Willy Rink
Die Erfindung des ewigen Juden
Ein Rückblick auf wahnhafte Vorurteile im Dritten Reich
Für
Zerline Löwenberg
Lothar Löwenberg
Kurt Löwenberg
Helga Löwenberg
Karl Heinz Löwenberg
Klara Ackermann
Arthur Ackermann
Selma Löwenstein
Hermann Löwenstein
Ilse Löwenstein
Menschen meiner Jugendwelt, die deportiert und ermordet wurden
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Inhalt
Vorwort
Jüdische Gesichter
Jüdische Idiome
Jüdische Berufe
Jüdische Namen
Jüdische Schläue
Jüdische Rasse
Jüdischer Glaube
Nachwort
Anhang:
Tödliche Definitionen
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Vorwort
Dieses Buch gibt den Inhalt einer Reihe von Vorträgen über das wahnhafte Judenbild in Hitlers Drittem Reich wider, die ich vor einiger Zeit als Visiting Professor an einer amerikanischen Hochschule, also in einer anderen Sprache, vor Hörern aller Fakultäten, gehalten habe. Diese Vorträge, nun ins Deutsche und vom Redemanuskript in Buchtext übertragen und um mancherlei Gedanken und Erinnerungen erweitert, haben damals bei den jungen amerikanischen Hörern große Aufmerksamkeit gefunden, weil sie vom Holocaust zwar wussten, aber die Hintergründe des Judenhasses und Judenmordes in Hitlers Deutschem Reich kaum kannten. Allenfalls die unfassbaren Opferzahlen waren ihnen geläufig. Das wird bei vielen jungen Deutschen heute kaum anders sein. Die meisten von ihnen wissen nicht wirklich, was damals geschehen ist. Hier zur Aufklärung beizutragen, ist die Absicht des Verfassers.
Das Buch, das nun vorliegt, gilt dem Andenken jüdischer Menschen, die zum Alltag meiner Jugend in einer deutschen Stadt gehört haben. Angehörige, Freunde, Nachbarn, Bekannte. Der Name dieser Stadt, es war Wiesbaden, tut nichts zur Sache, es hätte jede beliebige andere deutsche Großstadt sein können, denn die Judenverleumdung und Judenverfolgung waren damals, in meiner Jugendzeit, allgegenwärtig. Es gab in Hitlers Drittem Reich keine öffentliche Enklave der Menschlichkeit. Es geht in diesem Buch um die Erinnerung an Menschen, die Hitlers Mordgesellen zum Opfer fielen, wenn sie das Land nicht rechtzeitig verlassen konnten oder wollten. Es geht um meine jüdischen Angehörigen. Um die jüdischen Eigentümer des Hauses, in dem wir wohnten und die beiden anderen jüdischen Familien im Haus. Um die jüdischen Kaufleute in unserem Viertel, bei denen wir ständige Kunden waren. Um den jüdischen Schuhmacher und den jüdischen Schneider, die unversehens nicht mehr für ihre christlichen Kunden arbeiten durften. Um den jüdischen Kinderarzt, der mich, das Kind armer Leute, ohne Honorar behandelt hat. Der den weiten Weg von seiner Praxis im Villenviertel zu uns, ins Westend, in dem kleine Leute wohnten, nicht scheute, als ich die Masern oder Scharlach hatte. Um den jüdischen Lehrer, den alle Schüler respektierten, weil er im Ersten Weltkrieg deutscher Soldat und Träger des Eisernen Kreuzes I. und II. Klasse war. Ein Lehrer, der uns mit leuchtenden Augen berühmte Gedichte und Geschichten so nahebrachte, dass auch wir kleine Buben leuchtende Augen bekamen. Ein Pädagoge, der die Schule gleichwohl verlassen musste, weil er Jude war. Es geht um die wenigen jüdischen Schul- und Spielgefährten, die freilich bald, mit oder ohne ihre Eltern, das Land verlassen haben. Ich könnte andere Juden nennen, denen ich damals begegnet bin. Menschen aus unserem Viertel, die deportiert und ermordet wurden, weil ihnen die Ausreise, die Flucht, nicht rechtzeitig gelungen ist oder weil sie trotz aller Demütigungen ihre Heimat nicht verlassen wollten. Menschen, die ich natürlich nicht alle gut kannte. Das gilt erst recht für die zahlreichen Juden, die in den besseren Stadtvierteln wohnten. Fabrikanten, Kaufleute, leitende Angestellte, höhere Beamte, Rechtsanwälte, Architekten, Ärzte und andere Angehörige freier Berufe. Ihre gesellschaftlichen Positionen und ihre schönen Häuser und stattlichen Etagenwohnungen in den Villenvierteln haben sie nicht vor der Deportation bewahrt. Sie starben wie meine jüdischen Angehörigen und unsere jüdischen Nachbarn und Bekannten in Buchenwald, Dachau, Auschwitz, Theresienstadt, Belcec, Sobibór, Majdanek und anderen Schreckensstätten. Bis auf jene, die ihrem Leben ein Ende setzten, als sie deportiert werden sollten. Das waren in unserer Stadt rund sechzig Menschen. Jeder zwanzigste der Juden, die vor den Deportationen noch in unserer Stadt lebten, hat sich damals das Leben genommen. Das Gift hatten sie sich rechtzeitig beschafft.
Ich bin, Sohn einer evangelischen Mutter und eines jüdischen Vaters, damals von einem Katholiken, dem zweiten Mann meiner Mutter, adoptiert worden und so – als Sohn einer christlichen Familie - jeglichen judenfeindlichen Attacken entkommen. Denn es gab damals keinerlei Anlass, meiner Herkunft nachzuforschen. Das konnten jene meiner Cousins und Cousinen nicht von sich sagen, die ebenfalls christlich-jüdischen Ehen entstammten, aber der Jüdischen Gemeinde angehörten, weil ihre Eltern es so beschlossen hatten. Denn Hitlers Schergen haben sich ungeachtet ihrer rassistischen Rhetorik an die Mitgliederverzeichnisse der Jüdischen Gemeinden, allenfalls noch an die Karteien der Meldebehörden gehalten, wenn sie feststellen wollten, wer in ihren Augen Jude oder sogenannter Judenmischling war. Die üblichen Klischees vom Aussehen und Verhalten der Juden haben ihnen jedenfalls nicht geholfen. Nun also, alt geworden, kann und will ich die Fragen noch einmal stellen, die mir in meiner Jugend niemand beantwortet hat. Was es denn mit den antijüdischen Vorurteilen auf sich hat, die damals in der Schule ebenso wie im Alltag verbreitet wurden. Böswillige Bilder, denen man auch heutzutage und hierzulande, wenngleich selten, immer noch begegnen kann. Das gilt auch für die projüdischen Klischees, die damals von gutwilligen Zeitgenossen vorgebracht wurden, von gläubigen Christen, die sich dem Nächsten verbunden wußten und aufgeklärten, liberalen Menschen, die sich gegen den verordneten Judenhass wehrten. Argumente, die ebenfalls heute noch zu hören sind. Denn Judeophobie und Judeophilie sind, wie mir viel später klar geworden ist, Zwillinge, die sich nur im Vorzeichen ihrer Vorurteile unterscheiden. Sie gehören zusammen, weil sie Juden nicht als normale Menschen sehen wollen, als Menschen wie Dich und mich. Menschen, die sich nur durch ihren Glauben und seine unheilvolle Geschichte von den Christen unterscheiden. Gleichwohl gilt dieses Buch vor allem den antijüdischen Vorurteilen, denen ich in meiner Jugend begegnet bin. Antijüdische Klischees, die einen Juden erfunden haben, den es niemals gegeben hat. Diese von Hass und Neid erfundene Gestalt des Juden steht im Mittelpunkt meines Textes. Ich will, älter und alt geworden, endlich festhalten, was es mit den Vorurteilen auf sich hat, die damals, in meiner Jugend, in der Schule verbreitet wurden. In allen Fächern. Selbst der Religionsunterricht war damals nicht immer frei von Anbiederungen an Hitlers verzerrte Gedankenwelt. Der ewige Jude: Das Klischee vom jüdischen Gesicht, von der jüdischen Mimik und Gestik, der jüdischen Sprache, dem Mauscheln, dem Schachern, den deutschjüdischen Namen als anmaßender Verkleidung fremder Herkunft und den Berufen, in die die Juden vornehmlich drängten, weil ihnen schwere, vor allem körperliche Arbeit vorgeblich nicht lag. Die abfälligen Reden von der jüdischen Intelligenz, die von den Judenfeinden als Geschäftstüchtigkeit, Durchtriebenheit und Gerissenheit oder, wenn es um Schriftsteller, Wissenschaftler, Journalisten, Schauspieler und Regisseure ging, als destruktive, volksferne Intellektualität verleumdet wurde. Ich werfe, wie gesagt, im Vorbeigehen auch einen Blick auf die judenfreundlichen Klischees, die damals als Begleiter der herrschenden Judenfeindschaft von manchen Menschen vertreten wurden. Und ich beschreibe die Verachtung vieler alteingesessener Angehörigen der Jüdischen Gemeinde in unserer Stadt gegenüber den später zugewanderten Ostjuden, die von jenen als befremdliche Glaubensgenossen, als ungebetene Gäste wahrgenommen wurden. Aber diese innerjüdischen Dissonanzen, die widersprüchlichen Selbstbilder unter Juden, sind nicht zu verstehen, wenn man die antijüdischen Vorurteile der anderen Deutschen nicht kennt, die damals den Westjuden nicht anders als den Ostjuden galten.
Irritiert von den antijüdischen Parolen, die damals den Schulunterricht beherrschten, wollte ich erfahren, ob die Juden eine Glaubens- oder eine Herkunftsgemeinschaft oder beides sind. Von einer jüdischen Nation war in jenen Jahren auch unter den Juden, wenn sie nicht Zionisten waren, noch keine Rede. Man sprach allenfalls vom jüdischen Volk und meinte die Menschen jüdischen Glaubens. Die Antwort ist wichtig, denn den Glauben kann man in der Not verleugnen, die Herkunft nicht, wenn sie in Karteien und Dokumenten festgehalten ist. Herkunft, das hiess damals im Schulunterricht Rasse. Arische oder jüdische Rasse. Die vielen anderen Völker auf dieser Erde, die Mehrheit aller Menschen, wurden in der Schule damals so gut wie gar nicht erwähnt. Immer nur die Arier und die Juden, die unser Unglück sind. Ihre vorgebliche Rasse, ihre Herkunft, war für Juden ein unsichtbares, ein imaginäres Brandmal, das bis zum Tod haftete und niemals und von niemandem jemals entfernt werden konnte. Auch durch den Wechsel zum Christentum blieb der Jude dem Rassisten, was er immer war. Der von Verachtung, Neid und Missgunst erfundene Fremdling, der nicht dazu gehörte. Der ewige Jude.
Auf dieser Reise in die Vergangenheit stelle ich mir natürlich die Frage nach der jüdischen Identität, also danach, was Menschen zu Juden macht. Ob das Judentum wie das Christentum, der Islam und andere große Religionen ein Glaube ist, der allen Menschen offensteht, oder ob es den Nachweis jüdischer Herkunft, die vermeintliche Abstammung von den biblischen Urvätern braucht, um Jude zu sein. Einen ethnischen Pass, sozusagen. Ob die Juden - jenseits aller anti- und projüdischen Vorurteile - eine Glaubensgemeinschaft, ein Volk, eine Nation oder eine Rasse sind. Damit will ich Antworten auf Fragen finden, die mir in meiner Jugend niemand geben konnte oder wollte. In meiner Familie wurde die Erörterung dieser Dinge eher gemieden. Man wolle sich mit dem Unfug, der über Juden verbreitet wurde, nicht befassen, wurde mir damals gesagt. Darum war ich den antijüdischen Parolen lange irritiert ausgesetzt, Vorurteilen, denen ich in der Schule, im Radio, im Kino, in der Zeitung und auf Plakaten begegnet bin. Vielleicht geht es auch dem Leser dieses Buches so, der einer anderen Generation angehört und niemals recht verstanden hat, was damals, in den Hitlerjahren, in Deutschland geschehen ist. Wirklich verstehen - ich meine damit: sich fremdes Denken, Fühlen und Handeln als eigenes vorzustellen - kann das freilich, vorab gesagt, ein Heutiger auch dann nicht, wenn er sich redliche Mühe gibt. Denn was damals geschah, liegt jenseits der Grenzen unseres Verständnisvermögens. Die äußeren Abläufe, von Historikern und Zeitzeugen festgehalten, nehmen wir zur Kenntnis, aber die Beweggründe der Akteure bleiben für immer rätselhaft, bleiben fremd. Sie verharren im Dunkel einer fremden Vorstellungswelt.
Dieses Buch berichtet nicht vom Schicksal einzelner Juden, die ich als Knabe kannte. Verwandte, Nachbarn, Freunde und Bekannte. Das habe ich in meinem Buch „Das Judenhaus“ (2010) bereits getan. Es geht allein um die antijüdischen Vorurteile, denen diese Menschen ausgesetzt und die das Startsignal zu schrecklichen Verbrechen waren. Es geht, erneut gesagt, nicht um den wirklichen, sondern um den vom Vorurteil, vom Hass, vom Neid erfundenen Juden. Damals stand ich diesen judenfeindlichen Zerrbildern ratlos und hilflos gegenüber. Ich hatte jüdische Angehörige, ich kannte andere Juden, ich verstand aber als Knabe nicht wirklich, was es bedeutete, Jude zu sein. Ich wußte nur so viel, dass fromme Juden nicht in die katholische oder evangelische Kirche, sondern in die Synagoge gingen. In das große, fremdartige Gotteshaus mit seiner glänzenden blauen Kuppel, das mitten in der Stadt stand, bis es von Hitlers Leuten angezündet wurde. Meine jüdischen Onkel und Tanten lebten allesamt in christlich-jüdischen Ehen, und ich habe nicht erlebt, dass einer von ihnen je in die Synagoge oder in eine christliche Kirche gegangen wäre. Geschweige denn, dass sie im Familienkreis Gebete gesprochen und religiöse Feste begangen hätten. Allenfalls ihre Kinder haben sie einvernehmlich bei der jüdischen oder einer christlichen Gemeinde angemeldet und mit dieser Wahl, ohne es zu wissen, über deren späteres Schicksal entschieden. Denn „Halbjuden“, die der jüdischen Gemeinde angehörten, wurden unter Hitler als Juden behandelt. Sie waren „Geltungsjuden“, und sie wurden später mit ihren jüdischen Angehörigen in den Tod geschickt. Ihre Cousins und Cousinen, die einer christlichen Gemeinde angehörten, kamen glimpflich davon, obwohl sie ebenfalls „Halbjuden“ waren. Sie wurden nicht deportiert und ermordet, durften aber die staatlichen Schulen nicht mehr besuchen und waren mancherlei weiteren Schikanen unterworfen. Das blieb mir, wie gesagt, erspart. Aber in mir lebte immer die Angst, dass man meine Herkunft aufdecken könnte.
Meine jüdischen Angehörigen waren allesamt Areligiöse, waren linke Aktivisten, die an Marx und die kommende kommunistische Welt, an Kampf und Sieg des Proletariats und nicht an biblische Gestalten und Geschichten glaubten, und darum wußte ich eben als Knabe nicht wirklich, nicht richtig, was es bedeutete, Jude oder Christ zu sein. Darüber wurde, wie gesagt, nicht gesprochen, weil es offenbar keinen plausiblen Anlass gab. Darum war ich, wenn ich zurückblicke, als kleiner Junge ratlos der von Hass und Verachtung getränkten antijüdischen Hetze ausgesetzt, die damals von Goebbels und seinen Gehilfen erdacht und geschickt gelenkt worden ist. Dieses Gift, das den ungewappneten Verstand durch absurde Vorurteile zu verwirren vermochte, war allgegenwärtig. Im Kino, im Radio, in der Zeitung, in Illustrierten, auf Flugblättern, auf Plakaten und vor allem im Schulunterricht und in den Schulbüchern, die nach Hitlers Machtübernahme ausgetauscht worden waren. Wie die Lehrer, die nun, wenn sie bleiben durften, das Parteiabzeichen trugen und antijüdische Parolen weitergaben. Ihre Erzählungen von den jüdischen Drückebergern und Kriegsgewinnlern, von der jüdischen Presse, die im Ersten Weltkrieg mit ihren defaitistischen Berichten den Durchhaltewillen des deutschen Volkes zerstörte, von den jüdischen Gewerkschaftsbonzen, die mit Streiks die Kriegsproduktion lahmlegten und so den heimtückischen Dolchstoß gegen die kämpfende Truppe führten, die angeblich vor dem Endsieg stand. Die Lüge von den jüdischen Finanzhalunken, die die wehrlosen deutschen Menschen durch die Hyperinflation um ihr Vermögen brachten. Das Klischee vom Weltjudentum und seiner verderblichen Rolle in der Menschheitsgeschichte. Das Weltjudentum, das - eine groteske Sicht - einerseits den Kapitalismus im Westen, andererseits den Bolschewismus im Osten erfunden hat, um die Menschen unter die jüdische Knute zu bringen. Dieser Aberwitz wurde darauf gestützt, dass Juden auch in London, New York und Moskau lebten und dass einige unter ihnen bekannte Führungsfiguren ihres Landes waren. Und immer wieder die Rede vom Kampf der arischen gegen die jüdische Rasse, die nach der Weltherrschaft strebe. Von den Juden, die als Schmarotzer vom Blut ihrer Wirtsvölker lebten. Den Juden, die unser Unglück sind. Juden, die man an ihrem Gesicht, ihrem Körper, ihrer Sprache und ihrem Verhalten erkennen kann, wenn man aufmerksam ist. Während dieser Erzählungen unserer Lehrer habe ich immer an meine jüdischen Angehörigen, an die jüdischen Nachbarn, die jüdischen Spielgefährten und die anderen Juden denken müssen, die ich als Knabe kannte. Zwischen ihnen und den finsteren Gestalten, die da im Schulunterricht geschildert wurden, konnte ich keinerlei Ähnlichkeit entdecken. Und zu Hause wurde, wie erwähnt, nicht darüber gesprochen, weil man diese törichten Parolen, das Zerrbild des vom Hass, vom Neid und der Abscheu erfundenen Juden, lange, allzulange nicht ernst genommen hat. Meine Angehörigen haben Hitler, dieser befremdlichen, aus dem Nichts aufgestiegenen Gestalt, allenfalls einige Jahre bis zum erwarteten Scheitern gegeben. In ihrer Sicht war er nichts weiter als der Knecht des Kapitals, das ihn an die Macht gebracht hatte. Sie haben diesen Mann, seine Intelligenz und seinen besessenen Willen, wie wir nun wissen, leichtfertig unterschätzt. Und die historischen Umstände, die ihm entgegenkamen, sträflich verkannt, weil sie nicht in ihr marxistisches Weltbild passten. Darum wollten sie nicht über die antijüdischen Argumente sprechen, denen ich damals allerorten begegnet bin. Schon gar nicht mit einem naseweisen Schüler, der von Politik nichts verstand. Sie haben stattdessen kommunistische Flugblätter verteilt, sind verhaftet, verurteilt und eingesperrt worden. Noch nicht, weil sie Juden, sondern weil sie Kommunisten waren. Wie viele andere Juden, Arbeiter und Intellektuelle, die damals im Kommunismus den Weg auch zu ihrer eigenen Emanzipation gesehen haben. Darum bin ich lange ohne Antwort auf meine Fragen geblieben. Stattdessen hat man mich bereits als Kind mit linken, mit marxistischen Glaubensartikeln gefüttert. Einen Kommunisten hat das freilich damals nicht aus mir gemacht. Aber ich bin als kleiner Junge an der Hand eines Onkels oder einer Tante bei kommunistischen Umzügen mitgelaufen, und ich habe wie meine erwachsenen Angehörigen die Internationale laut mitgesungen. Soweit ich den Text kannte, der damals auf großen kommunistischen Versammlungen zu Schalmeienklängen gesungen wurde. Die marxistische Weltsicht hat mich erst später, während des Studiums interessiert, als Antikommunismus und Antisemitismus längst getrennt Wege gingen. Auch dann bin ich kein Marxist geworden, weil alles, was in Stalins Welt vonstatten ging, dagegen sprach. Aber das ist nicht Thema dieses Textes. Und damals, in meiner Knabenzeit, wurden die linken Aufmärsche bald durch die der SA, SS und der anderen Organisationen des Hitlersystems verdrängt. Es gab für kleine Buben wie mich keinen Grund, da mitzumarschieren. Und die linken Aktivisten, darunter meine Onkel und Tanten, hatte man ohne Zögern eingesperrt. Nicht, weil sie Juden, sondern Kommunisten waren. Schalmeien habe ich seitdem nie wieder gehört.
Dieses Buch ist, wie gesagt, keine Autobiographie. Kein Bericht, der dem Gang meines Lebens folgt. Keine detaillierte Schilderung von einzelnen Ereignissen oder von einzelnen jüdischen Menschen meiner Jugendwelt. Obwohl sie natürlich, wenn ich schreibe, immer vor meinen Augen sind. Aber es geht eben nicht um bestimmte Menschen und ihre Erlebnisse, sondern um die antijüdischen Vorurteile, denen ich in meiner Jugend begegnet bin. Von daher der Titel dieses Buches: Es geht nicht um die wirklichen, sondern um die erfundenen Juden, um ein Judenbild, das der törichte Hass geschaffen hat. Um Vorurteile, die in ihrer Summe den Boden gebildet haben, auf dem Hitlers Wahn und seine unbegreiflichen Verbrechen gedeihen konnten.
Bleibt zu sagen, dass ich kein Experte in Fragen des Judentums und seiner Geschichte bin. Ich habe darum den Wissenschaftlern, die sich von Haus aus mit diesen Dingen befassen, nichts Neues zu sagen. Zu jeder der angesprochenen Fragen existieren Fachpublikationen, mit denen man, alles in allem, Tausende Regalwände füllen könnte. Dort stehen sie natürlich auch, irgendwo und allesamt. Diese eindrucksvolle Expertise habe ich nach Maßgabe meiner Möglichkeiten respektvoll zur Kenntnis genommen. Ich kann und will sie nicht ergänzen oder gar übertreffen. Die Gedankenführung ist allein an meinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen orientiert und so, als forschenden Rückblick eines Einzelnen, sollte der Leser sie auch verstehen. Dieses Buch gibt nur das Fragen und die ganz und gar persönlichen Antworten eines Zeitzeugen wider, der versucht, die Gründe und Hintergründe der antijüdischen Vorurteile zu verstehen, die damals, in meiner Jugendzeit, verbreitet wurden. Dieser Text ist eine Erzählung, kein Forschungsbericht. Er spricht nicht Wissenschaftler, sondern neugierige Laien, vor allem junge Menschen an, die mehr über die damalige Zeit wissen wollen, über Vorurteile, die hier und da immer noch lebendig sind. Sie, die Schüler und Studenten, stehen als Leser vor meinen Augen, wenn ich schreibe. Als ob sie meine Enkel und Urenkel wären. Sie sollen sich ein Urteil über die judenfeindlichen Parolen bilden können, ohne sich im Dickicht von Fachausdrücken und fachlichen Hinweisen zu verirren, das sie in einem ernsthaften Studium der Fachpublikationen meistern müssten. Ich will es ihnen leicht machen, mehr über die Zeit zu erfahren, in der ich ebenfalls Schüler war. Über die Dreißiger und Vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen Hitler, der Mörder von Abermillionen Menschen, Herrscher des Deutschen Reiches war. Über Ereignisse, die für immer einen Schatten auf die Geschichte der Deutschen werfen.
31. März 2012
Willy Rink
Jüdische Gesichter
Viele Menschen waren damals, in meiner Jugend, sicher, dass sie Menschen jüdischen Glaubens, wenn sie ihnen begegnen, als Juden erkennen können. Abfällige Stereotypen über jüdische Nasen, Ohren, Augen, Lippen, Beine, Füße und Haare, kurz, über vorgebliche Körpermerkmale der Juden, beherrschten in den Hitlerjahren den Schulunterricht. Dieses Zerrbild jüdischer Fremdlinge war freilich keine Erfindung jener Zeit, und es wurde nicht nur im Schulunterricht verbreitet, sondern es lässt sich, wie ich später lernte, in Deutschland bis in das Mittelalter zurückverfolgen, als jüdische Familien sich im Westen Deutschlands in größerer Zahl niederließen. Die “Gottesmörder” und “Gottesleugner”, die sich weigerten, Christen zu werden, wurden zuweilen als Teufelswesen charakterisiert, die an ihren abstehenden Ohren, den dunklen und engstehenden Augen, der gebogenen Nase und den markanten Nasenflügeln, den wulstigen Lippen, krummen Beinen, platten Füßen und krausen Haaren zu erkennen seien. In mönchischen Werken jener Zeit kann man leicht solche Bilder des Juden finden. Deren vorgebliche körperliche Merkmale wurden als Warnzeichen für die Christen verstanden, den Brunnenvergiftern, rituellen Kindermördern und Verbreitern tödlicher Epidemien gegenüber Vorsicht walten zu lassen. Das haben Menschen geglaubt, auch wenn sie nie in ihrem Leben einen Juden wissentlich zu Gesicht bekommen haben. Das so phantasierte jüdische Äußere wurde schon damals als Widerschein eines diabolischen Charakters genommen.
Worin unterschieden sich die Juden, die ich in jungen Jahren kannte, von den Menschen anderen Glaubens? Den Katholiken und Protestanten? Gab es so etwas wie das "Jüdische Gesicht", von dem damals in der Schule so viel die Rede war? Hatten die Juden meiner Jugendwelt Ähnlichkeit mit den Fratzen, die von den Plakatwänden und -säulen herab den Passanten das verordnete Zerrbild des Juden aufdrängten? Den jüdischen Schurken, die in befohlenen Filmen deutsche Frauen schändeten und in den Freitod trieben? Den gerissenen jüdischen Geschäftsleuten, die ihre Kunden und Lieferanten, ehrbare deutsche Kaufleute allesamt, in den Bankrott zwangen. Den jüdischen Intellektuellen, die die deutsche Kultur verhöhnten. Den Juden, die unser Unglück sind.
Die Juden in unserer Stadt, die ich als Knabe kannte, zeigten wenig Ähnlichkeit mit den finsteren Figuren, die auf den Plakaten, auf den Flugblättern und in den Filmen dem Betrachter entgegentraten. Allenfalls einige orthodoxe Juden waren an Bart und Kleidung erkennbar, wenn sie die Straße betraten. Die alteingesessenen Juden, die ich kannte, ließen sich auch bei großer Aufmerksamkeit nicht von anderen Deutschen unterscheiden. Weder anhand der Kleidung, noch anhand des Gesichts oder ihrer Mimik, Gestik und Sprache. Meine jüdischen Angehörigen hatten ebenso wie die anderen Juden, die ich damals kannte, keine befremdenden, engstehenden Augen, keine abstehenden Ohren, gekrümmten Nasen, wulstigen Lippen und krausen Haare. Vielleicht mehr dunkle und weniger blonde Haare, mehr dunkle und weniger blaue Augen, mehr lange, schmale und weniger kurze, breite Nasen. Phänotypische Residuen, Relikte einer fernen Vergangenheit, einer langen Geschichte, die nahöstliche Gesichter ins nördliche Europa verpflanzt und durch die jahrhundertelange Ausgrenzung, durch die erzwungene Endogamie in der Ghettowelt erhalten hat. Erst die Öffnung der Ghettos hat durch die wachsende Verbreitung interkonfessioneller Ehen neue jüdische Gesichter hervorgebracht. Aber auch die Christen wiesen nicht immer die von der herrschenden Propaganda plakatierten deutschen Gesichter auf, denn im Laufe der Jahrhunderte haben viele fremde Armeen und Ströme von Immigranten und Transmigranten das physiognomische Repertoire der deutschen Bevölkerung aufgemischt und – vor allem im Westen und Süden des Landes - mancherlei Gesichtszüge hinterlassen, die dem damals verordneten Selbstbild der Deutschen nicht entsprachen. Jedenfalls war es nicht möglich, jemandem nach einem flüchtigen Blick ein jüdisches Gesicht zuzuweisen. Dafür war die physiognomische Vielfalt der deutschen, vor allem der großstädtischen Bevölkerung auch damals schon viel zu groß. Das hat freilich auch viele Juden nicht daran gehindert, von jüdischen Gesichtern zu sprechen, die an ihren über Jahrtausende bewahrten orientalischen Zügen erkennbar seien. In Wirklichkeit haben sich die physiognomischen Unterschiede damals, in meiner Kindheit, bereits in einem so großen Spielraum bewegt, dass ohne die antijüdischen Vorurteile, ohne das verordnete Zerrbild des Juden kein Grund bestanden hätte, von jüdischen Gesichtern zu sprechen. Jedenfalls, wenn es um alteingesessene jüdische Familien ging. Schließlich war es mehr als ein Jahrhundert her, dass die Ghettos abgeschafft und die erzwungene Endogamie beendet wurden. Allenfalls die vielen osteuropäischen Juden, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Westeuropa und Nordamerika ausgewandert sind, um dem Elend und der Verfolgung in ihrer Heimat zu entkommen, haben nicht nur fremde Gesichter, sondern eine fremde, dem Deutschen ähnliche Sprache, fremde Verhaltensweisen und seltsame Kleider mitgebracht, die sie als osteuropäische Juden erkennbar machten. Das galt nicht nur im Deutschen Reich und in der Habsburger Monarchie, sondern in allen europäischen Ländern, in denen sich die Ostjuden damals niedergelassen haben. Und in den Vereinigten Staaten, die das Ziel von Millionen ostjüdischer Auswanderer waren.
Wenn es also physiognomische Gemeinsamkeiten unter den Angehörigen des jüdischen Glaubens in der Tat gab und gibt - und wenn man die freche Frage unterdrückt: Lassen sich denn auch Katholiken und Protestanten derlei Gemeinsamkeiten zuweisen -, so bleibt, vorab gesagt, dass körperliche Eigenheiten nicht viel über Menschen erklären können. Denn aus den Gesichtszügen, der Haar- und Hautfarbe, der Schädelform oder anderen äußeren Merkmalen konnte damals nicht auf den Charakter und die Intelligenz des Menschen geschlossen werden, der solche Züge zeigt. Auch heute erlauben die Ergebnisse der ernsthaften Forschung keine solchen Schlüsse. Noch nicht. Die Frage, ob es typische jüdische Gesichtszüge gibt, läßt sich ganz unabhängig von jeglicher Rassendoktrin diskutieren. Anders gesagt, man kann diese Frage erörtern, falls sie einem überhaupt wichtig erscheint, ohne anzunehmen, dass ein Zusammenhang zwischen Gesicht und Charakter, Gesicht und Intelligenz besteht. Weil es eine solche Wertigkeit von Gesichtern außerhalb von Theater und Film nicht gibt. Was es braucht, ist zu definieren, wer Jude ist und welche mess- und vergleichbaren Eigenschaften jüdische und nichtjüdische Gesichter unterscheiden. Alsdann wäre eine repräsentative Auswahl von Juden einerseits, von Nichtjuden andererseits zu treffen, deren Gesichter in die Analyse eingehen. Welche Eigenschaften sollen alsdann ein Gesicht zum “jüdischen” machen? Hält man sich an die antijüdischen Zerrbilder, die über Jahrhunderte hin in Europa verbreitet waren, dann wären das, wie bereits beschrieben, eine niedrige Stirn, engstehende, dunkle Augen, abstehende Ohren, gebogene Nasen, starke Nasenflügel, breite Lippen und krauses Haar. Womöglich auch krumme Beine und platte Füße, obwohl das Verunglimpfungen waren, mit denen jüdischen Männern die Wehrfähigkeit abgesprochen wurde, die sie vielerorts und über lange Zeit ohnehin nicht besaßen. Jede dieser Eigenschaften müßte natürlich auf mess- und vergleichbare Weise bestimmt werden, und ein Vergleich der relativen Häufigkeit des Vorkommens dieser “jüdischen” Gesichtszüge bei der jüdischen und der nichtjüdischen - das hieß damals in Europa: der christlichen - Vergleichsgruppe würde dann darüber entscheiden, wer im Durchschnitt das “jüdischere” Gesicht hat - die Juden oder die Nichtjuden, die an dem Vergleich teilnehmen. Nimmt man Europa als Untersuchungsfeld - das schließt Südeuropa mit seiner Vielfalt von Gesichtern ein, die in Nordeuropa damals eher selten zu sehen waren -, dann möchte ich keine Wette darauf eingehen, welche der beiden Gruppen am Ende im Durchschnitt das “jüdischere” Gesicht aufweisen würde: Die jüdischen oder die nichtjüdischen, die christlichen Probanden. Weil die Welt voller Nichtjuden ist, die ein “jüdisches” Gesicht besitzen, und ebenso voller Juden, die ganz und gar kein “jüdisches” Gesicht aufweisen. Aber auch dann, wenn die meisten Menschen jüdischen Glaubens ein “Jüdisches Gesicht“ hätten, wenn ihr Äußeres dem verbreiteten Klischee entspräche, wäre kein Anlass, diesen körperlichen Merkmalen bestimmte charakterliche Eigenschaften zuzuweisen und so in die Fänge der rassistischen Physiognomik zu geraten. Die moderne Biologie stützt deren Behauptungen jedenfalls nicht. Darum ist es im Grunde überflüssig, Mutmaßungen über jüdische Gesichter anzustellen.
Wie gesagt: Das Klischee vom “Jüdischen Gesicht” haben die meisten Menschen damals, in meiner Jugendzeit, auf das Äußere vieler Ostjuden gestützt, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Zarenreich und den östlichen Gebieten des Habsburger Reiches eingewandert sind, Menschen, deren Gesichter oft fremde Züge zeigten, physiognomische Merkmale, die bei der eingesessenen Bevölkerung eher Ausnahme waren. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob diese ostjüdischen Gesichter semitischen oder anderen Vorfahren zu verdanken waren. Diese Migranten haben dem großen Spektrum der deutschen Physiognomien einige Varianten hinzugefügt, so wie das in der Gegenwart in Deutschland für die Gesichtszüge vieler muslimischer Immigranten und für ihre Kinder und Kindeskinder gilt. Von Generation zu Generation mehrt sich der Anteil von Ehen mit Partnern anderer Herkunft, und die mitgebrachten Gesichter verschwinden auf lange Sicht. Sie gehen in der größeren Vielfalt einheimischer Antlitze auf, wie man das schon seit langem in den klassischen Einwanderungsländern beobachten kann. Nur bei einzelnen Menschen tauchen dieser oder jener Gesichtszug und andere körperliche Merkmale später wieder auf. Wie ein Hauch aus einer fernen, fremden Zeit. Und mit den fremdländischen Gesichtern verschwinden Menschen, von denen man vorlaut behaupten könnte, dass sie “muslimische Gesichter” haben. Nicht anders ist es den jüdischen Gesichtern damals in der nichtjüdischen Umwelt ergangen. Sie sind allmählich in der Vielfalt anderer Gesichter aufgegangen. Allenfalls einzelne Merkmale haben sich in manchen Gesichtern Generationen später wieder gemeldet. So auch manche Züge ostjüdischer Gesichter, die damals das Klischee vom jüdischen Gesicht beherrschten. Diese phänotypischen Wiedergeburten hat man uns in der Schule anhand der von Gregor Mendel entdeckten Vererbungsregeln erklärt und damit den verderblichen Einfluss der Vermischung menschlicher Rassen begründet. Solche Verbindungen wurden als Rassenschande abgelehnt. Als ob das Äußere eines Menschen Kennzeichen für seinen Charakter wäre. Als ob “Charakter” überhaupt eine leicht fassbare Sache wäre.
Die Gegend in unserer Stadt, in der ich groß geworden bin und in der damals viele Ostjuden lebten, wird heute von nörgelnden Nachbarn Klein-Istanbul oder das türkische Viertel genannt. Wenn ich durch die altbekannten Straßen im Westend gehe, dann sehe ich wieder viele fremde Gesichter, höre fremde Sprachen, spüre fremde Gerüche und sehe die seltsamen Auslagen hinter den Scheiben der vielen kleinen türkischen Läden. Das alles erinnert mich an meine Jugendjahre, in denen man in diesen Straßen manchmal Menschen mit schwarzen Hüten, Schläfenlocken, ungetrimmten Bärten und langen schwarzen Mänteln sehen und hören konnte, Menschen, die sich in einer fremden Sprache unterhielten, die von fern an das Deutsche gemahnte, ohne es doch zu sein. Fremde Gesichter also, damals wie heute.
Was zählt: Über den Charakter und die Intelligenz der Menschen, die die einen oder anderen Gesichtszüge haben, ist damit, allen gängigen Vorurteilen zuwider, überhaupt nichts ausgemacht. Ganz gleich, ob es türkische, marokkanische oder eben ostjüdische Gesichter sind. Es gibt, wenn wir der ernsthaften Forschung glauben, bislang keine erkennbare und anerkannte Verknüpfung von Gesicht, Charakter und Intelligenz, wenn man die anerzogene Mimik und Gestik, die Sprechweise und andere angelernte Verhaltensmerkmale beiseite läßt. Denn solche erworbenen Eigenschaften, Widerschein des sozialen Milieus, in dem die Menschen aufgewachsen sind, werden allzu oft und allzu gerne als angeborene Charakterzüge genommen. Das traf auch die ostjüdischen Migranten in unserer Stadt, Menschen, deren oftmals fremde Gesichter samt ihrer fremden, rauhen Haut, ihrer Mimik, Gestik, Sprache und ihrer Bräuche, an denen sie festhielten, von den Einheimischen als Zeichen ihrer Andersartigkeit gedeutet wurden. Sie haben die uralten antijüdischen Stereotypen am Leben gehalten.
In unserem Viertel, dem Westend, einer Welt der Arbeiter und kleinen Angestellten, lebten damals viele Ostjuden. Menschen, die wohl der niedrigen Mieten wegen hier wohnten. Gewiss auch, weil sie gerne unter ihresgleichen waren, weil sie sich in der mitgebrachten Sprache unterhalten konnten und weil es in diesem Viertel von Juden geführte Läden gab, in denen koschere Lebensmittel zu kaufen waren. Weil orthodoxe Betstuben in der Nähe waren. Wir hatten zwar keine ostjüdischen Freunde und Bekannten, aber ich erinnere mich gleichwohl an einige Ostjuden, die damals, kurz vor und nach dem Beginn von Hitlers Herrschaft, in unserem Viertel als Händler, Trödler und Hausierer zu sehen waren. Da war der ostjüdische Ratenhändler, der, vor Jahren aus Polen gekommen und als Ausländer nur geduldet, in seiner vom Jiddischen gefärbten Sprache von Tür zu Tür ging, um im Auftrag eines alteingesessenen jüdischen Händlers, der Geld, Lager und Laden besaß, Radiogeräte auf Raten zu verkaufen und die ausgehandelten Abschläge dann Woche für Woche zu kassieren. Der ostjüdische Obsthändler, der sein Geschäft in einem Keller hatte, der von der Straße her über eine Treppe, vorbei an Bananen- und Apfelsinenkisten, erreichbar war. Der ostjüdische Trödler, der in den Höfen mit lauter Stimme nach alten Kleidern und getragenen Schuhen rief, die er gut zu bezahlen versprach. Kleider und Schuhe, die er an einen jüdischen Händler verkaufte, der sie reinigte und reparierte und dann in seinem Laden an Kunden verkaufte, die sich neue Kleider und Schuhe nicht leisten konnten. Die jüdische Weißmacherin, die von Tür zu Tür ging und Textilien verkaufte, die sie in Polen, ihrer früheren Heimat, eingekauft hatte. Der arme, alte und gebrechliche Ostjude mit seinem langen, grauen Bart, dem schwarzen Mantel und dem breitkrempigen schwarzen Hut, der Tag für Tag die Mülltonnen in den Höfen nach leeren Flaschen durchsuchte, die er bei einem jüdischen Altwarenhändler verkauften konnte. Das sind die Ostjuden, allesamt Immigranten der ersten Generation, an die ich mich erinnern kann. Menschen, die sich in ihrem Äußeren, ihrer Kleidung, ihrer Sprache und ihrem Verhalten deutlich von den alteingesessenen Juden unterschieden, die solche Tätigkeiten längst mieden.
Das Klischee vom “Jüdischen Gesicht” hat sich also damals nicht so sehr am Spektrum der Gesichter längst etablierter deutscher Juden orientiert, sondern am Erscheinungsbild osteuropäischer Juden, die über Jahrhunderte in der geschlossenen Welt ihrer kleinen Dörfer und Städte und in den Ghettos im Osten Europas – im Zarenreich und in den östlichen Provinzen Österreich-Ungarns - gelebt und gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in großer Zahl nach Westeuropa und Nordamerika ausgewandert sind. Die Menschen, die den Pogromen der zaristischen Zeit und dem Elend in ihrer Heimat durch die Flucht in den Westen entronnen sind, haben die Zahl und die Größe der jüdischen Gemeinden in den westlichen Ländern, die zuvor eher bescheiden waren, schnell steigen lassen. Denn es waren am Ende Millionen Menschen, die in den Westen, meist in die USA, gegangen sind. Jene, die in Deutschland blieben, waren wegen ihrer Kleidung, ihrer Sprache, ihrer Mimik, Gestik und ihrer Gebräuche den im Westen lebenden Juden nicht anders als den Katholiken und Protestanten fremd. Viele alteingesessene Juden, die in die nichtjüdische westliche Lebenswelt eingepasst und in Hinsicht auf ihr Verhalten, ihr Äußeres, ihren Beruf und ihre Sprache ganz und gar angeglichen und nur durch ihren Glauben ausgesondert waren, sahen mit Verachtung auf die “Ostjuden” herab, die damals als ungerufene Glaubensbrüder in unsere Stadt, in unser Viertel kamen.
Ich erinnere mich gut an die abfälligen Äußerungen jüdischer Bekannter über diese aus dem Osten zugewanderten Juden, die damals als Händler, Hausierer und Trödler in unserem Viertel mühsam ihr Brot verdienten. Sie brauchten wie alle Migranten Zeit, sich den Verhaltensformen und -normen der neuen Heimat anzugleichen. Und die meisten von ihnen haben auf den untersten Sprossen der sozialen Leiter begonnen. Viele dieser ostjüdischen Zuwanderer besaßen in der Tat Gesichtszüge, die für die Einheimischen, Christen wie Juden, befremdlich waren. Das sprichwörtliche “Jüdische Gesicht”, ein Erscheinungsbild, dessen Herkunft freilich umstritten ist. Die Historiker berichten von einer geschlossenen Welt kleiner Dörfer und Städte, in denen jüdische Heiratsvermittler Mann und Frau zueinander führten. Diese Endogamie, die Heirat unter eingesessenen Juden, die oft Cousin und Cousine als Paar vereinte, beschränkte, wenn es denn so war, die Entwicklung der physiognomischen Vielfalt trotz des Zuzugs fremder Juden und der Aufnahme von Christen in die Gemeinden der ostjüdischen Welt. Denn diese Aufmischung des Erbguts hielt sich, wenn man den Historikern glaubt, in engen Grenzen. Die Verbindung mit slawischen und baltischen Konvertiten und Migranten aus dem Westen brachte zuweilen Juden mit blonden oder roten Haaren und blauen Augen hervor, änderte aber nichts daran, dass unter den osteuropäischen Juden Menschen in der Mehrheit waren, deren vorherrschende Gesichtszüge von den Menschen im Westen als fremd empfunden wurden. Man darf nicht vergessen, dass das Deutsche Reich zwar Kolonien besessen hatte, dass aber, anders als in Frankreich, England, Holland, Spanien und Portugal Menschen aus den beherrschten Gebieten kaum je nach Deutschland kamen. Dafür war in der kurzen Zeit, in der das Deutsche Reich Kolonien besass, kaum Gelegenheit. Der Mann auf der Straße hatte damals, anders als heute, keine durch Erfahrung gestützte Vorstellung von den Menschen fremder Völker und auch in der Schule wurden sie selten erwähnt. Einfache Menschen waren mit Klischees über Naturmenschen gefüttert, die fernab jeglicher Zivilisation vorgeblich wie in der Vorgeschichte lebten. Ich denke an die vielen Groschenhefte, die ich als Knabe verschlungen habe, in denen deutsche Forscher im Urwald Afrikas, Südamerikas oder anderer tropischer Regionen Einheimische, die damals Eingeborene hießen, ausgeforscht haben. Die Werke von Karl May, Hitlers Lieblingslektüre, waren ungeachtet aller edlen Wilden natürlich ebenfalls rassistische Elaborate, die gängige Vorurteile gefestigt haben. Kein Kind war damals, anders als heute, zur Fastnacht als Schwarzer maskiert. Allenfalls Trapper- und Indianer-Kostüme waren Mode. Wirkliche Schwarzafrikaner konnte man in meiner Jugend nur im Zirkus sehen und neben den Elefanten, Tigern und Löwen als exotische Wesen begaffen. So wie die falschen Indianer, die im Zirkus und auf Jahrmärkten neben kleinwüchsigen Clowns auftraten. Die vielen nichtjüdischen, meist polnischen Immigranten im Deutschen Reich hatten dagegen europäische Gesichter, die nicht als befremdlich, als anders empfunden wurden. Blonde Haare und blaue Augen waren bei den slawischen Völkern so häufig wie bei den Nachfahren der Germanen. Nur ihr unbeholfenes Deutsch hat diese Migranten vor ihrer Eingewöhnung als Fremde kenntlich gemacht. Das galt für viele jüdische Einwanderer aus Osteuropa nicht. Jedenfalls nicht für deren erste Generation, auch sie Ankömmlinge aus einem ganz anderen Milieu, in dem die Moderne, die verstädterte industrielle Welt, noch nicht angekommen war. Sie blieben Fremde, wenn sie “Jüdische Gesichter” hatten, ein befremdliches, dem Deutschen ähnliches Idiom sprachen und als mobile Händler, Hausierer und Trödler Berufen nachgingen, die damals als typisch jüdisch galten und von den eingesessenen Juden längst gemieden wurden. Sie hatten meist in den höheren Etagen der Berufswelt ihren Platz gefunden hatten.
Die eingewanderten Ostjuden blieben den antijüdischen Klischees auch dann unterworfen, wenn sie sich in Kleidung und Verhalten angepasst, vor allem, wenn ihnen, meist erst in der zweiten Generation, die deutsche Umgangssprache geläufig war. Das “Jüdische Gesicht” blieb den zugewanderten Ostjuden, ihren Kindern und Kindeskindern erhalten, solange sie bei der Partnerwahl unter ihresgleichen geblieben sind. Diese Orientierung, die Suche des Partners im eigenen religiösen und sozialen Milieu, waren sie aus der osteuropäischen Welt gewöhnt. Sie war dort üblich, und sie behielt auch im Westen ihre Geltung, weil viele orthodoxe Ostjuden sich von den liberalen Westjuden fern hielten, die sie nicht als wirkliche Brüder und Schwestern im Glauben akzeptierten. Hinzu traten die sozialen Abstände zwischen den etablierten westlichen Juden und ihren armen östlichen Glaubensverwandten. Ostjüdische Heiratsvermittler waren wie in der alten Heimat leicht zur Hand. Ihre Namen und Adressen waren, bevor Hitler das Sagen hatte, jedes Wochenende in der Zeitung zu finden. Darum sind die ostjüdischen Gesichter nur langsam verschwunden. Es brauchte einige Generationen, bis diese physiognomischen Merkmale in der Vielfalt der deutschen Gesichter aufgegangen waren. So wie das Äußere anderer Immigranten. Für die späten ostjüdischen Zuwanderer blieb dafür keine Zeit, weil Hitler und seine Helfer schneller waren.
Die Erklärung dafür, dass die jeweils vorherrschende Physiognomie der Juden in aller Welt über Jahrhunderte hinweg regionenspezifische Angleichungen erfahren hat, ist die Aufnahme von Nichtjuden in die jüdischen Gemeinden der vielen Länder, in denen Juden ansässig waren und sind. Über Generationen hinweg haben so chinesische Juden chinesische Gesichter, indische Juden indische Gesichter, marokkanische Juden marokkanische Gesichter und deutsche Juden eben deutsche Gesichter angenommen, weil gebürtige Juden örtliche Nichtjuden in ihre Gemeinden aufgenommen, geheiratet und Kinder mit ihnen gehabt haben. Ein alter Scherz, den ich von amerikanischen Kollegen kenne, erzählt von einem amerikanischen Juden, der eine jüdische Gemeinde in China besuchte und dessen Feststellung, dass sie doch alle Juden seien, die Antwort fand: “Aber Sie sehen garnicht aus wie ein Jude”. Dort hatten Juden eben auch chinesische Gesichtszüge, weil ihre Vorfahren in den Genpool der örtlichen Bevölkerung eingetaucht waren.
Konversionen haben in der jüdischen Geschichte immer eine Rolle gespielt. Es waren meist individuelle Übertritte zum Judentum, in mehreren Fällen sind ganze Völker oder Stämme zum Judentum gewechselt. Das kann man bereits in der hebräischen Bibel lesen. Niemand wird annehmen, dass im einen wie im anderen Fall das Spektrum körperlicher Merkmale späterer Generationen unverändert geblieben ist. Die jüdischen Gemeinden in den USA - orthodox, konservativ oder reformiert - liefern einen lebendigen Anschauungsunterricht von der physiognomischen Vielfalt unter den dortigen Juden, die letztlich allesamt auch vormalige Nichtjuden, vor allem Christen, unter ihren Vorfahren haben. Natürlich ist auch das eine oder andere “Jüdische Gesicht” oder es sind einzelne “jüdische” Gesichtszüge darunter. Denn die Mehrheit der jüdischen Einwanderer in die USA waren osteuropäische Juden, waren Aschkenasim. Glaubt man jüngsten Angaben, dann verbinden in der Gegenwart rund zwei Drittel aller Heiraten von Juden in den USA die jüdischen Partner mit Christen, die oft zum Judentum übertreten. Nicht anders verhielt es sich in Deutschland in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Meine eigene Familie zeigt den extremen Fall, in dem alle vier Kinder eines jüdischen Elternpaares, meiner Großeltern väterlicherseits, Christen geheiratet haben. Auch das heutige Israel zeigt einen Querschnitt von Gesichtern der ganzen Welt und keineswegs einen Vorrang von physiognomischen Zügen, die dem alten Klischee vom jüdischen Gesicht nahekämen. Dies einfach darum, ich wiederhole mich, weil die Geschichte der jüdischen Gemeinden überall untrennbar die Geschichte von Konversionen ist. Konversion und Migration sind Schlüsselwörter der jüdischen Geschichte. Wie ein Blick in einschlägige Publikationen vermittelt, haben nicht nur die Christen und die Muslime, sondern auch die Juden über viele Jahrhunderte hin Proselyten gesucht und gefunden. Nur den Juden, die jahrhundertelang in Ghettos weggesperrt wurden, war die Heirat mit Andersgläubigen von Kirche und Staat untersagt. Sie waren zur Endogamie – und den Erbkrankheiten, die das mit sich brachte - verurteilt. Aber auch im frühen und späten Mittelalter und ungeachtet hoher Strafen sind Christen zum Judentum gewechselt. Das hat manchen Konvertiten damals auf den Scheiterhaufen gebracht. Die Juden waren, wo es ihnen gestattet wurde, stets bereit, Nichtjuden zu bekehren und in ihre Gemeinden aufzunehmen. Wie sonst hätte es große jüdische Gemeinden überall in der Welt geben können. Jüdische und frühchristliche Gemeinden haben im Römischen Reich in Konkurrenz miteinander Proselyten gesucht und gefunden. Schließlich waren es Juden, die die frühen christlichen Gemeinden gebildet haben. Wer sonst? Auch in der vorrömischen Zeit haben jüdische Stämme Konvertiten aufgenommen, haben nichtjüdische Frauen und Sklaven samt deren Kindern zu Juden gemacht und so ihr kollektives Erbgut verändert. Die biblischen Schriften sind voll von solchen Geschichten. Die strengen staatlichen und kirchlichen Verbote und Strafen für den Übertritt von Christen zum Judentum machen dem Heutigen deutlich, dass solche Fälle auch im Mittelalter alles andere als selten gewesen sein müssen. Erst mit der Emanzipation der Juden, ihrer bürgerlichen Gleichstellung, nahmen Übertritte vormaliger Christen zum Judentum in Europa erkennbar zu.
Es bleibt freilich die Frage, wie die Entstehung der dominanten Gesichtszüge unter den Ostjuden erklärt werden kann. Die vorherrschenden Gesichter der osteuropäischen Juden wiesen, wenn man manchen modernen Historikern folgt, Züge auf, die sich nicht bei den Juden im Nahen Osten, nicht bei denen in Nordafrika und nicht in Westeuropa, sondern bei Turkvölkern fanden, die in Westasien beheimatet waren. Khazaren, die nach diesen Quellen im Mittelalter zum Judentum übergetreten sein sollen.
Stammt also ein Großteil der Ostjuden, der Aschkenasim, womöglich nicht von den Juden ab, die zur Zeit der Kreuzzüge und der Großen Pest unter dem Einfluss wiederkehrender Pogrome aus West- nach Osteuropa, in die slawischen Siedlungsgebiete gewandert sind - wie es das herrschende jüdische Selbstbild will? Sondern die Nachkommen turkvölkischer Konvertiten zum Judentum, die nach der Vernichtung ihres Staates durch Osmanen, Byzantiner und ukrainische Slawen aus Westasien nach Osteuropa kamen? Ist die Legende von der Ostwanderung der westeuropäischen Juden in der Zeit der Kreuzzüge und der Großen Pest nur eine Erzählung, der die Fakten und Funde dieser Historiker widersprechen? Weil es in Westeuropa zu jener Zeit garnicht so viele Juden gab, wie notwendig gewesen wären, um die Welt der Aschkenasim zu schaffen, in der am Ende Millionen Menschen lebten. In der Tat zählten die jüdischen Gemeinden in Straßburg, Speyer, Worms, Mainz, Köln und anderen deutschen Städten im späten Mittelalter allenfalls einige Tausend Menschen. Aber nicht Hunderttausende oder gar Millionen. Und ist das Jiddisch im Osten womöglich garnicht von jüdischen Flüchtlingen aus dem Rheinland zur Zeit der Kreuzzüge und der Großen Pest mitgebracht, sondern auf ganz anderen Wegen und zu ganz anderen Zeiten die Sprache der Aschkenasim geworden? Waren es vielleicht norddeutsche, christliche Kaufleute, die zur Zeit der Ordensritter und der Hanse die deutsche Sprache - und damit auch ihren um slawische und hebräische Vokabeln angereicherten Vetter, das Jiddisch des Ostens - in den polnischen und baltischen Gebieten zur lingua franca machten? Haben jene modernen - notabene: jüdischen, israelischen - Historiker recht, die die Aschkenasim ungeachtet aller Zu- und Abwanderungen als die Nachkommen khazarischer Flüchtlinge ansehen, die im späten Mittelalter, nach dem Untergang des khazarischen Reichs, dessen turkvölkische Führungsschicht und
viele seiner Bürger samt deren Sklaven zum Judentum übergetreten waren, den Weg nach Osteuropa gegangen sind? Dass diese turkvölkischen Flüchtlinge, anders als die Sephardim in Westeuropa, in Nordafrika, in Spanien und Portugal und die orientalischen Juden im Nahen Osten in ihrer großen Mehrheit zwar Glaubensjuden, aber keine Abkömmlinge der biblischen Judenheit waren und darum auch keine semitischen Gesichtszüge trugen? Obwohl es auch im khazarischen Reich viele jüdische Immigranten gegeben haben soll, Flüchtlinge aus islamischen und christlichen Ländern, die sich der zwangsweisen Konversion zum einen oder anderen fremden Glauben entziehen wollten. Fragen über Fragen, auf die es offensichtlich keine Antwort gibt, die von allen Historikern gutgeheißen wird. Vor allem unter israelischen Historikern ist dieses Thema umstritten. Das ist verständlich, denn die erwähnten Historiker widersprechen der Legende von der historischen Konsistenz des jüdischen Volkes.
Ich kann es bei diesen Bemerkungen zur Herkunft des „Jüdischen Gesichts“ belassen, denn es ist nicht wichtig, ob die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nach dem Westen emigrierten osteuropäischen Juden nun eher semitische oder andere Gesichtszüge aufwiesen. Ich sehe keinen Grund, mich mit dieser Kontroverse, die vor allem unter jüdischen Historikern ausgetragen wird, zu beschäftigen. Denn sie betrifft mein Thema nur am Rande. Dem Außenstehenden ist klar, dass es bei diesem kontroversen Selbstverständnis vieler Juden auch um die Legitimation des zionistischen Anspruchs auf das Territorium des Staates Israel geht. Ein Verlangen, das sich auf die ungebrochene genetische Verbindung der heutigen Juden mit den biblischen Ahnen stützt, denen Gott in diesem Verständnis Eretz Israel verhießen hat. Vielleicht haben sich tatsächlich einige DNA-Stränge aus dem biblischen Judea in die Gegenwart verirrt. Aber diese Frage nach der biologischen Konsistenz und Kontinuität der Judenheit ist nicht Gegenstandes dieses Buches.
Der Nachweis der lückenlosen Abkunft der heutigen von den biblischen Juden ist ohnehin kaum zu führen, weil die jüdischen Gemeinden zu allen Zeiten - wenn man von den wenigen Jahrhunderten der zwangsweisen Ghettoisierung in Westeuropa absieht - zahlreiche Konvertiten aufgenommen und so ihr kollektives Erbgut verändert haben. Ganz zu schweigen davon, dass, wie uns die einschlägige Forschung wissen lässt, im genetischen Würfelspiel vieler Generationen auch ohne sexuelle Vermischung mit fremden Ethnien auf lange Sicht ein steter Wandel vonstatten geht, wenn und weil die Lebensumstände dauerhaft wechseln. Aber die weltweiten Unterschiede zwischen jüdischen Gesichtern ist in erster Linie der ehelichen Verbindung von Juden mit vormaligen Nichtjuden zuzuschreiben. Von daher die physiognomische Vielfalt europäischer, afrikanischer, asiatischer, australischer und amerikanischer Juden. Dabei erfahren die jüdischen Gesichter in der Diaspora größere Veränderungen als die nichtjüdischen, weil die interreligiöse Verbindung auf beiden Seiten ein sehr verschiedenes Gewicht hat, wenn die Juden eine kleine Minderheit, die Nichtjuden die große Mehrheit der Bevölkerung bilden. Denn die absolute Zahl der religiösen Migranten ist auf beiden Seiten gleich, wenn nur die – interkonfessionellen - Heiraten zählen. Zehn von hundert Juden, die einen Nichtjuden heiraten, machen zehn Prozent der Juden aus, während zehn von zehntausend Nichtjuden, die einen Juden heiraten, gerade einmal ein Promille der Nichtjuden umfassen. Jüdische Gesichtszüge haben in der nichtjüdischen Umwelt kaum Spuren hinterlassen, während die sexuelle Verbindung mit Nichtjuden die jüdischen Gesichter vielfach gewandelt hat. Wenn man das alles zusammennimmt, dann gibt es kein “Jüdisches Gesicht” in dem Sinn, dass bei einer Mehrheit der Juden in diesem oder jenem Land bestimmte körperliche Merkmale konstatiert werden könnten, die sie von der Mehrheit der Nichtjuden in diesen Ländern deutlich und dauerhaft unterscheiden. Wenn wir der einschlägigen Forschung folgen, dann sind die - wie immer auch gemessenen - äußerlichen Unterschiede zwischen den Juden stets größer als die zwischen Juden und Nichtjuden der jeweiligen Länder. Juden sind keine Zinnsoldaten, die seit Jahrtausenden in der gleichen Form gegossen werden. Nüchtern gesagt: Sie eint nicht die Herkunft, sondern der Glaube. Er und nur er weist eine ungebrochene Verbindung zur biblischen Judenheit auf. So wie die Christenheit ungeachtet der ethnischen Vielfalt der Gläubigen ihre Geschichte bis zu den urchristlichen Gemeinden zurückverfolgen und sich als eine Kette von Generationen verstehen kann, die den christlichen Glauben weitergetragen haben. Niemand käme auf den Gedanken, die heutigen Christen als die direkten Nachkommen der Urchristen im Römischen Reich zu begreifen. Auch die Judenheit ist eine Gemeinschaft, die Menschen von mancherlei Herkunft vereint. Von daher die Vielfalt jüdischer Gesichter.
Die Aussagen über jüdische Gesichter, denen ich in meiner Jugend, in der Schule, begegnet bin, waren immer verknüpft mit Schlüssen auf das Wesen, auf den Charakter von Juden, die man anhand solcher körperlichen Merkmale erkennen könne. Das Äußere des Menschen wurde als Spiegel des Inneren, des Charakters genommen, als Wegweiser, der erlaubte, die ansonsten verborgenen Eigenschaften anderer Menschen zu erkennen. Warum auch hätte man sich für das Äußere seines Gegenübers interessieren sollen, wenn man es nicht als Stellvertreter des Inneren, der verborgenen Eigenschaften des Anderen, genommen hätte? Selbst das Wohlgefallen an einem schönen Gesicht löst mitunter Phantasien über den harmonischen Charakter des betrachteten Menschen aus. Und das Lächeln eines Kindes läßt es überall in der Welt als liebenswertes Wesen erscheinen. Gängigen Lexika kann man entnehmen, dass sich die Physiognomik, eine vorgebliche Wissenschaft, die auch heute noch Anhänger hat, nicht nur als beschreibende, sondern immer auch als erklärende Disziplin verstand und versteht. Sie ist Charakterologie, und als solche klassifiziert sie menschliche Verhaltensweisen und ordnet ihnen körperliche Kennzeichen zu. Solche Erklärungsansätze finden sich bereits in der antiken griechisch-römischen Welt. Damals entstand die Lehre von der Dreiteilung des Gesichts: Der Stirn als Zeichen des geistigen Vermögens, Augen, Nase und Mund als Hinweise auf das Gemüt, Größe und Form des Kinns als Zeichen für vitale Stärke. Ihre Blütezeit erlebte die Physiognomik, wie man leicht nachlesen kann, im 18. und 19. Jahrhundert, als das Deuten von Gesichtern zu einem beliebten Gesellschaftsspiel in den Salons des Adels und des gehobenen Bürgertums geworden war. Sie trat als Pseudo-Wissenschaft neben die Astrologie, das Handlesen und Kartenlegen, kuriosen Wegen zur Menschenkenntnis, die bis in die Gegenwart viele Anhänger finden.
Die Physiognomik wurde im 19. und 20. Jahrhundert nicht nur zur Deutung individueller Gesichter, sondern auch zur Kennzeichnung ganzer Völker verwendet. Diese Pseudo-Wissenschaft fand ihren Platz auch in der rassistischen Judenverleumdung, die immer mehr an die Seite und am Ende an die Stelle der religiös motivierten Judenfeindschaft der vergangenen Jahrhunderte trat. Diesen Wandel hat das Klischee vom “Jüdischen Gesicht”, das weit in die Geschichte zurückreicht, unverändert überstanden. Denn im Unterricht wurden damals immer Bilder “des” Juden vorgeführt und mit uralten Klischees in Verbindung gebracht. Die niedrige Stirn, die abstehenden Ohren, das gekräuselte Haar, die engstehenden Augen, die langen, schmalen, gebogenen Nasen, die breiten Nasenflügel, die wulstigen Lippen. Karikaturen eines menschlichen Gesichts, die da im Unterricht auf Tafeln vorgeführt wurden. Und es waren meist Männer, selten Frauen und Kinder, die auf den Bildern erschienen. Dem imaginierten jüdischen Aussehen war nach wie vor das Klischee vom “Jüdischen Charakter” zugesellt. Körperliche Merkmale, Mimik, Gestik und Sprechweise verraten in dieser Sicht dem aufmerksamen Beobachter den Charakter des Juden, der sich noch nicht durch Akkulturation maskiert und nicht durch sexuelle Vermischung, durch Rassenschande, anverwandelt hat. Körperbild und Körpersprache zeigen dem Kundigen, welche Art Mensch er vor sich hat. So hat man uns das in der Schule beigebracht.
Die Aussonderung bestimmter Menschen ist einfach, wenn sie an sichtbaren körperlichen Merkmalen festgemacht werden kann. Von daher der feste Glaube vieler Judenfeinde, dass sie einen Juden auf der Stelle an seinem Äußeren erkennen können. Obwohl jeder vernünftige Mensch weiss, dass das nicht möglich ist. Und doch gab es damals nicht wenige Juden, die diesen Aberglauben teilten und meinten, dass sie einen anderen Juden jederzeit leicht erkennen können. Wenn nicht am Gesicht, dann auf andere Weise. Vielleicht war das in früheren Zeiten berechtigt, vielleicht haben Juden damals außerhalb des Ghettos andere Juden am Gang, an der Mimik, an der Gestik oder anderen körpersprachlichen Besonderheiten erkennen können. Und später hat ein Westjude sicherlich auf diese Weise einen Ostjuden erkannt, der noch nicht lange im Westen war. Nicht nur an der Kleidung, sondern auch und vor allem an der Körpersprache, an Mimik, Gestik, Sprache und Sprechweise. Oder einen Orthodoxen, der wiederum an seiner Kleidung erkennbar war. Von solchen Fällen abgesehen, blieb allein die sprachliche Verständigung. Es ist freilich lange her, dass jüdische Händler, Hausierer und Trödler einander über leise dahingesprochene Kennworte unauffällig als Juden zu erkennen gaben. Weil sie kein “Jüdisches Gesicht” hatten, an dem sie einander hätten erkennen können. Heutzutage genügt es mitunter, am Bartresen irgendwo in der Welt das hebräische “L'Chaim” statt die landessprachliche Entsprechung von “Zum Wohl” zu sagen, um zu erfahren, ob der Nachbar Jude ist.
Am Ende dieser Gedanken über jüdische Gesichter kann ich es nicht unterlassen, einige Sätze über emanzipierte jüdische Frauen zu sagen, die in der großbürgerlichen Welt des 19. Jahrhunderts in Europa wegen ihrer fremden Schönheit bewundert wurden. Sie und ihre Salons waren in der Trivialliteratur jener Zeit ein beliebtes Sujet, und ich habe von ihnen bei der Lektüre klassischer Werke erfahren, also nicht schon in meiner Jugendzeit. Die Geschichte von der “Schönen Jüdin” war ein Klischee jener Epoche, das gebildeten jüdischen Frauen des gehobenen Bürgertums galt, deren Antlitz ungeachtet der fremden, dunklen Augen und Haare den Schönheitsnormen der Zeit entsprach, während ihr Glaube und ihre Herkunft eine Anmutung des Fremden, des Exotischen und Verbotenen hatten. Darin gleichen sie den Models und Actricen mit afrikanischen und asiatischen Gesichtern, die in der modernen Mode- und Medienwelt eine große Rolle spielen. Heute, anders als damals, ist es freilich nurmehr ein Hauch des Fremd- und Andersseins, weil der weltweite Tourismus, die moderne Medienwelt, das Internet und die Kontinente übergreifende Migration die meisten Menschen längst mit fremden Gesichtern, Gewändern und Gebräuchen vertraut gemacht haben. Nur Hohlköpfe dichten den fremden Gesichtern bestimmte charakterliche Züge an. Die “Schöne Jüdin” war das Klischee einer europäischen Epoche, die Juden nicht geliebt und geachtet, aber auch nicht deportiert und ermordet hat. Ganz im Gegenteil waren Ehen zwischen den Töchtern wohlhabender jüdischer Unternehmer und den Söhnen verarmter Adels- und Bürgerfamilien nicht selten. Die damalige Roman- und Trivialliteratur ist voll von solchen Geschichten. Ich habe die Figur der “Schönen Jüdin” zitiert, weil die pro- und antijüdischen Vorurteile meist an jüdischen Männern und nur selten auch an ihren Frauen festgemacht wurden. Weil die jüdischen Frauen meist im Schatten ihrer Männer lebten und darum bei Fremden normalhin keine besondere Aufmerksamkeit fanden. Bis auf die „schönen Jüdinnen“ des Bürgertums. Die Frauenemanzipation war auch unter Juden noch lange nicht in Sicht.
Wenn man heutzutage durch die Straßen deutscher Städte geht, dann begegnen einem die Gesichter der ganzen Welt. Kein vernünftiger Mensch käme auf den Gedanken, diesen Menschen bestimmte charakterliche Eigenschaften anzudichten. Allenfalls Hohlköpfe sehen hinter den fremden Gesichtern und Gewändern Menschen, die den Wohlstand der Deutschen schmälern, weil sie vorgeblich die sozialen Sicherungssysteme plündern oder die staatlichen Ausbildungsstätten überlasten. Und es gibt immer noch Zeitgenossen, die die fremden Menschen für minderwertig halten, weil sie die deutsche Sprache noch nicht beherrschen. Oder eben, weil sie andere, fremde Gesichter haben. Kein Schwarzer, der das nicht leidvoll erfährt, wenn er europäischen oder nordamerikanischen Boden betritt oder dort lebt. Es möge also niemand sagen, die an äußerlichen Kennzeichen orientierte Diskriminierung sei eine Sache der Vergangenheit.
Die Vererbung von Gesichtszügen ist ein Würfelspiel der Menschen mit der Natur, ein Spiel, in dem sie durch die Partnerwahl das Erbgut ihrer Nachkommen und dabei auch deren körperliche Merkmale schaffen. Sexuelle Selektion nannte das Charles Darwin und unterschied sie von der natürlichen Auslese, die nach seiner Auffassung von der Umwelt, von äußeren Selektionsmechanismen, gesteuert wird. Migrationsbarrieren und gesellschaftliche Hindernisse bei der Partnerwahl, Standes- und Rassendünkel, verhindern oder verlangsamen die Multiplikation der menschlichen Erscheinungsvarianten in der globalisierten modernen Welt. Aber die phänotypische Vielfalt der Menschen schreitet mit der weltweiten Migration erkennbar fort. Ein Blick auf die Menschen in den Straßen großer Städte in aller Welt macht das jedem deutlich, der sich für menschliche Gesichter interessiert. Und mit der allmählichen Akkulturation verlassen die Migranten die Wohnviertel, in denen sie nach ihrer Ankunft Zuflucht fanden, die informellen Ghettos, die in der modernen Welt keine steinernen, sondern mentale und ökonomische Mauern haben. Ethnische Ballungen, die auch damals, in meiner Jugendzeit, ein Stück Heimat waren, die den eingewanderten Ostjuden in einer fremden Welt Geborgenheit gaben und erlaubten, einstweilen an überkommenen Gebräuchen und an der eigenen Sprache festzuhalten und ihre Lebenspartner im eigenen Milieu zu finden. So haben sie einstweilen auch ihre „Jüdischen Gesichter“ vererbt. Was nicht heißt, dass mit den Gesichtern auch Charakterzüge vererbt worden wären, die den antijüdischen Vorurteilen meiner Jugendjahre entsprochen hätten. Jedenfalls nennt und kennt die einschlägige Forschung meines Wissens keine solche Verkettung von Gesicht und Charakterzügen. Das würde ohnehin verlangen, dass man sich darüber einigt, was Charakter überhaupt ist und wie man solche Konstrukte misst. Davon sind wir Lichtjahre entfernt. Nur Hohlköpfe glauben zu wissen, wie Gesicht, Charakter und Intelligenz verbunden sind. Darum sind meine Äußerungen über jüdische Gesichter und den verderbten Charakter, den sie vorgeblich spiegeln, im Grunde überflüssig. Aber diese Reden und Bilder waren eben in meiner Jugendzeit allgegenwärtig.
Ich schließe dieses Kapitel mit den Porträts einiger Juden, deren Namen jeder aufgeschlossene Zeitgenosse kennt. Es wird dem Leser schwerfallen, diesen Menschen ein „Jüdisches Gesicht“ zuzusprechen, ein Antlitz, das den uralten Vorurteilen entspricht. Es sind europäische Gesichter, die dem Betrachter begegnen und daran erinnern, dass die Judenheit keine hermetisch geschlossene Herkunfts-, sondern eine Glaubensgemeinschaft ist, deren Angehörige vielerlei ethnische Wurzeln haben. Auch, wenn das eine oder andere dieser Gesichter an die mediterrane Welt erinnern mag. Aber derlei Anmutungen sind das Geschöpf des Betrachters. Solche Eindrücke spiegeln Vorwissen und Vorurteile. Denn auch, wenn die Porträtierten alle nachweisbar direkte Nachfahren Abrahams wären, so bliebe, dass sie bedeutende Beiträge zur Weltkultur hervorgebracht haben. Ihre Gesichter wären allein darum interessant, weil sie ganz besonderen und bedeutenden Menschen gehören – ganz gleich, welcher Herkunft und welchen Glaubens sie waren.
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Jüdische Gesichter

Sigmund Freud

Albert Einstein

Marc Chagall

Franz Kafka

Lise Meitner

Gustav Mahler

Arnold Schönberg
Boris Pasternak
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Jüdische Idiome
Den Juden wurden damals im Schulunterricht nicht nur das sprichwörtliche jüdische Gesicht und der jüdische Charakter, der sich hinter den körperlichen Merkmalen vorgeblich verbirgt, sondern auch eine besondere Sprechweise angedichtet. Auch wenn Juden fehlerfrei Deutsch sprächen, seien sie an der Intonation und jüdischen Redewendungen zu erkennen. Tatsächlich haben die Juden, die ich in meiner Jugend kannte, Deutsch wie andere Deutsche gesprochen. Mit geschlossenen Augen hätte man darum einen alteingesessenen deutschen Juden, dessen Vorfahren das Jiddische längst hinter sich gelassen hatten, nicht an seiner Intonation des Deutschen als Juden erkennen können. Viele, vor allem die einfachen Leute unter ihnen, haben den örtlichen Dialekt gesprochen. Auch meine jüdischen Angehörigen, kleine Leute, haben sich im örtlichen Dialekt verständigt, wenn sie nicht auf Ämtern vorsprachen und sich dort in gestelztem Hochdeutsch ausdrückten. Die den Juden angedichtete geheime Sprache gab es also damals nicht. Denn Hebräisch haben sie, von den Rabbinen abgesehen, so gut wie garnicht gesprochen, und das Westjiddische als innerjüdische Sondersprache war längst abhanden gekommen. Nur die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zugewanderten Ostjuden, Immigranten der ersten Generation, haben Jiddisch gesprochen. Ihr mittelalterliches Deutsch, mit slawischen und hebräischen Vokabeln durchsetzt, kam auch den alteingesessenen deutschen Juden befremdlich vor. Das Jiddische enthielt überdies Rachenlaute, die es so im Deutschen nicht gab. Es war für einen Deutschen leichter, Jiddisch zu lesen als es gesprochen zu hören und zu verstehen. Befremden lösten auch die ausgreifenden Gebärden und die ausgeprägte Mimik aus, körpersprachliche Besonderheiten der ostjüdischen Welt, die den deutschen Verhaltensnormen widersprachen. Denn die Körpersprache, vor allem also Mimik und Gestik, wurde von den wohlerzogenen deutschen Bürgern eher verhalten eingesetzt. Sparsame Gestik und Mimik, maßvolle Lautstärke, sorgsames Artkulieren und Wahren des Abstands zum Gegenüber waren Regeln, die früh gelernt sein wollten. Das waren zugleich Umgangsformen, die in der ostjüdischen Welt nicht galten. Das betrifft auch das Schachern, das den jüdischen Händlern und Geldverleihern nachgesagt wurde. Schachern, ein anderes Wort für das Feilschen, das Herunter- oder Heraufhandeln des Preises, hatte damals immer den Beiton von unsauberen, unlauteren Geschäften, bei denen Christen von Juden vorgeblich übers Ohr gehauen wurden. Weil damals in Deutschland - anders als in der ostjüdischen Welt - im Einzelhandel bereits feste, für den Kunden sichtbare Preise üblich geworden oder gar vorgeschrieben waren. Im ländlichen Viehhandel, beim Hausieren und auf Trödelmärkten galt das nicht. Dort waren jüdische Händler häufig tätig, und dort wurden die Preise ausgehandelt und, wie am Wort zu erkennen, mit Handschlag besiegelt. Das ist im ländlichen Viehhandel vielerorts auch heute noch so, obwohl keine Juden mehr beteiligt sind. Ansonsten spielten und spielen Verhandlungen um Preise, Mengen und Termine damals wie heute natürlich überall eine große Rolle. Sie waren und sind in allen Wirtschaftszweigen auch in der Gegenwart keineswegs Ausnahmefälle. Nur spricht man dabei nicht von Schachern oder Feilschen, weil kaum mehr Juden beteiligt sind. Wie das Schachern ist das Mauscheln damals als typisch jüdisches Gebaren genommen worden. So wurden Verhaltensweisen bezeichnet, die man heute Kungeln nennt und eher Politikern als Kaufleuten zuschreibt, bei denen man von Verhandlungen spricht. Unsaubere, undurchsichtige Abreden zulasten Dritter, fragwürdige Geschäfte, Mogeln und Täuschen wurden damals freilich den Juden angelastet, und “Mauschel” war vielerorts ein Synonym für Jude. Schachern und Mauscheln waren eben Wörter, die damals nur den Juden galten und abfällige Bedeutung hatten. Zusammen mit dem “Jüdischen Gesicht” und der “Jüdischen Sprache” umschrieben sie damals die antijüdische Vorstellung vom “Jüdischen Charakter”. Bleibt zu erwähnen, dass Juden vorgeblich am Knoblauchatem erkennbar waren, an einem Ergebnis reichlich gewürzter Speisen, die der germanische Küchenzettel zu jener Zeit noch nicht kannte.
Diese Vorurteile waren seit dem Mittelalter verbreitet, und sie wurden - unter der kopfschüttelnden Missbilligung der vor langer Zeit eingebürgerten deutschen Juden - durch das Aussehen und das Verhalten der ostjüdischen Immigranten bestärkt und bestätigt. Die Juden, die seit Generationen in Deutschland lebten, hatten die jüdische Sondersprache, das Westjiddische, seit der Öffnung der Ghettos aufgegeben und die deutsche Sprache, oft auch ihre Dialekte, übernommen. In der Synagoge, in der religiösen Unterweisung und in den täglichen Gebeten spielte Hebräisch, wenn es keine liberale, sondern eine orthodoxe Gemeinde war, zwar eine wichtige Rolle, aber das blieben für die meisten Gläubigen Vokabeln, die nicht geeignet waren, im Umgang miteinander und mit Christen Verwendung zu finden. Gebetstexte und Bibelverse lassen sich nicht gut für Alltagsgespräche verwenden. Kurz gesagt, die meisten Juden haben sich, weil sie zwar die hebräischen Schriftzeichen kannten, hebräische Texte aber nur mühsam entziffern konnten, die biblische Sprache also nicht wirklich beherrschten, untereinander nicht auf Hebräisch, sondern in den Landessprachen verständigt. Im Deutschen Reich also auf Deutsch, das sie sprachen wie alle anderen Deutschen. So wie französische Juden eben Französisch, englische Juden Englisch und spanische Juden Spanisch gesprochen haben. Die vorgebliche Zweisprachigkeit aller Juden in der Diaspora ist darum, wenn man die Rabbinen ausläßt, die nach ihrem Studium natürlich Hebräisch und Aramäisch sprachen, lasen und schrieben, eine Legende. Schließlich waren auch nur wenige Katholiken des Lateinischen mächtig, das damals ihren Gottesdienst beherrschte. Und die Protestanten kannten das Altgriechische nicht, in dem der Urtext des Neuen Testaments geschrieben ist. Die alteingesessenen Juden, im 19. Jahrhundert aus den Ghettos befreit, waren jedenfalls an ihrer Sprache nicht mehr als Juden zu erkennen. Das Westjiddische war still gestorben. Allenfalls einige Wörter hatten in der Umgangssprache überlebt. Und jüdische Geschäftsleute haben untereinander das eine oder andere jiddische oder hebräische Wort verwendet. So sind, um Beispiele zu nennen, die jedermann kennt, “Chuzpe” als Ausdruck für Frechheit und Dreistigkeit oder “Massel” für Glück und Erfolg in die deutsche Umgangssprache eingegangen. Von vielen anderen Wörtern jiddischen oder hebräischen Ursprungs wissen die Christen, die sie unverdrossen gebrauchen, garnicht, woher sie stammen. Diese Wörter werden einfach als Bestandteile der örtlichen Umgangssprache genommen. Die deutsche Sprache war also niemals “judenrein”. Auch, als es in Deutschland keine Juden mehr gab, weil sie emigriert oder ermordet waren.
Anders als das Westjiddische war die Sprache der Ostjuden, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Nordamerika und Westeuropa ausgewandert sind, im Osten Europas bis zum schrecklichen Ende ein lebendiges Medium der Verständigung. Die Juden im europäischen Osten beherrschten allesamt zumindest zwei Sprachen. Jiddisch und die jeweilige Landessprache, in erster Linie also Polnisch, Russisch oder Litauisch. Das Ostjiddische war und ist, wenn man der Sprachforschung folgt, wie das Westjiddische eine Variante der germanischen Sprachfamilie mit vielen slawischen und hebräischen Vokabeln. Auch die Wortstellung weicht mitunter vom Mittelhochdeutschen ab. Nur manche jüdische Sprachwissenschaftler wehren sich aus verständlichen Gründen vehement gegen die Feststellung, das Ostjiddische habe deutsche Wurzeln. Jüdisches und Deutsches haben für sie nichts miteinander zu tun. Obwohl jeder Deutsche, von einzelnen Wörtern abgesehen, Jiddisch ganz gut entziffern und verstehen kann. Als Beispiel habe ich am Ende dieses Kapitels das ergreifende Gedicht “Ss brent!” (Es brennt) von Mordechai Gebirtig widergegeben, einem jüdischen Liedermacher, der in Krakau lebte und seine Familie als Tischler ernährte. Von ihm wurde damals in Krakau sarkastisch gesagt, er habe tagsüber an Möbeln und nachts an jiddischen Liedern gehobelt. Gebirtig wurde 1942 im Krakauer Ghetto auf offener Straße von einem deutschen Bewacher erschossen. Ich halte es für ausgeschlossen, dass ein Deutscher, der dieses Gedicht liest, das von einem Pogrom handelt, die Klage, den Schmerz und die Verzweiflung, die es ausdrückt, nicht verstehen könnte. Der Massenmord an den Juden ändert nichts daran, dass Jiddisch ein Abkömmling der mittelalterlichen deutschen Sprache ist. So wie die jüdischen Gesichter sich mit der Aufnahme von Konvertiten verändert haben, so hat die jiddische Sprache slawische und andere fremde Wörter aufgenommen, hat sich der nichtjüdischen Sprachwelt ein Stück anverwandelt. Aber nicht die slawischen, sondern die germanischen Wörter und Wortstellungen dominieren, allen Besonderheiten zum Trotz, die jiddische Sprache. Schon darum hat die deutsche Sprache und die deutsche Kultur im Denken der Ashkenasim eine herausgehobene Rolle gespielt. Mit dem Jiddischen und seiner Welt ist letztlich auch ein - damals von Vielen ungeliebtes - Kind deutscher Sprache und Kultur untergegangen. Der Holocaust war auch darin ein Brudermord.
Wie bereits gesagt: Über den Weg, auf dem die ostjiddische Sprache entstanden ist, herrscht in der Forschung eher Uneinigkeit. Ist sie ein Derivat des Westjiddischen, das die Flüchtlinge zur Zeit der Kreuzzüge und der Großen Pest aus dem Westen mitgebracht haben oder ist es in Osteuropa entstanden, wo zur Zeit der Ordensritter und der Hanse die deutsche Sprache die lingua franca der Kaufleute war? Oder kam beides zusammen? So oder so, das Ostjiddische ist im 19. und 20. Jahrhundert mit den Hunderttausenden, am Ende Millionen ostjüdischer Migranten in den Westen versetzt und dort von den Einheimischen als “die” Sprache der Juden verstanden worden. Die Nähe des Ostjiddischen zur deutschen Sprache erlaubte denen, die im Deutschen Reich blieben und nicht in die USA oder andere westliche Staaten weiterzogen, von Anbeginn eine rudimentäre Verständigung mit den einheimischen Christen und alteingesessenen Juden gleichermaßen. Freilich wurde ihre Sprache als verstümmeltes, primitives Deutsch wahrgenommen, als Kauderwelch. Ich erinnere mich an den jüdischen Hausierer, der damals in unserem Viertel von Tür zu Tür ging und Radiogeräte auf Raten verkaufte. Er war in den Zwanziger Jahren aus Polen nach Deutschland gekommen, hatte bei Verwandten ein Unterkommen gefunden und als Partner eines jüdischen Radiohändlers gängige Geräte in Arbeitervierteln zu günstigen Preisen auf Raten verkauft. Sein von jiddischen Wortwendungen durchsetztes Deutsch war für die Arbeiter und ihre Frauen, denen er seine Radios vorführte, ohne Schwierigkeit zu verstehen, obwohl ein Teil der Wörter und ihre Aussprache von der gewohnten deutschen Umgangssprache abwichen. Aber er redete mit großer Geläufigkeit, wenngleich in einer fremdartigen Intonation, die sein Gegenüber spontan schmunzeln oder den Kopf schütteln liess. Natürlich auch darum, weil sein Gestikulieren, sein Reden mit den Händen, befremdliche Mitteilungsformen waren. Jiddisch wurde in unserer Stadt, in unserem Viertel auch von einfachen Leuten nicht als eigene Sprache, sondern als schlechter Abklatsch des Deutschen aufgefasst. Dass Jiddisch in Osteuropa eine eigenständige Kultursprache war und kein misslungener Versuch, des Deutschen mächtig zu werden, war dem deutschen Gegenüber damals meist nicht klar. Für ihn war Jiddisch, anders als die Herkunftssprachen moderner Migranten, keine eigene Sprache, sondern verstümmeltes Deutsch. Das gilt auch für die alteingesessenen Juden, die ich damals kannte. Jiddisch war für sie die seltsame Sprache ferner Verwandter, die unerwartet und unerwünscht an die eigene Tür geklopft und um Einlass gebeten haben. Jiddisch war auch für sie Kauderwelsch.
Später erst habe ich von den jüdischen Intellektuellen gelesen, wohletablierte westliche Juden allesamt, die damals Jiddisch und die jiddische Kultur als Elemente eines künftigen Judentums genommen haben, das die Juden aus der Gefangenschaft in der verweltlichten westlichen Zivilisation befreien sollte. Dieses ideale Bild des künftigen Judentums wurde mit dem zionistischen Gedanken eines jüdischen Staates auf dem Gebiet Palästinas verbunden, einer Idee, die mit der Gründung des Staates Israel Wirklichkeit wurde. Freilich ist nicht das Ostjiddische, sondern ein der modernen Welt angeglichenes Hebräisch die Sprache des jüdischen Staates geworden. Der Gedanke, die ostjüdische Welt und ihre Sprache zum Vorbild für einen künftigen Judenstaat zu machen, hatte damals unter den etablierten deutschen Juden ohnehin kaum Anhänger gewonnen. Zu tief war die innere Distanz zu den ostjüdischen Migranten, ihrer ultraorthodoxen Glaubenspraxis und ihrer Sprache. Das war in den USA, wohin es die meisten ostjüdischen Emigranten zog, nicht viel anders. Auch dort war das Ostjiddische, das in den informellen Ghettos der Großstädte an der Ostküste gesprochen wurde, für die längst assimilierten Juden nicht anders als für die Katholiken und Protestanten ein befremdliches Idiom. Und doch lebt es dort bei vielen Menschen mit ostjüdischen Wurzeln bis heute fort. In Brooklyn kann man sich, wenn man will, immer noch leicht auf Jiddisch verständigen. Auch nichtjüdische Geschäftsleute in den USA lassen mitunter jiddische Ausdrücke in ihr Reden einfließen. Wörter, deren Herkunft sie meist garnicht kennen. Natürlich wird auch in Israel versucht, dieser Sprache, nachdem sie lange von den “Jeckes”, den ehedem deutschen Juden, belächelt wurde, wieder kulturellen Raum zu verschaffen. Nicht nur bei den ultraorthodoxen Juden in Mea Shearim. Jiddisches Theater, jiddische Musik und jiddische Literatur haben im israelischen Leben ein wenig Platz zurückgewonnen. Die jiddische Sprache ist darum mit der Welt des Schtetl nicht zur Gänze untergegangen. Das gilt erst recht für die Klezmermusik und den Rundtanz, die Hora, die in Israel, befreit von religiöser Konnotation, ein Stück Alltag geworden sind. Die Kultur des Schtetl hat also auch ohne die ostjüdische Welt noch einen kleinen, wenngleich bescheidenen Platz gefunden. Obwohl man geneigt ist zu bezweifeln, dass diese Bruchstücke ostjüdischer Kultur in einer säkularisierten israelischen Gesellschaft lange überleben werden. Denn auch das Ladino, die Sprache der spanischen und portugiesischen Juden, ist - wie das Westjiddische - längst einen stillen Tod gestorben. Jedenfalls werden diese jüdischen Sondersprachen außerhalb von Liebhaberzirkeln kaum noch gesprochen und verstanden.
Ich wäre froh, wenn ich mehr über die Entstehung und die Verbreitung der jiddischen Sprache wüsste. Aber in meiner Knabenzeit, von der dieses Buch handelt, hat Jiddisch in meiner Umgebung keine Rolle gespielt. Es wurde, wie bereits gesagt, als Kauderwelsch, als das Radebrechen ungebildeter Einwanderer missverstanden. Obwohl es eine Sprache wie jede andere war, die von Immigranten mitgebracht wurde. Aber ich hatte keinen Grund, diese Sprache näher kennenzulernen. In der Schule lernte ich Französisch und Englisch, und das sind bis in die Gegenwart die einzigen Fremdsprachen, in denen ich mich zu verständigen weiss. Dem Jiddischen bin ich später in Brooklyn erneut begegnet, weil die Nachfahren ostjüdischer Immigranten dort die Sprache ihrer Vorväter am Leben erhielten. Aber mit jeder neuen Generation wird der Kreis der Kundigen auch in dieser Enklave ostjüdischen Lebens kleiner, und Jiddisch stirbt wie anderswo einen langsamen und stillen Tod. In meinen Knabenjahren haben Titel wie „Bei mir bisde scheen“ oder „A jiddische Mamme“ die Jazzfreunde an diese Sprache erinnert. Junge Menschen, Schüler und Studenten, die diese „Neger- und Judenmusik“ im Dritten Reich zum Mißfallen der Mächtigen auf zerkratzten Schallplatten gesammelt und getauscht und hinter geschlossenen Türen abgespielt haben, als alles Jüdische in Hitlers furchtbarer Welt längst verboten war.
Mordechai Gebirtig
Ss' brent!
ss' brent, brider, ss' brent!
oj, undser orem shtetl nebech brent!
bejse wintn mit jirgosn,
rajssn, brechn un zeblosn,
shtarker noch di wildn flamn,
alz arum shojn brent!
un ir shtejt un kukt asoj sich
mit farlejgte hent,
un ihr shtejt un kukt asoj sich -
undser shtetl brent!
ss' brent ...
oj, undser ...
ss' hobn shojn di fajerzungen
ss' ganze shtetl ajngeshlungen
un di bejse wintn hudshen -
ss' ganze shtetl brent!
un ir shtejt ...
ss' brent, brider, ss' brent!
oj, ess ken cholile kumen der moment,
as undser shtot mit unds zusamn
sol ojf ash awek in flamn,
blajbn sol wi noch a shlacht
nor pusste, shwarze went?
un ir shtejt ...
ss' brent, brider, ss' brent!
di hilf is nor in ajch alejn gewent!
ojb doss shtetl is ajch tajer,
nemt di kejlim, lesht doss fajer,
lesht mit ajer ejgn blut
bawajst, as ir doss kent!
shtejt nisht, brider, ot asoj sich mit farlejgte hent,
shtejt nisht, brider, lesht doss fajer,
undser shtetl brent!
***
Jüdische Berufe
Den Juden wurden damals im Schulunterricht nicht nur das sprichwörtliche jüdische Gesicht und der jüdische Charakter, der sich hinter den körperlichen Merkmalen vorgeblich verbirgt, sondern auch eine besondere Sprechweise angedichtet. Auch wenn Juden fehlerfrei Deutsch sprächen, seien sie an der Intonation und jüdischen Redewendungen zu erkennen. Tatsächlich haben die Juden, die ich in meiner Jugend kannte, Deutsch wie andere Deutsche gesprochen. Mit geschlossenen Augen hätte man darum einen alteingesessenen deutschen Juden, dessen Vorfahren das Jiddische längst hinter sich gelassen hatten, nicht an seiner Intonation des Deutschen als Juden erkennen können. Viele, vor allem die einfachen Leute unter ihnen, haben den örtlichen Dialekt gesprochen. Auch meine jüdischen Angehörigen, kleine Leute, haben sich im örtlichen Dialekt verständigt, wenn sie nicht auf Ämtern vorsprachen und sich dort in gestelztem Hochdeutsch ausdrückten. Die den Juden angedichtete geheime Sprache gab es also damals nicht. Denn Hebräisch haben sie, von den Rabbinen abgesehen, so gut wie garnicht gesprochen, und das Westjiddische als innerjüdische Sondersprache war längst abhanden gekommen. Nur die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zugewanderten Ostjuden, Immigranten der ersten Generation, haben Jiddisch gesprochen. Ihr mittelalterliches Deutsch, mit slawischen und hebräischen Vokabeln durchsetzt, kam auch den alteingesessenen deutschen Juden befremdlich vor. Das Jiddische enthielt überdies Rachenlaute, die es so im Deutschen nicht gab. Es war für einen Deutschen leichter, Jiddisch zu lesen als es gesprochen zu hören und zu verstehen. Befremden lösten auch die ausgreifenden Gebärden und die ausgeprägte Mimik aus, körpersprachliche Besonderheiten der ostjüdischen Welt, die den deutschen Verhaltensnormen widersprachen. Denn die Körpersprache, vor allem also Mimik und Gestik, wurde von den wohlerzogenen deutschen Bürgern eher verhalten eingesetzt. Sparsame Gestik und Mimik, maßvolle Lautstärke, sorgsames Artkulieren und Wahren des Abstands zum Gegenüber waren Regeln, die früh gelernt sein wollten. Das waren zugleich Umgangsformen, die in der ostjüdischen Welt nicht galten. Das betrifft auch das Schachern, das den jüdischen Händlern und Geldverleihern nachgesagt wurde. Schachern, ein anderes Wort für das Feilschen, das Herunter- oder Heraufhandeln des Preises, hatte damals immer den Beiton von unsauberen, unlauteren Geschäften, bei denen Christen von Juden vorgeblich übers Ohr gehauen wurden. Weil damals in Deutschland - anders als in der ostjüdischen Welt - im Einzelhandel bereits feste, für den Kunden sichtbare Preise üblich geworden oder gar vorgeschrieben waren. Im ländlichen Viehhandel, beim Hausieren und auf Trödelmärkten galt das nicht. Dort waren jüdische Händler häufig tätig, und dort wurden die Preise ausgehandelt und, wie am Wort zu erkennen, mit Handschlag besiegelt. Das ist im ländlichen Viehhandel vielerorts auch heute noch so, obwohl keine Juden mehr beteiligt sind. Ansonsten spielten und spielen Verhandlungen um Preise, Mengen und Termine damals wie heute natürlich überall eine große Rolle. Sie waren und sind in allen Wirtschaftszweigen auch in der Gegenwart keineswegs Ausnahmefälle. Nur spricht man dabei nicht von Schachern oder Feilschen, weil kaum mehr Juden beteiligt sind. Wie das Schachern ist das Mauscheln damals als typisch jüdisches Gebaren genommen worden. So wurden Verhaltensweisen bezeichnet, die man heute Kungeln nennt und eher Politikern als Kaufleuten zuschreibt, bei denen man von Verhandlungen spricht. Unsaubere, undurchsichtige Abreden zulasten Dritter, fragwürdige Geschäfte, Mogeln und Täuschen wurden damals freilich den Juden angelastet, und “Mauschel” war vielerorts ein Synonym für Jude. Schachern und Mauscheln waren eben Wörter, die damals nur den Juden galten und abfällige Bedeutung hatten. Zusammen mit dem “Jüdischen Gesicht” und der “Jüdischen Sprache” umschrieben sie damals die antijüdische Vorstellung vom “Jüdischen Charakter”. Bleibt zu erwähnen, dass Juden vorgeblich am Knoblauchatem erkennbar waren, an einem Ergebnis reichlich gewürzter Speisen, die der germanische Küchenzettel zu jener Zeit noch nicht kannte.
Diese Vorurteile waren seit dem Mittelalter verbreitet, und sie wurden - unter der kopfschüttelnden Missbilligung der vor langer Zeit eingebürgerten deutschen Juden - durch das Aussehen und das Verhalten der ostjüdischen Immigranten bestärkt und bestätigt. Die Juden, die seit Generationen in Deutschland lebten, hatten die jüdische Sondersprache, das Westjiddische, seit der Öffnung der Ghettos aufgegeben und die deutsche Sprache, oft auch ihre Dialekte, übernommen. In der Synagoge, in der religiösen Unterweisung und in den täglichen Gebeten spielte Hebräisch, wenn es keine liberale, sondern eine orthodoxe Gemeinde war, zwar eine wichtige Rolle, aber das blieben für die meisten Gläubigen Vokabeln, die nicht geeignet waren, im Umgang miteinander und mit Christen Verwendung zu finden. Gebetstexte und Bibelverse lassen sich nicht gut für Alltagsgespräche verwenden. Kurz gesagt, die meisten Juden haben sich, weil sie zwar die hebräischen Schriftzeichen kannten, hebräische Texte aber nur mühsam entziffern konnten, die biblische Sprache also nicht wirklich beherrschten, untereinander nicht auf Hebräisch, sondern in den Landessprachen verständigt. Im Deutschen Reich also auf Deutsch, das sie sprachen wie alle anderen Deutschen. So wie französische Juden eben Französisch, englische Juden Englisch und spanische Juden Spanisch gesprochen haben. Die vorgebliche Zweisprachigkeit aller Juden in der Diaspora ist darum, wenn man die Rabbinen ausläßt, die nach ihrem Studium natürlich Hebräisch und Aramäisch sprachen, lasen und schrieben, eine Legende. Schließlich waren auch nur wenige Katholiken des Lateinischen mächtig, das damals ihren Gottesdienst beherrschte. Und die Protestanten kannten das Altgriechische nicht, in dem der Urtext des Neuen Testaments geschrieben ist. Die alteingesessenen Juden, im 19. Jahrhundert aus den Ghettos befreit, waren jedenfalls an ihrer Sprache nicht mehr als Juden zu erkennen. Das Westjiddische war still gestorben. Allenfalls einige Wörter hatten in der Umgangssprache überlebt. Und jüdische Geschäftsleute haben untereinander das eine oder andere jiddische oder hebräische Wort verwendet. So sind, um Beispiele zu nennen, die jedermann kennt, “Chuzpe” als Ausdruck für Frechheit und Dreistigkeit oder “Massel” für Glück und Erfolg in die deutsche Umgangssprache eingegangen. Von vielen anderen Wörtern jiddischen oder hebräischen Ursprungs wissen die Christen, die sie unverdrossen gebrauchen, garnicht, woher sie stammen. Diese Wörter werden einfach als Bestandteile der örtlichen Umgangssprache genommen. Die deutsche Sprache war also niemals “judenrein”. Auch, als es in Deutschland keine Juden mehr gab, weil sie emigriert oder ermordet waren.
Anders als das Westjiddische war die Sprache der Ostjuden, die Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Nordamerika und Westeuropa ausgewandert sind, im Osten Europas bis zum schrecklichen Ende ein lebendiges Medium der Verständigung. Die Juden im europäischen Osten beherrschten allesamt zumindest zwei Sprachen. Jiddisch und die jeweilige Landessprache, in erster Linie also Polnisch, Russisch oder Litauisch. Das Ostjiddische war und ist, wenn man der Sprachforschung folgt, wie das Westjiddische eine Variante der germanischen Sprachfamilie mit vielen slawischen und hebräischen Vokabeln. Auch die Wortstellung weicht mitunter vom Mittelhochdeutschen ab. Nur manche jüdische Sprachwissenschaftler wehren sich aus verständlichen Gründen vehement gegen die Feststellung, das Ostjiddische habe deutsche Wurzeln. Jüdisches und Deutsches haben für sie nichts miteinander zu tun. Obwohl jeder Deutsche, von einzelnen Wörtern abgesehen, Jiddisch ganz gut entziffern und verstehen kann. Als Beispiel habe ich am Ende dieses Kapitels das ergreifende Gedicht “Ss brent!” (Es brennt) von Mordechai Gebirtig widergegeben, einem jüdischen Liedermacher, der in Krakau lebte und seine Familie als Tischler ernährte. Von ihm wurde damals in Krakau sarkastisch gesagt, er habe tagsüber an Möbeln und nachts an jiddischen Liedern gehobelt. Gebirtig wurde 1942 im Krakauer Ghetto auf offener Straße von einem deutschen Bewacher erschossen. Ich halte es für ausgeschlossen, dass ein Deutscher, der dieses Gedicht liest, das von einem Pogrom handelt, die Klage, den Schmerz und die Verzweiflung, die es ausdrückt, nicht verstehen könnte. Der Massenmord an den Juden ändert nichts daran, dass Jiddisch ein Abkömmling der mittelalterlichen deutschen Sprache ist. So wie die jüdischen Gesichter sich mit der Aufnahme von Konvertiten verändert haben, so hat die jiddische Sprache slawische und andere fremde Wörter aufgenommen, hat sich der nichtjüdischen Sprachwelt ein Stück anverwandelt. Aber nicht die slawischen, sondern die germanischen Wörter und Wortstellungen dominieren, allen Besonderheiten zum Trotz, die jiddische Sprache. Schon darum hat die deutsche Sprache und die deutsche Kultur im Denken der Ashkenasim eine herausgehobene Rolle gespielt. Mit dem Jiddischen und seiner Welt ist letztlich auch ein - damals von Vielen ungeliebtes - Kind deutscher Sprache und Kultur untergegangen. Der Holocaust war auch darin ein Brudermord.
Wie bereits gesagt: Über den Weg, auf dem die ostjiddische Sprache entstanden ist, herrscht in der Forschung eher Uneinigkeit. Ist sie ein Derivat des Westjiddischen, das die Flüchtlinge zur Zeit der Kreuzzüge und der Großen Pest aus dem Westen mitgebracht haben oder ist es in Osteuropa entstanden, wo zur Zeit der Ordensritter und der Hanse die deutsche Sprache die lingua franca der Kaufleute war? Oder kam beides zusammen? So oder so, das Ostjiddische ist im 19. und 20. Jahrhundert mit den Hunderttausenden, am Ende Millionen ostjüdischer Migranten in den Westen versetzt und dort von den Einheimischen als “die” Sprache der Juden verstanden worden. Die Nähe des Ostjiddischen zur deutschen Sprache erlaubte denen, die im Deutschen Reich blieben und nicht in die USA oder andere westliche Staaten weiterzogen, von Anbeginn eine rudimentäre Verständigung mit den einheimischen Christen und alteingesessenen Juden gleichermaßen. Freilich wurde ihre Sprache als verstümmeltes, primitives Deutsch wahrgenommen, als Kauderwelch. Ich erinnere mich an den jüdischen Hausierer, der damals in unserem Viertel von Tür zu Tür ging und Radiogeräte auf Raten verkaufte. Er war in den Zwanziger Jahren aus Polen nach Deutschland gekommen, hatte bei Verwandten ein Unterkommen gefunden und als Partner eines jüdischen Radiohändlers gängige Geräte in Arbeitervierteln zu günstigen Preisen auf Raten verkauft. Sein von jiddischen Wortwendungen durchsetztes Deutsch war für die Arbeiter und ihre Frauen, denen er seine Radios vorführte, ohne Schwierigkeit zu verstehen, obwohl ein Teil der Wörter und ihre Aussprache von der gewohnten deutschen Umgangssprache abwichen. Aber er redete mit großer Geläufigkeit, wenngleich in einer fremdartigen Intonation, die sein Gegenüber spontan schmunzeln oder den Kopf schütteln liess. Natürlich auch darum, weil sein Gestikulieren, sein Reden mit den Händen, befremdliche Mitteilungsformen waren. Jiddisch wurde in unserer Stadt, in unserem Viertel auch von einfachen Leuten nicht als eigene Sprache, sondern als schlechter Abklatsch des Deutschen aufgefasst. Dass Jiddisch in Osteuropa eine eigenständige Kultursprache war und kein misslungener Versuch, des Deutschen mächtig zu werden, war dem deutschen Gegenüber damals meist nicht klar. Für ihn war Jiddisch, anders als die Herkunftssprachen moderner Migranten, keine eigene Sprache, sondern verstümmeltes Deutsch. Das gilt auch für die alteingesessenen Juden, die ich damals kannte. Jiddisch war für sie die seltsame Sprache ferner Verwandter, die unerwartet und unerwünscht an die eigene Tür geklopft und um Einlass gebeten haben. Jiddisch war auch für sie Kauderwelsch.
Später erst habe ich von den jüdischen Intellektuellen gelesen, wohletablierte westliche Juden allesamt, die damals Jiddisch und die jiddische Kultur als Elemente eines künftigen Judentums genommen haben, das die Juden aus der Gefangenschaft in der verweltlichten westlichen Zivilisation befreien sollte. Dieses ideale Bild des künftigen Judentums wurde mit dem zionistischen Gedanken eines jüdischen Staates auf dem Gebiet Palästinas verbunden, einer Idee, die mit der Gründung des Staates Israel Wirklichkeit wurde. Freilich ist nicht das Ostjiddische, sondern ein der modernen Welt angeglichenes Hebräisch die Sprache des jüdischen Staates geworden. Der Gedanke, die ostjüdische Welt und ihre Sprache zum Vorbild für einen künftigen Judenstaat zu machen, hatte damals unter den etablierten deutschen Juden ohnehin kaum Anhänger gewonnen. Zu tief war die innere Distanz zu den ostjüdischen Migranten, ihrer ultraorthodoxen Glaubenspraxis und ihrer Sprache. Das war in den USA, wohin es die meisten ostjüdischen Emigranten zog, nicht viel anders. Auch dort war das Ostjiddische, das in den informellen Ghettos der Großstädte an der Ostküste gesprochen wurde, für die längst assimilierten Juden nicht anders als für die Katholiken und Protestanten ein befremdliches Idiom. Und doch lebt es dort bei vielen Menschen mit ostjüdischen Wurzeln bis heute fort. In Brooklyn kann man sich, wenn man will, immer noch leicht auf Jiddisch verständigen. Auch nichtjüdische Geschäftsleute in den USA lassen mitunter jiddische Ausdrücke in ihr Reden einfließen. Wörter, deren Herkunft sie meist garnicht kennen. Natürlich wird auch in Israel versucht, dieser Sprache, nachdem sie lange von den “Jeckes”, den ehedem deutschen Juden, belächelt wurde, wieder kulturellen Raum zu verschaffen. Nicht nur bei den ultraorthodoxen Juden in Mea Shearim. Jiddisches Theater, jiddische Musik und jiddische Literatur haben im israelischen Leben ein wenig Platz zurückgewonnen. Die jiddische Sprache ist darum mit der Welt des Schtetl nicht zur Gänze untergegangen. Das gilt erst recht für die Klezmermusik und den Rundtanz, die Hora, die in Israel, befreit von religiöser Konnotation, ein Stück Alltag geworden sind. Die Kultur des Schtetl hat also auch ohne die ostjüdische Welt noch einen kleinen, wenngleich bescheidenen Platz gefunden. Obwohl man geneigt ist zu bezweifeln, dass diese Bruchstücke ostjüdischer Kultur in einer säkularisierten israelischen Gesellschaft lange überleben werden. Denn auch das Ladino, die Sprache der spanischen und portugiesischen Juden, ist - wie das Westjiddische - längst einen stillen Tod gestorben. Jedenfalls werden diese jüdischen Sondersprachen außerhalb von Liebhaberzirkeln kaum noch gesprochen und verstanden.
Ich wäre froh, wenn ich mehr über die Entstehung und die Verbreitung der jiddischen Sprache wüsste. Aber in meiner Knabenzeit, von der dieses Buch handelt, hat Jiddisch in meiner Umgebung keine Rolle gespielt. Es wurde, wie bereits gesagt, als Kauderwelsch, als das Radebrechen ungebildeter Einwanderer missverstanden. Obwohl es eine Sprache wie jede andere war, die von Immigranten mitgebracht wurde. Aber ich hatte keinen Grund, diese Sprache näher kennenzulernen. In der Schule lernte ich Französisch und Englisch, und das sind bis in die Gegenwart die einzigen Fremdsprachen, in denen ich mich zu verständigen weiss. Dem Jiddischen bin ich später in Brooklyn erneut begegnet, weil die Nachfahren ostjüdischer Immigranten dort die Sprache ihrer Vorväter am Leben erhielten. Aber mit jeder neuen Generation wird der Kreis der Kundigen auch in dieser Enklave ostjüdischen Lebens kleiner, und Jiddisch stirbt wie anderswo einen langsamen und stillen Tod. In meinen Knabenjahren haben Titel wie „Bei mir bisde scheen“ oder „A jiddische Mamme“ die Jazzfreunde an diese Sprache erinnert. Junge Menschen, Schüler und Studenten, die diese „Neger- und Judenmusik“ im Dritten Reich zum Mißfallen der Mächtigen auf zerkratzten Schallplatten gesammelt und getauscht und hinter geschlossenen Türen abgespielt haben, als alles Jüdische in Hitlers furchtbarer Welt längst verboten war.
Jüdische Namen
Da man Juden ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Glaubensgemeinschaft nicht ansehen konnte, wurde im August 1938 durch Gesetz verordnet, dass Juden ihren Kindern ausschließlich Vornamen geben durften, die in dieser Vorschrift aufgezählt waren. Den "Deutschblütigen" wiederum war es verboten, ihren Kindern einen dieser Vornamen zu geben. Juden mit Vornamen, die nicht auf dieser Liste standen, wurden dazu gezwungen, als zweiten Vornamen Israel oder Sarah zu führen. Das traf auch meine Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen und die jüdischen Bewohner im Haus, die von nun an alle auch Israel und Sarah hießen. Diese Liste enthielt viele ungewöhnliche, fremdartige Vornamen, die kein Jude seinen Kindern jemals freiwillig gegeben hätte. Für Knaben nennt die Liste zum Beispiel Abieser, Abner, Bachja, Benaja, Berek, Chaggai, Chajin, Eisig, Eli, Feibisch, Feleg, Hagai, Hemor, Isai, Isboseth, Jakar, Jehusiel, Jerobeam, Joab, Jomteb, Jona, Josia, Kaleb, Korach, Laban, Lot, Machol, Maim, Maleachi, Nachschon, Naftali, Naum, Nochem, Obadja, Orew, Schneur, Schoachana, Sebulon, Semi, Sered, Sichem, Sirach, Simson, Teit, Tewele, Uria, Zeruja, Zewi. Für Mädchen wurden unter anderem die folgenden Vornamen aufgeführt: Baschewa, Beile, Bihri, Bilha, Breine, Briewe, Cheiche, Cheile, Dewaara, Driesel, Egele, Feile, Fradchen, Geilchen, Ginendel, Gittel, Hitzel, Jachet, Jachewad, Jente, Judis, Jyske, Kreindel, Leie, Liwie, Machle, Nachme, Peirche, Peßchen, Pesse, Pessel, Pirle, Rause, Rechel, Reha, Reitzsche, Riwki, Scharne, Scheindel, Scheine, Sprinze, Tana, Telze, Tirze, Treibel, Zerel, Zimle, Zine, Zipora, Zirel, Zorthel. Mag sein, dass diese Vornamen in der Welt des Schtetl vorkamen, aber die deutschen Juden haben ihren Kindern solche Namen sicherlich nicht gegeben. Weder als jüdische Beinamen noch als eingetragene Vornamen.
Auch diese Maßnahme diente dazu, Juden für jedermann kenntlich zu machen, obwohl sie doch nach dem rassistischen Aberglauben jener Jahre an ihrem Äußeren leicht von anderen Menschen zu unterscheiden sind. Am Kraushaar, krummen Nasen, abstehenden Ohren und krummen Beinen. So wurden Juden jedenfalls auf den Plakaten damals dargestellt. Die herrschenden Judenfeinde haben sich also mit ihrem Namensdiktat im Grunde selbst widerlegt. Diese Verunglimpfungen erst haben Juden für jeden erkennbar gemacht, der einen Blick in ihre Papiere werfen durfte. Ohne solche Abzeichen hätte niemand erkennen können, ob er einen Katholiken, Protestanten, Glaubenslosen oder eben einen Juden vor sich hat. Das gilt auch für das große rote “J” in jüdischen Reisepässen und auf mancherlei anderen Dokumenten. Immer ging es darum, Menschen als Juden kenntlich zu machen, denen ohne solche Abzeichen niemand ansehen konnte, dass sie jüdischen Glaubens waren. So wie man einem Katholiken oder Protestanten seinen Glauben nicht am Gesicht ablesen kann. Auch der Familienname der Christen liess keinen Schluss auf ihr religiöses Bekenntnis zu.
Die durch Gesetz erzwungene Führung solcher Vornamen erinnerte viele Juden, die die Geschichte ihrer Familien kannten, daran, dass Juden im 18. und 19. Jahrhundert in den einzelnen deutschen Staaten und in Österreich-Ungarn gezwungen wurden, Familiennamen anzunehmen, die als deutsche Namen erkennbar sein mussten. Das war damals der Preis für die Gewährung der Bürgerrechte. Es war Sache der Meldebehörden, ob sie einen zur Eintragung genannten Namen als gesetzkonform anerkannten, und oft haben die Beamten den jüdischen Bürgern Namen aufgezwungen, die zwar deutsch klangen, aber einer Verunglimpfung gleichkamen. Solche Namen konnten später meist geändert werden, wenn der Betroffene es wollte. So sind also die deutschen Namen vieler Juden entstanden, die – wie die Christen - über viele Jahrhunderte gar keine Familiennamen führten. Nur im geschäftlichen Umgang mit Christen haben sie einen Beinamen verwendet, weil das den Abschluss von Verträgen erst möglich, zumindest aber erleichtert hat. Sieht man von diesen Fällen ab, so waren es nicht die Juden, sondern die Gesetze und Behörden, die den Juden deutschklingende Familiennamen aufgezwungen haben. Es war nicht der Wille der Juden, sich als Nichtjude, als Christ zu tarnen. Sie haben sich ihrer Umwelt und deren Gesetzen gefügt.
Nun also, in den Hitlerjahren, ging es nicht um Familiennamen, sondern um Vornamen, die jemanden nicht als deutschen Staatsbürger, sondern als Juden, als bloßen Staatsangehörigen, als ungebetenen Fremdling kenntlich machen sollten. An die Familiennamen hat man sich nicht herangetraut. Das wäre, wie man sich leicht klar machen kann, sehr schwierig gewesen. Die stattdessen erzwungenen Vornamen wurden auf allen amtlichen Dokumenten eingetragen. Es versteht sich, dass die wenigen deutschen Juden, die den Holocaust überlebten, diese Vornamen schnell abgelegt haben. Das war leichter als die Nummern zu entfernen, die den Häftlingen im Konzentrationslager am linken Arm eintätowiert worden waren. Jene Überlebende, die nach Palästina, später Israel ausgewandert sind, haben oft nicht nur die Vornamen, sondern auch ihre Familiennamen geändert und biblische, hebräische Namen angenommen. Meine Cousins und Cousinen, die die Schreckensjahre überlebten, haben es freilich dabei belassen, ihre deutschen Vornamen durch biblische zu ersetzen.. Die Tätowierungen am linken Arm sind sie natürlich nicht so leicht losgeworden. “Sarah” stand übrigens nach dem Zweiten Weltkrieg lange an der Spitze der Vornamen, die deutsche, christliche Eltern ihrem weiblichen Nachwuchs gaben. Sie wollten, nehme ich an, gewiss nicht daran erinnern, dass die jüdischen Frauen diesen Vornamen annehmen mussten, ehe sie in den Tod geschickt wurden.
Ich habe nicht die Absicht, über die Geschichte jüdischer Namen zu schreiben. Das wäre eine lange, sehr lange Erzählung, zu der mir die zureichenden Kenntnisse fehlen. Um dem Leser, der mit deutschjüdischen Vor- und Familiennamen nicht vertraut ist, gleichwohl einen Eindruck von solchen Namen zu verschaffen und zu erkennen, dass deutsche Juden normalhin deutsche Vor- und Familiennamen trugen, habe ich auf den folgenden Seiten eine Deportationsliste widergegeben, die die Vor- und Familiennamen aller jüdischen Männer, Frauen und Kinder unserer Stadt nennt, die im Juni 1942 von der Deutschen Reichsbahn im Auftrag der Geheimen Staatspolizei nach Polen deportiert wurden und von denen man nie wieder etwas vernommen hat. Keine Karte, kein Brief, kein anderes Zeichen, das ein Hinweis darauf gewesen wäre, dass sie noch leben. Mutmaßlich sind sie - nach Aussonderung einiger jüngerer Männer, die in Lublin zur Zwangsarbeit ausgewählt wurden und so noch einige Monate des schrecklichen Überlebens erlitten - zum Vernichtungslager Sobibòr transportiert und dort in den Gaskammern umgebracht worden. Jedenfalls kann man das den einschlägigen Publikationen und den Informationen polnischer Archive entnehmen. Die Zufügungen "J" und "S" bei den Vornamen der zur Deportation bestimmten Juden stehen natürlich für Israel und Sarah.
Jüdische Namen:
Liste der Geheimen Staatspolizei-Stelle Frankfurt/Main mit den Namen, Geburtsdaten und Adressen der für die Deportation am 10. Juni 1942 vorgesehenen Wiesbadener Juden.
Quelle: Aktives Museum Spiegelgasse, Wiesbaden









Der Leser findet in diesem Verzeichnis der zur Deportation in die Vernichtungslager bestimmten Juden auch die Namen meiner Verwandten und Nachbarn, denen ich dieses Buch gewidmet habe. Klara und Arthur Ackermann, Selma, Hermann und Ilse Löwenstein, Zerline Löwenberg und ihre Kinder Helga und Karl Heinz haben am 8. ]uni 1942 die schriftliche Mitteilung der Bezirksstelle Hessen-Nassau der Reichsvereinigung der ]uden in Deutschland erhalten, in der sie auf behördliche Anordnung - lies: auf Befehl der Geheimen Staatspolizei - davon in Kenntnis gesetzt wurden, dass sie sich ab Mittwoch, dem 10. ]uni 1942, vormittags 8 Uhr, zur Abwanderung in ihrer Wohnung bereitzuhalten haben. Ich habe erlebt, wie die Familien Ackermann und Löwenstein am frühen Vormittag von Polizisten abgeholt wurden und auf einen Lastwagen gestiegen sind, der mit geschlossener Plane vor unserem Haus gewartet hat. Ich habe nie wieder etwas von ihnen gehört. Kein Brief, keine Karte, kein Gruß. Als hätten sie sich in Nichts aufgelöst. Und eigentlich war das ja auch so.
Wie ich später erfahren habe, wurden die Transportzüge der Deutschen Reichsbahn damals in Abstimmung zwischen dem Reichsverkehrsministerium, dem Reichssicherheitshauptamt der SS und den örtlichen Gestapostellen bereit gestellt. Es handelte sich in der Regel um „Russenzüge“, die auf der Fahrt aus den eroberten Gebieten im Osten gefangene russische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen für den Einsatz in deutschen Rüstungsbetrieben ins Deutsche Reich gebracht und auf der Rückfahrt nach Osten die deportierten ]uden in die Arbeits- und Vernichtungslager in Polen befördert haben. Das Reichsverkehrsministerium meldete dem ]udenreferat des Reichssicherheitshauptamtes der SS, das von Adolf Eichmann geleitet wurde, die für die Transporte von Juden verfügbaren leeren „Russenzüge“, und auf das Signal dieser Behörde wurden die in den örtlichen Gestapostellen vorbereiteten Transporte in Gang gesetzt. Das heißt: Die zur Deportation ausgewählten ]uden wurden durch die örtlichen Stellen der Reichsvereinigung der ]uden in Deutschland aufgefordert, sich am angegebenen Tag und zur angegebenen Zeit an den Sammelstellen zur „Evakuierung“ nach dem Osten einzufinden. Die mit der Erfassung und Verschickung dieser ]uden vor Ort erforderlichen Maßnahmen oblagen den örtlichen Polizeibehörden. Auf diese Weise dienten die Züge der Deutschen Reichsbahn auf Hin- und Rückfahrt zweierlei Zwecken: Sie waren in Richtung von Ost nach West „Russenzüge“, die Zwangsarbeiter in die deutschen Rüstungsfabriken transportierten und in Richtung von West nach Ost „]udenzüge“, die die Deportierten in die Arbeits- und Vernichtungslager im Osten brachten. In der Transportbilanz standen also Millionen Zwangsarbeitern wiederum Millionen deportierter Juden gegenüber, die in den Schreckensstätten der SS abgeliefert wurden. Der Zug, der die in der widergegebenen Deportationsliste genannten Wiesbadener ]uden über Frankfurt nach Lublin und – nach der Aussonderung arbeitsfähiger Männer –nach Sobibór transportierte, trug die Nummer „DA 18“.
Wenn man die Liste der Opfer liest, dann erkennt man, dass die meisten dieser Menschen Vor- und Familiennamen trugen, die auch unter christlichen Deutschen häufig zu finden waren. Familiennamen wie Ackermann, Bachmann, Baum, Beck, Blum, Berger, Frank, Meyer, Neumann, Stein, Steinberg, Stern, Sternbach, Waldeck oder Wolf konnte man an vielen Türen lesen, hinter denen keine Juden wohnten. Gleiches gilt für männliche Vornamen wie Alfred, Adolf, Erich, Ernst, Felix, Günter, Ludwig, Hans, Heinrich, Herbert, Hugo und Kurt oder für weibliche Vornamen wie Amalie, Anna, Edith, Erna, Else, Frieda, Gisela, Gertrud, Hedwig, Hilda, Helga, Ilse, Inge, Käthe, Klara und Paula. Anhand der Namen konnte man Juden also selten als Juden erkennen. Jeder Christ hätte im Deutschen Reich jener Jahre so heißen können. Und viele von ihnen hiessen so. Darum mussten die Juden einen schwarzen Davidstern an ihren Haus- und Wohnungstüren anbringen und später, vor den großen Deportationen, einen gelben Judenstern an der Kleidung tragen. Und in den Ausweispapieren sorgten ein großes „J“ und die erzwungenen Vornamen Israel und Sarah dafür, dass jeder einen Menschen als Juden identifizieren konnte, der Einblick in diese Dokumente hatte. Bürokratische Schikanen, die nur dem Zweck dienten, Juden für andere kenntlich zu machen. In Verbindung mit der allgegenwärtigen judenfeindlichen Propaganda bedeutete das die vollständige Aussonderung der Juden im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten. Es war dann leicht, die letzten, mörderischen Schritte zu tun.
Jüdische Schläue
Juden wird oft eine besonders hohe Intelligenz zugeschrieben. Das war auch in meiner Jugend so. Als ob Gott den Juden außer den Heiligen Schriften eine größere Portion Intelligenz als anderen Menschen mit auf den Weg gegeben hätte. Die projüdische Version des Klischees von der jüdischen Intelligenz war damals auf die Tatsache gestützt, dass Juden im Vergleich mit Christen höhere formale Bildungsgrade erlangten und größere Anteile in akademischen Berufen aufwiesen. Ebenso wurde der geschäftliche Erfolg jüdischer Fabrikanten, Kaufleute, Juweliere, Verleger, Bankiers und Reeder als Zeichen überdurchschnittlicher Intelligenz gedeutet. Dem Gebildeten waren die Namen großer jüdischer Schriftsteller, Philosophen, Komponisten, Wissenschaftler und Künstler Beleg für die schöpferische Kraft dieses Glaubensvolkes. In der Tat war damals im Deutschen Reich die Zahl der Juden in all diesen Hinsichten größer als die der Christen, wenn man sie auf die Bevölkerungsanteile beider Gruppen bezieht. Heute gilt diese Aussage immer noch für die USA und manche anderen Länder, in denen es messbare jüdische Bevölkerungsanteile gibt.
Wie kann man diese herausragende jüdische Präsenz in anspruchsvollen Berufen erklären? Ist es ein geeignetes Erbgut oder sind es äußere Umstände, die Juden veranlassen, ihre Begabungspotentiale besser zu nutzen? Sind es also angeborene oder erworbene Eigenschaften? Und was sind die Gründe in diesem oder jenem Fall? Dazu finden sich, wie ich feststellen mußte, in einschlägigen Publikationen ebenso viele Erklärungen wie Autoren, die eine schlüssige Antwort gefunden zu haben glauben. Bevor ich etwas zu diesen Erklärungen sage, die bereits in meiner Jugend im Umlauf waren, bleibt ein Blick auf die antijüdische Version der Behauptung, dass Juden im Durchschnitt intelligenter als Christen seien. Entsprechende Aussagen der Judenfeinde bedienten sich damals freilich solcher Worte wie Schläue, Verschlagenheit, Gerissenheit und Durchtriebenheit oder es wurde, wenn es um Buchautoren, Journalisten und andere Publizisten ging, von einer destruktiven Intellektualität der Juden gesprochen. Ihnen wurde die fehlende Verankerung im völkischen Geist, ihre kulturelle Fremdheit, ihr vorgebliches Anderssein vorgeworfen. Hier begegnet man also wieder der Rede vom destruktiven jüdischen Charakter, der den antijüdischen Rassisten ohne Vorbehalt als angeborene Eigenschaft der Juden gilt. Ihnen stellte sich die Frage nicht, ob die - negativ bewertete - jüdische Intelligenz eine erworbene Eigenschaft, ob sie Ergebnis des jüdischen Glaubens und der jüdischen Geschichte ist. Die genannten Eigenschaften wurden von den Rassisten als fest verwurzeltes biologisches Erbe genommen. Von daher die Forderung, die Juden und ihr verseuchtes Blut im Volkskörper auszumerzen. Das war auch in der Schule zu hören, Jahre, bevor die Deportationen begannen. Und es hat viele meiner nichtjüdischen, christlichen Schulkameraden veranlasst, Juden mit neugieriger Scheu zu betrachten und den näheren Umgang zu meiden. Als ob jene anders als andere Menschen gewesen wären. Ein Verhalten, dem man gelegentlich auch heutzutage immer noch begegnen kann. Nun aber aus anderen Gründen.
Natürlich kann und will ich die Diskussion um die vorgebliche Überlegenheit jüdischer Intelligenz nicht bis in in die Einzelheiten verfolgen. Mit Büchern, meist amerikanischer jüdischer Autoren, die dieses Thema erörtern, kann man ganze Regalwände füllen. Ernsthaft wird dabei diskutiert, ob es die jüdische Intelligenz als etwas gibt, was Juden schlechthin von Christen, Muslimen und allen Menschen anderen Glaubens unterscheidet. Wie Juden und Christen auseinandergehalten werden, wenn man ihre vergleichsweise Intelligenz zu bestimmen unternimmt. Wie man diese Eigenschaften bei beiden Kollektiven mißt, was man also unter Intelligenz überhaupt versteht. Ob das jüdische Erbgut, falls es als generationen-übergreifende Konstante überhaupt existiert, schöpferische Potentiale vermittelt, die im geeigneten Umfeld herausragende jüdische Beiträge zur menschlichen Kultur aktivieren, die den anderen Menschen nicht im gleichen Maße erreichbar sind. Ob es, falls das nicht eindeutig bewiesen werden kann, andere Umstände gibt, die dahin wirken, dass Juden ihre Intelligenz, ihre Kreativität in ihrem Lebenskontext wirkungsvoller aktivieren. Ob also Kräfte wirksam sind, die Juden stärker als Christen veranlassen, ihre angeborenen und erworbenen Fähigkeiten zur Gewinnung von materiellem Reichtum oder wissenschaftlicher, schriftstellerischer und künstlerischer Reputation einzusetzen. Oder ob es vielleicht im jüdischen Erbgut für Kreativität und Genialität zuständige Gene gibt, die auf ein geeignetes Milieu warten, um aktiv zu werden. Ob es also eine besondere genetische Ausstattung ist, die dafür sorgt, dass Juden auch als Geigen- und Klavier-Virtuosen, als Dirigenten, Schachspieler, Schauspieler, Journalisten und Romanautoren weltweit erfolgreich sind. Dabei sind immer die jeweiligen Bevölkerungsanteile von Juden und Christen Vergleichsgrundlage. Ob die jahrtausendelange Diskriminierung der Juden das Überleben der Intelligentesten verursacht und diesen Selektionsprozess von Generation zu Generation verstärkt hat. Ob also die von Darwin behauptete natürliche Auslese, das “Survival of the Fittest”, in der Diaspora wirksam war und ist. Oder ob die jahrhundertelange Endogamie der in Ghettos eingesperrten Juden neben genetischen Defekten intelligentere Menschen hervorgebracht hat. Ob umgekehrt die häufige Aufnahme von Konvertiten in die jüdischen Gemeinden, also die jahrhundertelange Aufmischung des jüdischen Erbguts durch vormalige Christen und Muslime die vergleichsweise Intelligenz der Juden befördert hat. Ob das Judentum womöglich besonders intelligente Konvertiten angezogen hat. Ob auf die Juden zutrifft, was man Migranten ganz allgemein zuspricht, dass es immer die Aktivsten, Schnellsten, Flexibelsten, Intelligentesten seien, die den Weg in die Fremde wagen. Eine ganz andere Art, das Klischee vom ewig wandernden Juden, von Ahasver, aufzugreifen. Oder ob das unberechenbare Risiko, Pogromen durch die Flucht in andere Länder entkommen zu müssen, nicht nur eine Präferenz für die Vermögensbildung in mobilen Formen, in Gold, Juwelen und Devisen, sondern auch das frühe Erlernen anderer Sprachen befördert hat. Sprachkenntnisse, die als immaterielles Vermögen in der Fremde nützlich werden konnten. Deren Erwerb überdies den Intellekt geschliffen hat, der bereits durch die naturgegebene Mehrsprachigkeit der Juden - dieses Klischee bezog sich einerseits auf Hebräisch, das damals in Wirklichkeit nur von den Rabbinen und wenigen orthodoxen Juden gesprochen, gelesen und geschrieben wurde, andererseits auf die jüdischen Sondersprachen, auf Jiddisch, das Judendeutsch der Aschkenasim und anderenorts auf Ladino, das Judenspanisch der Sephardim, der spanischen und portugiesischen Juden - einen Vorsprung verschaffte. Ob die Jahrhunderte alte Erfahrung, dass Juden im wirtschaftlichen Leben immer unter hohem Risiko tätig waren, dass sie nie wissen konnten, ob angedachte oder angebahnte Geschäfte auch gelingen würden, ihre Risikoaversion gedämpft und Juden darin geübt hat, dem Neuem, dem Unbekannten gegenüber offen zu sein. Oder ob es jüdische Netzwerke waren, die dem Einzelnen beim Start oder Ausbau seiner unternehmerischen oder akademischen Karriere geholfen haben. Auch, weil Netzwerke im Geschäftsleben das Risiko von Verlusten zu verteilen erlaubten. Ein Vorwurf, den die nichtjüdische Konkurrenz allemal erhoben hat, wenn ihre Geschäfte schlecht und die der Juden nicht ganz so schlecht oder sogar gut liefen. Jüdische Netzwerke, die in den USA als Erklärung für jüdische Erfolge in der Wirtschaft, Wissenschaft, Kulturwelt und Politik immer noch herhalten müssen. Oder ob es Besonderheiten der jüdischen Partnerwahl waren, die die Chancen intelligenter Aspiranten verstärkt hat, ihre wertvollen Gene weiterzugeben. Das erinnert an die Erzählung, wonach in der Welt des Schtetl gutgestellte jüdische Väter für ihre Tochter einen Rabbiner, also einen Gelehrten, als künftigen Mann bevorzugt haben. Auch, wenn er ein armer Schlucker war. Oder an die hämische Rede gehobener Kreise, wonach es der Ehrgeiz ungebildeter jüdischer Emporkömmlinge sei, den eigenen Kindern über Geigen- und Klavierunterricht und den Besuch der höheren Bildungsanstalten den Weg noch weiter nach oben zu ebnen. Das alles sind Erklärungen, die damals im Umlauf waren, die man freilich nicht beim Wort nehmen muss.
Es fehlen ernsthafte Antworten auf die Frage, ob die unbestreitbare und ungewöhnliche jüdische Präsenz in den oberen und obersten Etagen des Unternehmertums, der Wissenschaft, der Literatur, Kunst und Publizistik angeborenen oder erworbenen Eigenschaften geschuldet ist. Ich denke zunächst an die Erklärungsversuche, die Juden ganz ohne ihr Zutun eine intellektuelle Überlegenheit bereits in die Wiegen legen. Dafür gibt es freilich keinerlei Beweis, der die einhellige Anerkennung der Fachwelt gefunden hätte. Genanalysen weisen jüdischen Probanden als Konsequenz der über Jahrhunderte erzwungenen Endogamie allenfalls eine höhere Wahrscheinlichkeit für genetische Defekte und die resultierenden Erbkrankheiten, aber keine höheren Intelligenzquotienten zu. Die These von der genetischen Superiorität der Juden entspringt einem Rassismus der anderen Art, der in die Nähe der Ignoranten im antijüdischen Lager führt. Dem Mythos von der im Erbgut festgelegten Überlegenheit des jüdischen Intellekts widerspricht die Tatsache, dass die Juden in den mittelalterlichen Ghettos und in geschlossenen jüdischen Siedlungsgebieten über Jahrhunderte hin kaum Neuerungen hervorgebracht haben, die als bedeutende Beiträge zum kulturellen Erbe der Menschheit genommen werden könnten. Das gilt natürlich nicht für die großen Texte des biblischen Judentums, die auch Christen und Muslimen heilig sind. Sie sind gewiss die bedeutendsten jüdischen Beiträge zur Weltkultur. Aber das war vor Tausenden von Jahren, und ihnen ist sehr lange nichts Vergleichbares gefolgt. Juden sind seitdem immer erst im nichtjüdischen Milieu zu großer Form gekommen, in Umgebungen, in denen Wissenschaft, Literatur und Kunst eine herausragende Rolle spielen. Denn das Ghetto hat für weltliche Bildung und Forschung wenig Raum gelassen. Es war allenfalls ein Zentrum theologischer Gelehrsamkeit.
Anders, wenn man erwägt, ob die jüdische Religion, das von ihr geforderte lebenslange Studium der biblischen Texte und Kommentare, eine starke Bildungspräferenz begründet und jüdische Familien veranlasst hat, ihren Kindern, vor allem natürlich ihren Söhnen, auch um den Preis materieller Verzichte den Weg zur höheren Bildung und zu akademischen Berufen zu öffnen. Dahin wirkt auch die den jüdischen Knaben verordnete Pflicht, Torah- und Talmudtexte nicht einfach auswendig zu lernen, sondern sie in der Diskussion mit Lehrern und anderen Schülern zu hinterfragen, Argumente und Gegenargumente sorgsam abzuwägen. Das mag im Vergleich mit der christlichen Unterweisung einen ausgeprägten Rationalismus, eine Neigung zum Intellektuellen, ein Gespür für Wortsinn und logische Strukturen befördert haben. Ein sozialer Selektionsmechanismus, der die überdurchschnittliche jüdische Präsenz in der akademischen Welt erklären könnte. Oder ob das Zusammentreffen des Glaubens an das von Gott auserwählte eigene Volk mit der von der christlichen Umwelt zugewiesenen Rolle als Andersartiger, als Außenseiter - also das Aufeinanderprallen von divergierenden Fremd- und Selbstbildern der Juden - deren Intellekt geschärft und Neuem gegenüber geöffnet hat. Die Beobachtung, dass, wer selbst von der Umgebung in Frage gestellt wird, dazu neigt, die Umgebung in Frage zu stellen und Neuem gegenüber offen zu sein. Gründe über Gründe, die vielleicht erklären können, warum Juden in der Diaspora ihr intellektuelles Potential stärker nutzen als es Christen normalhin tun. Argumente, die in ihrer Widersprüchlichkeit und Vielfalt eher Verwirrung hinterlassen.
Wenn man Juden die behauptete intellektuelle Überlegenheit den Katholiken und Protestanten gegenüber in der Tat zuspricht, dann leuchten am ehesten die Hypothesen ein, die davon ausgehen, dass das Zusammenprallen des jüdischen Selbstbilds mit dem antijüdischen Fremdbild der christlichen Umwelt kreative Energien, einen jüdischen Bestätigungs- und Bewährungswillen aktiviert, der die wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen vieler Juden erklärt. Die Tatsache, dass Juden in den mittelalterlichen Ghettos und in geschlossenen jüdischen Siedlungsgebieten über Jahrhunderte hin keine vergleichbaren Leistungen hervorgebracht haben, spricht vielleicht eher für diese Hypothese. Denn in diesen jüdischen Exklaven bestand für den Einzelnen weder ein Anlass noch die Möglichkeit, herausragende wissenschaftliche und künstlerische Werke zu schaffen. So hat das kleinstädtische Milieu in den ostjüdischen Siedlungsgebieten, ungeachtet jüdischer religiöser Gelehrsamkeit, kaum eine Ermutigung zu wissenschaftlichen und künstlerischen Aktivitäten geboten, die über den Tag und den Ort hinaus Geltung erlangen. Und die jiddische Literatur, das jiddische Theater und die jiddische Musik haben damals selten den Weg über die Grenzen gefunden.
Erst nach der Emanzipation der Juden in Westeuropa und der Öffnung der staatlichen Bildungs- und Forschungseinrichtungen für alle Staatsbürger sind jüdische Forscher, Denker, Dichter, Maler und Komponisten von hohem Rang im Westen zur Geltung gekommen. Dahin wirkte auch die Emigration vieler osteuropäischer Juden in die USA, wo im Bildungs- und Forschungswesen ohnehin keine vergleichbaren Zugangsschranken für Juden bestanden. Was nicht heißt, dass es für hochbegabte jüdische Wissenschaftler immer leicht war, an den renommierten Hochschulen der USA Professorenstellen zu gewinnen. Gleichwohl konnten Juden am Ende hier wie dort zur Spitze ihrer Disziplinen gelangen. Um das zu verstehen, braucht man nicht von der angeborenen intellektuellen Überlegenheit der Juden jeglicher Herkunft auszugehen. Denn über das kollektive, das durchschnittliche Intelligenzniveau von Angehörigen dieses Bekenntnisses ist garnichts ausgesagt, wenn man feststellt, dass es Umstände gibt, die dahin wirken, dass Juden im modernen Bildungs- und Forschungssystem und an den Forschungsergebnissen weit stärker beteiligt sind als ihre christlichen Kollegen und Konkurrenten. Denn das sind Aussagen über einzelne, hochbegabte und hochmotivierte Menschen und nicht über ein ganzes Glaubensvolk.
Was mich wie viele andere Menschen immer beeindruckt hat, das ist der hohe Anteil jüdischer Forscher an der Gesamtzahl der je verliehenen Nobelpreise. Die Zahl der Nobelpreisträger, die Juden oder Menschen jüdischer Herkunft waren, ist erstaunlich hoch, wenn man sie mit dem winzigen Anteil der Juden an der Weltbevölkerung vergleicht. Vor allem auch, wenn man sie, wie das manche Juden lieben, zu der geringen Zahl von Nobelpreisen ins Verhältnis setzt, die muslimischen Wissenschaftlern verliehen wurden. Juden, zwei Promille der Weltbevölkerung, haben rund zwanzig Prozent aller Nobelpreise gewonnen, die je verliehen worden sind. Und die Nobelpreise in Wirtschaftswissenschaften gingen zu zwei Dritteln an jüdische Ökonomen. Diese erstaunlichen Ergebnisse beweisen, wie gesagt, ohne weitere Annahmen garnichts über die durchschnittliche Intelligenz der Juden im Vergleich zu jener anderer Menschen. Es beschreibt nurmehr, dass - aber nicht: warum - einzelne Juden eher als ihre nichtjüdischen Kollegen und Konkurrenten wissenschaftliche Spitzenleistungen vollbracht haben. Und dass die Juden – anders als die Muslime - mehrheitlich in Ländern leben, in denen Wissenschaft eine große Rolle im öffentlichen Leben spielt. Der große Erfolg jüdischer Wissenschaftler verlangt eine Erklärung der Zugangs- und Erfolgswege in den Forschungsfeldern, in denen Juden sich hervorgetan haben. Fragen, die mit der Behauptung einer generellen intellektuellen Überlegenheit der Juden nicht beantwortet sind. Erst die Identifikation vieler Juden mit diesen herausragenden Forschern schlägt die Brücke zur jüdischen Lebenswelt, zum jüdischen Selbstbild. Auch das Genie von Kant, Goethe, Schiller, Bach, Beethoven, Brahms oder Wagner, um einige deutsche Namen zu nennen, besagt garnichts in Hinsicht auf die durchschnittliche Intelligenz der Deutschen. Oder über die Intelligenz von Katholiken und Protestanten, wenn und insoweit die eben Genannten diesen Konfessionen angehörten.
Läßt man diese Vereinnahmung großer Geister durch menschliche Kollektive, die jene zu den Ihren zählen, außer acht, dann ist Raum für die Einsicht gewonnen, dass es nicht leicht möglich ist, menschlichen Gemeinschaften auf vernünftige Weise Durchschnittsnoten für ihre Intelligenz und ihre Kreativität zu erteilen, wenn die Resultate nicht bereits in den Annahmen der Untersuchung gesichert sind und so den Charakter von Tautologien annehmen. Eine triviale Einsicht, die gleichwohl nicht nur Freunde besitzt. Denn auf jüdischer Seite fällt es manchem, der sich zu dieser Sache äußert, offenbar schwer, Glaubens- und weltliche Dinge auseinanderzuhalten. Gottes auserwähltes Volk ist nicht notwendig auch jenes, dem ein höheres Maß an Intelligenz und Kreativität verliehen worden ist als anderen Menschen. Davon ist in der hebräischen Bibel nichts zu lesen. Deren Autoren, die man nicht kennt, haben jedenfalls noch nichts von Intelligenzquotienten und Intelligenzvergleichen gewusst. Auch Einstein wäre im Milieu des mittelalterlichen Ghettos mutmaßlich kaum Einstein, das wissenschaftliche Genie, geworden. Er brauchte die moderne wissenschaftliche Welt, deren Grundlagen nicht von Juden geschaffen worden sind, weil ihnen der Zugang zur Wissenschaft in Europa bis zur staatsbürgerlichen Emanzipation zur Gänze verwehrt war. Erst danach tauchen in der Wissenschaft, in der Literatur, in der Musik und in der Malerei bedeutende jüdische Namen auf. Dann erst kann man fragen, wie diese Tatsachen zu erklären sind. Will man wissen, warum die jüdische Glaubensgemeinschaft seit der bürgerlichen Emanzipation so viele bedeutende Namen in der Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur Westeuropas und Nordamerikas hervorgebracht hat, dann muss man den Selektionsmechanismus erforschen, der einzelne Juden auf ihrem Gebiet nach oben bringt. Das ist eben nicht mit dem Hinweis auf eine allen Juden verliehene, im Erbgut verankerte Überlegenheit, auf die sprichwörtliche “Jüdische Intelligenz”, abgetan. Wenn in den USA ein weit überdurchschnittlicher Teil der Juden gute Schulen und Universitäten besucht, akademische Berufe ergreift und im eigenen Forschungsfeld mit hoher Motivation tätig wird, dann ist es wenig erstaunlich, dass ihr Anteil an wissenschaftlichen Auszeichnungen weit über dem Durchschnitt liegt. Dazu braucht es garnicht die geläufige Praxis einschlägiger Publikationen, in solchen Exzellenzvergleichen als Juden auch solche Menschen aufzuführen, die nur einen jüdischen Eltern- oder Großelternteil oder die den jüdischen Glauben längst aufgegeben haben. Auch ohne solche Manipulationen bleibt wahr, dass Juden nicht nur als unternehmerische Pioniere, sondern auch als Wissenschaftler und Schriftsteller ungewöhnlich erfolgreich sind. Was die Nobelpreise angeht, so zeigt sich die relative Dominanz jüdischer Forscher bereits in der Besetzung der Forschungsfelder, in den Publikationen der Forschungsergebnisse und bei der Nennung der Namen von Kandidaten an das Nobelpreiskommittee. Man muss also nicht die Anzahl jüdischer Nobelpreisträger, sondern die Präsenz jüdischer Forscher in den Forschungsfeldern und bei den Forschungsergebnissen erklären. Das gilt auch für die vielen bedeutenden jüdischen Klavier- und Violinvirtuosen und die Vielzahl jüdischer Schachgenies. Immer muss man auf den sozialen Hintergrund blicken, der diese Erfolge möglich macht. Erfolge, die niemand bezweifeln sollte. Auch der häufige Hinweis auf die hilfreiche Kooperation in jüdischen Netzwerken nützt wenig, denn auch Netzwerke können Intelligenz und Motivation allenfalls fördern, aber nicht erzeugen.
Ich habe in meiner Jugend ebenso wie als Erwachsener viele Juden kennengelernt, die intelligente Menschen waren, ohne gleich im Verdacht zu stehen, Genies zu sein. Wie immer man Intelligenz mißt, und es gibt viele Möglichkeiten, sie zu bestimmen: Bis zum Beweis des Gegenteils gilt, dass Menschen jüdischen Glaubens im Durchschnitt weder klüger noch dümmer als andere Menschen, als Christen, Muslime, Hindus und Buddhisten, dass sie ganz normale Menschen sind und ganz normale Verteilungen der für solche Urteile relevanten Merkmale aufweisen. Aber offenkundig machen die Hochbegabten unter ihnen im geeigneten Umfeld mehr daraus. Juden schöpfen ihre Begabungspotentiale, wie es scheint, weit stärker aus als nichtjüdische Vergleichspopulationen. Sie sehen sich als Gottes Volk dazu aufgerufen. Darin gleichen sie anderen Minderheiten, die in einer fremden Umwelt bemerkenswert erfolgreich sind. Die menschliche Geschichte kennt viele solche Fälle, in denen der auffällige Erfolg eines ethnischen, religiösen oder sprachlichen Kollektivs zu der Vermutung veranlasst, dass besondere kollektive Gaben zur Geltung kommen. Der Stolz der einen und der Neid und die Missgunst der anderen sind schnell mit solchen Erklärungen bei der Hand. Das Klischee von der jüdischen Intelligenz erinnert an das vom englischen Humor, dem deutschen Gemüt oder der italienischen Musikalität. Immer werden dabei in langer Zeit gewachsene soziale Verhaltensnormen und -formen mit genetischen Dispositionen verwechselt. Und immer bleiben die Vielen im Schatten, die nicht zu den Erfolgreichen gehören. Darunter die jüdischen Menschen, die ich als Knabe kannte.
Häufig versucht man, Intelligenzunterschiede zwischen menschlichen Gruppen in standardisierten vergleichenden Intelligenztests zu bestimmen. Diese Untersuchungen kommen, wie man sich vorstellen kann, zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, weil es viele wahlweise Wege gibt, die Fragen zu formulieren und eine Antwort auf die gestellten Fragen zu finden. Solche Aussagen, wenn sie Juden und Christen zum Gegenstand haben, könnten dann womöglich ernst genommen werden, wenn unstrittige Kriterien und Methoden zur Ermittlung der “Intelligenz” aller Probanden angewendet würden, und wenn ausgeschlossen wäre, dass andere als die der Auswahl der Probanden und der gestellten Fragen zugrunde gelegten Eigenschaften die so oder so definierte “Intelligenz” von Menschen beeinflussen können. Denn gibt es für “Juden” wie “Christen” weitere Bestimmungsgründe der gemessenen Merkmale, so müssen die Probanden beider Gruppen so ausgewählt werden, dass sie in Hinsicht auf diese weiteren Eigenschaften übereinstimmen, dass also jede der beiden Gruppen in diesen Merkmalen ein genaues Widerbild der anderen ist. Beeinflussen zum Beispiel die Schulbildung nicht nur der Probanden, sondern auch die ihrer Eltern oder die Herkunft, das soziale Umfeld, das Einkommen, der Beruf und die Bildungsabschlüsse der Eltern der Probanden die Ergebnisse, dann müssen alle Testpersonen in Hinsicht auf diese Kriterien übereinstimmen, wenn man feststellen will, ob und inwieweit Unterschiede in der festgestellten “Intelligenz” der einen oder anderen Gruppe zugerechnet werden können oder ob es Resultate sind, die man den vernachlässigten Umständen zuordnen muss. Das gilt auch für die modischen Versuche in den USA, den akademischen Erfolg „asiatischer“ Studenten gegenüber “weißen” Kommilitonen zu erklären. Und das gilt für die Vergleiche zwischen “schwarzen” und “weißen” Probanden, bei denen, wen wundert es, die Ergebnisse für die Schwarzen, eine vielfach diskriminierte Minderheit, unvorteilhaft sind. Erst auf der Grundlage einer soliden Messkonzeption dürfte man bei entsprechenden Ergebnissen der Untersuchung behaupten, dass sich die ausgewählten Gruppen in Hinsicht auf die so oder so bestimmten Merkmale in der festgestellten Weise unterscheiden. Das alles sind messtheoretische Selbstverständlichkeiten. Aber auch dann bleiben solche Aussagen fragwürdig, weil es in Wirklichkeit viele Möglichkeiten gibt, die “Intelligenz” von Individuen und Kollektiven zu definieren und zu konstatieren. Darum stehen alle erwähnten Hypothesen, Methoden und Resultate unter Vorbehalt. Leicht wird das Vorurteil zur wissenschaftlichen Wahrheit befördert, werden gewünschte Ergebnisse aus geeigneten Annahmen der Analyse hergeleitet. Das gilt auch für die Versuche, Juden, Katholiken, Protestanten und Muslimen spezifische Werte für ihre Intelligenz zuzuweisen. Als hätte Gott Lieblinge unter seinen Geschöpfen, denen er eine besonders hohe Intelligenz zugewiesen und andere, denen er sie verweigert hat.
Was wäre, frage ich, wenn zweifelsfrei feststünde, dass die Juden im Durchschnitt den Nichtjuden - in Westeuropa und Nordamerika also den Katholiken und Protestanten - in Sachen Intelligenz weit überlegen sind? Wenn also die üblichen Intelligenzvergleiche zu dem Ergebnis kämen, dass der katholische oder protestantische, womöglich auch der muslimische, buddhistische oder hinduistische Intelligenzquotient niedriger als der jüdische ist? Denn es sind, ausgesprochen oder nicht, Angehörige dieser Glaubensgemeinschaften, die in solche Vergleiche mit Vertretern des jüdischen Glaubens als Wettbewerber eingehen. Es werden letztlich nicht Ethnien, sondern religiöse Kollektive verglichen. Denn die Goyim, die Gentilen, mit denen viele Juden sich so gern vergleichen, sind ein fiktiver Glaubensverbund, der alle Menschen umfasst, die nicht jüdischen Glaubens sind. Menschen, die wie die Juden keiner bestimmten, präzise abgegrenzten Ethnie angehören, der man ein spezifisches Erbgut zurechnen könnte. Die genannten Ergebnisse würden keineswegs bedeuten, dass mit dem gemessenen Intelligenzquotienten auch der ökonomische und soziale Erfolg der jüdischen Testsieger zwangsläufig am höchsten wäre. Denn der Klassenbeste ist meist nicht auch der Erfolgreichste im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wettbewerb. Erfolg wird gemeinhin auch ohne Siege in solchen Intelligenz-Turnieren errungen, die sich einer obsessiven Präferenz für Vergleiche mit anderen religiösen Gruppen verdanken. Das spätere unternehmerische Genie findet selten schon in der Schule besondere Aufmerksamkeit. Von den meisten unternehmerischen Pionieren, die Juden waren, darf bezweifelt werden, dass sie in konventionellen akademischen Intelligenzvergleichen ganz vorne gelegen hätten. Denn diese Tests messen normalhin Eigenschaften, die für Erfolg oder Misserfolg im wirtschaftlichen Leben eher belanglos sind. Mancher Klassenprimus ist als kleiner Angestellter oder Beamter gelandet. Die moderne, vor allem die amerikanische Literatur schildert viele solche Fälle. Der bemerkenswerte Erfolg von Juden in der Wirtschaft, in der Wissenschaft und in der Kulturwelt muss darum anders begründet werden. Er ist nicht einem imaginären jüdischen Intelligenzquotienten, sondern dem in einer langen Geschichte geformten, religiös fundierten Bewährungswillen jüdischer Menschen geschuldet, also erworbenen Eigenschaften, die von Generation zu Generation weiter gegeben werden und als soziale Selektionsmechanismen wirken. Natürlich gehört auch ein soziales Umfeld dazu, das dem Vorwärtsdrängen einzelner Juden Chancen bietet, die von Christen nicht in gleicher Weise wahrgenommen werden. Man muss den Blick auf beide Seiten richten.
Die Erklärung jüdischer Erfolge verlangt einen Blick auf den jüdischen Glauben und die jüdische Geschichte und nicht auf ein jüdisches Genom, das es es im Wortsinn womöglich garnicht gibt, weil vielerlei hinzugekommenes Erbgut unter den Juden seit biblischen Zeiten wirksam geworden ist. Auch die herausragende Rolle der calvinistischen Protestanten bei der Entstehung der modernen kapitalistischen Welt wurde von der Wissenschaft nicht mit calvinistischen Genen, sondern mit den Besonderheiten des calvinistischen Glaubens erklärt - mit der Überzeugung, dass Gottes Gnade sich dem Gläubigen bereits hienieden, in seinem irdischen Erfolg offenbart, dass die Werke eher als der Glaube zählen. Eine Überzeugung, die - wenn man dieser Hypothese Max Webers folgt - das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg offenkundig dort beflügelt hat, wo einem freien Unternehmertum keine obrigkeitlichen Hürden im Wege standen. Das läßt sich für den lutheranischen Protestantismus nicht sagen, der diese calvinistische Gnadenlehre, das Würfeln um den Beweis für Gottes Gewogenheit, nicht teilt, für den die irdischen Werke nicht zählen, der aber auch, anders als in der Schweiz, in England und den Niederlanden, im merkantilistischen Etatismus, im Stände-, Zunft- und Gildensystem der deutschen Staatenwelt bis in das 19. Jahrhundert hinein das soziale Umfeld nicht hatte, das einem freien Unternehmertum hätte förderlich sein können. Einen anderen interessanten Vergleich mit dem wirtschaftlichen Erfolg vieler Juden nach ihrer staatsbürgerlichen Emanzipation erlaubt die winzige, aber einfluss- und erfolgreiche religiöse Minorität der Parsen in Indien, die mit dem Ghetto-Judentum die Praxis der ethnischen Abgeschlossenheit teilt. Denn Parse wurde man lange Zeit nur als Kind parsischer Eltern und nicht durch Konversion. Erst in den letzten Jahrzehnten werden – angesichts der Geburtendefizite – Heiraten mit Nichtparsen als Ausnahmen akzeptiert. Oder die chinesische Minderheit im muslimischen Indonesien und anderen südostasiatischen Staaten. Auch dort verbindet sich die Selbst- und Fremdausgrenzung einer Minorität mit unternehmerischem Engagement, das den Menschen der muslimischen Majorität nur im Rahmen religiöser Restriktionen und gesellschaftlicher Konventionen gestattet war. Oder die Protestanten im katholischen Spanien. Leicht lassen sich weitere geschichtliche Orte und Epochen finden, in denen gruppen- und glaubensspezifische Besonderheiten Minoritäten eine herausgehobene soziale Position verschafften, was leicht zu dem Aberglauben verführte, dass die Angehörigen dieser erfolgreichen Minderheiten über naturgegebene Eigenschaften verfügen, die ihren Erfolg erklären.
Die oft behauptete Sonderstellung der calvinistischen Protestanten gegenüber den Katholiken und Lutheranern hat in Westeuropa und Nordamerika mit der nachlassenden Kraft religiöser Bindungen an Bedeutung verloren. Heute lassen sich, wenn man einschlägigen Forschungsergebnissen folgt, die erwähnten Unterschiede im beruflichen Erfolg zwischen den christlichen Bekenntnissen nicht mehr feststellen, sie sind in der Angleichung der Lebensumstände und Lebensentwürfe untergegangen. Vielleicht wird die schwindende Bedeutung der religiösen Bindung auch in der jüdischen Welt die Lebensziele und Lebensformen und am Ende die Lebenserfolge der Menschen verändern. Das deutet sich in den USA und in Israel, wo die große Mehrheit der heutigen Juden lebt, längst an, und am Ende besteht womöglich für Juden kein Anlass mehr, sich ständig mit Menschen anderen Glaubens zu vergleichen. Die jüdische Vergleichsobsession wäre unversehens erloschen und mit ihr die legendäre “Jüdische Intelligenz”. Geblieben wären natürlich hochintelligente und hochmotivierte ebenso wie weniger intelligente und weniger motivierte Juden und ihre größeren oder geringeren Lebenserfolge. Aber diese Ergebnisse würden nicht mehr mit erblichen jüdischen Dispositionen begründet. Auch Katholiken und Protestanten ermitteln schließlich keine glaubensspezifischen Intelligenzquotienten, die sie dann mit denen anderer Glaubensgemeinschaften vergleichen. Bis dahin bleibt der unverdrossenen Überzeugung vom überlegenen Erbgut der Juden eine Galgenfrist. Dieser Glaube wird am Ende womöglich von niemandem mehr gebraucht, weil moderne Juden ihr Selbstbild, ihren Selbstwert aus anderen Quellen beziehen. Auch die jüdischen Netzwerke in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft werden dann an Einfluss verlieren, wenn die Glaubensbande sich im Fortgang der Verweltlichung allmählich lockern. Wenn immer mehr Menschen den überkommenen Konfessionen den Rücken kehren und sich vielleicht anderen sinnstiftenden Vereinigungen anschließen oder in die Glaubenslosigkeit entweichen. Ein Prozess, dem die Judenheit nicht anders als Katholiken und Protestanten unterliegt, so dass hier wie dort vielleicht nur ein kleiner Kern von wahrhaft gläubigen Menschen bleibt. Diese Entwicklung ist – ungeachtet der großen Aufmerksamkeit, die die ultra-orthodoxe Minorität der Chassidim erfährt - auch in Israel längst zu erkennen. Vielleicht, dass dort ein laizistischer und liberaler Staat am Ende alle seine Bürger – Juden, Muslime und Christen – mit gleichen Rechten und Pflichten vereint. Am Ende fragt hier und anderswo niemand mehr ohne plausiblen Grund, ob jemand christlichen, jüdischen oder muslimischen Glaubens ist. Und niemand glaubt mehr an konfessionsspezifische Intelligenzquotienten, die den Gläubigen von Gott zugewiesen worden sind. Am Ende steht dann vielleicht die Einsicht, dass Juden Menschen wie alle anderen sind. Nicht nur die antijüdischen Vorurteile der Christen und Muslime, sondern auch das Klischee von der jüdischen Intelligenz und die Obsession vieler Juden, sich mit Nichtjuden, vor allem mit Christen und Muslimen, in allen möglichen Hinsichten zu vergleichen, hätten unbemerkt ihre Anlässe verloren und wären unauffällig verschwunden. Es gäbe die „Jüdische Intelligenz“ nicht mehr, wohl aber intelligente Juden, die - wie viele Katholiken und Protestanten - etwas aus ihrer Begabung machen. Solche Menschen habe ich in meiner Jugend kennengelernt, und sie haben ihren beruflichen Erfolg ihrer eigenen Tüchtigkeit, ihrem Fleiss und unverdientem Glück, aber nicht ihren jüdischen Wurzeln oder jüdischem Beistand zugerechnet. Was nicht ausschließt, dass mancher Jude seinen beruflichen Erfolg auch der Unterstützung durch andere Juden verdankt. Denn religiöse Minoritäten erzeugen - inmitten einer abweisenden Umwelt - immer und überall einen Gemeinsinn, der ihre Gläubigen fördert und schützt. Und das gilt nicht nur für religiöse Kollektive.
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Jüdische Nobelpreisträger
in
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Adolph von Baeyer 1905.
Henri Moissan 1906.
Otto Wallach 1910.
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Max Ferdinand Perutz 1962.
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C.B. Anfinsen 1972.
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Walter Gilbert 1980.
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James Franck 1925.
Gustav Hertz 1925.
Gustav Stern 1923.
Isidor Issac Rabi 1944.
Wolfgang Pauli 1945.
Felix Bloch 1952.
Max Born 1954.
Igor Tamm 1958.
Ilya Frank 1958.
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Shmuel Yosef Agnon 1966.
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Elias Canetti 1981.
Joseph Brodsky 1987.
Nadine Gordimer 1991.
Imre Kertesz 2002.
Elfriede Jelinek 2004.
Harold Pinter 2005.
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Jüdische Rasse
Ich habe über die antijüdischen Vorurteile der Katholiken und Protestanten, über das jüdische Gesicht und den jüdischen Charakter, über die jüdischen Berufe, die jüdische Sprache und die jüdische Intelligenz gesprochen. Über Klischees, denen ich in meiner Jugend, in der Schule und im Alltag, unverlangt begegnet bin. Aber wer sind die Juden, von denen dabei die Rede ist? Wer ist das jüdische Volk, von dem Juden wie Christen sprechen? Wer sind die wirklichen und nicht die von den Rassisten erfundenen Juden? Wie haben Hitler und seine Vollstrecker die Juden identifiziert, die sie eliminieren wollten? Wer und was ist die jüdische Rasse - falls es sie gibt? Wenn es überhaupt so etwas wie menschliche Rassen als historische Kollektive gibt, die sich nicht allein durch die Hautfarbe und andere äußere Merkmale unterscheiden.
Juden verstehen das jüdische Volk nicht als Rasse in der Bedeutung, in der es uns die Lehrer damals, in den Hitlerjahren, im Unterricht vermittelt haben. Sie sprechen eher vom jüdischen Volk als einer Glaubensgemeinschaft, die Menschen einer gemeinsamen Herkunft vereint. Die rassistischen Judenfeinde indessen haben damals nicht vom jüdischen Volk, sondern von der jüdischen Rasse gesprochen. Aber sie verstehen diese Rasse ebenfalls als Abstammungskollektiv, sie treten also in Konkurrenz zum herrschenden Selbstverständnis vieler Juden. Es ist nurmehr die rassistische Fremdausgrenzung neben die Selbstausgrenzung der Juden getreten. Ich verzichte darauf, mich an dieser Stelle mit den vielen rassistischen Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Es genügt einen Blick auf das zu richten, was Hitler, der Mörder von Millionen Juden, in seinem “Zweiten Buch” (1928), einem im Nachlass gefundenen und zu seiner Lebenszeit unveröffentlichten Manuskript über Volk und Rasse in der menschlichen Geschichte, geschrieben hat. Nirgendwo anders, auch nicht in seinem ersten Buch “Mein Kampf” (1924, 1926) hat Hitler seine rassistischen Vorstellungen so knapp und klar formuliert. Es besteht also Hoffnung zu erfahren, wie Hitler Christen und Juden, Arier und Nichtarier unterschieden, wie er diese vorgeblichen Akteure der Weltgeschichte ausfindig gemacht hat.
Gleich zu Beginn seines Manuskripts erklärt Hitler, Politik sei werdende Geschichte, und Geschichte sei die Darstellung des Lebenskampfs eines Volkes, weil in Wahrheit jegliches Ringen um das tägliche Brot, ganz gleich ob im Frieden oder Kriege, ein ewiger Kampf sei gegen tausend und abertausend Widerstände, so wie das Leben selbst ein ewiger Kampf gegen den Tod sei. Selbsterhaltung und Arterhaltung seien die beiden mächtigsten Triebe des Lebens. Hunger und Liebe. Die Stillung des Hungers ziele auf die Selbsterhaltung der Individuen, die Befriedigung der Liebe auf die Erhaltung der eigenen Art. Selbsterhaltung und Arterhaltung, Hunger und Liebe seien die ewigen Regenten des Lebens auf dieser Erde. Dieselben Gesetze, die das Leben der Einzelnen bestimmen, gälten auch für die Arten. Ungezählt seien die Arten aller Lebewesen auf der Erde, unbegrenzt ihr Selbsterhaltungstrieb sowie der Trieb der Arterhaltung, begrenzt hingegen der Raum, auf dem sich alles irdische Leben vollziehe. Es sei die Oberfläche der Erdenkugel, auf der das Ringen von Abermilliarden von Einzelwesen um den Lebensraum stattfinde. In dieser Begrenzung des Lebensraumes liege der Zwang zum Lebenskampf, und aus dem Lebenskampf erwachse die Entwicklung der Arten. Die Menschheit sieht Hitler nicht als biologische Art, die den Pflanzen und Tieren gegenüber steht, sondern als eine Vielfalt von distinkten Arten, die er Rassen nennt. Als Rassen gelten ihm die Arier und die Nichtarier, darunter vor allem die Juden. Von Rasse und Volk spricht Hitler, ohne einen erkennbaren Unterschied zu machen. So nennt er die Juden manchmal Volk, manchmal Rasse. Die Arier sind, anders als die Juden, bei Hitler eine Rasse, der viele Völker angehören. Darunter die Deutschen und die anderen Nachfahren germanischer Völker.
Der Lebenskampf der Arier gilt in Hitlers vulgär-darwinistischer Sicht der Arterhaltung, und diese verlangt einerseits die Herrschaft über den notwendigen Lebensraum und andererseits die Erhaltung des Rassenwerts, des schöpferischen Potentials der arischen Rasse. Alle großen Kulturen der Vergangenheit seien nur zugrunde gegangen, weil die einstmals schöpferischen Völker an rassischer Infektion gestorben seien. Hitler nannte das oft Rassentuberkulose, gab seinem antijüdischen Rassenwahn also eine medizinische Konnotation. Die Menschen, die die Rassengesetze mißachten, verhindern in seiner Sicht das Fortleben der Besten und damit auch den Aufstieg der menschlichen Kultur. Denn die Werke der Kunst, der Technik, der Musik, der Literatur und Wissenschaft seien allein das Ergebnis arischen Schöpfertums. Die Arier verstoßen nach Hitlers Worten gegen das “aristokratische Prinzip der Natur”, wenn sie sich mit minderen, niederen Rassen, vor allem mit Juden, Zigeunern und Negern, vermischen und so ihren Rassenwert dezimieren. Nach Hitler beherrscht das Gebot der Arterhaltung das Leben überall in der Natur. Der Fuchs bleibe immer ein Fuchs, die Gans eine Gans und der Tiger ein Tiger. Nie würde ein Fuchs, eine Gans oder ein Tiger sich mit Tieren einer anderen Art verpaaren. So wenig die Natur eine Paarung von stärkeren mit schwächeren Individuen wünsche, so wenig wolle sie die Vermischung von höherer mit niederer Art, weil sonst die Jahrhunderttausende währende Arbeit der Evolution mit einem Schlage verloren wäre. Die Rassenfrage ist nach Hitler der Schlüssel zur Weltgeschichte und zur Weltkultur. Mit diesen schlichten Festlegungen verschafft er der Judenheit eine neue, eine rassistische Identität, und er weist diesen wenigen Menschen eine ins Groteske aufgeblähte Rolle in der menschlichen Geschichte zu. Wiederum ist die Judenheit ein auserwähltes Volk, aber diese Wahl ist nicht von Gott, sondern von Hitler, dem Rassisten, getroffen, der im Namen des Allmächtigen zu sprechen behauptet. Genau genommen sind es die Autoren des 19. Jahrhunderts, die den religiösen zum rassistischen Antisemitismus gewendet haben und deren Gedanken Hitler übernommen hat. Auch diese Sicht war eine quasi-religiöse Doktrin, deren Sprache sakralen Charakter hatte. Der Herrgott, die Vorsehung und das Schicksal kamen in Hitlers Reden immer wieder vor. Und nicht wenige der Rituale, die Hitler damals öffentlich zelebrieren liess, die Fahnenweihen und Fackelzüge, die Totenwachen, die gottesdiensthaften Inszenierungen und die feierlichen Prozessionen waren der kirchlichen, der katholischen Praxis entnommen. Und das nicht, weil Hitler bis zu seinem Tod auf dem Papier ein Katholik geblieben ist.
Hitler hätte seinen Ausflug in die Tierwelt, zu Fuchs, Gans und Tiger, freilich garnicht zu machen brauchen, um zu seinen absurden Konklusionen zu kommen. Es hätte genügt zu behaupten, dass es menschliche Varianten, Rassen genannt, gibt, die sich in ihren Rassenwerten unterscheiden. Wie man die Rassen trennt und was Rassenwerte sind, erklärt Hitler an keiner Stelle. Die eine Rasse, die Arier, die die höheren, kulturell wertvollen Menschen umfasst und – unter den Nichtariern - die jüdische Gegenrasse, der niedere, kulturell wertlose Menschen angehören. Und dann zu behaupten, dass die sexuelle Verbindung dieser Varianten Mischlinge zeitigt, deren Rassenwert immer zwischen jenem der Elternteile liegt. Darum: Je mehr Mischlinge im rassisch höheren Volk, umso niedriger dessen Rassenwert. Oder: Je mehr Mischlinge im rassisch minderen Volk, umso höher dessen Rassenwert. Von daher die vorgebliche Sucht der Juden, sich mit arischen Menschen zu paaren und so ihren eigenen Rassenwert zu steigern. Die Juden sind in dieser Sicht also Parasiten, die das Blut der Wirtsvölker verseuchen. Die imaginierten Varianten des Menschen, die Hitler Rassen nennt, können durch sexuelle Selektion auf der Skala des Rassenwertes auf- oder absteigen, und daraus folgt für Hitler die Maxime, im eigenen, arischen Volk den Anteil des höheren, guten Blutes zu maximieren oder, was auf dasselbe hinausläuft, den Anteil des niederen, schlechten - und das hiess vor allem: des jüdischen - Blutes zu minimieren, seine Träger im Extrem auszumerzen. Hitler verdammte, wie gesagt, die sexuelle Verbindung von Ariern und Juden als vorgeblichen Verstoß gegen das ewige Gesetz der Natur, das die Arterhaltung gebiete. Der Sinn der Geschichte ist in diesem rassistischen Weltbild die Hinaufzucht des Menschen durch Stärkung der höheren, kulturschaffenden und Schwächung der minderen, kulturzehrenden Rassen. Die Arier als “Kulturerzeuger” und die Juden als “Kulturzerstörer”. Am Ende des geschichtlichen Prozesses steht dann nach dem Willen der Natur, nach dem Gesetz der Geschichte, die Weltherrschaft der Arier und die Unterwerfung aller anderen Völker dieser Welt. Noch spricht Hitler von der Unterwerfung, nicht der Vernichtung rassisch wertloser und schädlicher Völker. Auch im Schulunterricht war damals, in meiner Jugendzeit, von einer Vernichtung der jüdischen Rasse noch keine Rede. Die Lehrer haben eher davon gesprochen, dass man die Juden aus dem öffentlichen Leben entfernen müsse. Dabei war zunächst nur vom Deutschen Reich die Rede.
Hitlers abwegige Deutung der Weltgeschichte - deren Grundzüge auch in die Schulbücher Einzug hielten, denen der Unterricht damals folgte - steht und fällt mit der Möglichkeit, Arier und Juden anhand plausibler Kriterien und mit exakten empirischen Methoden aufzuspüren. Was wurde da von Hitler und seinen akademischen Gesinnungsgehilfen als Nachweis angeboten? Damals, zu Hitlers Zeit, haben sich die Rassenforscher an äußere Merkmale, an Hautfarbe, Schädelform, Augen- und Haarfarbe, Körpergröße und Körperbau gehalten und nach den beobachteten Werten die Probanden als arisch oder nichtarisch abgestempelt. Groß, blond, blauäugig und hohe Stirn, so wurden damals in den Schulbüchern und im Schulunterricht die Arier geschildert. Aber groß, blond, blauäugig und hohe Stirn, das waren Merkmale, die sich bei den slawischen und keltischen Völkern Europas mindestens so häufig wie bei den germanischen feststellen ließen, die Hitler als moderne Prägung des Ariers galten. Und groß, blond und blauäugig waren auch viele Juden, deren Familien seit Generationen in Europa lebten. Es wollte also ganz und garnicht gelingen, Arier und Nichtarier anhand solcher schlichten Merkmale als abgrenzbare Kollektive in Europa und anderswo dingfest zu machen. Es waren erfundene Geschöpfe, die sich an keinem Ort und zu keiner Zeit nachweisen ließen. Das kulturelle Erbe der Menschheit wurde ohne Grund und Beweis den Ariern zugeschrieben, einer Spezies, die nur in den Köpfen von Phantasten existierte. Allenfalls die Sprachwissenschaften haben die indo-arische Sprachfamilie als historisches Faktum diskutiert, und manche Ethnologen haben dann Sprache und Rasse gleichgesetzt. Die beschränkte Sicht Hitlers blieb blind für die Hochkulturen Asiens, Amerikas und anderer Weltgegenden, die eine eindrucksvolle Architektur, Malerei, Literatur und hochentwickelte Staatsorganisationen zu einer Zeit hervorgebracht haben, als es in Europa nicht viel mehr als Hütten und Holzpflüge gab. Eine Sicht, die auch nicht wahrhaben und wertschätzen wollte, dass die Juden der Menschheit die Bibel und die Schriften der Propheten geschenkt haben, Werke, die unter christlichem und muslimischem Vorzeichen große Kulturen haben entstehen lassen, die den älteren Hochkulturen ebenbürtig gegenüberstehen. Wie absurd darum die Aussage, die Juden seien kulturelle Schmarotzer, die man ausschalten müsse, wenn man die Weltkultur retten wolle.
Wenn also die Juden destruktive Gestalten, wenn sie Zerstörer der Weltkultur waren, wenn sie aus dem völkischen Leben entfernt werden mussten: Wie konnte man sie identifizieren, wie konnte man Juden und Nichtjuden auseinanderhalten? Die Schautafeln, die Bilder und Filme mit “Jüdischen Gesichtern” haben dabei so wenig genützt wie die “Jüdischen Berufe”, in denen in Wirklichkeit viel mehr Christen als Juden tätig waren. Auch die "Jüdische Sprache" liess sich nicht fassen. Vom “Jüdischen Charakter” zu schweigen. Es blieben nur die Einwohnerverzeichnisse der Meldebehörden, die damals auch das religiöse Bekenntnis der Gemeldeten auswiesen und die Mitgliederverzeichnisse der jüdischen Gemeinden. Denn die Gesetze, Verordnungen und Erlasse, die den Juden galten, haben genau genommen nicht geklärt, wie man einzelne Menschen als Juden identifiziert. Die Antwort auf die Frage, wer Jude sei, ist von Hitlers juristischen Handlangern zunächst in einer Rechtsverordnung zum “Reichsbürgergesetz” und zum "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" gegeben worden. Denn diese "Nürnberger Gesetze" von 1935 haben nicht geklärt, wer Jude ist. Erst die erwähnte Rechtsverordnung vom gleichen Jahr bestimmt, dass Jude sei, wer von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Großeltern abstammt. Jude sei auch, wer zwei volljüdische Großeltern hat und beim Erlaß des Gesetzes der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört hat oder der danach in sie aufgenommen wird oder der beim Erlaß des Gesetzes mit einem Volljuden verheiratet war oder sich danach mit einem Volljuden verheiratet hat oder der aus einer Ehe mit einem Volljuden stammt, die nach dem Inkrafttreten des Gesetzes geschlossen wird oder der aus dem außerehelichen Verkehr mit einem Volljuden stammt und nach dem 31. Juli 1936 außerehelich geboren wird.
Ob man “Deutschblütiger”, “Volljude” oder “Mischling” war - in der damaligen Umgangssprache Voll-, Halb- oder Vierteljude -, hing also von der Zahl volljüdischer Großeltern ab. Diese Zahl sollte darüber entscheiden, ob eine Person deutscher Staatsbürger oder Jude war, ob sie einen Juden oder einen Deutschblütigen heiraten durfte und ob die Kinder als Juden oder Deutschblütige galten. Ich erinnere mich sehr genau, dass uns Schülern damals diese Konstruktionen im Unterricht vermittelt und anhand fiktiver Fälle verdeutlicht worden sind. Danach war die Hälfte meiner Angehörigen Jude im Sinne dieses Gesetzes. Einige meiner Cousins und Cousinen, allesamt Kinder aus gemischtreligiösen Ehen, wurden später als Juden behandelt und deportiert, weil sie als “Mischlinge 1. Grades” der Jüdischen Gemeinde angehört haben. Sie waren sogenannte Geltungsjuden. Die anderen Cousins und Cousinen, ebenfalls "Mischlinge 1. Grades", wurden nicht deportiert, weil sie nicht der Jüdischen Gemeinde, sondern der Evangelischen Kirche angehört haben. Auch an diesen Fällen wird deutlich, dass letztlich nicht eine fiktive Rasse, sondern die Religionszugehörigkeit darüber entschied, ob jemand als Jude galt. Jüdische Großeltern, deren Zahl darüber entschied, ob jemand Volljude oder Judenmischling 1. oder 2. Grades war, mußten Volljuden sein, um in die Feststellung einzugehen, ob jemand Voll-, Halb- oder Vierteljude war. Das heißt, dass Großeltern, die nachweisbar "Judenmischlinge" waren, nicht als Juden gerechnet worden wären – wenn man damals überhaupt die Herkunft eines Menschen über drei Generationen hinweg erforscht hätte. In Wirklichkeit hat man sich an die Mitgliederkarteien der Jüdischen Gemeinden gehalten. Darum war jemand mitunter auch dann Jude, wenn er vom Christentum zum Judentum übergetreten ist, denn entscheidend waren die Angaben bei den Meldebehörden und in den Mitgliederverzeichnissen der Jüdischen Gemeinden. Eine groteske Arithmetik, die darüber entschied, ob jemand als Jude oder als Deutschblütiger galt. Eine Auswahl, die über Leben und Tod der betroffenen Menschen entschieden hat.
In der genannten Rechtsverordnung ist von Menschen die Rede, die "der Rasse nach" Juden sind. Die verfügbaren Unterlagen haben indessen allenfalls die religiöse und nicht eine fiktive rassische Zuordnung festgehalten. Es wäre darum schwergefallen, einzelnen Menschen eine Rasse im Sinne Hitlers und seiner Helfer zuzuweisen. Denn im Deutschen Reich waren damals die amtlichen Meldekarteien und die Mitgliedverzeichnisse der Jüdischen Gemeinden die einzigen Informationen, die es möglich machten, einen Menschen als Juden zu identifizieren. Obwohl Hitler immer wieder betonte, dass nicht die Religion, sondern die Rasse jemanden zum Juden macht. Aber rassenspezifische Informationen, wie immer bestimmt und gewonnen, gab es im Dritten Reich so wenig wie im Mittelalter, als Juden und Christen allein nach ihrem Bekenntnis auseinander gehalten wurden. Eine Zeit, in der ein Jude durch die Taufe ohne Schwierigkeit Christ werden konnte, wobei sein Name aus dem Verzeichnis der einen Religion in das der anderen wechselte. Natürlich erst, nachdem solche Kirchenbücher eingeführt waren. Es war nicht einmal die eigene Zugehörigkeit zu diesem oder jenem Glauben, sondern das religiöse Bekenntnis der Großeltern, das in Hitlers Deutschem Reich, in seinen Gesetzen, Verordnungen und Erlassen darüber entschied, ob man Deutschstämmiger, Jude oder Judenmischling war. Um dem Leser einen Eindruck von der irrwitzigen, wenngleich logischen Arithmetik zu geben, die damals bei der Klassifikation von Juden und Judenmischlingen angewendet wurde, zitiere ich aus dem führenden Kommentar zu den Judengesetzen und -erlassen jener Jahre: „Der Dreiachteljude, der einen volljüdischen und einen halbjüdischen Großelternteil besitzt, gilt als Mischling mit einem volljüdischen Großelternteil, der Fünfachteljude mit zwei volljüdischen und einem halbjüdischen Großelternteil als Mischling mit zwei volljüdischen Großeltern. “ Über die eigene Rasse entschied also nach dem Wortlaut dieser Regelungen die Glaubenszugehörigkeit früherer Generationen, denn auch für die Großeltern galt, dass sie Juden waren, wenn sie einer jüdischen Gemeinde angehörten oder in den amtlichen Karteien die jüdische Religion vermerkt war. Aber auch die Großeltern konnten Voll-, Halb- oder Vierteljuden im Sinne der Nürnberger Gesetze sein, weil die Geschichte der Juden immer auch die von Konversionen zum Judentum war. Sie wurden gleichwohl allesamt als Juden genommen, wenn sie einer jüdischen Gemeinde angehörten. Eine widersinnige Zuweisung, die daraus folgte, dass die deutschen Rassisten niemals operationale Kriterien für die Bestimmung der Rassenzugehörigkeit einzelner Personen formulieren konnten. Sie haben, ihrer Doktrin zuwider, in der Praxis Rasse und Religion gleichgesetzt.
Rassentrennung war einfach, wenn sie - wie von den Kolonialmächten in ihren Herrschaftsgebieten praktiziert - an äußerlich erkennbaren Merkmalen wie der Hautfarbe festgemacht wurde. Sie war schwierig, wenn sie sich auf vage Kriterien wie das “Blut” stützte, ohne zu sagen, wie sich das arische und das jüdische “Blut” unterscheiden. Medizinische Blutanalysen hätten da nicht geholfen, denn "Blut" hatte nurmehr metaphorische Bedeutung. Selbst die moderne Genanalyse erlaubt, wenn man der Fachwelt folgt, keineswegs, dieser oder jener ethnischen Gruppe Wahrscheinlichkeiten für bestimmte charakterliche Eigenschaften zuzuordnen. Bislang lassen sich offenbar einzelnen genetischen Konstellationen allenfalls höhere oder geringere Wahrscheinlichkeiten für bestimmte gesundheitliche Dispositionen, beispielsweise für diese oder jene Erbkrankheit, zuweisen. Vielleicht wird das im Fortgang der Forschung gleichwohl möglich. Aber auch dann sind das arische und das jüdische Blut frei erfundene Entitäten, die darum nicht feststellbar und messbar sind, weil es diese "Rassen" erkennbar garnicht gab und gibt. Also hat man die Juden damals nicht anhand ihres “Blutes”, sondern mit Hilfe von Karteien identifiziert, deren Einträge nur wenige Generationen von Gläubigen auswiesen. Darum wurde mancher Deutsche mit jüdischen Großeltern, der nicht im Mitgliederverzeichnis einer jüdischen Gemeinde genannt war, nicht als Jude erfasst, und umgekehrt wurde mancher, der als Konvertit in die Kartei einer jüdischen Gemeinde geriet, aber keine jüdischen Großeltern hatte, als Jude genommen und deportiert. Doktrin und Praxis klafften bei der Identifikation der Juden mitunter weit auseinander.
Wenn man die Judenheit als eine Abfolge von Generationen jüdischer Menschen begreift, die - ganz gleich, wer ihre Vorfahren waren - ihren Glauben gelebt und weitergetragen haben, dann unterscheidet sich das Judentum nicht von anderen Religionen. Auch das Christentum, der Islam, der Buddhismus und der Hinduismus, um Großreligionen zu nennen, weisen eine lange Geschichte auf. Auch diese Bekenntnisse werden von Generation zu Generation weitergetragen. Wenn man davon ausgeht, dass Eltern in aller Welt ihren Glauben an ihre Kinder weitergeben und dass die Kinder bei diesem Glauben bleiben, dann reproduzieren sich alle diese Glaubensgemeinschaften in der Zeit, und die Zahl der Gläubigen wächst, stagniert oder schrumpft mit der Fertilität, der Mortalität und den religiösen Migrationen der Gläubigen. Wandert ein Teil von ihnen zu anderen Glaubensgemeinschaften ab oder wandern Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften zu, dann wirkt der Wanderungssaldo wie eine niedrigere oder höhere Fertilität auf die Zahl der Gläubigen jeglichen Bekenntnisses ein. Das sind triviale Feststellungen zur Demographie von Glaubenspopulationen.
Es ergibt keinen Sinn, an dieser Stelle eine Kasuistik religiöser Migrationen und den Einfluss einzelner Konstellationen auf Größe und Entwicklung der jüdischen Bevölkerung zu entwickeln. Das ergäbe ein voluminöses Werk über die Interaktion der glaubensspezifischen Werte von Fruchtbarkeit, Sterblichkeit und religiöser Migration, und das hieße in diesem Text, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, weil der normale Menschenverstand bereits die Einsicht vermittelt, dass der Glaubenswechsel und die eheliche Verbindung von Menschen verschiedenen Glaubens Einfluss auf die Entwicklung jeglicher Glaubensgemeinschaft nehmen. Erst recht ergibt es keinen Sinn, empirische Analysen zu versuchen, denn exakte Zahlen über die weltweiten religiösen Migrationen in den vergangenen Jahrhunderten existieren nicht. Die Behauptung mancher jüdischer Autoren, solche Übertritte hätten nie eine belangvolle Rolle gespielt, ist freilich nachweisbar falsch. Dazu braucht es keine genauen Zahlen über die religiöse Migration in Raum und Zeit. Es genügt zu verstehen, dass die Entwicklung der Größe der jüdischen Glaubensgemeinschaft und die Vielfalt des Herkommens ihrer Angehörigen nicht nur von den eigenen Fruchtbarkeits- und Sterblichkeitsverhältnissen, sondern auch von Ausmaß und Richtung des Glaubenswechsels bestimmt wird, wobei der Weg in die oder aus der Glaubenslosigkeit als Glaubenswechsel registriert werden muss, wenn man Erklärungslücken vermeiden will.
Wirft man einen Blick auf die Entwicklung der Glaubenszugehörigkeiten in Westeuropa und Nordamerika, dann zeigt sich, dass der Anteil der Konfessionslosen in der Modernen stetig wächst. Könnte man diese Daten exakt und komplett ermitteln, dann würde sich zeigen, dass in Westeuropa und Nordamerika der Anteil der praktizierenden Gläubigen jeglicher Konfession an der Bevölkerung seit langem stetig sinkt und jener der Glaubenslosen und Glaubensfernen ebenso eindrucksvoll steigt. Jedenfalls spricht das, was wir wissen, für diese Diagnose. Vor dieser Entwicklung ist die jüdische Glaubensgemeinschaft nicht bewahrt, auch wenn genaue Daten nicht verfügbar sind. Greifbar aber sind die schriftlichen Zeugnisse aus vielen Jahrhunderten, die von der Konversion Einzelner und ganzer Gruppen zum Judentum berichten. Die Judenheit war zu keiner Zeit eine geschlossene Ethnie. Auch, wenn viele Juden das anders sehen wollen und ethnizistische Mythen mit geschichtlichen Fakten verwechseln. Allenfalls in den Zeiten der strikten Ghettoisierung in Europa waren eheliche Verbindungen zwischen Juden und Christen eher seltene Fälle. Ansonsten erinnert der Glaube vieler Juden an ihre ungebrochene Herkunft von den biblischen Urvätern an die Überzeugung vieler heutiger Italiener und Griechen, direkte Abkömmlinge der römischen oder griechischen Bevölkerung der Antike zu sein. Der Ansturm und die jahrhundertelange Herrschaft von fremden Invasoren, der germanischen und arabischen im einen, der türkischen im anderen Fall wird bei solchen Aussagen ganz einfach ausgeblendet. Als ob die Eroberer die lange Zeit ihrer Herrschaft immer in völliger Isolation hinter hohen Mauern verbracht hätten. Dabei erzählen die Gesichter der heutigen Italiener und Griechen eine ganz andere Geschichte. Genau so gut könnten alle heutigen Christen behaupten, von den Angehörigen der urchristlichen Gemeinden abzustammen - und die waren allesamt Juden, weil die Apostel natürlich die ersten Proselyten in den vielen jüdischen Gemeinden des Römischen Reichs gesucht und gefunden haben.
Ich beende diesen Ausflug in unwegsames Gelände. Er hat zu der Einsicht verholfen, dass die Juden wie die Christen, die Muslime, die Hindus und Buddhisten und anders, als von Hitler verkündet, keine ethnische Einheit sind, die sich über Jahrtausende in einer hermetisch verschlossenen jüdischen Welt fortgepflanzt hat, sondern eine Glaubensgemeinschaft, die einen Gründungsmythos, einen Glaubenskodex und eine lange, unheilvolle, weil von Verfolgung geprägte Geschichte hat. Aber es sind nicht wenige Juden, die die Geschichte ihres Glaubens bis in die Gegenwart als die Genealogie eines Geschlechts, als eine Kette vieler Generationen von Juden versteht, die direkte Nachfahren der biblischen Judenheit sind. Eine ethnizistische Doktrin, die den Glaubenswechsel, die Heiraten Verschiedengläubiger und außereheliche sexuelle Verbindungen von Glaubensverschiedenen nicht zur Kenntnis nimmt oder diese Vorgänge als Ausnahmen zur Seite schiebt. Vorgänge, die in der Geschichte der Judenheit nicht anders als bei den Christen eine große Rolle gespielt haben und mehr denn je spielen. Denn, wie gesagt, in zwei Dritteln der Heiraten von Juden in den USA ist der andere Teil nichtjüdischer Herkunft.
Ich werfe zum Schluss einen Blick auf die Abspaltung der Urchristen von der antiken Judenheit. Wir wissen, dass den christlichen Urgemeinden zunächst nurmehr Juden angehörten. Judenchristen, die nach Jesu Tod den neuen Glauben geschaffen und verbreitet haben. Sie konnten ihre Botschaft in die vielen jüdischen Gemeinden in den Städten des Römischen Reichs weitertragen. Die neuen judenchristlichen Gemeinden wuchsen trotz grausamer Verfolgung in erstaunlicher Schnelligkeit, vor allem weil sie viele Sklaven und Freigelassene, die keine römischen Vollbürger waren, gewinnen konnten. Beide monotheistische Religionen, die christliche und die jüdische, haben in den folgenden Jahrhunderten im Römischen Reich mit allen Kräften, aber unterschiedlichem Erfolg um Proselyten gerungen. Wir kennen die weitere Entwicklung beider Abkömmlinge der biblischen Glaubenswelt. Eine naive Genealogie könnte also zu dem Ergebnis gelangen, dass die heutigen Christen allesamt Nachkommen der Judenchristen sind, dass sie nicht nur in ihrem Glauben jüdische Wurzeln haben. Die heutigen Juden wären in gleicher Weise die Nachkommen jener Juden, die nach Jesu Tod bei dem überkommenen Glauben geblieben sind. Heutige Juden und Christen wären in dieser Sicht nicht nur durch die Kontinuität ihres Glaubens, sondern auch im wörtlichen Sinn Nachkommen des biblischen jüdischen Volkes. Sie wären Brüder und Schwestern. Es bestünde für beide, für Juden wie Christen, eine ungebrochene genetische Verbindung zur biblischen Judenheit. Der Unterschied wäre allein, dass das Christentum bei der Gewinnung von Konvertiten sehr viel mehr Erfolg als das Judentum hatte.
Die jüdische Rasse, die Hitler vernichten wollte, gibt es so wenig wie die arische Rasse, ihren vorgeblichen weltgeschichtlichen Widersacher. Beide Kollektive sind bloße Hirngespinste. Gott - oder eine gottlose Evolution - hat zwar viele menschliche Völker, aber keine Rassen geschaffen, wenn man darunter distinkte Ethnien versteht, die durch eine biologische Barriere daran gehindert sind, gemeinsame Nachkommen hervorzubringen. So wie bei Hitlers Fuchs, Gans und Tiger. Wenn solche biologischen Sperren auch bei den Menschen existierten, dann brauchte es freilich Hitlers Rassismus nicht, um die Reinheit der Rassen zu sichern. Die Natur selbst hätte Grenzen gezogen. Weiße blieben Weiße, Schwarze blieben Schwarze, weil Weiß und Schwarz sich vielleicht verpaaren, aber keinen gemeinsamen Nachwuchs erzeugen könnten. Solche biologischen Sperren gibt es aber zwischen menschlichen Völkern so wenig wie bei den Varianten tierischer und pflanzlicher Arten. Ganz gleich, ob Menschen eine schwarze oder weisse Haut, ob sie blonde oder schwarze Haare, blaue oder braune Augen haben: Sie können sich verpaaren und Nachwuchs zeugen. Und die von den Rassisten betonten äußeren Unterschiede zwischen den Menschen - Haut-, Augen- und Haarfarbe, Kopf- und Körperform - sind, wenn wir der Evolutionsbiologie folgen, überhaupt erst im Laufe der Entwicklung entstanden. Vielleicht ebnet die im Gefolge der Globalisierung in Gang gekommene weltweite Migration diese Unterschiede der Gesichter, der Haut- und Haarfarben und anderer Körpermerkmale ganz allmählich wieder ein, so dass sich - ungeachtet örtlicher Akzente - allerorten eine ähnliche Vielfalt von Gesichtern bildet. Niemand könnte dann noch guten Grundes von menschlichen Rassen sprechen. Das Wort hätte dann allenfalls in der Pflanzen- und Tierzucht seinen Platz, wo es die durch Zuchtwahl hervorgebrachten Varianten einzelner Arten bezeichnet. Nichts anderes hatte die Rassenideologie für die Menschen im Sinn. Sie wollte keine Arten, sondern die Varianten einer Art an der unkontrollierten Kreuzung hindern.
Jüdischer Glaube
Es bleibt, über innerjüdische Kontroversen zu sprechen, denen ich als Knabe begegnet bin. Um orthodoxe contra liberale Juden. Um Westjuden contra Ostjuden. Um zionistische contra anti-zionistische Juden. Es geht ganz einfach darum zu zeigen, dass die Juden in meiner Umgebung damals ganz verschiedene Vorstellungen vom Judentum und seiner Rolle in der modernen Welt hatten, es geht um innerjüdische Dissonanzen, um Risse im jüdischen Selbstverständnis. Niemand wird freilich erwarten, dass ich Grundfragen des jüdischen Glaubens erörtern werde, von denen ich, schlicht gesagt, nichts verstehe. Es geht allein darum, Erinnerungen an innerjüdische Konflikte zu beschreiben, denen ich in meiner Jugend begegnet bin. Juden waren damals nicht nur den Vorurteilen von Christen, sondern auch jenen anderer Juden ausgesetzt. Ich meine nicht das, was gemeinhin als “Jüdischer Selbsthass” bezeichnet wird, das Unbehagen, die Aversion von Menschen, die als Kind jüdischer Eltern geboren wurden und sich von ihrem Glauben abgewendet haben, gegenüber dem Judentum. Besser gesagt: Der Verwerfung der eigenen Jüdischkeit bis hin zur radikalen Ablehnung des Judentums durch gebürtige Juden, die an dem Anderssein leiden, das ihnen die nichtjüdische, die christliche Umwelt aufgezwungen hat. Ein Leiden, ein Unbehagen, das durch die Konversion zum Christentum nicht geheilt wird, eine Unrast, die mitunter in einen Hass auf alles Jüdische umschlägt, weil man auch als getaufter Jude dem durch die eigene Herkunft von der Umwelt verordneten Anderssein nicht entrinnen kann. Darüber gibt es die Zeugnisse von Schriftstellern jüdischer Herkunft, die das Judentum verlassen haben oder Spross jüdischer Eltern waren, die Christen geworden sind. Vielleicht sind dem einen oder anderen Leser die Werke von Otto Weininger oder Karl Krauss geläufig. Gewiss aber kennt jeder Karl Marx, dessen Eltern getaufte Juden waren. Oder Heinrich Heine, der Katholik geworden ist.
Ich weiß nicht, ob es damals viele Juden waren, die durch die Konversion zum Christentum Judenfeinde geworden sind. Und wie viele zwar Juden blieben, aber ihre Jüdischkeit als Fluch, als Verhängnis erlebten. Unter den Juden, die ich in meiner Jugend kannte, hat keiner den Eindruck erweckt, dem Judentum innerlich feind zu sein. Meine jüdischen Angehörigen waren zwar Mitglieder der jüdischen Gemeinde, sie haben aber ihre Glaubenszugehörigkeit nicht praktiziert. Sie waren Freigeister, Areligiöse geworden, die deswegen vielleicht, aber auch nur vielleicht, mitunter ein schlechtes Gewissen hatten. Judenfeinde waren sie jedenfalls nicht. Das hätten sie als absurd empfunden. Sie haben die abfälligen Blicke und Bemerkungen, die Hintansetzungen, denen sie im Alltag als Juden ausgesetzt waren, eher schulterzuckend und mit sarkastischen Worten hingenommen. Bleibt die Frage: Warum haben sie die jüdische Gemeinde nicht verlassen? Wieso haben sie sich nicht im kommunalen Melderegister als konfessionslos gemeldet? Nachdem sie oft die Bemerkung von Freunden und Bekannten vernommen hatten: “Du bist doch gar kein richtiger Jude”. Die einen wollten damit sagen, dass sie nicht wie “richtige” Juden aussahen und sich nicht wie “richtige” Juden verhielten. Andere hatten sehr wohl gemerkt oder gewußt, dass meine jüdischen Angehörigen sich innerlich vom jüdischen Glauben abgewendet hatten. Aber das hiess nicht, dass sie sich von den Erinnerungen an eine jüdische Kindheit in einer jüdischen Familie verabschiedet, dass sie ihre frühe Jüdischkeit verleugnet hätten. Sie blieben dem Judentum aus inneren wie äußeren Gründen verbunden, auch wenn das nicht sichtbar war.
Die inneren Gründe habe ich erwähnt, die Tatsache, dass sie ihre jüdische Kindheit nicht vergessen, nicht verleugnen wollten. Erinnerungen, die sie mit ihren Eltern und Großeltern, mit ihren Brüdern und Schwestern, Onkel und Tanten, Nichten und Neffen, Cousins und Cousinen verbunden haben. Die Bar Mizwa und Bat Mizwa, die sie im Kreis ihrer jüdischen Familie gefeiert haben. Das Kaddisch, das sie nach dem Tod und am Todestag der Mutter und des Vaters gesprochen haben. Die anderen jüdischen Feste, die in der Familie begangen wurden. Die vielen feierlichen Sabbath-Abende im engen Kreis der Eltern und Geschwister. Das alles blieb in ihnen lebendig, auch wenn sie schon lange nicht mehr in die Synagoge gingen. Sie hätten den wirklichen Austritt als Verrat empfunden, denn die meisten ihrer nahen und fernen Angehörigen hatten sich nicht vom jüdischen Glauben entfernt. Soviel zu den inneren Gründen.
Die äußeren Gründe waren einfach durch die nichtjüdische Umwelt gesetzt, die nicht fragte, ob jemand, der als Jude geboren, aber aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten war, damit auch den antijüdischen Klischees der Katholiken und Protestanten entweichen konnte. Das Gegenteil war der Fall. Auch als Glaubensloser war der religiöse Emigrant für viele anderen eben immer noch Jude und damit das Objekt antijüdischer Vorurteile. Das wußten meine Angehörigen, und auch darum haben sie keinen Grund gesehen, die jüdische Gemeinde zu verlassen. Jüdischer Selbsthass ist also keine Vokabel, die ihr Verhalten trifft. Sie waren und blieben in ihrem Selbstverständnis Juden, wenn auch Glaubenslose und Gemeindeferne. Darin waren sie nicht allein, denn die Zahl glaubens- und gemeindeferner Juden wuchs allerorten, und in den USA bilden sie mittlerweile längst die Mehrheit der Menschen, die als Juden geboren worden sind. Das haben sie mit den vielen Christen gemeinsam, die ihre Kirchen allenfalls an hohen Feiertagen besuchen und die Geistlichen ansonsten nur noch bei Hochzeiten, Taufen und Begräbnissen sehen. Ganz zu schweigen von der wachsenden Zahl jener, die ihre Gemeinden verlassen haben. Die Verweltlichung macht in der modernen verstädterten Welt vor keinem Glauben Halt. Dem viel zitierten jüdischen Selbsthass ist damit im Grunde jeglicher gesellschaftliche Boden entzogen. Weil Juden inzwischen auch hierzulande weder durch die Selbst- noch durch eine feindselige Fremdausgrenzung ein Anderssein signalisiert wird. Niemand wird im Alltag nach seiner Religion gefragt, und ansehen kann man es einem Menschen ohnehin nicht, ob er Jude, Christ, Muslim oder konfessionslos ist. Außer, wenn er mit seiner Kopfbedeckung oder seiner Kleidung einen deutlichen Hinweis auf den eigenen Glauben gibt.
Der sprichwörtliche jüdische Selbsthass, die Judenaversion konvertierter Juden, ist nicht Gegenstand dieses Buches. Er hat, wie gesagt, in meiner Umgebung keine Rolle gespielt. Es ist eine andere Spielart des Konflikts unter Juden, die ich beschreiben will, weil ich sie in meiner Jugend erlebt habe und weil sie in meiner Erinnerung lebendig geblieben ist: Die Ablehnung, die Verachtung alteingesessener Juden gegenüber den im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zugewanderten osteuropäischen Juden in unserer Stadt. Und die ebenso starke Aversion der zugewanderten osteuropäischen Juden gegenüber ihren alteingesessenen Glaubensbrüdern, den Westjuden, die als Verräter am wahren Judentum, als Abtrünnige, genommen wurden. Der Leser sollte, vorab gesagt, die Bezeichnungen westeuropäische oder Westjuden auf der einen, osteuropäische oder Ostjuden auf der anderen Seite, jeweils als wertfreie Synonyme verstehen, die ich wechselnd verwende. Ich habe keinen Grund, in den damaligen innerjüdischen Dissonanzen im Nachhinein Partei zu ergreifen, die Verachtung vieler Westjuden gegenüber Ostjuden zu beurteilen, die ich als Knabe in meiner Umgebung beobachtet habe. Auch nicht, über zugewanderte Ostjuden zu urteilen, die an ihrem orthodoxen Judentum festgehalten haben. Ich will diese Auseinandersetzungen, soweit ich das kann, beschreiben, nicht bewerten. Denn diese innerjüdischen Konflikte waren ein Teil meiner Jugendwelt. Die meisten osteuropäischen Emigranten waren auf dem Weg in die USA, ihrem eigentlichen Ziel, im Deutschen Reich hängengeblieben, weil sie keine Einreiseerlaubnis für die USA erhielten oder weil ihnen das Geld für die Überfahrt fehlte. Hier waren die Migranten den Behelligungen ausgesetzt, denen osteuropäische Juden mehr noch als ihre alteingesessenen Glaubensbrüder und -schwestern unterworfen waren. Deren Antipathie, deren Vorbehalte, von den eingewanderten Ostjuden als Verrat an engen Verwandten empfunden, machte die allgemeine Judenfeindschaft, der sie ausgesetzt waren, doppelt schwer. Denn die Ostjuden waren sozusagen die Juden der anderen, der etablierten Juden. Ihnen wurden von vielen Westjuden alle antijüdischen Vorurteile angelastet, die von den nichtjüdischen Rassisten sämtlichen Juden zugeschrieben wurden, ganz gleich, wie lange sie schon im Lande und woher ihre Vorfahren gekommen waren. Die Klischees vom jüdischen Gesicht, der jüdischen Sprache, den jüdischen Berufen, der jüdischen Mimik und Gestik und dem jüdischen Charakter. Antijüdische Vorurteile, die eine jahrhundertealte Geschichte hatten und hierzulande lange Zeit garnicht den Ostjuden, sondern den Westjuden gegolten haben. Jetzt waren sie Vorurteile, die auch von Juden gegen andere Juden gerichtet wurden. Es war, so absurd das klingen mag, jüdischer Antisemitismus. Man könnte auch sagen, dass es jüdischer Bruderhass war. Ohne die schrecklichen Ereignisse der Hitlerjahre hätten sich diese Dissonanzen, diese innerjüdischen Konflikte, vielleicht gelegt, wären durch die Säkularisierung, die Liberalisierung beschwichtigt oder sogar beendet worden, so wie Katholiken und Protestanten ihre Differenzen in der Auslegung ihres Glaubens mittlerweile in ökumenischen Aktivitäten zu befrieden trachten. Aber dazu ist den Juden in Deutschland die Zeit nicht geblieben. Ein Blick auf die USA macht überdies deutlich, dass das Schisma sich auch ohne Hitler nicht leicht aufgelöst, dass die Juden sich mutmaßlich nicht im Verständnis ihres Glaubens geeinigt hätten. Denn auch die christlichen Deutungsdifferenzen sind ungeachtet der vielen ökumenischen Bekenntnisse nicht verschwunden. Stattdessen hätte die deutsche Judenheit womöglich wie die anderen Glaubensrichtungen die zunehmende Abwanderung der Nachwachsenden in die Glaubenslosigkeit erfahren. Aber das ist bloße Spekulation, weil wir nicht wissen können, welchen Weg die jüdische Welt ohne den Holocaust gegangen wäre.
Was ich über meine jüdischen Verwandten und Bekannten gesagt habe, dass sie nämlich nichts mit dem Klischee vom “Jüdischen Gesicht”, von der “Jüdischen Sprache”, von den "Jüdischen Berufen" und vom “Jüdischen Charakter” gemein hatten, das damals unter Christen verbreitet war, das gilt auch für das Verhalten dieser längst eingepassten Juden. Ihre Kleidung, ihre Mimik, ihre Gestik und ihre Sprache haben sich in keiner Weise vom Aussehen und Verhalten der anderen Menschen in unserer Stadt, der Katholiken und Protestanten, unterschieden. Wieder wurde die Verhaltensweise vieler ostjüdischer Neubürger, die sich noch nicht an die Regeln und Rituale des Lebens im Westen angepasst hatten, zum Muster für das herrschende antijüdische Klischee. Von daher auch die unwilligen Vorbehalte vieler Juden, die seit Generationen in dieser Stadt lebten. Sie, die jüdischen Altbürger, waren vielleicht die Heftigsten unter jenen, die Schläfenlocken, breitkrempige schwarze Hüte, Kaftane, jiddische Wortwendungen und ausgreifende Gesten, das Reden mit den Händen, abgelehnt haben.
Viele der ostjüdischen Immigranten sind darum nicht der größeren und älteren liberalen, sondern der kleineren und jüngeren orthodoxen jüdischen Gemeinde beigetreten, deren Riten und Regeln dem aus der ostjüdischen Heimat Gewohnten eher entsprachen. Man hätte also ohne weiteres von der west- und der ostjüdischen Gemeinde in unserer Stadt sprechen können, wenngleich es keine so simple Trennung gab. Die Juden in unserer Stadt konnten jedenfalls seit Gründung dieser “Austrittsgemeinde” im 19. Jahrhundert entscheiden, ob sie ihren Glauben als Liberale oder als Orthodoxe praktizieren wollten. Ein preussisches „Austrittsgesetz“ in der Bismarckzeit hatte ihnen ermöglicht, die Einheitsgemeinde zu verlassen und doch Jude zu bleiben. So wie Christen die Wahl besaßen, Katholiken oder Protestanten zu sein. Der Wechsel zwischen diesen Varianten des Juden- und Christentums hielt sich damals freilich bei beiden Glaubensrichtungen, der jüdischen wie der christlichen, eher in Grenzen, weil die Eltern im Vorhinein über die Konfession ihrer Kinder entschieden und ein Glaubenswechsel als Erwachsener eher selten war. Er spielte eigentlich nur vor der Heirat von Menschen verschiedenen Glaubens eine Rolle. Die Zahl solcher “Mischehen” nahm freilich im kaiserlichen Deutschland und in der Weimarer Republik rasch zu. In meiner Umgebung waren damals, vor Hitlers Rassegesetzen, solche Verbindungen keine besondere, keine auffällige Sache mehr, denn die jungen Paare gingen meist nur zum Standesamt, um ihren Bund zu besiegeln. Die religiöse Absegnung des ehelichen Versprechens verlor erkennbar an Bedeutung. Nicht nur in den christlichen, sondern auch in den jüdischen Gemeinden der großen Städte. Und hier wie dort nahm die Zahl der Austritte zu. Die in die Gemeindeferne Entwichenen blieben freilich in den Karteien der Jüdischen Gemeinden vermerkt, und sie wurden darum später mit den aktiven Gemeindemitgliedern in die Arbeits- und Vernichtungslager transportiert, weil sie als gebürtige Juden für die Rassisten immer Juden geblieben sind. Umgekehrt blieben Christen, die zum Judentum übergetreten waren, meist von der Verfolgung verschont, weil sie für Hitler und seine Vollstrecker keine “echten” Juden, vielmehr Sonderlinge waren, die man nicht ernst genommen hat. Bürokratische Irrtümer haben freilich den einen oder anderen dieser Konvertiten gleichwohl in die Arbeits- und Vernichtungslager gebracht, obwohl sie „Arier“ waren.
Damals gehörte das religiöse Bekenntnis noch zum Wesen einer Person, zu dem Bild, das andere sich von einem Menschen machten. Und nicht nur Juden, sondern auch Katholiken und Protestanten waren bei den Andersgläubigen klischeehaften Vorurteilen und Vorbehalten ausgesetzt. Katholiken galten Protestanten als abergläubische Christen, die den Evangelien allerlei hinzugedichtet haben, und Protestanten, die die Beichte, die Marienverehrung, die Anrufung von Heiligen und die Autorität des Papstes ablehnten, waren für Katholiken irrende Menschen, die die wahren Wurzeln des Christentums leugnen. Inzwischen gewinnt die religiöse Orientierung eines Menschen in Deutschland, wenn man von den Millionen Muslimen absieht, allenfalls dann Aufmerksamkeit, wenn es darum geht, von jemandem unerwartet zu erfahren, dass er Jude ist. Aber diese unwillkürliche Reaktion kann mit den Vorbehalten und Vorurteilen der Hitlerjahre nicht gut verglichen werden. Dieses Befremden ist vielmehr der spontanen Erinnerung an schreckliche Ereignisse geschuldet, und es verschwindet, wenn der nähere Umgang den anderen als Menschen wie jeder andere erkennen läßt. Das fordert vom jüdischen Gegenüber Gelassenheit. Die provinzielle Unkenntnis der Welt und ihrer Vielfalt ist bei den meisten Menschen mittlerweile durch das Fernsehen, das Internet und das weltweite Reisen merklich geschwunden. Die Deutschen leben nun mit Millionen Menschen fremder Herkunft im eigenen Land, von denen die meisten bereits in der zweiten oder dritten Generation hier wohnen und deutsche Staatsbürger sind. Menschen mit Migrationshintergrund, wie das im Amtsdeutsch heißt. Darunter die vielen Juden, die in den vergangenen Jahrzehnten aus der früheren Sowjetunion eingewandert sind. Neue Bürger, die niemand als Juden erkennt, weil sie sich in ihrem Aussehen und Verhalten nicht von anderen Deutschen unterscheiden. Die meisten von ihnen weisen akademische Abschlüsse auf, sind auch darum nicht mit den ostjüdischen Migranten früherer Zeiten vergleichbar. Und sie sehen nicht anders aus als andere Europäer. Sie werden allenfalls anhand ihres Akzents als Russen wahrgenommen. Das “Jüdische Gesicht”, die “Jüdische Sprache” und die “Jüdischen Berufe” sind auch unter ihnen längst Vergangenheit. Sie erlangen, wie gesagt, allenfalls wegen ihrer fehlenden Deutschkenntnisse Aufmerksamkeit. Aber das gilt auch für viele andere Menschen in diesem Land. Antijüdische Vorbehalte sind nicht völlig zum Verschwinden gebracht, ihr Objekt ist aber nun meist der Staat Israel und sein Verhalten den Muslimen gegenüber, den Palästinensern im eigenen Land und in den besetzten Gebieten. Die Versuchung, in solchen Fällen von einem neuen Antisemitismus zu sprechen, ist verständlich, aber diese Einschätzung übersieht, dass die Vorbehalte normalhin nicht Menschen gelten, weil sie Juden sind, sondern einem Staat, der sich als Heimstatt der Juden versteht, obwohl mehr als ein Fünftel der eigenen Bevölkerung keine Juden, sondern Muslime und Christen sind. Man sollte also, wenn überhaupt, von Antizionismus sprechen, von Vorbehalten, die sich auch bei vielen liberalen Juden leicht finden lassen, ohne dass von jüdischem Antisemitismus gesprochen wird. Eine Kontroverse, zu der ich mich nicht weiter äußern will, denn diese Auseinandersetzungen haben wenig mit den antijüdischen Vorurteilen in meiner Jugendzeit zu tun, von denen dieses Buch handelt. Die gegenwärtigen Diskussionen erinnern mich gleichwohl an die heftigen Gespräche, die damals zwischen meinen jüdischen Cousins und Cousinen und ihren Eltern darüber geführt worden sind, ob die Juden einen eigenen Staat erkämpfen oder eine über die Welt verstreute Glaubensgemeinschaft und - wie die Christen, die Muslime, Hindus und Buddhisten - loyale Bürger ihrer jeweiligen Heimatländer bleiben sollten. Die Älteren haben vergeblich darauf aufmerksam gemacht, dass dort, wo der Judenstaat entstehen sollte, seit vielen Jahrhunderten Menschen anderen Glaubens leben, dass dort gar kein Platz für Millionen jüdischer Immigranten sei. Dass auch die Christen über viele Länder verstreut seien und nicht davon träumten, in einem Staat zu leben, der alle Christen dieser Welt vereint. Dass auch die Juden der biblischen Zeit nicht immer Bürger eines einzigen Staates gewesen seien. Dass die Juden nie von den Römern aus Judäa vertrieben wurden. Dass die Heimkehr, wenn man an die biblische Verheißung glaubt, an das Erscheinen des Messias gebunden sei. Es nützte alles nichts. Der zornige Hinweis der Kinder auf die Judenverfolgung im Deutschen Reich hat die Eltern am Ende zum Verstummen gebracht. Meine Onkel und Tanten, loyale deutsche Bürger, sind mit einem Teil ihrer Kinder ermordet worden. Die übrigen Kinder haben die Lagerhaft überstanden oder sie wurden von hilfreichen Menschen versteckt. Sie leben oder lebten seit ihrer Befreiung in Israel, einem Staat, mit dem ihr zionistischer Traum, wie sie glauben, Wirklichkeit geworden ist. Darüber zu urteilen, steht mir nicht zu. Jedenfalls nicht in diesem Text, der von einer Zeit handelt, in der es Israel noch nicht gab. Wohl aber Menschen, die eine neue, sichere Heimstatt suchten. Eine Bleibe, die von den meisten Staaten verweigert wurde.
Das abfällige Urteil über das Jiddische, die Sprache des osteuropäischen Judentums, ist mittlerweile, nach dem gewaltsamen, grausamen Tod dieser Welt, vielerorts neugierigen Rückblicken auf das Schtetl und seine Kultur gewichen. Diese Retrospektiven sind auf einen imaginierten Kosmos jüdischer Kultur, auf jiddische Literatur, jiddisches Theater und jiddische Musik gerichtet, und es wird oft übersehen, dass es - ungeachtet aller Unterschiede im Beruf, Vermögen und Einkommen der osteuropäischen Juden - eine Welt armer, unterdrückter Menschen in kleinen Städten und Dörfern und in den Ghettos polnischer und russischer Großstädte gewesen ist. Menschen, die ihre Heimat in großen Scharen verließen, wenn immer es möglich war. In dieser Welt war ganz gewiss kein Spielraum für epochale kulturelle Unterfangen. Und umliegende große Städte wie Warschau, Krakau, Lodz, Minsk, Odessa oder Wilna waren ungeachtet der Tatsache, dass es dort große jüdische Gemeinden gab, Zentren nicht der jüdischen, sondern der polnischen, russischen, ukrainischen und litauischen, jedenfalls der christlichen Kultur. Einzelne Juden haben die Welt der Literatur, der Philosophie, der Wissenschaft, der Architektur, der Musik und der Bildenden Künste nicht im Schtetl, sondern als Bürger europäischer und anderer Staaten bereichert, in denen Juden vergleichsweise kleine Glaubensgemeinschaften waren. Namen wie Spinoza, Ricardo, Marx, Freud, Hertz, Einstein, Heine, Mendelssohn Bartholdy, Mahler, Schönberg, Kafka, Pasternak, Modigliani und Chagall fallen jedem auf der Stelle ein, wenn es darum geht, bedeutende Beiträge von Juden oder von Menschen jüdischer Herkunft zum Weltkulturerbe zu nennen. Diese Namen und die mit ihnen verknüpften Biographien machen deutlich, dass einzelne Juden ihre großartigen Werke außerhalb der Welt des Schtetl hervorgebracht haben, in der damals die Mehrheit aller Juden lebte. Die meisten dieser berühmten Juden entstammten garnicht, jedenfalls nicht unmittelbar, der ostjüdischen Welt. Die Judenheit, wenn man ihr das Genie der Genannten zurechnen will, ist also außerhalb jüdischer Siedlungsgebiete, im nichtjüdischen kulturellen Milieu, zu großen schöpferischen Leistungen gekommen. Davor liegen Jahrhunderte kultureller Stille, eine lange Zeit des Schweigens, seit die biblischen Autoren, die man nicht kennt, den Menschen den Glauben an den einen und einzigen Gott geschenkt haben. In der Welt des Schtetl hingegen haben die Wissenschaft, die bildenden Künste, die große Musik und herausragende Architektur keine belangvolle Rolle gespielt. Allenfalls einige jiddische Autoren jener Zeit haben in der modernen Welt Aufmerksamkeit erlangt, wenn und weil ihre Werke in verbreitete Sprachen übersetzt worden sind oder als Kunstwerke keiner Übersetzung bedurften. Man denkt da gleich an Scholem Alejchem und Isaac Bashevis Singer, die in ihren Werken der Welt des Schtetl ein Denkmal in Wörtern errichtet haben. Und an Marc Chagall, der mit seinen Gemälden auf andere Weise das Gleiche vollbrachte. Eine Welt, die es auch ohne Hitler so nicht mehr gäbe, wie sie damals war. Aber die Schritte in die Moderne wurden nicht mehr getan, weil die Menschen, die sie hätten tun können, ermordet worden sind. Darum weiss man nicht, wie sich dieser ostjüdische Lebensraum auf dem Weg in die moderne Welt verändert hätte, wenn er nicht durch Hitler und seine Mordgesellen vernichtet worden wäre. Vielleicht ein anderes, völlig anderes Israel. Es bleibt nur, voller Trauer auf den mit unfasslicher Grausamkeit vernichteten Kosmos des Schtetl zurückzublicken, einer Welt, die über Jahrhunderte hin die Heimat von Millionen Juden, ihrer jiddischen Sprache und Kultur war. Trauer, die in den klagenden Tönen einer klezmerischen Klarinette auch den Glaubensfremden ergreift, den mit dem Judentum ansonsten garnichts verbindet.
Aber damals, in meiner Jugendzeit, hat die Klezmer-Musik in unserer Stadt keine Rolle gespielt. Die alteingesessenen, etablierten jüdischen Familien haben sie als Dorfmusik belächelt, die im Osten bei Hochzeiten, Beerdigungen und ähnlichen Ereignissen gespielt wurde, aber mit Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Brahms, Bruckner, Wagner und Mahler natürlich nicht vergleichbar war. In den großen Konzertsälen unserer Stadt war damals, vor Hitler, ein beachtlicher Teil der Plätze von gebildeten Juden und ihren Familien belegt, obwohl weniger als ein Prozent der Bevölkerung Juden waren. Nicht anders bei den Abonnements in der Oper und im Schauspielhaus. Auch in den Gymnasien waren jüdische Schüler, wenn man die Bevölkerungsanteile von Juden und Christen zum Vergleich nimmt, weit häufiger als christliche Mitschüler eingeschrieben. In den Volksschulen dagegen waren jüdische Schüler - von Ausnahmen abgesehen, denn es gab natürlich auch arme Juden, die nicht in der Lage waren, Schulgeld für ihre Kinder aufzubringen - nur bis zum Wechsel in die Gymnasien vertreten. Und die armen Juden, das waren vor allem Ostjuden, die auf der sozialen Leiter noch ganz unten waren. Die meisten von ihnen haben in unserem Stadtviertel, im Westend, gelebt.
Damals, in meiner Jugend, waren es auch nur ostjüdischen Migranten, vor allem die der ersten Generation, die ihren Glauben in ihrer Haartracht und Kleidung in aller Öffentlichkeit deutlich werden ließen. Nicht immer Schläfenlocken, aber ein mäßig getrimmter Bart, ein breitkrempiger schwarzer Hut und ein langer, schwarzer Mantel hoben viele von ihnen von den alteingesessenen Juden ab, die sich im Alltag nicht von Katholiken und Protestanten unterschieden. Die jüdischen Altbürger trugen, darin den Christen gleich, ihren Glauben nicht in aller Öffentlichkeit zur Schau. Auch, wenn der schwarze Anzug und der schwarze Hut von den einen am Samstag, von den anderen am Sonntag getragen wurde. Die judenfeindliche Propaganda mußte sich darum an das Bild halten, das die aus Osteuropa eingewanderten orthodoxen Juden in der Öffentlichkeit boten, und diese Vorgaben auf den allgegenwärtigen Plakaten zu fratzenhaften Gesichtern in wunderlichen Gewändern verzerren, zu fremdartigen Wesen, die für alle vermeintlichen Gebrechen der Welt verantwortlich sein sollten. In diesen böswilligen Karikaturen lebte das mittelalterliche Klischee vom “Ewigen Juden”, von Ahasver, fort, der keine Heimat, keine Ruhe findet und zu ewiger Wanderschaft verflucht ist. Auch damals, im Mittelalter, als in Deutschland nur wenige Juden lebten, kursierten ähnliche abfällige Bilder von Juden, ihren Gesichtern, Gebärden und Gebräuchen. Die Judenfeindschaft zeigt in ihren zentralen Elementen erkennbar historische Kontinuität, auch wenn manche Einzelheit mit den Umständen wechselt. Vorlage für die Karikaturen in meiner Jugendzeit war indessen, wie gesagt, das Bild, das die aus Osteuropa zugewanderten Juden in der Öffentlichkeit boten. So ergab sich für den bereitwilligen Betrachter eine Brücke von den judenfeindlichen Plakaten in seine Alltagswelt.
Meine jüdischen Verwandten sind den befremdlichen Glaubensbrüdern und -schwestern aus dem Osten mit großer Reserve begegnet. Kontakte zu ihnen gab es nach meiner Erinnerung kaum. Gelegentliche Gespräche blieben kurz, und in den ostjüdischen Läden hat man nicht eingekauft, auch wenn sie nur um die Ecke lagen. Die Kollekten der Jüdischen Gemeinde zugunsten armer Ankömmlinge aus dem Osten wurden von den Juden, die ich kannte, eher widerwillig bedacht, weil es ihnen lieber gewesen wäre, wenn es die Bedürftigen garnicht erst in unsere Stadt verschlagen hätte, wenn sie mit den meisten anderen ostjüdischen Emigranten in die USA oder anderswohin weitergezogen wären. Die aus dem Osten zugewanderten Juden, die sich einer schnellen Akkulturation verschlossen, waren für meine jüdischen Angehörigen zwar Juden, aber eben keine deutschen, keine kultivierten Juden. Ihnen fehlte das, was jemanden zum Deutschen jüdischen Glaubens macht. So haben sie mir das damals auf meine beharrlichen Fragen hin erklärt. Und unser jüdischer Hausbesitzer, ein Akademiker, der deutscher Soldat im Ersten Weltkrieg war und seine Ehrenzeichen, das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse, voller Stolz zeigte. Obwohl es später, in den Hitlerjahren, für Juden verboten war, deutsche Kriegsauszeichnungen zu zeigen. Daran hat er sich bis zur Deportation nicht gehalten. Die Ordensspange wurde ihm erst auf der Bahnrampe abgerissen. Er war, wenn man einschlägigen Angaben folgt, einer von rund 100.000 jüdischer deutscher Soldaten, von denen rund 12.000 im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Drückeberger wurden die Juden damals und danach gleichwohl und nicht nur von den Rechtsradikalen genannt. Um das zu hören, brauchte man nur die Gespräche an den Stammtischen christlicher deutscher Handwerker und Einzelhändler zu belauschen. Dort wurde den Juden die Fähigkeit abgesprochen, gute Soldaten zu sein. Das liess sich lange Zeit auch leicht behaupten, denn Juden war der Wehrdienst in Deutschland und anderswo in Europa über Jahrhunderte hin verwehrt. Im preußischen Heer gab es, wie ich später gelesen habe, bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs keine und bei Kriegsende nurmehr 1.400 jüdische Offiziere. Hier waren also die Juden unterrepräsentiert, denen ansonsten vorgeworfen wurde, in begehrten Berufen weit über dem Durchschnitt vertreten zu sein. Auch unser Hausbesitzer hat die Ostjuden und ihr befremdliches Erscheinungsbild als Ursache der vorgeblichen Wiederkehr antijüdischer Vorurteile gesehen. Ein “Jecke” wäre er geworden, wenn er es gewollt und geschafft hätte, nach Palästina zu entkommen. Stattdessen ist er mit den Ostjuden, die er verachtete, deportiert und ermordet worden. In Sobibór, einem polnischen Dorf, dessen Name damals kein Deutscher kannte, der nicht in Hitlers und Himmlers Mordmaschinerie tätig war. So wie Majdanek, Treblinka, Belcec und Oświęcim, das die Deutschen Auschwitz nannten.
Der Konflikt zwischen West- und Ostjuden war nicht identisch mit dem zwischen orthodoxen und liberalen deutschen Juden um den richtigen Weg des modernen Judentums. Eine Diskussion, die es gewiss auch ohne den Zustrom ostjüdischer Migranten gegeben hätte. Die Auseinandersetzung zwischen orthodoxen und liberalen Juden vollzog sich vielmehr zunächst innerhalb der etablierten, alteingesessenen deutschen Judenheit. Die Ostjuden sind gewissermaßen nur dazugestoßen, haben in großer Mehrheit das orthodoxe Lager verstärkt. Die Orthodoxen haben damals geglaubt, dass der Prozess der Emanzipation, der Einpassung in die nichtjüdische Welt, die Juden ihrem hergebrachten Glauben entfremde. Diese Aversion galt der vorgeblichen Entartung des Judentums durch die Entstehung der liberalen jüdischen Gemeinden, die am Ende die Mehrheit der westeuropäischen und nordamerikanischen Juden vereinten. Viele der Juden, denen dieser Weg in die Moderne missfiel, die dem Althergebrachten - das hiess auch: der jüdischen Selbstausgrenzung in der nichtjüdischen Welt - anhingen, wandten sich damals dem Zionismus zu, der Idee eines eigenen Staates, der den Juden nicht mehr zumuten würde, sich den Bedingungen einer glaubensfremden Welt zu unterwerfen. Ein Staat, in dem Juden wieder Bauern sein und aus der Wüste fruchtbare Böden machen würden. Die Zionisten haben von Anfang an den Umstand vernachlässigt, dass im verheißenen Land längst Millionen Menschen lebten, die keine Juden waren. Sie haben nie ein überzeugendes Konzept dafür vorgelegt, wie zwei Völker und zwei Religionen in einem Staat, der sich als Heimstatt aller Juden, als Judenstaat versteht, in Frieden miteinander leben könnten. Das wäre allenfalls in einem strikt laizistischen Staat denkbar gewesen.
Der Zionismus war eine weitere Version der Idee von der Selbstausgrenzung, von der gottgewollten Sonderrolle der Judenheit. Auch die zionistische Bewegung verletzte freilich den Kern des überkommenen jüdischen Glaubens, der die Rückkehr in das gelobte Land erst mit der Heraufkunft des Messias gekommen sah. Es blieb dem Reformjudentum in den USA und in den deutschen und anderen europäischen Großstädten überlassen, noch einen Schritt weiterzugehen und die messianische Verheißung von der Erwartung eines als Person gedachten Messias zu trennen und damit auf andere Art den jüdischen Glauben im Kern zu verändern. So wie Luther und Calvin die christliche Botschaft verwandelt haben. Schismen sind das Schicksal jeder großen Religion. Es versteht sich, dass der Zionismus weder die liberalen noch die orthodoxen Juden gewinnen konnte - obwohl viele von ihnen als Verfolgte in Palästina gelandet und, was die Ultra-Orthodoxen, die Chassidim, angeht, widerborstige Bürger Israels geworden sind.
In der Tat haben die liberalen Gemeinden in ihren Synagogen damals Elemente der protestantischen Liturgie übernommen, die den Orthodoxen zuwider waren. Orgelmusik, gemischter Chor und Predigt in deutscher Sprache, Männer und Frauen Seite an Seite, um nur einige Äußerlichkeiten zu nennen, die ich bereits geschildert habe. In manchen liberalen Gemeinden vereinte eine Art Konfirmation Bar Mizwa und Bat Mizwa, die überkommenen Rituale zur Aufnahme der Knaben und Mädchen in das Gemeindeleben. Viele Juden haben damals die hohen Feste der Christen respektiert, haben ihre Wohnung, pars pro toto, in der Adventszeit mit lametta- und kerzenbestückten Tannenzweigen geschmückt, obwohl sie nicht an Christus als Messias glaubten. Sie haben es als Zeichen der Solidarität der nichtjüdischen, der christlichen Umwelt gegenüber verstanden. Dieser Entwicklung galt der Zorn der Juden, die Wort für Wort am Althergebrachten festhalten wollten, der Orthodoxen, die in Westeuropa und Nordamerika zur Minorität geworden waren. Das alles habe ich bereits geschildert, denn ich habe diese innerjüdischen Dissonanzen damals in mancherlei Gesprächen der Erwachsenen kennengelernt. Und an Ostern habe ich mit meinen jüdischen Cousins und Cousinen im Garten die von den Eltern versteckten bemalten Ostereier gesucht und mit hilfreichen Hinweisen auch gefunden. Als ob wir allesamt eine christliche Familie gewesen wären. Obwohl Ostereier eigentlich garnichts mit dem christlichen Glauben zu tun haben und darum ohne schlechtes Gewissen auch von jüdischen Eltern versteckt und von ihren Kindern verzehrt werden konnten.
In diesem innerjüdischen Konflikt spielten die eingewanderten Ostjuden eine wichtige Rolle. Sie waren, wie bereits gesagt, für die verbürgerlichten, verweltlichten deutschen Juden, die seit Generationen in unserer Stadt lebten, die sich in jeder Hinsicht an die deutschen Lebensformen und -normen angepasst hatten und auf ihre Akkulturation stolz waren, Störenfriede. Auch, wenn sie ihnen bei der Suche nach Arbeit, durch die Einrichtung von Ausbildungsstätten und die Gewährung von Lebensbeihilfen unter die Arme griffen. Die Ostjuden waren ihnen eben entfernte Verwandte, die in der vormodernen Welt stecken geblieben waren, vor allem, wenn sie als Chassidim eine Weise des Judentums praktizierten, in der nicht die überkommene, die rabbinische Gelehrsamkeit, das Studium von Torah und Talmud, der rationale Diskurs im Vordergrund standen, sondern die mystische Versenkung, der unmittelbare innere Kontakt des Gläubigen zu Gott als eine Form der Frömmigkeit, die den aufgeklärten liberalen Juden im Westen ebenso fremd bleiben musste wie das Tanzen und Singen im geschlossenen Kreis, das die chassidischen Juden vollzogen. Ganz zu schweigen von den Wunderrabbis, die von vielen chassidischen Juden als Mittler zwischen Mensch und Gott verehrt und von ihren Anhängern um Fürsprache bei Gott gebeten worden sind. Die Wunderrabbis spielten offenbar im Chassidismus die Rolle, die im Katholizismus für einfache Menschen die Anrufung von Heiligen erfüllt. Nur dass die Heiligen allesamt tot, die Wunderrabbis aber sehr lebendig waren.
Von all dem habe ich damals natürlich nichts erfahren, weil der ostjüdische Mystizismus für meine Angehörigen eine völlig unbekannte Ausprägung des Judentums war. Heute weiss ich, dass der Chassidismus eine Weise jüdischer Frömmigkeit ist, die den steifen Westjuden fremd bleiben mußte. Aber in diesem Konflikt haben sich einige damals bekannte jüdische Autoren im Westen auf die Seite des Ostjudentums geschlagen, dessen Glaubensweise und Kultur ihnen als ein Weg der Rückkehr zu den Wurzeln des Judentums galten. Die Ostjuden waren ihnen idealisierte Gegengestalten zum assimilierten liberalen Judentum in Westeuropa und Nordamerika. Sie wurden, wie ich später gelesen habe, zum Vorbild einer kleinen literarischen Elite für die Erneuerung des Judentums, von Autoren, die nicht wahrhaben wollten, dass auch der Osten Europas, wenngleich verspätet und verlangsamt, auf dem Weg in die Moderne war. Dass die jüdischen Dörfer und kleinen Städte, wie ich viel später, beim Studium des weltweiten demographischen Wandels, lernte, allmählich entvölkert wurden, weil die jungen Menschen auf der Suche nach Arbeit oder zum Studium in die großen Städte zogen oder sich auf den Weg in den Westen machten. Die Welt des Ostjudentums trieb lange vor Hitler der Entvölkerung entgegen. Industrialisierung und Verstädterung hätten ihr allemal ein Ende bereitet. So wie im Westen Europas die Dörfer und kleinen Städte bereits geschrumpft und entvölkert waren, bis der Rückstrom aus den großen Städten einsetzte, weil Grundstücke auf dem Land billiger, die Mieten niedriger als in der Großstadt und weil schnelle Verkehrsmittel verfügbar waren.
Aber diese Entwicklung war in Osteuropa damals noch lange nicht in Sicht. Dort sind die Menschen noch nicht zu-, sondern abgewandert. Millionen Juden - beiläufig gesagt: auch viele christliche Polen, die dem russischen Joch entkommen wollten - haben das Land verlassen. Und mit den Menschen verschwanden die Bräuche, die Gesänge und die Gebete der ostjüdischen Welt. Das haben die jüdischen Intellektuellen, denen damals das Ostjudentum Vorbild für eine Erneuerung der jüdischen Kultur und des jüdischen Glaubens war, nicht gesehen oder nicht sehen wollen. Sie waren großstädtische Intellektuelle, die vom Prozess des wirtschaftlichen und sozialen Wandels erkennbar wenig verstanden. Ihre romantisierte Alternative zu den beiden anderen Entwürfen für die Zukunft der Judenheit, Zionismus und Integration in die verweltlichte westliche Zivilisation, fand damals wenig Widerhall. Der Zionismus hat mit der Entstehung des Staates Israel, die Akkulturation mit der Liberalisierung jüdischen Lebens in der westlichen Welt das gesteckte Ziel erreicht. Auch die Chassidim haben in Brooklyn und in Mea Shearim eine zeitweilige Bleibe gefunden. Zeitweilig, weil alle Richtungen des Judentums von der Säkularisierung betroffen sind. Ob die Frömmigkeit und Fruchtbarkeit der Ultra-Orthodoxen in Jerusalem dieser Tendenz mit Erfolg entgegenwirkt, wird sich zeigen.
Es gab also in meiner Jugendzeit in Deutschland zweierlei Arten von Judenaversion. Einerseits die verordnete Judenverachtung und Judenverfolgung des Hitler-Staats, die allen Juden galten, andererseits die Abneigung vieler alteingesessener deutschen Juden gegenüber den später eingewanderten osteuropäischen Juden, die ihnen nicht als richtige deutsche Juden galten. In der Tat wurde vielen ostjüdischen Zuwanderern und ihren Kindern damals die deutsche Staatsangehörigkeit verweigert. Und das Aufenthaltsrecht war oft zeitlich begrenzt, musste immer wieder erneuert werden. So wie es in der Gegenwart Immigranten ergeht, die nicht Bürger der Europäischen Union sind. Die Zugewanderten waren damals meist ungelernte Kräfte, die man in der aufstrebenden Industrie nicht immer gebrauchen konnte. Sie unterlagen dem Auf und Ab der Konjunktur viel stärker als etablierte, wohlausgebildete Juden in ihren Berufen. Jedenfalls waren viele der ostjüdischen Immigranten bettelarme Leute ohne brauchbare berufliche Qualifikation. Darum ihr Versuch, sich mit Kleinhandel und Hausieren über Wasser zu halten. Ich konnte damals leicht erkennen, dass sich die deutschen Juden in meiner Umgebung ihrer ostjüdischen Glaubensgenossen schämten, dass sie jene mieden und in der Furcht lebten, mit ihnen verwechselt zu werden. Die Ostjuden waren unfreiwillige Stellvertreter, wenn es darum ging, antijüdischen Vorurteilen Sündenböcke zuzuweisen. Denn den Ostjuden wurden von den eingesessenen Juden die Eigenschaften zugeschrieben, die die herrschende Judenfeindschaft allen Juden ganz unabhängig davon zumaß, wie lange sie bereits im Lande waren. Das empfanden die Juden, die ich damals kannte, als ungerecht. Sie, die Löwenbergs und Löwenthals, die Rosenbergs und Rosenthals, die Kahns und Cohns, die Weinbergs und Goldbergs, um einige Namen aus meiner damaligen Umwelt zu nennen, ließen die antijüdischen Vorurteile nur den Ostjuden gegenüber gelten, deren Aussehen, Sprache und Verhalten den Lebensnormen und Lebensformen der Einheimischen noch nicht angepasst waren. Die Hüte, die Kaftane, die Bärte, die Sprache, das Gestikulieren, das Reden mit den Händen waren den alteingesessenen Juden fremd. Diese wollten nicht wahrhaben, sie hatten verdrängt, dass die meisten von ihnen selbst die Nachfahren jüdischer Immigranten waren, die vor langer, manchmal sehr langer Zeit ins Land gekommen waren. Auch, wenn viele Konvertiten dazu gekommen sind, seit die Ghettomauern gefallen waren.
Das Verhältnis der früheren gegenüber den späteren jüdischen Migranten, der in die deutsche Lebenswelt längst Eingepassten zu den Ankömmlingen, die die Bürde ihrer Herkunft trugen, gleicht dem aller Migranten-Generationen, die sich nacheinander mit gleichem Ziel auf den Weg gemacht haben. Die früher Gekommenen haben jeweils die sozialen Barrieren bereits überwunden, die sich vor den Späteren noch fremd und drohend erheben. Sie, die vor Generationen eingetroffenen und eingebürgerten Juden, waren den Vorurteilen, die in Wirklichkeit allen Juden galten, nach eigener Einschätzung bereits ein gutes Stück entronnen, Vorurteilen, die den Neuankömmlingen gegenüber noch ohne Einschränkung wirksam waren. Kurzum, die emanzipierten deutschen Juden, die im Land geboren und deutsche Staatsbürger waren, haben die antijüdischen Klischees der Katholiken und Protestanten übernommen, aber gegen die noch nicht angepassten, noch nicht akkulturierten Ostjuden gerichtet. Ohne deren Dazwischenkommen, so glaubten sie, würde es die offene und versteckte Judenfeindschaft kaum mehr geben, weil sie, die alteingesessenen Juden, in jeder Hinsicht in die deutsche Lebenswelt eingepasst waren.
Die seit langem etablierten deutschen Juden haben also ihre eigene Judenfeindschaft erfunden und lange, allzulange übersehen, dass es für den aufkommenden Rassismus keine Rolle spielte, wann Juden eingewandert, wie lange ihre Familien schon im Land gewesen sind. So wie es Hitler egal war, ob Menschen jüdischer Herkunft noch der jüdischen Gemeinde angehörten oder nicht. Jude war immer Jude, ganz gleich, ob er West- oder Ostjude, gläubiger oder glaubensloser Abkömmling von Juden war. Es war darum für viele alteingesessene jüdische Deutsche, darunter meine Angehörigen, eine unerwartete und unverstandene Demütigung, dass sie damals mit den Ostjuden, kulturfernen Glaubensverwandten, wie sie es sahen, in einem Atemzug genannt worden sind. Ich erinnere mich gut daran, wie die jüdischen Familien in meiner Umgebung immer wieder betonten, dass sie seit Generationen in Deutschland lebten und Deutsche unter Deutschen - Juden unter Christen - seien. Schließlich gebe es im Deutschen Reich vielerlei ehemalige Bürger anderer europäischer Länder, die keine Juden und doch in jeder Hinsicht Deutsche geworden seien. Eine Kette von Einwanderer-Generationen, die ihre Zugehörigkeit zum neuen Heimatland nach der Länge ihres Aufenthalts und nach dem Grad der Anpassung bemaßen. Dabei spielte neben dem Aussehen und dem Verhalten im Alltag das Maß der Beherrschung der deutschen Sprache die entscheidende Rolle. Das erklärt auch das Befremden, dem die osteuropäischen Juden damals nach ihrer Ankunft in Deutschland unter Juden und Christen gleichermaßen ausgesetzt waren. Auch, wenn sie keine jüdischen Gesichter hatten, blond und blauäugig waren, aber eben Jiddisch sprachen. Eine Sprache, die als Abklatsch des Deutschen, als Kauderwelch genommen wurde.
Das galt, um einen Zeitsprung nach vorne zu machen, sogar noch den ostjüdischen Überlebenden der Konzentrationslager gegenüber, die von den Allierten nach Kriegsende in Sammelunterkünften untergebracht wurden, bis sie in die USA oder nach Palästina auswandern konnten. Auch sie wurden von vielen Deutschen als befremdliche Menschen wahrgenommen. Dies freilich nicht so sehr ihres Aussehens und Verhaltens wegen, sondern weil sie für die Deutschen lebende Mahnmale waren, weil sie verdrängte Schuldvorstellungen aufgeweckt haben. Unter den abweisenden Vorbehalten alteingesessener deutscher Juden mußten die “Displaced Persons” aus dem Osten freilich nicht mehr leiden, weil von den deutschen Juden, die im Ausland den Holocaust überlebten, nur wenige zurückgekehrt sind. Erst die spätere Zuwanderung Hunderttausender Juden aus der früheren Sowjetunion nach Deutschland hat erneut die Frage nach dem Verhältnis von West- und Ostjuden aufkommen lassen. Aber das ist mit den geschilderten Umständen aus meiner Jugendzeit nicht zu vergleichen, denn auf diese “Kontingentjuden” treffen die Einwendungen garnicht zu, die einst den Ostjuden galten. Keine jüdischen Gesichter, jüdischen Berufe oder jüdische Sprache. Die meisten dieser Migranten weisen akademische Abschlüsse vor. Nichts also von dem, was man Juden in meiner Jugendzeit vorgeworfen hat. Darum hat man Grund zu hoffen, dass, anders als damals, die doppelte Einbürgerung dieser jüdischen Immigranten gelingen wird. Den meisten von ihnen fehlt freilich nicht nur eine zureichende Kenntnis der deutschen Sprache, sondern viele von ihnen sind glaubenslos, sind religionsferne Menschen, die der jüdischen Gemeinde und dem jüdischen Glauben erst gewonnen werden müssten. Soweit sie das wollen, denn viele unter ihnen bleiben dem Leben der jüdischen Gemeinden bisher fern. Und für manche von ihnen gilt, dass ihr ursprüngliches Ziel die USA waren, dass sie also wie viele Ostjuden in der Zaren- und Kaiserzeit einfach in Deutschland hängengeblieben sind. Das können sie und ihre Kinder freilich, anders als damals, jederzeit ändern, weil ihnen der Wechsel nach Israel offensteht, falls man sie dort als Juden anerkennt.
Der Holocaust war das tragische Ende der Illusion vieler Juden von der deutsch-jüdischen Symbiose, die es nie gegeben hat, weil nur die Juden, aber nicht auch die Christen auf den anderen zugegangen sind. Viele Juden, die seit Generationen in Deutschland lebten, die in der Mehrzahl deutsche Namen trugen - Familiennamen als eine Form der Identifikation, die ihre Vorfahren nicht kannten und die sie wenige Generationen zuvor im Zuge der schrittweisen staatsbürgerlichen Gleichstellung in allen Dokumenten führen und die als deutsche Namen erkennbar sein mussten -, haben sich allmählich als Deutsche unter Deutschen gesehen, haben als Etablierte und Gebildete die deutsche Literatur, die deutsche Philosophie und die deutsche Musik verehrt, haben als erfolgreiche Fabrikanten, Reeder, Kaufleute und Bankiers, als Ärzte, Anwälte und Architekten, als Schriftsteller, Schauspieler, Redakteure, Dirigenten und musikalische Virtuosen am gesellschaftlichen Leben teilgenommen, haben karitative und kulturelle Einrichtungen gefördert, haben dafür Titel und Orden empfangen, und sie haben sich – nicht ohne inneren Zweifel - als gleichberechtigte und für Gleiche genommene Bürger des Deutschen Reiches gesehen. Sie waren in ihrem Selbstverständnis am Ziel ihrer langen Reise angekommen, sie hatten eine Heimat gefunden, in der sie gleichberechtigte Menschen waren. Viele sind deutsche Patrioten, sind gleichsam deutscher als die anderen Deutschen geworden. Damals entstand die Legende von der deutsch-jüdischen Symbiose, die wirklichkeitsblindes jüdisches Wunschdenken war. Eine Illusion, die das Zusammenwachsen von religiösem, ökonomischem und rassistischem Judenhass nicht wahrhaben wollte. Viele deutsche Juden haben damals - im Kaiserreich und in der Weimarer Republik - die antijüdischen Unterströme im öffentlichen Leben, die anhaltende Aussperrung der Juden aus mancherlei renommierten Institutionen und beruflichen Positionen, die gehässigen Kommentare in der antijüdischen Presse und den nach wie vor von judenfeindlichen Klischees geleiteten Volksmund ebenso wie die vornehme Verachtung gehobener Kreise, vor allem den langsamen Wechsel des Akzents von der religiösen zur rassistischen Judenfeindschaft als Überbleibsel uralter Vorurteile verharmlost, die sich im Laufe der Zeit auflösen würden. Nicht alle deutschen Juden haben diesen naiven Optimismus geteilt. Das kann man leicht an der Auswanderung deutscher Juden erkennen, die bereits vor den Hitlerjahren erkennbar wuchs.
Die deutsch-jüdische Symbiose fand also ausschließlich in den Köpfen gutgläubiger deutscher Juden statt. Sie ist auch dort in Konsequenz der Entwicklung rasch verflogen. In meiner Kindheit, in meiner Familie war von einer deutsch-jüdischen Symbiose, von der rechtlichen und tatsächlichen Gleichstellung jüdischer Bürger in Deutschland bereits keine Rede mehr. Weder bei deutschen Juden noch bei christlichen Deutschen, die ihren politischen Verstand beieinander hatten. Aber bei einigen unserer jüdischen Freunde, Nachbarn und Bekannten blieb gleichwohl die Illusion am Leben, dass die Juden in Deutschland nach Hitler wieder frei und gleich leben würden. Weil sie Hitler und seinen besessenen, wahnhaften Willen unterschätzt und die Zivilcourage der meisten anderen Deutschen überschätzt haben. Weil Hitler seine antijüdischen Erlasse und Gesetze wohldosiert Schritt für Schritt auf den Weg gebracht hat. Im Gleichgang mit innen- und außenpolitischen Triumphen. Weil viele Juden, als Hitler die letzten, unfasslichen Schritte wagte, glaubten, dass die Transporte in den Osten in Arbeitslagern enden, in denen sie bis zum Ende des Regimes, das für aufgeklärte Menschen nach dem fehlgeschlagenen Feldzug im Osten und dem Eintritt der USA in den Krieg absehbar war, überleben könnten. Jedenfalls habe ich das Gesprächen entnommen, die damals unter meinen jüdischen Angehörigen geführt worden sind. Monate vor den Deportationen, denen keiner entkam. Noch auf der Bahnrampe haben darum einige der Opfer an die Rückkehr in ein befreites Deutschland geglaubt, haben sich an diese Hoffnung geklammert. Sie glaubten, wenngleich beklommen, auch noch den Mordgehilfen, die ihnen auf dem Weg in die Gaskammern erzählten, dass es nur zum Duschen ginge. Wir wissen das von Arbeitsjuden, die der Todesmaschinerie entkommen sind. Die wenigen Überlebenden haben freilich nicht mehr von einer deutsch-jüdischen Symbiose gesprochen. Einer Gemeinschaft von Juden und Christen, die es im Deutschen Reich allenfalls im persönlichen Umgang verständnisvoller Menschen, sonst aber überhaupt nicht gegeben hat.
Die Ostjuden, deren Aussehen und Verhalten damals das herrschende Zerrbild des Juden bestimmten, waren Menschen, die auf der Flucht vor schwer erträglichen Lebensumständen in eine andere, bessere menschliche Welt gelangen wollten, und auf diese Reise haben sie ihren Glauben, ihr Sprache, ihre Gesichter, ihre Gebärden und Gebräuche und damit die Anhaltspunkte künftiger Vorurteile der Anderen mit in die Fremde genommen. Die einen sind in Deutschland geblieben, die anderen haben den Weg in die USA genommen, und mit dieser Wahl haben sie, ohne es zu wissen, über ihr eigenes Schicksal und das ihrer Kinder und Kindeskinder entschieden. Denn die einen wurden, wenn sie sich dem Leben in der neuen Heimat angeglichen hatten, Bürger mit allen Rechten und Pflichten, und sie wurden und blieben in den USA den antijüdischen Vorurteilen christlicher Bürger nur in dem Rahmen unterworfen, den die Verfassung, die Gesetze, die Gerichte und der Common Sense vieler anderer Bürger der USA setzten. In diesem Rahmen waren sie nicht anders als im kaiserlichen Deutschen Reich auch in den USA antijüdischen Vorurteilen und Vorbehalten der Christen ausgesetzt. Aber sie haben sich wie andere Migranten durchgebissen und ihren Platz in der amerikanischen Gesellschaft gewonnen. Ihr zäher, in Jahrhunderten gewachsener und weitergegebener Behauptungswille hat viele von ihnen in den USA in gehobene Positionen in der Wirtschaft, in Bildungs- und Forschungseinrichtungen und in freien akademischen Berufen gehoben, in Stellungen, die ihnen, anders als in Deutschland, keine antijüdischen Rassisten wieder wegnehmen konnten. Geschweige denn, dass man ihnen von Staats wegen nach dem Leben getrachtet hätte. Abschätzigen Urteilen der Christen setzten sie ihre sarkastischen Kommentare, ihren sprichwörtlichen Wortwitz entgegen. Vielleicht blieb Juden in den USA am Ende immer noch die Aufnahme in diesen oder jenen elitären Tennis- oder Golf-Club verwehrt. Aber dann konnten sie ihren eigenen Club gründen, der am Ende unter Juden auch als elitär galt oder sie konnten auf den Eintritt in teure Clubs verzichten. Und hochbegabten jüdischen Wissenschaftlern war lange der Weg auf die Professorenstellen renommierter amerikanischer Universitäten versperrt. Sie haben dann eben mit einer Stelle an weniger angesehenen Hochschulen vorlieb genommen oder jüdische Akademien und Institute gegründet, von denen einige am Ende weltweite Reputation gewannen. Mehr ist den Juden, wenn überhaupt, als amerikanische Bürger nicht widerfahren.
Die anderen ostjüdischen Migranten, die in Deutschland blieben, wurden Bürger eines Landes, das den gleichen Schutz und die gleichen Chancen zu bieten versprach, das die gleichen abfälligen Vorurteile der Christen ebenso wie die der etablierten Juden in Aussicht stellte, ein Land, das freilich am Ende auch die Ostjuden, ihre Kinder und Kindeskinder in den Gaskammern, in den von den Opfern ausgehobenen Gruben und durch mörderische Arbeitsbedingungen in den Lagern und Fabriken umgebracht hat. Ihre Eltern oder Großeltern hatten auf dem Weg in den Westen einfach die falsche Wahl getroffen, hatten das falsche Land gewählt. Vielleicht, weil sie mit dem Jiddischen der deutschen Sprache so nahe waren, weil die deutsche Kultur im Schtetl von Vielen als Inbegriff des Wahren, Guten und Schönen bewundert wurde. Weil sie Deutschland damals mit den Großen der deutschen Kultur verwechselt haben, mit Dürer, Goethe, Schiller, Kleist und Heine, mit Händel, Bach, Beethoven, Brahms und Wagner, mit Kant, Hegel, Schopenhauer und Nietzsche. Wir wissen, dass ihre Entscheidung für Deutschland ein tödlicher Irrtum war. Die deutsch-jüdische Symbiose, an die sie ebenso wie viele etablierte deutsche Juden glaubten, war in Wirklichkeit eine katastrophale Verstrickung, die ihr wahres Wesen erst offenbarte, als es für die meisten zu spät war, um ihre Entscheidung zu überdenken und anderswo eine neue Heimat zu suchen.
Vielleicht, denke ich manchmal, entsteht auch in Deutschland wieder wie in der Zeit vor der Herrschaft Hitlers eine große liberale jüdische Glaubensgemeinschaft, die sich von der Idee gemeinsamer biologischer Wurzeln löst, die sich für alle Menschen öffnet, die den jüdischen Glauben ernstlich und erkennbar leben wollen, Menschen also, die in der Torah und in den Büchern der Propheten die Quelle ihres eigenen Glaubens, das Wort Gottes, erkennen. Eine Gemeinde, die solche Menschen mit Freude und ohne Vorbehalt als Brüder und Schwestern im Glauben aufnimmt. Ganz gleich, woher sie und ihre Eltern kommen. Nirgends kann man in der hebräischen Bibel lesen, dass das Tor zum Judentum nicht für alle Menschen offensteht, die wahren Glaubens Einlass begehren. Viele Reformgemeinden in den USA folgen diesem freieren Verständnis des Judentums. Das sage ich, der unter Hitler Juden kannte, von denen er wußte, dass sie aus der Enge der elterlichen Vorstellungswelt in die Glaubensferne entwichen sind. Andere blieben in der Gemeinde und gingen manchmal auch in die Synagoge, weil das gemeinsame Gebet ihr Herz berührte. Daran erinnere ich mich als einer, der in einem langen Leben den Glauben gewonnen hat, dass alle Menschen ohne Unterschied Gottes Geschöpfe und nur in diesem metaphorischen Sinn Brüder und Schwestern sind. Dass religiöse Offenbarungen große Erzählungen sind, die in verschiedenen Worten und Zeichen Wege zu Gott beschreiben. Dass es in der modernen, globalisierten - und in großem und steigenden Ausmaß: säkularisierten - Welt jedem frei stehen sollte, einen dieser Wege zu wählen. Wegen, die in die Geborgenheit und die Gemeinsamkeit der Gläubigen führen und dem eigenen Dasein inneren Halt verleihen, vor allem dann, wenn andere sinnstiftende Elemente fehlen. Die deutschen Juden wären dann eine Glaubensgemeinschaft, die ohne Vorbehalt jedem Menschen offenstünde, der den jüdischen Weg zu Gott beschreiten will. Das Judentum als ein modernes Bekenntnis, ein Glaube, der sich von mancherlei Regeln und Ritualen befreit hätte, die auf dem Weg in die moderne Welt womöglich dürre Äste geworden sind. Auch Religionen sind lebendige Institutionen, die dem Wandel unterliegen, selbst wenn sich der Kern ihrer Verkündigung nicht verändert. Eine solche jüdische Glaubensgemeinschaft, wenn es sie hierzulande wieder gäbe, würde die Tore zum jüdischen Bekenntnis öffnen, die inneren Ghettomauern schleifen, nachdem es die äußeren kaum mehr gibt. Das wäre eine Sicht jüdischer Identität, die freilich unter jenen Gläubigen kaum Gefährten gewinnen kann, die sich vom Althergebrachten, von der Orthodoxie, von der überkommenen Glaubenspraxis und der in ihr angelegten Selbstausgrenzung nicht trennen können. Niemand wird diesen Menschen verwehren wollen, ihrem Verständnis des Judentums die Treue zu halten. Denn jedem steht frei, seinen Weg zu Gott zu wählen. Dazu gehört, beiseite gesprochen, auch das Recht, sich Gott, sich dem Glauben zu verschließen. Oder sich in fragwürdige Sekten zu flüchten. Ich will nicht missverstanden werden: Es steht mir nicht zu und ich habe auch nicht im Sinn, Menschen jüdischen Glaubens Vorschläge darüber zu machen, wie sie ihr Bekenntnis verstehen und wie sie es in der heutigen Welt leben sollen. In meiner Erinnerung leben aber jüdische Menschen, die mir nahestanden. Menschen, die der Selbstausgrenzung entkommen, die ein freieres Judentum leben wollten. Ihnen leihe ich meine Stimme, weil sie selbst nichts mehr sagen können. Ich spreche freilich als einer, der dem Judentum durch seine Herkunft und Kindheit verbunden, aber kein Jude ist. Es sind Gedanken eines Gentilen, die jeder orthodoxe Jude gewiss weit von sich weist. Aber alle großen Religionen öffnen den Gläubigen wahlweise Wege zu Gott. Alternativen, die entstanden sind, weil die Lebensumstände der Gläubigen sich im Gang der Geschichte gewandelt haben.
Ich habe ein liberales Judentum beschrieben, das in meiner Jugendzeit in Deutschland Wirklichkeit war. Ein solches weltoffenes Judentum habe ich als Erwachsener in den USA, in einer jüdischen Reformgemeinde, erlebt, deren Gast ich während meiner langen Tätigkeit an einer dortigen Hochschule war. Die Gläubigen dieser Gemeinde haben sich nicht mehr selbst eingemauert, haben das innere Ghetto verlassen, haben Kontakt mit Gläubigen anderer Bekenntnisse, mit Menschen anderer Herkunft gesucht und gefunden. Sie waren in meiner Erinnerung weltoffene und freie Menschen. Die antijüdischen Vorurteile und Vorbehalte mancher anderen Menschen waren - und sind - auch in den USA immer noch lebendig, aber deren Sicht wurde nicht mehr durch Mauern behindert, die von diesen Juden selbst errichtet worden sind. In dieser jüdischen Gemeinschaft habe ich mich wie unter den Angehörigen gefühlt, die meine Jugend begleitet haben, bis sie gewaltsam fortgerissen worden sind. Ich war Gast bei jüdischen Kollegen, ihren Familien und Freunden, die mich ohne Vorbehalt in ihrer Runde willkommen geheißen haben. Eine Gemeinschaft gebildeter Menschen, die selbstbewusst und frei auf Welt und Zeit geblickt haben. Die Zweifel und Divergenzen in religiösen Fragen zugelassen haben. Damals erst habe ich begriffen, was es bedeuten kann, in der modernen Welt Jude, ein moderner Jude, zu sein. Vielleicht sollte ich von einem intellektuellen Judentum sprechen, denn die Menschen, von denen ich spreche, waren allesamt in akademischen Berufen tätig. Die Rede von einer gemeinsamen Herkunft, vom jüdischen Volk als einer Ethnie oder gar einer jüdischen Nation hat man in dieser Reformgemeinde in meiner Gegenwart nie vernommen. Wie mir der Rabbi in einem freundschaftlichen Gespräch gesagt hat: Jüdische Herkunft sei in seinem Verständnis die des gemeinsamen Glaubens, der von vielen Generationen - oftmals verändert - weitergegeben worden sei und nicht die Herkunft der Gläubigen, die mancherlei Wurzeln hätten. Darin bestehe kein Unterschied zum Christentum und den anderen Großreligionen. So wie das jüdische Verständnis der Torah - einer Sammlung von Gesetzen, Erzählungen, Gedichten, Gesängen, Sprichwörtern, Mythen und Legenden, die lange Zeit noch garnicht aufgeschrieben waren und deren Autoren man kaum kennt - durch die Jahrhunderte hin Veränderungen erfahren habe, so sei das jüdische Glaubensvolk durch Migrationen und Konversionen genetisch bereichert worden. Nicht die Vorfahren, der Glaube mache einen Menschen zum Juden. Man versteht diese Abwendung vom schlichten ethnizistischen Verständnis des Judentums, wenn man weiss, dass in den USA mittlerweile rund zwei Drittel der von Juden geschlossenen Ehen mit nichtjüdischen Partnern eingegangen werden. Die Kinder dieser Paare gehen dem jüdischen Glauben natürlich oft verloren. Sei es, dass sie als Christen oder glaubensfern erzogen werden. Wie in meiner Jugendwelt.
Die große jüdische Gemeinde in unserer Stadt war, bevor sie unterging, ebenfalls eine weltoffene, liberale Glaubensgemeinschaft. Wie ich bereits geschildert habe: Männer und Frauen haben, wenn sie das wollten, in den Bänken der Synagoge beieinander gesessen, Orgelmusik und ein gemischter Chor haben die Liturgie begleitet, die großenteils in deutscher Sprache und in verkürzter Weise vollzogen wurde. In der Synagoge ging es also ein wenig wie im protestantischen Gottesdienst zu. Und den Gläubigen war aufgegeben, die ethischen Gebote der Torah - es sind im Kern auch die des Christentums, einem Geschöpf der jüdischen Glaubenswelt - zu erfüllen, aber es stand ihnen frei, die vielen anderen, peniblen biblischen Verhaltensvorgaben zu respektieren oder sie zu ignorieren. Die Torah wurde nicht mehr Satz für Satz als Gottes Wort genommen. Und das messianische Element ihres Glaubens war nicht mehr bei allen an die Erwartung eines persönlichen Erlösers gebunden. Stattdessen die Hoffnung auf eine unbestimmte, ferne messianische Zeit. Das hat sie ein wenig mit den vielen Christen verbunden, für die der Jüngste Tag in unbestimmter Ferne liegt. Das alles war weit weg vom überkommenen orthodoxen Glauben, der in der kleinen Altisraelitischen Gemeinde in unserer Stadt sein Zuhause hatte. Deren Gläubige haben das große Gotteshaus der liberalen Gemeinde als Orgel-Synagoge verspottet und an den alten Riten festgehalten. Sie glaubten an die historische Kontinuität des jüdischen Volkes als einem ethnischen Kollektiv, das es im Verständnis liberaler Juden in diesem schlichten Verständnis nicht gibt. Juden sind in dieser aufgeklärten Sicht Brüder und Schwestern allein im Glauben, also im metaphorischen und nicht im biologischen Sinn. So wie Christen sich zuweilen als Brüder und Schwestern bezeichnen und dabei den gemeinsamen Glauben meinen. Oder wie Freigeister alle Menschen Brüder und Schwestern nennen, weil sie gleichermaßen Gottes Geschöpfe, weil sie allesamt Träger unveräußerlicher Menschenrechte sind. Der gemeinsame Glaube schließt einen Gründungsmythos, einen Glaubenskodex und die Geschichte dieses Glaubens ein. Nur diese Elemente besaßen damals im Verständnis aufgeklärter Juden Gültigkeit. Dies freilich nicht in dem Sinn, dass jenseits des Kerns der jüdischen Botschaft jedes Wort und jeder Satz in Torah und Talmud über den Wechsel der Zeiten hin sein Gewicht behalten hätte.
Diese liberale Interpretation des Judentums war im Auge der Orthodoxie Ketzerei. Man versteht, dass über diesen Abgrund keine Brücke führte. Es gab damals keine gemeinsame Vorstellung der Juden vom jüdischen Glauben. Nur von einer jüdischen Rasse war natürlich nie die Rede. Und das Wort von der jüdischen Nation ist allein bei den Zionisten gefallen. Einer Nation, die im zionistischen Verständnis ein Staatsvolk, ein Staatsgebiet, eine staatliche Verfassung, eine gemeinsame Sprache und Religion umschließt. Wie bereits bemerkt: Die meisten Zionisten haben damals außer acht gelassen oder einfach hingenommen, dass in dem ins Auge gefassten Gebiet des Judenstaates viele Menschen lebten, die keine Juden waren und auch keine Juden werden wollten. Das haben meine jüdischen Onkel und Tanten damals, in meiner Knabenzeit, ihren heranwachsenden Kindern immer wieder ernstlich zu bedenken gegeben, Knaben und Mädchen, die angesichts der vom deutschen Staat und der herrschenden Partei entfachten Judenverfolgung Zionisten geworden sind. Denn sie haben nicht mehr an ein liberales, emanzipiertes deutsches Judentum geglaubt. Ihre Eltern konnten dieser zionistischen Vision vom künftigen Judenstaat als Heimstatt aller Juden damals wenig entgegensetzen. Für sie waren die Juden eine über viele Länder verstreute Glaubensgemeinschaft, deren geistige Heimat die Bibel war. Der Gedanke einer jüdischen Nation, eines jüdischen Staates blieb ihnen bis zum Ende fremd. Sie waren keine Zionisten, sondern Deutsche jüdischen Glaubens. So wie Juden in Frankreich, England oder in den Vereinigten Staaten Bürger dieser Länder sind. Das jedenfalls war ihr Selbstverständnis. Ich weiss natürlich nicht, was sie heute sagen würden, wenn sie noch am Leben, wenn sie der Vernichtung entkommen wären. Vielleicht hätte die Erfahrung des Holocaust sie wieder zu überzeugten Juden werden lassen. So wie viele religionsferne Menschen jüdischer Herkunft in aller Welt, die dem jüdischen Leben gleichwohl verbunden bleiben. Das heißt noch lange nicht, dass meine Angehörigen allesamt engagierte Zionisten geworden wären. Die jüdische Welt ist nicht so einfach beschaffen. Sie war es auch damals, in meiner Jugendzeit, so wenig wie die christliche Glaubenswelt. Nur die Rassisten haben die Vielfalt jüdischen Lebens ignoriert und den ewigen Juden erfunden.
Nachwort
Es ließe sich noch mancherlei zu jüdischen Gesichtern, jüdischen Berufen, jüdischen Idiomen, jüdischen Namen, jüdischer Intelligenz, zur jüdischen Rasse und zum jüdischen Glauben sagen. Die Bibliotheken dieser Welt bieten zu diesen Problemkreisen kaum zu meisternde Informationen. Aber das hätte den von mir gesetzten Rahmen dieses Buchs - und sicherlich auch meine Möglichkeiten – weit überschritten. Wie zu Beginn dieses Textes erklärt, habe ich meine Gedanken und Erinnerungen zum gewählten Thema vor der Niederschrift in einer Vorlesungsreihe an einer amerikanischen Hochschule den dortigen Studenten und Kollegen vermittelt, und an jede dieser Veranstaltungen schlossen sich lange und lebhafte Diskussionen an, die mir deutlich gemacht haben, dass dieser Topos niemanden unbewegt gelassen hat, der vom Alltag der Judenverleumdung und Judenverfolgung in Hitlers Deutschem Reich zuvor wenig wusste. Die meisten Hörer haben den Raum am Ende ratlos und wortlos verlassen. Bleibt die Frage, was junge Deutsche heutzutage mit den Kenntnissen über die zwölf Hitlerjahre anfangen, die ihnen im Geschichtsunterricht nahegebracht wurden? Wie würde ich mich an ihrer Stelle verhalten? Ehrlich gesagt weiss ich das nicht, weil ich kein junger Mensch, sondern ein alter Mann bin, der jene Jahre selbst als Schüler durchlebt und von den schlimmen Ereignissen im Alltag erfahren hat, von denen heutzutage im Geschichtsunterricht vielleicht die Rede ist. Und ich denke unwillkürlich an meine Angehörigen, die Juden waren. An die jüdischen Eigentümer des Hauses, in dem wir wohnten, und an die beiden anderen jüdischen Familien im Haus. Und ich denke an die übrigen Juden, die ich damals kannte, und ich frage mich immer noch und genau wie meine Hörer, wie das Schreckliche überhaupt möglich war, das damals geschah. Meine Gedanken über die judenfeindlichen Vorurteile, die während meiner Jugend verbreitet waren und ihre schlimmen, ihre unfassbaren Konsequenzen lassen den Verstand letztlich in der anfänglichen Ratlosigkeit zurück, die dieser Gang in die Vergangenheit doch aufheben sollte.
Das Geschehene bleibt für immer unbegreiflich, auch wenn man sich vieler Einzelheiten erinnert, die damals jeder wissen konnte, der Augen und Ohren nicht verschloss. Dass Juden die staatsbürgerlichen Rechte genommen, jüdische Beamte verjagt, jüdischen Anwälten die Vertretung und jüdischen Ärzten die Behandlung von “Ariern” verboten wurde. Dass jüdischen Bürgern in unserer Stadt der Besuch der Oper, des Schauspiels, von Ausstellungen, Varietés, Kinos, Cafés und Restaurants, das Betreten der Parks, des Stadtwaldes und die Benutzung von Autobussen, Straßenbahnen, Schwimmbädern und von Sitzbänken auf öffentlichen Plätzen verboten war. Dass jüdischen Schülern und Schülerinnen der Zugang zu den staatlichen Schulen verweigert, der Besitz von Büchern in deutscher Sprache und die Benutzung von Leihbüchereien verboten waren. Dass den Juden, weil sie Juden waren, das Auto, die Schreibmaschine, das Radiogerät, Musikinstrumente, Partituren, Pelze, Schmuck, Kameras, Ferngläser, Fahrräder und Elektrogeräte weggenommen, der Bezug von Zeitungen, das Halten von Hunden, Katzen und Singvögeln, der Kauf von Blumen und die Benutzung öffentlicher Telefonzellen verboten wurden. Dass sie einer abendlichen Ausgangssperre unterworfen waren, und dass ihnen bei Luftangriffen der Aufenthalt im Luftschutzkeller verboten war. Dass sie ihre kargen Lebensmittelrationen zu vorgeschriebenen Zeiten in sogenannten Judenläden und nur dort und nur das zu kaufen bekamen, was übriggeblieben war. Dass ihnen Fleisch, Fisch, Obst, Milch, Tabak, Alkohol und Zigaretten verweigert wurden, Dinge, die Christen regelmäßig erhielten. Dass gewiefte Geschäftsleute, von Ämtern und Richtern unterstützt, jüdische Häuser als Schnäppchen kaufen oder billig ersteigern konnten. Dass Juden in sogenannten Judenhäusern zwangsweise zusammengepfercht wurden. Dass Juden in den Monaten vor den Deportationen einen großen gelben Judenstern gut sichtbar auf der Kleidung tragen mußten, wenn sie die Straße betraten. Diese Aufzählung ließe sich mühelos um viele Regelungen erweitern, die Juden das tägliche Leben zur Hölle machten. Menschen, die keine krummen Nasen, gekräuselten Haare, abstehenden Ohren und krummen Beine und keine absonderliche Aussprache zeigten, die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht Trödler und Hausierer waren, Menschen, die nicht vom Schachern und Mauscheln lebten, die keine Halsabschneider, keine gerissenen und durchtriebenen Geschäftsleute waren. Keine Menschen, die eine Weltverschwörung planten. Sondern Deutsche, die sich nur durch ihren Glauben von ihren christlichen Nachbarn unterschieden. Das alles konnte man wissen, wenn man es wissen wollte. Das gilt auch für das schauerliche Ende, die “Umsiedlung” der verbliebenen Juden, von denen nie wieder etwas zu hören war. Kein Gruß, keine Karte, kein Brief, aus denen man hätte schließen können, dass sie noch am Leben sind. Kaum einer hat damals zu fragen gewagt, was aus ihnen geworden ist. Das alles geschah Menschen, die Deutsche wie ihre Peiniger und Mörder waren.
Ich kehre zu meiner anfänglichen Frage zurück. Was fangen deutsche Schüler heutzutage mit solchen Informationen über die Hitlerjahre an, soweit sie ihnen im Geschichtsunterricht vermittelt wurden? Wenn sie erfahren haben, wie unfassbar teuer der törichte, tödliche Pakt zu stehen kam, den ihre Vorväter damals mit Hitler geschlossen haben. Ein Pakt, der mit dem Mord an Millionen jüdischer Menschen beglichen wurde. Mit der Ermordung Hunderttausender Sinti und Roma. Mit dem Mord an Abertausenden nichtjüdischer Deutscher nur darum, weil sie mit einer abweichenden sexuellen Orientierung lebten. Mit dem Tod Hunderttausender behinderter Menschen, die Hitler mitten in Deutschland als unnütze Esser ermorden liess. Ein Probelauf für die Vernichtungslager, der unten den Augen vieler deutscher Christen vonstatten ging. Dem Tod Hunderttausender Zwangsarbeiter, die in deutschen Fabriken unter den Augen ihrer deutschen, christlichen Arbeitskollegen bis zur Entkräftung geschuftet haben. Dem Hungertod von Millionen sowjetischer Kriegsgefangener, denen die einfachste Hilfe, ein Schluck Wasser oder ein Stück Brot, verweigert wurde. Dem Leid von Millionen Angehöriger anderer Völker, die Hitler in den Krieg gerissen hat. Dem Tod von vielen Millionen deutscher Soldaten, ziviler Opfer des Luftkriegs und der Vertreibungen nach dem Krieg. Abertausende Deutsche, die als Frauen und Männer des Widerstandes in den Konzentrationslagern und Gefängnissen starben. Eine Liste von Opfern, die keinen Anfang und kein Ende hat. Rund 60 Millionen Tote soll Hitlers Krieg gekostet haben. Niemand kennt genaue Zahlen. Opfer des Mannes, der sich in einem Gespräch gerühmt hat, er werde wohl, wenn sein Vabanquespiel misslänge, als der größte Verbrecher aller Zeiten in die Geschichte eingehen. Diesen denkbaren Ausgang seiner Spielzüge hat er also genau gekannt und angenommen. Nichts hat ihn von seinem Weg der Verbrechen abgebracht.
Werden junge Deutsche sich fragen, ob sie Schuld an den Untaten dieses Mannes und seiner Vollstrecker haben? Ob sie den Opfern oder anderen Menschen Rechenschaft schulden? Ich denke, dass sie, ehe sie auf die schwierige Frage nach der individuellen oder kollektiven Schuld und Scham der heutigen und künftigen Deutschen eingehen, auch einen Blick auf die vielen Menschen richten müssen, die damals in Deutschland einzelnen Juden unter großem Einsatz geholfen haben, das ganze, das große Verbrechen aber nicht verhindern konnten. Rund siebentausend Juden sollen nach Schätzung von Historikern damals im Deutschen Reich von nichtjüdischen Nachbarn und Freunden, mitunter auch von mutigen Fremden, versteckt und gerettet worden sein. Zehntausende nichtjüdische deutsche Frauen haben damals, nicht alle mit Erfolg, um ihre jüdischen Männer gekämpft, denen die Deportation drohte, obwohl sie in einer “Privilegierten Ehe” lebten. Ebenso viele dieser Frauen haben gegen Ende des Krieges ihre Kinder, die als “Halbjuden” gefährdet waren, bei Verwandten oder guten Freunden untergebracht, die dadurch selbst in Gefahr gerieten. Zwei meiner jüdischen Cousinen wurden so von mutigen Menschen, gläubigen Christen, gerettet. Die Helden des Alltags, deren Namen nirgends verzeichnet sind. Die vielen Deutschen, die ihren Widerstand mit dem Leben bezahlen mussten. Über 40.000 Todesurteile wurden in den Hitlerjahren von willfährigen deutschen Richtern ausgesprochen und auf dem Schaffott vollstreckt. Darunter junge Menschen wie Hans und Sophie Scholl, zwei Studenten, die unter dem Fallbeil endeten, weil sie ihren Kommilitonen auf Flugblättern die schreckliche Wahrheit der Judenmorde zuriefen. Hunderttausende politische Häftlinge, Deutsche, die keine Juden waren, sind in den Konzentrationslagern umgekommen. Über 40.000 deutsche Soldaten, die keinen Sinn mehr im weiteren Kämpfen gesehen haben, wurden als Deserteure von Standgerichten verurteilt und meist auf der Stelle erschossen.
Viele Tausende stiller Helden, die meisten unbekannt und ungenannt, haben damals ein Gegenbild zu Hitler und seinen Mordgesellen geschaffen und kommenden Generationen Deutscher ein Korrektiv hinterlassen, das den Rückblick auf jene schrecklichen Jahre für die Nachfahren erst halbwegs erträglich macht. Denn nicht nur auf die großen Deutschen, deren Namen geläufig sind, auf Gutenberg, Goethe, Schiller, Kant, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche, Gluck, Bach, Händel, Beethoven, Brahms und Wagner, auf die große Zahl deutscher Nobelpreisträger in Physik, Chemie, Medizin und Literatur, auf große deutsche Maler, Bildhauer, Architekten, Ingenieure und unternehmerische Pioniere, sondern auch auf die Menschen des Widerstands gegen Hitler können junge Deutsche stolz sein, wenn sie denn Stolz auf ihr Deutschsein als Stütze ihres Selbstwerts brauchen. Denn nicht jeder leitet sein Selbstbild aus nationalen Fakten und Fiktionen ab. Aber für viele ist es eben wichtig, auf ihr Land stolz zu sein. So wie Briten und Franzosen normalhin großen Stolz auf ihr Land empfinden und das auch zeigen und sagen. Auch sie können sich auf die Namen vieler großer Männer und Frauen und ihre Taten und Werke stützen. Gleichwohl, auch ein junger Deutscher darf Patriot sein und sein Land lieben. Er muss aber wissen, dass die Menschen im Ausland ihn häufig vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte betrachten, dass Selbstbild und Fremdbild der Deutschen sich oft nicht decken, und dann hilft ihm die Erinnerung daran, dass es damals nicht nur Hitler und seine Mordgesellen, nicht nur Feiglinge und Schwächlinge, sondern auch Abertausende deutscher Helden gab, von denen die Menschen im Ausland normalhin nichts wissen, weil sie nur von Hitlers Verbrechen und ihren eigenen Helden, aber nicht auch von den vielen Männern und Frauen in Deutschland gehört haben, die Widerstand geleistet und ihren Mut mit dem Leben bezahlt haben. Allenfalls Namen wie Graf Stauffenberg oder die Geschwister Scholl sind im Ausland hier und da bekannt. Oder Rommel und seine gespaltene Biographie, die keinen Grund zur Glorifizierung bietet. Die vielen anderen Helden, ihre Namen und mutigen Taten, sind vergessen.
Junge Deutsche sollten sich freilich, wenn sie einen Blick auf die Geschichte des eigenen Volkes werfen, nicht nur mit den Menschen befassen, die damals Widerstand geleistet haben, sondern auch mit den Abertausenden Tätern, die ungeschoren davon gekommen sind. Es geht nicht um Hitler, Goebbels, Himmler, Goering und die anderen Führungsfiguren des Regimes, die ihr Leben durch Selbstmord beendet haben. Auch nicht um die KZ-Kommandanten und die SS-Mannschaften, die das grausige Werk zu Ende gebracht haben. Viele dieser Schergen haben früher oder später vor Gericht gestanden und eher milde Strafen erhalten, wenn es deutsche Gerichte und deutsche Richter waren. Ich denke vielmehr an die Richter, die in den Hitlerjahren das Recht missbraucht, an die einfachen Polizisten, die der Gestapo willig Beistand geleistet, an die Bahnbediensteten, die die Transporte in die Vernichtungslager organisiert und begleitet, an die Beamten, die in den Schreibstuben die Judenverfolgung bürokratisch abgewickelt haben und an die Verantwortlichen beim rücksichtslosen Einsatz von Millionen Zwangsarbeitern in den Betrieben der Kriegproduktion. Die meisten dieser Täter sind niemals wirklich zur Rechenschaft für ihre Beteiligung an den Verbrechen gezogen worden. Auch sie gehören zu den Menschen, derer man sich erinnern muss, wenn man auf jene schlimmen Jahre schaut. Denn es ist nicht von ein paar Dutzend, sondern von Hunderttausenden solcher Gehilfen die Rede, ohne deren Mitwirkung die unfasslichen Verbrechen nicht möglich gewesen wären. Die meisten sind nach dem verlorenen Krieg als bloße Mitläufer entlastet, in ihren Posten belassen oder wieder eingestellt worden. Auch die Mehrheit der Menschen, die damals weggeschaut haben, als ihre jüdischen Nachbarn drangsaliert und deportiert wurden und jene, die das zurückgelassene Mobiliar der Deportierten billig erstanden und deren Wohnungen bezogen haben, rechnen im Grunde zum Täterkreis. Das Gleiche gilt für die habgierigen Geschäftsleute, die jüdische Betriebe im Rahmen der Arisierung für ein Schnäppchen erworben haben. Auch sie muss man immer sehen, wenn man von den anderen Menschen spricht, die unter hohem Einsatz Widerstand geleistet haben. Denn diese waren damals eine kleine Minderheit, die anderen die große Mehrheit der Deutschen. Aber die hohe Zahl der Mittäter und Mitläufer ändert nichts daran, dass es damals auch andere, tapfere, aufrechte Deutsche gab. Sie verdienen, dass wir sie nicht vergessen.
Die Verbrechen der Hitlerjahre leben im Gedächtnis der Welt weiter. Sie gehören für viele Menschen im Ausland zu dem Bild, das sie von den Deutschen und ihrer Geschichte haben. Auch, wenn sie das normalhin nicht sagen. Aber jede Nachricht über die Regsamkeit rechtsradikaler Narren findet vielfachen Widerhall. Das müssen junge Deutsche begreifen und damit leben, auch wenn sie ohne Zweifel von jeglicher persönlichen Schuld frei sind. Das zornige Aufbegehren, es müsse endlich Schluss sein mit den ewigen Vorwürfen und Hinweisen auf die Verbrechen der Vergangenheit, hilft nicht weiter. Kein Deutscher muss ständig und ohne besonderen Anlass auf die zerstückelte deutsche Geschichte starren. Keiner der Nachfahren muss mit Schuld- und Schamgefühlen leben. Keiner muss in Sack und Asche gehen. Niemand muss den Blick senken, wenn er fremden Menschen mitteilt, dass er Deutscher ist. Junge Deutsche dürfen zu Recht erwarten, dass ihnen anderenorts Begegnungen mit gedankenlosen Menschen erspart bleiben, die sie, die Nachgeborenen, mit - lauten oder stillen - Anwürfen auszugrenzen versuchen, die den Vorfahren gelten. Schuldigen, die nicht mehr greifbar sind. Niemand kann seine Schuld auf die nächsten Generationen übertragen. Schuld ist keine Erbkrankheit. Sie haftet unlöslich an denen, die damals durch ihre Taten, ihr Wegschauen und die verweigerte Hilfe an den Verbrechen beteiligt waren. Das müssen sie und nicht ihre Kinder und Kindeskinder vor Gott verantworten. Die Heutigen - also auch die jungen Menschen, die mir als Leser vor Augen stehen - tragen Verantwortung nicht für fremdes und früheres, sondern nur für ihr eigenes Tun. Das mögen andere anders sehen, aber ich weiss die biblischen Propheten auf meiner Seite. Bei einem von ihnen, bei Esekiel, kann man, wenn man will, lesen: “Der Sohn soll nicht tragen die Schuld des Vaters, und der Vater soll nicht tragen die Schuld des Sohnes, sondern die Gerechtigkeit des Gerechten soll ihm allein zugute kommen, und die Ungerechtigkeit des Ungerechten soll auf ihm allein liegen”. Das schließt die Verpflichtung zum Erinnern und Gedenken nicht aus. Ihr darf auch der Schuldlose, Spätere sich nicht entziehen. Ich meine nicht die auf immer gleiche Weise begangenen öffentlichen Betroffenheitsrituale, die kaum ein Herz erreichen, sondern die – wie auch immer ausgelöste – tiefe Trauer, die sich in das Leid der Opfer versetzt. Nur Hohlköpfe flüchten in einen nebulösen neuen Antisemitismus, dem freilich hier und heute die geeigneten Ziele und Argumente fehlen. Anderen, die Feinde brauchen, weil sie keine klugen und aufrechten Freunde haben, bleibt der heimliche oder unverkleidete Ausländerhass. Das ist ein Weg, der abermals in die Irre führt. Diesen Menschen und ihren wirren Argumenten muss man sich entgegenstellen, weil sie die Würde anderer Menschen verletzen. Ganz gleich, ob ihre Attacken den Juden, Muslimen oder wem immer gelten.
Deutsche, wenn sie zurückschauen, wissen, dass sie das Geschehene nicht löschen und nichts mehr an den Opfern gutmachen können, so sehr sie das auch wünschen mögen. Groß ist darum die Versuchung, das Wissen um das, was damals geschehen ist, zu verdrängen oder es in leeren Beteuerungen zu beschwichtigen. Oder die deutschen Verbrechen gegen die der anderen aufzurechnen. Als ob Minus plus Minus Null und nicht ein doppeltes Minus ergäbe. Aber das ist kein angemessener Weg, mit den Verbrechen der eigenen Vorfahren umzugehen. Es gilt, sie als untilgbaren Teil der eigenen Herkunft zu begreifen und dieses Wissen ohne Vorbehalt anzunehmen. Denn den Namen großer Deutscher, die zum kulturellen Erbe der Menschheit beigetragen haben, wird für immer der Unname Hitler zur Seite stehen. Stets wird dieser Name einen Schatten auf die Geschichte der Deutschen werfen. Man kann diesen Namen nicht löschen und nur die anderen wahrhaben wollen. Die Geschichte lässt sich nicht teilen, sie ist das Ganze der Vergangenheit eines Volkes. Und so wird sie von den Menschen in anderen Ländern auch gesehen. Es bleibt nur, die zerstückelte Biographie des eigenen Volkes als eine Hinterlassenschaft anzunehmen, der man ohnehin nicht entrinnen kann. Denn die kollektive Erinnerung, das Selbstbild eines Volkes, ist zwar wie der Rückblick des Einzelnen auf sein Leben immer ein Konstrukt, aber dem Weglassen und Hinzufügen sind angesichts unleugbarer Fakten Grenzen gesetzt. Das hat nichts mit Schuld, Sühne, Buße und Scham, wohl aber mit Erinnern und Gedenken zu tun. Gedenken nicht nur der hilflosen Opfer, sondern auch jener Menschen, die im Widerstand ein Zeichen gesetzt haben. Das waren viele Tausende, die ebenso zu den Opfern Hitlers gehören wie die Millionen, die in den Gaskammern, am Galgen und vor den Gewehren der Mordkommandos ihr Leben verloren. Wenn schon nationaler Stolz, dann vor allem auf diese Helden.
Ansonsten bleibt allemal Vieles, worauf junge Deutsche stolz sein können, wenn sie denn stolz auf ihr Land sein wollen und dabei nicht nur an Fussballsiege denken. So können sie stolz darauf sein, dass wenige Generationen Deutscher aus einer ideellen und materiellen Trümmerwelt einen liberalen und sozialen Staat geschaffen haben. Auch, wenn dem Einzelnen dieses oder jenes an den geschaffenen Institutionen missfällt. Dass der lange verfehlte Weg in die westliche Zivilisation erfolgreich beschritten wurde. Dass in diesem Land nicht nur Ordnung, sondern auch und vor allem Recht waltet. Dass die Wahrung der Würde jedes Menschen als uneinschränkbares Grundrecht am Anfang der Verfassung steht und dass unabhängige Richter, kritische Medien und die parlamentarische Opposition darüber wachen, dass dies keine leeren Worte sind. Auch, wenn Ausnahmen das Bild mitunter verdunkeln. Dass viele Menschen aus aller Welt allzu gerne deutsche Bürger wären. Dass die Zugewanderten, ganz gleich woher sie kommen und ganz egal, ob sie Christen, Juden, Muslime, Glaubenslose oder was immer sind, gleichberechtigte Bürger dieses Landes werden, wenn sie die leichten Hürden nehmen wollen. Dass das gegenwärtige Deutschland ein zivilisiertes Land inmitten anderer ist, ein Land, das nirgendwo Aversion und Angst verbreitet. Auch, wenn antijüdische Vorbehalte bei manchen Menschen immer noch oder schon wieder lebendig sind. Auch, wenn umgekehrt manche deutsche Juden, die in diesem Land geboren und deutsche Staatsbürger sind, sich in öffentlichen Äußerungen ohne Not aus dem gemeinsamen Leben stehlen, wenn sie vom Opfer- und Tätervolk sprechen, als ob es, von einigen Hochbetagten abgesehen, immer noch Opfer und Täter der Hitlerherrschaft unter uns gäbe. Als ob nicht auch Millionen Christen Opfer Hitlers gewesen wären. Als ob die Trauer um die jüdischen Opfer der Barbarei Sache allein der Juden und nicht auch die der Menschen anderen Glaubens wäre. Als ob die Trauer um die Opfer uns nicht alle einen sollte. Vorbehalte und Vorurteile, die überflüssige Gräben und Grenzen erzeugen. Sie werden, bleibt zu hoffen, im Wechsel der Generationen verschwinden. Die gegenwärtigen Dissonanzen sind freilich nicht Thema dieses Buches. Sie ändern auch nichts an dem Urteil, dass junge Deutsche, gleich welchen Glaubens, stolz auf ihr Land sein dürfen, wenn sie das als Stütze ihres Selbstwerts brauchen und wenn sie das deutsche Volk schlicht als die Gesamtheit der Staatsbürger dieses Landes begreifen. Wenn der eigene Stolz auch den Stolz und die Würde anderer Menschen respektiert. Junge Deutsche müssen freilich immer wissen, dass ihr Land eine belastete und belastende Geschichte hat. Dass sie darum nicht erwarten dürfen, anderswo dafür geliebt zu werden, dass sie Deutsche sind. Sie müssen sich Sympathie und Respekt der anderen ganz so verdienen, als ob sie zu Hause, Deutsche unter Deutschen, wären. Denn dort werden sie auch nicht darum geliebt und geachtet, weil sie wie die anderen Deutsche sind. Hitler und seine Untaten bleiben allgegenwärtig. Wir alle, die in diesem Land leben, müssen, um einen Historiker zu zitieren, mit der hartnäckigen Gegenwärtigkeit dieser Vergangenheit leben und uns dieser Tatsache stellen. Wir können ihr nicht entrinnen. Aber wir können mutig und würdig mit diesem Wissen verfahren.
Das alles würde ich jungen Menschen sagen, wenn ich als Zeitzeuge vor ihnen stünde. So, wie ich vor meinen amerikanischen Hörern gestanden habe. Als jemand, der in den Hitlerjahren selber Schüler war. Einer, der sich ein Leben lang vergeblich gefragt hat, wie es möglich war, was damals, in meiner Jugend, geschah. Einer, der freilich aus eigenem Erleben weiss, dass am Anfang des Wegs in die Barbarei die antijüdischen Vorurteile, die Zerrbilder jüdischer Menschen standen, von denen dieses Buch handelt. Der erfundene Jude: Die törichten, am Ende aber tödlichen Klischees vom jüdischen Gesicht, der jüdischen Sprache, dem jüdischen Charakter, der jüdischen Schläue und Gerissenheit und der jüdischen Rasse als diabolischem Gegenspieler der ebenso erfundenen arischen Rasse. Klischees, die es am Ende möglich machten, dass Kinder Juden auf der Straße mit "Jud, Jud, Jud"-Rufen ungerügt verängstigen konnten. Dass Menschen ihre jüdischen Nachbarn nicht mehr grüßten, vielmehr verlegen zur Seite blickten und dass sie sich mit dem harmlosen Wort von der Umsiedlung in den Osten zufrieden gaben, als ihre jüdischen Nachbarn die Züge bestiegen, die sie in den grausamen Tod im Gas transportierten. Wie gesagt: All das begann mit den törichten Vorurteilen, von denen dieses Buch handelt. Mit dem erfundenen Juden.
Ich komme zum Schluss. Nicht alles, was ich gesagt habe, wird auf Zustimmung treffen. Mancher Leser wird andere Vorstellungen vom Judentum und seiner langen Geschichte haben. Von den Deutschen und ihrer Geschichte, die im Guten wie im Bösen auch ein Stück jüdischer Geschichte ist. Dem Leser ist unbenommen, mir Mängel und Fehler vorzuhalten. Wie bereits gesagt: Dieses Buch gibt nur das Fragen und die ganz und gar persönlichen Antworten eines Zeitzeugen wider, der versucht hat, die Gründe und Hintergründe der antijüdischen Vorurteile zu verstehen, denen er in seiner Jugend in Hitlers Deutschem Reich begegnet ist. Ich weiss sehr wohl und habe diese Einsicht bereits bekundet, dass alle Erinnerungen Konstrukte, dass sie Deutungen, lücken- und fehlerhafte Erzählungen sind, die das längst Vergangene niemals vollständig und ungetrübt widergeben können, weil diese vergangene Wirklichkeit nirgends mehr unversehrt existiert. Darum stehen auch meine Äußerungen über das Gewesene unter Vorbehalt. Vielleicht hätte ich diese Gedanken und Erinnerungen früher niederschreiben sollen, als die Ereignisse, von denen sie handeln, noch näher, als Zeugen aus meiner Jugendwelt noch erreichbar waren. Aber alles im Leben hat seine Zeit.
Anhang:
Tödliche Definitionen
Die Konferenz hochrangiger Vertreter von nationalsozialistischen Reichsbehörden und Parteidienststellen, die am 20. Januar 1942 im Tagungszentrum der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, einer Villa am Wannsee, unter dem Vorsitz von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich stattfand, hatte die Aufgabe, die Einzelheiten der zuvor von Hitler und seinen Vertrauten beschlossenen "Endlösung der europäischen Judenfrage" abzusprechen und die reibungslose Kooperation der beteiligten Stellen zu sichern. Das einzige erhaltene Exemplar des von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann geschriebenen Protokolls dieser Tagung ist auf den folgenden Seiten darum widergegeben, weil es festlegt, welcher Personenkreis deportiert werden soll.
Während dieses Protokoll eher Absichtserklärungen enthält und die Zusammenarbeit der beteiligten Stellen bei den geplanten Deportationen vorbereitet, gehen die ebenfalls von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann verfassten "Richtlinien zur technischen Durchführung der Evakuierung von Juden nach dem Osten" vom 4. Juni 1942 in die Einzelheiten der Ausführung der Deportationen. Auch diese Richtlinien machen aber deutlich, dass Partei und Staat kein schlüssiges Kriterium zur Hand hatten, das ihnen erlaubt hätte, Personen unter rassistischen – und eben nicht religiösen - Gesichtspunkten als Juden zu identifizieren. Es ist von Deutschblütigen, Volljuden und Mischlingen 1. und 2. Grades die Rede, ohne dass auch nur ein Wort darüber geäußert wird, wie man die Angehörigen dieser Gruppen ausfindig macht. Die Deportationslisten wurden allein anhand der Mitgliederverzeichnisse der jüdischen Gemeinden zusammengestellt. Nur in einzelnen Fällen wurden auch die Akten der Meldebehörden verwendet. In diesen Datenbeständen war an keiner Stelle von Rasse die Rede. Alles, was man in der Hand hatte, um die Opfer dingfest zu machen, waren Aufzeichnungen über das religiöse Bekenntnis der erfassten Personen. Der Holocaust zielte darum in Wirklichkeit nicht auf die Vernichtung einer Rasse im Sinne eines ethnischen Verbunds von Menschen, sondern auf die der Gläubigen einer Religion. Die folgenden Dokumente machen deutlich, dass der millionenfache Mord an den europäischen Juden - ungeachtet der wahnhaften Motive seiner Akteure - bürokratisch geplant und mit industriellen Mitteln vollzogen wurde. Das macht den Holocaust singulär in der langen Geschichte barbarischer Massenmorde.
Protokoll der Wannsee-Konferenz
vom 20. Januar 1942
Verfasser: Adolf Eichmann
Quelle: Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin. Kopie des Hauses der Wannsee-Konferenz, Berlin













Richtlinien zur technischen Durchführung der Evakuierung von Juden nach dem Osten
vom 4. Juni 1942
Verfasser: Adolf Eichmann
Quelle: Haus der Wannsee-Konferenz, Berlin








Mitteilung
der
Reichsvereinigung der Juden in Deutschland
an die zur Deportation bestimmten Wiesbadener Juden
vom 8. Juni 1942
Quelle: Aktives Museum Spiegelgasse, Wiesbaden
