen zu eliminieren, in das Konzentrationslager Groß-Rosen bei Breslau deportiert und dort ermordet. Zu dem genannten Personenkreis rechnete er wohl, weil er Sohn eines französischen, aus Marokko stammenden Soldaten und einer jüdischen Mutter war. Von diesem Vater hatte Kurt Löwenberg den Gesichtsschnitt und eine etwas dunklere Hautfarbe geerbt, und diese Merkmale machten ihn für die Rassenfanatiker jener Jahre zu einem „Fremdrassischen“, der zu eliminieren war. Aufgrund der gleichen Verordnung wurden Hunderttausende Sinti und Roma, damals - und nicht nur damals - Zigeuner genannt, verhaftet und in Konzentrationslager eingewiesen. Gleiches geschah den Söhnen und Töchtern der wenigen schwarzen Afrikaner, die damals in Deutschland lebten. Auch sie, die „Negerbastarde“, meist Söhne von schwarzen Besatzungssoldaten der Zwanziger Jahre, haben das Konzentrationslager meist nicht überlebt. Ich denke dabei an einen Afrikaner, der in meinen Kinderjahren häufig auf einem belebten Platz in der Stadt stand, in schwarzem Anzug und einen Bowler, damals „Koks“ genannt, auf dem Kopf. Ein schlanker, gutaussehender älterer Mann mit weiß gewordenen Kraushaaren. Er erzählte uns Kindern von seiner Zeit als Askari, als schwarzer Soldat in der deutschen Truppe, die im Weltkrieg unter dem General von Lettow-Vorbeck Deutsch-Ostafrika gegen die Engländer verteidigt hatte. Ohne Erfolg, wie wir wissen. Davon hatten wir auch in der Schule gehört, und so fragten wir ihn nach Einzelheiten der damaligen Kämpfe. Immer hatte er eine plausible und interessante Geschichte parat. Er war für uns Kinder wie ein guter älterer Freund. Eines Tages war er verschwunden. Damals sind viele Menschen einfach verschwunden, abgeholt worden, wie das seinerzeit hieß. Dazu musste man nicht “Zigeuner” oder “Neger” sein, wie man damals diese Menschen nannte, die man in Deutschland ebenfalls nicht mehr haben wollte. Namen, die man auch heute noch häufig vernehmen kann. Denn die Gedankenlosen sterben nicht aus. Kurt Löwenberg wurde mutmaßlich darum ermordet, weil er der schweren Arbeit im Steinbruch körperlich nicht gewachsen war. Solche Häftlinge wurden in Groß-Rosen, wie ich später gelesen habe, durch Giftinjektion umgebracht. Die Urne mit der Asche, von der niemand sagen kann, ob es die seine war, wurde auf dem jüdischen Friedhof unserer Stadt bestattet. Ich habe Kurt Löwenberg als einen großen, schlanken und intelligenten Jungen kennengelernt, dessen etwas fremdes Aussehen niemanden in meiner Umgebung gestört hat. Und heute leben viele Menschen ausländischer Herkunft in Deutschland, die ähnlich aussehen und unangefochten bleiben. Mit Ausnahmen, leider. Walter Löwenberg war, von den Kindern seiner Schwester Martha abgesehen, der einzige jüdische Überlebende der Familie Löwenberg. Seine Tochter Ilse, die mit ihrem Mann, einem amerikanischen Berufssoldaten, in den fünfziger Jahren in die USA ausgewandert ist, war sowohl im strengen jüdischen Verständnis wie in der Sicht der Nationalsozialisten keine Jüdin, weil sie zwar einen jüdischen Vater, aber keine jüdische Mutter hatte und keiner jüdischen Gemeinde angehörte. Die vier Kinder von Martha und Konrad Leonhardt waren ebenso in beiderlei Auslegung Nichtjuden, weil sie zwar eine jüdische Mutter hatten, aber keiner jüdischen Gemeinde angehörten. Sie wurden jedenfalls nicht in der Judenkartei der Geheime Staatspolizei und der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland geführt. Anders bei Helga und Karl Heinz Löwenberg. Sie waren Angehörige der Jüdischen Gemeinde unserer Stadt und darum galten sie ebenso wie ihre Mutter als Juden. Sie waren „Geltungsjuden“. So wurden damals „Halbjuden“ genannt, die einer jüdischen Gemeinde angehörten. Sie wurden wie „Volljuden“ behandelt. Das heißt, sie wurden wie ihre Mutter und wie die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss aus unserem Haus im Jahre 1942 deportiert und ermordet. Hitler und seine Gefolgsleute haben immer betont, dass Judesein keine Sache der Religion, sondern allein der Rasse sei. Kriterium der Einordnung als Jude oder Mischling 1. und 2. Grades war darum laut Gesetz die Zahl der jüdischen Großeltern. Waren es drei oder vier, dann galt jemand als „Volljude“. Waren es zwei, dann war er „Mischling 1. Grades”, und war es einer, dann galt er als „Mischling 2. Grades”. Im Volksmund waren und sind bis heute die einen “Halbjuden” und die anderen “Vierteljuden”. Insoweit eine einfache Sache. Probleme ergaben sich, wenn zu entscheiden war, ob ein „Halbjude“, also in der Sprache der einschlägigen Gesetze und Verordnungen ein Mischling 1. Grades, als Jude oder Nichtjude zu gelten hatte. Dabei wurde dann in bestimmten Fällen sehr wohl die eigene Religionszugehörigkeit oder die der Mutter als Kriterium verwendet. Hitler und seine Erfüllungsgehilfen haben sich also bei ihren Entscheidungen darüber, wer Jude ist, nicht konsequent an ihre Aussage gehalten, dass Judesein allein eine Sache der Rasse, also der Herkunft, sei. Denn in der Praxis spielte auch die Religionszugehörigkeit eine Rolle.  XXII Im Frühjahr 1942, nach dem gescheiterten Blitzfeldzug gegen die Sowjetunion, besuchten uns während seines Heimaturlaubs Otto Rink, der jüngste Bruder meiner Mutter, und seine junge Frau Liselotte. Er war bald nach Kriegsbeginn zur Luftwaffe eingezogen worden und hatte 1941 den Einfall in die Sowjetunion, den schnellen Vormarsch der deutschen Truppen und das Scheitern des „Blitzkriegs“ im russischen Winter mitgemacht. Er meinte, dass Moskau ohne den frühen Beginn des Winters sicherlich gefallen wäre. Walter Löwenberg, der natürlich mit seiner Frau an diesem Familientreffen teilnahm, fragte seinen Schwager, ob er wirklich glaube, dass mit der Eroberung Moskaus der Krieg gegen Russland, England und die USA gewonnen gewesen wäre. Die Einnahme einer Stadt wäre doch garnicht ins Gewicht gefallen. Die sowjetische Regierung und die zentrale Verwaltung der Sowjetunion seien ebenso wie die Rüstungsbetriebe längst nach Osten verlagert worden. Und, was ihn mehr interessiere: Ob er von der Erschießung Hunderttausender russischer Juden hinter der deutschen Front gehört habe, von denen hier und da die Rede sei. Otto Rink meinte, davon habe er gehört, aber keine solche Aktionen beobachtet, weil er immer nur auf Feldflugplätzen, also weit hinter der Front, stationiert gewesen sei. Es sei mehr die Rede davon gewesen, dass Partisanen erschossen worden seien, darunter auch viele Juden. Es entspann sich eine Diskussion zwischen meinen Onkeln, die vor 1933 beide der Kommunistischen Partei angehört hatten. Nach dem Beginn des Hitlerregimes ging der eine, Walter Löwenberg, in Schutzhaft und Gefängnis, und der andere, Otto Rink, der seine Schreinerausbildung beendet hatte, begab sich auf die „Walz”. Das war ein Jahrhunderte alter Brauch: Frischgebackene Handwerksgesellen gingen für mehrere Jahre auf Reise, um anderswo ihre beruflichen Fertigkeiten zu verbessern. Otto Rink verabschiedete sich damals, 1933, von allen Angehörigen und verschwand auf seinem schönen Rennrad, um das ich ihn als kleiner Junge immer beneidet hatte, ins Ausland. Erst in die Schweiz, dann nach Italien. Und niemand hielt ihn auf. Eines Tages war er plötzlich wieder im Land, und es fiel ihm nicht schwer, als Schreiner und  in Italien ausgebildeter - Spezialist für die Restauration antiker Möbel Arbeit zu finden. Anders als sein Schwager Walter Löwenberg hat er sich dann in politischen Angelegenheiten nicht mehr engagiert, ist darum auch nicht behelligt worden. Er wurde, wie gesagt, bei Kriegsbeginn zur Luftwaffe eingezogen. Walter Löwenberg wollte seinem Schwager nicht recht glauben, dass er von den Massenerschießungen durch die Einsatzgruppen der SS nichts erfahren habe. Verbrechen, von denen die Auslandspresse und die ausländischen Rundfunksender längst berichtetet hatten. Er meinte, das könne doch den kämpfenden Einheiten nicht verborgen bleiben, was da hinter der Front vonstatten ging. Otto Rink wiederholte, nun erregt, dass er von solchen Vorgängen nichts wisse. Nur von Partisanen habe er gehört, die als Nicht-Kombattanten auf der Stelle erschossen oder aufgehängt würden. Natürlich seien auch Juden dabei gewesen. Walter Löwenberg, nun auch in Rage, fragte seinen Schwager, ob er, ein früherer Kommunist, sich nicht darüber im Klaren sei, dass die Soldaten an der Front nicht die deutsche Heimat, sondern die ungestörte Durchführung von Massenmorden decken, die unmittelbar hinter ihrem Rücken vonstatten gingen. Ob er nicht wisse, dass in Deutschland Dutzende Konzentrationslager existieren, in denen Abertausende Häftlinge gequält und ermordet werden. Dass viele Tausende Juden nach Polen deportiert werden, wobei niemand wisse, was mit ihnen geschieht. An dieser Stelle wurden beide von den Frauen zum Aufhören gerufen, die bis dahin ruhig - besser gesagt: beunruhigt - zugehört hatten. Sie, die beiden Männer, seien doch beide keine Nazis und keine Verbrecher, und wenn Walter Löwenberg nicht Jude wäre, dann würde er sicherlich auch in deutscher Uniform in Russland kämpfen müssen. Wir sollten froh sein, dass wir beisammen sein können, wenn auch nur für ein paar Wochen. Ich, ein Sechzehnjähriger, habe während der ganzen Zeit dabei gesessen und nicht gewusst, was ich von dieser heftigen Debatte zwischen den beiden Männern halten soll. Ich hatte damals durch BBC von den Massenerschießungen im eroberten Russland erfahren, konnte und wollte den Berichten aber nicht glauben, ließ mich vielmehr mit den Meldungen übertölpeln, dass es sich um Partisanen handelte, die da hinter der Front erschossen wurden. Der Gedanke, dass Millionen deutscher Soldaten in Wirklichkeit nicht ihr Vaterland, sondern Stätten grauenvoller Verbrechen verteidigten, war mir damals fremd. Heute weiß ich, dass es in der Tat so war. Weil nicht wichtig ist, was die deutschen Soldaten und ihre Angehörigen damals geglaubt, sondern das, was sie tatsächlich getan haben. Die Heimat, die da vorgeblich verteidigt wurde, war nämlich von niemandem angegriffen worden. Im Laufe dieser Unterhaltung zwischen Otto Rink und Walter Löwenberg wurde auch die Frage diskutiert, ob sich ein deutscher Soldat, dem befohlen war, an Massenexekutionen teilzunehmen, weigern konnte, auf unschuldige Männer, Frauen und Kinder zu schießen, ohne selbst wegen Befehlsverweigerung erschossen oder zumindest in ein Strafbataillon versetzt zu werden. Dazu hatten beide Männer keine klare Meinung. Darum möchte ich meiner Schilderung der Ereignisse vorausgreifen und darüber berichten, dass ich während meines kurzen Wehrdienstes in den letzten Monaten vor dem Ende des Krieges einen Soldaten, einen Ausbilder, kennengelernt habe, der uns in einer abendlichen Runde erzählte, dass er auf dem Balkan und in der Ukraine als Angehöriger einer SS-Einsatzgruppe bei der Verfolgung und Ermordung von Partisanen und Juden eingesetzt war und, als er die täglichen Erschießungen Tausender unschuldiger Menschen nicht mehr mitmachen konnte und wollte, auf eigenen Wunsch versetzt worden sei. Ganz wohl war ihm bei dieser Schilderung schrecklicher Ereignisse offensichtlich nicht. Aber er musste das, was er gesagt hatte, wohl loswerden. Und der Wein, den wir an diesem Abend tranken, hat ihm wohl die Zunge gelöst. Die anderen Anwesenden, junge Soldaten wie ich, wollten seinen Schilderungen nicht so recht glauben. Aber ich, ständiger Hörer der deutschen Sendungen von BBC, wusste längst, dass es diese grausamen Massenerschießungen tatsächlich gab. Wenn einer aus unserer Runde diesen gesprächigen Soldaten verraten hätte, dann wäre es gewiss um ihn geschehen gewesen. Denn er hatte bei seinem Ausscheiden aus der SS-Einsatzgruppe völlige Verschwiegenheit gelobt. Eine Denunziation durch einen der Soldaten, die ihm zugehört hatten, hätte ihn ohne Zweifel in ein Strafbattaillon gebracht. Eine ähnliche Geschichte hat mir ein Soldat aus dem Elsass bei einer nächtlichen Wache berichtet. Er sei wie viele jungen Elsässer zur Waffen-SS eingezogen und in Polen bei der Bewachung eines Ghettos eingesetzt worden. Für die SS-Angehörigen sei ein Bordell eingerichtet worden, in dem junge Frauen aus dem Ghetto als Zwangsprostituierte arbeiten mussten. Das sei nach den damaligen Gesetzen Rassenschande gewesen, und darum sei das Bordell eines Tages geschlossen worden, und die dortigen Angehörigen der Waffen-SS seien darüber informiert worden, dass die Zwangsprostituierten am nächsten Tag erschossen würden. Er habe sich bei seinem Vorgesetzten unter Hinweis auf sein Gewissen geweigert, an diesen Erschießungen teilzunehmen. Ihm sei nichts geschehen, außer, dass man ihn gezwungen habe, bei den Exekutionen zuzuschauen. Er sei dann auf seinen Wunsch zur Wehrmacht versetzt worden. Dieser Soldat weinte, als er mir diese schreckliche Geschichte erzählte. Sein Bericht machte mir wiederum klar, dass auch die Angehörigen der Waffen-SS nicht gezwungen waren, an Massenxekutionen mitzuwirken. Sie mussten bei ihrer Versetzung zur Wehrmacht allerdings völlige Verschwiegenheit geloben. Und daran hatte sich auch dieser elsässische Soldat nicht gehalten, als er uns seine schreckliche Geschichte erzählte. Er musste diese Erlebnisse loswerden, um sein Gewissen zu entlasten. Mir waren bei diesen Erzählungen zweier früherer SS-Angehöriger sofort die Berichte von BBC eingefallen, die ich zu Hause heimlich abgehört hatte und in denen die Massenerschießung von Juden durch die SS-Einsatzgruppen hinter der damals vorrückenden russischen Front geschildert wurden. Ich dachte auch an die häuslichen Unterhaltungen über dieses Thema und daran, dass ich diese Berichte nie recht glauben wollte. Ich hielt mich, wie gesagt, an die schlaue Vertuschung der Tatsachen, der auch Otto Rink erlegen war, dass nämlich in Russland allein Partisanen erschossen oder erhängt würden, darunter viele Juden, die den deutschen Truppen wider Kriegsrecht in den Rücken gefallen waren. Hier also waren zwei ehemalige SS-Angehörige, die die Beteiligung an der Erschießung vieler unschuldiger Menschen zugaben, von Juden, die Massengräber ausheben mussten, in denen oder vor denen sie mit Pistolen, Gewehren oder Maschinengewehren erschossen wurden. Beide haben also die Berichte bestätigt, die ich in den Monaten zuvor in den Sendungen von BBC bereits vernommen hatte. Damit war für mich klar, dass auch in der SS niemand gezwungen war, an der Erschießung von Juden oder anderen Missliebigen Menschen teilzunehmen. Dass man um anderweitige Verwendung bitten konnte, und dass dem auf Weisung Himmlers, des Reichsführers SS, normalhin stattgegeben wurde. Die vor Ort Verantwortlichen haben die „Humanitätsduselei“ Einzelner offenkundig auf höhere Weisung respektiert, wenn dieser Widerstand nicht mit regimekritischen Äußerungen verbunden war. Es waren hinreichend viele andere da, die das entsetzliche Geschäft auszuführen bereit waren. Dies als Nachtrag zu dem Bericht über die Diskussion zwischen Otto Rink und Walter Löwenberg über die Frage, ob ein deutscher Soldat die Teilnahme an den Massenmorden hinter der deutschen Front in Russland verweigern konnte, ohne selbst Schlimmes gewärtigen zu müssen. Er konnte das. Und nichts wäre ihm geschehen, solange er gute Gründe nannte und nach seinem Ausscheiden aus dem Mordgeschäft Verschwiegenheit wahrte. Dafür gibt es, wie ich mittlerweile weiß, viele Zeugnisse.   Kehren wir zu den Familientreffen in den ersten Jahren des Krieges zurück. Es war damals nicht so, dass meine Mutter, mein Adoptivvater, Walter Löwenberg, seine Frau Lina und - vor ihrer Deportation - Cilla und Martha Löwenberg bei ihrem Zusammensein in der einen oder anderen Wohnung ohne Unterlass über die antijüdischen Maßnahmen des Regimes gesprochen oder gar gejammert hätten. Das war nicht der Fall. Gespräche drehten sich meist um alltägliche Dinge, wie sie auch in anderen Familien erörtert wurden. Um die Kinder, um Freunde und Bekannte, um allerlei Vorkommnisse im Leben der einen oder anderen, die nichts mit den Schikanen zu tun hatten, denen die jüdischen Angehörigen unterworfen waren. Es wurde auch gelacht und gealbert, als ob sich die Schlinge um ihren Hals nicht immer enger zusammenziehen würde. Sie waren allesamt junge Menschen, zwischen dreißig und vierzig, die das Bedrohliche ihrer Lage beiseite zu schieben versuchten, so gut es ging. Das galt mehr noch für ihre Kinder, allesamt Halbjuden im Jargon des Regimes, die mit anderen Kindern umzugehen versuchten, als sei das eine ganz gewöhnliche Sache. Wie gesagt: Bis die einen deportiert wurden und die anderen zu spüren bekamen, dass sie als „Halbjuden“ ausgesondert waren, dass es für sie keine normale Sache war, innerhalb und außerhalb der Schule Freunde zu finden. Und doch hat Ilse Löwenberg, meine Cousine, mit gleichaltrigen Mädchen aus der Nachbarschaft bis zum Ende der Hitlerjahre Freundschaften unterhalten können, auch dann noch, als sie aus dem Jungmädelbund als „Halbjüdin“ ausgestoßen worden war. Aber natürlich gab es auch andere Mädchen, die Ilse Löwenberg geschnitten haben. Eine Standardfrage, die freilich bei Treffen mit den jüdischen Verwandten immer gestellt wurde, war die, ob „sie“ wieder da gewesen waren. Sie, das waren die Gestapo-Leute, die in ihren Ledermänteln erschienen, laut an die Wohnungstüren klopften, an denen ein schwarzer Judenstern allen Passanten deutlich machte, dass hinter dieser Tür Juden wohnten. Gestapo-Leute, die in der Wohnung Schränke und Schubladen durchwühlten und dabei den Inhalt, der sie nicht interessierte, auf den Boden warfen. Sie suchten nach Dingen, die Juden nach den jeweiligen Vorschriften nicht besitzen durften. Da meine Tanten Nähmaschinen, Schreibmaschinen und andere Gegenstände, die man nicht gut in Schränken oder Kommoden verstecken konnte, ebenso wie wertvollen Schmuck oder teure Pelze nie besessen hatten, beschränkten sich die Gestapo-Leute auf die Kontrolle der Lebensmittelvorräte, die im Haus waren. Wehe, wenn sie Kaffee, Schokolade oder anderes fanden, was Juden nicht zugeteilt worden war. Diese Kontrabande wurde unter bösen Drohungen beschlagnahmt. Damals wurde bei Treffen in kleinem oder größerem Familienkreise in der einen oder anderen Wohnung immer wieder über die mannigfachen Einschränkungen gesprochen, denen Juden in Deutschland in den Hitlerjahren unterworfen waren. Ich habe versucht, die antijüdischen Vorschriften, die im Laufe der Hitlerjahre eingeführt worden sind, unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, inwieweit sie meine Verwandten beeinträchtigt haben. Vollständigkeit kann meine Aufzählung nicht beanspruchen, denn es gab bis zu den Deportationen Hunderte Vorschriften, die das Leben der deutschen Juden eingeschränkt haben. Ihre Anwendung und Auslegung war nicht überall in Deutschland gleich, und sie betrafen auch nicht allesamt meine Verwandten. Zum Beispiel das „Schächtungsgesetz“, das jüdischen Metzgern das Schlachten nach den biblischen Vorschriften, das Schächten, verbot und damit die gläubigen deutschen Juden, die diese Regeln nicht verletzen wollten, zum Verzicht auf den Verzehr von Fleisch und Fleischwaren zwang. Allenfalls gutsituierte Juden konnten sich in den ersten Jahren der Hitlerzeit importiertes koscheres Fleisch beschaffen. Meine Verwandten waren freilich durch das Schächtungsgesetz nicht beeinträchtigt, weil sie sich ohnehin nicht an die jüdischen Speisevorschriften hielten. Auch das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, das die Zwangspensionierung jüdischer Professoren, Richter, Staatsanwälte und anderer Beamten verfügte, das „Gesetz gegen die Überfüllung von deutschen Schulen und Hochschulen“, das den Anteil jüdischer Schüler und Studenten an der gesamten Schüler- und Studentenschaft auf 1.5% begrenzte, das „Gesetz über den Widerruf von Einbürgerungen und die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft“, das den in den zwanziger Jahren vor allem aus Polen eingewanderten und eingebürgerten Juden die deutsche Staatsbürgerschaft nahm, das „Schriftleitergesetz“, das deutsche Juden von der Arbeit in deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen ausschloss, die neuen Prüfungsordnungen für Ärzte, Zahnärzte, Pharmazeuten und Juristen, die jüdische Studenten vom Examen in diesen Fächern und damit von der Ausübung dieser Berufe ausschloss, nahmen meine Verwandten nichts, denn meine Cousins und Cousinen konnten und wollten weder studieren noch akademische Berufe ausüben. Auch das Verbot für jüdische Ärzte, Zahnärzte und Rechtsanwälte, Nichtjuden als Patienten und Mandanten anzunehmen, traf darum unsere Angehörigen nicht.  Dies gilt im Grunde auch für das Wehrgesetz, das die deutschen Juden vom Wehrdienst ausschloss. Die Söhne von Zerline und Martha Löwenberg waren im Sinne der damaligen Gesetze „Halbjuden“, und sie hätten später, im Krieg, vielleicht in die Wehrmacht aufgenommen werden können. Tatsächlich sind viele „Halbjuden“ Soldat in der Deutschen Wehrmacht geworden, weil sie keiner jüdischen Gemeinde angehörten und darum als „Arier“ eingezogen wurden. Mit “Halbjuden” wurde also je nach Ort und Zeit ganz verschieden verfahren, weil, wie bereits erwähnt, keine klaren gesetzlichen Vorgaben bestanden und weil Hitler, die letzte Instanz auch in solchen Fragen, wechselnde Weisungen ergehen ließ, die dann in den untergeordneten Instanzen zu unterschiedlicher Behandlung von „Halbjuden“ führten. Ich glaube aber nicht, dass meine Cousins Interesse daran gehabt hätten, deutsche Soldaten zu werden. Zwei von ihnen haben die Hitlerjahre überlebt, und sie haben ihren Wehrdienst später in Israel und nicht in Deutschland geleistet.  Mit dem „Reichsbürgergesetz“ und dem „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, zwei der drei sogenannten Nürnberger Gesetze, die den deutschen Juden jegliche staatsbürgerlichen Rechte nahmen und sie zu Aussätzigen machten, mit denen „Deutschblütige“ keine intimen Kontakte haben durften, war es eine andere Sache, denn streng genommen lebten Walter und Lina Löwenberg in einer „rassenschänderischen“ Beziehung, die freilich als gültige Ehe vom gesetzlichen Verbot und der Bewertung als Verbrechen ausgenommen waren. Das Gleiche galt für Martha und Konrad Leonhardt, Schwester und Schwager von Walter Löwenberg. Anders bei Zerline Löwenberg, die nicht verheiratet war. Die Väter ihrer Kinder waren zwar, wie ich von meiner Mutter weiß, keine Juden, die Kinder Kurt, Helga und Karl Heinz waren aber Angehörige der Jüdischen Gemeinde, und darum waren sie und ihre Mutter für die Nationalsozialisten und ihre Juristen allesamt Juden. Das Engagement aller vier Geschwister, Lothar, Walter, Martha und Zerline, in der Kommunistischen Partei hat sie damals in doppelter Hinsicht zu Staatsfeinden gemacht. Die Erhebung einer Auswanderungssteuer, die von Juden  zu entrichten war, die Deutschland verlassen konnten, bis die Auswanderung von Juden verboten wurde, der Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit bei Überschreiten der deutschen Grenzen und  die Konfiskation der Vermögen von Juden, die das Land verließen, all das spielte für meine Verwandten keine Rolle. Auch die - auf Verlangen der schweizerischen Behörden eingeführte - Verordnung, die vorschrieb, dass die Reisepässe von deutschen Juden mit einem großen, roten „J“ zu stempeln seien, traf die Löwenbergs nicht, denn sie besaßen keine Reisepässe, und sie hatten gar nicht das Geld, um an Auswanderung zu denken. Ihnen konnte man das große, rote „J“ nur in die Kennkarte stempeln. Das galt mehr oder minder auch für Klara und Arthur Ackermann. Sie konnten seit 1938 nicht mehr an Auswanderung denken, weil sie über ihr Haus oder über Wertpapiere, die sie besessen haben mögen, nach dem Novemberpogrom nicht mehr verfügen durften und weil sie, wenn ich mich richtig erinnere, im westlichen Ausland keine Verwandten hatten, die für sie hätten bürgen und ihnen die Mittel für die Aus- und Einreise hätten übermitteln können. Jüdische Betriebe und Immobilien unterlagen seit 1938 der “Arisierung” oder der Erfassung und Kontrolle durch deutsche Behörden. Das galt auch für das Haus in der Hermannstraße, in dem während der Hitlerjahre wohnten. Die monatliche Miete durfte nun nicht mehr an Herrn und Frau Ackermann, die Eigentümer, sie musste an ein privates Bankhaus gezahlt werden, das die monatlichen Mieten kassierte und an den Staat abführte, bis das Haus einen neuen Eigentümer gefunden hatte.  Mit dem Überschreiten der deutschen Staatsgrenze verloren die Opfer der Deportation übrigens die deutsche Staatsangehörigkeit und ihr Vermögen verfiel dem Deutschen Reich. Alle jüdischen Vermögen über 5.000 Reichsmark waren beschlagnahmt, und nach der Pogromnacht im November 1938 wurden die deutschen Juden mit einer “Sühneleistung” in Höhe von einer Milliarde Mark belastet. Und ihre Versicherungsansprüche verfielen dem Deutschen Reich. All das hat meine Onkel und Tanten, meine Cousins und Cousinen unmittelbar nicht betroffen, weil sie arme Leute waren, die keinerlei Vermögen besaßen, das der Staat hätte beschlagnahmen können. Sie hatten auch keine Geschäfte, deren Scheiben die SA und die SS hätten in der Pogromnacht zerschlagen können. Mit der bereits vor dem Novemberpogrom erzwungenen Annahme des zusätzlichen Vornamens „Sara“ oder „Israel“ hat man die Löwenbergs und die anderen deutschen Juden allerdings ins Herz getroffen, denn sie hatten allesamt nicht nur deutsche Familiennamen, sondern auch deutsche Vornamen, wie sie eben auch die nichtjüdischen Deutschen trugen. Lothar, Walter, Martha, Kurt, Helga und Karl Heinz, Ursula, Ingeborg, Wilma und Helmut. Sie waren Deutsche und verstanden sich als Deutsche. Darum trugen sie - neben ihren jüdischen Beinamen, die garnicht in die amtlichen Register eingingen - deutsche Vornamen, mit denen sie in allen amtlichen Dokumenten eingetragen waren. Damals also wurde aus Klara Ackermann Klara Sara Ackermann und aus Arthur Ackermann Arthur Israel Ackermann, und so stand es auch in ihren Ausweisen und sämtlichen behördlichen Dokumenten, oft mit einem großen, roten „J“ gestempelt. Gleiches galt für unsere jüdischen Verwandten. Nicht jeder Jude musste damals den zusätzlichen Vornamen Israel oder Sara annehmen. In ihrem Perfektionsfimmel hatten die Verantwortlichen verfügt, dass Juden, die bereits einen „typischen“ jüdischen Vornamen hatten, von der Pflicht befreit waren, Israel oder Sarah als zusätzlichen Vornamen zu führen. Das einschlägige Gesetz nannte jeweils Dutzende solcher befreiender jüdischer Vornamen für Männer und Frauen. Einige mutige deutsche Juden haben damals einfach den Antrag gestellt, anstelle ihres deutschen Vornamens einen der im Gesetz aufgeführten „typischen“ jüdischen Vornamen führen zu dürfen, und die Gerichte haben diesen Anträgen meist zugestimmt, weil dem Zweck des Gesetzes auch nach dem Wechsel des Vornamens Genüge getan sei. Nach dem Krieg sind einige dieser biblischen Vornamen auch unter Nichtjuden Mode geworden. Jedenfalls habe ich später nicht wenige Judiths, Rebeccas und Saras getroffen, deren Eltern keineswegs Juden waren. Vor 1945 wäre es wenig opportun gewesen, Neugeborenen solche Namen zu geben. Die Diffamierung der deutschen Juden erreichte im September 1941 ihren vorläufigen Höhepunkt, als sie gezwungen wurden, einen großen gelben Judenstern auf der linken Seite der Brust zu tragen, wenn sie ihre Wohnung verließen. Neun Monate haben Zerline, Helga und Karl Heinz Löwenberg, Klara und Arthur Ackermann, Selma, Hermann und Ilse Löwenstein diese Demütigung ertragen. Bis zu den Deportationen. Walter Löwenberg, als privilegierter Jude von den Deportationen ausgenommen, trug den gelben Stern bis zu seiner Verhaftung. In Dachau war es dann der Judenwinkel, der ihn von den nichtjüdischen Häftlingen unterschied. Walter Löwenberg trug in Dachau nicht das normale Judenzeichen, zwei gelbe, zum Davidstern vernähte Dreiecke, sondern ein rotes und ein gelbes Dreieck, die als Davidstern vernäht waren. Das bedeutete, dass er als Jude und als politischer Gegner, als Kommunist, im Konzentrationslager war. Andere „Schutzhäftlinge“ trugen Winkel an der Jacke, die sie als Politische, Asoziale, Homosexuelle oder Bibelforscher markierten.  XXIII Juden wurden vor dem Krieg und während des Kriegs mancherlei weiteren Diffamierungen und Demütigungen unterworfen. Ihnen wurden Versammlungen und Veranstaltungen verboten. Sie wurden in Kliniken gesondert untergebracht, vorgeblich, um Rassenschande zu erschweren. Später durften sie nur noch in jüdischen Krankenhäusern behandelt werden. Arische Ärzte und Zahnärzte durften keine Juden, jüdische Ärzte und Zahnärzte keine Arier behandeln. Dann wurde ihnen der Besuch von Theatern, Kinos, Konzerten, Ausstellungen, Museen, Restaurants und Cafés verboten. Verboten auch die Benutzung von öffentlichen Bibliotheken samt Buchausleihen. Jüdische Kinder durften seit 1938 keine deutschen Schulen besuchen. Die Führerscheine von Juden und die KFZ- Scheine ihrer Fahrzeuge wurden für ungültig  erklärt  und  eingezogen. Juden verloren den gesetzlichen Mieterschutz. Viele wurden nach und nach in „Judenhäuser“ verbracht, Häuser mit jüdischen Eigentümern, die freie Wohnungen melden mussten, die dann von der Wohnungsbehörde mit jüdischen Familien belegt wurden, die ihre bisherigen Wohnungen verlassen mussten. Juden verloren ihre Telefonanschlüsse. Juden unterlagen einer Ausgangssperre. Sie durften ihre Wohnungen im Winter nach 20 Uhr, im Sommer nach 21 Uhr nicht mehr verlassen.  [if gte vml 1]> [endif] Nassauisches Volksblatt23. August 1938 Juden wurde der Besitz von Rundfunkgeräten verboten. Fahrräder, Photoapparate und Ferngläser in jüdischem Besitz wurden zunächst registriert. Im ersten Winter des Krieges in Russland mussten Juden alle Pelze und Pelzwaren abliefern. Juden wurde die Benutzung öffentlicher Telefonzellen verboten. Juden war es verboten, Orden, Ehrenzeichen oder sonstige Abzeichen zu tragen. Schreibmaschinen, Rechenmaschinen, Vervielfältigungsapparate, Fahrräder, Photoapparate und Ferngläser in jüdischem Privatbesitz, zunächst nur registriert, waren schließlich abzuliefern. Briefmarkensammlungen wurden beschlagnahmt. Juden durften keine Haustiere mehr halten, mussten ihre Hunde, Katzen und Singvögel töten, weil sie auch nicht verschenkt oder in Pflege gegeben werden durften. Juden wurden von der Belieferung mit Zeitungen, Zeitschriften, Gesetz- und Verordnungsblättern durch die Post, durch Verlage und durch Straßenhändler ausgeschlossen. Juden wurden angewiesen, ihre Wohnungen mit einem schwarzen Judenstern an der Eingangstür zu kennzeichnen. Juden wurde die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, auch von Taxis, verboten. Sie durften vielerorts die Stadt nicht mehr verlassen und auch den Bahnhof nicht mehr betreten. Juden wurden im Krieg von der Versorgung mit Fleisch, Fleischprodukten, Eiern, Milch, Zucker, Kaffee, Süßwaren und Tabakwaren ausgeschlossen. Sie durften ohnehin nur in “Judenläden” und dort nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Zeiten einkaufen. Sie durften keine Vorräte an Nahrungs- und Genussmitteln im Hause haben. Arische Friseure durften Juden nicht die Haare schneiden, arischen Schuhmachern war es verboten, Juden die Schuhe zu reparieren. Juden war das Betreten öffentlicher Parks und die Benutzung von Sitzbänken auf öffentlichen Plätzen verboten. Zu diesen Maßnahmen traten örtlich begrenzte weitere Schikanen, die von übereifrigen Parteibonzen eingeführt wurden, um Juden das Leben zu erschweren.  Wiederum gilt, dass meine Verwandten von vielen dieser Einschränkungen nicht betroffen waren. Sie hatten keinen Führerschein und kein Auto, kein Telefon, keine Schreibmaschine, keinen Photoapparat und kein Fernglas, geschweige denn einen Vervielfältigungsapparat. Sie besaßen keine Orden oder andere Ehrenzeichen. Vielleicht lag in einer Schublade, längst vergessen, noch die Anstecknadel der KPD, die sie vor Hitler stolz getragen hatten. Sie benutzten keine öffentlichen Bibliotheken, gingen nicht in die Oper, ins Schauspielhaus oder in Museen und Ausstellungen. Auch Münztelefone mussten sie nicht benutzen. Im „Judenladen“ wurden beim Einkauf an bestimmten Tagen, zu bestimmten Stunden die Lebensmittelkarten mit dem großen „J“, an den anderen Tagen und zu anderen Stunden die normalen, die “Arierkarten”, wie meine Tanten sich ausdrückten, präsentiert. Auf die Judenkarte gab es vieles nicht, was auf die normale Lebensmittelkarte zugeteilt wurde, und in jedem Fall waren die Judenrationen kleiner als die der Nichtjuden. Kleider- und Raucherkarten erhielten, wenn ich mich richtig erinnere, nur die Nichtjuden. Meine Tanten berichteten wie mit einer Stimme, dass die Inhaber und Angestellten der Geschäfte, in denen die Wiesbadener Juden an bestimmten Tagen und zu bestimmten Stunden mit ihren Judenkarten einkaufen konnten, meist sehr freundlich waren und  ihnen manchmal sogar mehr gegeben haben, als ihnen laut Karte zugestanden hätte. Immer waren auch die nichtjüdischen Verwandten da, wenn es darum ging, die katastrophale Versorgung der jüdischen Angehörigen im Krieg aufzubessern. Ich denke an meine Mutter, die ihrer Schwester und ihren jüdischen Schwägerinnen sehr oft Brot, Kartoffeln oder Eier mitgab oder bei ihren Besuchen mitbrachte. Diese Solidarität war freilich machtlos gegenüber dem Verbrechen, das unsere Familie und die jüdischen Menschen in unserem Haus im Juni 1942 auseinanderriss. Die Deportation der Ackermanns, der Löwensteins und der Rosenbergs, die in die Gaskammern in Polen führte.   XXIV Kehren wir zu den Familientreffen in den ersten Jahren des Krieges zurück. Es war damals nicht so, dass meine Mutter, mein Adoptivvater, Walter und Lina Löwenberg und - vor ihrer Deportation - Cilla und Martha Löwenberg bei ihrem Zusammensein in der einen oder anderen Wohnung ohne Unterlass über die antijüdischen Maßnahmen des Regimes gesprochen oder gar gejammert hätten. Das war nicht der Fall. Gespräche drehten sich meist um alltägliche Dinge, wie sie auch in anderen Familien erörtert wurden. Um die Kinder, um Freunde und Bekannte, um allerlei Vorkommnisse im Leben der einen oder anderen, die nichts mit den Schikanen zu tun hatten, denen die jüdischen Angehörigen unterworfen waren. Es wurde auch gelacht und gealbert, als ob sich die Schlinge um ihren Hals nicht immer enger zusammenziehen würde. Sie waren allesamt junge Menschen, zwischen dreißig und vierzig, die das Bedrohliche beiseite zu schieben versuchten, so gut es ging. Das galt mehr noch für ihre Kinder, allesamt Halbjuden im Jargon des Regimes, die mit anderen Kindern umzugehen versuchten, als sei das eine ganz gewöhnliche Sache. Wie gesagt: Bis die einen 1942 deportiert wurden und die anderen zu spüren bekamen, dass sie als „Halbjuden“ ausgesondert waren, dass es für sie keine normale Sache war, innerhalb und außerhalb der Schule Freunde zu finden. Und doch hat Ilse Löwenberg, meine Cousine, mit gleichaltrigen Mädchen aus der Nachbarschaft bis zum Ende der Hitlerjahre und danach Freundschaften unterhalten können, auch dann noch, als sie aus dem Jungmädelbund, der Parteiorganisation für junge Mädchen, wegen ihres jüdischen Vaters ausgestoßen worden war. Juden wurden vor dem Krieg und während des Kriegs mancherlei weiteren Diffamierungen und Demütigungen unterworfen. Ihnen wurde die Teilnahme an  Versammlungen und Veranstaltungen verboten. Sie wurden in Kliniken gesondert untergebracht, vorgeblich, um Rassenschande zu erschweren. Später durften sie nur noch in jüdischen Krankenhäusern behandelt werden. Arische Ärzte und Zahnärzte durften keine Juden, jüdische Ärzte und Zahnärzte keine Arier behandeln. Dann wurde ihnen der Besuch von Theatern, Kinos, Konzerten, Ausstellungen, Museen, Restaurants und Cafés verboten. Verboten auch die Benutzung von öffentlichen Bibliotheken samt Buchausleihen. Jüdische Kinder durften seit 1938 keine deutschen Schulen besuchen. Die Führerscheine von Juden und die KFZ- Scheine ihrer Fahrzeuge wurden für ungültig  erklärt  und  eingezogen. Juden verloren den gesetzlichen Mieterschutz. Viele wurden nach und nach in „Judenhäuser“ verbracht, Häuser mit jüdischen Eigentümern, die freie Wohnungen melden mussten, die dann von der Wohnungsbehörde mit jüdischen Familien belegt wurden, die ihre bisherigen Wohnungen verlassen mussten. Juden verloren ihre Telefonanschlüsse. Juden unterlagen einer Ausgangssperre: Sie mussten sich im Winter nach 20 Uhr, im Sommer nach 21 Uhr in ihren Wohnungen aufhalten, durften diese nicht verlassen. Juden wurde der Besitz von Rundfunkgeräten verboten. Fahrräder, Photoapparate und Ferngläser in jüdischem Besitz wurden zunächst registriert. Im ersten Winter des Krieges in Russland mussten Juden alle Pelze und Pelzwaren abliefern. Juden wurde die Benutzung öffentlicher Telefonzellen verboten. Juden war es verboten, Orden, Ehrenzeichen oder sonstige Abzeichen zu tragen. Schreibmaschinen, Rechenmaschinen, Vervielfältigungsapparate, Fahrräder, Photoapparate und Ferngläser in jüdischem Privatbesitz, zunächst nur registriert, waren schließlich abzuliefern. Briefmarkensammlungen wurden beschlagnahmt. Juden durften keine Haustiere mehr halten, mussten ihre Hunde, Katzen und Singvögel töten, weil sie auch nicht verschenkt oder in Pflege gegeben werden durften. Juden wurden von der Belieferung mit Zeitungen, Zeitschriften, Gesetz- und Verordnungsblättern durch die Post, durch Verlage und durch Straßenhändler ausgeschlossen. Juden wurden angewiesen, ihre Wohnungen mit einem schwarzen Judenstern an der Eingangstür zu kennzeichnen. Juden wurde die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, auch von Taxis, verboten. Sie durften vielerorts die Stadt nicht mehr verlassen und auch den Bahnhof nicht mehr betreten. Juden wurden im Krieg von der Versorgung mit Fleisch, Fleischprodukten, Eiern, Milch, Zucker, Kaffee, Süßwaren und Tabakwaren ausgeschlossen. Sie durften ohnehin nur in “Judenläden” und dort nur an bestimmten Tagen und zu bestimmten Zeiten einkaufen. Sie durften keine Vorräte an Nahrungs- und Genussmitteln im Hause haben. Arische Friseure durften Juden nicht die Haare schneiden, arischen Schuhmachern war es verboten, Juden die Schuhe zu reparieren.  Die Deportation I Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942, auf der die Einzelheiten der von Hitler und Himmler beschlossenen Deportationen aller Juden im damaligen deutschen Herrschaftsbereich zwischen Vertretern der beteiligten Behörden abgestimmt wurden, erklärt alle Menschen zu Juden, die drei oder vier jüdische Großelternteile haben. Die geplante Behandlung von Menschen mit zwei jüdischen Großelternteilen, also von „Halbjuden“ im Jargon jener Zeit, ist auf die Weise geklärt, dass sie, von Ausnahmen abgesehen, den Juden, also Menschen mit vier oder drei jüdischen Großelternteilen, gleichgestellt sind. Das heißt, dass sie den kommenden Deportationen unterworfen werden. Das - von Adolf Eichmann verfasste - Protokoll dieser Konferenz nennt allerdings eine Reihe von Ausnahmen, in denen „Halbjuden“ nicht zu deportieren waren. Diese von der Deportation auszunehmenden Menschen mit zwei jüdischen Großelternteilen sollten indessen sterilisiert werden. Die Sterilisierung galt als Voraussetzung für das Verbleiben im Deutschen Reich. Die Menschen mit einem jüdischen Großelternteil dagegen sollten grundsätzlich den Deutschblütigen zugerechnet werden. Die auf der Wannsee-Konferenz vorgeschlagene Behandlung von „Halbjuden“ im Rahmen der Endlösung der Judenfrage hätte für meine Cousins und Cousinen bedeutet, dass sie wie „Volljuden“ deportiert werden sollten, weil die im Protokoll genannten Ausnahmetatbestände auf sie nicht zutrafen. Tatsächlich sind allein die Kinder von Zerline Löwenberg deportiert und ermordet worden. Die Kinder von Martha Leonhardt, geborene Löwenberg, hingegen, aus der Ehe mit einem „Deutschblütigen“, dem Schiffsingenieur Konrad Leonhardt hervorgegangen, sind nicht deportiert worden, obwohl die im Protokoll genannten Ausnahmetatbestände auf sie ebenfalls nicht zutrafen. Die Beschlüsse der Wannsee-Konferenz sind also bei der Deportation Wiesbadener Juden im Sommer 1942 nicht konsequent umgesetzt worden. Ob ein „Halbjude“ damals deportiert wurde oder nicht, hing letzten Endes von Entscheidungen der örtlichen Gestapo-Stellen ab, die die Deportationslisten zusammenstellten. Gleiche Fälle wurden durchaus ungleich behandelt. Von den streng limitierten Ablichtungen des Protokolls der Wannsee-Konferenz ist nur ein Exemplar erhalten geblieben. Es befindet sich im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin. Mit Genehmigung dieses Instituts gebe ich den Text dieses  - von Adolf Eichmann verfassten - Protokolls wider. Er macht die Entschlossenheit Hitlers und seiner Vollzugspersonen deutlich, die europäischen Juden auszulöschen und damit die Ankündigung wahrzumachen, die Hitler bereits am 30. Januar 1939 in einer Rede vor dem Deutschen Reichstag, dem Pseudo-Parlament des Hitlerregimes, aus Anlass der Wiederkehr des Tages der „Machtergreifung“ in dramatischer Weise vorgebracht hatte. Damals bereits hat er die für den Fall eines - von ihm längst geplanten - Krieges die Vernichtung des europäischen Judentums angekündigt. Es kann also kaum ein Zweifel daran bestehen, dass Hitler ganz unabhängig vom Verlauf des kommenden Krieges entschlossen war, die „Judenfrage“ endgültig zu lösen. Nur Zeitpunkt und Modalitäten waren noch nicht beschlossen. Die Wannsee-Konferenz macht klar, dass der Startschuss zum Massenmord nun gefallen war. Es ging nur noch darum, die Arbeit der beteiligten Behörden abzustimmen. In diesem kurzen Bericht über die Ergebnisse der Wannsee-Konferenz habe ich die damals volkstümlichen Ausdrücke „Halbjude“ und „Vierteljude“ anstelle der amtlichen Ausdrücke Mischling 1. und 2. Grades nicht oder nur in Anführungszeichen verwendet, weil sie eher an die Welt der Tier- und Pflanzenzucht erinnern. Es sind so oder so lediglich Aussagen über die Zahl der jüdischen Großelternteile. Nimmt man die Zugehörigkeit zur jüdischen Religionsgemeinschaft als Kennzeichen dafür, dass jemand Jude ist, dann sind die Ausdrücke Halb- und Vierteljude natürlich abwegig. Dann gibt es allein Juden und Nichtjuden. So wie es Christen und Nichtchristen, Muslime und Nichtmuslime gibt. Und keine Halb- und Viertelchristen, Halb- und Viertelmuslime. Die Verwendung der Ausdrücke „Halbjude“ und „Vierteljude“ impliziert bereits eine rassistische Einstellung. Leicht hört man auch heute noch gelegentlich jemanden von „Halbjuden“ oder „Vierteljuden“ sprechen, nie aber von „Halbchristen“ oder „Viertelchristen“. Oder von „Halbdeutschen“ und „Vierteldeutschen“. Hinter der Unterscheidung zwischen Voll-, Halb- und Vierteljuden steckt ganz einfach Gedankenlosigkeit oder Gehässigkeit. [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif] Protokoll der Wannsee-Konferenzam 20. Januar 1942  II Mit Datum vom 4. Juni 1942, also eine knappe Woche vor der Deportation von 321 Wiesbadener Juden, erhielten die Staatspolizeistellen und Staatspolizeileitstellen im Deutschen Reich und im Protektorat Böhmen und Mähren vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin die „Richtlinien zur technischen  Durchführung  der Evakuierung von Juden nach dem Osten (Izbica bei Lublin)“, die das Verfahren der geplanten Deportationen nach dem „Osten“ verbindlich klärten. Verfasser der Richtlinien war Adolf Eichmann, Leiter des Judenreferats im Reichssicherheitshauptamt der SS. Der Mann, der nach Kriegsende in Argentinien unter falschem Namen untertauchte, wo ihn der israelische Geheimdienst später ausfindig gemacht und nach Israel verbracht hatte. Dort wurde ihm der Prozess gemacht, der mit einem Todesurteil endete. Er ist, wie viele seiner Opfer, am Galgen gestorben. Diese Richtlinien erreichten auch die Staatspolizeileitstelle Hessen-Nassau in Frankfurt (Main), und sie lagen der Vorbereitung und Ausführung der für den 10. Juni 1942 geplanten Deportation Wiesbadener  und  Frankfurter Juden zugrunde. Die Richtlinien regelten zunächst den zur „Evakuierung“ bestimmten Personenkreis. Dies waren alle Juden mit vorerst folgenden Ausnahmen: (1) In deutsch-jüdischer Mischehe lebende Juden, (2) Juden ausländischer Staatsangehörigkeit, (3) in kriegswichtigem Arbeitseinsatz befindliche Juden, (4) Juden im Alter von unter 5 Jahren oder transportunfähige Juden im Alter von 5 bis 55 Jahren, (5) Juden, die Inhaber des Verwundetenabzeichens und Träger hoher Tapferkeitsauszeichnungen waren, (6) eine angemessene Zahl ehrenamtlicher Mitglieder der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, jüdischer Rechtskonsulenten (Anwälte) und Krankenbehandler (Ärzte). (7) Überdies sollten Ehetrennungen sowie die Trennung von Kindern bis zu 14 Jahren von den Eltern vermieden werden. Die Transporte sollten jeweils höchstens 1.000 Juden umfassen. Ich verzichte darauf, die weiteren Einzelheiten dieser Weisung aufzuführen. Der gesamte Text dieses historischen Dokuments kann den folgenden Seiten entnommen werden.  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif] Richtlinienzur technischen  Durchführung  der Evakuierung von Juden nach dem Ostenvom 4. Juni 1942Quelle: Aktives Museum Spiegelgasse, Wiesbaden  Klara und Arthur Ackermann, Selma, Hermann und Ilse Löwenstein, Bewohner unseres „Judenhauses“, erhielten ebenso wie Zerline Löwenberg und ihre Kinder Helga und Karl Heinz und mehr als 300 weitere Wiesbadener Juden am 8. Juni 1942 die schriftliche Mitteilung der Bezirksstelle Hessen-Nassau der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, in der sie auf behördliche Anordnung - lies: auf Befehl der Geheimen Staatspolizei - davon in Kenntnis gesetzt wurden, dass sie sich ab Mittwoch, dem 10. Juni 1942, vormittags 8 Uhr, zur Abwanderung in ihrer Wohnung bereitzuhalten haben. Der Mitteilung war der Vordruck einer Vermögenserklärung beigefügt, die von den Empfängern auszufüllen und bei der Abholung bereitzuhalten war. Mit dieser Zustellung galt das gesamte Vermögen des Empfängers als beschlagnahmt. Jedwede Verfügung über das beschlagnahmte Vermögen war unter Strafe gestellt. Diese Mitteilung enthielt darüberhinaus ausführliche Vorschriften darüber, was die zur „Abwanderung“ Bestimmten mitnehmen sollten und was sie keinesfalls mitnehmen durften. Dem Text dieser Benachrichtigung kann man entnehmen, dass die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland von den zuständigen staatlichen Behörden - also: von der Geheimen Staatspolizei - gezwungen wurde, sämtliche Aktivitäten zu übernehmen, die mit der Beschlagnahme des Vermögens und der pünktlichen Ankunft an den Sammelstellen der zur Deportation ausgewählten Juden verbunden waren. Natürlich wurde das konfiszierte Vermögen der Deportierten nicht von der Reichsvereinigung verwaltet, sondern an die zuständigen Finanzbehörden weitergeleitet. Man kann verstehen, dass die in dieser Zwangsorganisation deutscher Juden Tätigen, allesamt selbst Juden, nach dem Krieg schweren Anschuldigungen von jüdischer Seite ausgesetzt waren. Von den Schafen, die freiwillig zur Schlachtbank gingen, war immer wieder die Rede. Vor allem Juden der jüngeren Generation, die selbst nicht unter Vertreibung und Verfolgung gelitten haben, sind mit solchen Vorwürfen schnell bei der Hand gewesen. Ob die Weigerung, bei der Vorbereitung und Ausführung der Deportationen mitzuwirken, etwas am Ablauf der Ereignisse geändert hätte, kann man bezweifeln. Die Verantwortlichen auf der deutschen Seite hätten die Deportationen sicherlich auch ohne jüdische Hilfe zuwege bringen können. Man muss aber sehen, dass die Einschaltung der zentralen jüdischen Organisation in Deutschland bei den Opfern womöglich den Glauben stärkte, dass mit der „Umsiedlung“, der „Evakuierung“ - Ausdrücken, die damals für allerlei Verbringungen und Verschickungen verwendet wurden, die mit der Judenverfolgung gar nichts zu tun hatten - alles seine Richtigkeit habe. Viele von ihnen hatten sicherlich die Hoffnung nicht aufgegeben, das Kriegsende zu erleben. Sei es auch unter erbärmlichen Bedingungen. Mitte 1942 war auch unter den Wiesbadener Juden von einer fabrikmäßigen Beseitigung von Millionen Menschen noch keine Rede. Auch BBC hat damals, Mitte 1942, noch nichts von den Vernichtungslagern in Belcec, Sobíbor, Majdanek, Treblinka und Auschwitz-Birkenau berichtet. Und die deutschen Juden waren immer davon überzeugt, dass sie anders behandelt würden als die „Ostjuden“, von deren Vernichtung durch Massenerschießungen sie sehr wohl gewusst haben.  Weiter unten ist die amtliche Liste der 321 Wiesbadener Juden wiedergegeben, die von der Geheimen Staatspolizei in Frankfurt anhand der vom Judenreferat des Reichssicherheitshauptamtes der SS gegebenen Kriterien zur Deportation am 10. Juni 1942 ausgewählt und von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland in Frankfurt über den bevorstehenden Transport benachrichtigt worden sind. Wenn man sich diese Liste genauer anschaut, dann erkennt man, dass nur wenige der deportierten Personen älter als 55 Jahre waren. Es wurden also, von wenigen Kindern abgesehen, am 10. Juni 1942 Menschen im arbeitsfähigen Alter deportiert. Dies hat sicherlich bei den Opfern dieser Deportation die Illusion bestärkt, dass sie in einem Arbeitslager untergebracht würden. Aus den vielen Gesprächen mit unseren jüdischen Verwandten wusste ich, dass sie diese Erwartung mit der Hoffnung verbanden, das Kriegsende und damit ihre Befreiung durch die Alliierten zu erleben. Aber diese Hoffnung trog, weil die Deportierten nicht in ein Arbeitslager, sondern in eines der neuen Vernichtungslager transportiert und auf der Stelle ermordet wurden. Bis auf einige Männer, die zuvor als „Arbeitsjuden“ ausgesondert wurden und noch kurze Zeit leben durften. In der zweiten großen Deportation Wiesbadener Juden am 1. September 1942 wurden die älteren und kaum mehr arbeitsfähigen Menschen nicht, jedenfalls nicht direkt, in die Vernichtungslager in Polen, sondern tatsächlich nach Theresienstadt deportiert. Man hat den Opfern vorgegaukelt, dass sie in Theresienstadt in einem Altersghetto untergebracht werden, und jene, die mehr als 1.000 Reichsmark besaßen, mussten einen „Heimeinkaufsvertrag“ unterschreiben. Ein Schurkenstück, wenn man sich vor Augen hält, dass die deportierten Juden in Theresienstadt auf unmenschliche Art zusammengepfercht wurden und bei völlig unzureichender Ernährung und mangelhafter oder fehlender medizinischer Versorgung dahinvegetieren mussten. Die Sterblichkeit war in Theresienstadt extrem hoch. Nach den vorliegenden Informationen sind von den 380 Deportierten aus Wiesbaden 194 in Theresienstadt gestorben, 85 wurden nach Auschwitz, 4 nach Treblinka weitertransportiert und dort ermordet. Nur wenige Deportierte haben Theresienstadt überlebt. Sechs von dreihundertachtundsechzig. Noch höher war die Sterblichkeit bei den in der folgenden Liste genannten Wiesbadener Juden des Transports vom 10. Juni 1942. Von ihnen hat keiner überlebt. Die als „Arbeitsjuden“ bei der Selektion Ausgesonderten ebensowenig wie die anderen, die direkt in den Gaskammern in Sobíbor endeten. Auch nicht die Ackermanns, die Löwenbergs und die Löwensteins. Die Transportzüge der Deutschen Reichsbahn wurden in den Jahren 1941 bis 1943 in Abstimmung zwischen dem Reichsverkehrsministerium, dem Reichssicherheitshauptamt der SS und den örtlichen Stellen der Geheimen Staatspolizei bereitgestellt. Es handelte sich oft um „Russenzüge“, die auf der Fahrt aus Russland Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen für den Einsatz in deutschen Rüstungsbetrieben ins Deutsche Reich gebracht haben. Auf der Rückfahrt nach Russland wurden die deportierten Juden in die Arbeits- und Vernichtungslager in Polen transportiert. Das Reichsverkehrsministerium meldete dem - von Adolf Eichmann geleiteten - Judenreferat des Reichssicherheitshauptamtes der SS die für die Transporte von Juden verfügbaren „Russenzüge“, und auf das Signal dieser Behörde wurden die in den örtlichen Gestapo-Stellen vorbereiteten Transporte in Gang gesetzt. Das heißt: Die zur Deportation ausgewählten Juden wurden durch die örtlichen Stellen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland aufgefordert, sich am angegebenen Tag und zur angegebenen Zeit an den Sammelstellen zur „Evakuierung“ nach dem Osten einzufinden.  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif] Verzeichnis der am 10. Juni 1942 deportierten Wiesbadener JudenQuelle: Aktives Museum Spiegelgasse, Wiesbaden  Die mit der Erfassung und der Verschickung dieser Juden vor Ort erforderlichen Maßnahmen oblagen den Ortspolizeibehörden. Auf diese Weise dienten die Züge der Deutschen Reichsbahn auf Hin- und Rückfahrt zweierlei Zwecken: Sie waren in Richtung von Ost nach West „Russenzüge“, die Zwangsarbeiter in die deutschen Rüstungszentren transportierten und in Richtung von West nach Ost „Judenzüge“, die die Deportierten in die Vernichtungslager im Osten brachten. Der Zug, der die Wiesbadener Juden am 10. Juni 1942 über Frankfurt nach Lublin und weiter nach Sobíbor transportierte, trug die Nummer „DA 18“. Die zur Deportation bestimmten Wiesbadener Juden wurden am Vormittag des 10. Juni 1942 mit Lastautos in ihren Wohnungen abgeholt, zum Hauptbahnhof Wiesbaden gebracht und in den bereitgestellten Zug verladen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Frankfurt,  bei dem weitere Waggons mit Juden aus Frankfurt und aus Landkreisen im Regierungsbezirk Wiesbaden angekoppelt wurden, fuhr der Zug nicht, wie viele der 1.253 Deportierten geglaubt hatten, nach Theresienstadt, sondern nach Lublin in Polen. Dort wurden die Deportierten, soweit sie den tagelangen Transport überlebt hatten, an einer Eisenbahnrampe neben dem „Alten Flugplatz“ in Lublin einer Selektion unterworfen. Rund 200 Männer im Alter zwischen 15 und 50 Jahren, die als arbeitsfähig galten, wurden ausgesondert und  beim Aufbau des nahegelegenen Konzentrationslagers Majdanek eingesetzt. Alle Frauen, Kinder und die übrigen Männer wurden in die Waggons zurückgetrieben, und der Zug „DA 18“ fuhr die Opfer in das Vernichtungslager Sobíbor in der Nähe von Lublin. Kommandant des Vernichtungslagers Sobíbor war der SS-Obersturmführer Franz Stangl, der zuvor im Rahmen des Euthanasie-Programms im Deutschen Reich tätig gewesen ist und dabei Erfahrungen bei der Ermordung Tausender geistig und körperlich Behinderter erworben hatte. Ihm wurden etwa 30 SS-Männer unterstellt, die ebenfalls im Rahmen des Euthanasie-Programms tätig gewesen waren. Des Weiteren setzte die SS Ukrainer als Hilfskräfte im Lager ein, Menschen also, die keine Angehörigen im Deutschen Reich hatten, denen sie etwas über die Vorgänge in Sobíbor hätten berichten können. Diese Hilfskräfte, die Uniform trugen, waren zuvor schon in ukrainischen Ghettos als Polizisten tätig, und einige von ihnen hatten an den Massenerschießungen im Jahre 1941 teilgenommen. Das Vernichtungslager Sobíbor wurde im Frühjahr 1942 von jüdischen Häftlingen errichtet und nach Probeaktionen, bei denen rund 250 Häftlinge, Männer und Frauen aus nahegelegenen Arbeitslagern, umgebracht wurden, im Mai 1942 in Betrieb genommen. Bei diesen Versuchsaktionen wurden die Opfer in eine der drei Gaskammern gebracht, in die dann die Auspuffgase eines großvolumigen Russischen Panzer- oder Lokomotivmotors geleitet wurden. Nach zehn Minuten waren alle Opfer tot, erstickt an einer Vergiftung durch Kohlenmonoxid. Nach der Feststellung, dass die Anlage funktionstüchtig war, begannen die routinemäßigen Vernichtungsaktionen. Jede der drei Gaskammern in Sobíbor hatte eine Größe von vier mal vier Metern, auf denen später bis zu zweihundert Menschen zusammengepfercht wurden. Das sind über zehn Menschen je Quadratmeter. Man will gar nicht glauben, dass das überhaupt möglich ist. Beinahe täglich trafen auf dem Gleis, das am Lagerzaun vorbeiführte, Züge mit 1.000 bis 2.000 Häftlingen aus dem damaligen deutschen Herrschaftsbereich ein. Die Waggons wurden gruppenweise nacheinander auf einem abzweigenden Gleis in das Lager rangiert und dort von den ukrainischen Hilfskräften geöffnet. Die Häftlinge mussten ihr Gepäck auf der Rampe zurücklassen, und sie wurden von den Ukrainern in die Entkleidungsbaracke getrieben. Dort wurden die Männer von den Frauen und Kindern getrennt und beide Gruppen wurden nach der Entkleidung in die als „Bad“ maskierten Gaskammern getrieben. Zuvor wurden den Frauen die Haare abgeschnitten. Nach Öffnung und Entlüftung der Gaskammern musste ein Arbeitskommando jüdischer Häftlinge die Toten nach versteckten Wertsachen untersuchen, ihre Goldzähne herausbrechen und die Leichen schließlich in Massengräber  werfen, die außerhalb des Gebäudes von Häftlingen ausgehoben worden waren.   Jede der drei Gruben, in die die Körper der Ermordeten geworfen wurden, war ungefähr sechzig Meter lang, zehn bis fünfzehn Meter breit und fünf bis sieben Meter tief, konnte also Abertausende Leichen fassen. Als Mitwisser des Verbrechens wurden die „Arbeitsjuden“ in regelmäßigen Abständen von der SS umgebracht und durch neue Häftlinge ersetzt, die nach ihrer Ankunft in der Entkleidungsbaracke ausgesucht wurden und so der Ermordung für einige Zeit entrannen. Behinderte, geschwächte und kranke Häftlinge, die den schnellen Ablauf der Aktionen gestört hätten, wurden in Loren, die zunächst von „Arbeitsjuden“, später von einer kleinen Lokomotive gezogen wurden, direkt zu den Massengräbern gefahren, dort erschossen und in die Gruben geworfen.  Ebenso die Körper der Menschen, die während des tagelangen Transports gestorben waren. Im Oktober 1942, nach einer dreimonatigen Stilllegung der Anlage, gingen in Sobíbor sechs neue Gaskammern in Betrieb, in denen ungefähr 1.200 Menschen gleichzeitig umgebracht werden konnten. Später wurden die Massengräber geöffnet, die Leichen verbrannt, und die Einleitung von  Kohlenmonoxid wurde durch die von Zyklon B, von Blausäure, ersetzt. Dadurch wurde die Zeit  zwischen dem Beginn der Einleitung des Gases und dem Eintritt des Todes der Opfer verkürzt und die Kapazität der Mordmaschinerie erhöht. Überdies war der Vorgang leichter beherrschbar, weil nach der Schließung der Gaskammern nur noch die Chemikalie durch ein Rohr in die Gaskammer geworfen werden musste. So war es möglich, bis zur Schließung dieses Vernichtungslagers rund 250.000 Menschen aus Polen, Österreich, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und anderen europäischen Ländern zu ermorden. Im Oktober 1943 organisierten die „Arbeitsjuden“ einen Aufstand, bei dem einigen Gefangenen die Flucht gelang. Nach dieser Revolte ermordete die SS alle im Lager noch greifbaren Juden und zerstörte sämtliche Gebäude. Auf dem Lagergelände wurden Bäume angepflanzt und Häuser für die ukrainischen Hilfskräfte errichtet, die bei der Mordarbeit mitgewirkt hatten. Von den Löwenbergs, Löwensteins und Ackermanns kamen aufgrund ihres Alters allein Arthur Ackermann und Karl Heinz Löwenberg bei der Selektion an der Rampe in Lublin für die Auswahl zum Arbeitseinsatz in Frage. Es existiert aber keine Liste der zum Arbeitseinsatz ausgesonderten rund zweihundert Männer, die nach Majdanek gebracht und dort beim Aufbau dieses künftigen Vernichtungslagers eingesetzt wurden. Die SS hatte bei der Aufgabe des Lagers Ende 1944 die Unterlagen vernichtet. Nur durch Zufall blieben einige Todesbücher - also: Sterberegister - erhalten. Sie befinden sich heute im Archiv des Staatlichen Museums Majdanek. Auf Anfrage teilte der Direktor dieser Gedenkstätte mit, dass in einem der Todesbücher Angaben über 27 Häftlinge zu finden seien, die am 10. Juni 1942 aus Wiesbaden deportiert, in Lublin ausgesondert, nach Majdanek gebracht worden und dort im Sommer 1942 umgekommen seien. Dieses Schreiben ist unten wiedergegeben. Da nicht bekannt ist, wieviele der 321 Deportierten aus Wiesbaden in Lublin als arbeitsfähig ausgesondert wurden, kann auch nicht gesagt werden, wieviele Wiesbadener Häftlinge insgesamt in Majdanek gestorben sind. Wie viele immer es gewesen sind, sie haben noch einige Wochen oder Monate des Überlebens gewonnen. Zeit, die ihnen freilich nicht geschenkt wurde, sondern mit schwerer Zwangsarbeit zu bezahlen war. Klarheit besteht also nur über das Schicksal weniger Wiesbadener Juden, die am 10. Juni 1942 deportiert und zur Zwangsarbeit nach Majdanek verbracht worden sind. Genau genommen sind es nur 27 Häftlinge, deren Sterbedatum man kennt, nämlich jene, für die Name und Todesdatum in das erhalten gebliebene Todesbuch eingetragen wurden. Dabei muss man unterstellen, dass die Eintragungen in den Todesbüchern den Tatsachen entsprechen. Das kann man freilich annehmen, weil es sich um Aufzeichnungen für die bürokratischen Zwecke der SS handelte. Alle in diesem Schreiben aufgeführten Namen finden sich auch auf der Liste der Wiesbadener Juden, die am 10. Juni 1942 deportiert worden sind. Die Sterbedaten aller in diesem Verzeichnis Genannten sind über die Monate Juni bis September 1942 verteilt. Also handelt es sich nicht um Opfer von Aktionen, bei denen ganze Gruppen von Häftlingen gleichzeitig umgebracht wurden, wie es in den Vernichtungslagern die Regel war, wo die „Arbeitsjuden“ am Ende ihrer Brauchbarkeit ebenfalls umgebracht wurden. Man kann vielmehr davon ausgehen, dass diese Häftlinge aus Wiesbaden aufgrund der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen gestorben oder als arbeitsunfähig ausgesondert und ermordet worden sind. Wir wissen, wie gesagt, nicht, wieviele der Männer im arbeitsfähigen Alter bei der Selektion in Lublin für den Einsatz in Majdanek ausgewählt worden sind. Die nach der Auflösung des Arbeits- und Vernichtungslagers Majdanek geretteten Todesbücher weisen nur aus, dass von den in den ersten drei Monaten in Majdanek zu Tode gekommenen Häftlingen aus Wiesbaden 27 an Entkräftung oder Infektionskrankheiten gestorben oder ermordet worden sind. Das ist rund die Hälfte der  Deportierten aus Wiesbaden, die im arbeitsfähigen Alter waren.  III Bei der Formulierung des folgenden Textes haben sich Kopf und Hände zunächst gesträubt, die Wörter und Sätze niederzuschreiben. Weil etwas tief in mir nicht fassen wollte, wovon ich zu berichten habe. Anders als das, was ich über meine Erlebnisse als Jugendlicher in Wiesbaden aufgeschrieben habe, beruht der Bericht über den Weg, den die Deportierten aus Wiesbaden, darunter die Ackermanns, die Löwensteins und Löwenbergs, nach dem Verlassen ihrer Wohnungen und dem Besteigen des Zuges am 10. Juni 1942 nahmen, auf dem Studium fremder Quellen. Nur so weiß ich, was am Ende des Transports mit ihnen geschehen ist. Denn darüber gibt es die Aussagen von SS-Angehörigen, die in Sobíbor tätig waren und später vor Gericht standen, und die von Häftlingen, denen 1943 die Flucht aus Sobibór gelungen ist. Ich sehe meine Tante Zerline, meine Cousine Helga, meinen Cousin Karl Heinz, sehe Klara und Arthur Ackermann, Hermann, Selma und Ilse Löwenstein, wie sie verschmutzt, erschöpft, halb verdurstet und benommen in Sobíbor aus den Waggons auf die Rampe klettern und von ukrainischen Hilfspolizisten in die Entkleidungsbaracke getrieben werden, ein achtzig Meter langer Weg zwischen Stacheldrahtzäunen, mit Brettern und Büschen, die den Blick auf das Lager versperren. Ich sehe sie in der Baracke stehen, vor ihnen, auf einem Tisch stehend, SS-Oberscharführer Michel, der stellvertretende Lagerkommandant, in einem weißen Kittel, als ob er Arzt wäre. Ich höre ihn sagen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, dass alle nach dem Duschen und der Desinfektion in ein Arbeitslager kommen. Männer, Frauen und Kinder. Ich höre das beifällige Klatschen und erleichterte Rufen einiger Opfer, die noch nicht ahnten, was auf sie zukommt. Ich sehe, wie Zerline Löwenberg, 42 Jahre, Helga Löwenberg, 16 Jahre, Klara Ackermann, 50 Jahre, Selma Löwenstein, 51 Jahre und Ilse Löwenstein, 19 Jahre, mit den anderen Frauen und den Kindern auf Befehl den Raum verlassen. Wie sie sich entkleiden müssen. Wie sie, nackt, von ukrainischen Hilfspolizisten gehetzt, zwischen Stacheldrahtzäunen den 150 Meter langen Weg zum „Bad“ laufen, unterbrochen von einem kurzen Aufenthalt in der „Friseurstube“, einer Baracke, in der ihnen von Arbeitsjuden die Haare abgeschnitten wurden. Wie sie in die Gaskammern gepresst werden. Wie die Türen hinter ihnen gewaltsam geschlossen werden. Viele Frauen, Mädchen und Kinder, zusammengepresst jeweils auf sechzehn Quadratmetern, sodass sie kaum atmen können. Wie ein Motor zu hören ist, und ein Rauschen anhebt, wenn das Auspuffgas eindringt. Das Schreien der Frauen. Nach zehn Minuten: Die Stille, der Tod. Die Männer müssen, Stunden später, den gleichen Weg gehen. So auch Karl Heinz Löwenberg, Arthur Ackermann und Hermann Löwenstein. Keiner von ihnen hatte eine Chance, bei der Selektion in der Entkleidungsbaracke ausgesondert zu werden und als „Arbeitsjude“ noch eine Weile am Leben zu bleiben. Dieses zweifelhafte Glück hatten bei jedem Transport nur einige jüngere, kräftige Männer, die ausgesonderte „Arbeitsjuden“ ersetzen mussten, die an ihrer Stelle den Weg in die Gaskammer gingen. Wie gesagt: Wir wissen nicht, wieviele arbeitsfähige Männer aus dem Wiesbadener Transport bei der Selektion in Lublin für den Arbeitseinsatz in dem im Bau befindlichen Vernichtungslager Majdanek ausgewählt wurden. Das Staatliche Museum Majdanek besitzt einige „Todesbücher“ der SS, in denen die im Sommer 1942 registrierten Todesfälle 27 Namen ausweisen, die auch auf der Deportationsliste des Wiesbadener Transport vom 10. Juni 1942 ausgewiesen sind. Vernichtung durch Arbeit im Jargon der SS. Ich habe diese Ereignisse, das grausame Ende der Deportation von Menschen, die ein Teil meiner Jugendjahre waren, beim sorgfältigen Studium der verfügbaren Informationen zur Kenntnis genommen. Ich meine damit, dass ich nun weiß, was geschehen ist, nachdem die Ackermanns, die Löwenbergs und die Löwensteins in ihren Wohnungen abgeholt und in den Zug verladen wurden, der sie und die anderen Juden aus Wiesbaden über Lublin nach Sobíbor brachte. Aber das Geschehene und Geschilderte bleibt für immer unbegreiflich. Eine innere Stimme sagt mir, dass das alles nicht wahr sein, dass es niemanden geben kann, der solcher Grausamkeiten fähig ist. Menschen, die unzählbare andere Menschen auf industrielle Weise, wie Ungeziefer, vernichten. Menschen, die das befehlen ebenso wie jene, die das Befohlene ausführen. Aber eine andere Stimme in mir sagt, dass Menschen das durchaus können und es sehr wohl tun, wenn ihnen hinreichende Gründe und die erforderlichen Mittel verschafft werden.  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  [if gte vml 1]> [endif]  Staatliches Museum MajdanekMitteilung vom 9. September 1982 über die in den Todesbüchern der SS in Majdanek genannten Wiesbadener Juden aus dem Transport vom 10. Juni 1942Quelle: Aktives Museum Spiegelgasse, Wiesbaden  IV Die von den deportierten Wiesbadener Juden verlassenen Wohnungen oder Teilwohnungen sind von den zuständigen Behörden penibel erfasst worden. Die damals aufgestellte Liste „Freigewordener Wohnraum von evakuierten Juden am 10.6.1942“ erfasst für alle deportierten Juden die bisherige Anschrift, die Wohnung, die Zimmerzahl und die Monatsmiete. Diese ergab sich aus den damals geltenden Mietpreisbestimmungen. Das einzige verfügbare Exemplar dieser amtlichen Liste der durch die Deportation am 10. Juni 1942 freigewordenen Wohnungen und Teilwohnungen ist leider in sehr schlechtem Zustand. Ich verzichte darum mit Bedauern darauf, dieses Dokument wiederzugeben. Denn diese Aufstellung macht deutlich, mit welcher bürokratischen Akkuratesse die Erfassung und Verwertung der von den Deportierten hinterlassenen Wohnungen und Teilwohnungen vonstatten ging. Diese Liste zeigt auch, dass die meisten deportierten Wiesbadener Juden durch Wegnahme von Wohnraum in den vorangegangenen Jahren äußerst beengt gelebt haben. Den einzelnen Familien standen in der Regel nur Teilwohnungen, Zimmer mit Küchen- und WC-Mitbenutzung, zur Verfügung. Das galt, wie ich bereits berichtet habe, auch für die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss in unserem Haus.  Insgesamt wurden durch die Deportation der Bewohner 223 Wohnungen und Teilwohnungen frei. Diese wurden von den zuständigen städtischen Behörden nach dem Abtransport des von den Deportierten hinterlassenen Mobiliars Nichtjuden zugewiesen, die über einen Berechtigungsschein des städtischen Wohnungsamtes verfügten. In unserem Haus beispielsweise wurde die Drei-Zimmer-Wohnung der Ackermanns im Vorderhaus der Familie Stein zugeteilt, die bis dahin im Hinterhaus gewohnt hatte. Die Drei-Zimmer-Wohnung der Löwensteins, ebenfalls im Vorderhaus, wurde an die Familie Grabner vergeben, die bislang ebenfalls im Hinterhaus gewohnt hatte. Dafür konnten neuen Mietern die im Hinterhaus freigewordenen Wohnungen zugewiesen werden. Nichtjuden natürlich, denn Juden als Wohnungssuchende gab es nach den Deportationen nicht mehr. Zerline, Helga und Karl Heinz Löwenberg hatten ein Zimmer mit Küchenbenutzung im Hinterhaus der Ludwigstraße 3, einem „Judenhaus“. Außer ihnen wohnten Lisa und Rudolf Friedmann, James, Johanna, Josef und Rosel Stock, Max Strauss, Idna und Alexander Turner in diesem Haus, Menschen, die allesamt am 10. Juni 1942 deportiert wurden. Die Behörden konnten also nach der Deportation der Bewohner das gesamte Haus Nichtjuden zuweisen, die Berechtigungsscheine des städtischen Wohnungsamtes besaßen.  Die Möbel, Bilder, Spiegel, die Lampen, das Geschirr, die Kleider und die vielen sonstigen Gegenstände, die die Deportierten nicht mitnehmen konnten, weil ihnen nur ein kleiner Koffer oder ein Rucksack als Gepäck zugebilligt war, wurden von den Finanzbehörden registriert, Auktionatoren übergeben und öffentlich versteigert. In unserem Haus durften die von Hinterhaus- zu Vorderhausbewohnern avancierten Familien Stein und Grabner sogar gegen eine symbolische Spende Möbel und Hausrat der unglücklichen Ackermanns und Löwensteins übernehmen. Sie verdankten dieses „Glück“ der Fürsprache von Herrn Igstein, dem Haus- und Blockleiter der Partei. Einige Frauen im Haus äußerten ihre Empörung über diese Beutemacherei. Darunter natürlich auch meine Mutter, als sie Walter Löwenberg bei seinem nächsten Besuch über die unanständige Verwertung der Hinterlassenschaft der deportierten jüdischen Nachbarn erzählte. Diese Aneignung des Hausrats der deportierten Juden war eine Art Leichenfledderei, die keineswegs im Geheimen vonstatten ging. Die Versteigerungen wurden nach jeder der Deportationen in den lokalen Zeitungen angekündigt und von vielen Bürgern besucht und genutzt. Die unten wiedergegebene Annonce eines Wiesbadener Versteigerers erschien kurz nach der ersten großen Deportation am 10. Juni 1942 und mit ähnlichem Text - stets beschwichtigend, dass es sich um Objekte aus arischem und nichtarischem Besitz handelt - kurz nach der zweiten großen Deportation Wiesbadener Juden am 1. September 1942. Nicht nur in Wiesbaden, sondern überall im Deutschen Reich erschienen solche Versteigerungsanzeigen. Das Eigentum der Deportierten ging dabei meist zu Schleuderpreisen an die erfolgreichen Bieter. Bemerkenswert ist, dass in Anzeigen anderer Wiesbadener Auktionatoren in der gleichen Zeit stets betont wird, die angebotenen Gegenstände seien ausnahmslos aus arischem Besitz. Die Bieter und Gaffer wussten also genau, wann Mobiliar und Hausrat der deportierten Wiesbadener Juden zur Versteigerung anstanden.  [if gte vml 1]> [endif] Versteigerungs-AnzeigeNassauer Volksblatt28.06.1942      Das Haus nach der Deportation  I Ich habe mich immer wieder gefragt, warum sich die zurückgebliebenen Hausbewohner, Frauen, Kinder und alte Männer, nach der Deportation der jüdischen Bewohner des Hauses im Sommer 1942 von Herrn Igstein, dem Sprachrohr der Partei, mit der Lüge beschwichtigen ließen, die Juden seien doch nur nach dem „Osten“ umgesiedelt worden, dorthin also, von wo sie einst gekommen seien. Nach Theresienstadt, wo sie in Frieden und Freiheit leben würden. Ich gestehe, dass ich damals diese Verharmlosung der Deportation, zögernd gewiss, zu glauben versucht, dass ich mich an sie geklammert habe, um mir nicht eingestehen zu müssen, dass ich tatenloser Zeuge ungeheuerlicher Verbrechen geworden war. Und ich höre immer noch Frauen aus dem Haus nach der Deportation im Angesicht der menschenleeren und versiegelten Wohnungen sagen, dass es im Grunde gut für die Juden sei, dass sie nun unter sich leben könnten und nicht mehr unter Verfolgung zu leiden hätten. Ich höre aber auch meine Mutter sagen, dass Gott den Deutschen diese Verbrechen niemals verzeihen werde, dass wir dafür nach dem Untergang Hitler-Deutschlands bitterlich werden büßen müssen. Dabei hatte sie nur das im Sinn, was bis dahin unter jedermanns Augen geschehen war und was sie im Kreis der jüdischen Verwandten erfahren hatte. Denn auch sie hätte nicht geglaubt, was weit über das hinausging, worüber bereits in der Familie und unter Freunden über die Ereignisse hinter der Front und in den Ghettos und Lagern im Osten gemunkelt wurde. Auch mir, der trotz Verbots bei den Fliegeralarmen nicht in den Luftschutzkeller ging, sondern am Radio in der dunklen Wohnung die durch deutsche Störsender verzerrten, aber immer noch verständlichen Meldungen von BBC und anderen ausländischen Sendern hörte, wollte das Unfassliche, von dem dort berichtet wurde, kaum glauben. Die von BBC geschilderten Massenerschießungen und die Ermordung von Juden in „Gaswagen“, die ungeheuerlichen Zahlen der Opfer, die da genannt wurden, waren jenseits meines Auffassungsvermögens. Und weil wir uns im Familienkreis oft darüber unterhalten hatten, wusste ich, dass auch Walter, Lina und Cilla Löwenberg, beklommen zwar, aber am Ende doch die Möglichkeit solcher Verbrechen an deutschen Juden ausgeschlossen haben. Zwangsarbeit, Hungerlöhne, Trennung von Männern, Frauen und Kindern, Stacheldraht, Baracken und ruppiges Wachpersonal: Das konnten sie sich vorstellen, darauf waren sie, zitternd, gefasst. Das kannten sie aus den Erzählungen über die Konzentrationslager in Deutschland. Und ein wenig Hoffnung sogen sie nach dem Kriegseintritt der USA und dem fehlgeschlagenen Russlandfeldzug aus der Erwartung, dass Hitler den Krieg bald verlieren müsse. Die industrielle, die fabrikmäßige Vernichtung von Millionen Menschen aus dem ganzen deutschen Herrschaftsbereich in Europa, die damals in Gang gesetzt worden ist, wäre für sie unvorstellbar gewesen. Darüber hat, in der ersten Hälfte des Jahres 1942, niemand in meiner Umgebung gesprochen, weil solche Vorgänge noch nicht einmal in die Meldungen von BBC vorgedrungen waren. Von Belcec, Sobíbor, Majdanek, Treblinka oder Auschwitz als Vernichtungsfabriken war damals in den BBC-Sendungen noch keine Rede. Erst recht nicht in den Verlautbarungen des Schweizer Radiosenders Beromünster, den ich damals ebenfalls regelmäßig abgehört habe, weil man Schweizer Meldungen nicht unterstellen konnte, es handele sich um gezielte Feindpropaganda. Das, was man durch BBC und die Stimme Amerikas, durch die Berichte mancher Fronturlauber und durch Gerüchte unbekannter Provenienz über die Vorgänge im „Osten“ erfuhr und was im Kreise meiner Familie in endlosen Gesprächen hin- und hergewendet wurde, war indessen schrecklich genug. Aber die Juden, die ich kannte, klammerten sich an die Hoffnung, dass ihnen, den deutschen Juden, deren Familien seit Generationen in diesem Land lebten, anders als den „Ostjuden“, derlei Grausamkeiten nicht widerfahren würden. Sie versuchten, an deutsch-jüdische Reservate in Theresienstadt oder anderswo im „Osten“ zu glauben, Orte, die ihnen vorgegaukelt wurden und in denen sie, wenn auch unter erbärmlichen Bedingungen, das Ende des Krieges abwarten könnten. Das war ein tödlicher Irrtum, wie wir wissen.  II Was haben die Hausbewohner damals gewusst von den Verbrechen Hitlers und seiner Gehilfen? Ich meine nicht den Boykott jüdischer Geschäfte, die Zerstörung der Synagoge und den Zwang für die jüdischen Nachbarn, den großen, gelben Judenstern zu tragen. Das Verschwinden jüdischer Geschäfte. Die zerschlagenen Scheiben und die Plünderungen nach der Pogromnacht. Das haben natürlich alle gewusst, weil diese Vorgänge nicht zu übersehen waren. Von den vielen anderen Einschränkungen und Demütigungen in den Jahren bis zur Deportation müssen nicht alle alles gewusst haben. Vieles stand nicht in den Zeitungen, wurde im Radio und im Kino nicht erwähnt. Ich denke an die Entlassung jüdischer Beamter aus dem Staatsdienst, an die Berufsverbote für jüdische Ärzte, Zahnärzte, Anwälte und Notare, an den Entzug der Reichsbürgerschaft, den Zwang, die zusätzlichen Vornamen „Sara“ oder „Israel“ anzunehmen, die Ungültigkeit der Führerscheine, das Abstempeln der Pässe, Kennkarten und anderer Dokumente mit einem großen „J“, die Arisierung jüdischer Firmen, die Zwangsverwaltung und Beschlagnahme jüdischer Vermögen, der Raub wertvoller Kunstwerke, das Verbot für jüdische Schüler und Schülerinnen, deutsche Schulen und Hochschulen zu besuchen, das Ausgehverbot, die Einrichtung von Judenhäusern und die vielen anderen Schikanen, denen Juden damals unterworfen wurden. Bis hin zu dem Verbot, Hunde, Katzen oder Singvögel zu halten. Ich nehme  an, dass die meisten Hausbewohner von diesen, für sie unsichtbaren, antijüdischen Maßnahmen nichts oder so gut wie nichts gewusst haben. Eigentlich auch nichts wissen wollten. Sie hätten all das wissen können, wenn sie mit den Ackermanns, den Löwensteins und den Strauss darüber gesprochen hätten. So wie wir, meine Mutter und ich, sehr genaue Kenntnis von diesen Maßnahmen hatten, weil wir es von unseren jüdischen Verwandten erfahren haben. Und von den Ackermanns, mit denen meine Mutter damals häufig sprach, obwohl sie Gefahr lief, als „Judenfreundin“ denunziert zu werden. Die anderen Hausbewohner wussten, um es zu wiederholen, nach meinem Eindruck wenig von den Benachteiligungen, denen ihre jüdischen Nachbarn unterworfen wurden, weil sie allenfalls über Belangloses mit ihnen sprachen. Ich denke, dass es nicht nur ihr schlechtes Gewissen und die Angst davor war, denunziert zu werden, die manchen im Haus gehindert haben, nachbarliche Gespräche zu suchen, Mitgefühl zu zeigen. Vielmehr sind Juden, wo sie es nicht  schon immer waren, für viele Fremde geworden, Menschen, denen man mit Verlegenheit begegnete, denen man nach Möglichkeit aus dem Weg ging. Das gilt auch heute noch für viele Menschen in diesem Land, die Juden gegenüber von einem schlechten Gewissen geplagt sind, weil Juden Schuldgefühle aufkommen lassen, die ansonsten mehr oder minder erfolgreich verdrängt werden. Das galt damals auch und gerade für jene, die man gar nicht als Nazis oder Nazifreunde bezeichnen konnte. Für die wenigen im Haus, die der Partei angehörten oder ihr nahe standen, war es ohnehin selbstverständlich, den Kontakt mit Juden zu meiden, sie als Andersartige, als Fremdlinge zu betrachten. Aber auch sie werden in den Jahren vor den großen Deportationen wenig von den Einzelheiten der Judenbenachteiligung gewusst haben, wenn sie nicht in ihrem Beruf oder in der Parteiarbeit damit zu tun hatten. Obwohl die parteieigene Tageszeitung, die sie bezogen, in ihrer Berichterstattung viel gesprächiger war als das bürgerliche Konkurrenzblatt, das von den meisten Haushalten bezogen wurde.  III Das Haus war also nun judenrein, wie Hitlers Kumpane das nannten. Niemals mehr, machte ich mir klar, würden die verbliebenen Hausbewohner überlegen müssen, ob und wie sie die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss grüßen sollen. Nie mehr mussten sie zur Seite schauen, wenn, was oft geschah, die Männer in Zivil oder in Polizeiuniform zur Hausdurchsuchung kamen und laut an die Türen der jüdischen Wohnungen pochten, die durch schwarze Judensterne an den Wohnungstüren gekennzeichnet sein mussten. Nie mehr brauchten sie Menschen wie den Ackermanns, den Löwensteins und den Strauss aus dem Weg zu gehen, weil sie große, gelbe Davidsterne trugen. Nie mehr würde Mädchen wie Ilse Löwenstein der Schulbesuch, der Besitz von Büchern in deutscher Sprache und die Benutzung von Leihbüchereien verboten. Nie mehr würden die Kinder auf der Straße Arthur Ackermann mit „Jud, Jud, Jud“ beschimpfen. Niemand würde Menschen in der Innenstadt, am Davidstern als Juden erkennbar, vom Bürgersteig auf die Fahrbahn nötigen. Niemand würde Juden den Besuch der Oper, des Schauspiels, von Ausstellungen, Varietés, Kinos, Cafés und Restaurants, das Betreten der Parks, des Stadtwaldes und die Benutzung von Autobussen, Straßenbahnen, Schwimmbädern und von Bänken auf öffentlichen Plätzen verbieten. Niemand würde noch einmal Synagogen anzünden und die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte einschlagen. Nie mehr würde Juden, weil sie Juden sind, das Auto, die Schreibmaschine, das Radiogerät, Musikinstrumente, Partituren, Pelze, Schmuck, Kameras, Ferngläser, Fahrräder und Elektrogeräte weggenommen, der Bezug von Zeitungen, das Halten von Hunden, Katzen und Singvögeln, der Kauf von Blumen und die Benutzung öffentlicher Telefonzellen verboten werden. Nie mehr würden die Ackermanns, die Löwensteins, die Strauss  und  die Löwenbergs einer abendlichen Ausgangssperre unterworfen, und nie mehr würde ihnen bei Luftangriffen der Aufenthalt im Luftschutzkeller verboten. Niemand würde Juden zwingen, ihre kargen Lebensmittelrationen zu vorgeschriebenen Zeiten in sogenannten Judenläden und nur dort und nur das zu kaufen, was übrig geblieben war. Niemals mehr würden ihnen Fleisch, Fisch, Obst, Milch, Tabak, Alkohol und Zigaretten verweigert, Dinge, die Nichtjuden bis zum Kriegsende mehr oder minder regelmäßig erhielten. Nie mehr würde eine Frau mit dem Schild „Ich bin eine „Judenhure“ durch die Straßen getrieben, niemals mehr ein Jude wegen „Rassenschande“ zum Tod verurteilt werden. Kein gewiefter Geschäftsmann würde mehr jüdische Häuser als Schnäppchen aufkaufen. Niemand. Niemals. Weil es in Wiesbaden und anderswo in Deutschland so gut wie keine Juden mehr gab, denen man all das weiterhin hätte antun können. Weil man sie deportiert und ermordet hatte. Und niemals mehr würde aus dem Fenster im ersten Stock des Vorderhauses, wo sie mit ihren Eltern wohnte, Ilse Löwenstein schauen, das schöne Mädchen, in das ich mich damals als Sechzehnjähriger verliebt hatte, obwohl wir kein Wort wechseln konnten, weil sie die Wohnung schon lange kaum mehr verließ. Denn auch die jüdische Schule in der Mainzer Straße war geschlossen worden. Die nichtjüdischen Schulfreundinnen hatten sich schon lange zurückgezogen. Und sie hat sich sicherlich geweigert, ohne besonderen Anlass, durch den Judenstern gekennzeichnet, auf die Straße zu gehen. Aber in der Erinnerung sehe ich sie in den Monaten vor der Deportation immer noch am Fenster stehen und in den Hof schauen, mit ihren schönen dunklen Haaren, ihren brennenden, von Stolz und Schmerz gezeichneten Augen, mit Blicken, die durch die Menschen im Hof und durch die gegenüberliegende Hauswand in eine unbekannte Ferne gingen. Ich werde ihr von seelischen Schmerzen gezeichnetes Gesicht im Fenster zum Hof nie vergessen. Es steht wie in einem Bilderrahmen, hinter mattem Glas, vor meinen inneren Augen, wenn mich die Erinnerung an  die damalige Zeit erfasst.  IV Als die Ackermanns, die Löwensteins, die Löwenbergs und über dreihundert andere Wiesbadener Juden am 10. Juni 1942 nach Polen deportiert und dort ermordet wurden, hatte ich bereits die Schule mit dem Zeugnis der Mittleren Reife verlassen und war kaufmännischer Lehrling in den Glyco-Metall-Werken in Wiesbaden geworden. Dort wurde ich in der Verwaltung von Abteilung zu Abteilung weitergereicht, von der Registratur, wo alle kaufmännischen Lehrlinge anfangen mussten, über die Buchhaltung, die Personalabteilung, den Einkauf, den Verkauf und die Ausländerverwaltung. Nur über die Ausländerverwaltung möchte ich ein paar Worte sagen, weil sie mit dem Einsatz Tausender polnischer russischer Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen, holländischer Zwangsarbeiter, französischer Kriegsgefangener und von „Zuchthäuslern“ zu tun hatte. Auf dem Werksgelände waren große Baracken errichtet worden, mit primitiven Schlafstellen, Tischen und Bänken für die russischen und polnischen Arbeiter und Arbeiterinnen, die man in ihrer Heimat gefangen genommen und nach Deutschland verschleppt hatte. Die Züge fuhren, wie wir wissen, auf dem Rückweg oft die deutschen und anderen europäischen Juden in die Vernichtungslager in Polen. Die deportierten jungen Männer und Frauen, die zur Arbeit in der deutschen Rüstungsindustrie gezwungen wurden, erhielten einfache Arbeitskleidung sowie einen Schlafplatz in den Baracken zugewiesen, und nach einer kurzen Einweisung in ihre Tätigkeiten in den Werkhallen arbeiteten sie unter Aufsicht eines deutschen Vorarbeiters von morgens um sieben bis abends um sechs Uhr. Die Mittagsverpflegung nahmen sie am Arbeitsplatz ein. Männer und Frauen waren separat untergebracht, die Baracken durch Stacheldrahtzäune getrennt. Sie durften das Werksgelände niemals verlassen und waren außerhalb der Werkhallen immer unter der Kontrolle deutscher Wachleute. Ihre Verpflegung entsprach nach meiner Beobachtung bei weitem nicht dem, was die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen, darunter viele dienstverpflichtete Frauen, auf ihre Lebensmittelkarten kaufen konnten. Das hieß 1942, dass diese Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen allesamt ständig Hunger hatten. Man sah es ihnen an. Und die Ausfälle durch Krankheit und Unfall waren ungeachtet der - sehr sparsamen - medizinischen Betreuung durch die Betriebsärzte hoch.  Besser hatten es die holländischen Zwangsarbeiter, die in Holzhäusern außerhalb des Werksgeländes wohnten und sich frei bewegen konnten. Die französischen Kriegsgefangenen in ihren mit „KG“ gekennzeichneten Uniformen waren ebenfalls in einer Baracke außerhalb des Werksgeländes untergebracht, aber in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt. Jedenfalls durften sie ihre Unterkunft nur zum Arbeiten in den Werkhallen verlassen. Sie kamen morgens in Kolonnen und im Marschtritt an und verließen das Werksgelände nachmittags auf die gleiche Weise, immer von älteren deutschen Soldaten bewacht. Die deutschen Dienstverpflichteten, meist Frauen, kamen und gingen einzeln wie die anderen deutschen Arbeiter. Sie lebten in ihren Wohnungen in der Stadt oder in einem der Vororte. Ihr Einsatz unterschied sich nicht von dem der deutschen Facharbeiter, Männern höheren Alters, die vom Wehrdienst freigestellt waren. Nur: Die deutschen Facharbeiter arbeiteten freiwillig und in ihren erlernten Berufen, während die meisten Dienstverpflichteten ihre Berufe aufgeben und ungewohnte körperliche Arbeit verrichten mussten.  Die „Zuchthäusler“, die mit Lastautos morgens gebracht und nachmittags abgeholt wurden, waren an ihren blau-weiß gestreiften, geflickten Anzügen, ihren Holzpantinen und den kahlgeschorenen Köpfen zu erkennen. Ihnen war verboten, mit den Werksangehörigen zu sprechen oder Lebensmittel anzunehmen, die ihnen mitleidige Arbeiter zustecken wollten. Sie wurden im Werk als „Zuchthäusler“ bezeichnet, waren aber, wie ein Angestellter der Ausländerverwaltung hinter vorgehaltener Hand zugab, Häftlinge der nahegelegenen Außenstelle eines größeren Konzentrationslagers. Über sie wurde in der Ausländerverwaltung nicht gesprochen, Fragen wurden von Herrn Granzow, dem Leiter dieser kleinen Abteilung, die im Dachgeschoß eines kleinen Nebengebäudes untergebracht war, nicht beantwortet. Sie waren eben die „Zuchthäusler“. Basta. Wie wir heute wissen, wiesen ihre gestreiften Kleider und deren Markierungen sie als KZ-Häftlinge aus. Diese Häftlinge sahen allesamt zum Erbarmen aus. Ihre ausgemergelten Körper und eingefallenen kalkweißen Gesichter, in denen die Augen unnatürlich groß wirkten, werde ich nie vergessen. Ich berichte von ihnen, weil in mir damals die Illusion entstand, dass die Ackermanns, die Löwensteins, die Löwenbergs und die vielen anderen Wiesbadener Juden, die am 10. Juni 1942 gen „Osten“ deportiert worden waren, an ihren Bestimmungsorten auf ähnliche Weise eingesetzt sein würden. Dass sie ungewohnte und schwere Arbeiten verrichten müssten wie die KZ-Häftlinge in den Glyco-Metall-Werken. Dass sie nicht genug, aber doch so viel zu essen hätten, wie zum Überleben notwendig ist. Weil die Betriebe, in denen sie schuften mussten, auf ihre Arbeitskraft angewiesen waren. So hatten es sich meine jüdischen Verwandten immer vorgestellt. Schwere Arbeit, aber die Hoffnung, das Ende des Krieges lebend zu erreichen. Das traf, wie ich erst bei der Arbeit an diesem Buch erfahren habe, noch nicht einmal für die Männer zu, die bei der Selektion in Lublin als arbeitsfähig ausgesondert wurden, geschweige denn für die vielen anderen, die Frauen, Kinder und Männer, die nach Sobíbor weitertransportiert und auf der Stelle umgebracht worden sind. Darunter Klara und Arthur Ackermann, Hermann, Selma und Ilse Löwenstein, Zerline, Helga und Karl Heinz Löwenberg. Die KZ-Arbeiter in den Glyco-Metallwerken dagegen waren „gewöhnliche“ Gefangene, waren politische Opponenten, die sich bei den Herrschenden unbeliebt gemacht hatten. Oder es waren Kriminelle, die als sogenannte Kapos die Handlanger der SS-Schergen waren, die sich die Hände nicht schmutzig machen wollten.  V Ich habe mich damals, nach den Deportationen, als Sechzehnjähriger, in eine völlig andere innere und äußere Welt verkrochen. Ich bin kein Widerständler, sondern ein politischer Ignorant geworden, einer, der die verlogenen Verlautbarungen des Systems einfach nicht mehr wahrgenommen hat. Alles begann damit, dass mich eines Tages ein Schulfreund mit dem Versprechen in die Statisterie des Staatstheaters mitnahm, dass ich für eine Statistenrolle pro Abend 2 Reichsmark verdienen könne, wenn man mich annehmen würde. Und so kam es, dass ich Abend für Abend bei Herrn Kimmel vorsprach, dem Chef der Statisterie, einem älteren, kleinen, dünnen Mann mit großer Hakennase, Raffelzähnen und schulterlangen, silberweißen Haaren, der offensichtlich am liebsten selbst Schauspieler oder Sänger gewesen wäre. Ich wollte dann immer wissen, ob er etwas für mich zu tun habe. Meist hat er genickt, mir ein Kostüm in die Hand gedrückt und mich nach der Einkleidung zur Maske geschickt, wo Perücke und Schminke mich in einen Diener, Soldaten, Bürger oder Mönch verwandelt haben. Auf diese Weise habe ich bis zur Schließung aller Theater im Gefolge des „Totalen Krieges“ alle auf zwei Bühnen ins Programm genommenen Opern, Operetten und Schauspiele gleich mehrfach kennengelernt. Allerdings nur die Teile, in denen ich mitwirkte oder bei denen ich auf der Bühnenseite zuschauen und zuhören konnte. Die Texte der Schauspiele, man spielte damals Egmont, Faust, Der Prinz von Homburg, Der zerbrochene Krug, Minna von Barnhelm und andere klassische deutsche Dramen, habe ich in Reclam-Heften nachgelesen und mich schließlich völlig unabhängig vom Repertoire des Staatstheaters an die Lektüre anderer klassischer Dramen getraut. Eine im Buchantiquariat erworbene, vor den Hitlerjahren gedruckte Geschichte der deutschen Literatur kam hinzu, und ich vergrub mich in dieser Lektüre, die mich in ganz neue, fremde Gedankenwelten einführte. Die Phrasen und Parolen der Nazi-Presse und des Nazi-Rundfunks, die verlogenen Wehrmachtsberichte erreichten mich nicht mehr. Ich war ein Zweifelnder geworden und immer in der Furcht, als Abtrünniger erkannt und belangt zu werden. Obwohl diese Gefahr gar nicht bestand, solange ich den Mund hielt. Oder Kritisches nur mit meinem Freund Heinrich Beyer besprach, der damals in mein Leben trat und mich in unseren Diskussionen nötigte, die Welt um mich herum mit anderen Augen zu sehen. Ich habe Heinrich Beyer, einen Praktikanten, auf meinem Weg durch die Abteilungen der Verwaltung in den Glyco-Metall-Werken kennengelernt, und er hat mich in eine Welt eingeführt, von der ich bis dahin nichts gewusst hatte. Er war ein großer, schlanker, blonder Jüngling, mit dicken Brillengläsern, der selbstgedrehte Zigaretten rauchte und mit Fremdwörtern um sich warf, wenn er seine Sicht einer Sache deutlich machen wollte. Er war schon in jungen Jahren, von seinen Eltern, gläubigen Christen, so erzogen, entschiedener Gegner Hitlers und seiner Ideen, ohne wirklichen Widerstand ins Auge zu fassen. Seine Opposition bestand darin, dass er allen Meldungen und Behauptungen der deutschen Zeitungen und Rundfunksender im vertrauten Kreis die Kenntnisse und Erkenntnisse gegenüberstellte, die er durch das ständige Abhören von BBC und anderer ausländischer Rundfunksender gewonnen hatte. Das war mir indessen nicht neu, denn ich war selbst ein beharrlicher Hörer von BBC. Das Abhören der Feindsender war mit schwerer Strafe bedroht, die Verbreitung von Meldungen dieser Sender konnte ins Zuchthaus oder Konzentrationslager führen. Aber das haben wir verdrängt und im übrigen Dritte niemals etwas von den gewonnenen Informationen weitergegeben. Heinrich Beyer, der die Oberschule an der Oranienstraße besuchte und sein Praktikum in den Glyco-Metall-Werken in den Schulferien absolviert absolvierte, war ein Jazz-Liebhaber, der Dutzende Schallplatten mit den Aufnahmen berühmter Jazz-Orchester und Jazz-Solisten besaß. Duke Ellington, Chick Webb, Lionel Hampton, Teddy Wilson, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Artie Shaw, Benny Goodman, Jack Hylton, Glen Miller, der Hot Club de France mit Django Reinhardt und Stéphane Grapelli - das waren die wichtigsten der Jazz-Heroen in jener Zeit, Musiker, die nun bei den Jazzfreunden an die Stelle der Flieger-, U-Boot- und Panzerhelden traten, die den jungen Deutschen von der offiziellen Propaganda als Vorbilder präsentiert wurden. Bilder dieser Jazz-Musiker und Jazz-Sänger hingen nun zu Hause an der Wand oder sie wurden in Fotoalben versteckt, denn es war nicht ratsam, mit solchen Objekten von Dritten ertappt und denunziert zu werden. Heinrich Beyer hatte seine Platten, die in Deutschland längst nicht mehr mehr verkauft werden durften, von Freunden erhalten, die als Soldaten in Frankreich und Holland stationiert waren und dort solche Scheiben ohne Schwierigkeit auf dem Trödelmarkt kaufen konnten. Ich hatte keine derartigen Beziehungen, war darum, wenn ich Jazzmusik hören wollte, darauf angewiesen, das Radio einzuschalten und Auslandssender zu wählen oder sie in Heinrich Beyers Wohnung von Schallplatten zu hören, unterbrochen von den lauten Bitten seiner Mutter, dass wir den Lautsprecher um Gottes Willen leiser stellen sollten, damit niemand diese - von den Nationalsozialisten als Juden- und Negermusik verpönten - Jazz-Rhythmen mithören könne. Wir hörten damals, dass es in Wiesbaden einen Jazz-Club gebe, dessen Mitglieder Jazz-Konzerte organisieren würden. Aber wir haben diesen Club niemals ausfindig gemacht. Ich bin sicher, dass diese Jazz-Freunde auch unter dem Publikum im „Walhalla“, einem großen Biersaal im Stadtzentrum, zu finden waren, wo in den Kriegsjahren mitunter holländische Big Bands spielten und neben harmlosen deutschen Weisen zu später Stunde auch die Hits spielten, mit denen die großen amerikanischen Bands damals berühmt geworden waren. Natürlich in leicht gemilderter Diktion und unter erfundenen deutschen Titeln. Das „Walhalla“ wurde damals in erster Linie von deutschen Soldaten besucht, Fronturlaubern, Rekruten und Angehörigen der Flakbatterien, die in und um Wiesbaden stationiert waren. Darum betraten des öfteren Feldjäger das Lokal, deutsche Militärpolizei, die sich von allen Männern die Ausweise zeigen ließen. Wir, damals sechzehn Jahre alt, durften eigentlich das Lokal noch gar nicht besuchen. Aber das interessierte die Feldjäger nicht, im Soldatenjargon Kettenhunde genannt, weil sie auf der Brust ein Schild trugen, das von einer um den Hals gelegten Kette gehalten wurde. Sie waren nur an Soldaten und wehrfähigen Männern interessiert. Eine Kennkarte musste man aber schon dabei haben, damit sie das Alter feststellen konnten. Mit Sicherheit haben aber auch Gestapo-Leute in Zivil das „Walhalla“ besucht und sich die jugendlichen Abweichler notiert, die durch ihre langen Haare, die weißen Schals und die weitgestellten Hosenbeine auffielen. Das war, wenn man so will, die Gegenuniform, die viele damals trugen. Aber wir, mein Freund Heinz Beyer und ich, waren keine aktiven Gegner des Hitlerregimes. Wir waren froh, wenn wir von der Geheime Staatspolizei in Ruhe gelassen wurden. Um das sicherzustellen, durften wir freilich keine weiteren Missetaten begehen. Leicht landete man sonst in den Kellern der Gestapo-Zentrale in der Paulinenstraße, wo es, wie wir wussten, rohe Prügel setzte, wenn einem nichts Schlimmeres, die Einweisung in ein Konzentrationslager, widerfuhr. Denn „staatsabträgliche“ Aktivitäten konnten einen leicht hinter Gitter bringen. Auch, wenn man noch ein minderjähriger Jugendlicher war. Erst nach Kriegsende habe ich erfahren, dass Wiesbadener Swing-Freunde sich damals regelmäßig im „Park-Café“ in der Wilhelmstraße trafen, wo gelegentlich ausländische Bands voll aufdrehten und neben solchen eben noch geduldeten harmlosen Stücken wie „Sie will nicht Blumen und nicht Schokolade“ unter unverfänglichen Titeln amerikanische Swing-Hits spielten. Später habe ich erfahren, dass dieses Lokal auch von den Piloten eines Jagdgeschwaders der Luftwaffe, das in Wiesbaden stationiert war,  häufig besucht wurde, und das mag erklären, warum es von der Gestapo unbehelligt blieb. Aber wir haben davon nichts gewusst, wären wohl auch gar nicht auf den Gedanken gekommen, Lokale im feinen und teuren Kurviertel aufzusuchen. Uns genügte das abendliche Leben in der Innenstadt. Damals, mit dem Jazz, hat, zum Unwillen der Nationalsozialisten, die Eroberung der Gedanken und Gefühle vieler Jugendlicher durch die amerikanische Lebensart begonnen. Also lange bevor ein amerikanischer Soldat deutschen Boden betrat. BBC, The Voice of America und der Soldatensender Calais waren die Quellen, solange der Krieg währte. Nach dem Krieg hat der Swing dann die meisten jungen Deutschen ergriffen, und AFN, der Rundfunk der amerikanischen Streitkräfte in Europa, war ihr Kultsender. Damals, als die amerikanischen Truppen weite Teile Deutschlands besetzt hatten und, anders als Hitler, Goebbels und ihre Gesellen den Deutschen als Drohbild vor Augen gehalten hatten, keine Killer und Rächer, sondern ganz normale Besatzungssoldaten und -bürokraten waren. Ich werde nie vergessen, dass es die schwarzen amerikanischen Soldaten waren, die, kaum, dass die Waffen ausgedient hatten, den deutschen Kindern auf der Straße Schokolade geschenkt haben, eine Süßigkeit, die sie gar nicht kannten. Das erinnerte mich damals daran, dass die Juden in Deutschland, bevor sie deportiert und ermordet wurden, vom Einkauf aller Süßigkeiten ausgeschlossen waren. Aber ich eile den Ereignissen voraus. Noch war der Krieg nicht zu Ende. In den einundeinhalb Jahren nach den Deportationen, denen die Ackermanns, die Löwensteins, die Löwenbergs, die Strauss und die vielen anderen Wiesbadener Juden im Sommer 1942 zum Opfer gefallen waren, habe ich tagsüber eher unwillig meine Aufgaben als kaufmännischer Lehrling erfüllt, habe abends im Staatstheater als Statist einen Soldaten, Bürger, Mönch oder Diener gegeben, bin ins Kino gegangen, habe bei Heinrich Beyer Jazz-Musik gehört oder ich bin mit ihm in der Kirchgasse den Mädchen nachgestiegen, die dort flanierten. Wenn uns zwei der vielen Mädchen, die da abends langsam und immer paarweise vor den dunklen Schaufenstern auf- und abschritten, gefielen, dann haben wir ausgeknobelt, wer sie anspricht und dann versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Manchmal ist es dann zu Verabredungen gekommen, meist aber nicht. Und wenn es zu Verabredungen kam: Mehr als ein kleiner Kuss war selten zu gewinnen. So harmlos das war, es geschah doch, dass ein Zivilist auf uns zutrat und unsere Ausweise verlangte. Wohl, weil wir weiße Schals und lange Haare trugen. Einer der Gestapo-Leute, vor denen alle Angst hatten. Uns beiden, Heinrich Beyer und mir, ist dabei nie etwas Unangenehmes widerfahren. Anderen schon, die mitkommen mussten und mutmaßlich in der Paulinenstraße, im Haus der Geheimen Staatspolizei (Gestapo), verhört und vielleicht auch verprügelt wurden. Jedenfalls hat man ihnen die langen Haare gestutzt. Der Geheime Staatspolizei war alles verdächtig, was nicht haargenau in das Schema der Partei passte. Damals wusste ich nicht, dass es einen Erlass Himmlers gab, der Richtlinien darüber erließ, wie mit der „Swing-Jugend“ zu verfahren war. Heinrich Beyer und ich sind wohl ungeschoren geblieben, weil wir harmlose Jünglinge waren, die keiner systemfeindlichen Gruppe angehörten und, von unserem abendlichen Flanieren abgesehen, nicht aufgefallen sind. Später wurde dann verfügt, dass alle Jugendlichen den Haarschnitt der Hitlerjugend tragen müssen. Gescheitelte kurze Haare, wie sie auch die deutschen Soldaten getragen haben. Wir haben uns aber nicht an diese Vorschrift gehalten und weiterhin stolz unsere langen Haare getragen.   VI Der Krieg war noch nicht zu Ende, aber die Zeit der häufigen Sondermeldungen im Radio, eingeleitet von mächtigen musikalischen Signalen, war vorbei. Endgültig. Die Landkarten, die in einigen Büros der Verwaltung der Glyco-Metall-Werke an der Wand hingen und auf denen Stecknadeln mit roten Köpfen den Verlauf der Russischen Front anzeigten, waren längst unauffällig entfernt. Ebenso die Karten von Nordafrika, wo das deutsche Afrikakorps in Tunis die Waffen strecken musste. Und im Betrieb waren nach und nach alle jüngeren deutschen Facharbeiter zur Wehrmacht eingezogen und durch Fremdarbeiter und Fremdarbeiterinnen, dienstverpflichtete deutsche Frauen und „Zuchthäusler“ - also: Häftlinge der Strafanstalten und Konzentrationslager - ersetzt worden. Da die Betriebshallen kaum durch Bombenangriffe zu Schaden gekommen waren, konnte die Produktion von Lagerschalen für die Motoren von Panzern und Lastwagen nicht nur gehalten, sondern in den letzten Kriegsjahren sogar gesteigert werden. Manchmal musste ich, weil anderenorts Güterzüge bombardiert worden waren, mit dem Personenzug nach Friedrichshafen am Bodensee fahren, zu den Maybach-Werken, um fehlende Lagerschalen abzuliefern. Es waren kleine, aber schwere Pakete, die ich dorthin brachte, aber ohne diese speziellen Lagerschalen hätte die Produktion von Tiger-Panzern bei Maybach wohl erst einmal für einige Tage stillgestanden. So sehr hat sich die deutsche Kriegsproduktion damals an der Grenze ihrer Möglichkeiten bewegt. Für mich waren diese Reisen willkommene Möglichkeiten, der heimischen Tristesse für ein paar Tage zu entkommen, denn ich konnte kleine Abstecher nach Colmar oder Straßburg machen. Französische Städte im Elsass, das von Hitler annektiert worden war. Ein Departement, in dem man mit den Älteren noch mühelos Deutsch sprechen konnte, weil sie in die Schule gegangen waren, als das Elsass noch zum Deutschen Reich gehört hatte. Ein törichtes Werk Bismarcks, das die „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschen und Franzosen vertieft hatte. Ansonsten war der Alltag von der Aufgabe beherrscht, die zum Leben notwendigen Nahrungsmittel zu beschaffen. Denn die Zuteilungen wurden immer geringer, und es war immer schwieriger, das Zugeteilte auch in den Geschäften zu finden. Brot wurde durch Beimengungen verschlechtert, Gemüse und Obst mussten durch Steckrüben ersetzt werden, Butter, Margarine und Speiseöl waren oft gar nicht zu bekommen. Selbst Kartoffeln waren nicht immer auf Lager. Von Kaffee, Tee und Schokolade abgesehen, die es schon lange nicht mehr gab, auch nicht auf Marken. „Ersatz“ trat an die Stelle der fehlenden Dinge: Ersatzkaffee, Ersatzseife, Ersatzgewürze, kurz, an die Stelle von dem, was es nicht mehr gab, traten minderwertige Substitute. Und wenn doch einmal unerwartet Schuhe oder Kleider eingetroffen waren, dann musste man sich früh morgens in die langen Schlangen einreihen, die sich längst gebildet hatten. Nachts erklangen immer öfter die Sirenen, und das hieß, aufzustehen, sich anzukleiden und in den Luftschutzkeller zu gehen. Ich indessen bin dann, wie bereits berichtet, in der Wohnung geblieben und habe die BBC-Nach-richten, später auch „The Voice of America“ und den „Soldatensender Calais“,  eine englische Radiostation für deutsche Soldaten, abgehört. Es bewährte sich nun, dass mein Adoptivvater von Herrn Krasnabowsky, dem polnischen Juden, der später ausgewiesen wurde, ein teures Saba-Radiogerät erworben und mit seinen technischen Kenntnissen einen guten Empfang in- und ausländischer Sender möglich gemacht hatte. Nach dem Abhören dieser Sender bin ich keineswegs in den Luftschutzkeller gegangen, sondern auf die Straße, um zu sehen, ob ich Granat- oder gar Bombensplitter finden könnte, die man unter Jugendlichen damals leicht gegen anderes tauschen konnte, weil diese Fundstücke in Wiesbaden seinerzeit noch selten waren. Freilich hat mich Herr Igstein, der Block- und Luftschutzwart des Hauses, bei Fliegeralarm mit einem Luftschutzhelm auf dem Kopf, meist schnell in den Keller gejagt, in dem nur noch Frauen, Kinder und einige alte Männer saßen. Meist frierend, weil sie, durch die Sirenen aus ihren Betten gescheucht, nur leicht bekleidet und übermüdet waren. Juden waren nach wie vor nicht unter ihnen, nun aber nicht mehr, weil es ihnen verboten war, sondern weil sie deportiert, in den Tod verfrachtet worden waren. Die Zahl der Todesanzeigen in der Zeitung nahm zu. Zwar war es vorgeschrieben, in Anzeigen, die den Tod eines Soldaten der Wehrmacht betrafen, das Eiserne Kreuz mit einem Hakenkreuz in der Mitte einzusetzen, aber die Worte „Für Führer, Volk und Vaterland“ und „In stolzer Trauer“ fehlten nun häufig. Das wurde damals von Gegnern des Regimes als Zeichen dafür gedeutet, dass immer mehr Menschen innerlich von der Partei und dem Krieg Abstand genommen hatten. Heinrich Beyer indessen hatte eine andere Messlatte für die Einschätzung der Ereignisse. Er verfolgte, ermuntert durch seinen Vater, einem Bankdirektor, die Börsenkurse der Aktien deutscher Unternehmungen, und aus der Veränderung einzelner Kurse schloss er auf die Zerstörungen, die die jeweiligen Betriebe durch Bombenangriffe erlitten hatten. Der Aktienkursindex wiederum war für ihn ein Indikator für die Einschätzung der deutschen Gewinnchancen durch die in- und ausländischen Börsianer, und nach diesem Indikator sah es für die deutsche Seite schon lange nicht mehr gut aus. Im Grunde wussten die meisten Menschen, die nicht unverbesserliche Anhänger Hitlers waren, spätestens nach der Invasion der Alliierten im Westen, dass der Krieg nicht zu gewinnen war. Hitler selbst wusste das bereits seit dem Fehlschlag des Russlandfeldzugs Ende 1941, wie seine Vertrauten später berichtet haben. Die meisten Menschen hofften wohl eher auf eine Verständigung mit den Feindmächten. Diejenigen, die so dachten, machten sich nicht klar, dass nach den furchtbaren Verbrechen Hitlers ein Verhandlungsfriede mit seinem Regime undenkbar war. Jedenfalls, was die Westmächte anging. Auch das wusste Hitler. „Wir haben längst alle Brücken hinter uns abgebrochen“, soll er gesagt haben, als die Generäle ihn drängten, eine Verständigung mit den westlichen Gegnern zu suchen. Ein Verhandlungsfriede mit Stalin aber, wenn überhaupt noch erreichbar, hätte wohl die Aufgabe aller unter riesigen Verlusten eroberten Gebiete im Osten und damit das Ende aller Phantastereien vom Großgermanischen Reich bedeutet. Niemand hatte darum eine Antwort auf die Fragen „Wie lange noch?“ und „Was kommt danach?“. Wer hätte das damals auch wissen können? Die weitere Frage, die Walter Löwenberg bei seinen Besuchen vor der erneuten Verhaftung im Frühjahr 1943 jedes Mal stellte, war die, ob Hitler und seine Kumpane die verbliebenen Juden, darunter jene, die Walter Löwenberg in den Arbeitslagern im „Osten“ vermutete, mit in den Tod nehmen würde. Er wusste nicht, wir alle wussten nicht, dass jene längst ermordet worden waren. Wir hätten es, meine ich im Rückblick, wissen oder wenigstens vermuten können, weil uns keinerlei Nachrichten von ihnen erreichten. Die gewöhnlichen Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern durften nämlich normalerweise ein- oder zweimal im Monat schreiben und Post empfangen. Es war still geworden im Haus. Die Frauen, dienstverpflichtet, waren tagsüber nicht im Haus. Und abends haben sie das kärgliche Essen gekocht, das die Zuteilungen noch hergaben und sind dann erschöpft ins Bett gefallen. Nur im Luftschutzkeller, bei Fliegeralarm, trafen sich die Frauen und ihre Kinder. Knapp bekleidet und fröstelnd sprachen sie dann darüber, was sie von ihren Männern gehört hatten. Immer weniger war das, weil die Feldpost nicht mehr recht ihren Dienst tat und weil, wie erst später klar wurde, immer mehr Männer Kriegsgefangene geworden waren. Herr Igstein meldete sich kaum noch zu Wort. Seine große Zeit war schon lange vor dem Kriegsende vorbei. Von all dem habe ich damals allenfalls durch meine Mutter erfahren, denn ich war nur noch zum Essen und zum Schlafen zu Hause. Und wenn die Sirenen heulten und die Hausbewohner sich gähnend und zitternd in den Luftschutzkeller begaben, bin ich in der Wohnung geblieben und habe, unter einer Wolldecke, die Nachrichten von BBC gehört. Denn man musste das Radio sehr laut stellen, um trotz der deutschen Störsender den Meldungen folgen zu können. Auch durften die Nachbarn nicht erfahren, dass man „Feindsender“ hörte. Ansonsten war ich abends, wenn nicht als Statist in der Oper oder im Kino, meist mit meinem Freund Heinrich Beyer zusammen. Genau genommen hatte ich, ein Heranwachsender, damals immer Hunger, denn mit Steckrüben, wässerigem Brot und Kartoffeln konnte man kaum satt werden. Wie musste es dann erst den Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Häftlingen ergangen sein, habe ich mir oft überlegt. Und wie den Deportierten aus unserem Haus, die ich lange, allzu lange in Arbeitslagern im „Osten“ wähnte.  VII Die Frage, ob die Hausbewohner von den Deportationen im Sommer 1942 gewusst haben, ist überflüssig. Natürlich haben die Frauen und die wenigen älteren Männer im Haus, die nicht Soldaten geworden waren, gewusst, dass die jüdischen Mitbewohner im Juni 1942 deportiert - damals hieß es: abgeholt - worden sind. Evakuiert, umgesiedelt nach dem Osten, wie die offizielle Sprachregelung lautete. Offenbar hat dieser oder jener sogar gesehen, wie die Ackermanns und die Löwensteins am Vormittag mit ihrem schmalen Gepäck den Lastwagen bestiegen, der sie und weitere Juden zum Hauptbahnhof fuhr, wo der Zug und die anderen Opfer bereits warteten. Und sie müssen im September 1942 bemerkt haben, dass die Strauss und die Wolf nicht mehr da und ihre Wohnungen versiegelt waren. Haben die Hausbewohner aber auch gewusst, was mit den deportierten Wiesbadener Juden, darunter ihre bisherigen Nachbarn, am Ende der Reise geschehen würde? Herr Igstadt, der Hauswart und Blockleiter, das Sprachrohr der Partei, erzählte jedem, den er traf, die Juden würden in den Osten umgesiedelt, also dorthin, von wo sie einst gekommen seien. Dort würden sie produktive Arbeit leisten müssen und nicht anders leben als jeder Arbeiter im Deutschen Reich. Keine Rede von Arbeitslagern, geschweige denn von Massenexekutionen, Gaskammern und Krematorien. In der lokalen Presse war nach dem 10. Juni und dem 1. September 1942 kein Wort zu den Deportationen der Wiesbadener Juden zu lesen. Allenfalls aus den Versteigerungsanzeigen, in denen wenige Wochen später das Mobiliar der Deportierten angeboten wurde, konnte man seine Schlüsse ziehen. Jedenfalls herrschte in jenen Tagen unter den Hausbewohnern, die nicht der Partei angehörten oder ihr nahestanden, betroffenes Schweigen.  Konnten die Mitbewohner wissen oder zumindest ahnen, was den Ackermanns und den Löwensteins am Ende ihrer „Umsiedlung“, ihrer „Evakuierung“ widerfahren würde? Gerüchte gab es damals zuhauf. Manche Fronturlauber und Menschen, die in der Verwaltung in den Ostgebieten oder in einem der vielen Betriebe beschäftigt waren, die von der deutschen Industrie in den eroberten Gebieten in Osteuropa errichtet oder beschlagnahmt worden waren, berichteten ihrer Familie und ihren Freunden von den Ungeheuerlichkeiten, die sie gesehen oder von denen sie gehört hatten. Von Massenerschießungen, Konzentrationslagern, Ghettos. Und wer die in deutscher Sprache ausgestrahlten Sendungen von BBC abhörte, der war mit den gleichen Meldungen vertraut. Auch die Abermillionen Flugblätter, die von alliierten Flugzeugen bei ihren Einsätzen über deutschen Städten abgeworfen wurden, werden den einen oder anderen Leser gefunden haben. Es ist also durchaus möglich, dass auch andere Hausbewohner Informationen darüber gewonnen hatten, was die Deportierten erwartete. Wir, meine Mutter und ich, hatten bis zum Frühjahr 1943, bis zu seiner Verhaftung und Einweisung in das KZ Dachau, die Informationen von Walter Löwenberg, der sein Wissen von einem der wenigen anderen Juden haben mochte, die noch in Wiesbaden lebten. Oder von einem Kommunisten, der Verbindung zu Angehörigen des verborgenen Widerstands hatte. Von den Vernichtungslagern hat auch Walter Löwenberg damals noch nicht gesprochen. Es war immer nur von Theresienstadt, von Ghettos und Massenerschießungen die Rede. Obwohl die Vernichtungslager, wie wir heute wissen, seit dem Sommer 1942 in Betrieb waren. Ich kann nicht sagen, ob andere Hausbewohner ebenfalls solche Informationen besaßen. Wenn es so war, dann haben sie nicht darüber gesprochen. Denn es war bis zum letzten Tag des Krieges nicht ungefährlich, über solche Dinge unbedacht zu reden. Darum konnte und kann ich nicht sagen, was die anderen Hausbewohner wussten. Sie müssen zumindest geahnt haben, dass es mit dem friedlichen Leben der deportierten Juden in den Ghettos und Lagern des „Ostens“ nicht weit her war. Aber ein selbstverfügtes Denk- und Sprechverbot wird sie gehindert haben, weiterzudenken und weiterzufragen.  VIII Im Sommer 1942, als die meisten Wiesbadener Juden deportiert wurden, habe ich noch nichts über die Selektionen in Auschwitz und über die Vernichtungslager Belcec, Treblinka, Majdanek, Chelmno und Sobíbor gewusst, die damals, meist von jüdischen Häftlingen, errichtet worden waren und ihr tödliches Werk begonnen hatten. Auch über die Vergasungen in diesen Todesfabriken wurde von BBC damals noch nicht berichtet. Allenfalls „Gaswagen“ wurden erwähnt, Kastenwagen, in denen die zusammengepferchten Opfer durch Einleitung der Auspuffgase getötet wurden. Vorform der Gaskammern, bereits im „Euthanasie“-Projekt in Deutschland getestet. Einem Programm, das rund 250.000 behinderte Menschen in „Pflegeanstalten“ zu Tode brachte. Erst 1943 habe ich durch BBC über die Existenz der Vernichtungslager, über die Vergasung von Abertausenden jüdischer Opfer und die Einäscherung der Leichen in Krematorien erfahren. Und erst Ende 1944, als Belcec, Treblinka, Sobíbor und Majdanek längst ihre Arbeit verrichtet hatten und von der SS dem Boden gleichgemacht worden waren, berichtete BBC über die Ermordung der ungarischen Juden in Auschwitz-Birkenau, der größten und letzten der Mordfabriken. Ich habe diese Berichte damals nicht glauben wollen, aber eine innere Stimme hat mir gesagt, dass nach allem, was ich über die Verfolgung der Juden bereits erfahren und erlebt hatte, eine solche fabrikmäßige Ausrottung von Menschen durchaus denkbar war. Wiederum kann ich nicht sagen, ob andere Hausbewohner ebenfalls über solche Informationen verfügten. Und, wenn das der Fall war: Ob sie das Unfassbare auch für wahr gehalten haben. Denn das Vorstellungsvermögen und der Vorstellungswille der meisten Menschen weigerten und weigern sich, die inneren Bilder zu akzeptieren, die von diesen Berichten ausgelöst werden. Natürlich haben alle beteuert, von diesen Dingen erst nach dem Krieg erfahren zu haben. Und Herr Igstein, der Blockleiter, bestritt bis zu seinem Tod, Jahre nach dem Kriegsende, dass es diese Massenmorde überhaupt gegeben habe. Für ihn waren die Meldungen Feindpropaganda. Mit diesem trotzigen Leugnen stand er damals keineswegs allein. Alles in den Menschen sträubte sich, das Unvorstellbare für wahr zu nehmen. Auch unter den Menschen in unserem Haus - das waren im Krieg natürlich nur die Frauen, die Kinder und einige ältere Männer, die nicht mehr wehrtauglich waren - war in den Jahren vor dem Ende des Kriegs der Zweifel gewachsen. Auch der Zweifel an Hitler. Der Mann, der in den letzten beiden Kriegsjahren in der Wochenschau im Kino mit seinem Schäferhund spazieren ging oder sich bei der Lagebesprechung über den Kartentisch beugte, war nicht mehr der Hitler der erfolgreichen Jahre. Das spürte man als Zuschauer im Kino. Überdies ließ sich Hitler, anders als in den Jahren seiner Erfolge, in der Öffentlichkeit kaum mehr sehen. Nie hat er eine der durch die alliierten Bomberflotten zerstörten Städte besucht und nie die Front, die den deutschen Grenzen immer näher rückte. Jedenfalls wurde im Kino nie dergleichen gezeigt. Immer nur Hitler und sein Schäferhund und Hitler, über den Kartentisch gebeugt, von Generälen umringt. Damals erst, als Sechzehnjähriger, habe ich mich von der fatalen Faszination durch das Bild dieses Mannes endgültig befreien können. Eines Mannes, dem ich nie wirklich begegnet bin, der für mich - wie für die große Mehrheit der Deutschen - immer nur in der Vorstellung existierte, die von Filmen, Fotos, Plakaten und Radioreden geprägt worden ist. Ich habe mich damals abgewendet, weil sich die Deportation meiner Verwandten und unserer jüdischen Nachbarn nicht mit der Bewunderung des Mannes vertrug, der diese Grausamkeiten befohlen hatte. Dabei hat mir mein Freund Heinrich Beyer geholfen. Er hatte, von seinem Vater ermuntert, Hitlers „Mein Kampf“ von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, ein Buch, das in Millionen Exemplaren unter die Leute gebracht worden war. Eine Paarung von aufgeblasenem Deutsch und abenteuerlichen Ansichten und Absichten, urteilte mein Freund damals. Alles, was Hitler nach 1933 in die Tat umgesetzt und umzusetzen versucht habe, finde sich in diesem Werk bereits klar als Baustein einer künftigen Politik. Die absurde Rassendoktrin, die Deutschen als Volk ohne Raum, das künftige germanische Weltreich und alle anderen Bestandteile in Hitlers Zerrbild einer künftigen Welt, die auch seine vielen Reden beherrschten. Hinzugefügt aus heutiger Sicht: Von Konzentrationslagern, Gaskammern und Krematorien steht natürlich nichts in dem Buch. Wohl aber davon, dass man die Juden aus Europa entfernen müsse. Das hatte Hitler auch in vielen seiner Reden und Ansprachen immer wieder zum Ausdruck gebracht. Natürlich hat Heinrich Beyer das alles nicht in einem einzigen Gespräch von sich gegeben. Auch nicht mit diesen Worten. Und er hat diese Erkenntnisse nicht allein aus der Lektüre von „Mein Kampf“ gewonnen. Vieles hat ihm sein Vater vermittelt, ein Bankdirektor, ein gläubiger Christ, der Hitler schon durchschaute, als er noch gar nicht Reichskanzler war. Auch ein Gutteil der scharfsinnigen Kommentare im deutschsprachigen Programm von BBC, das wir beide damals jeden Tag abhörten, ist in Heinrich Beyers Urteil eingeflossen. In den BBC-Sendungen sprachen auch große Autoren des deutschen Exils, darunter Thomas Mann, über Hitlers Person und seine Politik, um den deutschen Hörern die Augen zu öffnen. Heinrich Beyers Ansichten über Hitler, wie immer gewonnen, unterschieden sich im Kern nicht von jenen, die ich aus den vielen Gesprächen kannte, die bei uns zu Hause über dieses Thema geführt worden sind. Wortführer war immer Walter Löwenberg. Nur die Fremdwörter fehlten in seinen trockenen, sarkastischen Kommentaren. Aber erst jetzt, als Sechzehnjähriger, tief getroffen von den schrecklichen Ereignissen im Juni 1942, habe ich mich diesen Argumenten geöffnet. Jetzt erst wurde mir das Nazisystem zuwider, mit seinen abstrusen Ideen und Ritualen, seiner brutalen Praxis und seinem absonderlichen Personal. Hitler eingeschlossen, der mir nun fremd geworden war. Ein fremder, ferner, unheimlicher Diktator. Daraus wurde freilich kein aktiver Widerstand. Nicht einmal die freimütige Kritik in der Öffentlichkeit, die Walter Löwenberg in Gefängnis und Konzentrationslager geführt hatte, wurde von meinem Freund und mir erwogen. Geschweige denn Aktionen der Art, die die Geschwister Scholl auf das Schafott gebracht haben. Nein, wir begaben uns, wie das später hieß, in die innere Emigration. Was schlicht bedeutete, dass wir, zwei hagere Jünglinge, dagegen waren, aber nichts dagegen taten. Allenfalls die langen Haare und der weiße Schal deuteten unsere Vorbehalte an. Das aber wurde, wenn man ansonsten unauffällig blieb, von der Geheime Staatspolizei auf Weisung Himmlers als jugendliche Verirrung genommen. Das wussten wir aber damals nicht.  IX Nicht alle Hausbewohner haben das Ende des Kriegs erlebt. Ich meine nicht die Deportierten, die Ackermanns, die Löwensteins, die Strauss und die Wolfs, sondern die Nichtjuden in unserem Haus. Mein Bruder, ein Zwölfjähriger, ist in den letzten Tagen des Kriegs beim Spielen mit Flakmunition, die beim Räumen der Stellungen am Rande der Stadt achtlos liegengelassen wurde, zu Tode gekommen, ist verblutet, weil es Stunden dauerte, bis eine Ambulanz eintraf, die sein verzweifelter Spielgefährte nach langen Wegen herbeirufen konnte. Tot, gefallen waren einige Männer aus dem Vorder- und Hinterhaus. Aber die anderen Männer des Hauses, die Soldaten geworden waren, kamen nach kürzerer oder längerer Kriegsgefangenschaft zurück. Herr Rheinheimer, hochbetagter Rentner, der viele Jahre lang mit seinem zweirädrigen Karren im Wald Holz gesammelt und sein Gefährt im Krieg den Frauen im Haus zur Verfügung gestellt hat, damit sie Kohlen, Briketts, Holz und Kartoffeln in ihre Keller schaffen konnten, ist aus dem Krankenhaus nicht zurückgekehrt. Ein neugeborenes Kind ist nach wenigen Monaten gestorben. Die Kliniken konnten ihm nicht helfen, weil die Medikamente fehlten. Die beiden Brüder meiner Mutter, Karl und Otto Rink, kehrten unversehrt zurück. Ebenso mein Adoptivvater, freilich mit verstümmelter Hand. Heinrich Beyer und ich, kurz vor Kriegsende als Achtzehnjährige zum Wehrdienst einberufen, er zur Luftwaffe, ich zur Marine, kamen ebenfalls bald und wohlbehalten nach Hause, er aus amerikanischer, ich aus englischer Kriegsgefangenschaft. Wir haben beide als Soldaten gottlob keinen Schuss mehr abgeben müssen. Wir wären wohl auch schlechte Schützen gewesen, weil uns jegliche Kenntnis im Umgang mit Waffen fehlte. Von meiner Schulklasse kehrten nur wenige zurück: Nur sieben von sechsundfünfzig Schülern entkamen dem Soldatentod. Sie sind in den letzten Kriegsmonaten ohne nennenswerte militärische Ausbildung an die „Ostfront“ geworfen und Opfer der überlegenen russischen Verbände geworden. Walter Löwenberg wurde von den US-Streitkräften in Dachau befreit, und er ist, abgemagert bis auf die Knochen, aber ansonsten unversehrt zu seiner Familie, zu Frau und Kind zurückgekehrt. Heinrich Beyer und ich konnten das Abitur nachholen und ein Studium beginnen. Er in Mainz, ich in Frankfurt. Heinrich Beyer ist später ein erfolgreicher Anwalt geworden. Ich wurde Professor an in- und ausländischen Universitäten. Wenn wir uns später gelegentlich trafen, dann haben wir wie in alten Zeiten den Anfang von „The Flat-Foot Floogie with the Floy-Floy“ gepfiffen, unserer Erkennungsmelodie, wenn wir uns im Krieg abends im Dunkeln in der Stadt verabredet hatten, um mit den Mädchen anzubandeln, die dort jeden Abend spazieren gingen und darauf warteten, von vorlauten Jünglingen angesprochen zu werden. Denn richtige Männer waren damals Soldat und darum als künftige Gefährten nicht zur Hand. Walter Löwenberg, der Schneider, wurde Angestellter einer Krankenkasse, und als Beisitzer einer Spruchkammer, die von den Alliierten zur Ermittlung und Bestrafung von Nazi-Aktivisten eingerichtet worden war, konnte er sich kaum retten vor den Bitten von Betroffenen, ihnen „Persilscheine“ auszustellen, also zu bestätigen, dass sie ihm, dem Juden, in den Hitlerjahren beigestanden hätten. Bittsteller, die ihm damals, als er den gelben Judenstern tragen musste, nicht die Hand gereicht hätten. Mein Adoptivvater, mit zerschossener Hand von den Sowjets entlassen, wurde Zollbeamter. So waren aus Arbeitern unvermittelt Kleinbürger geworden, die bald in Neubauwohnungen zogen, die mit Zentralheizung und richtigen Badezimmern und bald auch mit Telefon ausgestattet waren. Kleinbürger, die nach wenigen Jahren ein eigenes Auto besaßen. Später Lohn für die Drangsal der Hitlerjahre. Die Stadt war von Luftangriffen und Bodenkämpfen kaum betroffen, und die wenigen Trümmer auf den Straßen wurden nun von Aktivisten der Hitlerpartei geräumt, von Männern und Frauen, die von den amerikanischen Besatzungsbehörden zu dieser Arbeit kommandiert worden waren, so wie in den frühen Kriegsjahren in vielen deutschen Städten Juden dazu verpflichtet wurden, nach Luftangriffen Trümmer zu räumen. Die Grabners und die Steins, einst Bewohner des Hinterhauses, lebten immer noch in den Wohnungen und mit den Möbeln, die von den Ackermanns und den Löwensteins nach ihrer Deportation hinterlassen worden waren. Und sie aßen aus deren Tellern, tranken aus ihren Tassen und Gläsern, schliefen in ihren Betten. Niemand schien sich daran zu erinnern, dass diese jüdischen Menschen einmal im Haus gewohnt hatten. Walter Löwenberg, der einzige Überlebende von vier jüdischen Geschwistern, hat noch viele gute Jahre mit seiner Frau verbringen können. Ein überall wegen seines trockenen Humors geschätzter Mann, dem man nicht leicht anmerkte, dass er durch die Hölle gehen musste, weil er Jude war. Politisch hat er sich nach einigem Nachdenken nicht mehr engagiert. Womöglich wäre er als aktiver Kommunist auch erneut ins Gefängnis gewandert, denn in den frühen Jahren der Bundesrepublik Deutschland, dem Geschöpf der westlichen Siegermächte in der Zeit des Kalten Krieges, wurde die Kommunistische Partei als verfassungswidrige Organisation verboten, und ihre Aktivisten liefen wiederum Gefahr, im Gefängnis zu landen. In die gleichen Gefängnisse, die sie aus der Hitlerzeit kannten. Verurteilt womöglich von den gleichen Richtern. Das wollte sich Walter Löwenberg ersparen. Er ist ein treuer Wähler der Sozialdemokraten geworden. Walter Löwenberg konnte wieder - oder immer noch - lachen und trockene Bemerkungen machen. Als sei nichts gewesen. Aber in seinen Augen wohnte stets, nur für Vertraute erkennbar, große Traurigkeit.  X Es bleibt, an das Gespräch zwischen Walter Löwenberg und seinen vier Neffen und Nichten zu erinnern, den Kindern seiner Schwester Martha, die, anders als ihre Kinder und ebenso wie ihr Mann, der Vater dieser Kinder, im Konzentrationslager ermordet wurde. Diese vier Kinder von Martha Löwenberg hatten Bergen-Belsen überlebt, und sie sind kurz nach dem Kriegsende nach Palästina ausgereist, und nach der Gründung des Staates Israel dessen Staatsbürger geworden. Sie sind später zur Erledigung ihrer finanziellen Entschädigungsansprüche bei den deutschen Behörden für einige Tage nach Wiesbaden zurückgekehrt, und sie haben Walter Löwenberg, den einzigen weiteren Überlebenden ihrer Familie, besucht. Im Gespräch haben sie ihr fehlendes Verständnis dafür ausgesprochen, dass er in Deutschland geblieben und nicht auch nach Israel ausgereist sei. Wie er ertragen könne, unter Menschen zu leben, die fast seine ganze Familie und Millionen andere Juden ermordet hätten. Walter Löwenberg hat vergeblich versucht, seinen Neffen und Nichten verständlich zu machen, dass er nie als Jude, sondern als Kommunist verurteilt wurde und deswegen Jahre im Gefängnis und im Konzentrationslager verbringen musste. Dass er nach Wiesbaden, zu Frau und Tochter, zu den nichtjüdischen Verwandten, den alten Freunden und Bekannten, die ihm in den schlimmen Hitlerjahren vielfach geholfen hätten, zurückgekehrt sei, in seine Heimat, in die Stadt, in der geboren worden sei und in der er sein ganzes freies Leben verbracht habe. Er spräche allein Deutsch und er sehe keinen Grund, in ein anderes Land auszuwandern. Sie seien jung und er habe Verständnis für ihre Entscheidung, nicht in Deutschland, sondern in Israel zu leben. Er aber wolle dort leben und sterben, wo er geboren worden sei und die meisten Jahre seines Lebens als freier Mann verbracht habe. Er trauere um die vielen Angehörigen, die ermordet wurden, aber denen sei nicht dadurch zu helfen, dass man in ein anderes Land ziehe. Die Neffen und Nichten haben verständnislos den Kopf geschüttelt, sie sind gegangen und meines Wissens nie wieder nach Wiesbaden zurückgekehrt. Dieses Ereignis hat Walter Löwenberg bei einem gelegentlichen Besuch meiner Mutter geschildert, und sie wiederum hat es mir erzählt. Diese Geschichte zeigt, warum einige Juden, die das Konzentrationslager überlebt hatten, nach Kriegsende in Deutschland geblieben oder zurückgekommen sind. Obwohl das vorderhand nicht viele waren. Aber Walter Löwenberg war einer von ihnen. Wenngleich er garnicht als Jude, sondern als Kommunist inhaftiert wurde, als glaubensloser Mensch, der die Synagoge als Erwachsener nie mehr aufgesucht hat.  XI Die Bewohner des Hauses, die den Krieg überstanden hatten, begannen in der Nachkriegszeit oft über die Hitlerjahre zu sprechen. Die Männer meist über Kriegserlebnisse, über den Iwan, den Tommy und den Ami, ihre Feinde im Feld. Über ihr Leben als Kriegsgefangene. Die Frauen über Bombennächte und Lebensmittelrationen. Beide, Männer und Frauen, darüber, dass nicht alles schlecht gewesen sei, was Hitler gemacht habe. Vor allem: Die Autobahnen. Die Vollbeschäftigung. Die Ordnung. Nur: Das mit den Juden, das hätte er nicht machen dürfen. Aber daran träfe sie, einfache Leute, keine Schuld. Sie jedenfalls hätten keinem Juden etwas zuleide getan, und von den Vernichtungsstätten im „Osten“ hätten sie nichts gewusst. Sie hätten wirklich geglaubt, dass die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss in neue jüdische Siedlungsgebiete verbracht und zu regelmäßiger Arbeit eingesetzt worden seien. Auf die Frage, wo sie denn geblieben, warum sie nicht zurückgekommen seien oder eine Nachricht über ihren Verbleib übermittelt hätten, wussten sie keine Antwort. Volkes Stimme. Was hätten sie auch anderes sagen sollen, sie, die Mehrheit, die weggeschaut und geschwiegen hatten, als ihre Nachbarn abtransportiert wurden. Die anderen, die sich dem Irrsinn der Hitlerjahre innerlich verwehrt hatten oder angesichts dessen, was sie mittlerweile erfahren mussten, einsichtig geworden waren, konnten ob solcher Gedanken- und Gefühllosigkeit nur die Köpfe schütteln. Von dieser Generation war nicht zu erwarten, dass sie mit eigener Kraft, ohne fremde Hilfe, ein demokratisches, ein zivilisiertes Land aufbauen würde. Sie hatten verlernt, ihr Leben ohne Befehle von oben zu führen. Es waren die Besatzungsbehörden, zurückgekehrte Emigranten, aus Gefängnissen, Konzentrationslagern und aus der „Inneren Emigration“ aufgetauchte Politiker der Weimarer Republik, die die Grundlagen der neuen deutschen Staaten geschaffen haben, der Bundesrepublik Deutschland im Westen und der Deutschen Demokratischen Republik im Osten des untergegangenen Deutschen Reiches. Ich kann natürlich nur über das damalige Leben im Westen Deutschlands sprechen, denn den Osten habe ich bis zur Vereinigung beider Staaten nie gesehen. Ich will also nur einige kurze Bemerkungen zu den damaligen Lebensverhältnissen im Westen machen. Im Grunde haben die alten Behörden samt den alten Beamten in den Gemeinden und Kreisen, nun ohne Hitlers Kumpane, nach Kriegsende weitergearbeitet. Im Rahmen des Besatzungsregimes mit weiterhin streng rationierter Versorgung und Arbeitspflicht. Wie zuvor. Was in den Läden nicht zu kaufen war, wurde auf dem Schwarzmarkt beschafft, wenn man Geld oder amerikanische Zigaretten hatte. Oder allerlei andere Objekte, die sich verkaufen ließen. Darauf stand nun nicht mehr die Todesstrafe. Erst die Einführung einer neuen Währung, der Deutschen Mark, brachte die von cleveren Fabrikanten, Händlern und Handwerkern in Kellern und Lagerhäusern gehorteten Waren wieder in die Schaufenster und in die Regale. Es brauchte darum keine Befehle mehr, um die Menschen zur fleißigen Arbeit zu bewegen. Die Produktion, nach und nach von staatlicher Reglementierung befreit, stieg mit erstaunlicher Rate. Viele Menschen wurden damals beim Wiederaufbau der Häuser, Brücken, Straßen und Fabriken beschäftigt, die im Krieg zertrümmert worden waren. Dafür wurden die Handwerker, die Manager, die Beamten, die Richter und nach wenigen Jahren auch die Generäle gebraucht, die ihre Aufgaben in den Hitlerjahren gehorsam erfüllt hatten. Wer sonst hätte es auch machen sollen? Wenn nicht die Menschen, die für solche Aufgaben ausgebildet waren und bereitwillig zur Verfügung standen. Heimgekehrte Emigranten wurden im Westen nicht immer willkommen geheißen. Und die Kasernen der neuen Bundeswehr wurden zur Verblüffung aufgeklärter Bürger oft nach Generälen, U-Boot-Kommandanten und Flieger-Assen des verlorenen und barbarischen  Krieges benannt. Das hat man in den meisten Fällen später, sehr viel später korrigiert. Es dauerte Jahrzehnte, bis die Mehrheit der Deutschen das unter Hitler Geschehene als ihre eigene Geschichte erkennen und anerkennen konnte. Das ist eigentlich erst den nachrückenden Generationen gelungen, weil sie an Hitlers Untaten keinen Anteil, weil sie saubere Hände hatten. Und es brauchte Filme, TV-Dokumentationen und Bücher über die Männer und Frauen des Widerstands, und die bewegenden Schilderungen von Zeitzeugen, die das Grauen im Ghetto, im Konzentrationslager oder die angsterfüllten Jahre in dem von mutigen Menschen hergerichteten Versteck überlebt hatten. All das mag geholfen haben, der grausamen Wahrheit endlich ins Gesicht zu blicken. Aber das brauchte Zeit. Viel Zeit. Vielleicht ist sie bei manchen Hochbetagten noch immer nicht verstrichen. Und bei den jungen Rechtsradikalen.  XII Was habe ich damals, nach dem Ende seiner politischen und militärischen Karriere, über Adolf Hitler gedacht? Was habe ich später über ihn gelesen? Über den Mann, den ich als Knabe wie viele, vielleicht die meisten Deutschen in jenen Jahren, für einen politischen Wundertäter gehalten habe. Für einen fernen, fremden und klugen Wegbereiter in eine neue deutsche Welt. Weil er im Radio, im Kino, auf Plakaten und in der Presse Tag für Tag so vorgeführt wurde. Weil die Lehrer ihn im Unterricht mit leuchtenden Augen als eine Art Übermensch stilisiert haben. Weil ich lange, allzu lange nicht gewagt habe, in meinen Gedanken und Gefühlen das Bild des Mannes zu korrigieren, der in seinen frühen Jahren als „Führer und Reichskanzler“ spektakuläre Erfolge erzielt hatte, die zuvor niemand für möglich gehalten hätte. Das ist es freilich nicht gewesen, was mich als Knaben an Hitler beeindruckt hat. Denn für politische Dinge habe ich mich damals noch garnicht interessiert. Es waren die Wochenschau-Filme über Hitlers Auftritte in den großen opernhaften Inszenierungen der Reichsparteitage mit einer nach Tausenden zählenden, aus allen Winkeln des Deutschen Reichs herangekarrten und in Uniformen gesteckten Statisterie, die mich als heranwachsenden Knaben fasziniert haben. Massenveranstaltungen, in denen die von einer gekonnten Regie in großen Blöcken aufgestellten Teilnehmer wie eine Armee zu groß geratener Zinnsoldaten neben diesem Mann wirkten, der durch ihre Mitte zur Rednertribüne schritt oder im offenen Mercedes vorfuhr, um von dort oben, zögernd und suchend zuerst, dann zügig und mit großer Kraft seine emotional aufgeladenen Botschaften zu verkünden. Ein Redner, der seine wohlgesetzten Worte in wechselnder Lautstärke und mit wachsender Heiserkeit ins Mikrophon sprach oder brüllte. Immer vom Beifall und den „Heil“-Rufen der Abertausende belohnt. Oder die nächtlichen Fackelzüge seiner Parteiarmeen, der SA und SS. Die Weihe neuer Fahnen der SA oder SS, von Hitler symbolisch mit der „Blutfahne“ in Kontakt gebracht, als ob diese eine Reliquie wäre, die ihren Zauber an die neuen Fahnen weitergibt. Ein Brauch unter vielen, in denen Hitler kirchliche Rituale seinen profanen Zwecke anverwandelt hat. So wie die jährliche feierliche Prozession Hitlers und seiner alten Parteikumpane zur Münchener Feldherrnhalle. Und das jährliche Totengedenken auf dem Münchener Königsplatz. Oder wenn er nach seinen späteren Erfolgen im offenen Mercedes durch Berlin fuhr und Beifall und Bewunderung der Hunderttausende genoss, die die Straßen säumten. Hitler, in seiner neuen, bombastischen Reichskanzlei mit protzigen Skulpturen im Vorhof, langen, marmornen Fluren und einem riesigen Arbeitszimmer, das er vor allem benutzte, um den Empfang von Staatsgästen filmen zu lassen. Die glanzvollen Paraden, die er seinen Staatsgästen auf den neuen Prachtstraßen in Berlin vorführte. Die im Paradeschritt marschierenden Kolonnen und Kapellen, die Reiter mit ihren tänzelnden Pferden, die Panzer, die Geschütze und die vorbeidonnernden Jagdflieger-Staffeln. Und auf der Tribüne Hitler, seine Staatsgäste, Generäle und Parteigrößen wie Göring oder Himmler in ihren Phantasieuniformen. Diese Bilder haben damals großen Eindruck auf mich, einen Knaben, gemacht. Später die schnellen Siege über Polen und Frankreich, die auch von Walter Löwenberg widerwillig, aber mit Respekt zur Kenntnis genommen wurden. Bis zum kläglichen Misslingen des als Blitzkrieg geplanten Russlandfeldzugs, ganz zu schweigen von der Katastrophe von Stalingrad, dem Ende der U-Boot-Erfolge und der Kapitulation des Afrikakorps, der Zerstörung der deutschen Städte durch die alliierten Bomberflotten, der alliierten Invasion im Westen. Ereignisse, die Hitler bei vielen Deutschen den selbstverliehenen Nimbus des unschlagbaren Feldherrn, des politischen und militärischen Genies, genommen haben. Bei Vielen, aber beileibe noch nicht bei Allen. Viele Deutsche haben damals, in den letzten Kriegsjahren, an die von Goebbels’ Propaganda erfundenen Wunderwaffen geglaubt, die die Wende erzwingen sollten. Zauberwaffen, von denen auch Herr Igstein, der Obmann der Partei in unserem Haus, damals den wenigen verbliebenen Bewohnern mit leuchtenden Augen erzählt hat. Von Waffen, die es in Wirklichkeit mit den Atombomben im Arsenal der Alliierten überhaupt nicht hätten aufnehmen können. Die noch zum Einsatz gekommenen Raketen haben das schnelle Ende nicht verhindern können. Hätten diese neuen Waffen gleichwohl das Ende des Kriegs verzögert, dann wären die ersten Atombomben nicht auf japanische, sondern auf deutsche Städte gefallen.  XIII Der Mann, der in den letzten beiden Kriegsjahren in der Wochenschau im Kino mit seinem Schäferhund spazieren ging oder sich bei der Lagebesprechung über den Kartentisch beugte, war nicht mehr der Hitler der erfolgreichen Jahre. Das hat man als Zuschauer im Kino gespürt. Überdies hat sich Hitler, anders als in den Jahren seiner Erfolge, in der Öffentlichkeit kaum mehr sehen lassen. Nie hat er eine der durch die alliierten Bomberflotten zerstörten Städte besucht und nie mehr die Front, die den deutschen Grenzen immer näher rückte. Jedenfalls ist dergleichen im Kino nie gezeigt worden. Immer nur Hitler und sein Schäferhund und Hitler, über den Kartentisch gebeugt, von Generälen umringt. Und immer den leicht gebeugten, früh gealterten und - wie wir heute wissen - von Krankheiten und langjährigem, schwerem Medikamentenmissbrauch dezimierten Mann an Deutschlands Spitze. Ein Mann, der die Brille absetzte, ehe er sich filmen ließ. Der sich am Ende immer so ablichten ließ, dass das Zittern seiner Hand verborgen blieb. Damals, im Krieg, als Sechzehnjähriger, habe ich mich auch ohne solche Informationen von der fatalen Faszination durch das Bild dieses Mannes befreien können. Eines Mannes, dem ich nie wirklich begegnet bin, der für mich - wie für die meisten Deutschen - immer nur in der Vorstellung existiert hat, die von Filmen, Fotos, Plakaten und Radioreden geprägt worden sind. Ich habe mich damals abgewendet, weil sich die Deportation meiner Verwandten und unserer jüdischen Nachbarn nicht mit der Bewunderung des Mannes vertrug, der diese Grausamkeiten befohlen hatte. Denn niemand außer Hitler konnte solche unfasslichen Mordbefehle geben. Dazu brauchte es kein Schriftstück, und darum wurde später - anders als beim “Euthanasie”-Programm - auch kein schriftlicher Befehl Hitlers gefunden. Aber das habe ich damals noch nicht gewusst. Überhaupt habe ich das meiste, was ich heute über Hitler weiß, erst nach dem Ende des Kriegs erfahren. Jedenfalls: Hitler war ein Mann, der in den Jahren seiner großen Erfolge die Rolle des Heilbringers gespielt, die Menschen aber tatsächlich in einen hoffnungslosen Krieg und furchtbare Verbrechen geführt hat. Aber das ist nur möglich gewesen, weil ihm keinerlei parlamentarische Kontrollen, keine Opposition, keine freie Presse, keine freien Wahlen, keine unabhängigen Gerichte Grenzen gesetzt haben. Weil die Weimarer Republik bereits bei Beginn seiner Herrschaft nur noch auf dem Papier gestanden hat, weil an die Stelle von Parlamentsdebatten und -beschlüssen immer häufiger diktatorische Notverordnungen des von Generälen umringten Reichspräsidenten getreten sind. Weil Paul von Hindenburg, ein pensionierter Marschall der kaiserlichen Armee, als Hüter der Verfassung in den eineinhalb Jahren, die ihm nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler bis zu seinem Tod blieben, die Entrechtung des Parlaments durch ein Ermächtigungsgesetz, die Auflösung der politischen Parteien, die Gleichschaltung aller Ämter, die Verfolgung und Ermordung politischer Gegner und die ersten antijüdischen Exzesse und Gesetze geduldet und mitgetragen hat. Weil die Mehrheit der Richter, der Offiziere, der Beamten, der Industriellen, der Bankiers, der Journalisten und der Intellektuellen ohne messbare Schamfrist zu Hitler übergelaufen ist. Zu einem Politiker, der nie in einer korrekten Wahl die Mehrheit der Stimmen gewinnen konnte. Weil Hitlers Gegner, soweit noch im Land und nicht verhaftet, zum Verstummen gebracht worden sind. Weil auch aus dem Ausland kaum Widerstand geleistet worden ist, als er geltende Abmachungen eine nach der anderen zerriss. Zwar kann man diesem Mann nach allem, was man weiß, nicht eine hohe Intelligenz, einen starken Willen, eine rasche Auffassungsgabe und eine intuitive Erfassung von Menschen und Möglichkeiten absprechen. Aber diese Fähigkeiten sind später offenbar durch die bizarre Selbstüberschätzung dieses Mannes unterdrückt, verdrängt worden. Denn er hat sich wider seine immer wieder erklärte Absicht auf einen Mehrfrontenkrieg gegen die geballte Macht der USA, der Sowjetunion und des britischen Weltreichs eingelassen, einen Rundumkrieg, den er bereits verloren hatte, als er ihn mit dem Überfall auf kleinere, schwächere Länder begann. So wie der erste Weltkrieg verloren gegangen ist, aus dem Hitler so viel gelernt zu haben vorgab. Hinzugekommen ist aber Hitlers Judenhass, Ausdruck paranoider Phantasien, gegen die offenbar kein Einwand, keinerlei vernünftige Erkenntnis etwas ausrichten konnten. Der Judenhass, der Verbrechen ohnegleichen in Gang gebracht hat. Das alles hat sich bereits durch die Lektüre von „Mein Kampf“ erkennen lassen, einem Buch, das damals leider so gut wie niemand gelesen hat. Obwohl es in Millionen Exemplaren unter die Leute gebracht worden ist und Hitler, den Autor, zu einem wohlhabenden Mann gemacht hat. Zu einem Erfolgsautor, der seine Einkünfte nicht hat versteuern müssen, weil er seinen Namen bei den Finanzbehörden löschen ließ. Zu meinem Urteil über Hitler hat mir damals, im Krieg, auch das heimliche Abhören der klugen Kommentare im deutschsprachigen Programm von BBC verholfen. In diesen Sendungen haben auch große Autoren des deutschen Exils, darunter Thomas Mann, über Hitlers Person und seine Politik gesprochen, um den deutschen Hörern die Augen zu öffnen. Diese Kommentare haben sich im Kern nicht von jenen unterschieden, die ich aus den vielen Gesprächen kannte, die bei uns zu Hause über Hitler geführt worden sind. Wortführer war immer Walter Löwenberg. Damals ist mir, einem Halbwüchsigen, das Regime zuwider geworden. Daraus ist freilich kein aktiver Widerstand geworden. Nicht einmal die freimütige Kritik in der Öffentlichkeit, die Walter Löwenberg ins Gefängnis und Konzentrationslager geführt hatte, ist von mir, einem Jüngling, erwogen worden. Geschweige denn Aktionen der Art, die die Geschwister Scholl auf das Schafott gebracht haben. Menschen, die kaum älter als ich waren. Allenfalls die langen Haare und der weiße Schal der Swing-Jugend haben meine Vorbehalte in aller Öffentlichkeit angedeutet. Das aber ist von der Geheimen Staatspolizei auf Weisung Himmlers als jugendliche Verirrung hingenommen worden. Später, nach dem Krieg, habe ich dann vor allem bei der Lektüre der Protokolle von Hitlers Tisch- und Teegesprächen in seinen Hauptquartieren - Aufzeichnungen aus den Jahren 1941 und 1942, die teils mit, teils ohne Hitlers Billigung entstanden und erhalten geblieben sind - betroffen festgestellt, dass Deutschland ein Dutzend Jahre lang von einem Mann geführt worden ist, der von grenzenloser Selbstüberschätzung und Verachtung für andere Standpunkte bestimmt wurde, einem, der kaum fähig gewesen ist, sich auf Dialoge von gleich zu gleich einzulassen. Der mit seinen endlosen Monologen den anderen Anwesenden jedes Widerwort unmöglich gemacht hat. Ein Emporkömmling, ein Autodidakt, der die Grenzen seines Wissens nie respektiert hat, der nie erfassen konnte und wollte, dass Wahrheit in weltlichen Dingen oft etwas Vorläufiges und Flüchtiges ist. Ein Mann, der über alles und jedes zu reden wusste, der aber von den meisten Dingen, die er in seinen Tischrunden ansprach, erkennbar wenig verstand. Ein Dilettant. Sein Interesse hat in den Kriegsjahren vor allem der Waffentechnik gegolten, Ein Gebiet, in dem er sich nach den Äußerungen seines Gefolges eine erstaunliche Kenntnis aller damals bei Freund und Feind verfügbaren Waffensysteme angelesen und seine Generäle und die Rüstungsspezialisten immer wieder mit seinem Wissen und seinen Schlüssen verblüfft hat. Seine erstaunliche Auffassungsgabe und sein ausgezeichnetes Gedächtnis haben ihn schnell zum Kenner gemacht, dem die Generäle offenbar wenig entgegensetzen konnten oder wollten. Denn ein erfolgreicher Feldherr war Hitler offenkundig nicht. Die militärischen Erfolge der ersten Kriegsjahre waren das Ergebnis der professionellen Entwürfe seiner Generäle, waren Aufmarsch- und Ablaufpläne, die Hitler später als sein Werk bezeichnet hat. Generäle, die sich, als Hitler sich zum Oberbefehlshaber ernannt hatte und die Dinge schwierig wurden, seinen engstirnigen, rechthaberischen Entscheidungen wider besseres Wissen beugten. Generäle, die weiterhin gehorsam mitwirkten auf dem Weg in die Katastrophe. Außer den Verschwörern des 20. Juli 1944, die, wären sie erfolgreich gewesen, Millionen Menschen vor dem frühen Tod bewahrt hätten. So haben die Verschwörer anstelle Hitlers  ein grausames Ende gefunden. Hitler: Ein Mann, der sich immer wieder Alexander dem Großen und anderen großen Heerführern der Geschichte gleichsetzte. Der sich in den Tischrunden über seine Kriegsgegner, Politiker und Militärs, voller Verachtung und in unflätigen Worten ausgelassen hat. Über Gegner, die dabei waren, ihn an allen Fronten zu schlagen. Die ihn mit ihren überlegenen menschlichen und materiellen Ressourcen in wenigen Jahren zu Boden produziert haben. Ein Mann, der mit seinem immensen, aber bruchstückhaften Wissen prahlte, das er, gestützt auf ein hervorragendes Gedächtnis, über viele Jahre in sich hineingeschlungen hat, wie er stolz erzählte. Einer, der nicht müde wurde, sich über studierte Leute, vor allem über Professoren, Diplomaten und Generäle, lustig zu machen. Weil sie, anders als er, ihr Metier von Grund auf gelernt hatten und sich in Sachfragen nicht auf ihre Intuition berufen mussten. Hitler, ein Mann, der sich rühmte, alle wesentlichen Einsichten bereits in jungen Jahren gewonnen zu haben. Wenn sein begrenztes Wissen ihm nicht zu Hilfe kam, hat er begründete Kritik mit großer Schlagfertigkeit oder voller Zorn ins Lächerliche gezogen. Kritik, die selten geäußert worden ist, weil er die Themen diktierte und andere Anwesende der Tisch- und Teerunden meistens nicht hat zu Wort kommen lassen. Von denen auch kaum einer gewagt hat, ihm in Gegenwart Anderer zu widersprechen. Der absurde Respekt, den die Generäle und andere Anwesende von hohem Rang bis zum Ende vor diesem Mann hatten, ist und bleibt dem heutigen Leser ein Rätsel. Denn da hat ein erkennbar von abenteuerlichen Größenphantasien geleiteter Politiker gesprochen, der sich den Anwesenden gegenüber immer wieder als Genie bezeichnete, als ein vom Allmächtigen Auserwählter. Ein Schwätzer, würde man als nüchterner Teilnehmer dieser Tischrunden gesagt haben, wenn da nicht ein Emporkömmling gesprochen hätte, der Herr über Leben und Tod von Abermillionen Menschen geworden war. Die Mitschriften der Tisch- und Teegespräche lassen den Leser unvermeidlich an das Wort Hannah Arendts von der Banalität des Bösen denken. Sie hat mit diesen Worten freilich nicht die - alles andere als banalen - Taten, sondern die Täter charakterisiert. Hätten jene nicht unermessliches Unheil angerichtet, dann wären sie als schlaue, emporgekommene Banausen und Bankrotteure in die Geschichte eingegangen. Das verbietet sich, wenn man an die ungeheuerlichen Verbrechen Hitlers und seiner folgsamen Helfer und Henker denkt. Der bramarbasierende Hitler der Tisch- und Teerunden im Führerhauptquartier, der nach den Aussagen derer, die den Alltag mit ihm geteilt haben, seiner Adjutanten, Diener und Sekretärinnen, zugleich ein Mann war, der den in der Jugend in Linz und Wien eingeübten „Wiener Charme“ Frauen gegenüber wirkungsvoll anzuwenden wusste, der seinen Sekretärinnen zur Begrüßung die Hand küsste und ihnen, wenn ihm danach zumute war, als väterlicher Freund auf dem Grammophon banale Operetten- und Schlagermusik vorspielte. Hitler, der sich in Goebbels’ Propaganda immer als Musikliebhaber und Musik-Kenner präsentieren ließ, hat, wie wir heute wissen, meist seichte Operetten- und Schlagermusik konsumiert. So wie er vor dem Krieg bei den allnächtlichen Filmvorführungen in der Reichskanzlei nichtssagende Machwerke ernsten Filmstoffen vorzog, die ihm von Kundigen, darunter Goebbels, empfohlen wurden. Einer, der in den wenigen Friedensjahren selten die Opern-, aber sehr oft die Operettenbühnen der Hauptstadt besuchte und immer und immer wieder die gleichen Werke von Franz Léhar und Johann Strauss gehört und gesehen hat. Vor allem „Die Fledermaus“ und „Die lustige Witwe“. Ein Mann, der Händel, Bach, Haydn, Mozart, Beethoven und Brahms nur dem Namen nach kannte. Wenn ernste Musik, dann allenfalls Wagner, dessen Musik er in jungen Jahren in der Wiener Oper nach seiner eigenen Aussage immer und immer wieder wie eine Droge eingesogen hatte. Ein Mann, der erklärte, dass ihn Lyrik und Prosawerke langweilen, dass es für ihn Zeitverschwendung sei, einen Roman oder ein Gedicht zu lesen. Ein selbsternannter Kunstkenner, der drittklassige Ölbilder mit Mönchskonterfeis an den Wänden seiner Münchener Wohnung hängen hatte und Picasso, Matisse, Kandinsky, Klee, Chagall und alle anderen großen Maler und Bildhauer jener Jahre verbieten und aus den Museen entfernen ließ. Ein Mann, der viele Beutestücke und Bilder aus jüdischem Besitz an sich brachte, darin vielleicht nur von Göring übertroffen, der sich freilich bei manchen Kunstwerken dem “Führerprivileg” beugen und zugunsten Hitlers verzichten musste. Hitler, ein Banause, der sich als erwachsener Mann rühmte, alle Werke von Karl May zu besitzen und zu seiner Entspannung immer einmal wieder nach einem dieser Bände zu greifen. Warum nicht, mag man sagen. Menschliches, Allzumenschliches. Aber von den Vorstellungen, die man sich von einem gebildeten, lebensklugen und weitsichtigen Menschen macht, war das alles weit, sehr weit entfernt. Stattdessen ein Mann, der seinen Magen Tag für Tag mit Haferschleimsuppe, Knäckebrot, Kräutertee und gewaltigen Portionen Apfelkuchen malträtierte. Neben den Dutzenden fragwürdiger Medikamente, die ihm seine Leibärzte verschrieben. Einer, der in geselliger Runde seine Schäferhündin „Blondi“ erstaunliche Kunststücke vorführen ließ, die er ihr geduldig beigebracht hatte. Ein Mann, der niemals einen wirklichen Freund und Vertrauten besessen hat. Den einzigen seiner frühen Mitstreiter, mit dem er sich duzte, Ernst Röhm, hat Hitler mit eigener Hand erschossen, als jener unbequem wurde. Hitler war jemand, dem ernsthafte und enge menschliche Beziehungen fremd waren. Der nie Freunde und Vertraute hatte. Ein Mann, der seine Mätresse, Eva Braun, vor der Öffentlichkeit versteckte, weil er, wie er immer wieder sagte, die Gunst der Millionen deutscher Frauen nicht verlieren wolle, die ihm wie einem Weltstar zujubelten und täglich Hunderte begeisterte Briefe an ihn richteten. Auch sei im Leben eines Feldherrn, der seine Aufgabe ernst nehme, kein Platz für eine Frau. Erst am Ende seines Lebens, im Bunker der Reichskanzlei, hat er seine langjährige Geliebte geheiratet und ihr nach der Trauung vor den irritierten Augen der Anwesenden einen langen Kuss gegeben. Hitler, ein äußerlich unscheinbarer Mann, nach dem sich auf der Straße niemand umgedreht hätte, wenn er denn je wie ein normaler Mensch die Straße benutzt und die Maske des Staatsmannes und Feldherrn weggelassen hätte. Wenn Goebbels ihn nicht als den großen Heilsbringer im Kino, im Radio, auf Plakaten und in der Presse allgegenwärtig hätte werden lassen. Wenn er nicht in seinen opernhaften Inszenierungen wie ein Religionsstifter aufgetreten wäre. Wie ein Bahnschaffner oder ein Briefträger sah er dagegen nach dem Urteil seiner Mätresse aus, in seiner schlecht sitzenden Uniform mit der viel zu großen Mütze und dem kuriosen Bärtchen, das an Charlie Chaplin erinnerte. An Chaplin, der ihn in seinem Film „The Great Dictator“ als lächerlichen Popanz vorgeführt hat, weil von den Massenmorden seinerzeit noch keine Rede war. Später hätte Chaplin ihn nur noch als Monster darstellen können. Aber das war nicht Chaplins Metier. Hitler, ein Schauspieler, der sich seinen durchdringenden, „hypnotischen“ Blick, den er nach Belieben an- und abschalten konnte, die herrischen Gesten und den strammen Schritt in langen Unterrichtsstunden von einem bekannten Mimen beibringen und seine Fortschritte auf Fotos und Filmen festhalten ließ. Ein Theatraliker, der seine Auftritte tausendmal in Sälen und auf Plätzen vor großem Publikum geübt hatte, ehe er Reichskanzler wurde. Der sich schon Mitte der zwanziger Jahre von seinen Anhängern „Führer“ nennen ließ und, im offenen Mercedes stehend, Paraden seiner Privatarmeen abnahm, der SA und der SS. Ein erfolgreicher Unternehmer, der einen gewaltigen Parteiapparat aufgebaut und die Konkurrenten auf dem politischen Markt in wenigen Jahren übertroffen und ausgeschaltet hat. Ein talentierter und raffinierter Parvenu, hätte man als nüchterner Beobachter gesagt und über seine theatralischen Auftritte und seine alberne Aufmachung den Kopf geschüttelt. Von den aberwitzigen Argumenten ganz abgesehen, die er seinem Auditorium mit kehliger Stimme entgegengeschleudert hat. Einem Auditorium, das jedes seiner Argumente mit „Heil, Heil, Heil“-Rufen erwidert hat. Absurder Klamauk. Aber Hitler ist, im Rückblick, nicht nur ein lächerlicher Popanz, sondern auch ein gnadenloser Massenmörder gewesen. Ein Verbrecher, der, an der Zahl der Morde gemessen, die er veranlasst hat, bislang in der Weltgeschichte einsam an der Spitze steht. Das mag sich ändern, wenn moderne Massenvernichtungswaffen irgendwann, irgendwo verwendet werden, um Millionen unliebsame Menschen umzubringen. Wir sollten hoffen, dass das nie geschehen wird.  XIV Eine Frage bleibt in meiner Sicht auch nach dem Studium mancher voluminöser biographischen Werke ohne schlüssige Antwort, nämlich die, warum er Millionen Menschen auch dann noch in den Tod geschickt, Städte und unermessliche Kulturgüter dann noch geopfert hat, als er längst wissen musste und wohl auch wusste, dass sein Krieg verloren ist. Also seit dem Fehlschlag des Blitzkriegs gegen die Sowjetunion und dem Eintritt der USA in den Krieg. Der Katastrophe von Stalingrad. Dem erfolglosen U-Boot-Krieg. Der alliierten Invasion in Nordafrika, in Italien und in der Normandie. Dem endgültigen Scheitern des Feldzugs im Osten. Dem Niederbomben der deutschen Städte und Fabriken. Dem Fehlschlag der letzten, verzweifelten Offensive in den Ardennen. Eine Schlacht, in der die deutschen Panzer schnell stecken blieben, weil der Treibstoff ausgegangen war. Treibstoff, der dem Feind weggenommen werden sollte, nachdem die Schlacht gewonnen gewesen wäre. Verdrehte Logik, von seinen Generälen gebilligt. Wie das Verschieben von Divisionen und Armeen, die nur auf seinen großen Tischkarten existierten. Karten, deren papierene Konturen er mit der Wirklichkeit verwechselt hat, die er im Bunker der Reichskanzlei garnicht mehr erkennen,  geschweige denn beeinflussen konnte. Vielleicht hat er, dem in seinen frühen Jahren so viel Unwahrscheinliches gelungen ist, bis zur letzten, allerletzten Stunde auf ein Wunder gehofft, das ihn, den Auserwählten, retten würde? Ihm ein neues Spielfeld öffnen würde. Das Auseinanderbrechen der feindlichen Allianz, von dem Hitler und Goebbels immer wieder hoffnungsvoll gesprochen haben? Oder die Wunderwaffen, die es nicht gab, die nie fertig geworden sind und die der Atomwaffe in der Hand seiner Gegner nie hätten Paroli bieten können? Das Argument, dass er die Macht solange nicht aus der Hand geben wollte, bis seine selbstverfügte historische Tat, die Ausrottung des europäischen Judentums, vollbracht war, überzeugt nicht, weil diese Aufgabe bereits vor dem Kriegsende zur Gänze erfüllt war. Als es in seinem Herrschaftsraum kaum mehr Juden gab, die man hätte verhaften, deportieren und vergasen oder erschießen können. Viel spricht dafür, dass Hitler das deutsche Volk mit in den Untergang, in sein lange erwogenes gewaltsames Ende reißen wollte. Dass er, als der Traum vom Germanischen Weltreich zerronnen war, die Götterdämmerung nicht auf der Bühne, sondern im Leben inszenieren wollte. Als Hauptdarsteller, das deutsche Volk als Statisterie in einem tödlichen Gesamtkunstwerk. Wie Goebbels kurz vor dem Ende formuliert hat: „Wir werden die Tür zur Geschichte mit einem lauten Knall hinter uns zuschlagen“. Wir wissen freilich nicht, was in Hitler angesichts der sicheren Niederlage vorgegangen ist. Er hat Vorschläge seiner Paladine, Verhandlungen mit der Sowjetunion oder mit den westlichen Alliierten aufzunehmen, bereits lange vor dem Ende zurückgewiesen. Denn das eine, ein Verhandlungsfriede mit den westlichen Alliierten, war, wie Hitler wusste, nicht zu haben, und das andere, ein Abkommen mit Stalin, hätte zumindest die Aufgabe aller im Osten eroberten Gebiete bedeutet und Hitler zum Gespött der Welt gemacht. Das hätte gewiss nicht zu seinem überzogenen Selbstbild, zum Geniekult gepasst, in dem für solche Kompromisse kein Platz vorgesehen war. Überdies wäre Stalin, wie wir wissen, seit dem Herbst 1943 garnicht mehr zu einem Abkommen mit Hitler bereit gewesen. Das Hin- und Herschieben von Armeen und Divisionen, die es gar nicht mehr gab, am Kartentisch im Bunker der Reichskanzlei lässt eher annehmen, dass Hitler, dass etwas in ihm seine Niederlage, das Aus in seinem gigantischen Vabanquespiel, bis zum Ende nicht akzeptieren konnte. Wie sonst hätten er und Goebbels den Tod Roosevelts im April 1945 kurzzeitig als Zeichen der glücklichen Wende feiern und auf ein Auseinanderfallen der feindlichen Allianz in letzter Stunde hoffen können? Wie Friedrich der Große, den der Tod der russischen Zarin seinerzeit vor der endgültigen Katastrophe bewahrte. Realitätsferne Phantastereien eines Mannes, der zum Opfer eines absurden Selbstbildes geworden war, das ihn als Vollstrecker der Vorsehung erscheinen ließ. So hat er es sein Gefolge wissen lassen, und so hat Goebbels ihn dem Volk verkauft. Am Ende, in seinem politischen Testament, die schäbige Erklärung, das deutsche Volk habe seinen Untergang verdient, es müsse nach dem Gesetz der Geschichte als das schwächere Volk dem stärkeren weichen. Keine Einsicht in die eigene Hybris als Ursache der Katastrophe. Nicht er, das deutsche Volk war an allem schuld. Und die Verräter in den eigenen Reihen, die er nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf grausame Weise hatte erdrosseln lassen. Ihr qualvolles Sterben wurde, wie wir wissen, auf Filmen festhalten, die Hitler in seinem Hauptquartier voller Genugtuung wiederholt hat vorführen lassen. Sein eigenes Leben hat er auf bequemere Art beendet. Vielleicht wusste Hitler schon immer, vor welchen Alternativen er am Ende stehen würde. Jedenfalls hat er einen Besucher lange vor dem Ende im Bunker der Reichskanzlei wissen lassen, dass er, wenn seine Pläne misslängen, wohl als der größte Verbrecher aller Zeiten in die Weltgeschichte eingehen werde. Der Besucher war irritiert, weil er damals noch nichts vom Holocaust wusste. Aber so ist es gekommen. Ein politischer Vabanquespieler sondergleichen hat seine riskanten Züge gemacht und am Ende alles verloren. Gleichwohl: Eine finstere Jahrtausendfigur wird er bleiben. Die anhaltende Aufmerksamkeit der Welt ist ihm sicher. Er wird freilich nicht, wie sein großer Gegenspieler, Winston Churchill, als bedeutender Staatsmann, sondern als Massenmörder in die Weltgeschichte eingehen. Und das hat er gewusst und gewollt. Der Leser wird mir, hoffe ich, verzeihen, dass ich, obwohl kein Historiker, gewagt habe, eine Skizze über das Phänomen Hitler in diesen Text einzufügen. Diese historische Unperson ist aber der entscheidende Akteur, der Strippenzieher im Hintergrund bei all den schrecklichen Ereignissen, von denen dieses Erinnerungsbuch handelt. Ohne ihn wären diese Massenmorde nicht geschehen. Darum mein Versuch, ihn auf meine Art in den Blick zu bekommen. Ihn - gestützt auf sachkundige Werke - näher kennenzulernen, mir ein genaueres Bild von diesem Massenmörder zu machen, der sich den staunenden Zeitgenossen als Genie, als großen Staatsmann und Feldherrn, dargestellt hat. Der Leser kann diesen Abschnitt leicht überschlagen oder ihn amüsiert überfliegen. Die Absonderlichkeiten dieses Hitler-Bildes sind nicht das böswillige Werk des Autors, sondern es zeigt Hitler in selektiver Weise, wie er wirklich war. Natürlich konnte Hitler auch andere Seiten hervorkehren. Den verständnisvollen, besonnenen Gesprächspartner, den aufmerksamen Zuhörer, den hilfsbereiten Menschen. Er konnte eben auch einen ganz normalen Menschen spielen. Aber er war kein normaler Mensch, sondern ein kranker Massenmörder.  XV Das Leben der Menschen, von denen dieses Erinnerungsbuch handelt, der jüdischen Bewohner und Besucher unseres Hauses, wäre ohne Hitler jedenfalls völlig anders verlaufen. Auch das Leben aller anderen, das der Täter, der Opfer und der vielen Menschen, die weder Täter noch Opfer waren. Den Historikern, die zeigen wollen, wie es wirklich war, ist überlassen, Hitler aus der Distanz und differenziert zu betrachten. Mir ist das nicht möglich. Ich sehe nur den Verbrecher, den Tyrannen, der aus dem Nichts kam. Und seine Opfer, von denen ich in meiner Jugend einige sehr gut kannte. Die Ackermanns, die Löwensteins und die Strauss. Die Löwenbergs, meine jüdischen Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen. Natürlich haben auch Stalin und Mao viele Millionen Menschen umbringen lassen, die ihnen im Wege waren. Aber weder Stalin noch Mao haben ihre Widersacher nach dem Muster industrieller Massenproduktion beseitigt. Sie waren, wenn man so will, altmodische Massenmörder, von denen es in der menschlichen Geschichte, zu mancherlei Zeiten, an mancherlei Orten, viele gegeben hat. Massenmorde, die mit den Waffen und Mitteln der betreffenden Zeit begangen wurden. Hitler hat als Erster und bislang Einziger industrielle Produktionsmethoden angewendet, um Millionen unschuldiger Menschen umbringen zu lassen, die er für Ungeziefer hielt, Menschen denen er das Recht verweigerte, auf dieser Erde zu leben. Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Behinderte und jeden, der von der folgsamen Staats- und Parteibürokratie als „fremdrassisch“ oder „staatsabträglich“ ausgesondert wurde. Menschen, die in keiner Hinsicht Hitlers politische Widersacher waren, die ihm hätten gefährlich werden können. Sie passten einfach nicht in sein infantiles Bild der künftigen, der germanischen Welt. Darum mussten sie sterben. Er bezeichnete die angewendeten Mordverfahren bei Gelegenheit ernstlich als vergleichsweise schonend, als human. Und er hat einem Besucher gegenüber geäußert, dass er, wenn seine Pläne misslängen, wohl als der größte Verbrecher der Weltgeschichte in die Historiographie eingehen werde. Aber das habe ich bereits gesagt. Die Gleichsetzung mit Stalin oder Mao, in den Jahrzehnten des Kalten Kriegs in Deutschland Mode gewesen, lenkt davon ab, dass sich Hitler und seine Verbrechen jeglichem Vergleich widersetzen, dass in Sachen Völkermord keine historische Gestalt ihm gleichkommt. Wie andere Völker, wie Russen, Chinesen oder Türken mit den schrecklichen Phasen ihrer neueren Geschichte umgehen, kann uns Deutschen, die keine Historiker sind, gleichgültig sein. Wir haben für eine lange, sehr lange Zeit genug mit der eigenen Vergangenheit zu tun. Mit den Worten eines bekannten Historikers: Der unentrinnbaren, hartnäckigen Gegenwärtigkeit dieser Vergangenheit. Im Rückblick erkennt man, wie banal, wie lächerlich Hitler und sein Gefolge aussehen, wenn man sie heute nüchtern und distanziert betrachtet. Aber das sollte kein Anlass sein, über Hitler zu lachen. Nicht umsonst hat er vor dem Beginn seines Krieges im Deutschen Reichstag, seinem Pseudo-Parlament, verkündet, dass den Juden, die jetzt noch über ihn lachten, das Lachen bald vergehen werde. Dass ein erneuter, vom internationalen Finanzjudentum angezettelter Krieg die Vernichtung des europäischen Judentums bedeute. Es ist also überflüssig, der Frage nachzugehen, wann Hitler beschlossen hat, die europäischen Juden umzubringen. Er hat es früh und laut angekündigt. Offen blieb nur, wann, wie und wo das gigantische Verbrechen begangen werden sollte. Das wurde erst vollzogen, als im fernen Polen die erforderlichen Ressourcen zur Verfügung standen. In Deutschland nämlich hätte der Mord an den verbliebenen Juden nicht, jedenfalls nicht ohne massiven Widerstand, vollzogen werden können. Er wäre im Grunde unmöglich gewesen. Das hatte die „Euthanasie“-Aktion gelehrt. Von daher Hitlers Hass auf die katholische Kirche und ihre Bischöfe, die der „Euthanasie“-Aktion  in ihren Kirchen und in Hirtenbriefen entgegengetreten sind. Obwohl diese Aktion – gewissermaßen der Probelauf für die Vernichtung der Juden - im Geheimen vonstatten ging. Die Vernichtung des europäischen Judentums wurde darum im fernen Polen vollzogen. Erst mit Erschießungen, dann mit Gaswagen und am Ende mit Hilfe von Gaskammern und Krematorien. Die Tötungsmethoden wurden offenkundig stetig mit dem Ziel weiterentwickelt, zureichende Kapazitäten für die zügige Ermordung von Millionen Menschen verfügbar zu machen. Ohne Hitlers Krieg wäre die Vernichtung der europäischen Juden also überhaupt nicht möglich gewesen. Hitler hatte also völlig recht, als er in seiner Reichstagsrede die Vernichtung des europäischen Judentums mit dem kommenden Krieg verknüpfte. Ohne seinen Krieg wäre der Holocaust garnicht möglich gewesen. Hitler hätte allenfalls die im Deutschen Reich verbliebenen Juden zur Auswanderung zwingen können. Entsprechende Pläne hatte Himmler damals von seinem Gehilfen Eichmann ausarbeiten lassen. Pläne, die nach dem Beginn des Krieges gegenstandslos geworden sind. Ebenso wie die abenteuerliche Erwägung, die europäischen Juden auf Madagaskar zusammenzupferchen.    Die Stolpersteine I Ich bin während der letzten Jahre des öfteren durch das Westendviertel unserer Stadt gegangen. Die Gegend, in der ich meine Jugendjahre verbracht und all das erlebt habe, wovon dieses Buch berichtet. Ein Stadtteil, den manche Einwohner der Stadt nun als das Türkische Viertel bezeichnen, weil dort in der Tat zahlreiche türkische und türkischstämmige Menschen wohnen, wo darum viele türkische Läden und Lokale das Bild der Straßen bestimmen. Obwohl mittlerweile viele Menschen aus anderen Ländern im Westend eine Wohnung gefunden haben. Das Haus in der Hermannstraße steht immer noch, fast unverändert. Wie die anderen Häuser rundum. Die Hausfassade, die Fenster und das Tor glänzen im neuen Anstrich. Nur die große Gipsfigur im Hof und der kümmerliche Rasen, auf dem sie stand, sind Garagen gewichen. Fahrräder anstelle von Handkarren im Hof. Immer noch schaukeln die alten Wäscheleinen zwischen Vorder- und Hinterhaus, obwohl die heutigen Bewohner vermutlich Waschmaschinen und elektrische Trockner verwenden und auf die Waschküche und die Wäscheleinen garnicht angewiesen sind. Vor dem Haus stehen dicht an dicht die Autos der neuen Bewohner. Damals, in meiner Jugendzeit, gab es in dieser Gegend keine privaten Autos. An der Klingelanlage am Tor stehen nun andere Namen, hinter den Türen wohnen andere Menschen. Teils Deutsche, teils Ausländer oder Deutsche mit ausländischen Wurzeln. Menschen mit Migrationshintergrund, wie das heute im Amts- und Mediendeutsch lautet. Ich konnte mich bei und nach der Verlegung der Stolpersteine mit einigen der heutigen Bewohner des Hauses unterhalten. Über das, was den jüdischen Bewohnern des Hauses damals, in den Hitlerjahren, widerfahren ist, und wie sich die Nachbarn - die kleinen Angestellten und Beamten im Vorderhaus, die Arbeiter im Hinterhaus - angesichts  der schrecklichen Ereignisse verhalten haben. Meine Gesprächspartner haben von diesem Schicksal der früheren Bewohner des Hauses offensichtlich nichts gewusst. Jedenfalls nichts Genaues. Aber sie waren neugierig, von einem Zeitzeugen Einzelheiten über die damaligen Ereignisse zu erfahren. Wie die Bewohner einiger anderer Häuser in unserer Stadt, vor denen Stolpersteine verlegt worden sind. Stolpersteine, bei deren Verlegung ich anwesend war, weil ich erfahren wollte, wie dieser Akt vonstatten geht, denn ich hatte beschlossen, vor dem Haus in der Hermannstraße ebenfalls Stolpersteine verlegen zu lassen, die das Gedenken an die Ackermanns und die Löwensteins wecken und wachhalten würden. Natürlich will und kann ich die - teils kürzeren, teils längeren - Gespräche, die ich damals mit Bewohnern und Besuchern der Häuser, vor denen in meiner Anwesenheit Stolpersteine verlegt wurden, nicht im Einzelnen widergeben. Das ergäbe ein weiteres Buch. Aber einige dieser Gespräch haben sich mir tief eingeprägt, weil mein jeweiliges Gegenüber Standpunkte vertreten hat, die mich – positiv oder negativ – tief beeindruckt haben. Ich schildere in aller Kürze drei dieser Gespräche, die mich besonders nachdenklich gemacht haben.  II Ein Bewohner eines der Häuser, vor denen in meiner Anwesenheit Stolpersteine verlegt wurden, hat sich im Gespräch mit mir heftig gegen dieses Vorhaben ausgesprochen. Er als Deutscher habe mit den Verbrechen, an die diese messingnen Mahnmale erinnern sollen, nichts zu tun. Seine Eltern und Großeltern hätten damals überhaupt nicht in diesem Haus gewohnt. Jene hätten sich seinerzeit auch nichts zuschulde kommen lassen. Es müsse nach so vielen Jahrzehnten endlich ein Schlussstrich gezogen werden. Andere Völker hätten ebenfalls Schlimmes begangen, und das deutsche Volk habe damals mit der Zerstörung der deutschen Städte durch die alliierten Bomberflotten, durch Flucht und Vertreibung von Millionen Menschen aus den verlorenen, von den Siegern annektierten deutschen Gebieten bereits einen hohen, sehr hohen Preis für den von Hitler angezettelten Krieg und die Verfolgung der Juden entrichtet. Er wolle nicht, dass die Steine vor dem Haus auf unabsehbare Zeit an diese schlimmen Ereignisse erinnern und die Bewohner mit Hitler und seinen Verbrechen zu Unrecht in Verbindung bringen. Ich habe den vergeblichen Versuch unternommen, diesem Menschen deutlich zu machen, dass die Stolpersteine vor seinem Haus keine Anklage gegen die heutigen Bewohner oder gar gegen das heutige deutsche Volk bedeuten, sondern dass sie die Erinnerung an Menschen wachhalten sollen, die in diesem Haus gewohnt haben, bevor sie deportiert und ermordet wurden. Erinnerung und Gedenken sei der einzige Sinn solcher kleinen Mahnmale, von denen allein in unserer Stadt und ihrer Umgebung bisher Hunderte verlegt worden seien. In Europa seien es Tausende verlegte Stolpersteine. Und sie würden mittlerweile nicht nur für die ermordeten Juden, sondern auch für nichtjüdische Opfer Hitlers verlegt. Für Menschen, die nirgendwo sonst ein Grab erhalten haben, das an sie erinnern würde. Wie gesagt: Ein vergeblicher Versuch, bei diesem Bewohner des betreffenden Hauses Verständnis für die verlegten Stolpersteine zu gewinnen. Das Verlangen nach dem sogenannten Schlussstrich steht für den Versuch, das Verbrechen an den europäischen Juden ungeschehen zu machen, es der Vergessenheit anheim zu geben und es damit im Grunde zu leugnen. Denn auch das Vergessen und Verschweigen ist ein Weg des Leugnens der historischen Fakten, die ins Nichtwissen, Nichtwahrhaben abgeschoben werden. Diesem Leugnen steht auf der anderen Seite, bei anderen Menschen, das ebenso fragwürdige Beharren auf einer deutschen Kollektivschuld und Kollektivscham gegenüber, das die Deutschen für alle Zeit schuldig spricht und das Verzeihen für immer verweigert. Es sind aber im herrschenden Rechtsverständnis Individuen und nicht Kollektive, die sich durch kriminelle Handlungen schuldig machen. Einzelne können sich allenfalls schuldig machen, wenn sie an verbrecherischen Aktionen teilnehmen, die im Rahmen und im Namen von - staatlichen oder nichtstaatlichen - Kollektiven beschlossen und vollzogen werden. Auch die Beihilfe zu solchen verbrecherischen Aktionen schafft individuelle Schuld. Aber das begründet immer nur individuelle, nicht kollektive Schuld. Auch, wenn die Gerichte manchmal mehrere Angeklagte in gleicher Sache vor sich haben. Verurteilt oder freigesprochen wegen krimineller Delikte werden in allen zivilisierten Staaten nicht Kollektive, sondern jeder einzelne der Beschuldigten, die vor den Richtern stehen. Ich weiß, dass manche Autoren das anders sehen, dass sie dem deutschen Volk als Ganzem die - ungesühnte, immerwährende - moralische Schuld an den Verbrechen des Hitlerregimes zuweisen. Bis in alle Ewigkeit. Ein Urteil, das vor allem manche Juden über die Deutschen fällen. Ich kann diese Position verstehen.  [if gte vml 1]> [endif] GedenksteinefürArthur und Klara AckermannHermann, Selma und Ilse LöwensteinDeportiert am 10. Juni 1942Ermordet in Sobíbor  Aber das sagen auch Juden, die ich gut kenne, die als Deutsche in Deutschland leben und doch keine Deutschen sein wollen. Juden, die hier geboren und Bürger dieses Landes sind. Juden, deren Muttersprache Deutsch ist und die gleichwohl nicht zwischen Juden und Nichtjuden, sondern zwischen Juden und Deutschen unterscheiden. Als ob sie keine Deutschen wären und keinen deutschen Pass besäßen. Als ob sie Besucher dieses Landes wären und immer auf gepackten Koffern säßen. Einer von ihnen hat mir einmal gesagt: Wir sind da, aber wir sind noch nicht angekommen. Anders könnten sie freilich auch nicht leichthin von der immerwährenden Schuld aller Deutschen reden. Aber es gibt keine kriminelle Schuld ganzer Völker, sondern es sind die einzelnen Angehörigen von Völkern, die jeweils Opfer oder Täter sind. So gesehen gibt es kein Täter- und Opfervolk, weil nie alle Angehörigen eines Volkes Täter oder Opfer bestimmter krimineller Akte sind. Krass formuliert: Wenn sich damals auch nur ein einziger Deutscher an den Verbrechen Hitlers nicht beteiligt oder gar Widerstand geleistet hat, dann kann nicht von der Schuld aller damaligen Deutschen und erst recht nicht von der Schuld aller ihrer Nachfahren gesprochen werden. In der Tat waren es Tausende mutiger Deutscher, die damals, in den Hitlerjahren, ungeachtet großer Gefahr für sie selbst und ihre Schützlinge Tausenden Juden das Leben gerettet haben. Also kann man nicht guten Gewissens alle heutigen und künftigen Deutschen zu einem Tätervolk zusammendenken. Sie haben unbefragt die schreckliche Vergangenheit ihres Volkes als eigene übernehmen müssen. Aber das macht sie nur in einem so hergerichteten Fremd- oder Selbstbild des deutschen Volkes nachträglich zu Schuldigen am Holocaust. Ich meine, dass es genügt, auf eine so schreckliche Geschichte des eigenen Volkes mutig zurückzublicken und der Opfer in tief empfundener Trauer zu gedenken. Als ob sie nahe Angehörige gewesen wären. Es gibt allerorten nationale Stereotypen, Selbst- und Fremdbilder der Völker, die sich in aller Regel nicht decken und die auch länger als die Wirklichkeit währen, der sie entwachsen. Das Bild, das die Mehrheit der Briten von sich hat, stimmt mit dem Bild des Briten bei der Mehrheit der Franzosen, Spanier oder Deutschen nicht in allen belangvollen Hinsichten überein. Das gilt auch für das Selbstbild der Deutschen und das Bild der Deutschen bei anderen Völkern. Auf beiden Seiten existiert unausweichlich der Holocaust als Teil der deutschen Geschichte. Auch, wenn das mittlerweile meist stillschweigend übergangen wird, wenn Deutsche und Nichtdeutsche einander treffen. Die Höflichkeit gebietet, einzelnen Deutschen nicht den Holocaust vorzuhalten, solange sie das nicht provozieren. Die Stereotypen bleiben gleichwohl auf beiden Seiten lebendig. Sie brauchen nur plausible Gelegenheiten, um an die Oberfläche zu kommen. Jede Schandtat rechtsradikaler Narren in Deutschland weckt im In- und Ausland unvermeidlich die Erinnerung an den Holocaust. Er ist ein historischer Stolperstein, den niemand aus der Welt schaffen kann. Trifft die heutigen und künftigen Deutschen, wie öfter zu hören ist, eine moralische Schuld am Holocaust? Was ist überhaupt moralische Schuld? Was muss man getan oder unterlassen haben, um  moralisch schuldig zu werden?  Da offenbar nicht Gesetzesverstöße gemeint sind, kann es sich nur um die Verletzung von Werten handeln, die nicht als Gesetzesverstöße kodifiziert sind.  Um einen Begriff des über-, des außergesetzlichen Rechts. Es gibt viele Verhaltensweisen, die nicht strafbar sind und doch im allgemeinen Rechtsverständnis als schuldhaftes Vergehen verurteilt werden. Welche solche Rechtsverletzung ist heutigen und künftigen Deutschen im Zusammenhang mit dem Holocaust vorzuhalten? Sie haben die Morde nicht begangen, waren weder Täter noch Helfer bei diesen Verbrechen. Allenfalls mag man jemandem die Leugnung des Holocaust oder die Verunglimpfung der Opfer vorhalten. Aber das sind in einigen Ländern strafrechtliche Tatbestände, die mit dem Vorwurf der moralischer Schuld nicht korrekt erfasst sind. Der Vorwurf der moralischen Schuld wird im allgemeinen auch garnicht gegen Individuen erhoben, sondern gegen die Deutschen allesamt, gegen das deutsche Volk. Er gehört ins Repertoire der nationalen Selbst- und Fremdbilder. Die Situation erinnert an die Angehörigen einer Familie, deren Vorfahren ein schlimmes Verbrechen begangen haben, von dem nicht nur sie, sondern auch die heutigen Nachbarn wissen. Man sollte, meine ich, mit dem Vorwurf der moralischen Schuld aller heutigen und künftigen Deutschen sparsam umgehen und vielleicht eher von der moralischen Pflicht sprechen, der Opfer des Holocaust in würdiger Weise zu gedenken. Und daran mitzuwirken, dass Vergleichbares nie wieder geschieht. Aber das ist die Pflicht aller Menschen und nicht allein die der Deutschen.  III Einer der Gesprächspartner, ein junger Mann - offenbar ein Bewohner des Hauses, vor dem die Stolpersteine verlegt wurden - wollte nach anfänglichem, unverbindlichem Wortgeplänkel wissen, was ich damals, als Jugendlicher, von Hitler gehalten habe, und wie ich heute über ihn denke. Er ließ ohne Zögern erkennen, dass er Hitler für einen großen Mann hält, auf den die Deutschen stolz sein könnten. Gut, das mit den Juden hätte er vielleicht anders anfassen sollen. Es hätte gereicht, sie allesamt auszuweisen. Es seien ohnehin die meisten deutschen Juden in den Vorkriegsjahren freiwillig in die USA, nach England und in andere Länder ausgewandert. Im übrigen sei die Existenz der Vernichtungslager garnicht bewiesen. Niemand könne ihre Ruinen zeigen. Auch ich könne nicht wissen, was aus den Menschen, deren Namen auf den Stolpersteinen stehen, tatsächlich geworden sei, ob sie vielleicht in einem Ghetto im Osten das Kriegsende erlebt hätten und später irgendwohin gegangen seien. Das könne doch niemand wissen. Darum sei er gegen die Verlegung der Stolpersteine. Sie schüfen den Eindruck, als ob die jüdischen Bewohner des Hauses damals gewaltsam deportiert und ermordet worden seien, obwohl es dafür nicht den geringsten Beweis gebe. Ich habe diesen jungen Mann gefragt, ob er etwas gegen die Juden habe, ob er Antisemit sei. Nein, hat er geantwortet, seine Abneigung richte sich nicht gegen die Juden, sondern gegen den Staat Israel und seine Verbrechen. Gegen die Vertreibung von Hunderttausenden Palästinensern, gegen die völkerrechtswidrige Annexion der Golan-Höhen, gegen die Besetzung und Besiedlung Ost-Jerusalems, gegen die Errichtung vieler und großer jüdischer Siedlungen im Westjordanland und gegen die Zerstörung der Häuser und die Ermordung der Menschen im Gazastreifen. Das laufe auf die vollständige Vertreibung oder Unterwerfung des palästinensischen Volkes und auf die Errichtung eines Groß-Israel hinaus. Diese Verbrechen würden von Israel und seinen Freunden in aller Welt mit der angeblichen Ermordung von Millionen Juden gerechtfertigt, mit Verbrechen, die es garnicht gegeben habe. Darum sei er gegen den Staat Israel und gegen die Verlegung der Stolpersteine. Weil diese Steine und die Rechtfertigung der Gründung des Staates Israel gleicherweise auf Lügen beruhten, die er nicht unterstützen wolle. Der Zionismus, das Verlangen nach der Gründung eines Judenstaats, sei lange vor Hitler entstanden, die Gründung und Anerkennung des Staates Israel habe darum überhaupt nichts mit Hitler und seiner Judenpolitik zu tun. Die Einwanderung hunderttausender Juden nach Palästina habe bereits im 19. Jahrhundert begonnen und nicht erst mit der Judenpolitik des Dritten Reichs. Der Zionismus sei nicht von Hitler erfunden worden. Dieses offene Bekenntnis zu extremen judenfeindlichen Ideen hat mich sehr nachdenklich gemacht. Denn die Leugnung des Holocaust verschafft den Rechtsradikalen in ihrem Selbstverständnis das Recht, Kritik an der Politik Israels gegenüber den Palästinensern zu üben und gleichwohl zu bestreiten, dass sie Antisemiten seien. Sie sind, wenn man sie fragt, nicht gegen die Juden, sondern für die Palästinenser, die von Israel vertrieben, unterdrückt und ihrer Rechte beraubt würden. So hat es mir auch der junge Rechtsradikale in unserem kurzen Gespräch vermittelt. Erregt hat er gleichwohl bestritten, Antisemit zu sein. Ich habe ihn daraufhin gefragt, warum er unter den vielen und blutigen ethnischen und religiösen Konflikten in unserer Welt ausgerechnet die Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern in den Mittelpunkt seiner Weltsicht rückt. Ob das nicht doch Schuldabwehr und Schuldzuweisung sei, anders gesagt, der Versuch, die Nachkommen der Opfer von gestern zu den Tätern von heute zu machen. Niemandem sei verwehrt, über Israels Politik gegenüber den Palästinensern nachzudenken und manches ungut zu finden. Aber auch in Israel sei immerhin mehr als ein Viertel der befragten Bürger gegen jüdische Siedlungen im Westjordanland, gegen Grenzbefestigungen und Besatzungsallüren und für die Anerkennung eines palästinensischen Staates als friedlichen Nachbarn Israels. Darum könne man zwar bestimmten israelischen Regierungen und ihren Wählern, aber nicht den Israelis schlechthin Vorwürfe machen. Der Bibel und den Propheten könne man entnehmen, dass die Verurteilung eines ganzen Volkes Unrecht sei, wenn auch nur ein einziger seiner Angehörigen beim fraglichen Vergehen unbeteiligt geblieben ist. In Israel sei aber nicht nur ein Einzelner, sondern - schwankend im Ablauf der Ereignisse - rund ein Drittel der Bürger gegen die Unterdrückung des palästinensischen Volkes innerhalb und außerhalb des eigenen Staatsgebiets. Diese Menschen brauchten nicht die Unterstützung durch deutsche Antisemiten. Sie seien Manns genug, das selbst auszudrücken. Ich habe dem jungen Rechtsradikalen in unserem Gespräch vermitteln wollen, dass wir Deutschen aufgrund unserer Geschichte zur Nachdenklichkeit, zum doppelten Hinschauen verpflichtet seien, weil einseitige Kritik an Israel leicht als Indiz für das Fortleben des jahrhundertealten Antisemitismus in unserem Land verstanden werde. Gleichwohl sei niemand gehindert, begründete Kritik an der Politik der Verantwortlichen in Israel gegenüber den Palästinensern oder ihren arabischen Nachbarländern zu äußern. Ein explizites oder implizites Denk- und Sprechverbot sei von niemandem ausgesprochen. Aber immer müsse man auch das friedensfeindliche Verhalten palästinensischer Aktivisten und ihrer Verbündeten in der islamischen Welt gegenüber Israel im Auge behalten. Raketen und Bomben auf Frauen und Kinder seien keine annehmbare Antwort auf die Nachteile, die den Palästinensern innerhalb und außerhalb des Staates Israel widerfahren. Es stünde uns Deutschen nicht zu, den Staat Israel auf naive Weise zu kritisieren, als ob es den Holocaust nie gegeben hätte. Dort, in Israel, gebe es  immer noch Hunderttausende Überlebende des Holocaust und deren Kinder und Enkel. Menschen, die Respekt vor ihrem Schicksal erwarten könnten und vorschnelle Urteile über ihr Land nicht verdienten. Auch diesen Feststellungen hat mein rechtslastiger Gesprächspartner heftig widersprochen. Am Schluss unseres Gesprächs habe ich mein Gegenüber noch einmal gefragt, warum er unter den vielen und blutigen ethnischen und religiösen Konflikten in unserer Welt ausgerechnet die Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern in den Mittelpunkt seiner Weltsicht rückt. Warum er sein Augenmerk zum Beispiel nicht auf die Konflikte zwischen den islamischen Lagern und Ländern richte, die mit der Existenz und der Politik Israels unmittelbar garnichts zu schaffen hätten, sondern innerhalb der islamischen Glaubenswelt ausgebrochen seien und Abertausende Opfer forderten. Ich habe natürlich keine Antwort erhalten, weil der Antisemitismus des jungen Mannes eben doch der Versuch ist, die Nachfahren der Opfer von gestern zu Tätern von heute zu machen. Er braucht die gegen Israel gerichtete Argumentation, um vom geleugneten Holocaust abzulenken.  IV Ein  bei einer der Stolpersteinverlegungen anwesender jüngerer Mann - in Deutschland geboren und deutscher Staatsbürger, aber mit Migrationshintergrund, wie man das heute nennt - hat im Gespräch mit mir die Verlegung der Stolpersteine ohne Einschränkung gutgeheißen. Nach einem Gespräch über allerlei Aspekte des Holocaust-Komplexes fragte er mich, ob ich wisse, wie viele der am Holocaust als Helfer oder Täter beteiligten Deutschen nach Kriegsende vor deutschen Gerichten angeklagt und verurteilt worden seien. An diesen Verbrechen hätten doch gewiss Abertausende mitgewirkt. Ich konnte diese Frage nicht beantworten, weil ich nur wusste, dass in den Nachkriegsjahrzehnten in Westdeutschland nur wenige der an der Verfolgung und Ermordung der Juden in irgendeiner Weise Beteiligten vor deutschen Gerichten angeklagt und verurteilt worden sind. Allenfalls einige Dutzend von den Tausenden, die als Täter an den Verbrechen unmittelbar beteiligt waren. Ganz zu schweigen von den Beamten, die die Benachrichtigung der Opfer verfasst und deren Nachlass verwaltet, den Polizisten, die die Opfer zu den Bahnrampen geleitet, den Bahnbediensteten, die die Züge geführt und begleitet, den Versteigerern, die die zurückgelassene Habe der Deportierten verhökert und den Nachbarn, die sich in den Wohnungen der Opfer breit gemacht und den vielen anderen Menschen, die später behauptet haben, damals saubere Hände behalten zu haben. Ich habe in diesem Gespräch erwähnt, dass ein bekannter Autor von der Zweiten Schuld der Deutschen gesprochen habe, weil sie die Täter nicht zur Rechenschaft gezogen hätten, als das möglich geworden sei. Zweite Schuld, weil die erste - und schwerere - die Verfolgung und Ermordung der Juden war. Ich habe meinem Gesprächspartner ohne Zögern gestanden, dass auch ich diese anhaltende Weigerung, den Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen, schändlich finde. Dass es aber wohl zu spät sei, um nachzuholen, was die bewusste Untätigkeit der deutschen Justiz - der Richter und Staatsanwälte, die schon unter Hitler im Amt und an schlimmen Urteilen beteiligt waren und die sich nach Kriegsende de facto eine Selbstamnestie zugebilligt hätten - in den Nachkriegsjahrzehnten unterlassen habe. Von wenigen Ausnahmen abgesehen. Zu spät auch darum, weil die meisten Täter und Helfer bereits als unbescholtene Bürger gestorben seien. Wenige der Schuldigen lebten noch und seien oft nicht mehr verhandlungsfähig. Unser Gespräch endete mit der Feststellung dieses Mannes, in der Heimat seiner Eltern habe man damals die Kollaborateure schneller und härter büßen lassen.  V Zu meiner Erleichterung haben die heutigen Bewohner des Hauses in der Hermannstraße, mit denen ich sprechen konnte, Verständnis für die Verlegung der Stolpersteine erkennen lassen, die an die Ackermanns und die Löwensteins erinnern. Ein Bewohner hat sich sogar erboten, dafür zu sorgen, dass die kleinen Mahnmale vor dem Haus sauber und lesbar bleiben. Und ein anderer Bewohner hat bei der Verlegung der Stolpersteine eine große, im Wind flackernde Kerze auf die Fensterbank über der Stelle im Bürgersteig gestellt, an der die Steine verlegt werden sollten. Eine Kerze, die den - ansonsten nüchternen -Vorgang der Verlegung mit ihrem Licht begleitet und dem Schaufeln und Hämmern der Arbeiter eine gewisse Feierlichkeit verliehen hat. Ich bin allen Bewohnern, die die Verlegung der Stolpersteine für die jüdischen Bewohner des Hauses, die in den Hitlerjahren deportiert und ermordet worden sind, begrüßt oder auch nur geduldet haben, für ihr Verständnis dankbar. Anderswo ist die Verlegung solcher kleinen Mahnmale mitunter auf weniger Wohlwollen gestoßen.  VI Was, frage ich mich manchmal, würden die Ackermanns und die Löwensteins, deren Namen auf den Stolpersteinen stehen, den heutigen Bewohnern des Hauses sagen, wenn sie dazu in der Lage wären. Ich meine damit nicht die wenigen Ausländer und Menschen ausländischer Herkunft, sondern jene heutigen Bewohner des Hauses, die sich ohne Wenn und Aber als Deutsche verstehen. Nachfahren von Menschen, die damals, in den Hitlerjahren, mutmaßlich kleine Mitläufer und selten Mittäter waren. Die Ackermanns und die Löwensteins würden, dessen bin ich sicher, sagen, dass sie, die Nachgeborenen, woher immer sie kommen, zwar als Einzelne nicht schuldig seien, die Schuld ihrer Vorfahren aber auch nicht leugnen, verdrängen oder gegen dies oder das, was andere getan haben, aufrechnen dürfen. Dass sie Verantwortung nur für ihr eigenes Tun und Lassen tragen und nicht für die unfassbaren Verbrechen ihrer Vorfahren. Dass sie als Nachgeborene nicht immerzu in Sack und Asche gehen, der Erinnerung an diese schlimmen Ereignisse aber einen Platz in ihren Gedanken und Gefühlen lassen müssen. Als ob die Ermordeten ihre engen Verwandten gewesen wären. Und dass sie dabei helfen müssen, dass Vergleichbares nicht noch einmal geschieht. Das sei ihre Verantwortung auch und vor allem im Umgang mit den vielen zugewanderten Ausländern und deren Kindern und Enkeln, die nun im Hause, in der Nachbarschaft oder sonstwo in dieser Stadt, in diesem Land leben. Denn diese Einwanderer seien, wie damals die Juden, in Gefahr, von gedankenlosen Menschen als Fremde betrachtet und behandelt zu werden, als Einwohner, die nicht dazugehören, weil sie vorgeblich anders, weil sie Fremde seien. Sie, die Migranten, würden, wenn man sich nicht gut kennte, von vielen Deutschen als anders, als fremd wahrgenommen, weil sie die deutsche Sprache noch nicht beherrschen, weil sie womöglich anderes und anders kochen und essen, weil sie vielleicht anders aussehen und sich womöglich anders kleiden, weil sie - wie damals die deutschen Juden - Gläubige einer anderen Religion, weil sie eben Andere, Fremdlinge seien, die nicht hierher gehörten. Diesen Menschen drohten zwar nicht Massenmorde, wohl aber die Abweisung, die Ausgrenzung im deutschen Alltag. Und womöglich rechtsradikale Attacken. Die Ackermanns und die Löwensteins würden es, denke ich, als unsere Aufgabe betrachten, die Menschen, die mittlerweile zu Millionen nach Deutschland gekommen sind und weiterhin kommen, um hier eine neue Heimat zu finden, als Gleiche zu akzeptieren und nicht wie damals die Juden als Fremde auszugrenzen und abzuweisen. Die Pflicht, Menschen zu helfen, die sich mühsam dem neuen Lebensumfeld anpassen müssen. Dies allein sei eine sinnvolle Antwort auf Hitlers Verbrechen. Nicht das routinierte Reden von Kollektivschuld oder Kollektivscham, keine erstarrten, immergleichen Erinnerungsrituale, auch nicht der vergebliche Versuch, Hitlers Verbrechen zu leugnen oder gegen dies oder das aufzurechnen, was andere getan haben. Das seien allesamt Wege, die der Beschwichtigung eines schlechten Gewissens dienten und in die Irre führten, denn kein Nachgeborener müsse ein schlechtes Gewissen wegen der Untaten seiner Vorfahren haben. Das Böse werde nicht wie ein genetischer Defekt an die Nachkommen der Täter, Mittäter und Mitläufer weitergegeben. Wohl aber das untilgbare Wissen um jene schrecklichen Taten und die Pflicht, der Opfer auf würdige Weise zu gedenken. Das würden die Ackermanns und die Löwensteins den heutigen Bewohnern das Hauses sagen, wenn sie noch mit irdischer Stimme zu ihnen sprechen könnten. Ich war so kühn auszudrücken, was sie, die ich als gütige Menschen kannte, nach meiner Einschätzung äußern würden, wenn sie sich noch mitteilen könnten. Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass ich mich irre.  VII Ich weiß, dass andere das anders sehen, dass sie an Kollektivschuld und Kollektivscham glauben und derlei Einsichten von den heutigen Deutschen fordern. Aber ich denke eben nicht, dass die Ackermanns und die Löwensteins ein solches Ansinnen vorbringen würden. Sie würden sich an gute und böse einzelne Menschen erinnern, aber nicht die Irrtümer ihrer Mörder teilen, die die Menschen in gute und böse, in wertvolle und wertlose Rassen eingeteilt und daraus das Recht hergeleitet haben, Millionen unschuldiger Menschen umzubringen. Diese Gewissheit stütze ich auf die Erinnerung an jüdische Menschen, die - anders als die Ackermanns und die Löwensteins - das Hitlerregime überlebt haben und allen schlimmen Erlebnissen zuwider in Deutschland geblieben oder aus dem Ausland zurückgekehrt sind. So wie Walter Löwenberg, der, von amerikanischen Soldaten befreit, die Schreckensjahre in Dachau und den Todesmarsch der Häftlinge überlebt hat. Der leicht mit Frau und Tochter in die USA hätte auswandern können. Menschen wie er sind geblieben, andere sind wiedergekommen, weil dieses Land immer noch ihre Heimat, der Ort der Erinnerungen an ihre Kindheit, weil Deutsch ihre Muttersprache war und weil sie in den Hitlerjahren trotz aller schrecklichen Erlebnisse Menschen kannten, die keine großen Helden, aber auch keine Mitläufer und Mittäter waren. Menschen, die im Unmenschlichen menschlich geblieben sind. Ich spreche nicht von den Hunderttausenden politischer Gegner Hitlers, Deutschen, die - wie ihre ausländischen Schicksalsgenossen - in den Konzentrationslagern ermordet worden sind, von den mehr als dreißigtausend anderen Deutschen, die damals auf Geheiß willfähriger Richter unter dem Fallbeil sterben mussten, von den mehr als dreißigtausend Soldaten, die als Deserteure erschossen worden sind, sondern von den vielen kleinen Helden des deutschen Alltags, die später, als alles vorbei war, kaum Anerkennung gefunden und das auch nicht erwartet haben. Ich denke an meine Mutter, die ihren jüdischen Verwandten und den jüdischen Nachbarn bis zuletzt auf mancherlei Weise beigestanden hat und als Grund später nur nennen konnte, dass man das als anständiger Mensch dem Nächsten, der in Not geraten war, schuldig gewesen sei. Als anständige Menschen haben sich freilich die meisten Deutschen damals, als alles vorbei war, schon darum gesehen, weil sie den Juden nichts, weder Böses noch Gutes, getan, weil sie den Kopf weggedreht, Ohren und Augen verschlossen haben, um das für alle erkennbare Unrecht nicht zu sehen. Unrecht, das auch für sie Unrecht war. Es sind vergleichsweise wenige gewesen, die jüdischen Menschen damals im Rahmen ihrer geringen Möglichkeiten beigestanden haben. Aber es hat eben auch jene anderen gegeben, die ihr Leben riskiert, die Juden versteckt und gerettet haben. Wenn man so will: Die wahren, die wirklichen Helden des deutschen Alltags in den Hitlerjahren. Rund siebentausend Juden, die genaue Zahl kennt niemand, sind in Hitlers Drittem Reich von nichtjüdischen Deutschen im Keller, auf dem Dachboden, im Gartenhaus oder sonstwo versteckt und so vor der Deportation bewahrt worden. Darunter meine Cousine Ilse Löwenberg, die bei einem Bauern im Umland unserer Stadt untergekommen das Ende des Kriegs unversehrt erleben konnte. Freilich: Kein Mahnmal, kein Straßenname, kein Schild oder Stein ehrt diese mutigen Menschen. Allenfalls Männer wie Oskar Schindler oder Berthold Beitz haben allgemeine Anerkennung für ihre spektakulären Rettungsaktionen gefunden. Ihnen ist mit rund sechzig weiteren Deutschen als „Gerechten unter den Völkern“ eine Gedenkstätte in Yad Vashem gewidmet. Die Erinnerung an solche Menschen hat manchen Überlebenden der Barbarei veranlasst, nach Deutschland zurückzukehren. Sei es auch nur für kurze Besuche. Damals, nach Kriegsende, sind es natürlich nicht viele Überlebende gewesen, die sich zur Rückkehr in ihre treulose Heimat entschlossen haben. Die Jüdische Gemeinde in unserer Stadt hat seinerzeit immer bangen müssen, ob sich die von den Glaubensregeln geforderten zehn Teilnehmer am Gottesdienst auch einfinden werden. Das hat sich manchmal nur mit telefonischen Rundrufen erreichen lassen. Aber mittlerweile ist die jüdische Gemeinde gewachsen. An den Festtagen nehmen wieder mehr Gläubige am Gottesdienst teil, wenngleich auch unter den Juden in Deutschland die Säkularisierung, die Abwendung vom verfassten Glauben und seinen vielen Regeln, voranschreitet. So ist die Hälfte der aus der einstigen Sowjetunion eingewanderten Juden in ihrer neuen Heimat keiner jüdischen Gemeinde beigetreten. Die Zahl christlich-jüdischer Heiraten nimmt stetig zu, und die Ehen werden immer öfter nur im Standesamt geschlossen. Wie allerorten in der modernen Welt.  VIII Der Holocaust ist - wie die Werke von Luther, Dürer, Kant, Lessing, Goethe, Schiller, Bach, Beethoven und Brahms, um nur einige der Namen zu nennen, auf die der Nationalstolz vieler Deutschen gründet, wenn man von Fußballsiegen, Exporterfolgen und anderen flüchtigen Vorkommnissen absieht - Teil der deutschen Identität, also Teil des Bildes, das die Deutschen von sich und die Nichtdeutschen von den Deutschen haben. Darum kann kein Deutscher wirksam einen Schlussstrich unter das Wissen um dieses Weltverbrechen setzen. Der Holocaust ist für immer ein Kapitel der deutschen Geschichte, das zwar verdrängt und geleugnet, aber nicht gelöscht werden kann. Die Nachgeborenen und die Hinzugekommenen trifft keine persönliche Schuld, wohl aber die Pflicht, der Opfer Hitlers auf würdige Weise zu gedenken und die Erinnerung wachzuhalten. Die Frage bleibt freilich, wie wir in Zukunft, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, die uns von ihren schlimmen Erlebnissen erzählen, mit diesem gewaltigen historischen Stolperstein umgehen werden. Dann bleiben vielleicht nur Theater, Film, Fernsehen, Bücher und Musik, die kommenden Generationen dieses Geschehen näherbringen können. Ich verzichte darauf, denkbare Wege zu diskutieren. Denn dieser Text handelt von der Vergangenheit, nicht von der Zukunft  unseres Landes. In unserer Stadt, in unserem Land leben wieder viele Juden. Nicht so viele wie vor den Hitlerjahren. Damals waren es in Deutschland rund fünfhunderttausend, heute sind es um die zweihunderttausend. Das sind Schätzungen, weil nicht alle eingewanderten Juden Angehörige jüdischer Gemeinden geworden sind. Viele von ihnen waren auch im Herkunftsland nicht als Juden registriert. In unserer Stadt lebten vor 1933 mehr als zweitausend Juden, heute sind es wieder um die Tausend. Hitler und seine Kumpane sind also widerlegt. Deutschland ist nicht judenfrei. Jüdisches Leben hat in unserem Land, in unserer Stadt wieder einen Platz. Wir sollten alle für dieses wiedergewonnene Stück Lebensvielfalt und für das Vertrauen, das die Gebliebenen und die Gekommenen zeigen, dankbar sein. Noch stellt sich in den meisten Fällen Verlegenheit ein, wenn ein deutscher Nichtjude unerwartet erfährt, dass sein Gegenüber Jude ist. Denn deutsche Juden lassen - nicht anders als die Gläubigen anderer Denominationen - meist ihre Religion nicht erkennen, wenn sie mit Fremden sprechen. Wenn sie es doch tun, entsteht bei den anderen oft Irritation, die erst bei näherem Kennen schwindet. Das ist eben die deutsche Vergangenheit, die nicht vergehen will, die unentrinnbar weiterwirkt. Wir, die Nichtjuden und die Juden in Deutschland, haben es letztlich in der Hand, ob das Vergangene zur gemeinsamen, zur vereinenden Erinnerung an schreckliche Ereignisse, ob die Trauer um die Opfer gemeinsame Trauer wird. Als ob die Ermordeten unser aller gemeinsame Vorfahren wären, deren schlimmes Schicksal uns, Juden wie Nichtjuden, gleichermaßen berührt. Ob man, wenn das je erreicht werden sollte, von Normalität sprechen kann, bleibt Ansichtssache. Denn ein Hauch von Fremdheit, von Anderssein, wird unter Menschen mit verschiedenem - religiösem, sprachlichem oder ethnischem - Hintergrund, die sich nicht gut kennen, immer bleiben. So wie sich in meiner Kindheit katholische und evangelische Christen oft noch sehr fremd gewesen sind. Inzwischen hat die fortschreitende Säkularisierung solche Gräben zwischen den christlichen Konfessionen weitgehend eingeebnet. Vielleicht, dass Christen, Juden und Muslime sich eines Tages garnicht mehr in erster Linie über ihre Religion definieren und distanzieren, sondern über die Herkunft, die Ausbildung, den Beruf, oder anderes, was man ist, tut und hat. Dann würden auch Jahrhunderte alte Vorurteile vielleicht ihre Kraft verlieren und Platz für ein leichteres, freieres Miteinander der Menschen schaffen. Das schlösse die Vielfalt des Glauben an Gott und seine Gebote nicht aus.  Exkurs: Über antijüdische Klischees  I Am Ende kann und will ich die Fragen noch einmal stellen, die mir in meiner Jugend niemand beantwortet hat. Was es denn mit den antijüdischen Vorurteilen auf sich hat, die damals in der Schule ebenso wie im Alltag verbreitet wurden. Böswillige Bilder, denen man auch heutzutage und hierzulande, wenngleich selten, immer noch begegnen kann. Die antijüdischen Vorurteile sind nicht mit Hitler untergegangen. Klischees, die einen Juden erfunden haben, den es niemals gegeben hat. Diese von Hass und Neid erfundene Gestalt des ewigen Juden steht im Mittelpunkt dieser Nachgedanken. Ich will, älter und alt geworden, festhalten, was es mit den Vorurteilen auf sich hat, die damals, in meiner Jugend, in der Schule verbreitet wurden. In allen Fächern. Selbst der Religionsunterricht war damals nicht immer frei von Anbiederungen an Hitlers verzerrte Gedankenwelt. Der ewige Jude: Das Klischee vom jüdischen Gesicht, von der jüdischen Mimik und Gestik, der jüdischen Sprache, dem Mauscheln, dem Schachern und den Berufen, in die die Juden vornehmlich drängten, weil ihnen schwere, vor allem körperliche Arbeit vorgeblich nicht lag. Die abfälligen Reden von der jüdischen Intelligenz, die von den Judenfeinden als Geschäftstüchtigkeit, Durchtriebenheit und Gerissenheit oder, wenn es um Schriftsteller, Wissenschaftler, Journalisten, Schauspieler und Regisseure ging, als destruktive, volksferne Intellektualität verleumdet wurde. Irritiert von den antijüdischen Parolen, die damals den Schulunterricht beherrschten, wollte ich erfahren, ob die Juden eine Glaubens- oder eine Herkunftsgemeinschaft oder beides sind. Von einer jüdischen Nation war in jenen Jahren auch unter den Juden, wenn sie nicht Zionisten waren, noch keine Rede. Man sprach allenfalls vom jüdischen Volk und meinte die Menschen jüdischen Glaubens. Die Antwort ist wichtig, denn den Glauben kann man in der Not verleugnen, die Herkunft nicht, wenn sie in Karteien und Dokumenten festgehalten ist. Herkunft, das hieß damals im Schulunterricht Rasse. Arische oder jüdische Rasse. Die vielen anderen Völker auf dieser Erde, die Mehrheit aller Menschen, wurden in der Schule damals so gut wie gar nicht erwähnt. Immer nur die Arier und die Juden, die unser Unglück seien. Ihre vorgebliche Rasse, ihre Herkunft, war für Juden ein unsichtbares, ein imaginäres Brandmal, das bis zum Tod haftete und niemals und von niemandem jemals entfernt werden konnte. Auch durch den Wechsel zum Christentum blieb der Jude dem Rassisten, was er immer war. Der von Verachtung, Neid und Missgunst erfundene Fremdling, der nicht dazu gehörten. Auf dieser Reise in die Vergangenheit stelle ich mir natürlich die Frage nach der jüdischen Identität, also danach, was Menschen zu Juden macht. Ob das Judentum wie das Christentum, der Islam und andere große Religionen ein Glaube ist, der allen Menschen offensteht, oder ob es den Nachweis jüdischer Herkunft, die vermeintliche Abstammung von den biblischen Urvätern braucht, um Jude zu sein. Einen ethnischen Pass, sozusagen. Ob die Juden eine Glaubensgemeinschaft, ein Volk, eine Nation oder eine Rasse sind. Damit will ich Antworten auf Fragen finden, die mir in meiner Jugend niemand geben konnte oder wollte. Darum war ich den antijüdischen Parolen lange irritiert ausgesetzt, Vorurteilen, denen ich in der Schule, im Radio, im Kino, in der Zeitung und auf Plakaten begegnet bin. Vielleicht geht es auch dem Leser dieses Buches so, der einer anderen Generation angehört und niemals recht verstanden hat, was damals, in den Hitlerjahren, in Deutschland geschehen ist. Wirklich verstehen - ich meine damit: sich fremdes Denken, Fühlen und Handeln als eigenes vorzustellen - kann das freilich, vorab gesagt, ein Heutiger auch dann nicht, wenn er sich redliche Mühe gibt. Denn was damals geschah, liegt jenseits der Grenzen unseres Verständnisvermögens. Die äußeren Abläufe, von Historikern und Zeitzeugen festgehalten, nehmen wir zur Kenntnis, aber die Beweggründe der Akteure bleiben für immer rätselhaft, bleiben fremd. Sie verharren im Dunkel einer unbegreiflichen rassistischen Vorstellungswelt. Vielleicht lässt sich aber doch einiges zur Herkunft dieser Vorurteile feststellen.  II  Viele Menschen waren damals, in meiner Jugend, sicher, dass sie Menschen jüdischen Glaubens, wenn sie ihnen begegnen, als Juden erkennen können. Abfällige Stereotypen über vorgebliche Körpermerkmale der Juden beherrschten in den Hitlerjahren den Schulunterricht. Dieses Zerrbild jüdischer Fremdlinge war freilich keine Erfindung jener Zeit, und es wurde nicht nur im Schulunterricht verbreitet, sondern es lässt sich, wie ich später lernte, in Deutschland bis in das Mittelalter zurückverfolgen, als jüdische Familien sich im Westen Deutschlands in größerer Zahl niederließen. Die “Gottesmörder” und “Gottesleugner”, die sich weigerten, Christen zu werden, wurden zuweilen als Teufelswesen charakterisiert, die an ihren abstehenden Ohren, den dunklen und engstehenden Augen, der gebogenen Nase und den markanten Nasenflügeln, den wulstigen Lippen, krummen Beinen, platten Füßen und krausen Haaren zu erkennen seien. In mönchischen Werken jener Zeit kann man leicht solche Bilder des Juden finden. Deren vorgebliche körperliche Merkmale wurden als Warnzeichen für die Christen verstanden, den Brunnenvergiftern, rituellen Kindermördern und Verbreitern tödlicher Epidemien gegenüber Vorsicht walten zu lassen. Das haben Menschen geglaubt, auch wenn sie nie in ihrem Leben einen Juden wissentlich zu Gesicht bekommen haben. Das so phantasierte jüdische Äußere wurde schon damals als Widerschein eines diabolischen Charakters genommen. Worin unterschieden sich die Juden, die ich in jungen Jahren kannte, von den Menschen anderen Glaubens? Den Katholiken und Protestanten? Gab es so etwas wie das "Jüdische Gesicht", von dem damals in der Schule so viel die Rede war? Hatten die Juden meiner Jugendwelt Ähnlichkeit mit den Fratzen, die von den Plakatwänden und -säulen herab den Passanten das verordnete Zerrbild des Juden aufdrängten? Den jüdischen Schurken, die in befohlenen Filmen deutsche Frauen schändeten und in den Freitod trieben? Den gerissenen jüdischen Geschäftsleuten, die ihre Kunden und Lieferanten, ehrbare deutsche Kaufleute allesamt, in den Bankrott zwangen. Den jüdischen Intellektuellen, die die deutsche Kultur verhöhnten. Den Juden, die unser Unglück sind. Die Juden in unserer Stadt, die ich als Knabe kannte, zeigten wenig Ähnlichkeit mit den finsteren Figuren, die auf den Plakaten, auf den Flugblättern und in den antijüdischen Filmen dem Betrachter entgegentraten. Allenfalls einige orthodoxe Juden waren an Bart und Kleidung erkennbar, wenn sie die Straße betraten. Die alteingesessenen Juden, die ich kannte, ließen sich auch bei großer Aufmerksamkeit nicht von anderen Deutschen unterscheiden. Weder anhand der Kleidung, noch anhand des Gesichts oder ihrer Mimik, Gestik und Sprache. Meine jüdischen Angehörigen hatten ebenso wie die anderen Juden, die ich damals kannte, keine befremdenden, engstehenden Augen, keine abstehenden Ohren, gekrümmten Nasen, wulstigen Lippen und krausen Haare. Vielleicht mehr dunkle und weniger blonde Haare, mehr dunkle und weniger blaue Augen, mehr lange, schmale und weniger kurze, breite Nasen. Phänotypische Residuen, Relikte einer fernen Vergangenheit, einer langen Geschichte, die nahöstliche Gesichter ins nördliche Europa verpflanzt und durch die jahrhundertelange Ausgrenzung, durch die erzwungene Endogamie in der Ghettowelt erhalten hat. Erst die Öffnung der Ghettos hat durch die wachsende Verbreitung interkonfessioneller Ehen und durch individuelle Übertritte zum Judentum neue jüdische Gesichter hervorgebracht. Aber auch die Christen wiesen nicht immer die von der herrschenden Propaganda plakatierten deutschen Gesichter auf, denn im Laufe der Jahrhunderte haben viele fremde Armeen und Ströme von Immigranten und Transmigranten das physiognomische Repertoire der deutschen Bevölkerung aufgemischt und mancherlei Gesichtszüge hinterlassen, die dem damals verordneten Selbstbild der Deutschen nicht entsprachen. Jedenfalls war es nicht möglich, jemandem nach einem flüchtigen Blick ein jüdisches oder deutsches Gesicht zuzuweisen. Dafür war die physiognomische Vielfalt der deutschen, vor allem der großstädtischen Bevölkerung auch damals schon viel zu groß. Das hat freilich auch viele Juden nicht daran gehindert, von jüdischen Gesichtern zu sprechen, die an ihren über Jahrtausende bewahrten orientalischen Zügen erkennbar seien. In Wirklichkeit haben sich die physiognomischen Unterschiede damals, in meiner Kindheit, bereits in einem so großen Spielraum bewegt, dass ohne die antijüdischen Vorurteile, ohne das verordnete Zerrbild des Juden kein Grund bestanden hätte, von jüdischen Gesichtern zu sprechen. Jedenfalls, wenn es um alteingesessene jüdische Familien ging. Schließlich war es mehr als ein Jahrhundert her, dass die Ghettos abgeschafft und die erzwungene Endogamie beendet wurden. Allenfalls die vielen osteuropäischen Juden, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Westeuropa und Nordamerika ausgewandert sind, um dem Elend und der Verfolgung in ihrer Heimat zu entkommen, haben nicht nur fremde Gesichter, sondern eine fremde, dem Deutschen ähnliche Sprache, fremde Verhaltensweisen und seltsame Kleider mitgebracht, die sie als osteuropäische Juden erkennbar machten. Das galt nicht nur im Deutschen Reich und in der Habsburger Monarchie, sondern in allen europäischen Ländern, in denen sich die Ostjuden damals niedergelassen haben. Und in den Vereinigten Staaten, die das Ziel von Millionen ostjüdischer Auswanderer waren.  Wenn es also physiognomische Gemeinsamkeiten unter den Angehörigen des jüdischen Glaubens in der Tat gab und gibt - und wenn man die freche Frage unterdrückt: Lassen sich denn auch Katholiken und Protestanten derlei Gemeinsamkeiten zuweisen, gibt es ein katholisches oder protestantisches Gesicht -, so bleibt, vorab gesagt, dass körperliche Eigenheiten nicht viel über Menschen erklären können. Denn aus den Gesichtszügen, der Haar- und Hautfarbe, der Schädelform oder anderen äußeren Merkmalen konnte damals nicht auf den Charakter und die Intelligenz des Menschen geschlossen werden, der solche Züge zeigt. Auch heute erlauben die Ergebnisse der ernsthaften Forschung keine solchen Schlüsse. Noch nicht. Die Frage, ob es typische jüdische Gesichtszüge gibt, lässt sich ganz unabhängig von jeglicher Rassendoktrin diskutieren. Anders gesagt, man kann diese Frage erörtern, falls sie einem überhaupt wichtig erscheint, ohne anzunehmen, dass ein Zusammenhang zwischen Gesicht und Charakter, Gesicht und Intelligenz besteht. Weil es eine solche Wertigkeit von Gesichtszügen außerhalb der Welt des Theaters, des Films und des Fernsehens nicht gibt. Das Klischee vom “Jüdischen Gesicht” haben die meisten Menschen damals, in meiner Jugendzeit, auf das Äußere vieler Ostjuden gestützt, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Zarenreich und den östlichen Gebieten des Habsburger Reiches eingewandert sind, Menschen, deren Gesichter oft fremde Züge zeigten, physiognomische Merkmale, die bei der eingesessenen Bevölkerung eher Ausnahme waren. Diese Migranten haben dem großen Spektrum der deutschen Physiognomien einige Varianten hinzugefügt, so wie das in der Gegenwart in Deutschland für die Gesichtszüge vieler muslimischer Immigranten und ihrer Kinder und Kindeskinder gilt. Von Generation zu Generation mehrt sich der Anteil von Ehen mit Partnern anderer Herkunft, und die mitgebrachten Gesichter verschwinden auf lange Sicht. Sie gehen in der größeren Vielfalt einheimischer Antlitze auf, wie man das schon seit langem in den klassischen Einwanderungsländern beobachten kann. Nur bei einzelnen Menschen tauchen dieser oder jener Gesichtszug und andere körperliche Merkmale später wieder auf. Wie ein Hauch aus einer fernen, fremden Zeit. Und mit den fremdländischen Gesichtern verschwinden Menschen, von denen man vorlaut behaupten könnte, dass sie “muslimische Gesichter” haben. Nicht anders ist es den jüdischen Gesichtern damals in der nichtjüdischen Umwelt ergangen. Sie sind allmählich in der Vielfalt anderer Gesichter aufgegangen. Allenfalls einzelne Merkmale haben sich in manchen Gesichtern Generationen später wieder gemeldet. So auch manche Züge ostjüdischer Gesichter, die damals das Klischee vom jüdischen Gesicht beherrschten. Diese phänotypischen Wiedergeburten hat man uns in der Schule anhand der von Gregor Mendel entdeckten Vererbungsregeln am Beispiel von Erbsen erklärt und damit den vorgeblichen verderblichen Einfluss der Vermischung menschlicher Rassen begründet. Was zählt: Über den Charakter und die Intelligenz der Menschen, die die einen oder anderen Gesichtszüge haben, ist damit, allen gängigen Vorurteilen zuwider, überhaupt nichts ausgemacht. Ganz gleich, ob es türkische, arabische oder eben ostjüdische Gesichter sind. Es gibt, wenn wir der ernsthaften Forschung glauben, bislang keine erkennbare und anerkannte Verknüpfung von Gesicht, Charakter und Intelligenz, wenn man die anerzogene Mimik und Gestik, die Sprechweise und andere angelernte Verhaltensmerkmale beiseite lässt. Denn solche erworbenen Eigenschaften, Widerschein des sozialen Milieus, in dem die Menschen aufgewachsen sind, werden allzu oft und allzu gerne als angeborene Charakterzüge genommen. Das traf auch die ostjüdischen Migranten in unserer Stadt, Menschen, deren oftmals fremde Mimik, Gestik, Sprache und ihrer Bräuche, an denen sie festhielten, von den Einheimischen als Zeichen ihrer Andersartigkeit gedeutet wurden. Sie haben die uralten antijüdischen Stereotypen am Leben gehalten. In unserem Viertel, dem Westend, einer Welt der Arbeiter und kleinen Angestellten, lebten damals viele Ostjuden. Menschen, die wohl der niedrigen Mieten wegen hier wohnten. Gewiss auch, weil sie gerne unter ihresgleichen waren, weil sie sich in der mitgebrachten Sprache unterhalten konnten und weil es in diesem Viertel von Juden geführte Läden gab, in denen koschere Lebensmittel zu kaufen waren. Weil orthodoxe Betstuben in der Nähe waren. Wir hatten zwar keine ostjüdischen Freunde und Bekannten, aber ich erinnere mich gleichwohl an einige Ostjuden, die damals, kurz vor und nach dem Beginn von Hitlers Herrschaft, in unserem Viertel als Händler, Trödler und Hausierer zu sehen waren. Da war der ostjüdische Ratenhändler, der, vor Jahren aus Polen gekommen und als Ausländer nur geduldet, in seiner vom Jiddischen gefärbten Sprache von Tür zu Tür ging, um im Auftrag eines alteingesessenen jüdischen Händlers, der Geld, Lager und Laden besaß, Radiogeräte auf Raten zu verkaufen und die ausgehandelten Abschläge dann Woche für Woche zu kassieren. Der ostjüdische Obsthändler, der sein Geschäft in einem Keller hatte, der von der Straße her über eine Treppe, vorbei an Bananen- und Apfelsinenkisten, erreichbar war. Der ostjüdische Trödler, der in den Höfen mit lauter Stimme nach alten Kleidern und getragenen Schuhen rief, die er gut zu bezahlen versprach. Kleider und Schuhe, die er an einen jüdischen Händler verkaufte, der sie reinigte und reparierte und dann in seinem Laden an Kunden verkaufte, die sich neue Kleider und Schuhe nicht leisten konnten. Der jüdische Schrotthändler, der ausrangierte Flaschen, Töpfe, Zeitungsstapel und jederlei metallene Teile kaufte, sortierte und anderenorts weiterverkaufte. Die jüdische Weißmacherin, die von Tür zu Tür ging und Textilien verkaufte, die sie in Polen, ihrer früheren Heimat, eingekauft hatte. Der arme, alte und gebrechliche Ostjude mit seinem langen, grauen Bart, dem schwarzen Mantel und dem breitkrempigen schwarzen Hut, der Tag für Tag die Mülltonnen in den Höfen nach leeren Flaschen durchsuchte, die er bei einem jüdischen Altwarenhändler verkauften konnte. Das sind einige der Ostjuden, allesamt Immigranten der ersten Generation, an die ich mich erinnern kann. Menschen, die sich in ihrem Äußeren, ihrer Kleidung, ihrer Sprache und ihrem Verhalten deutlich von den alteingesessenen Juden unterschieden, die solche Tätigkeiten längst mieden. Das Klischee vom “Jüdischen Gesicht” hat sich also damals nicht so sehr am Spektrum der Gesichter längst etablierter deutscher Juden orientiert, sondern am Erscheinungsbild osteuropäischer Juden, die über Jahrhunderte in der geschlossenen Welt ihrer kleinen Dörfer und Städte und in den städtischen Ghettos im Osten Europas – im Zarenreich und in den östlichen Provinzen des Habsburger Reiches - gelebt und gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in großer Zahl nach Westeuropa und Nordamerika ausgewandert sind. Die Menschen, die den Pogromen der zaristischen Zeit und dem Elend in ihrer Heimat durch die Flucht in den Westen entronnen sind, haben die Zahl und die Größe der jüdischen Gemeinden in den westlichen Ländern, die zuvor eher bescheiden waren, schnell steigen lassen. Denn es waren am Ende Millionen Menschen, die in den Westen, meist in die USA, gegangen sind. Jene, die in Deutschland blieben, waren wegen ihrer Kleidung, ihrer Sprache, ihrer Mimik, Gestik und ihrer Gebräuche den im Westen lebenden Juden nicht anders als den Katholiken und Protestanten fremd. Viele alteingesessene Juden, die in die nichtjüdische westliche Lebenswelt eingepasst und in Hinsicht auf ihr Verhalten, ihr Äußeres, ihren Beruf und ihre Sprache ganz und gar angeglichen und nur durch ihren Glauben ausgesondert waren, sahen mit Verachtung auf die Ostjuden herab, die damals als ungerufene Glaubensbrüder in unsere Stadt, in unser Viertel  kamen.   III Ich erinnere mich gut an die abfälligen Äußerungen jüdischer Bekannter über diese aus dem Osten zugewanderten Juden, die damals als Händler, Hausierer, Trödler und Bettler in unseremViertel mühsam ihr Brot verdienten. Sie brauchten wie alle Migranten Zeit, sich den Verhaltensformen und -normen der neuen Heimat anzugleichen. Und die meisten von ihnen haben auf den untersten Sprossen der sozialen Leiter begonnen. Viele dieser ostjüdischen Zuwanderer besaßen in der Tat Gesichtszüge, die für die Einheimischen, Christen wie Juden, befremdlich waren. Das sprichwörtliche “Jüdische Gesicht”, ein Erscheinungsbild, dessen Herkunft freilich umstritten ist. Die Historiker berichten von einer geschlossenen Welt kleiner Dörfer und Städte, in denen jüdische Heiratsvermittler Mann und Frau zueinander führten. Diese Endogamie, die Heirat unter eingesessenen Juden, die oft Cousin und Cousine als Paar vereinte, beschränkte, wenn es denn so war, die Entwicklung der physiognomischen Vielfalt trotz des Zuzugs fremder Juden und der Aufnahme von Christen in die Gemeinden der ostjüdischen Welt. Denn diese Aufmischung des Erbguts hielt sich, wenn man den Historikern glaubt, in engen Grenzen. Die Verbindung mit slawischen und baltischen Konvertiten und Migranten aus dem Westen brachte zuweilen Juden mit blonden Haaren und blauen Augen hervor, änderte aber nichts daran, dass unter den osteuropäischen Juden Menschen in der Mehrheit waren, deren vorherrschende Gesichtszüge von den Menschen im Westen als fremd empfunden wurden. Man darf nicht vergessen, dass das Deutsche Reich zwar Kolonien besessen hatte, dass aber, anders als in Frankreich, England, Holland, Spanien und Portugal Menschen aus den beherrschten Gebieten kaum je nach Deutschland kamen. Dafür war in der kurzen Zeit, in der das Deutsche Reich Kolonien besaß, kaum Gelegenheit. Der Mann auf der Straße hatte damals, anders als heute, keine durch Erfahrung gestützte Vorstellung von den Menschen fremder Völker und auch in der Schule wurden sie selten erwähnt. Einfache Menschen waren mit Klischees über Naturmenschen gefüttert, die fernab jeglicher Zivilisation vorgeblich wie in der Vorgeschichte lebten. Ich denke an die vielen Groschenhefte, die ich als Knabe verschlungen habe, in denen deutsche Forscher im Urwald Afrikas, Südamerikas oder anderer tropischer Regionen Einheimische, die damals Eingeborene hießen, ausgeforscht haben. Die Werke von Karl May, Hitlers Lieblingslektüre, waren ungeachtet aller edlen Wilden natürlich ebenfalls rassistische Elaborate, die gängige Vorurteile gefestigt haben. Kein Kind war damals, anders als heute, zur Fastnacht als Schwarzer maskiert. Allenfalls Trapper- und Indianer-Kostüme waren Mode. Wirkliche Schwarzafrikaner konnte man in meiner Jugend nur im Zirkus sehen und neben den Elefanten, Tigern und Löwen als exotische Wesen begaffen. So wie die falschen Indianer, die im Zirkus und auf Jahrmärkten neben kleinwüchsigen Clowns auftraten. Die vielen nichtjüdischen, meist polnischen Immigranten im Deutschen Reich hatten dagegen europäische Gesichter, die nicht als befremdlich, als anders empfunden wurden. Blonde Haare und blaue Augen waren bei den slawischen Völkern so häufig wie bei den Nachfahren der Germanen. Nur ihr unbeholfenes Deutsch hat diese Migranten vor ihrer Eingewöhnung als Fremde kenntlich gemacht. Das galt für viele jüdische Einwanderer aus Osteuropa nicht. Jedenfalls nicht für deren erste Generation, auch sie Ankömmlinge aus einem ganz anderen Milieu, in dem die Moderne, die verstädterte industrielle Welt, noch nicht angekommen war. Sie blieben Fremde, wenn sie “Jüdische Gesichter” hatten, ein befremdliches, dem Deutschen ähnliches Idiom sprachen und als mobile Händler, Hausierer und Trödler Berufen nachgingen, die damals als typisch jüdisch galten und von den eingesessenen Juden längst gemieden wurden. Diese hatten meist in den höheren Etagen der Berufswelt ihren Platz gefunden hatten. Die eingewanderten Ostjuden blieben den antijüdischen Klischees auch dann unterworfen, wenn sie sich in Kleidung und Verhalten angepasst, vor allem, wenn ihnen, meist erst in der zweiten Generation, die deutsche Umgangssprache geläufig war. Das “Jüdische Gesicht” blieb den zugewanderten Ostjuden, ihren Kindern und Kindeskindern erhalten, solange sie bei der Partnerwahl unter ihresgleichen geblieben sind. Diese Orientierung, die Suche des Partners im eigenen religiösen und sozialen Milieu, waren sie aus der osteuropäischen Welt gewöhnt. Sie war dort üblich, und sie behielt auch im Westen ihre Geltung, weil viele orthodoxe Ostjuden sich von den liberalen Westjuden fern hielten, die sie nicht als wirkliche Brüder und Schwestern im Glauben akzeptierten. Hinzu traten die sozialen Abstände zwischen den etablierten westlichen Juden und ihren armen östlichen Glaubensverwandten. Ostjüdische Heiratsvermittler waren wie in der alten Heimat leicht zur Hand. Ihre Namen und Adressen waren, bevor Hitler das Sagen hatte, jedes Wochenende in der Zeitung zu finden. Darum sind die ostjüdischen Gesichter nur langsam verschwunden. Es brauchte einige Generationen, bis diese physiognomischen Merkmale in der Vielfalt der deutschen Gesichter aufgegangen waren. So wie das Äußere anderer Immigranten. Für die späten ostjüdischen Zuwanderer blieb dafür keine Zeit, weil Hitler und seine Helfer schneller waren. Die Erklärung dafür, dass die jeweils vorherrschende Physiognomie der Juden in aller Welt über Jahrhunderte hinweg regionenspezifische Angleichungen erfahren hat, ist die Aufnahme von Nichtjuden in die jüdischen Gemeinden der vielen Länder, in denen Juden ansässig waren und sind. Über Generationen hinweg haben so chinesische Juden chinesische Gesichter, indische Juden indische Gesichter, marokkanische Juden marokkanische Gesichter und deutsche Juden eben deutsche Gesichter angenommen, weil gebürtige Juden örtliche Nichtjuden in ihre Gemeinden aufgenommen, geheiratet und Kinder mit ihnen gehabt haben. Ein alter Scherz, den ich von amerikanischen Kollegen kenne, erzählt von einem amerikanischen Juden, der eine jüdische Gemeinde in China besuchte und dessen Feststellung, dass sie doch alle Juden seien, die Antwort fand: “Aber Sie sehen garnicht aus wie ein Jude”. Dort hatten Juden eben auch chinesische Gesichtszüge, weil ihre Vorfahren den Genpool der örtlichen Bevölkerung angezapft hatten. Konversionen haben in der jüdischen Geschichte immer eine Rolle gespielt. Es waren meist individuelle Übertritte zum Judentum, in mehreren Fällen sind ganze Völker oder Stämme zum Judentum gewechselt. Das kann man bereits in der hebräischen Bibel lesen. Niemand wird annehmen, dass im einen wie im anderen Fall das Spektrum körperlicher Merkmale späterer Generationen unverändert geblieben ist. Die jüdischen Gemeinden in den USA - orthodox, konservativ oder reformiert - liefern einen lebendigen Anschauungsunterricht von der physiognomischen Vielfalt unter den dortigen Juden, die letztlich allesamt auch vormalige Nichtjuden, vor allem Christen, unter ihren Vorfahren haben. Natürlich ist auch das eine oder andere “Jüdische Gesicht” darunter. Denn die Mehrheit der jüdischen Einwanderer in die USA waren osteuropäische Juden, waren Aschkenasim. Glaubt man jüngsten Angaben, dann verbinden in der Gegenwart rund zwei Drittel aller Heiraten von Juden in den USA die jüdischen Partner mit Christen, die oft zum Judentum übertreten. Nicht anders verhielt es sich in Deutschland in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Mir fallen sogleich meine Verwandten ein. Auch das heutige Israel zeigt einen Querschnitt von Gesichtern der ganzen Welt und keineswegs einen Vorrang von physiognomischen Zügen, die dem alten Klischee vom jüdischen Gesicht nahekämen. Dies einfach darum, ich wiederhole mich, weil die Geschichte der jüdischen Gemeinden überall untrennbar die Geschichte von Konversionen ist. Konversion und Migration sind Schlüsselwörter der jüdischen Geschichte. Wie ein Blick in einschlägige Publikationen vermittelt, haben nicht nur die Christen und die Muslime, sondern auch die Juden über viele Jahrhunderte hin Proselyten gesucht und gefunden. Nur den Juden, die jahrhundertelang in Ghettos weggesperrt wurden, war die Heirat mit Andersgläubigen von Kirche und Staat untersagt. Aber auch im frühen und späten Mittelalter und ungeachtet hoher Strafen sind Christen zum Judentum gewechselt. Das hat manchen Konvertiten damals auf den Scheiterhaufen gebracht. Die Juden waren, wo es ihnen gestattet wurde, stets bereit, Nichtjuden zu bekehren und in ihre Gemeinden aufzunehmen. Wie sonst hätte es große jüdische Gemeinden überall in der Welt geben können. Jüdische und frühchristliche Gemeinden haben im Römischen Reich in Konkurrenz miteinander Proselyten gesucht und gefunden. Schließlich waren es Juden, die die frühen christlichen Gemeinden gebildet haben. Wer sonst? Auch in der vorrömischen Zeit haben jüdische Stämme Konvertiten aufgenommen, haben nichtjüdische Frauen und Sklaven samt deren Kindern zu Juden gemacht und so ihr kollektives Erbgut verändert. Die biblischen Schriften sind voll von solchen Geschichten.  IV Es bleibt freilich die Frage, wie die Entstehung der dominanten Gesichtszüge unter den Ostjuden erklärt werden kann. Wenn man manchen modernen jüdischen Historikern folgt, dann stammt ein Großteil der Ostjuden, der Aschkenasim, nicht von den Juden ab, die zur Zeit der Kreuzzüge und der Großen Pest unter dem Einfluss wiederkehrender Pogrome aus West- nach Osteuropa, in die slawischen Siedlungsgebiete gewandert sind. Sondern sie sind die Nachkommen turkvölkischer Konvertiten zum Judentum, die nach der Vernichtung ihres Staates durch Osmanen, Byzantiner und ukrainische Slawen im späten Mittelalter aus Westasien nach Osteuropa kamen. Ist also die Legende von der Ostwanderung der westeuropäischen Juden in der Zeit der Kreuzzüge und der Großen Pest nur eine Erzählung, der die Fakten und Funde dieser Historiker widersprechen? Weil es in Westeuropa zu jener Zeit garnicht so viele Juden gab, wie notwendig gewesen wären, um die Welt der Aschkenasim zu schaffen, in der am Ende Millionen Menschen lebten. In der Tat zählten die jüdischen Gemeinden in Straßburg, Speyer, Worms, Mainz, Köln und anderen deutschen Städten im späten Mittelalter allenfalls einige Tausend Menschen. Aber nicht Hunderttausende oder gar Millionen. Und ist das Jiddisch im Osten womöglich garnicht von jüdischen Flüchtlingen aus dem Rheinland mitgebracht, sondern auf ganz anderen Wegen und zu ganz anderen Zeiten die Sprache der Aschkenasim geworden? Waren es vielleicht norddeutsche, christliche Kaufleute, die zur Zeit der Ordensritter und der Hanse die deutsche Sprache in den baltischen Ländern zur lingua franca machten? Haben jene modernen - notabene: jüdischen, israelischen - Historiker recht, die die Aschkenasim ungeachtet aller Zu- und Abwanderungen als die Nachkommen khazarischer Flüchtlinge ansehen, die im späten Mittelalter, nach dem Untergang des khazarischen Reichs, dessen turkvölkische Führungsschicht und viele seiner Bürger samt deren Sklaven zum Judentum übergetreten waren, den Weg nach Osteuropa gegangen sind? Dass diese turkvölkischen Flüchtlinge, anders als die Sephardim in Westeuropa, in Nordafrika, in Spanien und Portugal und die orientalischen Juden im Nahen Osten in ihrer großen Mehrheit zwar Glaubensjuden, aber keine Abkömmlinge der biblischen Judenheit waren und darum auch keine semitischen Gesichtszüge trugen? Obwohl es auch im khazarischen Reich viele jüdische Immigranten gegeben haben soll, Flüchtlinge aus islamischen und christlichen Ländern, die sich der zwangsweisen Konversion zum einen oder anderen fremden Glauben entziehen wollten. Fragen über Fragen, auf die es offensichtlich keine Antwort gibt, die von allen Historikern gutgeheißen würde. Vor allem unter israelischen Historikern ist dieses Thema umstritten. Das ist verständlich, denn die erwähnten Historiker widersprechen der Legende von der biologischen Konsistenz des jüdischen Volkes während Tausender Jahre. Der Nachweis der lückenlosen Abkunft der heutigen von den biblischen Juden ist ohnehin kaum zu führen, weil die jüdischen Gemeinden zu allen Zeiten - wenn man von den wenigen Jahrhunderten der zwangsweisen Ghettoisierung in Westeuropa absieht - zahlreiche Konvertiten aufgenommen und so ihr kollektives Erbgut verändert haben. Ganz zu schweigen davon, dass, wie uns die einschlägige Forschung wissen lässt, im genetischen Würfelspiel vieler Generationen auch ohne sexuelle Vermischung mit fremden Ethnien auf lange Sicht ein steter Wandel vonstatten geht, wenn und weil die Lebensumstände dauerhaft wechseln. Aber die weltweiten Unterschiede zwischen jüdischen Gesichtern ist in erster Linie der ehelichen Verbindung von Juden mit vormaligen Nichtjuden zuzuschreiben. Von daher die physiognomische Vielfalt europäischer, afrikanischer, asiatischer, australischer und amerikanischer Juden. Dabei erfahren die jüdischen Gesichter in der Diaspora größere Veränderungen als die nichtjüdischen, weil die interreligiöse Verbindung auf beiden Seiten ein sehr verschiedenes Gewicht hat, wenn die Juden eine kleine Minderheit, die Nichtjuden die große Mehrheit der Bevölkerung bilden. Denn die absolute Zahl der religiösen Migranten ist auf beiden Seiten gleich, wenn nur die - interkonfessionellen - Heiraten zählen. Zehn von hundert Juden, die einen Nichtjuden heiraten, machen zehn Prozent der Juden aus, während zehn von zehntausend Nichtjuden, die einen Juden heiraten, gerade einmal ein Promille der Nichtjuden umfassen. Jüdische Gesichtszüge haben in der nichtjüdischen Umwelt kaum Spuren hinterlassen, während die sexuelle Verbindung mit Nichtjuden die jüdischen Gesichter vielfach gewandelt hat. Wenn man das alles zusammennimmt, dann gibt es kein “Jüdisches Gesicht” in dem Sinn, dass bei einer Mehrheit der Juden in diesem oder jenem Land bestimmte körperliche Merkmale konstatiert werden könnten, die sie von der Mehrheit der Nichtjuden in diesen Ländern deutlich und dauerhaft unterscheiden. Wenn wir der einschlägigen Forschung folgen, dann sind die - wie immer auch gemessenen - äußerlichen Unterschiede zwischen den Juden stets größer als die zwischen Juden und Nichtjuden der jeweiligen Länder. Juden sind keine Zinnsoldaten, die seit Jahrtausenden in der gleichen Form gegossen werden. Nüchtern gesagt: Sie eint nicht die Herkunft, sondern der Glaube. Er und nur er weist eine ungebrochene Verbindung zur biblischen Judenheit auf. So wie die Christenheit ungeachtet der ethnischen Vielfalt der Gläubigen ihre Geschichte bis zu den urchristlichen Gemeinden zurückverfolgen und sich als eine Kette von Generationen verstehen kann, die den christlichen Glauben weitergetragen haben. Niemand käme auf den Gedanken, die heutigen Christen als die direkten Nachkommen der Urchristen im Römischen Reich zu begreifen. Auch die Judenheit ist eine Gemeinschaft, die Menschen von mancherlei  Herkunft vereint. Von daher die Vielfalt jüdischer Gesichter..  V Den Juden wurden damals im Schulunterricht nicht nur das sprichwörtliche jüdische Gesicht und der jüdische Charakter, der sich hinter den körperlichen Merkmalen vorgeblich verbirgt, sondern auch eine besondere Sprechweise angedichtet. Auch wenn Juden fehlerfrei Deutsch sprächen, seien sie an der Intonation und jüdischen Redewendungen zu erkennen. Tatsächlich haben die Juden, die ich in meiner Jugend kannte, Deutsch wie andere Deutsche gesprochen. Mit geschlossenen Augen hätte man darum einen alteingesessenen deutschen Juden, dessen Vorfahren das Jiddische längst hinter sich gelassen hatten, nicht an seiner Intonation des Deutschen als Juden erkennen können. Viele, vor allem die einfachen Leute unter ihnen, haben den örtlichen Dialekt gesprochen. Auch meine jüdischen Angehörigen, kleine Leute, haben sich im örtlichen Dialekt verständigt, wenn sie nicht auf Ämtern vorsprachen und sich dort in gestelztem Hochdeutsch ausdrückten. Die den Juden angedichtete geheime Sprache gab es also damals nicht. Nur die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zugewanderten Ostjuden, Immigranten der ersten Generation, haben Jiddisch gesprochen. Dieses mittelalterliche Deutsch, mit slawischen und hebräischen Vokabeln durchsetzt, kam auch den alteingesessenen deutschen Juden befremdlich vor. Das Jiddische enthielt überdies Rachenlaute, die es so im Deutschen nicht gab. Es war für einen Deutschen leichter, Jiddisch zu lesen als es gesprochen zu hören und zu verstehen. Befremden lösten auch die ausgreifenden Gebärden und die ausgeprägte Mimik aus, körpersprachliche Besonderheiten der ostjüdischen Welt, die den deutschen Verhaltensnormen widersprachen. Denn die Körpersprache, vor allem also Mimik und Gestik, wurde von den wohlerzogenen deutschen Bürgern eher verhalten eingesetzt. Sparsame Gestik und Mimik, maßvolle Lautstärke, sorgsames Artikulieren und Wahren des Abstands zum Gegenüber waren Regeln, die früh gelernt sein wollten. Das waren zugleich Umgangsformen, die in der ostjüdischen Welt nicht galten. Das betrifft auch das Schachern, das den jüdischen Händlern und Geldverleihern nachgesagt wurde. Schachern, ein anderes Wort für das Feilschen, das Herunter- oder Heraufhandeln des Preises, hatte damals immer den Beigeschmack von unsauberen, unlauteren Geschäften, bei denen Christen von Juden vorgeblich übers Ohr gehauen wurden. Weil damals in Deutschland - anders als in der ostjüdischen Welt - im Einzelhandel bereits feste, für den Kunden sichtbare Preise üblich geworden oder gar vorgeschrieben waren. Im ländlichen Viehhandel, beim Hausieren und auf Trödelmärkten galt das nicht. Dort waren jüdische Händler häufig tätig, und dort wurden die Preise ausgehandelt und, wie am Wort zu erkennen, mit Handschlag besiegelt. Das ist im ländlichen Viehhandel vielerorts auch heute noch so, obwohl keine Juden mehr beteiligt sind. Ansonsten spielten und spielen Verhandlungen um Preise, Mengen und Termine damals wie heute natürlich überall eine Rolle. Sie waren und sind in allen Wirtschaftszweigen auch in der Gegenwart keineswegs Ausnahmefälle. Nur spricht man dabei nicht von Schachern oder Feilschen, weil kaum mehr Juden beteiligt sind. Wie das Schachern ist das Mauscheln damals als typisch jüdisches Gebaren genommen worden. So wurden Verhaltensweisen bezeichnet, die man heute Kungeln nennt und eher Politikern als Kaufleuten zuschreibt, bei denen man von Verhandlungen spricht. Unsaubere, undurchsichtige Abreden zulasten Dritter, fragwürdige Geschäfte, Mogeln und Täuschen wurden damals freilich den Juden angelastet, und “Mauschel” war vielerorts ein Synonym für Jude. Schachern und Mauscheln waren eben Wörter, die damals nur den Juden galten und abfällige Bedeutung hatten. Zusammen mit dem “Jüdischen Gesicht” und der “Jüdischen Sprache” umschrieben sie damals die antijüdische Vorstellung vom “Jüdischen Charakter”.  Bleibt zu erwähnen, dass  Juden vorgeblich am Knoblauchatem erkennbar waren, an einem Ergebnis reichlich gewürzter Speisen, die der germanische Küchenzettel zu jener Zeit noch nicht kannte. Auch nicht der Speiseplan alteingesessener Juden. Die Juden, die seit Generationen in Deutschland lebten, hatten die jüdische Sondersprache, das Westjiddische, seit der Öffnung der Ghettos aufgegeben und die deutsche Sprache, oft auch ihre Dialekte, übernommen. In der Synagoge, in der religiösen Unterweisung und in den täglichen Gebeten spielte Hebräisch, wenn es keine liberale, sondern eine orthodoxe Gemeinde war, zwar eine wichtige Rolle, aber das blieben für die meisten Gläubigen Vokabeln, die nicht geeignet waren, im Umgang miteinander und mit Christen Verwendung zu finden. Gebetstexte und Bibelverse lassen sich nicht gut für Alltagsgespräche verwenden. Kurz gesagt, die meisten Juden haben sich, weil sie zwar die hebräischen Schriftzeichen kannten, hebräische Texte aber nur mühsam entziffern konnten, die biblische Sprache also nicht wirklich beherrschten, untereinander nicht auf Hebräisch, sondern in den Landessprachen verständigt. Im Deutschen Reich also auf Deutsch, das sie sprachen wie alle anderen Deutschen. So wie französische Juden eben Französisch, englische Juden Englisch und spanische Juden Spanisch gesprochen haben. Die vorgebliche Zweisprachigkeit aller Juden in der Diaspora ist darum, wenn man die Rabbinen auslässt, die nach ihrem Studium natürlich Hebräisch und Aramäisch sprachen, lasen und schrieben, eine Legende. Schließlich waren auch nur wenige Katholiken des Lateinischen mächtig, das damals ihren Gottesdienst beherrschte. Und die Protestanten kannten das Altgriechische nicht, in dem der Urtext des Neuen Testaments geschrieben ist. Die alteingesessenen Juden, im 19. Jahrhundert aus den Ghettos befreit, waren jedenfalls an ihrer Sprache nicht mehr als Juden zu erkennen. Das Westjiddische war still gestorben. Allenfalls einige Wörter hatten in der Umgangssprache überlebt. Und jüdische Geschäftsleute haben untereinander das eine oder andere jiddische oder hebräische Wort verwendet. So sind, um Beispiele zu nennen, die jedermann kennt, “Chuzpe” als Ausdruck für Frechheit und Dreistigkeit oder “Massel” für Glück und Erfolg in die deutsche Umgangssprache eingegangen. Von vielen anderen Wörtern jiddischen oder hebräischen Ursprungs wissen die Christen, die sie unverdrossen gebrauchen, garnicht, woher sie stammen. Diese Wörter werden einfach als Bestandteile der örtlichen Umgangssprache genommen. Sie haben schlicht eine neue Heimat gefunden.  VI Das Bild, das damals in der Schule, in der Zeitung, auf Plakaten und in judenfeindlichen Pamphleten vom Juden gezeichnet und überzeichnet wurde, war das eines rastlosen und gerissenen Geschäftsmanns, der sein ehrliches und fleißiges nichtjüdisches Gegenüber belog und betrog und auf diese Weise schnell zu Geld kam, das er wiederum zu Wucherzinsen an Christen verlieh. Wie Parasiten, die vom Blut des Wirtswesens leben. Rastlosigkeit, Gerissenheit, Schläue und Falschheit waren die Vokabeln, die den jüdischen Charakter damals beschrieben. Vorgebliche Scheu vor der schweren Arbeit des Bauern, des Bergmanns, des Handwerkers, des Fabrikarbeiters und anderen produktiven Berufen. Stattdessen die Vorliebe des Juden für die unproduktive Tätigkeit im Handel, im Geldwesen und anderen vermittelnden Diensten, denen lange Zeit auch von gelernten Ökonomen, die durchaus keine Antisemiten waren, jegliche Produktivität abgesprochen wurde. Als ob materielle Produkte sich ohne die Hilfe von vielerlei Diensten überhaupt herstellen und an den Verbraucher bringen ließen. Als ob die Arbeit am Werkstück nicht selbst ein Dienst wäre, der mit Werkzeugen und an Maschinen geleistet wird. Unsinnige Unterscheidungen zwischen produktiven und unproduktiven Tätigkeiten, die damals ihren Weg in die wissenschaftliche Literatur und in die geläufige Beurteilung von Berufen und wirtschaftlichen Bereichen gefunden haben. Auch bei gestandenen Ökonomen, die sich erst spät auf die Einsicht eingelassen haben, dass die Herstellung immaterieller nicht anders als die materieller Marktobjekte Produktion wie jede andere ist. Allzulange hatten sie das dramatische Wachstum der Dienstleistungsproduktion ignoriert, in der heute in den Industrieländern die große Mehrheit der Menschen tätig ist. Wenn aber Dienstleistungen, wenn die Herstellung immaterieller Güter produktiv sind, dann waren damals eben auch der Handel in den Händen jüdischer Kaufleute und die Geldgeschäfte jüdischer Bankiers nicht anders als die Herstellung von Schuhen, Kleidern oder Schränken durch christliche Handwerker Teil der Produktion. Das eine kann ohne das andere nicht gelingen. Aber das hat man damals nicht so gesehen und die Juden als Schmarotzer diffamiert, die den ehrbaren deutschen Kaufleuten Arbeit und Brot wegnahmen.  Schmarotzer, das hieß mit anderen Worten, dass sie den Wohlstand der Christen geschmälert haben. Was Juden und ihre Rolle in der Wirtschaft angeht, so waren das, wie man leicht nachlesen kann, keine neuen, von Hitler und seinen Handlangern erfundenen Geschichten, sondern antijüdische Zerrbilder, die sich bis ins Mittelalter und in noch frühere Zeiten zurückverfolgen lassen. Wahr ist nämlich, wie Historiker beschreiben, dass Juden schon in der hellenistischen Welt und im Römischen Reich als Händler und Bankiers überregionale Netzwerke eingerichtet haben. Bereits vor der Zerstörung des Zweiten Tempels durch die römischen Legionen gab es jüdische Gemeinden in allen Teilen des Römischen Reichs. Die Gemeinden wuchsen in erster Linie nicht darum, weil die Juden viele Kinder hatten und auch nicht, weil Juden aus Judäa nachzogen, sondern weil die Juden erfolgreiche Missionare in der römischen Welt waren, bis das Christentum die Herrschaft gewann und den Juden die Missionierung verboten wurde. Es bedurfte darum keiner gewaltsamen Vertreibung der Juden in die Fremde, denn sie waren, anders als die jüdische Legende es will, längst aus freiem Willen über die römischen Provinzen verstreut. Und sie waren nicht nur Händler und Geldverleiher, sondern sie haben damals viele, vor allem handwerkliche Berufe ergriffen, denn es gab im Römischen Reich, wenn wir den Historikern folgen, lange Zeit kaum Berufsverbote für Juden. Sie waren auch von der Obrigkeit nicht in Ghettos eingesperrt. In den Judenvierteln, die es in den römischen Städten gleichwohl gab, lebten auch Nichtjuden, und viele Juden wiederum lebten außerhalb der jüdischen Viertel. Kein Wunder, dass sie damals viele Konvertiten aufgenommen, Nichtjuden geheiratet und Juden an andere Glaubensgruppen, vor allem natürlich an christliche Gemeinden, verloren haben. Erst im christlichen Europa sind die Juden auf die Rolle des Händlers und des Geldverleihers, des Finanziers der Fürsten, Städte, Bürger und Bauern eingeschränkt worden, weil es Christen verboten war, Geld gegen Zins zu verleihen. Den Juden andererseits war nun der Landbesitz und damit der Beruf des Bauern ebenso wie die Ausübung der meisten Handwerksberufe untersagt, so dass sie gezwungen waren, die wenigen Marktlücken zu besetzen, und das waren der örtliche ebenso wie der orts- und landesübergreifende Handel und Geldgeschäfte. Das schloss den Handel mit Edelmetall und Edelsteinen und deren handwerkliche Bearbeitung ein, denn diese Tätigkeiten waren damals nicht immer dem Zunft- und Gildenzwang unterworfen. Auch diese Tätigkeiten, vor allem der Fernhandel, wurden ihnen mitunter von der Obrigkeit untersagt. Und die Ausübung war an die Entrichtung hoher Abgaben gebunden. Es war damals teuer, als “Schutzjude” in Deutschland einem erlaubten Beruf nachzugehen. Im Handel und im Geldwesen waren die jüdischen Netzwerke, die sich manchmal über ganze Regionen und Länder erstreckten, ein erheblicher Vorteil, weil sie regionale Unterschiede der Preise ebenso wie örtliche Nachfrage- und Angebotsüberschüsse früh zu erkennen und zu nutzen erlaubten, denn das ständige Pendeln von Angehörigen und anderen Vertrauten sorgte für schnelle Information. Juden waren damals über die ökonomischen Tendenzen viel besser als ihre christlichen Kontrahenten und Konkurrenten informiert. Bei Geldgeschäften schufen die Familien- und Glaubensbande Vertrauen, das die Juden ansonsten nicht fanden. Sie waren und blieben Fremde, denen das Misstrauen der eingesessenen Christen galt. Und doch wurden, wie uns Historiker berichten, jüdische Ärzte oft aus dem Ghetto herbeigerufen, weil ihnen im Mittelalter ein Geheimwissen, geheime Praktiken und der Besitz wirksamer Arzneien angedichtet wurden, Heilmöglichkeiten, die die nichtjüdischen Mediziner vorgeblich nicht besaßen. Auch darin zeigte sich, dass den Juden von der abergläubischen Umwelt verborgene Kräfte, geheimes Wissen, Zauberkraft zugesprochen wurden, dass sie im Auge der Christen Andersartige waren. In Wirklichkeit besaßen und bewahrten jüdische Ärzte, wie man leicht nachlesen kann, das medizinische Wissen der Antike und der islamischen Welt, Kenntnisse, über die im Mittelalter die christlichen Ärzte ebenso wie die christlichen Bader und Scherer normalhin nicht verfügten, weil dieses Wissen nie den Weg nach Deutschland gefunden hat, in Klöstern geheim gehalten wurde oder in Vergessenheit geraten war. Diese jüdische Affinität zur Heilkunst ist bis in die Gegenwart wirksam geblieben. Ein Blick in amerikanische Ärzteverzeichnisse zeigt jedem, der sich mit jüdischen Namen ein wenig auskennt, den hohen Anteil jüdischer Ärzte an der gesamten dortigen Ärzteschaft. Das gleiche gilt, nebenbei gesagt, für die juristischen Berufe. Denn jüdische Knaben werden schon in frühen Jahren durch die Interpretation von Bibeltexten und talmudischen und rabbinischen Kommentaren zu formalistischem Denken, zum sorgsamem Abwägen von Argument und Gegenargument veranlasst, sie werden gewissermaßen zu kleinen Juristen, zu geübten Debattanten erzogen. Von daher der jüdische Wortwitz, der die Mehrdeutigkeit von Wörtern und Wortwendungen benutzt, um seine Wirkung zu erzielen. Von daher auch die Unsitte, unangenehme Fragen mit Gegenfragen außer Gefecht zu setzen. Viel „Jüdisches“ lässt sich in der Tat leicht mit der besonderen Art der religiösen Unterweisung jüdischer Knaben erklären. Jedenfalls leichter als mit der Annahme spezifischer Erbanlagen. Nicht jeder fleißige Tora- und Talmud-Schüler hat es freilich nach oben geschafft, ist Arzt oder Anwalt geworden. Jedenfalls gab es damals in meiner Umgebung viel mehr arme als reiche Juden, viel mehr kleine Handwerker, Händler, Hausierer und Vertreter als große und reiche Bankiers, jüdische Handelsherren, Goldschmiede und Juweliere, die ihren Geschäften anderswo nachgingen. Aber die armen Juden gaben kaum Stoff für gehässige Behauptungen der Christen her. Was zählt ist, dass die tradierte jüdische Berufswahl völlig unabhängig von vorgeblichen genetischen Dispositionen in den von den kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten verfügten Restriktionen eine plausible Erklärung findet. Die Juden haben damals wie in den Jahrhunderten zuvor schlicht die Berufe ergriffen, die ihnen zugänglich waren. Erst nach der Emanzipation im 19. Jahrhundert waren Juden in vielen Berufen tätig, die ihnen zuvor verschlossen blieben. Aber auch dort waren sie vor den antijüdischen Klischees nicht verschont, weil rasch der Anteil der Juden, die selbstständige Kaufleute, Fabrikanten, Reeder, Bankiers, Juweliere und Goldschmiede waren, deutlich größer, und der Anteil unter den Arbeitern und einfachen Angestellten erkennbar kleiner als bei den nichtjüdischen Berufstätigen war. Hinzu kam, dass nach der Öffnung der Gymnasien und Universitäten für Juden mit dem Anteil jüdischer Gymnasiasten und Studenten auch jener der jüdischen Anwälte, Ärzte, Architekten und Angehörigen anderer akademischer Berufe rasch wuchs. Juden waren, so klagten damals die rassistischen Judenfeinde, in den akademischen Berufen “überrepräsentiert”. So hat man uns das auch in der Schule mit Hilfe von Schautafeln beigebracht, auf denen Berufs- und Bevölkerungsanteile verglichen wurden. Dahinter steckte der Gedanke, dass die schlauen Juden, geduldete Fremdlinge allesamt, den törichten Deutschen viele berufliche Chancen stahlen. Als ob es ein Gesetz gegeben hätte, das Juden und Christen, die vor den Hitlerjahren gleichberechtigte Bürger waren, berufliche Quoten zuweist, die den Bevölkerungsanteilen entsprechen. Auch für Katholiken und Protestanten galten schließlich solche Regeln nicht, obwohl die Ausübung gehobener, besser bezahlter Tätigkeiten damals bei den Protestanten weit höher als bei den Katholiken lag, wenn man die Bevölkerungsanteile zum Vergleich nimmt. Gleichwohl hat Hitler ohne Zögern den Juden erneut den Zugang zu vielen Berufen verboten und dabei die mittelalterlichen beruflichen Restriktionen weit übertroffen. Der Exodus jüdischer Akademiker und ihrer Angehörigen setzte darum bald nach Hitlers ersten antijüdischen Erlassen und Gesetzen ein. Später ist mir klar geworden, dass der jüdische Bewährungs- und Behauptungswille, dem über Jahrhunderte durch staatliche und kirchliche Verbote Grenzen gesetzt worden waren, erst im Zuge der Industrialisierung und Liberalisierung im 19. Jahrhundert, der Öffnung der Berufs- und Bildungszugänge Möglichkeiten zur Entfaltung erhielt, die zuvor unerreichbar und undenkbar waren. Ein wachsender Teil der Bevölkerung lebte nun in den Städten und arbeitete in Fabrikhallen, Läden und Büros. Jetzt erst gewann der mittelalterliche Spruch “Stadtluft macht frei” auch für die Juden Geltung. Sie waren in unserer Stadt binnen weniger Jahrzehnte in der Tat im Vergleich zur christlichen Bevölkerung in den akademischen Berufen und als selbstständige Kaufleute stärker, als Angestellte und Arbeiter weniger stark vertreten als ihrem Bevölkerungsanteil entsprach. Es bleibt freilich festzustellen, dass es den Protestanten und Katholiken in dieser verstädterten, liberalisierten Welt nicht untersagt war, den Beruf des Arztes, des Anwalts oder eines selbstständigen Kaufmanns zu wählen. Auch die christlichen Angestellten und Beamten in unserem Viertel konnten ihren Söhnen und Töchtern den Weg zum Abitur und zum Hochschulstudium öffnen, wenn ihre Einkommen das - sei es auch nur bei großer Einschränkung der eigenen Lebensführung - erlaubten. Aber dem eigenen Aufstieg und dem der Kinder waren damals oft ungeschriebene Standesbarrieren und bescheidene, resignative Lebensentwürfe im Wege, die in jüdischen Familien keine vergleichbare Rolle spielten, weil sie ohnehin Außenseiter waren. Außenseiter, die freilich einen religiös gegründeten Behauptungs- und Bewährungswillen besaßen. Die Katholiken und Protestanten haben mit ihren eigenen Lebensentwürfen dazu beigetragen, dass sie in den genannten Berufen damals “unterrepräsentiert” waren. Ihre genetische Ausstattung war dabei gewiss nicht im Weg. Sie waren nicht durch mangelnde Begabung am Aufstieg gehindert. Das hat die spätere Entwicklung des deutschen Berufs- und Bildungswesens gezeigt. Später, das heißt nach dem Zweiten Weltkrieg, als es in Deutschland kaum noch Juden gab. Es waren andere Umstände, die den Protestanten und Katholiken lange Zeit verwehrt haben, ihre Begabung stärker in die akademischen Berufe oder in eine unternehmerische Tätigkeit zu lenken. Man muss darum nicht nur auf die Juden, sondern auch auf die Christen schauen, wenn man wissen will, warum die einen im Durchschnitt in einkommensträchtigen Berufen oft erfolgreicher als die anderen waren. Wer sich kein hohes Ziel steckt, wird es normalhin auch nicht weit bringen. Oder: Wo kein Wille ist, da ist auch kein Weg. Vielleicht erklärt sich die wachsende Verbreitung judenfeindlicher Vorurteile im kleinbürgerlichen und mittelständischen Milieu in jenen Jahren darum auch daraus, dass Juden sich getraut haben, was man selbst nicht wagte. Womöglich sind neben jahrhundertalten religiösen Vorbehalten Missgunst und Neid mächtige soziale Kräfte gewesen. Wer weiß, was da alles zusammenkam. Was die Juden, die ich damals kannte, neben ihrem Glauben von den anderen Menschen unterschied, war eine von Sarkasmus geprägte Sicht auf ihr Leben in einer nichtjüdischen Welt, war ihr “Jüdischer Humor”, der das Ergebnis scharfsinniger Beobachtungen durch Menschen war, die von ihrer Umgebung als andersartig, als fremd wahrgenommen und behandelt wurden, obwohl nichts Fremdes, nichts Andersartiges an ihnen festzustellen war, wenn man sie nicht durch die antijüdische Brille betrachtet hat. Aber hinter ihrem Schulterzucken und Kopfschütteln den offenen und versteckten Anfeindungen gegenüber, hinter ihren sarkastischen Wortwendungen und trockenen Witzen - der einzigen Waffe, die ihnen jenseits angepasster Lebensentwürfe blieb - verbarg sich letztlich die völlige Hilflosigkeit angesichts der törichten Attacken aus der nichtjüdischen, der christlichen Umwelt. Diesen Behelligungen haben sie sich nach Möglichkeit durch die Wahl selbstständiger Tätigkeiten entzogen. Das hat sie vor der Nähe vieler andersgläubiger Menschen und ihrer Vorurteile bewahrt. Für die Selbstständigkeit sprach auch, dass gläubige Juden damals wegen der besonderen Anforderungen ihres Glaubens in Hinsicht auf Gebets- und Arbeitszeiten und auf die Speisevorschriften, denen sie in der christlichen Arbeitswelt nicht leicht nachkommen konnten, die Selbstständigkeit einer abhängigen Tätigkeit vorgezogen haben. Das hatte ohnehin Tradition, denn jahrhundertelang war es Juden in Deutschland garnicht erlaubt, in abhängiger Arbeit ihr Brot zu verdienen. Allenfalls als Gesinde und Gehilfen wohlhabender Juden hatten sie Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ansonsten waren Juden auf bestimmte selbstständige Tätigkeiten im Handel und anderen Dienstleistungsbereichen verwiesen, und das hieß, sich im wirtschaftlichen Wettbewerb zu behaupten. Erst nach der staatsbürgerlichen Gleichstellung im 19. Jahrhundert standen den Juden andere Berufswege offen. Erst dann konnten sie auch akademische Berufe ergreifen. Und von diesen Möglichkeiten haben sie Gebrauch gemacht, ohne danach zu fragen, ob sie, gemessen an ihrem geringen Bevölkerungsanteil, am Ende “überrepräsentiert” sein würden. VII Im Gleichgang mit der Industrialisierung Deutschlands hat sich der Wandel von der religiösen zur rassistischen Judenfeindschaft vollzogen. Die Juden wurden nun nicht mehr oder nicht nur als Gottesmörder und Gottesleugner, sondern als eine diabolische Rasse beschrieben, die nach der Weltherrschaft strebt. Rationalismus, Liberalismus, Materialismus, Internationalismus, Individualismus, Pluralismus, Parlamentarismus, Sozialismus und Kapitalismus waren in dieser grotesken Sicht die intellektuellen Waffen des internationalen Judentums. Neben dieser abwegigen Verkleidung der antijüdischen Vorurteile wuchs indessen in der Weltwirtschaftskrise der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre auch die ökonomische Variante der Judenfeindschaft, die in den Juden die Ausbeuter, Wucherer, Halsabschneider, die Kapitalisten und Konkurrenten sah, die den tüchtigen deutschen Handwerkern, Fabrikanten und Händlern mit unlauteren Mitteln Arbeit und Brot wegstehlen. Viel später habe ich mir klar gemacht, dass das im Grunde Attacken auf die moderne, marktwirtschaftlich organisierte Industrie- und Dienstleistungswelt waren, in der Fabriken, Kaufhäuser und Filialbetriebe den Handwerkern und kleinen Händlern das Leben erschwerten, wenn sie sich dem Wandel der Märkte verschlossen. Denn der Schutz des Zunft- und Gildenmonopols und andere Berufsschranken wurden im kaiserlichen Deutschen Reich und in der Weimarer Republik im Zuge der wirtschaftlichen Liberalisierung für die meisten Berufe abgeschafft oder gemildert. Das war eine für die Betroffenen ungewohnte Welt, in der lange Geglaubtes und Gelebtes durch neue, fremde Lebensumstände entwertet wurden. Jetzt war die Bewährung auf dem Markt, das Bestehen im Auf und Ab der Konjunktur, im schnellen Wandel der Produkte und Produktionsmethoden geboten. In gleicher Richtung wirkte die zunehmende Konkurrenz in den freien Berufen. Dieser Gang in die Moderne und seine sozialen Konsequenzen wurden damals - wie lange zuvor die Pest, Missernten und Naturkatastrophen - von vielen Christen den Juden angelastet, die als Akteure und Profiteure dieser historischen Prozesse galten. Die ökonomische Judenfeindschaft war, wie ich in meiner Jugend im Alltag erfahren konnte, eine Sache vor allem des Mittelstands, der Händler, Handwerker, Ärzte, Architekten und anderer Akademiker, die sich in der schnell wachsenden und wechselnden industriellen Welt bedroht fühlten und einen Sündenbock für Schwierigkeiten in ihren Berufen brauchten. Den haben sie in den Juden gefunden, die ungeachtet ihrer geringen Zahl in der Tat im Prozess der Modernisierung, Liberalisierung und Demokratisierung in den westlichen Ländern eine sichtbare Rolle spielten. Als Unternehmer, Reeder, Bankiers, Verleger, Journalisten, Buchautoren, Wissenschaftler und Politiker waren viele von ihnen Pioniere der Modernisierung, die in Deutschland freilich erst nach zwei schrecklichen Weltkriegen Wirklichkeit wurde. Als es kaum mehr deutsche Juden gab. Der moderne Kapitalismus und seine institutionellen und ideellen Fundamente, die parlamentarische Demokratie mit ihren politischen Parteien und der Gewaltenteilung, die freie Marktwirtschaft und die freie Presse galten damals, in meiner Jugendzeit, vielen Menschen als jüdisches Werk, Menschen, die dem verschwundenen Bismarckreich, einem Obrigkeitsstaat mit parlamentarischen Ansätzen, beharrlich verbunden blieben. Obwohl die genannten Elemente der parlamentarischen Demokratie auch in der Weimarer Republik eigentlich nur auf dem Papier verwirklicht waren. Denn in parlamentarischen Patt-Situationen konnte der Reichspräsident, als ob er Kaiser des Bismarckreichs wäre, das Land mit Notverordnungen regieren oder das Parlament auflösen und Regierungen einstweilen nach eigenem Gusto ernennen. Und das Wachstum der radikalen Parteien auf der linken und rechten Seite des politischen Spektrums ebenso wie die Zersplitterung der übrigen Parteien haben immer wieder Anlass zu parlamentfernen Eingriffen gegeben. Die Weimarer Republik war, wenn man den Historikern folgt, ein deutscher Probelauf in die Moderne, in die westliche Zivilisation, der - in loser Folge aufgezählt und nicht gewichtet - am Verlust vertrauter Institutionen, am verlorenen Ersten Weltkrieg und seinen materiellen und ideellen Konsequenzen, an der Hyperinflation, der Großen Depression, dem Vordringen der linken und rechten politischen Extreme und der freiwilligen Überlassung der Staatsgewalt an einen Exoten namens Hitler gescheitert ist. Diese ungeliebte und erfolglose Republik wurde jedenfalls von der Rechten als Werk der Juden diffamiert. Wie die Niederlage im Ersten Weltkrieg, deren Kind die Weimarer Republik war. Eine Niederlage, die in dieser verschrobenen Sicht den Juden anzulasten war. Wie die Hyperinflation, die das Geldvermögen des deutschen Mittelstandes auslöschte. Die Geldentwertung betraf in Wirklichkeit nicht nur die christlichen, sondern auch die jüdischen Bürger. Auch sie haben das Geld verloren, das sie in deutsche Staatspapiere investiert hatten. Wie die Weltwirtschaftskrise, die, durch eine unkluge deflationäre Geld- und Finanzpolitik verstärkt, im Deutschen Reich Millionen Arbeitsplätze vernichtete. Darunter auch die vieler Juden. Das alles war in der Sicht der Rechten das Werk der Juden, die ihre Hände vorgeblich an allen Hebeln, in allen Taschen hatten. Die Juden, die unser Unglück sind. Beharrlich haben uns das damals, als Hitler unversehens Kanzler geworden war, unsere Lehrer, die nun alle das Parteiabzeichen am Revers trugen, vorgetragen. Lehrer, die den Schülern im Sportunterricht nicht Sport, sondern das Marschieren in Kolonnen beigebracht haben. Als ob wir kleinen Kerle bereits Soldaten gewesen wären, die sich aufmachen, die Welt zu erobern.  VIII Was ich nicht in der Schule, sondern im Alltag erfahren habe: Die Fabrikarbeiter, die damals die große Mehrheit der Werktätigen stellten, waren von der ökonomischen Judenfeindschaft, die den religiösen und rassistischen Aberglauben immer begleitet hat, im Grunde frei, wohl, weil sie in ihren Berufen selten von jüdischen Konkurrenten betroffen waren. In unserem Haus, in unserem Viertel, in dem vor allem Arbeiter und kleine Angestellte lebten, waren nach meiner Erinnerung auch in den Hitlerjahren kaum antijüdische Äußerungen zu vernehmen. Das gehörte nie zu den linken Glaubensartikeln. Die meisten Arbeiter in unserem Viertel haben bis zum Ende in jüdischen Geschäften eingekauft, Juden, die sie kannten, freundlich gegrüßt und - verlegene - Gespräche mit ihnen gewagt, auch als es längst verboten war. Gleiches lässt sich von den nichtjüdischen Geschäftsinhabern und selbstständigen Handwerkern in unserem Viertel nicht sagen. Sie haben antijüdische Plakate an ihre Schaufenster geklebt, haben Hakenkreuzfahnen gehisst, und sie sind oft in der braunen Parteiuniform herumstolziert. Deshalb wurden sie vom Volksmund Goldfasane genannt. Mancher von ihnen hat im Gespräch mit seinen Kunden die judenfeindlichen Klischees und andere Parteiparolen unverlangt verbreitet und Juden nicht mehr als Kunden bedient, obwohl das erst später verboten wurde. Das alles haben meine jüdischen Angehörigen und die jüdischen Nachbarn, Freunde und Bekannten damals beklommen beobachtet und berichtet.  IX Juden wird oft eine besonders hohe Intelligenz zugeschrieben. Das war auch in meiner Jugend so. Als ob Gott den Juden außer den Heiligen Schriften eine größere Portion Intelligenz als anderen Menschen mit auf den Weg gegeben hätte. Die projüdische Version des Klischees von der jüdischen Intelligenz war damals auf die Tatsache gestützt, dass Juden im Vergleich mit Christen höhere formale Bildungsgrade erlangten und größere Anteile in akademischen Berufen aufwiesen. Ebenso wurde der geschäftliche Erfolg jüdischer Fabrikanten, Kaufleute, Juweliere, Verleger, Bankiers und Reeder als Zeichen überdurchschnittlicher Intelligenz gedeutet. Dem Gebildeten waren die Namen großer jüdischer Schriftsteller, Philosophen, Komponisten, Wissenschaftler und Künstler Beleg für die schöpferische Kraft dieses Glaubensvolkes. In der Tat war damals im Deutschen Reich die Zahl der Juden in all diesen Hinsichten größer als die der Christen, wenn man sie auf die Bevölkerungsanteile beider Gruppen bezieht. Heute gilt diese Aussage immer noch für die USA und manche anderen Länder, in denen es messbare jüdische Bevölkerungsanteile gibt. Wie kann man diese herausragende jüdische Präsenz in anspruchsvollen Berufen erklären? Ist es ein geeignetes Erbgut oder sind es äußere Umstände, die Juden veranlassen, ihre Begabungspotentiale besser zu nutzen? Sind es also angeborene oder erworbene Eigenschaften? Und was sind die Gründe in diesem oder jenem Fall? Dazu finden sich, wie ich feststellen musste, in einschlägigen Publikationen ebenso viele Erklärungen wie Autoren, die eine schlüssige Antwort gefunden zu haben glauben. Bevor ich etwas zu diesen Erklärungen sage, die bereits in meiner Jugend im Umlauf waren, bleibt ein Blick auf die antijüdische Version der Behauptung, dass Juden im Durchschnitt intelligenter als Christen seien. Entsprechende Aussagen der Judenfeinde bedienten sich damals freilich solcher Worte wie Schläue, Verschlagenheit, Gerissenheit und Durchtriebenheit oder es wurde, wenn es um Buchautoren, Journalisten und andere Publizisten ging, von einer destruktiven Intellektualität der Juden gesprochen. Ihnen wurde die fehlende Verankerung im völkischen Geist, ihre kulturelle Fremdheit, ihr vorgebliches Anderssein vorgeworfen. Hier begegnet man also wieder der Rede vom destruktiven jüdischen Charakter, der den antijüdischen Rassisten ohne Vorbehalt als angeborene Eigenschaft der Juden gilt. Ihnen stellte sich die Frage nicht, ob die - negativ bewertete - jüdische Intelligenz eine erworbene Eigenschaft, ob sie Ergebnis des jüdischen Glaubens und der jüdischen Geschichte ist. Die genannten Eigenschaften wurden von den Rassisten als fest verwurzeltes biologisches Erbe genommen. Von daher die Forderung, die Juden und ihr verseuchtes Blut im Volkskörper auszumerzen. Das war auch in der Schule zu hören, Jahre, bevor die Deportationen begannen. Und es hat viele meiner nichtjüdischen, christlichen Schulkameraden veranlasst, Juden mit neugieriger Scheu zu betrachten und den näheren Umgang zu meiden. Als ob jene anders als andere Menschen gewesen wären. Natürlich kann und will ich die Diskussion um die vorgebliche Überlegenheit jüdischer Intelligenz nicht bis in in die Einzelheiten verfolgen. Mit Büchern, meist amerikanischer jüdischer Autoren, die dieses Thema erörtern, kann man ganze Regalwände füllen. Ernsthaft wird dabei diskutiert, ob es die jüdische Intelligenz als etwas gibt, was Juden schlechthin von Christen, Muslimen und allen Menschen anderen Glaubens unterscheidet. Wie Juden und Christen auseinandergehalten werden, wenn man ihre vergleichsweise Intelligenz zu bestimmen unternimmt. Wie man diese Eigenschaften bei beiden Kollektiven misst, was man also unter Intelligenz überhaupt versteht. Ob das jüdische Erbgut, falls es als generationenübergreifende Konstante überhaupt existiert, schöpferische Potentiale vermittelt, die im geeigneten Umfeld herausragende jüdische Beiträge zur menschlichen Kultur aktivieren, die den anderen Menschen nicht im gleichen Maße erreichbar sind. Ob es, falls das nicht eindeutig bewiesen werden kann, andere Umstände gibt, die dahin wirken, dass Juden ihre Intelligenz, ihre Kreativität in ihrem Lebenskontext wirkungsvoller aktivieren. Ob also Kräfte wirksam sind, die Juden stärker als Christen veranlassen, ihre angeborenen und erworbenen Fähigkeiten zur Gewinnung von materiellem Reichtum oder wissenschaftlicher, schriftstellerischer und künstlerischer Reputation einzusetzen. Oder ob es vielleicht im jüdischen Erbgut für Kreativität und Genialität zuständige Gene gibt, die auf ein geeignetes Milieu warten, um aktiv zu werden. Ob es also eine besondere genetische Ausstattung ist, die dafür sorgt, dass Juden auch als Geigen- und Klaviervirtuosen, als Dirigenten, Schachspieler, Schauspieler, Journalisten und Romanautoren weltweit erfolgreich sind. Dabei sind immer die jeweiligen Bevölkerungsanteile von Juden und Christen Vergleichsgrundlage. Ob die Jahrtausende lange Diskriminierung der Juden das Überleben der Intelligentesten verursacht und diesen Selektionsprozess von Generation zu Generation verstärkt hat. Ob also die von Darwin behauptete natürliche Auslese, das “Survival of the Fittest”, in der Diaspora wirksam war und ist. Oder ob die jahrhundertelange Endogamie der in Ghettos eingesperrten Juden neben genetischen Defekten intelligentere Menschen hervorgebracht hat. Ob umgekehrt die häufige Aufnahme von Konvertiten in die jüdischen Gemeinden, also die jahrhundertelange Aufmischung des jüdischen Erbguts durch vormalige Christen und Muslime die vergleichsweise Intelligenz der Juden befördert hat. Ob das Judentum womöglich besonders intelligente Konvertiten angezogen hat. Ob auf die Juden zutrifft, was man Migranten ganz allgemein zuspricht, dass es immer die Aktivsten, Schnellsten, Flexibelsten, Intelligentesten seien, die den Weg in die Fremde wagen. Eine ganz andere Art, das Klischee vom ewig wandernden Juden, von Ahasver, aufzugreifen. Oder ob das unberechenbare Risiko, Pogromen durch die Flucht in andere Länder entkommen zu müssen, nicht nur eine Präferenz für die Vermögensbildung in mobilen Formen, in Gold, Juwelen und Devisen, sondern auch das frühe Erlernen anderer Sprachen befördert hat. Sprachkenntnisse, die als immaterielles Vermögen in der Fremde nützlich werden konnten. Deren Erwerb überdies den Intellekt geschliffen hat, der bereits durch die naturgegebene Mehrsprachigkeit der Juden - dieses Klischee bezog sich einerseits auf Hebräisch, das damals in Wirklichkeit nur von den Rabbinen und wenigen orthodoxen Juden gesprochen, gelesen und geschrieben wurde, andererseits auf die jüdischen Sondersprachen, die in Wirklichkeit eine immer geringere Rolle spielten - einen Vorsprung verschaffte. Ob die Jahrhunderte alte Erfahrung, dass Juden im wirtschaftlichen Leben immer unter hohem Risiko tätig waren, dass sie nie wissen konnten, ob angedachte oder angebahnte Geschäfte auch gelingen würden, ihre Risikoaversion gedämpft und Juden darin geübt hat, dem Neuem, dem Unbekannten gegenüber offen zu sein. Oder ob es jüdische Netzwerke waren, die dem Einzelnen beim Start oder Ausbau seiner unternehmerischen oder akademischen Karriere geholfen haben. Auch, weil Netzwerke im Geschäftsleben das Risiko von Verlusten zu verteilen erlaubten. Ein Vorwurf, den die nichtjüdische Konkurrenz allemal erhoben hat, wenn ihre Geschäfte schlecht und die der ins Auge gefassten Juden nicht ganz so schlecht oder sogar gut liefen. Jüdische Netzwerke, die in den USA als Erklärung für jüdische Erfolge in der Wirtschaft, Wissenschaft, Kulturwelt und Politik immer noch herhalten müssen. Oder ob es Besonderheiten der jüdischen Partnerwahl waren, die die Chancen intelligenter Aspiranten verstärkt hat, ihre wertvollen Gene weiterzugeben. Das erinnert an die Erzählung, wonach in der Welt des Schtetl gutgestellte jüdische Väter für ihre Tochter einen Rabbiner, also einen Gelehrten, als künftigen Mann bevorzugt haben. Auch, wenn er ein armer Schlucker war. Oder an die hämische Rede gehobener Kreise, wonach es der Ehrgeiz ungebildeter jüdischer Emporkömmlinge sei, den eigenen Kindern über Geigen- und Klavierunterricht und den Besuch der höheren Bildungsanstalten den Weg noch weiter nach oben zu ebnen. Das alles sind Erklärungen, die damals im Umlauf waren, die man freilich nicht beim Wort nehmen muss. Es fehlen ernsthafte Antworten auf die Frage, ob die unbestreitbare jüdische Präsenz in den oberen und obersten Etagen des Unternehmertums, der Wissenschaft, der Literatur, Kunst und Publizistik angeborenen oder erworbenen Eigenschaften geschuldet ist. Ich denke zunächst an die Erklärungsversuche, die Juden ganz ohne ihr Zutun eine intellektuelle Überlegenheit bereits in die Wiegen legen. Dafür gibt es freilich keinerlei Beweis, der die einhellige Anerkennung der Fachwelt gefunden hätte. Genanalysen weisen jüdischen Probanden als Konsequenz der über Jahrhunderte erzwungenen Endogamie allenfalls eine höhere Wahrscheinlichkeit für genetische Defekte und die resultierenden Erbkrankheiten, aber keine höheren Intelligenzquotienten zu. Die These von der genetischen Superiorität der Juden entspringt einem Rassismus der anderen Art, der in die Nähe der Ignoranten im antijüdischen Lager führt. Dem Mythos von der im Erbgut festgelegten Überlegenheit des jüdischen Intellekts widerspricht die Tatsache, dass die Juden in den mittelalterlichen Ghettos und in geschlossenen jüdischen Siedlungsgebieten über Jahrhunderte hin kaum Neuerungen hervorgebracht haben, die als bedeutende Beiträge zum kulturellen Erbe der Menschheit genommen werden könnten.  X Anders, wenn man erwägt, ob die jüdische Religion, das von ihr geforderte lebenslange Studium der biblischen Texte und Kommentare, eine starke Bildungspräferenz begründet und jüdische Familien veranlasst hat, ihren Kindern, vor allem natürlich ihren Söhnen, auch um den Preis materieller Verzichte den Weg zur höheren Bildung und zu akademischen Berufen zu öffnen. Dahin wirkt auch die den jüdischen Knaben verordnete Pflicht, Tora- und Talmudtexte nicht einfach auswendig zu lernen, sondern sie in der Diskussion mit Lehrern und anderen Schülern zu hinterfragen, Argumente und Gegenargumente sorgsam abzuwägen. Das mag im Vergleich mit der christlichen Unterweisung einen ausgeprägten Rationalismus, eine Neigung zum Intellektuellen, ein Gespür für Wortsinn und logische Strukturen befördert haben. Ein sozialer Selektionsmechanismus, der die überdurchschnittliche jüdische Präsenz in der akademischen Welt erklären könnte. Oder ob das Zusammentreffen des Glaubens an das von Gott auserwählte eigene Volk mit der von der christlichen Umwelt zugewiesenen Rolle als Andersartiger, als Außenseiter - also das Aufeinanderprallen von divergierenden Fremd- und Selbstbildern der Juden - deren Intellekt geschärft und Neuem gegenüber geöffnet hat. Die Beobachtung, dass, wer selbst von der Umgebung in Frage gestellt wird, dazu neigt, die Umgebung in Frage zu stellen und Neuem gegenüber offen zu sein. Gründe über Gründe, die vielleicht erklären können, warum Juden in der Diaspora ihr intellektuelles Potential stärker nutzen als es Christen normalhin tun. Argumente, die in ihrer Widersprüchlichkeit und Vielfalt eher Verwirrung hinterlassen. Wenn man Juden die behauptete intellektuelle Überlegenheit den Katholiken und Protestanten gegenüber in der Tat zuspricht, dann leuchten am ehesten die Hypothesen ein, die davon ausgehen, dass das Zusammenprallen des jüdischen Selbstbilds mit dem antijüdischen Fremdbild der christlichen Umwelt kreative Energien, einen jüdischen Bestätigungs- und Bewährungswillen aktiviert, der die wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen vieler Juden erklärt. Die Tatsache, dass Juden in den mittelalterlichen Ghettos und in geschlossenen jüdischen Siedlungsgebieten über Jahrhunderte hin keine vergleichbaren Leistungen hervorgebracht haben, spricht vielleicht eher für diese Hypothese. Denn in diesen jüdischen Exklaven bestand für den Einzelnen weder ein Anlass noch die Möglichkeit, herausragende wissenschaftliche und künstlerische Werke zu schaffen. So hat das kleinstädtische Milieu in den ostjüdischen Siedlungsgebieten, ungeachtet jüdischer religiöser Gelehrsamkeit, kaum eine Ermutigung zu wissenschaftlichen und künstlerischen Aktivitäten geboten, die über den Tag und den Ort hinaus Geltung erlangen. Und die jiddische Literatur, das jiddische Theater und die jiddische Musik haben damals selten den Weg über die Grenzen gefunden. Was mich wie viele andere Menschen immer beeindruckt hat, das ist der hohe Anteil jüdischer Forscher an der Gesamtzahl der je verliehenen Nobelpreise. Die Zahl der Nobelpreisträger, die Juden oder Menschen jüdischer Herkunft waren, ist erstaunlich hoch, wenn man sie mit dem winzigen Anteil der Juden an der  an der Gesamtzahl der je verliehenen Nobelpreise. Die Zahl der Nobelpreisträger, die Juden oder Menschen jüdischer Herkunft waren, ist erstaunlich hoch, wenn man sie mit dem winzigen Anteil der Juden an der Weltbevölkerung vergleicht. Vor allem auch, wenn man sie, wie das manche Juden lieben, zu der geringen Zahl von Nobelpreisen ins Verhältnis setzt, die muslimischen Wissenschaftlern verliehen wurden. Juden, zwei Promille der Weltbevölkerung, haben rund zwanzig Prozent aller Nobelpreise gewonnen, die je verliehen worden sind. Und die Nobelpreise in Wirtschaftswissenschaften gingen zu zwei Dritteln an jüdische Ökonomen. Diese erstaunlichen Ergebnisse beweisen, wie gesagt, ohne weitere Annahmen garnichts über die durchschnittliche Intelligenz der Juden im Vergleich zu jener anderer Menschen. Es beschreibt nurmehr, dass - aber nicht: warum - einzelne Juden eher als ihre nichtjüdischen Kollegen und Konkurrenten wissenschaftliche Spitzenleistungen vollbracht haben. Und dass die Juden – anders als die Muslime - mehrheitlich in Ländern leben, in denen Wissenschaft eine große Rolle im öffentlichen Leben spielt. Der große Erfolg jüdischer Wissenschaftler verlangt eine Erklärung der Zugangs- und Erfolgswege in den Forschungsfeldern, in denen Juden sich hervorgetan haben. Fragen, die mit der Behauptung einer generellen intellektuellen Überlegenheit der Juden nicht beantwortet sind. Erst die Identifikation vieler Juden mit diesen herausragenden Forschern schlägt die Brücke zur jüdischen Lebenswelt, zum jüdischen Selbstbild. Auch das Genie von Kant, Goethe, Schiller, Bach, Beethoven, Brahms oder Wagner, um einige deutsche Namen zu nennen, besagt garnichts in Hinsicht auf die durchschnittliche Intelligenz der Deutschen. Oder über die Intelligenz von Katholiken und Protestanten, wenn und insoweit die eben Genannten diesen Konfessionen angehörten. Lässt man diese Vereinnahmung großer Geister durch menschliche Kollektive, die jene zu den Ihren zählen, außer acht, dann ist Raum für die Einsicht gewonnen, dass es nicht leicht möglich ist, religiösen oder ethnischen Kollektiven auf vernünftige Weise Durchschnittsnoten für ihre Intelligenz und ihre Kreativität zu erteilen, wenn die Resultate nicht bereits in den Annahmen der Untersuchung gesichert sind. Eine triviale Einsicht, die gleichwohl nicht nur Freunde besitzt. Denn auf jüdischer Seite fällt es manchem, der sich zu dieser Sache äußert, offenbar schwer, Glaubens- und weltliche Dinge auseinanderzuhalten. Gottes auserwähltes Volk ist nicht notwendig auch jenes, dem ein höheres Maß an Intelligenz und Kreativität verliehen worden ist als anderen Menschen. Davon ist in der hebräischen Bibel nichts zu lesen. Deren Autoren, die man nicht kennt, haben jedenfalls noch nichts von Intelligenzquotienten und Intelligenzvergleichen gewusst. Auch Einstein wäre im Milieu des mittelalterlichen Ghettos mutmaßlich kaum Einstein, das wissenschaftliche Genie, geworden. Er brauchte die moderne wissenschaftliche Welt, deren Grundlagen nicht von Juden geschaffen worden sind, weil ihnen der Zugang zur Wissenschaft in Europa bis zur staatsbürgerlichen Emanzipation zur Gänze verwehrt war. Erst danach tauchen in der Wissenschaft, in der Literatur, in der Musik und in der Malerei bedeutende jüdische Namen auf. Dann erst kann man fragen, wie diese Tatsachen zu erklären sind. Will man wissen, warum die jüdische Glaubensgemeinschaft seit der bürgerlichen Emanzipation so viele bedeutende Namen in der Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur Westeuropas und Nordamerikas hervorgebracht hat, dann muss man den Selektionsmechanismus erforschen, der einzelne Juden auf ihrem Gebiet nach oben bringt. Das ist eben nicht mit dem Hinweis auf eine allen Juden verliehene, im Erbgut verankerte Überlegenheit, auf die sprichwörtliche “Jüdische Intelligenz”, abgetan. Wenn in den USA ein weit überdurchschnittlicher Teil der Juden gute Schulen und Universitäten besucht, akademische Berufe ergreift und im eigenen Forschungsfeld mit hoher Motivation tätig wird, dann ist es wenig erstaunlich, dass ihr Anteil an wissenschaftlichen Auszeichnungen weit über dem Durchschnitt liegt. Dazu braucht es garnicht die geläufige Praxis einschlägiger Publikationen, in solchen Exzellenzvergleichen als Juden auch solche Menschen aufzuführen, die nur einen jüdischen Eltern- oder Großelternteil oder die den jüdischen Glauben längst aufgegeben haben. Auch ohne solche Korrekturen bleibt wahr, dass Juden nicht nur als unternehmerische Pioniere, sondern auch als Wissenschaftler und Schriftsteller ungewöhnlich erfolgreich sind. Was die Nobelpreise angeht, so zeigt sich die relative Dominanz jüdischer Forscher bereits in der Besetzung der Forschungsfelder, in den Publikationen der Forschungsergebnisse und bei der Nennung der Namen von Kandidaten an das Nobelpreiskommittee. Man muss also nicht die Anzahl jüdischer Nobelpreisträger, sondern die Präsenz jüdischer Forscher in den Forschungsfeldern und bei der Publikation der Forschungsergebnisse erklären. Das gilt auch für die vielen bedeutenden jüdischen Klavier- und Violinvirtuosen und die Vielzahl jüdischer Schachgenies. Immer muss man auf den sozialen Hintergrund blicken, der diese Erfolge möglich macht. Erfolge, die niemand bezweifeln sollte. Auch der häufige Hinweis auf die hilfreiche Zusammenarbeit in jüdischen Netzwerken nützt wenig, denn auch Netzwerke können Intelligenz und Motivation allenfalls fördern, aber nicht erzeugen.  X Ich habe in meiner Jugend ebenso wie als Erwachsener viele Juden kennengelernt, die intelligente Menschen waren, ohne gleich im Verdacht zu stehen, Genies zu sein. Wie immer man Intelligenz misst, und es gibt viele Möglichkeiten, sie zu bestimmen: Bis zum Beweis des Gegenteils gilt, dass Menschen jüdischen Glaubens im Durchschnitt weder klüger noch dümmer als andere Menschen, als Christen, Muslime, Hindus und Buddhisten, dass sie ganz normale Menschen sind und ganz normale Verteilungen der für solche Urteile relevanten Merkmale aufweisen. Aber offenkundig machen die Hochbegabten unter ihnen im geeigneten Umfeld mehr daraus. Juden schöpfen ihre Begabungspotentiale, wie es scheint, weit stärker aus als nichtjüdische Vergleichspopulationen. Sie sehen sich als Gottes Volk dazu aufgerufen. Darin gleichen sie anderen Minderheiten, die in einer fremden Umwelt bemerkenswert erfolgreich sind. Die menschliche Geschichte kennt viele solche Fälle, in denen der auffällige Erfolg eines ethnischen, religiösen oder sprachlichen Kollektivs zu der Vermutung veranlasst, dass besondere kollektive Gaben zur Geltung kommen. Der Stolz der einen und der Neid und die Missgunst der anderen sind schnell mit solchen Erklärungen bei der Hand. Das Klischee von der jüdischen Intelligenz erinnert an das vom englischen Humor, der deutschen Gemütlichkeit oder Humorlosigkeit, der französischen Gourmandise oder der italienischen Musikalität. Immer werden dabei in langer Zeit gewachsene - vielleicht längst verblichene -  soziale Verhaltensmuster mit genetischen Dispositionen verwechselt. Was wäre, frage ich, wenn zweifelsfrei feststünde, dass die Juden im Durchschnitt den Nichtjuden - in Westeuropa und Nordamerika also vor allem den Katholiken und Protestanten - in Sachen Intelligenz weit überlegen sind? Wenn also die üblichen Intelligenzvergleiche zu dem Ergebnis kämen, dass der katholische oder protestantische, womöglich auch der muslimische, buddhistische oder hinduistische Intelligenzquotient niedriger als der jüdische ist? Denn es sind, ausgesprochen oder nicht, Angehörige dieser Glaubensgemeinschaften, die in solche Vergleiche mit Vertretern des jüdischen Glaubens als Wettbewerber eingehen. Es werden letztlich nicht Ethnien, sondern religiöse Kollektive verglichen. Denn die Goyim, die Gentilen – also die Nichtjuden - mit denen viele Juden sich so gern vergleichen, sind ein fiktiver Glaubensverbund, der alle Menschen umfasst, die nicht jüdischen Glaubens sind. Menschen, die wie die Juden keiner bestimmten, präzise abgegrenzten Ethnie angehören, der man ein spezifisches Erbgut zurechnen könnte. Die genannten Ergebnisse würden keineswegs bedeuten, dass mit dem gemessenen Intelligenzquotienten auch der ökonomische und soziale Erfolg der jüdischen Testsieger zwangsläufig am höchsten wäre. Denn der Klassenbeste ist meist nicht auch der Erfolgreichste im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wettbewerb. Erfolg wird gemeinhin auch ohne Siege in solchen Intelligenzturnieren errungen, die sich einer obsessiven Präferenz für Vergleiche mit anderen religiösen Gruppen verdanken. Das spätere unternehmerische Genie findet selten schon in der Schule besondere Aufmerksamkeit. Von den meisten unternehmerischen Pionieren, die Juden waren, darf bezweifelt werden, dass sie in konventionellen akademischen Intelligenzvergleichen ganz vorne gelegen hätten. Denn diese Tests messen normalhin Eigenschaften, die für Erfolg oder Misserfolg im wirtschaftlichen Leben eher belanglos sind. Mancher Klassenprimus ist als kleiner Angestellter oder Beamter gelandet. Die moderne, vor allem die amerikanische Literatur schildert viele solche Fälle. Der bemerkenswerte Erfolg von Juden in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und in der Kulturwelt muss darum anders begründet werden. Er ist nicht einem imaginären jüdischen Intelligenzquotienten, sondern dem in einer langen Geschichte geformten, religiös fundierten Bewährungs- und Behauptungswillen jüdischer Menschen geschuldet, also erworbenen Eigenschaften, die von Generation zu Generation weiter gegeben werden und als soziale Selektionsmechanismen wirken. Natürlich gehört auch ein soziales Umfeld dazu, das dem Vorwärtsdrängen einzelner Juden Chancen bietet, die von Christen nicht in gleicher Weise wahrgenommen werden. Man muss den Blick auf beide Seiten richten. Die Erklärung jüdischer Erfolge verlangt einen Blick auf den jüdischen Glauben und die jüdische Geschichte und nicht auf ein jüdisches Genom, das es es im Wortsinn womöglich garnicht gibt, weil vielerlei hinzugekommenes Erbgut unter den Juden seit biblischen Zeiten wirksam geworden ist. Auch die herausragende Rolle der calvinistischen Protestanten bei der Entstehung der modernen kapitalistischen Welt wurde von der Wissenschaft nicht mit einem calvinistischen Genpool, sondern mit den Besonderheiten des calvinistischen Glaubens erklärt - mit der Überzeugung, dass Gottes Gnade sich dem Gläubigen bereits hienieden, in seinem irdischen Erfolg offenbart, dass die Werke eher als der Glaube zählen. Eine Überzeugung, die - wenn man dieser Hypothese folgt - das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg offenkundig dort beflügelt hat, wo einem freien Unternehmertum keine obrigkeitlichen Hürden mehr im Wege standen. Das lässt sich für den lutheranischen Protestantismus nicht sagen, der diese calvinistische Gnadenlehre, das Würfeln um den Beweis für Gottes Gewogenheit, nicht teilt, für den nur der Glaube und nicht die irdischen Werke zählen, der aber auch, anders als in der Schweiz, in England und den Niederlanden, im Stände-, Zunft- und Gildensystem der deutschen Staatenwelt das soziale Umfeld nicht hatte, das einem freien Unternehmertum hätte förderlich sein können. Einen anderen interessanten Vergleich mit dem wirtschaftlichen Erfolg vieler Juden nach ihrer staatsbürgerlichen Emanzipation erlaubt die winzige, aber einfluss- und erfolgreiche religiöse Minorität der Parsen in Indien, die mit dem Ghetto-Judentum die Praxis der ethnischen – und damit genetischen - Abgeschlossenheit teilt. Obwohl die Parsen nicht in Ghettos leben. Denn Parse wurde man lange Zeit nur als Kind parsischer Eltern und nicht durch Konversion. Selbst- und Fremdausgrenzung gingen wie bei den Juden lange Zeit Hand in Hand. Die Parsen, anders als die Juden in der Vergangenheit, waren und sind freilich in Indien eine Glaubensgemeinschaft mit hohem Prestige. Erst in den letzten Jahrzehnten werden unter den Parsen – angesichts der Geburtendefizite – Heiraten mit Nichtparsen als Ausnahmen akzeptiert. Oder die chinesische Minderheit im muslimischen Indonesien und anderen südostasiatischen Staaten. Auch dort verbindet sich die Selbst- und Fremdausgrenzung einer Minorität mit dem unternehmerischen Engagement der Chinesen, die den Menschen der muslimischen Majorität nur in Grenzen möglich war. Oder die Protestanten im katholischen Spanien. Leicht lassen sich weitere geschichtliche Orte und Epochen finden, in denen gruppen- und glaubensspezifische Besonderheiten Minoritäten eine herausgehobene soziale Position verschafften, was leicht zu dem Aberglauben verführte, dass die Angehörigen dieser erfolgreichen Minderheiten über naturgegebene Eigenschaften verfügen, die ihren Erfolg erklären. In Wirklichkeit handelt es sich immer um das Zusammenwirken von Selbst- und Fremdausgrenzung der verglichenen Kollektive. Mit dem Wegfall solcher inneren und äußeren Schranken verschwinden auf lange Sicht auch die gruppenspezifischen Erfolgsunterschiede.