Gerhard Wilhelm Schmitt-Rink

Hitler: Der Weltökonom

Ein Rückblick auf seine Denkfehler und Wissenslücken


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Inhalt

Vorbemerkungen

I. Zur Entstehung der ökonomischen Gedankenwelt

Hitlers

II. Vier Szenarien Hitlers zur Angleichung von
Bevölkerungsgröße und Lebensraum
des deutschen Volkes

III. Kritik der ökonomischen Argumentation Hitlers

1. Hitlers erstes Szenarium
Anpassung der Bevölkerungsgröße an den Nahrungsspielraum:
Demographischer Wandel


2. Hitlers zweites Szenarium
Anpassung des Nahrungsspielraums durch internes
Produktivitätswachstum:
Struktureller Wandel


3. Hitlers drittes Szenarium
Anpassung des Nahrungsspielraums an die
Bevölkerungsgröße:
Ressourcenkriege

4. Hitlers viertes Szenarium
Anpassung des Nahrungsspielraums durch externes
Produktivitätswachstum:
Globalisierung

IV. Rassistische Verankerung der ökonomischen
Argumente Hitlers

V. Resummee


Nachgedanken

Quellen-Hinweise

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Vorbemerkungen

Publikationen über Hitler gibt es mittlerweile in unermesslicher Zahl. In vielen Ländern, vielen Sprachen. Biographien, Autobiographien, Essays, Romane, Gedichte, Filme, Dramen und viele kluge Analysen handeln von diesem Mann, von seinem Leben, seinen Thesen, seinen Taten und ihren Folgen. Die Zahl der Publikationen nimmt kein Ende. Warum dann dieser Text? Ist nach mehr als einem halben Jahrhundert nicht alles Wichtige schon gesagt? Der Verfasser meint natürlich: Nein. Sonst wäre diese Niederschrift nicht entstanden. Die akademischen Ökonomen, meint er, sind ihrem Publikum, den Kollegen, Studenten und interessierten Laien, den Versuch schuldig, Hitlers verquere ökonomische Argumente an den wirtschaftsgeschichtlichen Fakten seiner und unserer Zeit zu messen. Historische Sachverhalte mit Hilfe von Begriffen und Modellen zu ordnen, die dem geschulten Ökonomen geläufig sind. Denn Hitlers ökonomische Argumente sind nicht tot, sind nicht zur Gänze mit ihm vergangen. Sie tauchen in dieser oder jener biederen Verkleidung mancherorts immer noch auf. Diese Thesen sind schließlich auch schon vor Hitler gängige Ware gewesen. Ihnen muss man Fakten entgegenstellen. Diesem Ziel folgt der vorliegende Text. Er fasst zusammen, was viele Ökonomen wissen, auch wenn sie sich nie mit Hitler und seinen Argumenten beschäftigt haben. Die meisten anderen Menschen verfügen nicht über dieses Wissen. Ihnen fehlen die ökonomischen Kenntnisse, die es braucht, um ein Urteil über Hitlers wahnhafte Weltsicht zu gewinnen. Davon abgesehen: Es wird noch viele, sehr viele Publikationen über Hitler geben. Er wird nicht aus den Köpfen weichen. Konsequenz einer Vergangenheit, die nicht vergehen will, nicht vergehen kann. Oder, mit den Worten eines Historikers: Folge der unentrinnbaren, hartnäckigen Gegenwärtigkeit dieser schrecklichen Vergangenheit.

Dieser Text handelt von der zentralen Vision Hitlers: Dem Germanischen Reich, einem kontinentalen Imperium, das – nach gewonnenen Kriegen - den beiden angelsächsischen Weltmächten gleichstark und gleichberechtigt gegenüberstehen würde. Ein Triumvirat germanischer Nationen, das am Ende der Geschichte die Welt beherrschen würde. Dieses utopische Projekt wurde von Hitler auf die Behauptung gestützt, dem deutschen Volk fehle für sein weiteres Wachstum der Lebensraum, es sei im Vergleich zu anderen Völkern bei der Verteilung der globalen Siedlungsflächen zu kurz gekommen, und dieses historische Unrecht erzwinge eine Korrektur. Das aber bedeute Krieg. Andere Möglichkeiten, Bevölkerungszahl und Lebensraum in Einklang zu bringen, werden von Hitler in "Mein Kampf" und in seinem "Zweiten Buch" zwar ausführlich diskutiert, am Ende indessen zur Seite geschoben. Weil er von Anbeginn auf ein bestimmtes Ergebnis hinauswollte: Den Krieg, der nicht nur die Gebietsverluste rückgängig machen sollte, die dem Deutschen Reich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg im Vertrag von Versailles (1919) auferlegt wurden, der vielmehr gewaltige Gebietsgewinne im Osten Europas einbringen sollte, wie sie dem Deutschen Reich bereits im Vertrag von Brest-Litowsk (1918) mit der in einem Bürgerkrieg zerrissenen und geschwächten Sowjetunion für kurze Zeit zugefallen waren. Solche Eroberungskriege – und nicht die ebenfalls diskutierten, aber abgelehnten friedlichen Wege zur Angleichung von Bevölkerungsgröße und Lebensraum - waren nach Hitler im Einklang mit dem Gang und dem Geist der menschlichen Geschichte, mit dem "aristokratischen Prinzip der Natur", durch den Sieg des Stärkeren über den Schwächeren die Menschheit zum Ziel der Geschichte zu führen.

Hitler bewegt sich in seiner Argumentation auf dem Arbeitsgebiet des Ökonomen, und der Verfasser dieses Textes ist ein Wirtschafts- und Bevölkerungswissenschaftler, der sich vorgenommen hat, die Argumente Hitlers zu seinem zentralen Thema, dem Kampf der Völker und Rassen um Lebensraum, um die globalen Ressourcen, zu kommentieren. Dabei wird in voller Absicht kaum auf die Wirklichkeit der Herrschaftsjahre Hitlers eingegangen. Es geht nicht um Hitlers Person und seine Taten, sondern um seine Thesen, nicht um das, was er war und was er getan, sondern um das, was er gesagt und wohl auch geglaubt hat und andere jedenfalls hat glauben machen wollen. Dieser Text wird also nicht versuchen zu zeigen, "wie es eigentlich gewesen ist". Der Verfasser ist kein Historiker, und er will den Kollegen dieser Disziplin nicht in die Quere kommen. Er will vielmehr zeigen, daß und warum Hitlers Behauptungen geltenden und gefestigten ökonomischen Ergebnissen und Erkenntnissen widersprechen. Er will dartun, dass Hitlers Argumente bereits dem gesunden Menschenverstand zuwider laufen. Dies gilt nicht nur für seine Thesen zum Lebensraum und Lebenskampf des deutschen Volkes, sondern auch für seine Sicht der menschlichen Geschichte als Kampf der Völker und Rassen um die natürlichen Ressourcen der Erde. Geschichte als Ort ewiger Ressourcenkonflikte, diese Sicht fordert den Ökonomen heraus, der sich von Haus aus mit dem Phänomen der Knappheit von natürlichen Ressourcen befasst.


Der Verfasser will dem Leser, Akademiker oder nicht, deutlich machen, wie sich Hitlers Behauptungen zum Thema Lebensraum und Lebenskampf der Völker und Rassen jemandem darstellen, dem die jüngere Wirtschaftsgeschichte und die Geschichte des ökonomischen Denkens einigermaßen geläufig sind. Vom Leser dieses Textes werden solche Kenntnisse nicht erwartet. Die vorliegende Niederschrift kommt überdies ganz ohne die Fachsprache der Ökonomie und Demographie aus. Das Gesagte ist darum, hofft der Verfasser, von Nichtökonomen leicht zu verstehen. Dem bewanderten Wirtschafts- und Bevölkerungswissenschaftler sind die vorgetragenen Argumente nicht neu. Wenn er sie vielleicht auch nicht in Verbindung mit Hitler und seinen Argumenten kennt. Als Leser hat der Autor Menschen im Blick, die wenig über Hitlers Vorstellungswelt wissen, die seinen Namen zu Recht mit Rassenhass und Massenmord verknüpfen und nicht verstehen können, dass ihre Vorfahren einen solchen Mann, einen Verbrecher sonder Vorbild, ganz legal an die Spitze des deutschen Staates haben kommen lassen. Ihnen will der Autor den kritischen Blick für die Ideenwelt öffnen, mit der Hitler die Deutschen jener Jahre für seine fatalen Unternehmungen gewonnen hat.

Der folgenden Untersuchung liegen als Quellen vor allem die einzigen Bücher von Hitlers Hand, die beiden Bände von "Mein Kampf" (1924, 1926) und "Hitlers Zweites Buch" (1928) zugrunde. Das letztgenannte Werk beruht auf einem Manuskript ohne Titel, das, 1928 diktiert, aus welchen Gründen immer zu Hitlers Lebenszeit nicht veröffentlicht und erst am Ende des Zweiten Weltkriegs in München, im Archiv von Hitlers Hausverlag, aufgefunden, beschlagnahmt und in die USA verbracht worden ist. Eine deutsche Ausgabe - herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte, München - ist 1961 erschienen. Neuauflagen existieren nicht. In dieser Schrift erst und nicht schon in "Mein Kampf" hat Hitler sein ganzes Weltbild knapp und klar vorgetragen. Wichtige Textstücke im "Zweiten Buch" sind freilich, wie ein Vergleich beider Werke zeigt, wörtlich aus "Mein Kampf" übernommen. Als Quelle dienten dem Autor dieses Textes auch die Protokolle zu Hitlers Tischrunden in seinen Hauptquartieren während des Krieges. Wer sich über Hitlers Art des Denkens und Raisonierens jenseits seiner Schriften und Reden eine Vorstellung machen will, kommt an diesen Protokollen kaum vorbei. Aber für die Analyse seiner zentralen Ideen geben diese Niederschriften nicht allzuviel her. Sie sind gewissermaßen nur Begleitgeräusche. Es versteht sich von selbst, dass der Verfasser viele weitere Publikationen über Hitler und seine Welt kennt. Der vorliegende Text stützt sich indessen allein auf Hitlers Äußerungen in "Mein Kampf" und im "Zweiten Buch", weil Hitler eben nur in diesen beiden Schriften eine ausführliche und geschlossene Darlegung seines Welt- und Menschenbilds veröffentlicht hat. Dem Leser ist unbenommen, in den großen Werken der Historiker mehr über Hitlers Weltsicht zu erfahren. Die ökonomische Zunft hingegen ist in Sachen Hitler wenig gesprächig geblieben. Hier versucht der Verfasser, eine Lücke zu schließen. Er hofft, dass ihm dieses Vorhaben gelungen ist.

Dieser Text fasst den Inhalt eines Kollegs über Hitlers ökonomische Weltsicht zusammen, das der Verfasser im Rahmen des Studium Generale, also vor Hörern aller Fakultäten, gehalten hat. Von daher der Verzicht auf die Fachterminologie des Ökonomen. Sie soll dem Verständnis des Laien nicht im Wege stehen. Alles Wichtige zum Thema läßt sich auch ohne die ökonomische Fachsprache sagen.

31. Januar 2010

Gerhard Wilhelm Schmitt-Rink




I
Zur Entstehung der ökonomischen Gedankenwelt
Hitlers

Es geht an dieser Stelle nicht darum, die Ergebnisse der historischen Forschung zu Hitlers Jugendjahren widerzugeben. Das haben andere getan. Aber in einer ökonomischen Analyse der "Weltanschauung" Hitlers muss gezeigt werden, unter welchen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen vor dem Ersten Weltkrieg in Österreich und Deutschland die Ideen geboren und verbreitet wurden, die Hitler aufgegriffen und zu seinem bizarren Welt- und Menschenbild vereinfacht hat. Immer ist es im folgenden Text der Ökonom, der zur Sache spricht. Mit dieser Eingrenzung wird nach der Entstehung der ökonomischen Vorstellungen Hitlers gefragt. Denn, wie gesagt, Thema dieser Untersuchung ist nicht Hitler, der Volkstribun, der Tyrann, sondern Hitler, der Mann, der sich, wenn man den Kern seiner Aussagen nimmt, immer auch als Ökonom verstand. Obwohl er stets betonte, dass er von Ökonomie rein garnichts verstünde. Aber er hat sich in seinen beiden Büchern sehr bestimmt über die Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung, über die Grenzen der Nahrungsmittelproduktion, über den Welthandel und die weltweite Verteilung der natürlichen Ressourcen geäußert, über Zusammenhänge, die der Ökonom von Haus aus als seine Domäne betrachtet. Von daher der Titel dieses Textes: Hitler, der Weltökonom. Woher, wird gefragt, hat der junge Hitler diese Vorstellungen genommen, wo und wie sind seine malthusianischen, autarkistischen und darwinistischen Ideen entstanden. Nehmen wir zur Kenntnis, was Hitler und die Historiker dazu sagen.

In „Mein Kampf“ behauptet Hitler, dass ihm in seiner Jugend in Wien und München die Kenntnis der Gesetze der Natur und der menschlichen Geschichte quasi zugeflogen sei. Ihm, dem von der Vorsehung, vom Allmächtigen für große Aufgaben Auserwählten, wie er seine selbstverfügte historische Rolle später in aller Öffentlichkeit beschrieb. Wir wissen nicht, was genau Hitler in seinen Wiener und Münchener Jugendjahren wirklich gelesen, wie er sein sogenanntes Selbststudium betrieben hat. Er hat die Quellen seines Wissens auch später nicht preisgegeben. Er wollte, wie wir wissen, als junger Mann Maler werden. Darum ging er, aus der heimatlichen österreichischen Provinz in der großen Stadt, in Wien, angekommen, mit einer dicken Zeichenmappe unter dem Arm, zur Akademie der Bildenden Künste, ganz sicher, die Aufnahmeprüfung zu bestehen. Ohne Erfolg. Er wurde abgewiesen. Mehrmals. Obwohl er, Autodidakt auch darin, ganz gut mit Stift, Pinsel, Tusche und Farben umgehen konnte. Darin war er in der Schule, die er vor dem Abschluss wegen mangelnder sonstiger Leistungen verlassen mußte, Klassenbester.

Seine vielen kleinen Aquarelle, die Zeichnungen und die wenigen Gemälde, heute auf dem Kunstmarkt als befremdliche Trouvaillen teuer gehandelt, zeigen sein ungeschliffenes Talent. Ein sehr begrenztes Talent, wie die Kunstexperten allesamt sagen. Die Professoren der Kunstakademie, die ihn abwiesen, haben ihm denn auch empfohlen, ein Architekturstudium aufzunehmen. Dazu fehlte Hitler freilich das Abitur. Er ist am Ende weder Maler noch Architekt geworden. Er hat überhaupt nie einen Beruf ausgeübt, wenn man darunter die anhaltende Anwendung von Fertigkeiten versteht, die in einer gründlichen Ausbildung erworben wurden. Man mag allenfalls sagen, dass er in seiner zweiten Lebenshälfte Berufspolitiker war. So wie im Ersten Weltkrieg, als junger Mann, eben Soldat. Und Feldherr in dem später von ihm entfesselten Krieg. Das heißt nicht, dass er damals in Wien und München auf seinen geringen Schulkenntnissen sitzen geblieben wäre. Er hat sein ganzes Leben lang gelesen, gelesen und gelesen. Auch damals, als junger Mann, in Wien und München. Bücher, Zeitungen, Illustrierte, Traktate, Pamphlete, Groschenhefte. Alles hat er nach eigenem Bekunden in sich hineingeschlungen und das, was ihn interessierte, mit einem erstaunlichen Gedächtnis allzeit abrufbar gehalten. Er wurde also, wenn man so will, ein belesener junger Mann. Freilich einer, dessen Wissen aus vielen Bruchstücken bestand, die durch keinerlei Ordnung verbunden waren. Das machen die im Zweiten Weltkrieg entstandenen Protokolle seiner Tischgespräche deutlich. Aber damals in Wien las er bald nicht mehr wahllos alles, was ihm in die Finger geriet. Das war, wie er später erzählte, nur am Anfang so, als er ernsthaft vorhatte, sich das gesamte Wissen seiner Zeit anzueignen. Erster Versuch gewissermaßen, eine Welt im Handstreich zu erobern. Auch ohne Abitur und Hochschulstudium. In einer seiner Tischrunden hat er später stolz erzählt, dass er als junger Mann in Wien die 500 Bände einer nahegelegenen Bibliothek in kurzer Zeit allesamt ausgeliehen und von Anfang bis Ende gelesen habe. Dieses Kunterbunt an Gedrucktem kann, wie gesagt, keine geordneten Kenntnisse geschaffen haben. Er blieb darum zeitlebens in so gut wie allen Wissensfeldern ein Dilettant. Ein Halbgebildeter, wie das damals im Urteil von Menschen hieß, die den bürgerlichen Bildungskanon beherrschten. Aber das hat ihn zu keiner Zeit gehindert, über alles und jedes in der Attitüde des Wissenden zu sprechen und sich über studierte Menschen lustig zu machen.

Wir wissen also nicht, was er als heranwachsender Mann wirklich gelesen hat. Viel Zeit zum Lesen hatte er in seinen Wiener und Münchener Jahren ohne Frage. Das Kolorieren von Postkarten, mit deren Verkauf er sich damals ein Zubrot verschaffte, ließ ihm, dem berufs- und arbeitslosen Jüngling, Empfänger einer Waisenrente und Bewohner von Männerheimen und kärglich möblierten Zimmern und Mansarden in kleinbürgerlichen Wohnungen, viel Gelegenheit, Zeitungen und Illustrierte im Café durchzublättern, Bücher in der Städtischen und Staatsbibliothek auszuleihen und im Lesesaal oder in seinen kargen Bleiben zu verschlingen. Welche Bücher? Kant? Schopenhauer? Nietzsche? Marx? Die griechischen Philosophen? Die deutschen Klassiker? Shakespeare? Biographien großer Männer? Weltgeschichtliche Analysen? Das hat er später im geselligen Kreis immer wieder behauptet, und das haben ihm manche Historiker auch abgenommen. Weil er als erwachsener Mann ein Meister im „name dropping“ war. Dazu genügten freilich, ein gutes Gedächtnis vorausgesetzt, Streifzüge durch geeignete Kompilationen. Von einem systematischen Geschichtsstudium ist nichts, garnichts bekannt. Aber es ist klar, dass er später, als er sich für einen vom Allmächtigen, von der Vorsehung – so seine in Reden und Gesprächen wiederkehrenden Worte – für epochale Taten Auserwählten hielt, großes Interesse an historischen Vorgängen, an Vorläufern und Vorbildern entwickelt hat. Alexander, Caesar, Napoleon, Bismarck, um nur einige Namen zu nennen. Das impliziert freilich noch keine umfassenden historischen Kenntnisse und erst recht keine Einsicht in die Relativität von geschichtswissenschaftlichen Deutungsofferten.

Was uns interessiert: Die Werke von Malthus, Darwin und Marx, den Autoren, die im politischen und ökonomischen Denken des 19. Jahrhunderts und auch nach der Jahrhundertwende eine große Rolle spielten, hat er sicherlich nicht gelesen. Weder im Original noch in seriösen Auslegungen und kritischen Auseinandersetzungen. Obwohl die Theoreme der genannten Autoren, vor allem die von Malthus und Darwin, in Hitlers Weltsicht, wie wir sehen werden, eine zentrale Rolle spielen. Wenn auch in verballhornter Manier. Wir haben viel Grund zu der Annahme, dass er seine wenigen und einfachen Glaubenssätze vor allem bei der Lektüre der nationalistischen und rassistischen Pamphlete und Gazetten erworben hat, die damals in Wien nicht anders als in München verbreitete Lektüre waren. Ideen von einem mächtigen Deutschen Reich, in dem alle Menschen deutscher Sprache und Kultur vereinigt wären. Einem Deutschen Reich, das als Weltmacht auf allen Märkten und Meeren ein ebenbürtiger Rivale Englands wäre. Das seiner wachsenden Bevölkerung in überseeischen Kolonien oder im Osten Europas Lebensraum verschaffen würde. Einem Deutschen Reich, das sich aller "Fremdvölkischen" entledigen würde. Solche Ideen waren damals, in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, in konservativen Kreisen des Besitz- und Bildungsbürgertums in Österreich und Deutschland, verbreitet. Der Alldeutsche Verband, der Flotten- und der Wehrverein waren nur die mächtigsten und rührigsten Verfechter solcher völkischen Vorstellungen, die dann nach dem verlorenen Krieg von vielen Menschen übernommen wurden. Von Menschen, die in der Wirrnis jener Nachkriegsjahre Orientierung suchten.

In welcher sozialen Welt ist dieses nationalistische und rassistische Ideenkonvolut entstanden, aus dem Hitler sich bei der Montage seiner Weltsicht bedient hat? Ein kurzer Blick auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Deutschlands im 19. Jahrhundert vermittelt Einsichten, die Hitlers Vorstellungswelt und ihre historische Ahnenschaft besser verstehen lassen. Die Industrialisierung hat Deutschland, verglichen mit England, als Spätentwickler vollzogen. Es war ein langer, schwieriger und konfliktreicher Weg von einer Vielzahl deutscher Fürstentümer, Königreiche und Freier Städte mit ihren eigenen Verwaltungs-, Rechts-, Maß- und Münzsystemen zu Bismarcks Deutschem Reich, in dem diese Institutionen vereinheitlicht wurden. Die "Industrielle Revolution", der Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft, in England schon in der ersten, in Deutschland erst in der zweiten Jahrhunderthälfte vollzogen, war hier wie dort mit gewichtigen Veränderungen der sektoralen und sozialen Strukturen verbunden. Auf dem Weg von der prä- in die post-industrielle Welt nahm und nimmt der Anteil der in der Landwirtschaft, in der Primärproduktion, Beschäftigten stetig ab. Er ist heute in den meisten hochentwickelten Ländern sehr klein, fast vernachlässigbar. Wenige Landwirte genügen in Westeuropa und Nordamerika, die Bevölkerung zu ernähren und große Überschüsse zu erzeugen, die auf dem Weltmarkt verkauft, notleidenden Ländern geschenkt oder mitunter auch vernichtet werden. Obwohl in Westeuropa und in den USA Milliarden an Subventionen an die Bauern verteilt wurden und werden, um fruchtbare wie weniger fruchtbare Böden stillzulegen. Gewissermaßen prohibitive Steuern auf die Produktion von Nahrungsmitteln. Obwohl die Ausbreitung der Wohn- und Gewerbegebiete und der Verkehrswege einen erheblichen Teil der Bebauungsflächen verschlang. Obwohl die schlechteren Böden zu Weideland abgestuft oder aufgeforstet wurden. Obwohl der Getreideverbrauch pro Kopf auf ein Mehrfaches stieg, weil die mit dem Fleischkonsum steigende Tierhaltung den Einsatz eines Mehrfachen an pflanzlichen Futtermitteln verlangte. Obwohl die riesige Verschwendung von Lebensmitteln und die Fütterung der Lieblinge von Millionen Tierfreunden gewaltige Mengen an Nahrungsmitteln beanspruchen. Das alles war und ist möglich, weil die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft aufgrund ständiger agrartechnischer Verbesserungen schneller stieg als die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten. In der Industrie hingegen wuchs die Nachfrage damals schneller als die Arbeitsproduktivität, und darum stieg die industrielle Beschäftigung. Wenn es statt zehn Bauern nur noch einen braucht, um einen Städter zu ernähren, dann sind eben neun von zehn Bauern je Städter überflüssig geworden, wenn der Städter seinen Nahrungsmittelverbrauch nicht erhöht. Technischer Fortschritt und der Nachfragewandel steuerten damals wie heute die Verteilung der Arbeitskräfte auf die Sektoren und Regionen.

Es besteht kein zwingender Anlass, den Ursachen des ökonomischen und sozialen Strukturwandels an dieser Stelle im Einzelnen nachzugehen. Dazu bleibt später, bei der Diskussion der ökonomischen Argumente Hitlers, reichlich Gelegenheit. Zurück also zur Schrumpfung der Beschäftigung im deutschen Agrarsektor. Die meisten Kinder und Enkel der Kleinbauern und Landarbeiter mußten damals auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt, vom Bauernhof in die Industriebetriebe wechseln, die aus dem Boden schossen. Aus Landbewohnern wurden Städter, aus Landarbeitern Fabrikarbeiter. Landflucht, Verstädterung und Industrialisierung gingen Hand in Hand. Bedrängt von der billigeren industriellen Massenproduktion, verlor die handwerkliche Einzelfertigung einen Großteil ihrer Märkte. Schuhe, Kleider, Möbel und viele andere Güter wurden nun nicht mehr in kleinen Handwerks-, sondern in mittleren und großen Industriebetrieben hergestellt. In wenigen Jahrzehnten war der Beschäftigungsanteil der Landwirtschaft und der des Handwerks drastisch gesunken und jener der Industrie ebenso eindrucksvoll gestiegen. Diese erste Phase des Übergangs von der vor- in die nach-industrielle Welt war in Deutschland mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs im Großen und Ganzen abgeschlossen, England ebenso wie Frankreich in der Wirtschaftsleistung übertroffen.

Wir müssen auch nicht lange über die zweite Phase dieses Wegs aus der vor- in die nach-industrielle, in die moderne Welt sprechen, über die Abnahme des Beschäftigungsanteils der Industrie, und die schnelle Zunahme der Beschäftigung in den Dienstleistungsbereichen. Das hat sich erst im Fortgang des 20. Jahrhunderts ereignet. Eine Entwicklung, gelegentlich als Deindustrialisierung so beklagt wie Jahrzehnte zuvor die Deagrarisierung und wie diese durch die Abweichung zwischen den sektoralen Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität und der Nachfrage nach den Produkten dieser Sektoren verursacht. Um Irrtümer zu vermeiden: Deagrarisierung und Deindustrialisierung waren Ausdrücke, die sich auf die Beschäftigungs- und Produktionsanteile, nicht auf das Produktionsvolumen der Landwirtschaft und der Industrie bezogen. Denn mit schrumpfenden Anteilen an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung wurden hier wie dort stetig wachsende Gütermengen erzeugt. So wie in der ersten Phase der industriellen Entwicklung die Söhne und Töchter der Kleinbauern und Landarbeiter Fabrikarbeiter wurden, so wechselten und wechseln die Kinder der Fabrikarbeiter in der zweiten Phase in die Büros der Industriebetriebe, der Banken, der Versicherungen, des Handels, der öffentlichen Verwaltung und vieler neuer Dienstleistungsbereiche, die aufgrund von technischen Neuerungen und Nachfrageverschiebungen entstanden. Aber von dieser Entwicklung wußten die Menschen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch wenig oder nichts. Auch Hitler und seine Ideengeber, die alldeutschen Autoren, nicht. Sie waren vor dem Ersten Weltkrieg mit der Transformation Deutschlands von einer Agrar- zu einer verstädterten Industriegesellschaft und mit der wachsenden Abhängigkeit vom Weltmarkt konfrontiert, mit weithin unverstandenen und darum abgelehnten Vorgängen, die mit den sektoralen auch die sozialen Strukturen Deutschlands großen, konfliktreichen Veränderungen unterwarf. Werfen wir einen kurzen Blick auf diese sozialen Spannungsfelder.

Da waren der Landadel, der die Einfuhr billigen Getreides bekämpfte und die Industriellen, die auf den Weltmarkt drängten. Dazwischen die Kleinbauern, deren Höfe durch Erbteilung zersplittert wurden und immer weniger Beschäftigungsmöglichkeiten boten. Das wachsende Heer der Fabrikarbeiter, die ihre Interessen in Gewerkschaften vertraten und die Unternehmer, die das zu verhindern suchten. Die Handwerker, die ihre Märkte durch die überkommenen Zunftschranken schützen und die Industriellen, die ihre Massenprodukte ungehindert im In- und Ausland verkaufen wollten. Der Adel, der seine politischen Privilegien behalten und das Bürgertum, das sie zugunsten einer demokratischen Verfassung abschaffen wollte. Zumindest die Liberalen unter ihnen. Im Grunde kämpften die Vertreter der schrumpfenden gegen die der wachsenden Bereiche. Es geht an dieser Stelle nicht darum, in die Rolle des Historikers zu schlüpfen und die Verbreitung nationalistischer und rassistischer Vorstellungen im kaiserlichen Deutschland im Detail zu diskutieren. Ohnehin lassen sich diese emotional aufgeladenen Argumentationen bis in die napoleonische Zeit zurückverfolgen, als so etwas wie ein deutsches Nationalbewusstsein deutlich wurde. Nehmen wir also einfach die Tatsache zur Kenntnis, dass das Deutsche Reich auf der einen Seite den Übergang von der Agrar- zur verstädterten Industriegesellschaft und die Öffnung der Märkte im Inneren wie nach außen vollzog und auf der anderen Seite die Privilegien des Landadels konservierte, einer Herrenschicht, die an allen politischen Schalthebeln saß und dem liberalen Bürgertum ebenso wie den organisierten Fabrikarbeitern die konsequente Einführung parlamentarisch-demokratischer Institutionen verwehrte. Den Fabrikarbeitern, "vaterlandslosen Gesellen" nach dem Wort des deutschen Kaisers, die vom Sieg des Weltproletariats, vom Sozialismus, vom Ende des Kapitalismus träumten. Dem Besitz- und Bildungsbürgertum, dessen konservative und deutschnationale Vertreter sich immer mehr teutonischen Weltmachtphantasien und ethnischen Diffamierungen zuwendeten, die die Einwohner des Deutschen Reichs in "Deutschstämmige" und "Fremdvölkische" teilten. Die "Fremdvölkischen", das waren vor allem Menschen polnischer Herkunft, die im Deutschen Reich lebten. Die meisten von ihnen waren mit der letzten polnischen Teilung preußische und nach Gründung des Deutschen Reichs deutsche Staatsbürger geworden. "Fremdvölkische" waren aber auch die Hunderttausende polnischer Wanderarbeiter auf den ostdeutschen Adelsgütern und das Heer der polnischen Bergleute im Ruhrgebiet. In Österreich waren es vor allem die Tschechen, die von den Alldeutschen als "Fremdvölkische" diffamiert wurden. Und hier wie dort die Juden. Ihnen, ihrem vorgeblichen volksfremden und zersetzenden Intellektualismus, wurde der Wandel der Verhaltensnormen angelastet, der mit der Verstädterung einher ging. Vor allem der – als unnatürlich gewertete - Rückgang der Kinderzahl der städtischen und am Ende auch der bäuerlichen Familien. Die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen. Die Anfänge ihrer Emanzipation. Überhaupt: Die "Entwurzelung" des Städters, der seine bäuerliche Herkunft verleugnete und vergaß. Das von den Arbeiterparteien und ihrem marxistischen Internationalismus verratene Vaterland. Das alles wurde den "Fremdvölkischen" angelastet, als ob Polen, Tschechen und europäische Juden die Industrialisierung und den mit ihr verbundenen Wandel der Lebensformen und Lebensnormen in Gang gebracht hätten.

Diese Aufblähung des Nationalstolzes und der nationalen Ambitionen wurde vor dem Ersten Weltkrieg nicht so sehr im Reichstag und in den Länderparlamenten, sondern mehr in den vielen vaterländischen Vereinen diskutiert und in deren Publikationen verbreitet. Der Alldeutsche Verband, der Wehr- und der Flottenverein wurden bereits erwähnt. Auch ein Teil der bürgerlichen Presse im Deutschen Reich und in Österreich gehörte in dieses Lager. Zu schweigen von den törichten Reden und Sprüchen des deutschen Kaisers. Und die bürgerlichen Stammtische nicht zu vergessen. Verzichten wir darauf, weitere Vereinigungen und einzelne Akteure zu nennen. Es geht nurmehr darum, ein knapp gezeichnetes Bild von diesen Vorgängen zu gewinnen. Zu erkennen, dass Hitlers "Weltanschauung" keineswegs aus dem Nirgendwo kam. Seine Vorstellungen zeigen eine sehr deutliche Übereinstimmung mit den nationalistischen und rassistischen Ideen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg in Österreich und Deutschland verbreitet waren. Diese alldeutschen Argumente hat er mit Sicherheit in Wien und München kennengelernt. In "Mein Kampf" nennt er von Schönerer und Lueger, zwei nationalistische und rassistische Autoren, die im Habsburger Reich großen Anklang und Anhang gefunden haben. Auch Lanz von Liebensfeld hat der junge Hitler kennengelernt und seine rechtsradikalen, rassistischen "Ostara"-Hefte nach eigenem Bekunden damals begeistert gelesen. Er hat diesen Pamphletisten sogar in dessen Haus besucht und seine Verehrung bekundet.

Er kannte gewiss die damaligen Debatten um den Vorrang für eine agrarische oder eine industrielle Orientierung, um Landgewinn im Osten Europas oder Lenkung des Bevölkerungsüberschusses in ferne Kolonien. Um den Schutz überkommener Wirtschaftszweige oder eine stärkere Öffnung zum Weltmarkt. Um Flottenbau oder große und starke Landstreitkräfte. Debatten auch um die der slawischen und jüdischen Bevölkerung in Mittel- und Osteuropa gemäße Rolle. Der Gedanke einer europäischen Großraumwirtschaft unter deutscher Vormundschaft. Die Vorstellung vom Deutschen Reich als "unvollendetem Staat", weil Deutsch-Österreich und andere Gebiete mit deutschsprachiger Bevölkerungsmehrheit damals nicht dazu gehörten. Unvollendet auch, weil das Deutsche Reich nicht, noch nicht Weltmacht war. Noch keinen „Platz an der Sonne“ hatte. Die exzessiven Kriegsziele, die später, im Ersten Weltkrieg, von den Alldeutschen in Deutschland und Österreich diskutiert wurden. Die Annexionen, die man im "Siegfrieden" dem Gegner aufzwingen wollte, Gebietsabtretungen in Ost-, aber auch Westeuropa, die Deutschland zu einer Weltmacht hätten machen sollen. Gewaltige Gebietsgewinne, die man in der Tat im Abkommen von Brest-Litowsk 1918 dem besiegten Russland für einige Monate abtrotzen konnte, ehe das Deutsche Reich seinerseits nach den Vereinbarungen von Versailles 1919 große Gebiete im Osten und Westen abtreten mußte, weil es der "Siegfrieden" der Gegner war. Dann die von vielen völkischen Autoren vertretene Biologisierung des Volks- und Staatsverständnisses, ihre gegen die Slawen und die Juden als "Fremdvölkische" oder "Fremdrassische" gerichteten Vorurteile. Ideen allesamt, die Hitler als junger Mann und als Soldat des Ersten Weltkriegs kennengelernt, über die er sich nach Aussage seiner Frontkameraden immer wieder in plötzlichen, heftigen und langen Monologen geäußert hat. Die nationalistischen und rassistischen Argumente der Alldeutschen waren ihm also geläufig, als er sich nach dem verlorenen Krieg anschickte, Politiker zu werden. Strittig ist allein, wann und wo sein pathologischer Judenhass entstanden ist. Die Aussagen derer, die den jungen Hitler kannten, stimmen darin nicht überein.

Die politische Gedankenwelt Hitlers entstand, um es zusammenzufassen, mit einiger Sicherheit durch frühe Aneignung alldeutscher Glaubenssätze. In "Mein Kampf" hat er ein ganzes Kapitel den Alldeutschen im Österreich seiner Jugendjahre gewidmet. Dabei ist er auf deren Ziele freilich so gut wie garnicht eingegangen. So wie er meist die Quellen seines Wissens und Glaubens verschwiegen hat. Wir wissen aber, um es zu wiederholen, dass alldeutsche Autoren in Österreich und im Deutschen Reich alles das vertreten haben, was Hitler später seine "Weltanschauung" nannte. Sein Anteil am Erfolg des rechtsradikalen Glaubensgutes nach dem Ersten Weltkrieg waren nicht neue Argumente, sondern die Art, in der er die alldeutschen Ideen sortierte, zuspitzte und unter die Leute brachte. Allenfalls der krankhafte Judenhass ist seine ureigene Zutat zur rechtsradikalen Glaubenswelt. Der Antijudaismus der meisten alldeutschen Autoren und ihrer Adepten hatte ein kleineres Format, war näher bei uralten Vorurteilen gegenüber den Juden. Hitler war, wie wir wissen, ein begabter Redner, ein Volkstribun, der sein Publikum mitzureißen vermochte. Ein Publikum, das sich anfangs, in München, nicht aus den besitzenden und gebildeten Bürgern, dem alldeutschen Anhang vor dem Ersten Weltkrieg, sondern aus einfachen Angestellten und Beamten, Handwerkern, Einzelhändlern und Landwirten rekrutierte, aus kleinen Leuten, die in den Nachkriegswirren die politische Orientierung verloren hatten. Menschen des unteren Mittelstandes, die als entlassene Soldaten ratlos und zornig zugleich den politischen Wirren und der wirtschaftlichen Misere jener Jahre gegenüberstanden. Arbeiter und Akademiker sind, wie wir wissen, erst viel später in größeren Zahlen dazugestoßen. Gleichwohl hat Hitler rasch Zugang zu einigen großbürgerlichen Familien gewonnen und finanzielle Unterstützung erfahren. Vor allem die Frauen ließen sich von diesem Fremdling faszinieren.

Was hat Hitler den Versammelten erzählt, nachdem er die politische Bühne betreten hatte? Womit hat er sie fasziniert? Versuchen wir, es zusammenzufassen. Drei Elemente der alldeutschen Argumentation machten Hitlers politisches und ökonomisches Weltbild aus, wenn man es auf den Kern zu bringen versucht. Erstens die malthusianische These vom Fehlen des Nahrungsspielraums für das weitere Wachstum der deutschen Bevölkerung als Grundlage der Forderung nach neuem Lebensraum im Osten Europas. Erreichbar nur durch Krieg. Einem Krieg, der dem „Volk ohne Raum“ die Nahrungsmittel- und Rohstoffversorgung sichern sollte, die nach dem Urteil Hitlers auf andere Weise nicht zu erlangen war. Nicht durch den Austausch von Industrieprodukten gegen Nahrungsmittel und industrielle Rohstoffe auf dem Weltmarkt. Nicht durch Auswanderung oder Geburtenbeschränkung. Auch nicht durch stetige Fortschritte in der Agrartechnologie. Zu Hitlers Zeit bestand freilich, vorab gesagt, kein Grund mehr, Vorsorge für eine schnell wachsende deutsche Bevölkerung zu treffen. Denn die durchschnittliche Kinderzahl der deutschen Frauen nahm, von Hitler und seinen Gesinnungsgenossen heftig beklagt, schon lange ab. Aber auch ohne diese demographische Entwicklung machten die Fortschritte der Agartechnologie, die stetig wachsende Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft, die Sorge um ein "Volk ohne Raum" ganz und gar überflüssig.

Das klassische malthusianische Argument, wonach die Menschen dazu neigen, ihren Nahrungsspielraum zu überschreiten, war zu Hitlers Zeit für Deutschland wie für die anderen Industrieländer in Westeuropa und Nordamerika längst belanglos geworden. Ohnehin hat es in dieser extremen Weise nie gegolten. Letztlich ging es Hitler auch garnicht um die Versorgung des deutschen Volkes mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen, sondern um ein Argument für die Notwendigkeit der territorialen Expansion in Richtung auf das erträumte Germanische Reich als einer kontinentalen Weltmacht, die den angelsächsischen Konkurrenten Paroli bieten könnte. Die USA mit ihren gewaltigen natürlichen Ressourcen waren das beneidete Vorbild, das Zarenreich mit gleichfalls riesigen Räumen und Rohstoffreserven das längst ins Visier genommene Opfer, das die geforderten Territorien und Millionen Arbeitssklaven hergeben sollte. In seinen Tischrunden in der Reichskanzlei, auf dem Berghof und in seinen Hauptquartieren ebenso wie in den geheimen Reden vor Generalen und Parteipaladinen kommen diese Ansichten und Absichten immer wieder zum Ausdruck. Hitler wollte den Ersten Weltkrieg noch einmal führen. Diesmal mit Erfolg. Wenn es sein mußte, bis "Fünf nach Zwölf". Das malthusianische Argument drohender Hungerkatastrophen diente ihm als ökonomische Verkleidung von imperialen Eroberungsplänen. Wir werden später feststellen, dass Hitler, ungeachtet seines großen Interesses an der technischen Entwicklung, seiner Vernarrtheit in schnelle Autos, Flugzeuge und moderne Waffen, sein Leben lang ein Anhänger der Agrarmythologie blieb, die mit Metaphern wie "Blut und Boden" oder "Heilige Scholle" dem Bauernstand eine gottgewollte, weit herausgehobene Rolle zumaß. Dem gleichen Bauernstand, der durch den agrartechnischen Fortschritt und die Landflucht längst seine jahrtausendealte Bedeutung verloren hatte. Hitler stand nur mit einem Fuß in der modernen Industriewelt und mit dem anderen in der klassischen Agrargesellschaft und ihren Werten. Abermillionen germanische Siedler aus West- und Nordeuropa wollte er am Ende in den eroberten Ostgebieten sesshaft machen und ihnen Millionen Slawen als rechtlose Handlanger zugesellen. Dafür wurde der Raum gebraucht, der dem deutschen Volk vorgeblich fehlte.

Zweitens Hitlers Autarkismus. Die merkantilistische These, dass der internationale Handel ein Nullsummenspiel, der Gewinn des Einen der Verlust des Anderen sei, als Grundlage der Forderung nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit des Deutschen Reichs. Autarkie, die in Wirklichkeit Eroberungskriege, ungehindert von See- und Landblockaden der Gegner, zu führen erlauben würde. Wie bereits gesagt: Kriege, die der Gewinnung neuer Siedlungsräume und Rohstoffquellen im Osten Europas gelten sollten. Der Ökonom würde sagen: Importsubstitution anstelle von Exportpromotion, Autarkie anstelle von internationaler Arbeitsteilung, kolonialistische Aneignung von Siedlungsräumen und Rohstoffquellen anstelle eines friedlichen Austauschs von Gütern und Diensten auf dem Weltmarkt. Später das Aufgreifen der alldeutschen Idee einer europäischen Großraumwirtschaft, die unter deutscher Vorherrschaft den Bedarf der beteiligten Völker an Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Industriegütern decken würde, ohne von überseeischen Märkten und feindlichen Mächten abhängig zu sein. Im Zweiten Weltkrieg war diese europäische Wirtschaftsunion dann eine kriegswirtschaftliche Realität, weil die Länder im deutschen Herrschaftsbereich mit der erzwungenen Ablieferung großer Teile ihrer Produktion dem Deutschen Reich überhaupt erst die jahrelange Weiterführung des Kriegs gegen drei Weltmächte, gegen den Rest der Welt sozusagen, möglich machten. Hinzu trat die Bereitstellung von Millionen Zwangsarbeitern, die in der deutschen Landwirtschaft und in der deutschen Industrie die Plätze der zum Kriegsdienst eingezogenen deutschen Bauern und Arbeiter einnehmen mußten. Der Zahlungsverkehr zwischen dem Deutschen Reich und den beherrschten Ländern vollzog sich in einer Clearing-Union, einem System fester Wechselkurse, die zum Nachteil der beherrschten Länder festgezurrt waren. Das Modell Hitlers von einem autarken Germanischen Imperium, umgeben von Satellitenstaaten, war also damals bereits im verkleinerten Maßstab in der Erprobungsphase. Im Grunde genommen eine gewalttätige Vorwegnahme von Ideen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Europäische Union entstehen ließen.

Drittens die sozialdarwinistische These vom ewigen Kampf der Völker und Rassen um Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten. Die menschliche Geschichte ist in Hitlers Augen Ort der vergangenen Kämpfe von Völkern und Rassen um Lebensraum. Hitler machte in seiner simplen biologistischen Nomenklatur keine klaren Unterschiede zwischen Völkern, Rassen, Arten und Varianten von Arten. Er war überhaupt kein Freund verbaler Eindeutigkeit. Das hat ihm in seinen jungen Jahren niemand beigebracht, und begriffliche Klarheit entsprach nicht dem anti-intellektuellen Habitus seines Denkens. Jedenfalls bezeichnen diese Vokabeln in Hitlers Sicht menschliche Fortpflanzungsgemeinschaften, die ihre Art, ihr "Blut", gegen andere Völker, andere Rassen im Lebenskampf behaupten müssen. Wo Marx eine Geschichte von Klassenkämpfen erblickte, da sah Hitler also im historischen Rückblick eine von Rassenkonflikten beherrschte Welt. Er übertrug die von Darwin an Pflanzen und Tieren beobachtete reproduktive Trennung der Arten, ihre genetische Abgeschlossenheit, auf die Menschen, aber nicht als naturgegebene, strikte Fortpflanzungsbarriere zwischen den Völkern und Rassen, sondern als Gebot der Natur, die eigene Art, ihren "Rassenwert", gegen andere, mindere menschliche Arten zu behaupten. Am Ende des geschichtlichen Prozesses steht dann die Weltherrschaft der Arier, der germanischen Völker und die Unterwerfung aller anderen Völker. Hitlers biologistische Glaubenswelt ist also, nicht anders als die marxistische, von eschatologischen, von endzeitlichen Erwartungen erfüllt, und er sieht sich selbst als einen vom Allmächtigen, von der Vorsehung erwählten Akteur in diesem historischen Prozess. Das Germanische Imperium, das er schaffen wollte, sah er als nächsten Schritt auf dem langen, beschwerlichen Weg zur Weltherrschaft. So hat er es den Teilnehmern an seinen Tischrunden zu erklären versucht. Und so kann man es – als Aussage über den Gang und Ausgang der menschlichen Geschichte – bereits bei rassistischen Autoren des 19. Jahrhunderts lesen, deren endzeitlichen Visionen Hitler als junger Mann nach eigenem Bekunden begegnet ist.

In Hitlers rassistischem Szenarium verfügen alle Völker, die arischen wie die nicht-arischen, über einen kleineren oder größeren Lebensraum. Den Juden freilich hat Hitler keinen eigenen Staat konzediert. Weil sie nach seiner Überzeugung weder den Willen noch die Gabe zur Gründung und Führung eines eigenen Staates haben. Darum sind sie über die ganze Welt verstreut, sind unwillkommene Gäste ihrer Wirtsvölker, Parasiten, die die naturferne Idee der Gleichheit aller Menschen, das Christentum, den Marxismus ebenso wie den Liberalismus, die Erklärung der Menschenrechte und das Gebot der Nächstenliebe erfunden haben, um als Gleiche unter Fremden Anerkennung und Entfaltungsmöglichkeiten zu finden. Ihr Lebensraum ist die ganze Welt, die sie am Ende auf indirekte Weise, nämlich als heimliche Herrscher ihrer "Wirtsvölker", in Besitz nehmen wollen. Sie durchbrechen das aristokratische Prinzip der Natur, das den Kampf der Völker um Lebensraum zum treibenden Element der menschlichen Geschichte macht. Die Juden haben und brauchen keinen eigenen Staat. Sie entziehen sich schlau dem direkten Kampf der Völker um Arterhaltung. Sie sind, kurzum, Störenfriede der Weltgeschichte. Darum müssen sie verschwinden. Das hat Hitler schon früh verkündet. Wenn auch in verkleideter Manier, denn zunächst war noch nicht von Vernichtung die Rede, sondern davon, dass die Juden aus dem öffentlichen Leben entfernt und ihnen alle bürgerlichen Rechte genommen werden müßten. So steht es im Programm seiner Partei und in "Mein Kampf". Was dann ja auch schnell in die Tat umgesetzt wurde, als Hitler Kanzler des Deutschen Reiches geworden war.

Wie gesagt: In Hitlers bizarrer Sicht sind es nicht beliebige Völker, die um die Weltherrschaft ringen, heute diese, morgen jene, sondern es fechten von Anbeginn die arischen gegen die nicht-arischen Völker um den irdischen Lebensraum. Die Arier, mythische Wesen, Lichtgestalten, die einst aus dem Nirgendwo nach Europa gekommen sein sollen, eine "Rasse", die sich durch ihre schöpferischen Fähigkeiten, durch kulturelle und technische Höchstleistungen von den anderen Völkern, den Nichtariern, unterscheidet. Wie man jenseits solcher fragwürdigen Zuweisungen Arier und Nichtarier auseinander hält, worin genau die Unterschiede in ihrem "Rassenwert" bestehen, wurde von Hitler – so wenig wie von den alldeutschen Autoren, deren Argumente er übernahm und überspitzte - an keiner Stelle schlüssig erklärt. Die Höher- und Minderwertigkeit wurde einfach behauptet oder mit der schlichten Zuweisung positiv oder negativ besetzter menschlicher Eigenschaften begründet. Naive Metaphern vom arischen Blut und seiner gefährdeten Reinheit mußten die fehlende empirische Grundlage des völkischen Rassismus ersetzen.

In der akademischen Verbrämung dieser Doktrin, damals von manchen professoralen Kathedern und in gelehrten Büchern verkündet, wurde aus äußerlichen Merkmalen, aus der Haut-, Augen- und Haarfarbe, aus der Schädelform, der Körpergröße und dem Körperbau auf Talent und Charakter ganzer Völker geschlossen. Wenn man nicht einfach die Sprachen als Kriterien zur Identifikation von "Rassen" machte, denen dann die von den Rassisten gewollten Eigenschaften angedichtet wurden. Die behaupteten "Rassenwerte" waren in dieser schlichten Sicht über die Jahrtausende gesichert, wenn das arische Blut nicht durch Vermischung mit nicht-arischem, durch genetische Vergiftung – Hitler sprach des öfteren von Rassentuberkulose - Schaden nahm. Wie im "vernegerten" und "verjudeten" Frankreich, dem Erzfeind im Westen, der als abschreckendes Beispiel für rassische Degeneration vorgeführt wurde. Das war leicht, weil im Zentrum des riesigen französischen Kolonialreiches natürlich Menschen jeglicher Hautfarbe lebten. Alles in Allem: Eine abstruse Doktrin. Vergangene Imperien und Hochkulturen außerhalb Europas kamen in diesem simplen Weltbild garnicht vor. Und die Griechen und Römer waren natürlich Arier, also Germanen. Wie die blonden Barbaren im Norden Europas, die eines Tages aufbrachen und das römische Reich zerstörten, dessen kriegerische und kulturelle Kräfte in der Sicht Hitlers durch den pazifistischen Geist, die "Humanitätsduselei" des Christentums zernagt, zerstört worden waren. Durch das Christentum, das ebenso wie der Marxismus eine Erfindung der Juden war. Denn Marx, der Philosoph, ebenso wie Paulus, der Apostel, waren Juden. Jesus hingegen war, wie Hitler erklärte, nicht Jude, sondern Galiläer. Allenfalls die Mutter, Maria, konzedierte Hitler, mochte Jüdin gewesen sein. Eine jüdische Prostituierte, meinte er in einer seiner Tafelrunden. Die Galiläer, in Hitlers Phantasie als römische Legionäre in die Levante verschlagene Germanen, standen dem jüdischen Schacher- und Wuchervolk feindselig gegenüber. Darum wurde Jesus, der Galiläer, der Germane und Gegner des Judentums, von den Juden ermordet. Eine groteske Erfindung historischer Sachverhalte, durch keinerlei Zeugnisse belegt und doch von Hitler in einigen seiner Tafelrunden ernsthaft vorgetragen. Dabei ließ er wie immer im Dunklen, woher er sein vorgebliches Wissen hatte. Wieder muss man an die nationalistischen und rassistischen Gazetten und Pamphlete denken, deren Inhalt der junge Hitler in den Wiener Cafés und Mansarden nach eigenem Bekenntnis verschlungen hatte.

Den Juden sprach Hitler jegliche kulturellen Fähigkeiten und Leistungen ab. Obwohl sie nicht nur im biblischen Israel, sondern auch in der Diaspora bedeutende Philosophen, Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler hervorgebracht hatten. Ein kleines Volk, das zur antiken mediterranen Kulturwelt gehörte und die hebräische Bibel, auch für den Nichtreligiösen ein großes Werk der Weltliteratur, geschaffen hat. Zu einer Zeit, in der die Germanen im Norden Europas mit geringem Erfolg versuchten, Sprache und kollektives Wissen mit Hilfe von Runen festzuhalten. Die Juden traten auf Hitlers rassistischer Bühne als Schmarotzer auf, als Parasiten, die sich in den arischen Volkskörper einzunisten und ihn zu zerstören, das arische "Blut" zu zersetzen trachteten. Für die Juden war darum in Hitlers kommendem Germanischen Reich kein Platz. Sie mußten ausgerottet werden. Anders die Slawen, vor allem die Polen, Tschechen, Russen und Ukrainer, die im künftigen Großgermanien als artfremde Sklaven, als "Untermenschen", den Deutschen bei der Herstellung billiger Nahrungsmittel und der Gewinnung von industriellen Rohstoffen zur Hand gehen sollten. Diese Hilfsvölker waren gewissermaßen Hitlers Indianer und schwarze Sklaven. Denn er stellte in seinen Tischrunden immer wieder Vergleiche mit dem englischen Weltreich und den Vereinigten Staaten von Amerika an. Die Rassendoktrin, die Einteilung der Menschen in Arier und Nicht-Arier, in Höher- und Minderwertige, diente in Hitlers Gedankenwelt letztlich der Rechtfertigung wirtschaftlicher Ausbeutung im künftigen Germanischen Reich. Sein Rassismus ist erkennbar eine verspätete kolonialistische Doktrin. Hitler bezeichnete in der Tat die eroberten Gebiete im Osten als "Unser Indien". Als Kolonien, die nicht in großer Ferne, sondern vor der eigenen Haustür lagen und kein ungesundes, tropisches Klima aufwiesen. Und an die Besiedlung Nordamerikas erinnern seine prahlerischen Worte, er werde aus den Steppen Asiens mit Hilfe der eingeborenen und herbeigeschleppten Sklavenarbeiter fruchtbare Äcker machen. Obwohl die Indianer Nordamerikas in Reservaten weggesperrt wurden und, anders als die aus Afrika herbeigeschleppten schwarzen Sklaven, bei der Besiedlung des riesigen Landes nur die Rolle von Störenfrieden spielten. Hitlers fanatischer Antijudaismus hingegen passt nicht in dieses Bild, denn die Juden, ein kleines, über die Welt verstreutes Glaubensvolk, sollten nach Hitlers Vorstellungen, anders als die Slawen, nicht als Arbeitskräfte ausgebeutet, sondern ausgesondert werden. So kann man es schon in der ersten Auflage von "Mein Kampf" nachlesen.

Der Antijudaismus Hitlers war ein paranoides Wahngebilde, dem in der Wirklichkeit nichts, garnichts entsprach. Wohl kannte Hitler den überkommenen – vielleicht sollte man sagen: altmodischen - Antijudaismus seiner mittelständischen Klientel, der Handwerker, Händler, Bauern und Akademiker, denen der Erfolg jüdischer Kaufleute, Bankiers, Ärzte, Anwälte, Professoren, Verleger, Journalisten und Künstler ein Dorn im Auge war. Mittelständische Zeitgenossen, die Juden mit Schläue, Verschlagenheit, Hinterlist und anderen negativ besetzten Vokabeln herabsetzten und nicht wahrhaben wollten, dass jene ganz normale Menschen waren. Menschen, die freilich stärker als die Angehörigen anderer Konfessionen allerorten zusammenhielten, weil sie in der nichtjüdischen Umgebung über viele Jahrhunderte als Fremdlinge auf offene oder versteckte Ausgrenzung stießen. Menschen, die zwangsläufig über die Grenzen zu blicken lernten, weil sie das Schicksal ihrer Vorfahren kannten. Menschen, die ihren Kindern, weit öfter als die Nichtjuden, unter großen Opfern Bildungs- und damit Aufstiegsmöglichkeiten verschafften. Sobald und soweit ihre nichtjüdische Umwelt das zuließ, also nach der Gewährung der vollen Bürgerrechte, die Hitler ihnen dann wieder nahm. Gleichwohl steckte im mittelständischen und bäuerlichen Antijudaismus nicht nur Missgunst und Neid, sondern immer auch widerwilliger Respekt. Hier ist kein Grund, auf die ökonomischen Wurzeln des traditionellen bürgerlichen und bäuerlichen Antijudaismus einzugehen. Auch nicht auf den religiösen Antijudaismus, der die Juden als Mörder des Heilands und als Gottesleugner diffamierte. Denn das alles war nicht Hitlers Thema. Sein krankhafter Judenhass war von völlig anderem Kaliber, war eine finstere Quasi-Religion, eine dualistische Phantasmagorie, in der zwei starke geschichtliche Kräfte gegeneinander um die Weltherrschaft kämpften, die Arier als Lichtgestalten und die Juden als böse Finsterlinge.

Die Juden waren die diabolische Kraft in der menschlichen Geschichte, eine Gegenrasse, die vernichtet werden mußte. Den anderen nicht-arischen Völkern, vor allem den Slawen als künftigen Untertanen im Germanischen Reich, wurden solche Fähigkeiten garnicht angedichtet. Sie waren als artfremde Sklaven der germanischen Siedler in den annektierten Gebieten von Hitler fest und ohne weiteren Vorbehalt vorgesehen. Denn Abermillionen deutsche, flämische, niederländische und skandinavische Herrenmenschen wollte Hitler im eroberten Osten ansiedeln und ihnen die Slawen als rechtlose Handlanger zur Verfügung stellen. Geplante Völkerverschiebungen solchen Ausmaßes waren bis dahin in Europa völlig unbekannt. Und sie wurden nicht nur geplant, sondern im Zweiten Weltkrieg auch praktiziert. Im Kleinen, gewissermaßen, obwohl es auch damals schon Millionen Menschen waren, die in Europa hin- und hergeschoben wurden. Die politische und kulturelle Elite dieser versklavten Völker wurde freilich wie die Juden Europas umgebracht. Soweit man ihrer habhaft geworden war.

Der Antijudaismus Hitlers und seiner Anhänger spielt in unseren weiteren Überlegungen ungeachtet seines bleibenden historischen Gewichts keine Rolle. Er ist als abwegiges Weltbild kein Thema für Ökonomen. Was wir allerdings festhalten und untersuchen wollen, das ist die ökonomische Dimension des Hitlerschen Rassismus, die Rolle moderner Sklaven, die die nicht-arischen Hilfsvölker im künftigen deutschen Herrschaftsbereich übernehmen sollten und in Hitlers Krieg bereits übernehmen mußten. Die Juden in Europa waren, wie gesagt, für solche Pläne ohne Bedeutung. Sie waren zur Ausrottung, nicht zur dauerhaften Ausbeutung bestimmt. Sie hatten keinerlei ökonomische Bedeutung.


Hitlers Rassismus hatte also zwei Gesichter, die man auseinanderhalten muss. Auf der einen Seite die Juden, die als Parasiten, als bösartige Verderber des arischen "Rassenwertes" ausgeschaltet, ausgerottet werden mußten, auf der anderen Seite die Slawen und andere nicht-germanische Völker, die im Germanischen Reich als artfremde Hilfskräfte schuften sollten. Ihr Lebensrecht und Lebensraum blieben im Prinzip unbestritten. Mit Einschränkungen freilich, denn ihre Städte, die Universitäten, Bibliotheken und Kathedralen sollten zerstört, ihre Eliten ermordet, kurz gesagt, ihre jahrhundertealte Kultur sollte ausgelöscht werden. Es genügten, meinte Hitler, vierklassige Volksschulen für diese Heloten. Sie sollten ihre Namen schreiben und Verkehrsschilder lesen können. So Hitler in einer seiner Tafelrunden. Das Modell für diese Pläne war die Plantagenarbeit in den überseeischen Kolonien europäischer Mächte, das Vorbild für die Vernichtung der europäischen Juden dagegen die Beseitigung von Schädlingen mit Insektiziden. Denn: Den Juden, anders als den Slawen, wurde von Hitler das Lebensrecht zur Gänze verwehrt. Für sie war kein Platz auf dieser Erde.

Dies also war Hitlers Vision: Eurasischer Lebensraum, wirtschaftliche Autarkie, ethnische Selektion und, bislang nicht thematisiert, die autokratische Organisation von Wirtschaft und Staat in einem Germanischen Reich, das England und den USA, den beiden anderen – in Hitlers Sicht: germanischen - Weltmächten ebenbürtig oder gar überlegen gegenüberstehen würde. Am Ende: Die Weltherrschaft. Alles in Allem die Vision der Alldeutschen im Kaiserreich, von Hitler aufgegriffen, aufgebauscht und in der Manier eines Vabanque-Spielers ernsthaft in Angriff genommen. Vergeblich, wie wir beklommen ob der ungeheuerlichen Verluste und Verbrechen und doch erleichtert feststellen können. Wenden wir uns gleichwohl Hitlers ökonomischen Gedankengängen zu. Seinen malthusianischen, autarkistischen und sozialdarwinistischen Argumenten und ihren fatalen Implikationen. Hitler hat mit seinen abwegigen Botschaften die Gefolgschaft von Millionen Menschen gewonnen und am Ende tiefe, furchtbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen. Darum, nur darum bedürfen seine zentralen Glaubenssätze immer wieder der nüchternen Analyse. Sie müssen stets aufs Neue mit dem Stand des gesicherten Wissens abgeglichen und als lebensferne Phantasien dingfest gemacht werden. Es ist nicht statthaft, Hitler und seine Argumente als Vergangenes zu ignorieren. Denn allzeit wachsen neue Generationen heran, die ratlos von diesen Monstrositäten hören. Diesem Ziel ist diese Schrift verpflichtet. Es will Hitlers fehlendes ökonomisches Wissen und seine Denkfehler in Sachen "Lebensraum und Lebenskampf der Völker" offenlegen und so den rassistischen und imperialistischen Zielen Hitlers die pseudo-wissenschaftliche Verkleidung nehmen. Was dann bleibt, ist der unverhohlene, menschenverachtende Größenwahn eines Mannes, dessen Intelligenz und beharrlicher, besessener Wille damals allzulange und von allzuvielen unterschätzt worden sind.



II
Vier Szenarien Hitlers zur Angleichung von Bevölkerungsgröße und Lebensraum des deutschen Volkes

In diesem Kapitel soll Hitlers Argumentation zunächst unkommentiert nachgezeichnet werden. Quellen sind, wie gesagt, seine beiden Werke "Mein Kampf" und das "Zweite Buch". In wenigen Kapiteln, auf vergleichsweise wenigen Seiten formuliert Hitler seine "Weltanschauung", seine zentralen politischen Glaubenssätze, die er nie mehr verändert hat. Im Mittelpunkt steht die Behauptung, dem deutschen Volk fehle für sein weiteres Wachstum der Lebensraum, es sei im Vergleich zu anderen Völkern bei der Verteilung der globalen Siedlungsflächen, der natürlichen Ressourcen zu kurz gekommen, und dieses Unrecht müsse in kommenden Kriegen korrigiert werden. Dabei hatte Hitler weit mehr als die Wiedergewinnung der nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen Gebiete des Deutschen Reiches im Sinn. Er war kein bloßer Revisionist. Er wollte dem deutschen Volk den notwendigen Lebensraum im Osten Europas durch Eroberungskriege verschaffen. Andere Möglichkeiten, Bevölkerungszahl und Lebensraum in Einklang zu bringen, werden von ihm in beiden Büchern diskutiert, am Ende indessen beiseite geschoben. Lassen wir uns also auf Hitlers Feststellungen und Formulierungen ein, meiden aber dabei nach Möglichkeit die vielen schiefen Metaphern, die misslungenen Vergleiche und den durchgängigen Missbrauch der deutschen Sprache. Man merkt seinen Texten gleichsam an, dass sie anhand von Notizen beim Auf- und Abwandeln im Raum mit lauter Stimme, starken Betonungen und rednerischen Gesten diktiert worden sind, als handelte es sich um Ansprachen an ein unsichtbares Publikum. Das wissen wir von den Zeugen der Diktate. In der Tat lesen sich seine Texte mehr wie Reden, die an Hörer denn als Gedankengänge, die an Leser gerichtet sind. Ihnen fehlt überdies jeglicher sprachliche Schliff.

Hitler unterstellt, Deutschland habe eine jährliche Bevölkerungszunahme von nahezu einer Million Menschen. Die Schwierigkeit der Ernährung dieser Armee von neuen Staatsbürgern muß nach seiner Auffassung von Jahr zu Jahr größer werden und einmal in einer Katastrophe enden, falls nicht Mittel und Wege gefunden werden, dieser Verelendung beizeiten vorzubeugen. Hitler nennt vier Wege, um einer solchen Entwicklung zu entgehen: Geburtenkontrolle, innere und äußere Kolonisation und der Austausch von Industrieprodukten gegen Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt, die "wirtschaftsfriedliche Eroberung der Erde". Gehen wir seinen Äußerungen zu diesen vier Strategien nach.

Er diskutiert zunächst die bewußte Einschränkung der Geburtenzahlen als Weg, Nachfrage nach und Angebot von Nahrungsmitteln im Deutschen Reich in Er diskutiert zunächst die bewußte Einschränkung der Geburtenzahlen als Weg,
Nachfrage nach und Angebot von Nahrungsmitteln im Deutschen Reich in Einklang zu bringen, nach französischem Vorbild die Zahl der Geburten einschränken und damit einer Überbevölkerung begegnen. Die Natur selber pflege in Zeiten großer Not oder bei geringen Ernten zu einer Einschränkung des Bevölkerungswachstums zu schreiten. Dies freilich in gnadenloser Manier. Die Natur behindere nicht die Zeugung, wohl aber das Weiterleben vieler gezeugter Menschen, indem sie diese so schweren Entbehrungen aussetze, daß alle minder Starken, weniger Gesunden, ausgemerzt würden. Jene Menschen aber, die die Unbilden des Daseins überleben, sind, wie er sagt, tausendfältig erprobt, sind hart und darum geeignet, weiter zu zeugen, damit die natürliche Auslese auf's Neue zu beginnen vermag. Auf diese brutale Weise erhalte die Natur die Rasse und Art nicht nur, sondern sie steigere sie zu höchsten Leistungen.

Ganz anders sieht es nach Hitler aus, wenn der Mensch sich anschickt, eine Beschränkung seiner Zahl vorzunehmen, wenn er eine bewußte Geburtenbeschränkung praktiziert. Denn er sei nicht aus dem harten Holze der Natur geschnitzt. Er lasse auch die Schwachen, die Ungesunden überleben, weil er immer nur sich selbst und nie die Rasse sieht. Während die Natur, indem sie die Zeugung freigibt, das Weiterleben aber einer schweren Prüfung unterwerfe, aus einer Überzahl von Einzelwesen die Stärksten, die Gesündesten zum Leben auswähle und zu Trägern der Arterhaltung werden lasse, schränke der Mensch die Zahl der Geburten ein, sorge aber zugleich dafür, daß jedes einmal geborene Wesen auch erhalten bleibe. Diese Korrektur des göttlichen Willens scheine dem Menschen klug und human zu sein, und er freue sich, wieder einmal in einer Sache die Natur übertrumpft zu haben. Denn sowie erst einmal die Zahl der Geburten vermindert sei, trete an die Stelle des natürlichen Kampfes um das Dasein, der nur den Allerstärksten und Gesündesten am Leben läßt, die Sucht, auch das Schwächlichste, Krankhafteste um jeden Preis zu retten. In Hitlers Sicht eine Verhöhnung der Natur und ihres ewigen, eisernen Willens. Das Ende aber werde sein, daß einem solchen Volke eines Tages die Existenzgrundlage genommen werde. Denn der Mensch könne wohl eine gewisse Zeit dem ewigen Gesetz der Arterhaltung trotzen, allein die Rache treffe ihn gleichwohl, früher oder später. Ein stärkeres Geschlecht werde die Schwachen verjagen, weil der Drang zum Leben die lächerlichen Fesseln einer sogenannten Menschlichkeit immer wieder zerbrechen werde, um an ihre Stelle die Humanität der Natur treten zu lassen, die die Schwachen vernichtet, um den Starken Platz zu verschaffen. Wer also dem deutschen Volke durch Geburtenbeschränkung das Dasein sichern wolle, raube ihm damit die Zukunft.

In diesen Feststellungen verbindet Hitler malthusianische und darwinistische Argumente. Robert Malthus beschrieb in seinem berühmten Essay "On the Principle of Population" (1798) Bevölkerungszyklen, die in Konsequenz des wechselnden Über- und Unterschreitens der natürlichen Nahrungskapazität zustande kommen. Wächst die Bevölkerung schneller oder langsamer als die begrenzten Ernährungsmöglichkeiten, dann passt eine steigende oder sinkende Sterblichkeit das Wachstum der Bevölkerung an das der Nahrungsmittelproduktion an, und dieser naturgesetzliche, repressive Anpassungsmechanismus wirkt solange, bis er durch vorbeugende menschliche Maßnahmen, durch die freiwillige Beschränkung der Geburtenzahl, abgelöst wird. Malthus hatte dabei "moral restraint", die Einschränkung der menschlichen Fruchtbarkeit durch Zölibat und späte Heirat, also rigide Formen der Geburtenkontrolle, im Auge. Gesetzt, diese Anpassung der Menschenzahl an die Nahrungskapazität durch Begrenzung der Fertilität würde gelingen, so wären die naturgesetzlichen Bevölkerungszyklen, die immer wiederkehrende grausame Angleichung der Menschenzahl an die Nahrungskapazität über die Schwankungen der Mortalität außer Kraft gesetzt. Allenfalls Hungerkatastrophen im Gefolge von Missernten, Erdbeben, Überschwemmungen und anderen unerwarteten Naturkatastrophen würden dann über eine gestiegene Mortalität, vor allem der Kinder und Alten, die Bevölkerungszahl an das verringerte Nahrungsmittelangebot anpassen. In dieser klassischen Fassung des Malthusschen „Bevölkerungsgesetzes“ ist also nur nebenbei von einer selektiven Wirkung des Kampfes um die Existenzgrundlagen die Rede. Anders in der Argumentation Hitlers.

Der natürliche Kampf um das Dasein läßt nach Hitlers Formulierung nur die Allerstärksten und Gesündesten am Leben. Was meint er damit? Er will erklären, dass Nahrungsmittelknappheit zu Auseinandersetzungen führt, in denen es Gewinner und Verlierer gibt. Wenn die Stärksten die knappen Nahrungsmittel an sich bringen, dann denkt man sofort an den Kampf Aller gegen Alle, den Thomas Hobbes (1649) Gesellschaften zugesprochen hat, deren Individuen nicht durch stabile Verhaltensregeln zivilisiert worden sind. Dann sieht man, von Hitlers schwammigen Formulierungen ermuntert, womöglich bekannte Gestalten aus seinem Figurenkabinett, die Barbaren aus den nordischen Wäldern, die Germanen, die vom Hunger getrieben aufeinander und auf ihre Feinde einschlagen, bis die Allerstärksten und Gesündesten übrig bleiben. Hitler verknüpft also, ohne diese Quellen zu kennen und zu nennen, das Bevölkerungsgesetz von Robert Malthus mit dem Grundgedanken Charles Darwins in seinem ersten großen Werk "On the Origin of Species by Means of Natural Selection" (1859), wonach im Fortgang der Evolution die Individuen und Arten überleben, die am besten an ihre Umwelt angepasst sind. Diese auf die Beobachtung von Pflanzen und Tieren gestützte Hypothese wurde von den Sozialdarwinisten, von Autoren wie Herbert Spencer (1860) und Ernst Haeckel (1891) übernommen und auf die Entwicklung des Menschen übertragen. In seinem zweiten großen Werk "On the Descent of Man" (1871) vertrat Charles Darwin ähnliche Gedanken, von denen er sich freilich später distanzierte. Die Sozialdarwinisten können sich also nur mit Einschränkung auf Darwin berufen. Nach der sozialdarwinistischen Doktrin setzen sich im Kampf der Menschen um die natürlichen Ressourcen immer die Stärksten und Tüchtigsten durch, und dieses Bild der menschlichen Geschichte wurde teils auf den Wettbewerb unter den Individuen, teils auf den Kampf zwischen Völkern und Rassen bezogen.

Die englischen Wirtschaftsdarwinisten haben Darwins Gedanken der natürlichen Selektion, der, wie gesagt, der Pflanzen- und Tierwelt galt, als Erklärung für Erfolg und Misserfolg der Anbieter und Nachfrager im marktwirtschaftlichen Wettbewerb verwendet. Der Tüchtige siegt, der Untüchtige verliert im Kampf um Marktanteile und Gewinne. In dieser Fassung genießt der Sozialdarwinismus auch heute noch Reputation. Vor allem bei jenen Ökonomen, die die Unternehmer in Pioniere und traditionale Wirte einteilen, in diejenigen, die neue Produkte und Produktionsverfahren erfolgreich auf den Markt bringen und die anderen, die das nicht vermögen und vom Markt vertrieben werden, wenn sie nicht mit Imitaten und Surrogaten eine Marktnische finden. Der technische Fortschritt ist in dieser Sicht das Ergebnis des wirtschaftlichen Wettbewerbs, der Konkurrenz von Altem und Neuem, in der sich die besseren Produkte und Produzenten gegen die überkommenen durchsetzen. Hitler freilich beschäftigt sich in seinen Schriften und Reden nicht mit der Konkurrenz von Individuen und Firmen auf den Güter-, Finanz- und Arbeitsmärkten, sondern mit dem Kampf der menschlichen Völker und Rassen um die natürlichen Ressourcen. In diesem immerwährenden Kampf um den Lebensraum müssen in Hitlers Sicht, wie wir bereits erfahren haben, die starken Völker und Rassen über die schwachen siegen. Eine befriedigende Erklärung der "Stärke" der einen und der "Schwäche" der anderen Seite ist Hitler uns freilich schuldig geblieben. Es genügt ihm, an das Walten einer grausamen Selektion in der menschlichen Geschichte zu glauben. Anders Darwin, der sich bei der Entwicklung der Evolutionstheorie anhand schlüssiger Beispiele zu erklären bemühte, welche Eigenschaften bestimmte Pflanzen- und Tierarten im Laufe der Evolution zum Sieger oder Verlierer im Kampf um das Überleben werden lassen.

Geburtenkontrolle scheidet also für Hitler als Möglichkeit aus, Bevölkerungszahl und Lebensraum in Einklang zu bringen. Sie würde nach seiner Meinung den biologischen Verfall des deutschen Volkes befördern, seinen "Rassenwert" mindern, weil die erstgeborenen Söhne in seiner Sicht offenbar nur misslungene Probefälle der Natur bei der Herstellung hochbegabter Menschen sind. Weil nur Kinderreichtum ein Volk zu einem gesunden Volk macht. Auch für diese Urteile erspart sich Hitler plausible Gründe. Er diskutiert dann die Möglichkeiten einer "Inneren Kolonisation", Lebensraum und Bevölkerungszahl anzugleichen. Darunter versteht er Steigerungen der landwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität durch eine Umverteilung und intensivere Bebauung der kleineren Flächen ebenso wie Verbesserungen der Agrartechnologie. Dieser Versuch, eine Übervölkerung zu vermeiden, den Nahrungsspielraum zu vergrößern, muss freilich nach Hitler scheitern. Zwar könne die Produktivität des Bodens bis zu einer bestimmten Grenze erhöht werden. Allein eben nur bis zu dieser Grenze und nicht darüber hinaus. Eine gewisse Zeit würde man also ohne Hungersgefahr die Vermehrung des deutschen Volkes durch eine Erhöhung der Produktivität des Bodens auszugleichen vermögen. Dem stünde freilich die Tatsache gegenüber, daß die Nachfrage nach Nahrungsmitteln schneller zu steigen tendiere als das Nahrungsmittelangebot. Denn der Pro-Kopf-Bedarf der Menschen an Nahrung und Kleidung würde von Jahr zu Jahr größer und stünde in keinem Verhältnis mehr zu den Ansprüchen früherer Generationen. Es sei also irrig zu meinen, daß jede Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion die Voraussetzung für eine Vermehrung der Bevölkerung schaffe. Dies treffe nur bis zu einem gewissen Grade zu, weil ein Teil der Mehrerzeugnisse des Bodens zur Befriedigung des erhöhten Bedarfs der Menschen verbraucht würde. Auch bei emsigstem Bemühen werde irgendwann eine Grenze erreicht, und es sei dann auch bei allem Fleiße nicht mehr möglich, mehr aus dem Boden herauszuwirtschaften, und dann trete, wenn auch hinausgeschoben, das Verhängnis, die drohende Hungerkatastrophe, abermals in Erscheinung. Der Hunger werde sich zunächst nur von Zeit zu Zeit, bei Mißernten, einstellen. Er werde dies aber mit steigender Volkszahl immer öfter tun, so daß er endlich nur in den seltenen Fällen ausbleibt, in denen reiche Jahre die Speicher füllen. Aber es nahe am Ende die Zeit, in der der Hunger zum ständigen Begleiter eines solchen Volkes geworden ist. Dann müsse wieder die Natur auf ihre grausame Art die zum Leben Auserwählten bestimmen. Oder der Mensch greife zur Geburtenbeschränkung mit allen ihren negativen Folgen für den Rassenwert.

Hier verstrickt Hitler sich freilich in Widersprüchen. Er begründet die künftige Nahrungsmittelknappheit in Deutschland einerseits mit dem Wachstum der Bevölkerungszahl bei begrenzter Bodenfläche, andererseits mit dem steigenden Pro-Kopf-Verbrauch von Nahrungsmitteln. Man fragt sich, wie der Pro-Kopf-Verbrauch von Nahrungsmitteln angesichts einer durch das Bevölkerungswachstum bei gegebener Bodenfläche und stagnierender agrarischer Arbeitsproduktivität wachsenden Versorgungslücke steigen können sollte, wenn das Defizit nicht durch die Einfuhr von Nahrungsmitteln gedeckt wird. Der Ökonom schließt, dass unter solchen Umständen die Nachfrage nach Nahrungsmitteln durch steigende Nahrungsmittelpreise auf die Höhe des Nahrungsmittelangebots beschränkt wird, so dass der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch von Nahrungsmitteln sinkt und nicht, wie Hitler annimmt, steigt. Es zeigt sich, dass seine immer wieder getroffene eitle Feststellung, er sei kein Ökonom, die Wahrheit trifft. Haupteinwand gegen seine holperige Argumentation ist, dass er das Tempo des technischen Fortschritts in der landwirtschaftlichen Produktion, die stetige Erhöhung der Boden- und Arbeitsproduktivität unterschätzt, die es erlaubt, eine wachsende Bevölkerung auf einer gegebenen Anbaufläche bei steigendem Pro-Kopf-Verbrauch zu ernähren. Die von ihm vorausgesagte Hungerkatastrophe war auch ohne belangvolle Nahrungsmitteleinfuhren und ohne die Eroberung fremden Bodens im Deutschen Reich jener Jahre nie zu erwarten. Dies auch darum, weil das Wachstum der deutschen Bevölkerung schon damals erkennbar dem Ende zustrebte. Die Fertilität, die durchschnittliche Kinderzahl deutscher Frauen, hatte zu der Zeit, als Hitler seine Bücher schrieb und seine Reden hielt, bereits Werte angenommen, die auf längere Sicht zu einer schrumpfenden Bevölkerung führen mußten, wenn die Geburtenlücke nicht durch Einwanderung ausgeglichen wurde. Eine Entwicklung, die Hitler, wie gesagt, missfallen hätte, weil sie nach seiner Auffassung den "Rassenwert" des deutschen Volkes schmälern würde. Vor allem hätten ihm Geburtendefizite das Argument genommen, dass neuer Lebensraum für das deutsche Volk gewonnen werden müsse. Wofür, hätte man sich gefragt, wenn die Bevölkerungszahl doch beharrlich schrumpft oder zumindest stagniert? Aber das war nicht Hitlers Gedankenwelt.

Hitler kommt zu seinem eigentlichen Anliegen, wenn er sein Szenarium der drohenden Hungerkatastrophe auf die gesamte Weltbevölkerung überträgt. Wenn er behauptet, dass irgendwann die gesamte Menschheit gezwungen sei, infolge der Unmöglichkeit, die Nahrungsmittelproduktion der wachsenden Weltbevölkerung anzupassen, jegliche Vermehrung des menschlichen Geschlechts zu beenden und entweder die Natur wieder entscheiden zu lassen oder durch Geburtenbeschränkung den notwendigen Ausgleich zu schaffen. Dies würde dann alle Völker treffen, während in der Gegenwart nur diejenigen Völker benachteiligt seien, denen die Kraft und die Stärke fehlten, um sich den Boden zu sichern, der für ihre Erhaltung notwendig sei. Denn auf dieser Erde seien immer noch ungeheure Bodenflächen ungenutzt, und dieser Boden sei von der Natur nicht einem einzelnen Volk für alle Zeit zugewiesen, sondern er sei Land für das Volk, das die Kraft besitze, es mit dem Schwert zu nehmen, und den Fleiß, es zu bebauen.

Diese Unterschiede in der gegenwärtigen Pro-Kopf-Ausstattung mit Boden illustriert Hitler mit einigen Vergleichen: Der Flächeninhalt des Deutschen Reiches verschwinde vollständig gegenüber dem der sogenannten Weltmächte. Man möge, meint er, keinesfalls England als Gegenbeweis anführen, denn das englische Mutterland sei nurmehr die große Hauptstadt des britischen Weltreiches, das fast ein Viertel der ganzen Erdoberfläche umgreife. Weiter müsse man als Riesenstaaten in erster Linie die USA, sodann Rußland und China ansehen. Allesamt Raumgebilde von mehr als der zehnfachen Fläche des damaligen Deutschen Reiches. Selbst Frankreich müsse zu diesen Staaten gerechnet werden. Es mache im übrigen in seiner "Vernegerung" so rapide Fortschritte, daß man tatsächlich von der Entstehung eines afrikanischen Staates auf europäischem Boden sprechen könne.

Hitler nimmt also die großen Flächenstaaten Russland, China, die Vereinigten Staaten und die europäischen Großmächte England und Frankreich, beide unter Einrechnung ihrer Kolonien, als Vorbild für das Deutsche Reich, für das "Volk ohne Raum". Von den vier Möglichkeiten, die Ernährung des deutschen Volkes in Friedens- und Kriegszeiten zu sichern, hat Hitler also eine Begrenzung des Bevölkerungswachstums durch Geburtenkontrolle oder Auswanderung ebenso wie die "Innere Kolonisation", die effizientere Bewirtschaftung der vorhandenen Böden, abgelehnt und die Eroberung neuer Räume im Osten Europas gefordert. Neuer Gebiete, auf denen am Ende Millionen germanischer Bauern angesiedelt werden sollten, denen wiederum Millionen Slawen und andere Völker als billige Heloten zur Verfügung stehen würden. Dazwischen stand freilich der Krieg, den Hitler noch nicht begonnen und erst recht nicht gewonnen hatte.

Bleibt die vierte der denkbaren Strategien, Bevölkerungszahl und Lebensraum des deutschen Volkes in Einklang zu bringen. Die Öffnung Deutschlands zum Weltmarkt, die Ausrichtung der deutschen Wirtschaft auf den Export von Industrieprodukten und den Import von Nahrungsmitteln und Rohstoffen als Möglichkeit, eine wachsende Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen zu versorgen. In Hitlers Worten: Die "wirtschaftsfriedliche Eroberung der Erde". Nach Hitler läge der Sinn einer Öffnung des Deutschen Reiches zum Weltmarkt darin, daß Deutschland mehr Industriegüter produziere, als es für den eigenen Bedarf nötig habe, diesen Überschuß exportiere und mit dem Erlös die Nahrungsmittel und Rohstoffe importiere, an denen Mangel herrsche. Die Öffnung des Deutschen Reiches zum Weltmarkt sei also eine Frage einerseits der Produktionsmöglichkeiten im eigenen Land, andererseits der Absatzmöglichkeiten auf dem Weltmarkt. Der Absatzmarkt für Industrieprodukte schrumpfe indessen auf lange Sicht, weil die Zahl der Industrieländer ständig steige und die der Agrar- und Rohstoffländer im Zuge ihrer "Selbstindustrialisierung" ebenso ständig sinke. Auf dem Weltmarkt träten also einerseits immer mehr Anbieter von Industrieprodukten und Nachfrager nach Agrarprodukten und Rohstoffen und andererseits immer weniger Anbieter von Agrarprodukten und Rohstoffen und Nachfrager nach Industrieprodukten auf. Damit beginne ein Kampf um die schrumpfenden Märkte für Industrieprodukte, Agrarprodukte und Rohstoffe, der umso härter werden müsse, je größer die Zahl der Industrie- und je kleiner die der Agrar- und Rohstoffländer werde. Das deutsche Volk zum Beispiel habe ein lebendiges Interesse daran, auf deutschen Werften Schiffe für China zu bauen, um mit den Exporterlösen Nahrungsmittel zu importieren, die auf dem ungenügenden eigenen Boden nicht erzeugt werden könnten. Diese Möglichkeit aber entfiele, wenn China in Konsequenz seiner "Selbstindustrialisierung" die Schiffe selber baue und seine vormaligen Reisüberschüsse zur Ernährung seiner wachsenden Stadtbevölkerung verwende.

Je mehr die Absatz- und Beschaffungsschwierigkeiten wüchsen, um so erbitterter werde der Kampf um die verbleibenden Märkte geführt werden. Zunächst würden als Waffen dieses Kampfes die Preisgestaltung und die Qualität der Waren eingesetzt, mit denen man einander niederzukonkurrieren versuche. Die letzte Waffe sei aber auch hier das Schwert. Das eine Volk erhalte auf diese Weise die Möglichkeiten zum Leben, und dem anderen Volke würden sie entzogen. Der Einsatz sei also auch bei der "wirtschaftsfriedlichen Eroberung der Erde" am Ende immer die Substanz des eigenen Volkes. Wenn aber ein kraftvolles Volk nicht glaube, ein anderes mit wirtschaftsfriedlichen Mitteln besiegen zu können oder wenn ein schwächeres Volk sich von einem wirtschaftlich stärkeren nicht vernichten lassen wolle, indem ihm langsam die Möglichkeiten seiner Ernährung abgeschnitten werden, dann werde in beiden Fällen der Dunst der wirtschaftsfriedlichen Phrasen plötzlich zerrissen und der Krieg, also die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, an ihre Stelle treten. Sowie aber ein Stärkerer an Stelle wirtschaftsfriedlicher Mittel die realen Kräfte der politischen Macht einsetze, müßten die schwächeren Völker, die auf den friedlichen Austausch von Gütern auf dem Weltmarkt gesetzt hätten, zusammenbrechen. Dann treffe sie die Rache ihrer eigenen Verfehlungen. Sie seien überbevölkert und besäßen keine Möglichkeit mehr, die übergroße VoIkszahl zu ernähren, keine Kraft, die Fessel der Gegner zu sprengen, und keinen inneren Wert, das Schicksal würdig zu tragen. Sie glaubten einst, um leben zu können, dank ihrer wirtschaftsfriedlichen Haltung der Gewalt entsagen zu dürfen. Das Schicksal werde sie belehren, daß man endgültig ein Volk nur erhält, wenn Volkszahl und Lebensraum in einem natürlichen und gesunden Verhältnis zueinander stehen. Daß dieses Verhältnis von Zeit zu Zeit überprüft werden müsse, und in eben dem Maße, in dem es sich zu Ungunsten des Bodens verschiebt, zu Gunsten der Volkszahl wieder hergestellt werden müsse.

Hitler argumentiert also gegen die konsequente Wiedereingliederung des Deutschen Reiches in den Weltmarkt, gegen eine internationale Arbeitsteilung, die Deutschland im Austausch gegen Industrieprodukte die fehlenden Nahrungsmittel und Rohstoffe verschaffen würde. Eine solche "wirtschaftsfriedliche Eroberung der Erde" könnte in Hitlers Sicht nicht, jedenfalls nicht auf Dauer gelingen, weil im Zuge der "Selbstindustrialisierung" der Länder mit Agrar- und Rohstoffüberschüssen die Absatzmöglichkeiten der deutschen Industrie ebenso wie die der anderen Exportnationen schwinden müßten. Das Modell des Exports deutscher Industrieerzeugnisse gegen die Nahrungsmittel- und Rohstoffüberschüsse anderer Länder, Praxis des kaiserlichen Deutschen Reiches, muss nach Hitlers Erklärung auf lange Sicht scheitern, wenn und weil diese Länder die erforderlichen Industrieprodukte selbst erzeugen und ihre Agrarproduktion für die Ernährung ihrer wachsenden Stadtbevölkerungen brauchen. Am Ende existieren nurmehr Industrieländer, die um die schrumpfenden Exportmöglichkeiten für Industrieprodukte und die ebenso schwindenden Importmöglichkeiten für Nahrungsmittel und Rohstoffe kämpfen. Diese Entwicklung würde in Hitlers Sicht nur vermieden, wenn es auf Dauer neben einem Industrieland nurmehr Agrarländer gäbe, so dass die klassische Arbeitsteilung zwischen Industrie- und Agrarländern endlos weitergehen könnte. Das ist, vorab gesagt, seine Vision vom künftigen Germanischen Reich, in dem der eroberte Ostteil den Westteil auf alle Zeit mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen versorgen würde. Der "Osten" des Germanischen Reichs, dem die Industrialisierung und Verstädterung von Staats wegen verboten wäre. In diesem Autarkiemodell fallen offenkundig "Innere Kolonisation" und "Äußere Kolonisation" zusammen.

Kehren wir zurück zu Hitlers Zusammenbruchs-Szenarium, das eine erstaunliche Ähnlichkeit mit marxistischen Imperialismusthesen aufweist, die ebenfalls in den zwanziger Jahren diskutiert worden sind. Dort dient, verkürzt beschrieben, der Kapitalexport aus den Industrie- in die Agrarländer deren Industrialisierung, und diese nimmt den klassischen Industrieländern die Exportmöglichkeiten, führt darum in eine weltweite Wirtschaftskrise und am Ende zur Weltrevolution, zum Übergang vom Kapitalismus zu Sozialismus und Kommunismus. Nicht viel anders in Hitlers phantasierter Welt: Die "Selbstindustrialisierung" der Agrarländer muss in einen Krieg Aller gegen Alle, in einen globalen Kampf um Nahrungsmittel und Rohstoffe führen, in dem der "Starke" siegt und der "Schwache" stirbt. Geburtenkontrolle, Auswanderung oder effizientere Nutzung des verfügbaren Bodens so wenig wie der Versuch, durch "wirtschaftsfriedliche Eroberung der Erde", durch Austausch eigener Industrieprodukte gegen Nahrungsmittel und Rohstoffe auf dem Weltmarkt können in Hitlers Urteil die Aufgabe erfüllen, Bevölkerungszahl und Lebensraum im damaligen Deutschen Reich in Einklang zu bringen. Für ihn bleibt nur die Eroberung riesiger Bodenflächen im Osten Europas, also Krieg gegen die Sowjetunion nach Ausschaltung der Länder, die dabei im Wege waren. Ein politisches Programm, das kaum jemand ernst nahm, bis Hitler versuchte, es in die Tat umzusetzen.



III
Kritik der ökonomischen Argumente Hitlers


1. Hitlers erstes Szenarium

Anpassung der Bevölkerungsgröße an den Lebensraum:
Demographischer Wandel

Hitler geht in allen seinen Überlegungen von einer wachsenden deutschen Bevölkerung aus. In der Tat ist die deutsche Bevölkerung zu seiner Zeit noch gewachsen, obwohl die Fertilität der deutschen Frauen schon lange abgenommen hatte und weiterhin sank. So brachte eine deutsche Frau im Laufe ihres Lebens im Durchschnitt um 1800 fünf Kinder, um 1900 zwei Kinder und um 2000 ein Kind zur Welt. Die Stellen hinter dem Komma sind dabei ausgelassen, weil sie für unsere Überlegungen unwichtig sind. Überhaupt wird der Leser in diesem Text keine Bevölkerungs- und Wirtschaftsstatistiken finden. Sie lassen sich von jedem, den das interessiert, leicht und schnell auf den Bildschirm bringen. Kommen wir zurück: Das von Hitler formulierte Problem, einer wachsenden Bevölkerung Deutschlands den erforderlichen Lebensraum zu verschaffen, hatte zu seiner Zeit bereits jegliche Grundlage verloren. Die deutsche Bevölkerung würde schon um 1920 von der Wachstums- in die Schrumpfungsphase gelangt sein, wenn die damaligen Fertilitäts- und Mortalitätsbedingungen schon seit Jahrzehnten unverändert gegolten hätten. Davon konnte aber keine Rede sein. Die vergangenen, höheren Geburtenraten haben damals starke Frauenjahrgänge und damit hohe Geburtenzahlen hervorgebracht, die erst mit dem Nachrücken der schwächer besetzten Frauenjahrgänge sanken. Größe und Altersaufbau jeder Bevölkerung spiegeln eben immer auch die Fertilitäts- und Mortalitätsverhältnisse vergangener Jahrzehnte. Die jeweiligen Alterspyramiden erzählen immer auch ein Stück Bevölkerungsgeschichte. Dellen und Beulen im Altersaufbau künden von vergangenen Aus- oder Einwanderungswellen, von Kriegen und anderen Katastrophen, von geburtenreichen und –armen Zeiten, von den Veränderungen der Fertilität und Mortalität. Wenn man alle diese Effekte "herausrechnet", dann ergibt sich die stabile Bevölkerung für die geltenden altersspezifischen Geburten- und Sterberaten. Die stabile Altersstruktur ist also jene, die sich ergäbe, wenn die heutigen altersspezifischen Geburten- und Sterberaten schon immer gegolten hätten. Dies ist zugleich jene Altersstruktur, die sich allmählich einstellt, wenn die gegenwärtigen altersspezifischen Geburten- und Sterberaten weiterhin über Jahrzehnte unverändert bleiben. Damit ist der kleine, sehr kurze Ausflug in die formale Demographie beendet. Unwillige Leser können das Gesagte vergessen, wenn es sie nicht interessiert, warum Hitler von dauerhaften Geburtenüberschüssen reden konnte, während die deutsche Bevölkerungszahl bereits zu seiner Zeit tendenziell schrumpfte. Tatsächlich begann sie erst in der Gegenwart, lange nach Hitler, abzunehmen. Diese lange Verzögerung ist in erster Linie der Einwanderung von Millionen Menschen geschuldet, einer Entwicklung, die schwerlich die Zustimmung Hitlers und seiner Kumpane gefunden hätte.

Die Basis für den Übergang von der wachsenden zur schrumpfenden Bevölkerung war in Deutschland bereits 1920 gegeben. Also zu einer Zeit, in der Hitler die Notwendigkeit der Eroberung neuen Lebensraums mit der Behauptung begründet hat, die deutsche Bevölkerung würde Jahr für Jahr um rund eine Million Menschen wachsen. Während seiner Herrschaft hat er versucht, die durchschnittliche Kinderzahl der deutschen Frauen durch allerlei an die Zahl der Kinder geknüpfte Zahlungen und Ehrungen zu erhöhen. Das "Deutsche Mutterkreuz", den Frauen nach ihrer Kinderzahl in einer von mehreren Klassen verliehen, als handele es sich um so etwas wie den "Pour le Mérite", ist damals von vielen Zeitgenossen belächelt worden. Solche Maßnahmen blieben freilich ohne nachhaltigen Erfolg. Die geringe Zunahme der Geburtenraten kurz vor dem Zweiten Weltkrieg mag eher mit der sinkenden Arbeitslosigkeit als mit dem Mutterkreuz zu tun gehabt haben. Auch die von Hitler für die Zeit nach dem gewonnen Krieg erwogene Legalisierung der Bigamie, die die Kriegsverluste und die mit ihnen einhergehenden Geburtenlücken dadurch ausgleichen sollte, dass ein Mann mehrere Ehefrauen haben durfte, hätte wohl kaum eine nachhaltige Zunahme der Geburtenzahlen gezeitigt. Überdies hat Hitler den Krieg nicht gewonnen, und niemand hat seitdem ernsthaft erwogen, die Bigamie zu legalisieren. Ohnehin nimmt der Anteil nichtehelicher Geburten in allen Industrieländern stetig zu, und niemand weiß, welche Rolle dabei verheiratete Männer als leibliche Väter spielen. Fälle der Quasi-Bigamie gewissermaßen, die Hitler, wie gesagt, ermuntert und gebilligt hätte. So jedenfalls seine Äußerungen gegenüber den Tafelgenossen im Hauptquartier.

Warum gingen Hitlers Annahmen über die weitere Entwicklung der deutschen Bevölkerung so sehr an der wirklichen Entwicklung vorbei? Warum spricht er von Geburtenüberschüssen in Millionenhöhe, während doch die Anzeichen für ein Ende des Bevölkerungswachstums in Deutschland dem Bevölkerungswissenschaftler bereits zu seiner Zeit unübersehbar waren? Hat er den demographischen Wandel nicht gesehen, hat er diese Entwicklung nicht wahrnehmen, auf den Rat der Wissenschaft nicht hören wollen? Glaubte er, eine Umkehr herbeiführen zu können? Wir wissen es nicht. Womöglich war das von ihm in seinen Schriften und Reden unterstellte Bevölkerungswachstum tatsächlich nur ein Vorwand für die geplanten Eroberungskriege. Aber die zu erobernden riesigen Gebiete wollten besiedelt, wollten wirklich in Besitz genommen werden. Woher die Millionen germanischer Siedler nehmen, die Wehrbauern im künftigen Germanischen Reich, die Hitler in seinen Tischrunden im Hauptquartier mit leuchtenden Augen schilderte? Wie die Menschen motivieren, ihre Heimat zu verlassen und in der Fremde ein neues Leben als freie Bauern zu beginnen? Hitler wollte den deutschen Siedlern volleingerichtete große Bauernhöfe schenken und ihnen Millionen einheimischer und herbeigeschleppter Arbeitssklaven zur Verfügung stellen. Vielleicht hätte das in der Tat viele Menschen zur Wanderung nach Osten veranlasst. Vielleicht. Diese Wanderungen hätten dann aber im Westen des Deutschen Reichs die Schrumpfung der Bevölkerung verstärkt. Die beabsichtigte Umsiedlung von Millionen Menschen wäre ja nichts anderes als eine riesige Auswanderungswelle gewesen. Im Grunde wollte Hitler so etwas wie die Besiedlung Nordamerikas wiederholen, die Auswanderer freilich nach Osteuropa statt nach Übersee lenken. Die Niederlage von 1945 hat dem Spuk ein Ende bereitet. Statt der Verpflanzung zahlloser Siedler in die Weiten Russlands sind Millionen Menschen aus den vormals deutschen Gebieten im Osten vertrieben und in den Westen Deutschlands umgesiedelt worden. Millionen von Flüchtlingen und Aussiedlern haben die Bevölkerungszahl des verkleinerten Deutschlands wachsen lassen, ohne Hungerkatastrophen auszulösen.


Dies gilt auch, nachdem Millionen ausländische Arbeitskräfte in Deutschland aufgenommen wurden. Eine viel größere Bevölkerung lebt bei weit höherem Pro-Kopf-Einkommen und auf viel kleinerem Raum als zu Hitlers Zeit. Die These vom „Volk ohne Raum“ war im Rückblick nicht mehr als ein willkommener Vorwand für geplante Eroberungskriege. Oder, für bare Münze genommen, ein Denkfehler, zumindest eine Wissenslücke.


Dem.Trans

Demographischer Wandel 1800 - 2000

Fragen wir lieber nach den Ursachen des demographischen Wandels in Deutschland wie in den anderen entwickelten Ländern. Dieser muss, wie jeder sich leicht denken kann, in Verbindung mit dem bereits diskutierten säkularen Strukturwandel in der Wirtschaft und den damit verknüpften Veränderungen der sozialen Verhältnisse gesehen werden. Hitler und die Seinen hätten also durchaus erkennen können, dass und warum der demographische Wandel vonstatten ging. Die bereits geschilderte Entwicklung von der vor-industriellen über die Industrialisierungs- zur nach-industriellen Phase der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung hat die Mortalität und Fertilität beeinflußt, und umgekehrt haben die demographischen Veränderungen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung genommen. Die stetige Senkung der Mortalität ist durch das steigende Pro-Kopf-Einkommen, die Verbesserung der Wohn- und Ernährungsbedingungen, durch die schwindende Bedeutung schwerer körperlicher Arbeit und durch die stetige Verbesserung der medizinischen Versorgung verursacht worden. Die erfolgreiche Verhinderung oder Eingrenzung von Seuchen und Epidemien, die Entwicklung neuer Diagnosemöglichkeiten, neuer Heilmittel und Heilverfahren, die damit einhergehende Verbesserung der ärztlichen Ausbildung, der Aufbau eines modernen Klinikwesens und die Einführung der gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen haben die Lebenserwartung der Menschen in allen Altersgruppen, in allen sozialen Schichten bis auf den heutigen Tag zunehmen lassen. Die höheren Überlebensraten der Mädchen und Frauen hätten auch ohne Änderung der altersspezifischen Geburtenraten die Geburtenzahlen steigen lassen, weil die Zahl der Frauen im Gebäralter zugenommen hätte. Dem haben freilich die Senkungen der altersspezifischen Geburtenraten entgegengewirkt, die sich in allen heutigen Industrieländern eingestellt haben.

In der Frühzeit der Industrialisierung wirkten der Wechsel von der ländlichen zur städtischen Lebensweise, die damit verbundene Verteuerung des Wohnraums, die Berufstätigkeit der Frauen in den Fabriken und Büros, das Verbot der Kinderarbeit und die obligatorische und verlängerte Schulzeit auf eine bewußte Senkung der geplanten Kinderzahlen hin, und die Verfügbarkeit und Kenntnis von Verhütungsmöglichkeiten ließ die tatsächlichen Kinderzahlen auch ohne die Heiratsbeschränkungen der vor-industriellen Welt sinken. Dahin wirkte auch die nachlassende Verbindlichkeit überkommener Lebensnormen und Lebenspläne im städtischen Milieu. Im Fortgang der Industrialisierung und Verstädterung wuchs die durchschnittliche Schul- und Ausbildungsdauer der Knaben und, mit Verzögerung, die der Mädchen. Kinder zur wirtschaftlichen Selbständigkeit zu bringen, dauerte in allen sozialen Schichten immer länger und wurde immer teurer. Mit der Ausbildungsdauer stieg das durchschnittliche Heiratsalter und die Berufstätigkeit der Frauen nach der Heirat. Die Lebensansprüche der Familien wuchsen mit der Erwerbstätigkeit der Frauen, machten dieses zweite Einkommen für Viele unverzichtbar. Das erste Kind wurde in immer höherem Alter der Frauen geboren, und die Geburtenabstände wurden größer. In der Sprache des Ökonomen: Die steigenden Opportunitätskosten, der mit der Entscheidung für weitere Kinder verbundene Verzicht auf Arbeits-, Einkommens- und damit Konsummöglichkeiten, ließen die geplante Familiengröße sinken. Auch die sozialen Kontakte, die das Berufsleben den Frauen jenseits der Familien öffnete, spielen gewiss eine Rolle. Das dominante Familienbild in Europa zeigt derzeit nurmehr zwei Wunschkinder, am liebsten einen Jungen und ein Mädchen als Abbild des Elternpaares. Die zunehmende Scheidungsquote und das Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren, tun ein Übriges, die geplante Kinderzahl zu senken und die geplanten Geburtenzeitpunkte der Konjunkturentwicklung, den Schwankungen der wirtschaftlichen Chancen und Risiken anzupassen. Diese prozyklische Reaktion der Heirats- und Geburtenzahlen läßt sich leicht belegen. Zweite und dritte Kinder, vielleicht in jungen Jahren gewünscht, werden oft nicht mehr geboren. Der Anteil nicht-ehelicher Lebensgemeinschaften mit ihren unterdurchschnittlichen Kinderzahlen und die steigende Zahl der Frauen, die bewußt auf Kinder verzichten, lassen ebenfalls die Geburtenraten sinken. Kurzum, die drastische Veränderung der Lebenspläne und der Lebenswirklichkeit ließ die Geburtenraten auf ein Niveau sinken, bei dem die deutsche Bevölkerung ohne massive Einwanderung seit langem nicht mehr wachsen, sondern schrumpfen würde. Nur die Zuwanderung von Millionen Menschen hat den Wechsel von der wachsenden zur schrumpfenden Bevölkerungszahl in Deutschland bis zur Jahrtausendwende verschoben.

Deutsche Frauen bringen mittlerweile im Durchschnitt nurmehr 1.3 Kinder zur Welt. Viel zu wenig, um die Bevölkerungsgröße von derzeit über 80 Millionen ohne Einwanderung zu erhalten. Dafür wären im Durchschnitt 2.1 Geburten je Frau vonnöten. Andere europäische Länder übertreffen freilich die Deutschen bei der Geburtenbeschränkung auch ohne restriktive staatliche Vorschriften, wie sie in China immer noch gelten, obwohl dieses Land im Zuge seiner Verstädterung und Industrialisierung auch ohne das staatliche Ein-Kind-Diktat längst dem demographischen Wandel unterliegen würde. Von Afrika südlich der Sahara abgesehen, sinken die Geburtenraten in aller Welt, und das Wachstum der Weltbevölkerung geht zurück. Viel zu langsam für Viele, die neue und weltweite Hungersnöte kommen sehen. Gleichwohl: Das malthusianische Schreckensbild einer Übervölkerung der Erde verliert allmählich seine bedrohliche Kraft. Das bedeutet freilich nicht, dass der Hunger auch in den ärmsten Ländern bereits besiegt wäre. Und es bleiben die steigenden Umweltschäden, weil die Weltbevölkerung weiterhin wächst, bis die gesunkenen und weiter sinkenden Geburtenraten voll zur Geltung kommen. Weil die Schwellenländer versuchen, den gleichen, umweltzehrenden Weg der Industrialisierung zu nehmen, den die Industrieländer gegangen sind. Die meisten der weltweiten Umweltschäden werden freilich nach wie vor als negative Externalitäten von Produktion und Verbrauch in den Industrieländern verursacht, deren Bevölkerung längst nicht oder kaum mehr wächst, soweit nicht die Einwanderung aus den Entwicklungsländern die Geburtenlücken der einheimischen Bevölkerung füllt.

Das ist nicht mehr Hitlers Welt. Die Bevölkerungsschrumpfung, die langfristige Selbst-Auslöschung des deutschen Volkes, wie er und seine Trabanten das vielleicht bezeichnet hätten, passte nicht in seine Vorstellung von einem gesunden und starken Volk. Was hätte er wohl bei der Abfassung von "Mein Kampf" seinen Helfern beim Auf- und Abwandeln im Raum in die Schreibmaschine diktiert, wenn er gewußt hätte, was wir heute wissen und was man damals hätte wissen können: Dass die deutsche Bevölkerung bereits den Keim der Schrumpfung in sich trug, Einfluss und Ausdruck der modernen Lebenswelt und Lebensweise, die noch nicht voll erkennbar waren, weil die höheren Geburtenraten vergangener Jahrzehnte über die stärker besetzten Frauen- und Männerjahrgänge immer noch Geburtenüberschüsse zuwege brachten, die ohne näheres Zusehen für dauerhaft gehalten werden konnten. Man darf sicher sein, dass es Hitler leicht gefallen wäre, diese Entwicklung als krankhaft zu denunzieren, als Ergebnis geistiger Verwirrung, die von den Juden den Deutschen verabreicht wurde, den Juden, die das deutsche Blut vergiften, die arische "Rasse" vernichten wollten. Hitler hätte schnell zu seinem Thema zurückgefunden. Verwestlichung, Verweichlichung, Entartung, schändliche Schmälerung des "Rassenwerts" des deutschen Volkes. Das wäre ihm leicht von den Lippen gekommen. Er hätte nichts, garnichts an seinen Aussagen ändern müssen.


Es besteht einfach kein Grund zu der Annahme, dass Hitler die damals noch verdeckte Schrumpfung der deutschen Bevölkerung ohne Widerstand hingenommen hätte. Man muss annehmen, dass er, der immer wieder eindringlich die Geburtenkontrolle als Weg, Bevölkerungszahl und Lebensraum in Einklang zu bringen, abgelehnt und als Kanzler den öffentlichen Verkauf von Verhütungsmitteln verboten und Abtreibungen unter schwere Strafe gestellt hatte, von seinen Plänen auch dann nicht abgegangen wäre, wenn er gewußt hätte, dass die Tendenz zur dauernden Schrumpfung der deutschen Bevölkerung bereits wirksam war, als er die politische Bühne betrat. Er hätte wohl versucht, die demographische Entwicklung umzukehren. In der Tat hat er in seinen Tafelrunden wiederholt behauptet, dass die im eroberten Osten angesiedelten germanischen Bauern wieder große Familien haben würden. Er wollte nicht akzeptieren, dass jene ihre Lebensformen und Lebensnormen mit in die neue Heimat nehmen würden. Zu tief war sein Glaube, dass nur ein kinderreiches Volk gesund und stark sein konnte. Jedes Argument war ihm recht, das diesen Glauben stützte. Unklar war ihm auch, dass die Agrartechnik im eroberten Osten dem gleichen Wandel unterlegen wäre wie die Agrarproduktion im Westen des Deutschen Reiches, dass die Einführung kapitalintensiver, arbeitssparender Techniken Söhne und Töchter seiner germanischen Bauern arbeitslos gemacht und zur Rückwanderung in den Westen - oder in andere Länder -veranlasst hätten, wenn, wie von Hitler geplant, eine Industrialisierung der eroberten Gebiete unterblieben wäre, so dass die Söhne und Töchter der germanischen Bauern und ihrer slawischen Heloten in ihrer Heimat keine neuen Arbeitsplätze gefunden hätten. Ein Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung in den als Vorbild genommenen USA hätte Hitler belehrt, dass seine kolonialistischen Träume keine reale Grundlage hatten. Aber Hitler war kein Ökonom, sondern trotz allem unbezweifelbaren Scharfsinn ein Illusionist, ein Phantast, wenn es darum ging, die Zukunft der Welt ins Auge zu nehmen. Vielerlei Veränderungen waren damals bereits im Gang, von denen Hitler nichts wußte oder nichts wissen wollte.


Was waren, was sind überhaupt die wirtschaftlichen Konsequenzen der Bevölkerungsschrumpfung? Bedeutet eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung zugleich wirtschaftlichen Niedergang? Muss man also damit rechnen, dass auf lange Sicht mit der Erwerbsbevölkerung auch die Wirtschaftsleistung, gemessen etwa am realen Inlandsprodukt, schrumpft? Weil auch die zunehmende Erwerbstätigkeit der Frauen, von Hitler ohnehin abgelehnt, die Senkung der Erwerbsbevölkerung nicht auszugleichen vermag. Ein solches Szenarium impliziert, dass das Produktivitätswachstum die Bevölkerungsschrumpfung nicht dauerhaft kompensieren kann. Wenn beispielsweise die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden Jahr für Jahr mit der Rate von 2% schrumpft und die Stundenproduktivität nur um 1% steigt, dann sinkt die produzierte Gütermenge jährlich um rund 1%. Würde die Stundenproduktivität stattdessen aufgrund technischer Fortschritte um 3% je Jahr steigen, während die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden wiederum mit der Rate von 2% schrumpft, dann würde die produzierte Gütermenge jährlich um rund 1% steigen. Ob die produzierte Gütermenge, das Inlandsprodukt, bei schrumpfender Zahl der eingesetzten Arbeitsstunden steigt oder sinkt, hängt also bei gegebener Entwicklung von Erwerbsbevölkerung und Erwerbsquote vom Produktivitätswachstum ab.

Läßt sich also etwas über den Zusammenhang zwischen Arbeitsproduktivität und Bevölkerungsentwicklung sagen? Muss man davon ausgehen, dass das Wachstum der Arbeitsproduktivität bei stetig schrumpfender und alternder Bevölkerung erlahmt? Diese Annahme könnte man auf Hypothesen stützen, die in den Fachkreisen der Ökonomen diskutiert werden. Die Rede ist von der Annahme, dass das Produktivitätswachstum mit dem Niveau der Produktion steigt und sinkt. Größenvorteile, die der Ökonom Skaleneffekte nennt. Je höher die Produktion, umso höher in dieser Sicht auch die Arbeitsproduktivität. Wo viele Menschen viel produzieren, so kann man es vielleicht vereinfacht formulieren, da ist auch viel Gelegenheit, Neues zu entdecken, zu erfinden und einzuführen: Learning-by-Doing. Auf lange Sicht gilt dann: Je höher die Wachstumsrate der Produktion, umso höher die der Arbeitsproduktivität. Wenn also die Bevölkerungszahl nicht mehr wächst, sondern schrumpft, wenn die Zahl der Arbeitsplätze nicht mehr steigt sondern sinkt, dann wird unter den getroffenen Annahmen auch das Wachstum der Arbeitsproduktivität gedämpft.

Hier könnte man auch Hitlers Behauptung unterbringen, die Häufigkeit des Auftretens bedeutender Erfinder, Forscher, Dichter, Maler, Komponisten und anderer herausragender Menschen müsse mit der durchschnittlichen Kinderzahl der Familien sinken, weil Hoch- und Höchstbegabte in aller Regel nachgeborene Söhne seien. Was spricht für, was gegen diese Vermutung? Wenn, wie in der vor-industriellen Zeit, in großen Familien, die meisten Söhne naturgemäß Nachgeborene sind, dann sind auch die meisten hochbegabten Männer nachgeborene Söhne, falls die Wahrscheinlichkeit, ein Hoch- oder Höchstbegabter zu werden, für alle männlichen Geburtsränge die gleiche ist. Dann kann man allenfalls sagen, dass mit höherer oder niedrigerer Gesamtzahl der Söhne auch die Zahl hochbegabter Männer jeglichen Geburtsrangs höher oder niedriger ist. Die Pro-Kopf-Versorgung mit Genialität bliebe dann unverändert, würde der Ökonom sarkastisch sagen. Hitler indessen, selber nachgeborener Sohn, hat in seinen Tischrunden im Hauptquartier allen Ernstes und immer wieder behauptet, dass die Wahrscheinlichkeit, ein Höchstbegabter zu sein, für nachgeborene Söhne viel höher als für erstgeborene sei. Dass die Erstgeborenen gewissermaßen mißlungene Fälle in der Produktion hoch- und höchstbegabter Männer seien. Woraus folge, dass mit der Geburtenbeschränkung, mit dem Verzicht auf weitere Söhne, der Verlust hochbegabter Menschen und ihrer Werke und damit eine Minderung des "Rassenwerts" eines Volkes verbunden sei. Von den Töchtern war dabei, wie bereits gesagt, keine Rede. Ihnen hat Hitler ohnehin keine schöpferischen Fähigkeiten zugemessen. Wie er in seinen Tischgesprächen betonte: Frauen sollten viele Kinder gebären und ihren Männern zur Seite stehen und nicht versuchen, dem Mann in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft Konkurrenz zu machen. Im Krieg hat sich Hitler lange gewehrt, die zum Wehrdienst einberufenen Männer in den Betrieben durch deutsche Frauen ersetzen zu lassen. Mit dieser Aversion gegen die Frauenemanzipation stand Hitler damals sicherlich nicht allein.

Wie stets verschwieg Hitler, woher er seine vorgeblichen Kenntnisse hatte. Seriöse Aussagen zu diesem Thema, falls es sie gäbe, stünden und fielen indessen mit der Bestimmung eindeutig meßbarer Eigenschaften, die einen Mann oder eine Frau zum Hochbegabten machen und mit der Wahrscheinlichkeit, dass Erst- oder Nachgeborene gerade solche Eigenschaften besitzen. Auch dann bliebe der Einfluss der Lebensumstände zu bedenken. Denkbar durchaus, dass der Ausschluss der nachgeborenen Söhne vom Erbe im preußischen Landadel ihren Wechsel in Berufe befördert hat, in denen innovative Leistungen ermutigt wurden. Der preußische Adel hat die nachgeborenen Söhne freilich vielfach in die Armee und in die staatliche Verwaltung gesteckt, wo nicht viel Anlass bestand, wissenschaftliche und kulturelle Höchstleistungen hervorzubringen. Freilich war auch die bäuerliche, kinderreiche Welt, in der die Erstgeborenen die Herren waren, nicht der Ort für kühne kulturelle Innovationen. Zu untersuchen wäre ja auch, um Hitlers Gedanken ohne seine Genehmigung fortzuspinnen, inwieweit mit der Emanzipation der Frauen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass erst- oder nachgeborene Töchter Hoch- und Höchstbegabte sind und so, zur Ausbildung und Ausübung ihrer Talente ermuntert, den Verlust ausgleichen könnten, der entstünde, weil weniger hochbegabte Männer geboren werden. Alles in Allem ein sehr weites, nebliges Feld. Ein Arbeitsgebiet für Begabungsforscher, aber eben auch ein Tummelplatz für Dilettanten, für Scharlatane, zu denen Hitler, der Alles- und Besserwisser, ohne Zweifel gehörte.

Eine Beziehung zwischen Bevölkerungs- und Produktivitätswachstum könnte natürlich auch an der Altersstruktur der Bevölkerung festgemacht werden: Je größer der Anteil der Jüngeren an der Erwerbsbevölkerung, umso moderner das Wissenskapital, umso flexibler, mobiler, motivierter und innovativer im Durchschnitt die Menschen. Oder, umgekehrt betrachtet: Je größer der Anteil der Älteren an der Erwerbsbevölkerung, umso veralteter das Wissenskapital, umso weniger flexibel, mobil und innovativ im Durchschnitt die Menschen, wenn nicht "lebenslanges Lernen" die altersspezifischen Produktivitätsdifferenzen verhindert. Die Altersstruktur der Bevölkerung ist in dieser Sicht ein zentraler Bestimmungsgrund für das Produktivitätswachstum in einem Land. Man kann also nicht von vornherein ausschließen, dass sich das Produktivitätswachstum im Gefolge einer stetig schrumpfenden und alternden Erwerbsbevölkerung verlangsamt. Die Geschichte kennt solche Fälle des Niedergangs vordem innovativer Völker. Man denke nur an den Untergang des römischen Reichs, der von manchen Historikern auch mit der nachlassenden Fertilität der römischen Bürger in Verbindung gebracht wird. Eine Entwicklung, die Hitler den Christen und Juden angelastet hat. Andererseits muß man das Tempo des technischen Fortschritts aber auch nicht als schicksalhafte Größe betrachten. In der Sicht vieler moderner Ökonomen ist das Produktivitätswachstum nicht einfach ein mechanischer Reflex vorgegebener sozialer Prozesse und Strukturen, sondern vielmehr das Ergebnis zielgerichteter, nämlich von Gewinnchancen und Verlustrisiken geleiteter Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten. So induziert die Verknappung und Verteuerung der Arbeit arbeitssparenden technischen Fortschritt. Oder: Die Verknappung und Verteuerung bestimmter Rohstoffe erzeugt rohstoffsparende Verbesserungen. Man denke nur an die Entwicklung und Einführung benzinsparender Autos im Gefolge steigender Treibstoffpreise. Der technische Fortschritt ist in dieser Perspektive Ergebnis einer schöpferischen Reaktion der Produzenten und Konsumenten auf Marktsignale. So betrachtet besteht darum kein Anlass anzunehmen, dass die für ein wünschenswertes Produktivitätswachstum erforderlichen Innovationskräfte in Deutschland und in den anderen Industrieländern jetzt oder in der nahen Zukunft abhanden kommen könnten, weil die Bevölkerung nicht mehr wächst sondern schrumpft, wenn und weil die Geburtenlücken nicht durch Einwanderung ausgeglichen werden.

Hitler hätte der Weg offengestanden, eine Schrumpfung der deutschen Bevölkerung durch die Einwanderung "rassisch wertvoller" Menschen aus anderen europäischen Ländern auszugleichen, um die Abnahme der deutschen Bevölkerung in Wachstum zu verwandeln. Schließlich wollte Hitler auch die Besiedlung der im Osten eroberten Gebiete mit der Verpflanzung west- und nordeuropäischer Freiwilliger beschleunigen und verstärken. Warum jene dann nicht auch im Deutschen Reich sesshaft machen? Schließlich hat er genau das während des Zweiten Weltkriegs getan, als es darum ging, die durch die Einberufung der deutschen Arbeiter und Bauern zum Wehrdienst freigewordenen Arbeitsplätze mit Millionen von Angehörigen der beherrschten europäischen Länder zu besetzen. Eine temporäre Quasi-Auswanderung sozusagen. Werfen wir also einen kurzen Blick auf die Möglichkeit, Schrumpfung und Alterung der deutschen Bevölkerung durch Einwanderung von jüngeren Arbeitskräften auszugleichen oder die schrumpfende Bevölkerung auf diese Weise sogar in eine wachsende zu verwandeln.

Es genügt eine konstante Zahl von Einwanderern je Periode, um in einem Land mit ständigen und konstanten Geburtenlücken der einheimischen Bevölkerung eine stationäre Gesamtbevölkerung zu erreichen. Betrachten wir zunächst den einfachen Fall, in dem in jedem Jahr ein Geburtendefizit von 100.000 Menschen durch eine Einwanderung von 100.000 Menschen ausgeglichen wird. Übernehmen die Einwanderer die Geburten- und Sterberaten der im Land geborenen Menschen, dann bleibt die Bevölkerungszahl mit Hilfe der Einwanderer auf lange Sicht konstant. Das Geburtendefizit wird durch Einwanderung ausgeglichen. Auch die Altersstruktur der Bevölkerung bleibt unverändert, wenn die Einwanderer den gleichen Altersaufbau wie die Einheimischen haben. Betrachten wir nun zwei andere Fälle, in denen die konstante jährliche Zahl der Einwanderer größer oder kleiner als das anfängliche Geburtendefizit der Einheimischen ist. Im ersten Fall sei eine konstante Einwandererzahl zunächst größer als die Differenz zwischen Gestorbenen- und Geborenenzahl. Dann wächst unter sonst gleichen Umständen die Bevölkerungs- und damit die Geburtenzahl, bis die Einwandererzahl gerade die Geburtenlücke der einheimischen Bevölkerung deckt. Zur einheimischen Bevölkerung rechnen natürlich auch die Einwanderer der Vergangenheit und ihre Nachkommen. Im zweiten Fall sei eine konstante Einwandererzahl zunächst kleiner als die Geburtenlücke. Dann schrumpft, alles andere gleich, die Bevölkerungs- und damit die Geburtenzahl, bis die Einwandererzahl gerade die Geburtenlücke der einheimischen Bevölkerung deckt. Dabei ist unterstellt, dass die Einwanderer und ihre Nachkommen Fertilität und Mortalität der Einheimischen ohne Verzögerung übernehmen. Ohne diese Annahme bleibt das Gesagte grundsätzlich richtig, aber der Anpassungsprozess läßt sich nicht ganz so einfach schildern. Worauf es ankommt: Es ist nicht so, dass eine bestimmte Einwandererzahl erforderlich wäre, um im Falle einer an sich schrumpfenden Bevölkerung eine Konstanz der Bevölkerungszahl zu erreichen. Jede beliebige konstante Einwandererzahl führt bei konstanter Geburtenlücke der Einheimischen letztlich zu diesem Ergebnis. Allerdings: Je größer die anfängliche Geburtenlücke, umso höher die Einwandererzahl, die es erlaubt, die Konstanz der Bevölkerung in ihrer anfänglichen Höhe zu erreichen. Einwanderung wirkt im Prinzip wie eine Erhöhung der Fertilität auf die Bevölkerungsentwicklung ein. Der Unterschied besteht allein darin, dass ein Teil der Bevölkerung nicht im Inland, sondern im Ausland geboren und vielleicht auch ausgebildet worden ist.

Der Verfasser will nicht missverstanden werden. Er hat sich nicht dafür ausgesprochen, Geburtenlücken der deutschen Bevölkerung durch bewußt gesteuerte Einwanderungsströme auszugleichen. Er hat nur darauf aufmerksam gemacht, dass derlei durchaus denkbar und machbar ist. Zumindest, solange ein höheres Pro-Kopf-Einkommen Wanderungswillige aus anderen Ländern nach Deutschland zieht. Allerdings käme es nicht nur darauf an, die Bevölkerungszahl zu stabilisieren, sondern zu sichern, dass die Einwanderer und ihre Nachkommen die Qualifikationen besitzen oder erwerben, die in den Wachstumsbereichen der Wirtschaft nachgefragt werden. Denn in den Schrumpfungsbereichen würden die Migranten mit den einheimischen Arbeitslosen um die sinkende Zahl der angebotenen Arbeitsplätze konkurrieren. In der Tat sind die Anteile der Schulabbrecher und jugendlichen Arbeitslosen unter den Einwanderern und ihren Nachkommen - den Menschen mit Migrationshintergrund, wie sie heute heißen - in Deutschland und anderen europäischen Einwanderungsländern deutlich höher als die entsprechenden Quoten der übrigen, der einheimischen Bevölkerung. Auch der Anteil der Selbständigen, die womöglich Arbeitsplätze schaffen, ist unter den Migranten in aller Regel niedriger als unter der im Lande geborenen Bevölkerung. Darum werden die sozialen Sicherungssysteme womöglich durch Einwanderung von Menschen ohne die geforderten beruflichen Qualifikationen strapaziert statt Entlastung zu erfahren. Es ist also durchaus denkbar, dass sich die zur Stabilisierung der gegenwärtigen Bevölkerungszahl in Deutschland oder anderen europäischen Ländern erforderlichen hohen Einwandererzahlen auf die Dauer garnicht oder nur zu nicht-akzeptierten sozialen Kosten verwirklichen ließen, so dass es bei der Schrumpfung der Bevölkerungszahl bliebe. Auch das wäre, wie gesagt, keine Katastrophe. Hitlers vorgeblich sinkenden "Rassenwert" der Deutschen beiseite gelassen, gilt es festzustellen, dass ökonomische Größenvorteile in der heutigen Wirtschaftswelt auch in einem kleineren Deutschland erreichbar wären, dessen Unternehmungen über die eigenen Grenzen und die der Europäischen Union hinaus auf den globalen Märkten operieren. Darüber wird bei der Diskussion der "wirtschaftsfriedlichen Eroberung der Erde" zu sprechen sein. Eine reduzierte und kontrollierte Einwanderung würde jedenfalls möglich machen, den Zustrom von Ausländern auch nach den Qualifikationen zu steuern, die in den Wachstumsbereichen der Wirtschaft gefordert werden. Die klassischen Einwanderungsländer gehen diesen Weg, und auch in der Europäischen Union zeigen sich zaghafte Ansätze in dieser Richtung.

Das alles sind Fragen der Politik, die sich so oder anders entscheiden lassen. Kehren wir darum zu unserem Thema zurück, zu Hitlers "Volk ohne Raum". Durch entsprechend hohe Einwandererzahlen, wenn sie erreichbar gewesen wären, hätte sich also damals im Deutschen Reich nicht nur die Konstanz, sondern auch ein Wachstum der Bevölkerungszahl erreichen lassen. Und damit ein Bevölkerungsüberschuss, der in den eroberten Osten hätte geleitet werden können. Man hätte die Einwanderer freilich auch gleich dorthin schicken können. Um den Preis, dass die deutsche Kernbevölkerung weiterhin schrumpfen würde. Das hätte Hitler und seinen Trabanten gewiss nicht gefallen. Aber: Was spricht eigentlich - jenseits aller Vorliebe für kinderreiche Bauernfamilien und blumengeschmückte Bauernhäuser - gegen die Schrumpfung der deutschen Bevölkerung? Wenn die meisten Menschen sich doch offenbar in den heutigen Kleinfamilien wohler fühlen als in den großen Familien der vor-industriellen, der bäuerlichen und bürgerlichen Welt. Große Familien, die zu gründen sie auch in der Gegenwart niemand hindern würde.

Gibt es überhaupt so etwas wie eine optimale Bevölkerungsgröße und -entwicklung? Nur, wenn man diese Frage mit Ja beantwortet, besteht vielleicht Anlass, die Schrumpfung der deutschen Bevölkerung zu beklagen. Hitler wollte eine wachsende Bevölkerung, weil Kinderreichtum ihm als Zeichen für ein gesundes, starkes Volk galt, und weil er in Kindern künftige Soldaten und Siedler in den eroberten Gebieten erblickte. Mit solchen Vorstellungen zeigte er sich als ein Mann der agrarischen, der vor-industriellen Welt, als Übriggebliebener längst vergangener Verhältnisse. Wenn man Hitler und seinen Agrarismus und Bellizismus einmal beiseite läßt und die Frage stellt, welche Kriterien für die Bestimmung einer optimalen Bevölkerungsentwicklung heutzutage und hierzulande diskutiert werden, dann kommt einem sofort die allseits beklagte Alterung unserer Gesellschaft in den Sinn, die Tatsache, dass mit den abnehmenden Geburtenraten der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Bevölkerung sinkt und jener der Älteren und Alten steigt. Diese Entwicklung wird durch die stetige Erhöhung der Überlebensraten vor allem der alten Menschen verstärkt. Die Überlebensraten der jüngeren Menschen dagegen bewegen sich schon in der Nähe von eins, lassen sich also kaum noch erhöhen.

Die Alterspyramide ist, übertrieben gesagt, auf den Kopf gestellt. Und das heißt: Die mittleren Jahrgänge müssen im Vergleich zur vor-industriellen Zeit weniger Kinder, aber mehr Alte unterhalten. Das war nicht das Ziel, ist aber der Preis für die kleinere Kinderzahl der Paare. Fragen wir darum, unter welchen Bedingungen die Zahl der Kinder und Alten, die ein Aktiver im Durchschnitt unterhalten muss, am kleinsten ist, wenn man das Niveau der altersspezifischen Geburtenraten gedanklich als Steuerungsvariable nimmt, wenn man also untersucht, was sich ändert, wenn alle altersspezifischen Geburtenraten um den gleichen Prozentsatz steigen oder sinken. Dann lautet die Antwort, dass das "optimale" Geburtenniveau eine leichte Bevölkerungsschrumpfung, also ein niedriges Fertilitätsniveau verlangt. Für die meisten Menschen verblüffend, gleichwohl aber wahr: Eine jährliche Schrumpfung der deutschen Bevölkerungszahl um rund 1% würde die durchschnittliche Kinder- und Altenlast eines Aktiven in Deutschland bei der gegebenen Höhe und Struktur der Sterblichkeit in etwa minimieren. Nun mag man sagen, dass nicht die Zahl der Kinder und Alten, sondern die ökonomische Kinder- und Altenlast das entscheidende Wohlstandskriterium sei, also die in Geld oder Einkommensanteilen ausgedrückte Belastung der Aktiven durch Kinder und Alte. Dann käme es darauf an, wer im Durchschnitt "teurer" und wer "billiger" ist – ein Kind oder ein alter Mensch. Dazu haben viele Zeitgenossen, normale Bürger ebenso wie Politiker und manche gelehrten Leute, verwunderlicherweise eine feste Meinung. Meist die, dass die Unterstützung alter Menschen, Rentner und Pensionäre, mehr kostet als die Betreuung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen. Obwohl sich diese Frage anhand der verfügbaren Daten garnicht beantworten läßt.

Klar ist nur, dass - im Vergleich zu dem Fall, in dem Junge und Alte im Durchschnitt gleichviel kosten - die belastungsminimale Bevölkerungswachstumsrate sinkt, wenn Kinder im Durchschnitt "teurer" als alte Menschen sind, die von den Aktiven unterhalten werden müssen, und dass die belastungsminimale Bevölkerungswachstumsrate steigt, wenn umgekehrt Kinder im Durchschnitt "billiger" als Alte sind. Wir können, wie gesagt, bislang nicht feststellen, ob Kinder oder alte Menschen im Durchschnitt höhere Unterhaltskosten verursachen. Dies ist vor allem darum so schwierig, weil die Unterhaltsleistungen teils von den Familien, teils vom Staat, teils in naturaler, teils in monetärer Form erbracht werden und weil sie teils penibel festgehalten, teils garnicht oder ungenau erfasst werden. Sie bestehen zu einem großen Teil aus Opportunitätskosten, aus dem Verzicht auf das, was man ohne ein weiteres Kind alles haben und machen könnte. Im übrigen bleibt zu fragen, warum ein Bevölkerungsoptimum anhand der "Last" bestimmt werden sollte, die der Unterhalt von Kindern und alten Menschen verursacht. Denkbar wären auch ganz andere soziale Maßstäbe für eine optimale Bevölkerungsentwicklung, und so sollten wir uns vielleicht mit der Vermutung begnügen, dass die Menschen im Durchschnitt die Kinderzahl wählen, bei der sie ihr maximales Lebensglück zu finden glauben. Gewiss orientieren sie ihre Familienplanung nicht, jedenfalls nicht direkt, an gesamtgesellschaftlichen Größen. Obwohl manche Politiker und andere bestellte und unbestellte Sprecher des Gemeinwohls Appelle mit solchen Ansinnen verbreiten. Sie wissen nicht, dass sie dabei in der Nachfolge Hitlers handeln, der den deutschen Familien vorschreiben wollte, wie viele Kinder sie haben sollten.

Die Freude, die Eltern an ihren – wenigen - Kindern haben, gehört ebenso in das Bild wie die der Kinder, denen in der heutigen Welt vielleicht bessere Lebenschancen vermittelt werden als in der Agrargesellschaft, von der Hitler träumte. Dass viele Kinder hier und heute auf Geschwister, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen verzichten müssen, die sie in den größeren Familien der vor-industriellen Zeit gehabt hätten, wiegt womöglich nicht so schwer wie mancherorts befürchtet wird. Auch die eingeschränkte Verfügbarkeit der berufstätigen Mütter muss nicht unbedingt beklagt werden, wenn den Kindern verständnisvolle Helfer im Kreis von Gleichaltrigen beistehen, die sie anderenfalls kaum kennenlernen würden. Gleichaltrige, die an die Stelle der Geschwister treten, die es nun in der Tat kaum mehr gibt. Viele Gleichaltrige auch, die man nie wirklich treffen wird, mit denen man aber im weltweiten Netz kommuniziert. Es ist nicht möglich, die Summe dieser Vorgänge auf einfache Art zu bewerten. Sozialer Wandel ist eben immer mit vielerlei Veränderungen verbunden, die von den einen begrüßt, von anderen bedauert werden. Nüchternheit ist auch in dieser Sache geboten. In der vor-industriellen, bäuerlichen Welt war es die Rolle der Kinder als Arbeitskräfte, die zum Einkommen der Familie beitrugen und die Tatsache, dass sie später den Unterhalt und die Pflege der Alten sichern würden, die die generativen Entscheidungen bestimmt, zumindest mitbestimmt haben. Auch in jener Zeit wurden aber die biologischen Grenzen der Fertilität nie und nirgends erreicht. Halten wir also fest, dass die Menschen die Größe ihrer Familien nach eigenen Kriterien bestimmen, und dass das Ergebnis eine Bevölkerungszahl und -struktur ist, die nicht jeder als optimal bezeichnen wird, der sich in dieser Sache äußert. Auch nicht, wenn er Hitler heißt und von vielen Millionen deutscher Soldaten und Siedler träumt.

Die von Hitler, einem in diesen wie in den meisten anderen Wissensfeldern gänzlich ungebildeten Mann, gegen die Geburtenkontrolle als Regulativ der Familiengröße und damit der Bevölkerungszahl und -entwicklung vorgebrachten Argumente sind aus der Luft gegriffene Behauptungen, die keiner empirischen Prüfung standzuhalten vermögen. Schließlich praktizieren die Menschen seit Jahrtausenden Geburtenkontrolle durch die Gewährung oder Verweigerung, durch den regulierten Gebrauch von Fortpflanzungschancen. Sie planen und verwirklichen Kinderzahlen, die weit unter den biologischen Möglichkeiten liegen, ohne erkennbar die physische, psychische und intellektuelle Verfassung ihrer Nachfahren, deren "Rassenwert", zu ruinieren. Was immer das überhaupt sein mag. Hitler hat es uns an keiner Stelle so richtig verraten.

Was bleibt also von Hitlers Argument, dem deutschen Volk fehle für sein weiteres Wachstum der Lebensraum, es sei im Vergleich zu anderen Völkern bei der Verteilung der globalen Landflächen zu kurz gekommen, und dieses Unrecht müsse in kommenden Kriegen korrigiert werden? Kriegen, die im Osten Europas den Lebensraum für künftige germanische Geschlechter verfügbar machen sollten. Wie wir gesehen haben, ist bereits die Annahme falsch, es gelte, deutschen Geburtenüberschüssen in Millionenhöhe gerecht zu werden. Denn solche Geburtenüberschüsse waren schon zu Hitlers Zeit garnicht mehr zu erwarten. Jedenfalls nicht ohne eine dramatische Wandlung des generativen Verhaltens der deutschen Familien. Aber auch dann, wenn diese plötzlich zu dem von Hitler gewollten Kinderreichtum zurückgekehrt wären, hätte es keines zusätzlichen Lebensraums bedurft, um die wachsende deutsche Bevölkerung zu ernähren. Die Fläche des Deutschen Reichs war groß, der Boden fruchtbar genug, um ein stetig wachsendes Volk zu ernähren. Das haben Nachbarländer gezeigt, deren Bevölkerungsdichte damals viel höher als die des Deutschen Reiches war. Und es gilt für das heutige Deutschland mit seinen viel kleineren Anbauflächen und seiner viel größeren Bevölkerung. Das malthusianische Argument war für Hitler ein mühsam auf Sachlichkeit geschminkter Vorwand für ganz andere Intentionen.

Hitler war nicht nur wegen seiner Sympathie für die Bilderbuchwelt gesunder und kinderreicher Bauernfamilien, die es außerhalb von Trivialromanen und Heimatfilmen im Grunde nie gegeben hat, sondern auch aus militärischen Gründen gegen eine schrumpfende deutsche Bevölkerung. Denn mit der deutschen Bevölkerung würde auch die Zahl rekrutierbarer Soldaten und damit die erreichbare Größe der deutschen Streitkräfte sinken. Hitler, dem Soldaten des Ersten Weltkriegs, war womöglich, als er seine Kriege plante, noch nicht klar, dass nicht nur in der zivilen, sondern auch in der Kriegsökonomie alles sich in Richtung auf ständige und erhebliche Erhöhungen der Kapitalintensität, der Pro-Kopf-Kapitalausstattung der Soldaten, bewegte, dass also in künftigen Kriegen nicht so sehr die Zahl der Soldaten, sondern die Modernität ihrer Kapitalausstattung und ihr technisches Wissen und Können im Vordergrund stehen würden. Ihre Ausrüstung mit hochmodernen Kampfmitteln, deren tödliche "Produktivität" sehr weit über jener liegt, die Hitler im Stellungskrieg in Frankreich kennengelernt hatte. Höher auch als die der Waffensysteme, mit denen er im Zweiten Weltkrieg zu siegen versuchte. Extremes Beispiel ist immer noch die Atombombe, deren Einsatz Hitler nicht mehr erlebt, deren Entwicklung er gottlob verschlafen hat, weil er den Physikern nicht glaubte und von Flugbomben und Raketen fasziniert war, nachdem seine Begeisterung für Schlachtschiffe ob deren fataler Schwäche gegenüber den Torpedos von Flugzeugen und U-Booten erloschen war. Die Atombombe, die auf deutsche statt japanische Städte gefallen wäre, wenn der Krieg gegen das Deutsche Reich nicht wenige Monate zuvor sein Ende gefunden hätte. Die Ziele in den deutschen Industriezentren waren von den Alliierten bereits ausgewählt. Die Atombombe, eine Waffe, die auf einen Streich hunderttausende Menschen zu töten vermag, aufwendig entwickelt, aber von vergleichsweise wenigen Arbeitskräften hergestellt und von wenigen Soldaten bedient. Ihre Effizienz als modernes Kampf- und Vernichtungsmittel hängt nicht von Wachstum oder Schrumpfung der Bevölkerung ab.

Mit dem Wegfall der klassischen Infanterie, einer Fußtruppe, als Hauptwaffengattung hat die Bevölkerungsgröße als Bestimmungsgrund der militärischen Effizienz eines Staates sehr viel an Bedeutung verloren. Die technologische Kompetenz und nicht die Größe und Struktur der Bevölkerung entscheiden nun über die Fähigkeit, einen modernen Krieg zu führen. Atombomben können auch in kleinen Staaten entwickelt und gebaut werden, wenn sie über die erforderlichen wissenschaftlichen und technischen Ressourcen – und die Duldung der Weltmächte - verfügen. Auch die von Hitler vorgebrachten militärischen Argumente zugunsten einer großen und wachsenden Bevölkerung treffen also auf ernsthafte Vorbehalte. Damit soll nicht bestritten werden, dass Staaten mit hoher Bevölkerungs- und damit Beschäftigtenzahl Größenvorteile in der Produktion schlechthin und damit auch in der Kriegsproduktion haben, wenn sie technisch auf der Höhe der Zeit sind. Aber für einen Krieg mit Raketen, Weltraumstationen und Atombomben hat die Zahl der Soldaten, die ein Staat zum Kriegsdienst aktivieren kann, eben nicht mehr die gleiche Bedeutung wie in vergangenen Zeiten. Man kann sich leicht moderne Kriege zwischen Ländern ausmalen, deren Bevölkerungen in Konsequenz des "Demographischen Wandels" nachhaltig geschrumpft sind und weiterhin schrumpfen. Damit sinkt natürlich bei gegebenen Altersgrenzen der Wehrfähigkeit die Zahl der rekrutierbaren Soldaten. Aber das träfe alle Kombattanten gleichermaßen. Ebenso wie die Tatsache, dass das Durchschnittsalter der Wehrfähigen stiege. Das muß freilich im hochtechnologischen Krieg kein Nachteil sein, könnte überdies durch eine entsprechende altersspezifische Selektion der Soldaten ausgeglichen werden. Dies vor allem, wenn Berufssoldaten an die Stelle der Wehrpflichtigen treten. Beenden wir diese knappen und unberufenen Spekulationen über den Zusammenhang zwischen Wehrkraft und Bevölkerungsentwicklung. Hitler hätte, so viel ist klar, seine Kriege auch bei kleinerer, schrumpfender deutscher Bevölkerung führen können, wenn die Verringerung der herstellbaren Truppenstärke durch die effizientere Ausrüstung und Ausbildung der Soldaten ausgeglichen worden wäre. Er hätte dann allerdings seine Eroberungszüge nicht mit der Parole "Volk ohne Raum" begründen können. Aber das war, wie wir festgestellt haben, ohnehin ein an den Haaren herbeigezogenes Argument.


2. Hitlers zweites Szenarium
Anpassung des Nahrungsspielraums durch internes
Produktivitätswachstum:
Struktureller Wandel


Unter "Innerer Kolonisation" verstand Hitler einerseits die Umverteilung von Boden zugunsten der kleineren und mittleren Bauern, zulasten der Großgrundbesitzer, andererseits die Verbesserungen der Agrartechnik. Beides mit dem Ziel, die Versorgung mit Nahrungsmitteln im Deutschen Reich zu verbessern und so den Spielraum für eine weiterhin wachsende Bevölkerungszahl zu schaffen. Angenommen versuchsweise, Hitler habe recht gehabt mit seiner Annahme, die deutsche Bevölkerung würde weiter wachsen, sie wiese Jahr für Jahr hohe Geburtenüberschüsse auf, die nicht, wie im 19. Jahrhundert, durch Auswanderung nach Nord- und Südamerika aufgefangen werden sollen oder können. Wäre es dann möglich gewesen, die wachsende Bevölkerung bei ebenfalls wachsendem Pro-Kopf-Verbrauch an Nahrungsmitteln zu ernähren, ohne die steigende Nachfrage durch ebenso steigende Nahrungsmitteleinfuhren zu decken? Denn Hitler war Autarkist. Er hatte die See- und Landblockade der angelsächsischen Seemächte im Ersten Weltkrieg in guter Erinnerung, und er wollte seine fest geplanten Eroberungsfeldzüge ohne das Risiko von Hungersnöten in Deutschland führen. In der Tat hat die unzureichende Ernährung der deutschen Bevölkerung im Ersten Weltkrieg Unruhen und Streiks verursacht, die zum bitteren Ende beigetragen haben mögen. Folgen wir versuchsweise Hitlers Argumentation und nehmen wir an, die deutsche Bevölkerungszahl stiege jährlich beispielsweise um 1%, der Pro-Kopf-Verbrauch an Nahrungsmitteln ebenfalls um 1%. Das impliziert natürlich ein entsprechendes Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens, wenn der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel am Einkommen nicht ständig steigen soll. Dann müßte also die Nahrungsmittelproduktion auf der gegebenen deutschen Anbaufläche, die durchschnittliche Bodenproduktivität, Jahr für Jahr um rund 2% steigen. Wäre das tatsächlich, wie von Hitler, dem selbsternannten Agrarökonomen, behauptet, unmöglich gewesen? Auch dann, wenn überdies die Ausbreitung der Siedlungsflächen und der Verkehrswege, die Umwandlung von Acker- in Weideland und die Aufforstung vormaliger Anbauflächen die gesamte Ackerfläche nachhaltig hätte sinken lassen? All das ist ja nach dem Zweiten Weltkrieg tatsächlich geschehen, und doch ist, wie bereits diskutiert, die Nahrungsmittelproduktion in dem verkleinerten Deutschland wie anderswo in Westeuropa kontinuierlich schneller gestiegen als der Nahrungsmittelverbrauch. Steigende Agrarüberschüsse mußten unter Gestehungskosten auf dem Weltmarkt verkauft, verschenkt oder denaturiert werden. Dies bei steigendem Bedarf an Futtermitteln, verursacht durch die Verlagerung des Endverbrauchs von pflanzlichen auf tierische Nahrungsmittel. Diese Veränderung der Verbrauchsstruktur hat den indirekten Pro-Kopf-Verbrauch von Bodenprodukten steigen lassen, weil zur Herstellung von Fleisch der Einsatz von viel mehr Feldfrüchten als jenen Mengen notwendig ist, die zuvor anstelle des Fleischs unmittelbar verbraucht wurden. Kurzum: Trotz erheblich verkleinerter Fläche und einer Bevölkerung, die im Vergleich zur Vorkriegszeit durch das Hinzukommen von Millionen Aussiedlern, Flüchtlingen und Einwanderern vergrößert wurde, ist die Nahrungsmittelproduktion im Nachkriegsdeutschland schneller gewachsen als die Bevölkerungszahl. Kein Zweifel, dass sie noch schneller hätte gesteigert werden können, wenn der Bedarf vorhanden gewesen wäre. Er war es nicht, zum Leidwesen der wenigen Bauern, die es noch in Deutschland gibt. Und diese Steigerung der Agrarproduktion ist bei stetig sinkender Beschäftigung im Agrarsektor zustande gekommen. Läßt man die Nebenerwerbs-Landwirte außer acht, dann sind es nurmehr rund zwei Prozent aller Arbeitskräfte, die derzeit in der deutschen Landwirtschaft beschäftigt sind. In anderen Industrieländern sind es weniger als ein Prozent der Beschäftigten. Kein Zweifel, dass die Zahl und der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten in Deutschland und anderen Ländern weiterhin sinken wird.

Fassen wir das Gesagte in einem einfachen Diagramm zusammen. Die folgende Abbildung zeigt in stark schematisierter Manier den Wandel der deutschen Beschäftigungsstruktur in den beiden letzten Jahrhunderten. Gezeigt wird die Entwicklung der prozentualen Beschäftigungsanteile der primären, sekundären und tertiären Produktion. Es zeigen sich deutlich zwei große Strukturbrüche. Der erste, die klassische "Industrielle Revolution", die den Beschäftigungsanteil des Agrarsektors ab- und den der Industrie zunehmen läßt. Der zweite Strukturbruch, mitunter als "Deindustrialisierung" bezeichnet, die den Beschäftigungsanteil des Dienstleistungssektors zu- und den der Industrie abnehmen läßt. Immer ist von den Beschäftigungsanteilen, nicht vom Produktionsvolumen dieser drei Sektoren die Rede. Denn das absolute Produktionsvolumen der primären und sekundären Produktion steigt ungeachtet ihrer sinkenden Beschäftigungsanteile unvermindert. Die sinkenden Beschäftigungsanteile dieser Sektoren spiegeln die Tatsache, dass die Wachstumsrate der sektoralen Arbeitsproduktivität höher war als die sektoralen Produktion.


Besch.Ant.

Struktureller Wandel 1800 - 2000

Mit der Bodenproduktivität ist die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft ständig gestiegen. Das heißt: Je Flächen- und je Produkteinheit sind immer weniger Arbeitskräfte eingesetzt worden. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für alle Industriestaaten in Westeuropa und anderswo in der heutigen Welt. Und dieser Schwund der bäuerlichen Bevölkerung hat keineswegs sein Ende gefunden. Dabei hat eine wirkliche Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion noch kaum ihren Anfang genommen. Noch vollzieht sich die landwirtschaftliche Bodennutzung, vom Einsatz von Kunstdünger, Pestiziden und Maschinen abgesehen, nicht viel anders als in vor-industriellen Zeiten. Am Horizont stehen freilich Produktionsmethoden, die mit traditionellem Landbau so gut wie garnichts mehr zu tun haben. Agrartechniken, die den Boden wie jedes Industrie- oder Wohngebiet nurmehr als Standort im wörtlichen Sinn verwenden und in Agrarfabriken beliebige Nahrungsmittelmengen zu erzeugen erlauben. Eine Welt, in der Hitlers glückliche und große Bauernfamilien freilich keinen Platz haben werden. Noch treffen die einschlägigen Vokabeln hierzulande auf Aversion und die Anwendung solcher Verfahren auf Verbote. Anderswo auf dieser Erde mag das aber anders sein. Beenden wir gleichwohl rasch diesen Blick ins derzeit noch Utopische, in die Welt von morgen oder übermorgen. Es ging allein darum zu zeigen, dass Hitler mit seinem malthusianischen Schreckensgemälde an der Wirklichkeit der modernen Welt vorbeiredete, in der Hungerkatastrophen allenfalls in den Entwicklungsländern auftreten, in denen die Mehrheit der Menschen überdies unter chronischer Mangel- und Fehlernährung leiden muss, weil sie den Weg in die Moderne noch nicht konsequent gehen konnten. Dies auch darum, weil oft die Einfuhr von verbilligten Agrarüberschüssen der entwickelten Länder der einheimischen Landwirtschaft der Entwicklungsländer den Markt nimmt und die Preise verdirbt.

Für Hitler ist das gewiss eine auf den Kopf gestellte Welt. In den Industrieländern zeigen sich gelegentliche Ernteausfälle in steigenden Nahrungsmittelpreisen, die das Realeinkommen der meisten Konsumenten schmälern, ohne Katastrophen auszulösen oder gar Einfluss auf die Kinderzahl zu nehmen. So wie Rekordernten die Nahrungsmittelpreise sinken und das Realeinkommen der meisten Konsumenten steigen lassen. Für die Menschen in den ärmsten Ländern sind solche Schwankungen der Weltmarktpreise freilich eine Katastrophe. Wir leben gleichwohl in einer nach-malthusianischen Welt, in der die Menschen in den Industrieländern von allerlei anderen Übeln, aber nicht vom Hunger behelligt werden. In einer Welt, in der magersüchtige Models zum Vorbild junger Menschen avancierten. Dort, wo wirklich noch allgemeiner Hunger herrscht, in den ärmsten Ländern, gelten andere Schönheitsideale.

Fassen wir unsere Ergebnisse zusammen. Am Beginn des beschriebenen strukturellen Wandels im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts waren in Deutschland rund 80% der Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig, und sie ernährten ihre Familien und die der übrigen 20% der Beschäftigten, die in der handwerklichen und industriellen Be- und Verarbeitung und in der Dienstleistungsproduktion tätig waren. Heute genügen zwei in der Landwirtschaft Beschäftigte, um ihre Familien und die der 98% anderen Beschäftigten zu ernähren, die in der sekundären und tertiären Produktion tätig sind. Anders gesagt: Ein Landwirt ernährt heute neben seiner Familie rund 49 nicht-landwirtschaftliche Beschäftigte und ihre Angehörigen. Die Familien freilich sind heute hier wie dort kleiner als vor zweihundert Jahren. Gleichwohl hat sich im Zuge der Industrialisierung nach dem Übergang der Menschen vom Sammeln und Jagen zu Ackerbau und Viehzucht eine zweite Agrarrevolution vollzogen. Die wirtschaftliche Entwicklung der heutigen Industrieländer in den letzten beiden Jahrhunderten sind durch zwei Strukturbrüche gekennzeichnet. Der erste tiefgreifende Wechsel verwandelte die vormoderne Agrargesellschaft in eine verstädterte Industriewelt, lenkt die Mehrheit der Beschäftigten von den Äckern in die Fabriken, der zweite, weniger dramatische strukturelle Wandel, die Entwicklung von der Industrie- zur Dienstleistungswelt, versetzt die Söhne und Töchter der Fabrikarbeiter in Büros, Labors und andere Arbeitsplätze jenseits der eigentlichen industriellen Be- und Verarbeitungsvorgänge. Dieser strukturelle Wandel, der Weg von der agrarischen, bäuerlichen in die Dienstleistungswelt, ist noch lange nicht am Ende angekommen. Deutschland hängt bislang bei dieser Entwicklung im Vergleich zu anderen großen Wirtschaftsnationen scheinbar zurück, weil ein vergleichsweise hoher Teil der Industrieproduktion exportiert wird. Beim Export von Dienstleistungen dagegen belegt Deutschland im Vergleich unter Industrieländern eine hintere Position. Darum wird gelegentlich von einer Überindustrialisierung Deutschlands gesprochen. Zu unrecht, solange die Maschinen, die Fahrzeuge, Pharmazeutika und anderen Industrieprodukte, die Deutschland erfolgreich exportiert, auf den in- und ausländischen Märkten konkurrenzfähig sind, weil sie Ergebnis moderner Hochtechnologie, weil sie Produkt des technischen Fortschritts – also: Ergebnisse von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten - sind. Der Preis für diese Exportorientierung ist die Abhängigkeit vom Auf und Ab der Entwicklung auf den Auslandsmärkten. Das wäre freilich nicht anders, wenn an Stelle von Industrieprodukten Dienstleistungen exportiert würden. Auch die Nachfrage nach diesen Gütern schwankt im Auf und Ab der Weltkonjunktur.



3. Hitlers drittes Szenarium
Anpassung des Nahrungsspielraums an die Bevölkerungsgröße:
Ressourcenkriege

Hitler argumentiert in seinen Schriften, wie wir uns erinnern, gegen die konsequente Wiedereingliederung des Deutschen Reiches in den Weltmarkt, gegen eine internationale Arbeitsteilung, die Deutschland im Austausch gegen Industrieprodukte die fehlenden Nahrungsmittel und Rohstoffe verschaffen würde. Dieser Weg der wirtschaftlichen Kooperation konnte in Hitlers Sicht auf Dauer nicht gelingen, weil im Zuge der "Selbstindustrialisierung" der Länder mit Agrar- und Rohstoffüberschüssen die Absatzmöglichkeiten der deutschen Industrie ebenso wie die der anderen Exportnationen schwinden würden. Das Modell des Exports deutscher Industrieerzeugnisse gegen die Nahrungsmittel- und Rohstoffüberschüsse anderer Länder musste nach Hitlers Erklärung scheitern, wenn und weil diese Länder die erforderlichen Industrieprodukte über kurz oder lang selbst erzeugen und ihre Agrarproduktion für die Ernährung ihrer wachsenden Stadtbevölkerungen brauchen würden. Am Ende würden nurmehr Industrieländer existieren, die um die schrumpfenden Exportmöglichkeiten für ihre Industrieprodukte und die ebenso schwindenden Importmöglichkeiten für Nahrungsmittel und Rohstoffe kämpfen. Das mußte in Hitlers Sicht zum Krieg Aller gegen Alle um die natürlichen Ressourcen der Welt führen. Darum kam dieser Weg der "wirtschaftsfriedlichen Eroberung der Erde" für Hitler nicht in Frage. Es blieb nur die "Äußere Kolonisation", die Eroberung des notwendigen Lebensraums im Osten Europas. Denn die Wiedergewinnung der verlorenen deutschen Kolonien war nach Hitlers Überzeugung keine Lösung des Problems, weil in diesen tropischen Gebieten die klimatischen Bedingungen für die Ansiedlung von Millionen von Europäern nicht erfüllt seien. Auch an dieser Stelle wird deutlich, dass Hitler kein bloßer Revisionist war, dass es ihm nicht darum ging, die Verhältnisse der Vorkriegszeit wieder herzustellen, den Vertrag von Versailles zu annullieren. Vielmehr schwebte Hitler nichts weniger vor, als den irdischen Raum gänzlich neu zwischen den Völkern aufzuteilen. Raum, der in seiner Sicht ungleich und ungerecht unter den kulturell höher- und niederstehenden Völkern verteilt ist, weil die einen, die kulturell höheren Rassen sich mit der Bebauung ihrer kleinen Bodenfläche begnügen müssen und so an die Grenzen ihres Bevölkerungswachstums stoßen, während die anderen, die kulturell niederen, die primitiveren Rassen, große Teile der irdischen Bodenfläche in Händen halten und ihre Bevölkerungen noch lange und ohne Hungersnot wachsen lassen können. Hitler nimmt die großen Flächenstaaten Russland, China und die Vereinigten Staaten als Vorbild für das Deutsche Reich, für das Volk ohne Raum. Der Boden, auf dem viele Millionen germanischer Bauern angesiedelt werden sollten, war nach Hitlers Vorstellung nur auf Kosten Russlands zu gewinnen. Wenn man in Europa Boden erobern wolle, dann könne das nur auf Kosten Rußlands geschehen, dann müsse sich das Deutsche Reich wieder auf der Straße der einstigen Ordensritter in Marsch setzen, um mit dem Schwert dem deutschen Pflug die Scholle, der Nation aber das tägliche Brot zu geben. Sprachlicher Schwulst, der Hunger beschwor, unter dem in Friedenszeiten niemand im Deutschen Reich zu leiden hatte. Friedenszeiten freilich hatte Hitler nicht im Sinn.

Die Herstellung eines großen europäischen Flächenstaates hatte in Hitlers Augen überdies militärische Bedeutung. Denn: Je größer der Raum sei, der einem Volke zur Verfügung stehe, um so größer sei auch dessen natürlicher Schutz. Denn noch immer ließen sich militärische Entscheidungen gegen Völker mit kleinerer Bodenfläche schneller und leichter erzielen als gegen größere Staaten. In der Größe des Staatsgebietes liege ein Schutz gegen leichtfertige Angriffe anderer Staaten, weil ein Erfolg nur nach langen schweren Kämpfen zu erzielen sei. Das Risiko eines übermütigen Überfalles sei darum für den großen Staat viel geringer als für den mit kleiner Fläche. Bei diesen Feststellungen ist Hitler entgangen, dass seine militärischen Argumente zugunsten eines großen kontinentalen Flächenstaates auch für die geplante Eroberung der Siedlungsräume im Osten Europas, für den künftigen Krieg Deutschlands gegen die Sowjetunion, galten, die er später in der Tat nicht wie die kleineren europäischen Staaten in einem Blitzfeldzug überrennen konnte. Obwohl Stalin ungeachtet eindringlicher Warnungen der Geheimdienste, der Generale und informierter Diplomaten die Verteidigungsfähigkeit seines Landes gegenüber einem Angriff Hitlers auf unverständliche Weise vernachlässigt hatte, weil er – so seine spätere verlegene Erklärung – noch nicht mit dem deutschen Überfall gerechnet hatte. Der "Blitz" misslang gleichwohl, und für einen langen, kräftezehrenden Krieg gegen die Sowjetunion und das britische Weltreich fehlten dem Deutschen Reich die militärischen und industriellen Ressourcen. Denn auch der Krieg gegen England war ja noch nicht gewonnen, als Hitler die Sowjetunion überfiel, um sein germanisches Reich zu schaffen. Eine Entscheidung also gegen die eigene Einsicht, die ihn den Krieg verlieren ließ, wenn er nicht ohnehin von Anbeginn verloren war, weil im Hintergrund die USA als Verbündeter Englands längst in Stellung waren.


Eine seltsame Art, eigene Prognosen zu bestätigen. Denn auch an anderer Stelle hatte Hitler gesagt, dass das Deutsche Reich einen Krieg gegen mehrere Weltmächte zugleich nicht gewinnen könne, dass ihm dafür vorderhand noch die ökonomischen und militärischen Ressourcen fehlten. Entweder mit England gegen die Sowjetunion, die er Russland nannte oder mit der Sowjetunion gegen England: So hat er die deutschen Alternativen in "Mein Kampf" und in seinem "Zweiten Buch" beschrieben. Niemals aber gegen alle zur gleichen Zeit. Eine aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs gewonnene Einsicht, gegen die er verstieß, als er wider die geballte militärische Macht der Vereinigten Staaten, der Sowjetunion und des britischen Weltreichs den Zweiten Weltkrieg gewinnen wollte. Gegen den Rest der Welt, wenn man von Japan absieht, das die gleichen Ziele verfolgte und gleichermaßen scheitern mußte, weil es seinen Gegnern von Anbeginn nicht gewachsen war. Auch dort herrschte der Glaube, dass man vollendete Tatsachen schaffen müsse, ehe die USA ihre gewaltigen industriellen Ressourcen auf Rüstungsproduktion umstellen könnten. Hitlers ursprünglicher Plan war doch, seine Gegner einen nach dem anderen zu besiegen. Lassen wir diese militärischen Erwägungen außer acht, und fragen wir, wie Hitlers "Äußere Kolonisation", die Anpassung des deutschen Lebensraums an die geplante künftige Bevölkerungszahl, aussehen sollte.

Hitlers Ziel war ein Germanisches Reich, ein riesiger Flächenstaat, der vom Atlantik, vom Weißen Meer über den Ural bis zum Kaukasus reichen sollte. Im Osten die europäischen Teile der Sowjetunion, Polen, Böhmen und Mähren, im Westen Elsass-Lothringen, Nordfrankreich, Belgien, Luxemburg und Holland, die dem Deutschen Reich einverleibt werden sollten, dann die halbselbständigen, die Satellitenstaaten, Dänemark, Norwegen, Schweden im Norden, Ungarn, die Slowakei, Jugoslawien, Rumänien und Bulgarien im Südosten, die Schweiz und Italien im Süden und Restfrankreich im Westen. Östlich und südlich des Urals, in Mittelasien überdies Vasallenstaaten, und je nach Kriegslage richteten sich die Vorstellungen Hitlers und seiner militärischen und zivilen Zuarbeiter auch auf riesige mittelafrikanische Territorien, die als vormals französische, belgische und englische Kolonien nach einem gewonnnen Krieg dem Deutschen Reich als Rohstofflieferanten zugeschlagen werden sollten.

Mit dem Schwinden des Kriegsglücks traten diese kolonialistischen Phantasien, in denen der Revisionismus, der Anspruch auf das durch den Vertrag von Versailles Verlorene, noch einmal Atem gewann, wieder in den Hintergrund. Es blieb bei dem Blick nach Osten. Es waren damals, beiläufig gesagt, die Führer der Marine, die ihre begehrlichen Blicke auf das Mittelmeer und Afrika, auf den Gegner England richteten und die des Heeres, die für den Vorrang der Eroberungen im Osten, für den Kampf gegen die Sowjetunion, plädierten. Verständliche Standpunkte, denn Russland konnte man nicht mit Schiffen und das Mittelmeer und Afrika nicht mit Infanteristen erobern. Freilich gab es keinen Masterplan für die genauen Grenzen und die Organisation des künftigen Germanischen Reichs. Jedenfalls keinen umfassenden Entwurf, der Hitlers Zustimmung gefunden hätte oder gar von ihm verfasst worden wäre. Ministerielle, Partei- und Militärinstanzen, Industrie- und Universitätgremien wetteiferten damals darin, die künftige deutsche Herrschaftssphäre abzuzirkeln und Vorschläge zur Verwaltung und Ausbeutung dieser riesigen Gebiete zu entwickeln. Darunter der "Generalplan Ost", im Reichssicherheitshauptamt der SS für die Verwaltung und Ausbeutung der eroberten polnischen und sowjetischen Gebiete entworfen und in Ansätzen zeitweise praktiziert. Verzichten wir darauf, diese Expertisen im Einzelnen zu untersuchen und zu vergleichen. Papiere, die im Krieg entstanden und verwelkt sind, bevor sie eine ernsthafte Rolle spielen konnten. Wir wissen nicht, ob die eroberten Gebiete nun genau nach diesen unfertigen Plänen – und: nach welchem von ihnen, denn sie widersprachen einander in vielen Punkten - geordnet worden wären, wenn das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte.

Wie hat Hitler sich die Verwaltung und Entwicklung des eroberten Lebensraums im Osten vorgestellt? Der Gebiete, die die erwarteten Geburtenüberschüsse des Deutschen Reichs und geeignete Umsiedler aus den europäischen Satellitenstaaten aufnehmen sollten. Was ist definitiv von Hitlers Hand, aus seinem Mund zu dieser Frage zu erfahren? Nun, wie bereits gesagt: In "Mein Kampf", im "Zweiten Buch" und in seinen sonstigen schriftlichen Äußerungen ist darüber wenig Erhellendes zu finden. Dort ging es um das Warum, nicht das Wie der deutschen Herrschaft über die Gebiete im Osten. Nirgends hat sich Hitler schriftlich über so wichtige Fragen wie die Art der Arbeitsteilung zwischen dem industrialisierten Westen und dem agrarischen Osten seines künftigen Imperiums geäußert, nicht deutlich gemacht, ob "Ostreich" und "Westreich" durch Grenzen und Kontrollen getrennt wären, ob selbstständige Betriebe über die Märkte und den Preismechanismus oder durch behördliche Weisung anhand zentraler Pläne gelenkt werden sollten, ob der Zahlungsverkehr im deutschen Herrschaftsbereich mit einer einheitlichen Währung, durch ein System selbstständiger Banken und Börsen oder mit einer je separaten West- und Ostwährung, verbunden durch ein zentrales Abrechnungssystem bei fester Austauschrelation abgewickelt werden sollte. Viele weitere Fragen waren ohne Antwort. Die "Europäische Großraumwirtschaft", von der damals, in den Kriegsjahren, so viel die Rede war, ist nie als geschlossenes Gedankengebäude entworfen und von Hitler gebilligt worden. Obwohl viele Instanzen an diesem Projekt gearbeitet und sich mit Vorschlägen hervorgetan haben, die freilich wenig gemeinsam hatten.

Beschränken wir uns also zunächst darauf, einen Blick in die Niederschriften zu Hitlers Tafelrunden aus den Jahren 1941, 1942 und 1944 zu werfen. In diesen Unterhaltungen am Mittagstisch und in endlosen abendlichen Runden, an denen Mitarbeiter und Gäste teilnehmen mußten, schwadronierte Hitler des öfteren auch über die Zukunft der Gebiete im Osten. Diese Äußerungen wurden mit seiner Zustimmung von einem Vertrauten protokolliert und nach Kriegsende in mehreren Fassungen veröffentlicht. Sie stehen also zur Befriedigung unsere Neugier zur Verfügung. Lassen wir diese Protokolle mit dem Ziel zu Wort kommen, vielleicht Genaueres über Hitlers Vorstellungen vom künftigen deutschen Lebensraum, vom erträumten Germanischen Reich, zu erfahren. Gestatten wir uns einige Leseproben. Hitler begründet in einem seiner Monologe das Recht des Deutschen Reiches, den Osten Europas dauerhaft in Besitz zu nehmen. Wenn einer frage, woher er das Recht nehme, den germanisch-deutschen Raum nach Osten auszuweiten, dann laute die Antwort, dass das keiner besonderen Begründung bedürfe. Denn wenn einer etwas wage und es gelinge ihm, dann gestehe alle Welt ihm zu, er habe recht gehabt. Es sei das eine Frage, die einzig in der Wirklichkeit entschieden werde. Widersinnig sei es, daß ein hochstehendes Volk auf knappem Raum sich kaum ernähren könne, während die niedrigstehende russische Masse, die der Kultur nichts nütze, in unendlichen Räumen einen Boden habe, der zum besten der Erde gehöre. Und an anderer Stelle betont Hitler, er fühle sich nur als der Vollstrecker eines geschichtlichen Willens. Was die Leute momentan über ihn dächten, sei ihm vollkommen egal. Noch nie habe er gehört, daß ein Deutscher, der ein Stück Brot ißt, sich darüber Gedanken mache, daß der Boden, auf dem es gewachsen ist, mit dem Schwert erobert werden mußte. Er vergleicht den neuen Lebensraum im Osten mit der englischen Herrschaft über Indien: Was für England Indien sei, werde für Deutschland der Ostraum sein. Immer solle dieser Raum unter deutscher Herrschaft stehen. Nichts sei verkehrter, als die slawische Masse erziehen zu wollen. Es genüge, daß die Leute die Verkehrszeichen zu unterscheiden lernten. Sie seien jetzt Analphabeten, und sie sollten es bleiben. Diese Äußerungen machen deutlich, dass Hitler die eroberten Gebiete im Osten Europas nach dem Muster der überseeischen Kolonien Englands und Frankreichs beurteilte, dass er die einheimische Bevölkerung als Sklaven betrachtete, die agrarische und mineralische Rohstoffe erzeugen sollten. Das eroberte Land sei für das Deutsche Reich nur Rohstoffquelle und Absatzgebiet für einfache Fertigwaren und kein Ort für industrielle Produktion. Hier, im Osten, sei der Markt, man brauche ihn nur zu nehmen. Hitler wurde nicht müde, den neuen Osten in leuchtenden Farben zu schildern, den er noch garnicht erobert hatte und nie dauerhaft erobern würde.

Woher sollten die vielen Millionen germanischer Bauern kommen, die Hitler in den eroberten Gebieten ansiedeln wollte? Außer an Kleinbauern und nachgeborene Großbauernsöhne aus dem Deutschen Reich und an Deutschstämmige aus Südtirol, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien und anderen europäischen Ländern dachte Hitler an Norweger, Schweden, Dänen und Niederländer, denen er den Wechsel nach dem eroberten Osten mit materiellen Versprechungen schmackhaft machen wollte. Nie wieder dürften Germanen aus Europa nach Amerika auswandern. Auch den 30.000 bis 40.000 längerdienenden Soldaten, die nach dem zwölfjährigen Wehrdienst jedes Jahr entlassen würden, solle das Deutsche Reich, wenn sie Bauernsöhne seien, einen vollständig ausgerüsteten Hof zur Verfügung stellen. Der Boden koste nichts, man müsse nur das Haus bauen. Diese Wehrbauern sollten Waffen erhalten, so daß sie bei Gefahr sofort gerüstet zur Verfügung stünden. So habe auch das alte Österreich seine Ostvölker im Zaum gehalten. Die germanischen Siedler in den Ostgebieten würden nach Hitlers Erwarten wieder mehr Kinder haben als im Westen des Deutschen Reiches. Die Bauern sollten in schönen Siedlungen hausen, und die deutschen Behörden würden wunderbare "Gebäulichkeiten" haben, die Gouverneure in Palästen residieren. Um jede Stadt solle ein Ring von schönen Dörfern gelegt werden, durch die besten Straßen verbunden. Was dann komme, sei die andere Welt, in der die Russen leben könnten, wie sie wollen. Im Falle eines Aufstands brauche man dann nur ein paar Bomben in ihre Städte zu werfen, und die Sache sei abgetan.

Die Getreideüberschüsse der eroberten Gebiete würden das Deutsche Reich und seine europäischen Satelliten wirtschaftlich autark und damit blockadefest machen. Die Ukraine und das Wolga-Becken würden einmal die Kornkammern Europas sein. Man werde ein Vielfaches dessen ernten, was jetzt auf diesem Boden wächst. Eisen, Stahl, Mangan und alle anderen industriellen Rohstoffe werde man in Fülle produzieren. Das Deutsche Reich werde der autarkste Staat, den es jemals gab. Das einzige, was man nicht haben werde, sei Kaffee, aber eine Kaffeekolonie werde man sich schon irgendwo zu beschaffen wissen. Das künftige Deutsche Reich konnte in Hitlers Phantasie durch keine Land- und Seeblockade mehr von weiteren Eroberungen abgehalten werden.

Diese Rohstoffüberschüsse sollten unter deutscher Anleitung durch den Einsatz von Millionen slawischer Arbeitskräfte hergestellt werden. Wie sollte dieses Heer von Sklaven mit den Gütern des täglichen Bedarfs versorgt werden? Dazu schwebte Hitler vor, billige Konsumgüter aus dem Westen des Deutschen Reiches und aus seinen europäischen Satellitenstaaten nach dem Osten zu exportieren. Ramschware. Der billigste Kattun sei gut genug. Auch in diesen Bemerkungen wird deutlich, dass Hitler die englischen Kolonien, den Austausch von billigen Textilien gegen Rohstoffe im Auge hatte, die von den Einheimischen gewonnen wurden. Nur dafür und für militärische Beweglichkeit wurden nach Hitlers Erklärung in Indien Eisenbahnlinien, Straßen und Häfen gebraucht und gebaut. So oder ähnlich wollte er die eroberten Gebiete im Osten Europas behandeln. Die erforderliche Verkehrserschließung des Ostens würde von einem Heer von Zwangsarbeitern unter dem Kommando der SS geschaffen.

Beschließen wir unser Stöbern in den Protokollen der Tischgespräche, die keine Gespräche waren, sondern Monologe Hitlers. In diesen Niederschriften wird jedenfalls deutlich, dass Hitler keine klaren Vorstellungen von den Problemen hatte, die der Aufbau und die Verwaltung der eroberten und annektierten Gebiete im Osten aufwerfen würden. Er war eben kein Ökonom, und er verstand so gut wie nichts von wirtschaftlichen Zusammenhängen. Nicht, weil es ihm an Intelligenz, sondern weil ihm, von Kriegsökonomie abgesehen, das Interesse fehlte. Wir können festhalten, dass er Millionen Reichsdeutsche, Volksdeutsche und geeignete, zum Wechsel gewillte Angehörige anderer europäischer Völker in die annektierten Gebiete umsiedeln und einen Teil der dort ansässigen Slawen darum hinter den Ural abschieben, den anderen Teil auf den Bauernhöfen, in den landwirtschaftlichen Großbetrieben, in den kleinen örtlichen Handwerks- und Handelsbetrieben und in den großen Betrieben der Rohstoffgewinnung und –aufbereitung beschäftigen und in abgesonderten Wohngebieten kasernieren wollte. Wie die Millionen Fremdarbeiter im Deutschen Reich während des Zweiten Weltkriegs.

Die slawischen Arbeiter im Osten, schlecht bezahlt, sollten auf den lokalen Märkten Nahrungsmittel und handwerkliche Erzeugnisse aus der örtlichen Herstellung und industrielle Gebrauchsgegenstände erwerben können, die aus dem Westen des Reichs importiert und mit den Erlösen aus dem Export der Agrar- und Rohstoffüberschüsse nach dem Deutschen Reich und seinen europäischen Trabanten verrechnet werden sollten. Dabei wäre jedes Jahr ein großer Batzen an Überschüssen geblieben, die Hitler zur Tilgung seiner Kriegsschulden zu verwenden gedachte. Wirtschaftliche Ausbeutung der unterworfenen Völker durch niedrige Löhne und hohe Preise für die eingeführten Güter war das offen erklärte Ziel. Sicher ist auch, dass Hitler nach Absprache mit Himmler, dem Reichsführer SS, plante, Straßen, Bahnen, andere Verkehrseinrichtungen und öffentliche Gebäude durch die Häftlinge eines riesigen Systems von Konzentrationslagern bauen zu lassen, die von der SS verwaltet werden sollten. Aufgabe dieser Arbeitslager war also nicht, politische Gegner und Kriminelle zu verwahren, sondern Millionen billige Arbeitskräfte bereitzuhalten. Die SS hatte bereits im Krieg im Deutschen Reich ebenso wie in den besetzten polnischen und russischen Gebieten ein solches System von Arbeitslagern errichtet, in denen in Abstimmung mit der deutschen Rüstungsindustrie kriegswichtige Güter und Teile hergestellt oder deren Insassen den Rüstungsbetrieben als billige Arbeitskräfte überlassen wurden. Diese Arbeitslager waren in der Regel Außenstellen größerer Konzentrationslager. Sie sind also nicht mit den Vernichtungslagern zu verwechseln, in denen die Juden Europas und andere missliebige Menschen auf quasi-industrielle Weise ermordet wurden. Auch in den Arbeitslagern war die durchschnittliche Verweildauer der Häftlinge damals freilich nur in Monaten zu bemessen. In einer seiner Tafelrunden berichtete Hitler, dass Himmler, der Chef der SS, nach dem Krieg der größte Unternehmer des Deutschen Reiches sein werde. Himmler, der Herr der Konzentrationslager. Das klang nach Millionen von Zwangsarbeitern. So wie im Lagersystem der Sowjetunion. Gleichwohl war nicht auszuschließen, dass die meisten großen Betriebe im Osten von westdeutschen Konzernen weiterbetrieben worden wären. So ist es bereits im Krieg in den besetzten Gebieten gehandhabt worden, denn allein die Spezialisten, die Techniker, Ingenieure und Manager der deutschen Industriebetriebe und -konzerne besaßen das für die Weiterführung der sowjetischen Betriebe notwendige Wissen.

Die von Hitler geplante und in einigen der Gutachten zur Neuordnung und Verwaltung der annektierten Gebiete vorgeschlagene Deindustrialisierung, die völlige Zerstörung der sowjetischen Industrieanlagen, wäre vielleicht nach einem gewonnenen Krieg garnicht befohlen worden. Diese Betriebe waren miteinander verflochten, bildeten technische Verbünde, in denen nicht nach Belieben Teile herausgebrochen werden konnten, ohne wegen erheblicher Beschaffungs- und Absatzengpässe die verbleibende Produktion zu stören. Das wäre so, als würden in einem Staat alle Straßen, Bahnen und Brücken zerstört, ohne die der Güter- und Personenverkehr nicht rollen könnte. Die spätere Auflösung der Sowjetunion, die Bildung selbständiger Nachfolgestaaten und die Trennung vordem verbundener Branchen und Betriebe durch strikte Zoll- und Währungsgrenzen zwischen den geschaffenen Staaten gibt einen guten Anschauungsunterricht davon, was es heißt, einen engen wirtschaftlichen und technischen Verbund von Betrieben zu zerreißen. Das Ergebnis sind zerfallene Fabrikhallen, verrostete Maschinen, Versorgungsmängel und Arbeitslosigkeit. Wie gesagt, es ist denkbar, dass es nicht zu der von Hitler geplanten radikalen Deindustrialisierung der annektierten Gebiete gekommen wäre, weil ihn die Vertreter der deutschen Industrie davon überzeugt hätten, dass solche Demontagen in jeder Hinsicht von Nachteil gewesen wären. So kann man es in den Expertisen der deutschen Wirtschaftsverbände lesen, die während der letzten Kriegsjahre entstanden sind und Hitler gewiss nach einem gewonnenen Krieg vorgelegt worden wären. Hohe Investitionen und nicht Demontagen waren nach diesen Gutachten in den annektierten Regionen notwendig, um die Kriegszerstörungen und den Verlust der vielen Betriebseinrichtungen auszugleichen, die im Krieg von den sowjetischen Verantwortlichen demontiert und mitsamt den Fachkräften vor der Nase der deutschen Armeen nach Osten transportiert worden waren. Ein gigantischer Transfer von Industrieausrüstungen und Industriearbeitern, der erklärt, warum die Sowjetunion den deutschen Gegner in den letzten Kriegsjahren mit Abertausenden Panzern, Flugzeugen, Geschützen, Raketenwerfern und anderen Waffen zu Boden produzieren konnte. Die Wirtschaftsverbände plädierten für die wirtschaftliche Verflechtung der annektierten Gebiete im Osten mit der Wirtschaft im Westen, für eine Kooperation, die klassischen Mustern der regionalen Arbeitsteilung entsprochen hätte. Einerseits Austausch von Rohstoffen gegen industrielle Fertigprodukte. Andererseits Tausch von arbeitsintensiven gegen kapitalintensive Industrieprodukte. So wie es in den Lehrtexten der Außenwirtschaft stand und steht. Von intra-industriellem Handel, der auch damals schon eine Rolle spielte, war an keiner Stelle die Rede. Diese Pläne der Wirtschaftsverbände erinnern an den Morgenthauplan, einen amerikanischen Vorschlag für die Behandlung Deutschlands nach dem Krieg, der, anders, als man meist lesen kann, keineswegs die vollständige Reagrarisierung des Deutschen Reichs verlangte.

Vielleicht, mag man denken, wäre das Experiment einer intensiven Arbeitsteilung zwischen West- und Osteuropa gelungen. Man kann ebenso gut annehmen, dass Hitler nach einem gewonnenen Krieg seinen lange gehegten Plänen, seinen Präferenzen für eine große Kornkammer im Osten mit Millionen germanischer Siedler gefolgt wäre und auf der Zerstörung jeglicher Industrie in den annektierten Regionen, dass er auf der konsequenten Reagrarisierung der eroberten Gebiete und der Versklavung der Einheimischen bestanden hätte. So wie die von Hitler immer wieder als Beispiel herangezogene Eroberung und Besiedlung Nordamerikas in den vergangenen Jahrhunderten. Obwohl der Zweifel berechtigt ist, dass derlei im Osten Europas noch einmal hätte Erfolg haben können. Schließlich waren die Slawen, die Polen, Tschechen und Russen in den eroberten Gebieten keine in einem riesigen Territorium weit verstreuten und verfeindeten Indianerstämme. Und keine aus Übersee herbeigeschafften schwarzen Sklaven.

Was hätte die slawischen Arbeiter hindern sollen, nach Osten, in die verkleinerte Sowjetunion oder ihre Nachfolgestaaten zu fliehen? Oder, von dort unterstützt, den Partisanenkrieg fortzuführen? Schließlich wäre auch eine Sowjetunion jenseits des Urals noch ein großer rohstoff- und menschenreicher Staat gewesen. Und ein Ostwall hätte den Deutschen womöglich am Ende so wenig genutzt wie der Limes den Römern. Aber dies sind überflüssige Gedanken, weil Hitlers aberwitziger Plan, seine Strategie der "Äußeren Kolonisation", zu keiner Zeit eine Chance hatte, Wirklichkeit zu werden. Dazu waren seiner Gegner zu viele, und sie waren viel zu stark. Wenn sein irrwitziger Vorsatz, den vorgeblich fehlenden Lebensraum der Deutschen durch Krieg und Eroberung in Osteuropa zu gewinnen, gleichwohl Erfolg gehabt hätte, dann wäre er wieder bei der Strategie der "Inneren Kolonisation" angekommen, denn dann hätte es die ständige Verbesserung der Agrartechnologie möglich gemacht, eine rasch wachsende Bevölkerung zu ernähren. Nur: Diese wachsende Bevölkerung hätte es weder im Westen noch im Osten des Deutschen Reiches gegeben. Im Gegenteil. Und das Wachstum der slawischen Bevölkerung in den annektierten Gebieten wollte Hitler durch industriell betriebene Sterilisation der slawischen Frauen und durch Abtreibungsfabriken unmöglich machen. Am Ende wäre wohl "Raum ohne Volk" das Ergebnis gewesen. Im Westen wie im Osten des Germanischen Reiches. Das Experiment der "Äußeren Kolonisation" wäre, wenn ansonsten machbar, mutmaßlich am Menschenmangel gescheitert. Denn die Millionen Menschen, die nach dem Osten auswandern oder zwangsweise dorthin verschickt werden sollten, hätten die Bevölkerungsschrumpfung im Westen verstärkt. Ganz gleich, ob es sich um freiwillige Siedler oder um Häftlinge gehandelt hätte. Und der Kinderreichtum im Westen, der die Auswanderung von Millionen Menschen ohne Bevölkerungsschwund denkbar gemacht hätte, ließ sich nicht befehlen. Auch das Versprechen hoher Kinderprämien und die Verleihung von bronzenen, silbernen und goldenen Mutterkreuzen hätte die Menschen mutmaßlich nicht veranlasst, in die Lebenswelt der vor-industriellen Zeit zurückzukehren. Hätte Hitler Millionen Deutsche in den annektierten Osten verpflanzt, dann wäre die Alterung der Bevölkerung in den deutschen Stammlanden im Westen verstärkt worden. Denn es wären junge Menschen gewesen, die Hitler nach dem Osten gelockt hätte, und die Alten wären im Westen geblieben. Eine Alterung der deutschen Bevölkerung, die wir mittlerweile auch ohne Hitlers "Äußere Kolonisation" erleben.

Die Auswanderung wirkt unter sonst gleichen Umständen mit umgekehrtem Vorzeichen genauso wie die Einwanderung auf die Wachstumsrate und die Altersstruktur der Bevölkerung der beteiligten Länder ein. Die Bevölkerung in den annektierten Ostgebieten wäre verjüngt worden, und die in den westlichen Herkunftsgebieten der Siedler hätte einer verstärkten Alterung unterlegen. Hitler hätte diese Folgen einer forcierten altersspezifischen Bevölkerungsverschiebung kennen können, denn er hat in seinen Tischrunden des öfteren über die für Deutschland nachteiligen Folgen der Auswanderung von Millionen junger Deutscher nach Nordamerika gesprochen. Er wollte diese Menschenströme, die es zu seiner Zeit, wenn man von den vielen Emigranten absieht, die seinen Häschern durch die Flucht ins Ausland entkommen wollten, garnicht mehr gab, nach Osten locken, damit sie dem Deutschen Reich nicht verloren gingen. Er war offenbar sicher, dass die Deutschen wieder Freude an großen Familien finden würden, so dass die geplante Auswanderung gen Osten durch Geburtenüberschüsse in den deutschen Stammlanden ausgeglichen würde. Man darf bezweifeln, dass die Menschen diesen Weg in die Vergangenheit, Mutterkreuz und Kinderprämien hin oder her, gehorsam beschritten hätten. Und befehlen konnte man ihnen auch unter Hitler die Zahl der Kinder, die Größe ihrer Familien, nicht.

Der Aufbau des Germanischen Reiches, die wirtschaftliche Verzahnung seiner Teile, hätte Antworten auf vielerlei organisatorische Fragen gefordert. Man möchte darum gerne wissen: War Hitler ein Anhänger der Marktwirtschaft, der Konkurrenz von Individuen und Firmen um Gewinne und Marktanteile? Oder war er für Verstaatlichung und zentrale Lenkung der Wirtschaft des riesigen Reiches? Für beide Meinungen finden sich in seinen Schriften und Reden mancherlei Anhaltspunkte. Einerseits spricht sein sozialdarwinistischer Glaube, seine Überzeugung, dass die menschliche Geschichte der Kampfplatz von Individuen und Völkern um Selbst- und Arterhaltung sei, dafür, dass er eine Präferenz für die konkurrenzwirtschaftliche Ordnung der Herstellung, Verwendung und Verteilung von Gütern und Diensten hatte. Andererseits hat er oft gesagt, dass der Staat der Herr und die Wirtschaft der Diener sei, dass nicht der Nutzen des Einzelnen, sondern das Gemeinwohl Richtschnur der wirtschaftlichen Aktivitäten sein müsse. Und das Führerprinzip impliziert, dass die Betriebsführer, so hießen die Herren der Wirtschaft zu Hitlers Zeit, zwar in den Firmen das Sagen haben, dass sie aber den Plänen und Vorgaben der staatlichen Stellen und am Ende dem Führer gehorchen müssen. Eine freie, sich selbst überlassene Wirtschaft lehnte Hitler also ebenso ab wie die Öffnung zum freien Weltmarkt. Letztlich argumentierte er für einen pragmatischen Kompromiss zwischen Markt und zentraler Planung. Wo die politischen und militärischen Ziele des Staates unmittelbar betroffen waren, herrschte der zentrale Befehl. Wo nicht, der private Markt. Das galt freilich nicht mehr in den Kriegsjahren, als alles und jedes behördlicher Regelung unterlag. Gleichwohl: Hitler war nie Sozialist, wenn Sozialismus die Verstaatlichung der Produktionsmittel meint. Obwohl das Programm seiner Partei die Verstaatlichung der großen Kapitalgesellschaften verlangte. Dieses Programm interessierte Hitler freilich in keiner Weise und zu keiner Zeit. Es verstaubte in den Schubladen der Parteibüros. Aber er war auch kein Verfechter des liberalen Kapitalismus. Er betrachtete Privateigentum und Wettbewerb auf den Märkten als notwendige Elemente einer effizienten Ordnung des Staates, aber das Privateigentum an Produktionsmitteln mußte immer dem Staatszweck - und das hieß: dem Willen des Führers - untergeordnet bleiben. Das bedeutete, dass Partei und Staat jederzeit und unbeschränkt in die wirtschaftlichen Abläufe eingreifen konnten. Diese Mixtur von Ordnungsprinzipien hätte sicherlich auch im Germanischen Reich gegolten. Planung in den großen Dingen, Markt im Alltag der germanischen Siedler und ihrer slawischen Heloten. Das sind freilich ganz und gar spekulative Gedanken, denn Hitler hat gottlob seinen Krieg nicht gewonnen. Die "Äußere Kolonisation", die gewaltsame, gegen den Widerstand aller Weltmächte geplante und versuchte Aneignung riesiger Regionen im Osten Europas, blieb, was sie immer war: Die abwegige Idee eines besessenen Mannes, der den Spieltisch erst mit leeren Taschen verließ.



4. Hitlers viertes Szenarium
Anpassung des Nahrungsspielraums durch externes
Produktivitätswachstum:
Globalisierung


Erinnern wir uns, mit welchen Argumenten Hitler in "Mein Kampf" und in seinem "Zweiten Buch" den Weg einer konsequenten Integration des Deutschen Reiches in den Weltmarkt ablehnte, also die Ausrichtung der deutschen Wirtschaft auf den Export von Industrieprodukten und den Import von agrarischen und industriellen Rohstoffen. Einen Weg, den das deutsche Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg mit großem Erfolg beschritten hatte. Deutschland war damals vor England der größte Ex- und Importeur unter den Industrienationen. In der frühen Phase der Industrialisierung hat Deutschland allerdings eher Agrarprodukte und industrielle Rohstoffe exportiert, um Maschinen und andere Industrieprodukte importieren zu können, die es noch nicht herzustellen vermochte. In der späten Industrialisierungsphase verhielt es sich dann eher umgekehrt: Deutschland exportierte Industrieerzeugnisse und importierte – auch - industrielle Rohstoffe. Zu keinem Zeitpunkt war das Land darauf angewiesen, Industrieprodukte zu exportieren, um die Ernährung seiner Bevölkerung zu sichern. Von Kaffee, Tee, Kakao und anderen tropischen Produkten abgesehen, die des Klimas wegen im Deutschen Reich nicht hergestellt werden konnten. Export von Dienstleistungen dagegen belegt Deutschland im Vergleich unter Industrieländern eine hintere Position. Darum wird gelegentlich von einer Überindustrialisierung Deutschlands gesprochen. Zu unrecht, solange die Maschinen, die Fahrzeuge, Pharmazeutika und anderen Industrieprodukte, die Deutschland erfolgreich exportiert, auf den in- und ausländischen Märkten konkurrenzfähig sind, weil sie Ergebnis moderner Hochtechnologie, weil sie Produkt des technischen Fortschritts – also: Ergebnisse von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten - sind. Der Preis für diese Exportorientierung ist die Abhängigkeit vom Auf und Ab der Entwicklung auf den Auslandsmärkten. Das wäre freilich nicht anders, wenn an Stelle von Industrieprodukten Dienstleistungen exportiert würden. Auch die Nachfrage nach diesen Gütern schwankt im Auf und Ab der Weltkonjunktur.

Gesetzt aber, es hätte sich anders verhalten, Deutschland hätte eine wachsende Bevölkerung nicht aus eigener Scholle ernähren können, um die Sprache Hitlers zu gebrauchen. Dann wäre es, folgt man Hitlers Argumenten in seinem "Zweiten Buch", über kurz oder lang in Schwierigkeiten geraten, auf dem Weltmarkt Abnehmer für seine Industrieprodukte zu finden. Denn in Hitlers Sicht würde die Zahl der Industriestaaten wachsen, die ihre Fertigwaren exportieren und Nahrungsmittel und Rohstoffe einführen wollen. Nicht nur die europäischen Völker, auch die Vereinigten Staaten und Japan kämpfen in seinem Szenarium um die begrenzten Nahrungs- und Rohstoffreserven der Welt, sind zugleich Konkurrenten auf den Exportmärkten für ihre Fertigprodukte. Die "Selbstindustrialisierung" der vormaligen Exporteure ihrer Rohstoffüberschüsse – wir würden sagen: der Schwellenländer - lasse die Absatzmärkte der anderen Länder schrumpfen. Schiffe zum Beispiel würden nicht mehr in England und Deutschland gebaut und an China verkauft, weil die Chinesen sie nun selber bauen. Und ihren Reis selber essen. Ein erbarmungsloses Ringen um Absatzmöglichkeiten für die eigenen Industrieprodukte und damit zugleich um Möglichkeiten zur Beschaffung von agrarischen und mineralischen Rohstoffen ließe sich am Ende nur noch durch den Einsatz von Waffen, durch Krieg entscheiden. Die "wirtschaftsfriedliche Eroberung der Erde" ist nach Hitler eine Illusion. Sie ließe sich nach seiner Erklärung nur dann aufrecht erhalten, wenn auf Dauer einem einzigen Industriestaat viele Agrarstaaten gegenüberstünden, die sich auf die Erzeugung und den Export von Nahrungs- und Rohstoffüberschüssen beschränken, die also auf die Industrialisierung verzichten würden. Da dies nicht zu erwarten sei, bleibe nur die gewaltsame Aneignung des notwendigen Lebensraums als Weg, die für das eigene Wachstum notwendigen Nahrungsmittel und Rohstoffe zu beschaffen.

Die "wirtschaftsfriedliche Eroberung der Erde" endet also im kriegerischen Szenarium Hitlers wiederum in der Notwendigkeit, sich den erforderlichen Lebensraum auf gewaltsame Weise anzueignen und so die für die Erhaltung der eigenen Bevölkerung notwendigen Nahrungsmittel und Rohstoffe zu gewinnen. Wir sind wieder bei der Unabweisbarkeit einer "Äußeren Kolonisation" angelangt, weil der Versuch, die fehlenden Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt gegen industrielle Fertigprodukte zu beschaffen, in Hitlers Sicht auf Dauer nicht gelingen kann. Er konstruiert ein Bild der weltwirtschaftlichen Entwicklung, das zwangsläufig in den Kampf Aller gegen Alle um Absatz- und Beschaffungsmöglichkeiten führt. In einen Krieg, der am Ende nicht mehr mit Preisen, Mengen und Produktqualitäten, sondern mit Waffen, mit dem Schwert, geführt wird, einen Krieg, den dann der "Stärkere" gewinnt und der "Schwächere" verliert. Ein Konflikt, in dem das Deutsche Reich zu den Verlierern gehören würde, wenn und weil es im Glauben an die "wirtschaftsfriedliche Eroberung der Erde" für den unvermeidlichen Krieg um die natürlichen Ressourcen dieser Welt nicht gewappnet gewesen wäre. In Hitlers Augen bleibt nur, dem "Volk ohne Raum" die für die Ernährung der wachsenden Bevölkerung erforderlichen Agrarprodukte durch die gewaltsame Eroberung der fruchtbaren Böden Russlands zu sichern.

Hitlers schwarzes Bild des Welthandels und seiner Entwicklung ruht auf ganz und gar wirklichkeitsfernen Annahmen. Machen wir uns das klar, indem wir den von Hitler ausgemalten Endzustand der Welt betrachten, in dem alle Länder industrialisiert sind und die Aufgabe nicht zu lösen vermögen, ihre wachsende Bevölkerung zu ernähren. Nicht durch die eigene Agrarproduktion und nicht durch den Austausch von Industrieprodukten gegen Nahrungsmittel, denn es gibt in Hitlers Horrorbild kein Land mehr, das Agrarüberschüsse auf dem Weltmarkt verkaufen könnte. Dann ergibt sich für jedes Land genau die Situation, die Hitler in seinen beiden Büchern für das Deutsche Reich in seinen damaligen Grenzen unterstellt. Die ganze Welt befindet sich dann in der malthusianischen Bevölkerungsfalle, in der eine tendenziell wachsende Bevölkerung gegen die Grenzen der Nahrungsmittelproduktion stößt. Wir erinnern uns, dass dieses Dilemma nach Malthus entweder durch eine steigende Mortalität oder durch die freiwillige Beschränkung der Fertilität, durch repressive oder präventive Anpassungswege, vermieden werden muss. Wir erinnern uns auch, dass beide Annahmen des Malthus-Modells von der wirklichen Entwicklung in den Industrieländern im 19. und 20. Jahrhundert widerlegt worden sind. Das alles wurde bereits diskutiert. Werfen wir gleichwohl einen kurzen Blick zurück auf die früheren Feststellungen zum Malthus-Dilemma. Erstens ist in den heutigen Industrieländern aufgrund technischer Fortschritte in der Landwirtschaft die Nahrungsmittelproduktion schneller gestiegen als die Bevölkerungszahl, und zweitens ist das Bevölkerungswachstum im Zuge des "Demographischen Wandels" verlangsamt worden und in den meisten Industriestaaten tendenziell in eine Bevölkerungsschrumpfung übergegangen, die über Jahrzehnte nicht deutlich wurde, weil die hohen Geburtenzahlen der Vergangenheit über die starke Besetzung der mittleren Altersgruppen in der Gegenwart noch den Eindruck einer dauerhaft höheren Fertilität vermittelt haben.

Die von Hitler vorausgesagte weltweite Hungerkatastrophe war also auch ohne belangvolle Nahrungsmitteleinfuhren und ohne die Eroberung fremden Bodens in den Industrieländern nie zu erwarten. Die Fertilität hatte zu der Zeit, als Hitler seine Bücher schrieb und seine Reden hielt, bereits Werte angenommen, die auf längere Sicht zu einer schrumpfenden Bevölkerung führen mußten, wenn die fehlenden Geburten nicht durch Einwanderung ausgeglichen wurden. Abgesehen davon, dass es für die Welt als Ganzes keine Ein- oder Auswanderung geben kann: Die Aufnahme von "Nicht-Ariern" im Deutschen Reich hätte Hitler missfallen, weil sie nach seiner Auffassung den "Rassenwert" des deutschen Volkes geschmälert hätte. So wie die Auswanderung von Millionen junger Deutscher den "Rassenwert" des deutschen Volkes vor dem Ersten Weltkrieg dezimiert habe, weil es immer die Besten, die Tüchtigsten gewesen seien, die das Land verließen. Die Einwanderung als Ausgleich von deutschen Geburtenlücken schied also in Hitlers Überlegungen aus. Geburtendefizite aber hätten Hitler das Argument genommen, dass neuer Lebensraum für das deutsche Volk gewonnen werden müsse. Wofür, hätte man sich gefragt, wenn die Bevölkerungszahl doch beharrlich schrumpft? Wozu kriegerische Eroberung von Lebensraum, wenn in den Industrieländern wenige Bauern genügen, die Bevölkerung zu ernähren und große Überschüsse zu erzeugen, die auf dem Weltmarkt verkauft, notleidenden Ländern geschenkt oder mitunter auch vernichtet werden. Obwohl die Ausbreitung der Wohn- und Gewerbegebiete und der Verkehrswege einen erheblichen Teil der Bebauungsflächen verschlang. Obwohl die schlechteren Böden zu Weideland abgestuft, aufgeforstet oder einfach zur Brache wurden. Obwohl der Getreideverbrauch pro Kopf auf ein Mehrfaches stieg, weil die mit dem Fleischkonsum steigende Tierhaltung den Einsatz eines Mehrfachen an pflanzlichen Futtermitteln verlangte. Obwohl die gedankenlose Verschwendung von Millionen Tonnen Lebensmitteln einen Teil der Ernten absorbieren. Das alles war und ist möglich, weil die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft aufgrund ständiger agrartechnischer Verbesserungen beharrlich stieg und immer weiter steigt. Das wurde alles bereits gesagt.

Das klassische malthusianische Argument, wonach die Menschen dazu neigen, ihren Nahrungsspielraum zu überschreiten, war also zu Hitlers Zeit für Deutschland wie für die anderen Industrieländer längst belanglos geworden. Ohnehin hat es in dieser extremen Weise nie gegolten. Das hat auch Malthus eingesehen und in den späteren Auflagen seines Hauptwerks zugegeben, dass der technische Fortschritt in der Agrarwirtschaft die Grenzen der Nahrungsmittelproduktion und damit die des Bevölkerungswachstums ständig verschiebt. Letztlich ging es Hitler auch garnicht um die Versorgung des deutschen Volkes mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen, sondern um ein Argument für die Notwendigkeit der territorialen Expansion in Richtung auf das erträumte Germanische Reich als einer kontinentalen Weltmacht, die den angelsächsischen Gegnern Paroli bieten könnte. Die USA mit ihren gewaltigen natürlichen Ressourcen waren das beneidete Vorbild, die Sowjetunion mit gleichfalls riesigen Räumen und Rohstoffreserven das längst ins Visier genommene Opfer, das die geforderten Territorien und ihre natürlichen Ressourcen hergeben sollte. Das malthusianische Argument drohender Hungerkatastrophen diente Hitler nur als Verkleidung expansionistischer Pläne. Ob ihm das klar war, muss offen bleiben. Denn deutlich gesagt hat er das nicht. Seine Argumentation ist vielmehr vom Anfang bis zum Ende immer die gleiche gewesen. Er wäre nicht der erste, der an das zu glauben lernt, was er wider oder ohne solides Wissen die anderen glauben zu machen unternimmt.

Der von Hitler in den Mittelpunkt gerückte Austausch von Fertigprodukten gegen Rohstoffe, der den internationalen Handel in der vor-industriellen Phase beherrscht hat, macht heutzutage kaum mehr ein Fünftel des Welthandels aus, und an seine Stelle ist der Austausch von Industrieprodukten und Dienstleistungen unter den Industrieländern getreten, der rund vier Fünftel aller Ex- und Importe ausmacht und im Zuge der weltweiten Vernetzung der Produktion immer weiter steigt. Der Welthandel spiegelt die strukturellen Veränderungen in den Industrieländern, die bereits diskutiert worden sind. Nämlich: Die Abnahme des Beschäftigungs- und Produktionsanteils des primären Sektors, der Landwirtschaft und des Bergbaus, der erst steigende und dann sinkende Beschäftigungs- und Produktionsanteil des sekundären Sektors, der Industrie und des Handwerks und der einstweilen ständig steigende Beschäftigungs- und Produktionsanteil des tertiären Sektors, der Dienstleistungsproduktion. Mit der Struktur von Produktion und Beschäftigung verändert sich die des Außenhandels.

Im Zuge der Industrialisierung einer wachsenden Anzahl von Ländern sinkt der Welthandelsanteil der Primärprodukte, der agrarischen und mineralischen Rohstoffe, und es steigt jener der Sekundär- und Tertiärprodukte, der industriellen Halb- und Fertigprodukte und der Dienstleistungen. Hier interessiert allerdings ein anderer Aspekt der internationalen Arbeitsteilung. Nämlich: Die Zunahme des intra-, die Abnahme des inter-industriellen Handels. Als intra-industriell gilt in der bislang unterstellten Drei-Sektoren-Welt der Handel, bei dem Rohstoffe gegen Rohstoffe, Industrieprodukte gegen Industrieprodukte oder Dienstleistungen gegen Dienstleistungen getauscht werden, Handel also, bei dem Export und Import in die gleiche Produktgruppe fallen. Entsprechend gilt als inter-industrieller Handel, dass Rohstoffe gegen Industrieprodukte oder Dienstleistungen, Industrieprodukte gegen Rohstoffe oder Dienstleistungen getauscht werden. Natürlich kann man auch innerhalb jeder der genannten drei Produktgruppen intra- und inter-industriellen Handel unterscheiden, wenn man jeweils Untergruppen von Produkten bildet. Die folgende, stark vereinfachte, schematisierte Darstellung der Welthandelsstruktur in den letzten beiden Jahrhunderten macht deutlich, dass die klassischen Fälle des Außenhandels - der Austausch von Rohstoffen gegen Fertigwaren, später der von kapitalintensiven gegen arbeitsintensive Produkte - im Zuge der Industrialisierung vieler Länder immer mehr an Bedeutung verloren hat. An die Stelle dieser inter-industriellen Transaktionen ist immer mehr der intra-industrielle Handel getreten. Er macht heute rund drei Viertel des Welthandels aus.

Handels.Ant.

Welthandelsstrukturen 1800 - 2000

Die Unterscheidung von inter- und intra-industriellem Handel gilt nicht nur für die skizzierte Drei-Sektoren-Welt, sondern für jegliche Klassifikation der auf dem Weltmarkt gehandelten Güter. Leicht einzusehen ist, dass der Anteil des intra-industriellen Handels unter sonst gleichen Umständen umso größer ist, je weniger Produktgruppen unterschieden werden. Fasst man im Extrem alle Ex- und Importgüter in einer Produktgruppe zusammen, dann gibt es natürlich nur noch intra-industriellen Handel. So wie es nurmehr inter-industriellen Handel gibt, wenn man jedes einzelne ex- und importierte Gut in einer separaten Produktgruppe registriert. Es ist eine bloße Frage des Ziels der Untersuchung, wieviele und welche Produktgruppen man jeweils unterscheidet. Wie immer die Kriterien zur Unterscheidung von inter- und intra-industriellen Transaktionen lauten mögen, uns interessiert, dass Hitler in seinem Szenarium der weltwirtschaftlichen Entwicklung den Austausch von Industrieerzeugnissen gegen Agrarprodukte und industrielle Rohstoffe unterstellt, also eine von mehreren Varianten des inter-industriellen Handels, die mittlerweile nur noch einen kleinen Teil des Welthandels umfasst. Stattdessen dominiert nun der Austausch von Industrieprodukten und Dienstleistungen zwischen den Welthandelsländern. Auch innerhalb dieser Aggregate kann man eine Untergliederung vornehmen und dann für diese Gütergruppen inter- und intra-industriellen Handel unterscheiden. Nimmt man zum Beispiel "Automobile" als Produktgruppe und betrachtet man den Handel zwischen Deutschland und Frankreich oder Italien, dann zeigt sich, dass Autos in großer Zahl in beiden Richtungen gehandelt werden, dass also ein beträchtlicher Teil der Transaktionen intra-industrieller Handel ist. Dessen Anteil stieg und steigt im Handel unter den Industrieländern für die meisten Produktgruppen schnell, weil die nationalen Produktions- und Konsumwelten im Zuge der Globalisierung immer stärker zusammenwachsen.

Größenvorteile in Herstellung, Ein- und Verkauf auf der einen Seite und Typenvielfalt auf der anderen, also das gleichzeitige Angebot vieler Varianten von Gütern, die gleichen Zwecken dienen, machen den Weg für den intra-industriellen Austausch unter den Industrieländern frei. Die Unternehmungen vieler Wirtschaftszweige bieten über Ländergrenzen hinweg ihre spezifischen Produktvarianten an, mit denen sie auf den beteiligten Märkten erfolgreich agieren. Jeder Anbieter von Produktversionen, die von seinen Konkurrenten nicht imitiert werden können, verfügt gewissermaßen über ein Monopol, über einen eigenen Markt. Er ist freilich kein Monopolist auf dem Gesamtmarkt der Produkte, die den jeweiligen Zwecken dienen. Darum spricht der Ökonom von monopolistischer Konkurrenz. Diese Bezeichnung mag den ökonomischen Laien verblüffen, für den Konkurrenz und Monopol Gegensätze bilden. Gleichwohl ergibt dieser Terminus Sinn: Der einzelne Anbieter ist Alleinverkäufer seiner Produktvarianten, steht aber im Wettbewerb mit den Anbietern anderer Produktversionen, die den gleichen Zwecken dienen. Jeder dieser "Monopolisten" hat einen begrenzten Preisspielraum, weil er bei eigenen Preisvariationen nicht nur mit der Reaktion der Nachfrager, sondern auch mit jener der anderen Anbieter rechnen muss. Gleiches gilt für Produktveränderungen, auf die die Konkurrenten mit Preis- oder Produktvariationen reagieren. Die Industriewelt ist mit dieser Typenvielfalt der Produkte, die gleichen Zwecken dienen, wieder ein Stück in Richtung auf die handwerkliche Einzelfertigung zugegangen, die die vorindustrielle Zeit beherrscht hat, weil der Käufer nun wieder Einfluss auf die Eigenschaften der Produkte hat, die er wählt. Weil er in der modernen Welt vielfacher Substitute überhaupt wieder eine Wahl hat.

Der Wegfall oder die Senkung von Zöllen, Quoten und anderen staatlichen Restriktionen für Handel, Direktinvestitionen und internationale Finanztransaktionen, die Verbilligung und Beschleunigung der Transporte, die weltweite Vernetzung der Informationssysteme, die Angleichung der Präferenzen der Konsumenten und mancherlei andere Veränderungen, die die ökonomische Bedeutung nationaler Grenzen sinken lassen, schaffen lukrative Chancen für grenzüberschreitende Aktivitäten, die es zuvor nicht gegeben hat. Diese ökonomische Integration der Regionen ist natürlich innerhalb großer Länder wie den USA oder solcher Zusammenschlüsse wie der Europäischen Union, mehr noch in der Euro-Zone, besonders ausgeprägt. Von abweichenden Rechtsnormen und Sprachbarrieren abgesehen, gibt es im Handel unter den Industrieländern für die meisten Produkte kaum mehr gravierende Hindernisse. Gleichwohl hat auch die Globalisierung Grenzen. Ein Berliner wird normalhin nicht nach Paris oder London fahren, um sich die Haare schneiden zu lassen. Obwohl es auch das geben soll. Als Urlauber, der die Wahl zwischen vielen Ferienorten in vielen Ländern hat, ist indessen jedes Individuum ein "Global Player". Die nationalen Märkte sind im Zuge der Globalisierung zusammengerückt, als sei der Erdball viel, viel kleiner geworden. Die moderne Welt ist zwar kein Dorf, aber ein bis in die letzten Dörfer vernetztes System. Ein wachsender Teil der grenzüberschreitenden Transaktionen vollzieht sich mittlerweile im Internet. Was vom klassischen Handel bleibt, ist der Transport der materiellen Produkte, Ergebnis der räumlichen Trennung von Erzeugung und Verwendung der gehandelten Güter. Aber auch diese Entfernungen schwinden mit den Direktinvestitionen, die die Produktion in die Nähe der Verbraucher in anderen Ländern verlagern.

Dies ist natürlich nicht mehr Hitlers Welt. Absurd erscheint nun sein Autarkismus, seine merkantilistische These, dass der internationale Handel ein Nullsummenspiel, der Gewinn des Einen der Verlust des Anderen sei, als Grundlage der Forderung nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit des Deutschen Reichs. Den Ökonomen ist das seit den Tagen der englischen Klassiker klar. Denn Adam Smith (1776) und David Ricardo (1817) haben die allseitigen Vorteile eines freien Welthandels schlüssig belegt. Inzwischen demonstriert auch die Europäische Union, dass der internationale Handel alles andere als ein Nullsummenspiel ist, dass alle Seiten von der wirtschaftlichen Verflechtung profitieren. Das war für Hitler und seine Entourage, allesamt ökonomische Laien, gewiss unvorstellbar. Als ob man ihnen hätte sagen wollen, dass im wirklichen Krieg beide Seiten zugleich gewinnen können. Und doch: Die Vorteile der Großproduktion und die Vielfalt und Verbilligung der in- und ausländischen Güter und Dienste auf den nationalen Märkten sind der gemeinsame Gewinn der am Welthandel beteiligten Länder. Ein Blick in die Regale von großen Verbrauchermärkten oder auf den Automarkt macht das auch dem ökonomischen Laien augenfällig. Das Autarkiemodell dagegen hat in der modernen Welt nie und nirgends Erfolg gehabt. China und Indien sind Beispiele für den erfolgreichen Wechsel der wirtschaftspolitischen Strategie von der Binnen- zur Weltmarktorientierung. Hitler hat denn auch die Autarkie vor allem als Waffe gegen ein künftiges Embargo, gegen eine Wiederholung der See- und Landblockade durch die angelsächsischen Seemächte geplant, als kriegswirtschaftliche Strategie. Auch darin wollte er die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. Es zeigt sich, dass Hitler, wenn Ökonom, dann Kriegsökonom war, dass er in militärischen Kategorien dachte und die Versorgung Deutschlands mit Gütern und Waffen in künftigen Konflikten sicherstellen wollte. Kriegen, die von Anbeginn geplant waren und auf dem Weg zur Weltmacht die Gegner einen nach dem anderen ausschalten sollten. Dabei hätte eine starke weltwirtschaftliche Verflechtung gestört, weil sie das Deutsche Reich von den Handelspartnern und ungestörten Transportwegen abhängig gemacht hätte. Das ist in der Tat der normale Preis für die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung und ein Stück Garantie gegen vorschnelle militärische Konflikte. Ein Preis, den Hitler nicht entrichten wollte. Darum der Autarkismus in seiner kriegerischen Gedankenwelt. Darum der fehlgeschlagene Versuch, gleichwertige Substitute für all jene Rohstoffe zu produzieren, die man in den geplanten Kriegen brauchte, aber im eigenen Land nicht oder nicht im erforderlichen Maße besaß. Hitlers "Vierjahresplan" (1936) war der Versuch, die Abhängigkeit von Rohstoffimporten zu überwinden, war der teure und misslungene Weg in die Autarkie.



IV
Rassistische Verankerung der ökonomischen Argumente
Hitlers


Wir haben uns mit Hitlers Plänen für das Deutsche Reich befasst, mit seiner Entscheidung gegen friedliche Wege und für den Krieg als Mittel zur Lösung vorgeblicher Existenzprobleme des "Volks ohne Raum"
. Diese programmatischen Entwürfe zielten, wie wir wissen, nicht einfach auf eine Revision des Versailler Vertrags, auf eine Wiederherstellung der deutschen Grenzen von 1914 und die Rückgabe der ehemals deutschen Kolonien, sondern auf die Gründung eines Germanischen Reichs als kommender Weltmacht auf dem Weg zur Weltherrschaft. Was bislang nicht recht deutlich wurde: Hitlers Pläne sind auf ein geschlossenes Bild vom Gang und Ziel der Weltgeschichte gegründet, auf eine historische Vision, die weit über die Wirklichkeit seiner Zeit hinausweist. Im einleitenden Kapitel dieses Textes über die Ursprünge der Hitlerschen Gedankenwelt wurde bereits deutlich, dass Hitler die menschliche Geschichte, anders als Marx und Engels, nicht als eine Abfolge von Klassenkonflikten, sondern als eine Geschichte von Rassenkämpfen um die begrenzten Ressourcen der Erde erklärte. Die Gegner in diesen historischen Konflikten sind also in Hitlers Sicht nicht soziale, durch ihren ökonomischen Status bestimmte Kollektive, auch nicht da oder dort im geschichtlichen Raum entstandene Staaten, sondern Völker, die durch ihre Rasse bestimmt sind. Als Rassen agieren die arischen und die übrigen, zu Nicht-Ariern zusammengedachten Völker. Die Arier als "Kulturerzeuger" sind die überlegenen, die Nicht-Arier als "Kulturverbraucher" die unterlegenen historischen Akteure. Am Ende des geschichtlichen Prozesses sind die Arier die herrschenden, die Nicht-Arier die beherrschten, die versklavten Völker. Das ist Ziel und Sinn der menschlichen Geschichte. Offen bleibt, wer oder was Urheber dieses Welttriebes ist.

Gleich zu Beginn seines "Zweiten Buchs" (1928) erklärt Hitler - wir halten uns an seine Worte - Politik sei werdende Geschichte, und Geschichte sei die Darstellung des Verlaufs des Lebenskampfs eines Volkes, weil in Wahrheit jegliches Ringen um das tägliche Brot, ganz gleich ob im Frieden oder Kriege, ein ewiger Kampf sei gegen tausend und abertausend Widerstände, so wie das Leben selbst ein ewiger Kampf gegen den Tod sei. Selbsterhaltung und Arterhaltung seien die beiden mächtigsten Triebe des Lebens: Hunger und Liebe. Die Stillung des Hungers ziele auf die Selbsterhaltung der Individuen, die Befriedigung der Liebe auf die Erhaltung der eigenen Art. Selbsterhaltung und Arterhaltung, Hunger und Liebe seien die ewigen Regenten des Lebens. Dieselben Gesetze, die das Leben der Einzelnen bestimmen, gälten auch für das ganze Volk. Ungezählt seien die Arten aller Lebewesen auf der Erde, unbegrenzt ihr Selbsterhaltungstrieb sowie der Trieb der Arterhaltung, begrenzt hingegen der Raum, auf dem sich alles irdische Leben vollziehe. Es sei die Oberfläche der Erdenkugel, auf der das Ringen von Abermilliarden von Einzelwesen um den Lebensraum stattfinde. In dieser Begrenzung des Lebensraumes liege der Zwang zum Lebenskampf, und aus dem Lebenskampf erwachse die Entwicklung der Arten.

Der Lebenskampf der arischen Völker gilt in Hitlers Sicht der Arterhaltung, und diese verlangt einerseits die Herrschaft über den notwendigen Lebensraum und andererseits die Erhaltung des Rassenwerts, des schöpferischen Potentials der arischen Rasse. Alle großen Kulturen der Vergangenheit seien nur zugrunde gegangen, weil die einstmals schöpferischen Völker an rassischer Infektion gestorben seien. Die Menschen, die die Rassengesetze mißachten, verhindern in Hitlers Sicht das Fortleben des besten Blutes und damit auch den Aufstieg der menschlichen Kultur. Denn die Kunst, die Technik, die Wissenschaft der Gegenwart seien allein das Ergebnis arischen Schöpfertums in der Vergangenheit. Der Arier sei - wir zitieren Hitlers verunglückte Metaphern - der Prometheus der Menschheit, aus dessen Stirn der göttliche Funke des Genies zu allen Zeiten hervorgesprungen sei. Der Arier habe stets aufs Neue jenes Feuer entfacht, das als Erkenntnis die Nacht der schweigenden Geheimnisse aufgehellt habe. In diesen wunderlichen Worten umschrieb Hitler seine Vorstellung von der menschlichen Geschichte und der Aufgaben, die der deutschen Politik gestellt sind, die ihr Handeln am Wohl des eigenen Volkes, der eigenen Rasse orientiert.

Erfolg oder Nicht-Erfolg im Lebenskampf eines Volkes hängen nach Hitler von Volkszahl und Volkswert ab, von der Größe und dem rassischen Wert des Volkes. Volkswert und Rassenwert sind Wörter, die in Hitlers Argumentation die gleiche Bedeutung haben. Diese Unterscheidung ist nachvollziehbar, wenn eine menschliche Rasse mehrere Völker umfasst, unterschieden etwa nach Siedlungsgebiet, Sprache, Kultur, Zeit und Ort in der Geschichte. So wie die Römer, die Griechen und die Deutschen in Hitlers Sicht arische Völker verschiedener Epochen sind. Zwar hat Hitler an keiner Stelle eine klare Definition des Volks- oder Rassenwerts gegeben, aber in seinen vielen Äußerungen wird in Umrissen deutlich, was er mit diesen Bezeichnungen meinte. Versuchen wir, es zu umschreiben. Künstlerische, technische und wissenschaftliche Hochbegabung, Entdeckungs- und Erfindungsgabe, soldatische und technische Tüchtigkeit sind sicherlich Eigenschaften, die Hitler im Sinn hatte, wenn er vom Volks- oder Rassenwert sprach. Nach Hitler sinkt und steigt der Rassenwert mit dem Maß der Rassenreinheit des arischen Volkes. Die Arier verstoßen gegen das "aristokratische Prinzip der Natur", wenn sie sich mit minderen, niederen Rassen, mit den Angehörigen nicht-arischer Völker, vermischen und so ihren Rassenwert dezimieren. Nach Hitler beherrscht das Gebot der Arterhaltung das Leben überall in der Natur. Der Fuchs bleibe immer ein Fuchs, die Gans eine Gans und der Tiger ein Tiger. Nie würde ein Fuchs, eine Gans oder ein Tiger sich mit Tieren einer anderen Art verpaaren. So wenig die Natur eine Paarung von schwächeren mit stärkeren Individuen wünsche, so wenig wolle sie die Vermischung von höherer mit niederer Art, weil sonst die jahrhunderttausendelange Arbeit der Evolution mit einem Schlage verloren wäre. Die Rassenfrage ist nach Hitler der Schlüssel zur Weltgeschichte und zur Weltkultur.

Versuchen wir, in einfachen Worten und unter Verzicht auf Hitlers wolkige Sprache zusammenzufassen, was er über Rassen, Rassenwert und Rassenkonflikte geäußert hat. Erstens: Es gibt menschliche Rassen, und man kann sie anhand ihrer spezifischen Merkmale, ihrer Rassenwerte, unterscheiden. Zweitens: Der Rassenwert, wie immer bestimmt, ist durch das rassenspezifische Erbgut der Individuen determiniert, und er wird in Abwesenheit rassischer Vermischung von jeder Generation im Kern unverändert an die nächsten Generationen weitergegeben. Die menschlichen Rassen zeigen also, wenn die Menschen unter ihresgleichen, unter den Artgenossen bleiben, in ihren wesentlichen Merkmalen über die Generationen hin Konstanz. Dauerhafte Veränderungen des Erbgutes kommen nur über die Partnerwahl, über die sexuelle Verbindung von Menschen gleicher oder ungleicher Rasse, zustande. Drittens: In Hinsicht auf das Erbgut und damit die Rassenwerte, gibt es höher- und minderwertige Rassen. Die arischen Völker, darunter die Deutschen, sind die höherwertigen, die nicht-arischen Völker die minderwertigen Menschen. Viertens: Der Rassenwert eines Volkes wird vor allem durch die Anteile des guten, höherwertigen und des schlechten, minderwertigen Blutes bestimmt. Blut meint dabei das rassenspezifische Erbgut und die ihm entsprechenden Rassenmerkmale. Vermischung mit nicht-arischen Rassen senkt also den kollektiven Rassenwert des arischen Volkes. Dieser wird aber auch gemindert, wenn erbkranken Individuen die Fortpflanzung gestattet wird. Eugenische Selektion vermag, den kollektiven Rassenwert eines Volkes zu steigern. Fünftens: Der Rassenwert eines Volkes steigt und sinkt mit der durchschnittlichen Kinderzahl der Familien, weil nach Hitlers Erklärung Hoch- und Höchstbegabte eher nach- als erstgeborene Söhne sind. Je höher aber die durchschnittliche Kinderzahl, umso höher auch das Bevölkerungswachstum. Darum steigt und sinkt mit dem Bevölkerungswachstum die Zahl und Bedeutung wissenschaftlicher, technischer, künstlerischer und militärischer Hochleistungen. Der Ökonom ist versucht, von kulturellen Skaleneffekten, von kulturellen Größenvorteilen des Bevölkerungswachstums sprechen. Sechstens: Die größere Bevölkerung verlangt größeren Lebensraum. Weiteren Lebensraum kann ein Volk, weil der irdische Raum unter den Völkern stets schon verteilt ist, nur zulasten anderer Völker gewinnen. Von daher bedeutet Bevölkerungswachstum Krieg. Denn andere Wege, eine wachsende Bevölkerung zu ernähren, führen nicht zum Ziel. Das ist jedenfalls das Ergebnis der von Hitler diskutierten Strategien, faktischen und erforderlichen Lebensraum des deutschen Volkes, des "Volks ohne Raum", in Einklang zu bringen. Siebtens: Der Verzicht des deutschen Volkes auf Wachstum und wachsenden Lebensraum bedeutet Degeneration, ist Verstoß gegen das Gebot der Arterhaltung und Artentfaltung. Achtens: Am Ende der Geschichte steht nach dem Willen der Natur die Weltherrschaft der arischen, der germanischen Völker. Mit der Weltherrschaft der Arier ist der globale Rassenwert maximiert. Der Lebenskampf der Rassen um Lebensraum und die resultierende Auslese der Besten ist das Instrument, der Gipfel der Weltkultur das Ziel der Geschichte. Unklar bleibt, wie gesagt, wer und was hinter diesen historischen Tendenzen als treibende Kraft tätig ist. Die "Vorsehung", der "Allmächtige", die "Natur" - Ausdrücke, von Hitler immer wieder gebraucht, aber an keiner Stelle erklärt.

Die menschliche Geschichte ist also nach Hitler der ewige Kampf der Rassen um den irdischen Lebensraum, um die wirtschaftlichen Ressourcen der Welt. Auf der einen Seite die "Arier" als die Erzeuger und Bewahrer, auf der anderen Seite die "Nicht-Arier" als bloße Nutzer der von anderen geschaffenen Weltkultur. Am Ende der Geschichte steht die Weltherrschaft der arischen und die Versklavung der nicht-arischen Völker. Das ist "das aristokratische Prinzip der Natur". Viele Fragen drängen sich dem Leser dieser rassistischen Glaubenssätze auf. Vor allem: Was sind menschliche Rassen? Wie erkennt man ihre Angehörigen? Was sind und wie mißt man Rassenwerte? Ist die menschliche Geschichte der Ort immerwährender Rassen- und Ressourcenkriege? Und ist die menschliche Entwicklung in der Tat ein Prozess des kulturellen Fortschritts, des Wachstums der Weltkultur? Versuchen wir, in gebotener Kürze diesen Feststellungen nachzugehen. Obwohl ein Ökonom nicht berufen erscheint, auf solche Fragen eine Antwort zu geben. Aber es geht im Grunde um die Feststellbarkeit, die Meßbarkeit sozialer Sachverhalte, um Methodenfragen, die auch dem Ökonomen geläufig sind. Bereits der gesunde Menschenverstand führt überdies die Suche auf den richtigen Weg.

Was also sind menschliche Rassen? Hitler und die Sozialdarwinisten des 19. Jahrhunderts, deren Argumente er übernahm, übertrugen die an Pflanzen und Tieren beobachtete reproduktive Trennung der Arten – darunter verstanden: die Unfähigkeit der Angehörigen verschiedener Arten, gemeinsame Nachkommen zu zeugen, die ihrerseits fortpflanzungsfähig sind - auf die Menschen, aber nicht als naturgegebene, strikte Fortpflanzungsbarriere zwischen den Arten, sondern als Gebot der Natur, die eigene Art gegen andere menschliche Arten zu behaupten. Die Menschheit ist also in dieser Sicht keine distinkte Art, sondern eine Mehrzahl von Arten, die Hitler Rassen nennt. Während die Natur den Pflanzen und Tieren das Überschreiten der reproduktiven Barrieren unmöglich macht, sind die Menschen jeglicher Art in dieser Sicht in der Lage, ihre naturgegebenen Rassenmerkmale zu vermischen, die reproduktiven Schranken, das ewige Naturgesetz der Arterhaltung, zu missachten. In Anlehnung an Hitlers Worte: Wo Fuchs, Gans und Tiger sich allein mit ihresgleichen verpaaren, da sind die Angehörigen menschlicher Rassen in der Lage, sich sexuell zu verbinden und Rassenmischlinge, Bastarde, hybride Wesen zu zeugen, die wiederum fortpflanzungsfähig sind und das entartete, das vergiftete Blut weitertragen. Wie im "verjudeten" und "vernegerten" Frankreich, dem Land, das nach Hitlers Erklärung auf dem Weg ist, der erste afrikanische Staat in Europa zu werden. Keine natürliche Barriere hält die Menschen von solchen Missetaten ab. Die Natur erlaubt sich gewissermaßen den Luxus, Verstöße gegen ihren strengen Willen zuzulassen, Sünden wider das Gebot der Arterhaltung. So wie Gott dem Gläubigen die Freiheit verleiht, zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Im Extremfall paaren sich, um damals modische Begriffe zu verwenden, "Europide" mit "Negriden", also "Weiße" mit "Schwarzen" und erzeugen so Mischlinge dieser Rassen. Auf Hitlers rassistischer Bühne treten freilich, wie wir wissen, nicht diese Kollektive auf, die in der Kolonialepoche der europäischen Mächte von den Rassisten nach Aussehen und Herkommen unterschieden wurden, sondern Arier und Nicht-Arier als die großen Akteure der Weltgeschichte. Arier, das waren die Germanen, darunter die Deutschen
, und die Nicht-Arier, das waren alle Anderen. Darunter alle Europäer, die nicht als Germanen anerkannt waren. Vor allem die slawischen Völker und natürlich die europäischen Juden.

Hitlers Feststellung, dass die Tiere, dass Fuchs, Gans und Tiger sich, anders als die menschlichen Arten, nicht mit anderen Arten paaren, übersieht, dass die Varianten dieser Tierarten sich sehr wohl verpaaren können, und dass auch die Arier und die Nicht-Arier, wenn es sie als unterscheidbare historische Kollektive überhaupt gäbe, Varianten derselben Spezies, eben der des Menschen wären und darum durch keinerlei reproduktive Sperren daran gehindert wären, gemeinsame fortpflanzungsfähige Nachkommen zu zeugen. Hitler und seine rassistischen Gesinnungsgenossen verwechselten offenkundig Arten als abgeschlossene Fortpflanzungskollektive mit ihren Varianten. Die einen sind von Natur durch Zeugungsbarrieren getrennt, die anderen sind es nicht. Jeder Züchter hätte ihnen diesen Unterschied leicht erklären können.

Hitler hätte freilich seinen Ausflug in die Tierwelt, zu Fuchs, Gans und Tiger, garnicht zu machen brauchen, um zu seinen Konklusionen zu kommen. Es hätte genügt zu behaupten, dass es menschliche Varianten, Rassen genannt, gibt, die sich in ihren spezifischen Eigenschaften, in ihren Rassenwerten, unterscheiden. Die eine Rasse, die Arier, die die höheren, kulturell wertvollen Menschen umfasst und die anderen Rassen, die Nicht-Arier, der die niederen, kulturell wertlosen Menschen angehören. Und dann zu behaupten, dass die sexuelle Verbindung dieser Varianten Mischwesen zeitigt, deren Rassenwert immer zwischen jenem der Elternteile liegt. So hat es Hitler seinen geduldigen Tafelgesellen immer wieder erklärt. Darum: Je mehr Mischlinge im rassisch höheren Volk, umso niedriger dessen Rassenwert. Oder: Je mehr Mischlinge im rassisch minderen Volk, umso höher dessen Rassenwert. Die imaginierten Varianten des Menschen, die Hitler Rassen nennt, können also durch sexuelle Selektion auf der Skala des Rassenwertes auf- oder absteigen, und daraus folgt für Hitler die Maxime, im eigenen, arischen Volk den Anteil des höheren, guten Blutes zu maximieren oder, was auf dasselbe hinausläuft, den Anteil des niederen, schlechten Blutes zu minimieren, seine Träger im Extrem auszuweisen oder auszumerzen. Hitler verdammte, wie gesagt, die sexuelle Verbindung von Ariern und Nicht-Ariern, von Germanen und Nicht-Germanen, als vorgeblichen Verstoß gegen das ewige Gesetz der Natur, das die Arterhaltung gebiete. Der Sinn der Geschichte ist in diesem rassistischen Weltbild die Hinaufbildung des Menschen durch Stärkung der höheren, kulturschaffenden und Schwächung der minderen, kulturzehrenden Rassen. Die Arier als "Kulturerzeuger" und die Nicht-Arier als bloße "Kulturverbraucher". Am Ende des geschichtlichen Prozesses steht dann, wie gesagt, nach dem Willen der Natur, nach dem Gesetz der Geschichte, die Weltherrschaft der Arier, der Germanen und die Unterwerfung aller anderen Völker dieser Welt.

Diese, auf den ersten, flüchtigen Blick, schlüssige Deutung der Weltgeschichte steht und fällt mit der Möglichkeit, Arier und Nicht-Arier anhand plausibler Kriterien und mit exakten empirischen Methoden aufzuspüren. Was wurde uns da von Hitler und seinen akademischen Gesinnungsgehilfen als Nachweis angeboten? Im Grunde nichts, gleich gesagt. Obwohl viele rassistische Forscher damals den Versuch unternommen haben, plausible Kriterien und Methoden für die empirische Unterscheidung von Ariern und Nicht-Ariern zu formulieren. Damals, zu Hitlers Zeit, haben sich die Rassenforscher an äußere Merkmale, an Hautfarbe, Schädelform, Augen- und Haarfarbe, Körpergröße und Körperbau gehalten und nach den beobachteten Werten die Probanden als arisch oder nicht-arisch abgestempelt. Groß, blond, blauäugig und hohe Stirn, so wurden damals in den Schulbüchern und den Schulungsbriefen der Partei die Germanen geschildert. Aber groß, blond, blauäugig und hohe Stirn, das waren Merkmale, die sich bei den slawischen und keltischen Völkern Europas mindestens so häufig wie bei den Deutschen feststellen ließen und immer noch feststellen lassen. Es will also ganz und gar nicht gelingen, Arier und Nicht-Arier anhand solcher schlichten Merkmale als abgrenzbare Kollektive in Europa und anderswo dingfest zu machen. Da hilft auch nicht, dass es vor Jahrtausenden in den Weiten der zentralasiatischen Steppen nomadisierende Hirtenvölker gegeben haben mag, die sich Arier nannten und indo-europäische Idiome sprachen. Manche rassistischen Autoren haben ohnehin den Ariern eine eigene Biographie erfunden, wonach der wilde, kalte Norden Europas ihre Urheimat gewesen sei. Wie auch immer: Arier und Nicht-Arier sind, wenn als historische Menschengruppen verstanden, künstliche Figuren, dichterische Geschöpfe rassistischer Autoren, deren Glaubenssätze Hitler in seinen jungen Jahren kennengelernt und in seiner bizarren Gedankenwelt verinnerlicht hat. Es ist gut, dass es niemandem und nirgends gelungen ist, Arier und Nicht-Arier als Arten in der geschichtlichen Welt ausfindig zu machen. Dass sie Phantasieprodukte von Fanatikern und Narren bleiben. Denn in jegliche festgestellte Verschiedenartigkeit würde ohne Zweifel immer noch und immer wieder Verschiedenwertigkeit hineingelesen. Angesichts des mörderischen Missbrauchs, der mit solchen Unterscheidungen betrieben wurde, bleibt nur die Feststellung, dass man das Wort "Rasse" auf Aussagen über Fragen der Tier- und Pflanzenzucht beschränken und bei der Versuchung, Menschen mit Hilfe solcher Konstrukte wertend zu klassifizieren, an das sarkastische Wort eines Philosophen denken sollte: "Man kann die Menschen einteilen in Dienstmädchen, Schornsteinfeger und Offiziere." Zahllos in der Tat die Möglichkeiten des vom Vorurteil verleiteten Verstands, menschliche Rassen hervorzuzaubern. Man sollte das Wort ganz einfach vergessen oder eben dem Pflanzen- und Tierzüchter überlassen. Auch er kann freilich die genetische Trennung der Arten nicht überwinden. Zumindest noch nicht. Morgen mag das anders sein.

Hitler und seine Helfer haben sich garnicht erst die Mühe gemacht, überzeugende Kriterien und Methoden zur Bestimmung der Rassen und der Rassenzugehörigkeit von Individuen vorzulegen. Sie haben sich vielmehr, wenn es darauf ankam, Menschen einer Rasse zuzuweisen, an die Staats- und Religionszugehörigkeit, an das Siedlungsgebiet, an die Sprache und andere Verhaltensmerkmale gehalten und den derart Identifizierten frei erfundene Eigenschaften zugewiesen. Das freilich hätten Hitler und seine Kumpane zornig geleugnet. Gleichwohl war es so. Auch die europäischen Juden konnten von den Häschern Hitlers nur mit Hilfe der jüdischen Gemeinderegister und der kommunalen Meldeämter bestimmt, verschleppt und ermordet werden. Wer dort nicht als Jude verzeichnet war, hatte eine gute Chance, ungeschoren davonzukommen. Denn ansehen konnte man dem Einzelnen nicht, ob er Jude, Christ, Moslem oder Agnostiker war. Erst recht nicht, woher seine Vorfahren kamen. Oder gar, ob er Arier oder Nicht-Arier, Germane oder Nicht-Germane ist. Darum, als es grausamer Ernst wurde, die Einführung der Judensterne, die deutlich erkennbar getragen werden mußten, weil ohne solche verordneten Zeichen Juden und Nichtjuden im Alltag nicht unterschieden werden konnten. Auch die Millionen Zwangsarbeiter im Deutschen Reich, aus den eroberten Gebieten im Osten herbeigeschleppt, mußten deutlich erkennbare Zeichen tragen, damit man sie von den Deutschen unterscheiden konnte, wenn jene die Straßen betraten. Falls ihnen überhaupt gestattet war, ihre umzäunten und bewachten Barackenlager zu verlassen.

Nächste Frage: Was sind Rassenwerte? Die Unterscheidung besseren und minderen Blutes, höherer und niederer Rasse spielt in Europa, wie gesagt, außerhalb von Adelskreisen im Grunde nur noch in der Pflanzen- und Tierzucht eine ernsthafte Rolle und auch dort nur mit Hilfe wertender Kriterien, die man annehmen oder ablehnen kann. Nicht jeder mag jeden vom Züchter erfundenen Hund. Natürlich bleibt allerorten das Vorurteil den Fremden, den Anderen gegenüber. Und überall werden Unterschiede zwischen Oben und Unten gemacht. Auch eine fremde Hautfarbe und andere Äußerlichkeiten stoßen immer noch auf Vorbehalte, wenn es sich nicht um attraktive Models handelt. Relikte kolonialistischer Arroganz. Was bleibt dann, unter dem Strich, von der Behauptung, bestimmten Erscheinungstypen des Menschen ließen sich bestimmte Eigenschaften eindeutig zuweisen, so dass also zum Beispiel behauptet werden könnte, "Weiße" besäßen im Durchschnitt eine höhere Intelligenz und eine größere Kreativität als "Schwarze"? Anders als bei der Erfindung der Arier und der Nicht-Arier ist bei diesem gängigen Vorurteil zumindest auf beobachtbare Kennzeichen, auf die Pigmentierung der Haut, abgehoben. Es werden hell- und dunkelhäutige Menschen verglichen. Das führt freilich noch nicht weit. Solche Aussagen könnten dann womöglich ernsthaft geprüft werden, wenn erstens eindeutig geklärt wäre, aufgrund welcher Eigenschaften ein Proband als "Weißer" oder als "Schwarzer" einzuordnen ist, wenn zweitens unstrittige Kriterien und Methoden zur Ermittlung der "Intelligenz" und der "Kreativität" jedes Probanden angewendet würden, und wenn drittens ausgeschlossen wäre, dass andere als die der Auswahl der Probanden zugrunde gelegten Eigenschaften die so oder so definierte "Intelligenz" und "Kreativität" von Menschen beeinflussen können. Nimmt man die natürliche Pigmentierung der Haut, und nur sie als Kriterium für die Zuordnung als "Weißer" oder "Schwarzer", so will man wissen, ob ein eindeutiger Zusammenhang zwischen diesem Merkmal und den gemessenen Eigenschaften "Intelligenz" und "Kreativität" besteht. Falls man sie plausibel bestimmen kann. Gibt es für "Weiße" wie "Schwarze" weitere Bestimmungsgründe der gemessenen Merkmale, so müssen die Probanden beider Gruppen so ausgewählt werden, dass sie in Hinsicht auf diese weiteren Eigenschaften übereinstimmen, dass also jede der beiden Gruppen in diesen Merkmalen ein genaues Widerbild der anderen ist. Beeinflußt zum Beispiel die Schulbildung nicht nur der Probanden, sondern auch die ihrer Eltern oder das Einkommen, der Beruf, die Ausbildung, die Konfession der Eltern der Probanden die Ergebnisse, dann müssen alle Testpersonen in Hinsicht auf diese Kriterien übereinstimmen, wenn man feststellen will, ob und inwieweit Unterschiede in der festgestellten "Intelligenz" und "Kreativität" der Hautfarbe zugerechnet werden können. Erst auf der Grundlage einer solchen Messkonzeption dürfte man bei entsprechenden Ergebnissen der Untersuchung behaupten, dass "Schwarze" und "Weiße" sich in Hinsicht auf die Merkmale "Intelligenz" und "Kreativität" in der festgestellten Weise unterscheiden. Das alles sind messtheoretische Selbstverständlichkeiten. Aber auch dann bleiben solche Aussagen fragwürdig, weil es in Wirklichkeit unendlich viele Möglichkeiten gibt, "Intelligenz" und "Kreativität" zu definieren. Das gälte erst recht, wenn man Hitlers "Rassenwerte" ermitteln wollte. Weder die Rassen noch die Rassenwerte, wolkige, vage Phantasiegebilde, stünden für ernsthafte Vergleiche und Versuche zur Verfügung. Darum bleibt es dabei, dass es nicht möglich ist, ganzen Völkern und Völkergruppen auf vorurteilsfreie Weise Noten für ihr kulturelles, ihr kreatives Niveau zu erteilen. Eine triviale Einsicht, die gleichwohl nicht nur Freunde besitzt.


Nächste Frage: Was ist von Hitlers Erklärung zu halten, die menschliche Geschichte sei wie die Welt der Pflanzen und Tiere beherrscht vom erbitterten Kampf der Arten um den Lebensraum? Was sagen uns die Evolutionsbiologen? Nun: Natürlich kämpfen Pflanzen miteinander um das Sonnenlicht, stellt der "stärkere" Baum den "schwächeren" in den Schatten, und natürlich spielen unter den Tieren Revier- und Rangkämpfe, Konkurrenz um soziale Position und Fortpflanzungschancen eine große Rolle. Und der Kampf zwischen Raub- und Beutetieren. Aber das sind nicht notwendig tödliche Auseinandersetzungen um den Lebensraum. Bereits Darwin wußte, dass auch Raubtiere auf Kooperation angewiesen sind, wenn sie überleben wollen. Und er hat deutlich gemacht, dass sich zwischen den Raubtierarten und ihren Beutetieren bei ständigen Schwankungen der Bestände ein Gleichgewicht einzustellen tendiert. Wie in Malthus' Modell der um den Pfad der Nahrungskapazität oszillierenden Bevölkerungszahlen, in dem ein zu kleines oder zu großes Nahrungsangebot eine größere oder kleinere Zahl von Kranken und Schwachen vorzeitig sterben läßt. Natürlich werden immer wieder Einzelne und Arten ausgemerzt, die sich aus diesen oder jenen Gründen in ihrer Umwelt nicht zu behaupten vermögen. Aber der von den Evolutionsbiologen für Pflanzen und Tiere festgestellte Selektionsprozess, der die der jeweiligen Umwelt am besten angepassten Individuen und Arten überleben läßt, dieses Zusammenspiel von Variation und Selektion, von endogenen und exogenen Anpassungsprozessen, kann nicht ohne Weiteres auf die Welt der modernen Menschen übertragen werden. Diese sind nicht das Opfer unkontrollierter Vermehrung. Und sie nehmen den natürlichen Lebensraum und seinen Wandel nicht einfach hin, sondern sie passen ihn im Rahmen ihrer in Jahrtausenden gewachsenen Zivilisation ihren Bedürfnissen an. Sie haben in vielen Generationen eine komplexe Kunstwelt geschaffen, die sie vor vielen, wenn auch nicht allen Anfeindungen aus der natürlichen Umwelt schützt. Kein Vergleich mit dem Verhaltensrepertoir intelligenter Tiere. Die Menschen leben in kleinen und großen Verbänden, in denen die Verteilung der Lebens- und Fortpflanzungschancen seit Tausenden Jahren nicht durch blutige oder unblutige Kämpfe unter den Individuen, sondern durch Regeln bestimmt ist, deren Verletzung durch soziale Sanktionen in Grenzen gehalten wird. Das gilt auch für die Heiratsregeln, die unter Menschen über lange Zeit die Fortpflanzungschancen der Individuen gesteuert haben. Erst die Heirat verschaffte in der Regel das Recht, Nachwuchs zu zeugen. Der Sexualität waren seit Jahrtausenden soziale Grenzen gesetzt. So waren beim Landadel und bei den freien Bauern in Deutschland früher die ältesten Söhne gegenüber ihren jüngeren Brüdern durch das Erbrecht bei der Vergabe von Erwerbs- und damit Heirats- und Fortpflanzungschancen privilegiert. Den nachgeborenen Söhnen blieb oft nur der Eintritt in die Armee, der Wechsel in die Stadt, die Auswanderung oder ein Leben als unverheirateter Knecht. Auch im Handwerk war die Heirat an den Nachweis einer vollen Stelle gebunden. Stets waren in der vor-industriellen Welt soziale Vorgaben zur Regelung der Fruchtbarkeit bei gegebener Sterblichkeit wirksam. Nur die Ausgestoßenen, die Asozialen, waren frei, beliebig viele Kinder zu haben. Dem hat freilich die hohe Kindersterblichkeit unter ihresgleichen entgegengewirkt. Diese sozialen Randgruppen hat Malthus als Muster für sein Bevölkerungsmodell genommen, in dem die Menschen blind gegen die Grenzen des Nahrungsspielraums prallen. Für die Sesshaften waren in der bäuerlichen Welt die mittleren Ernten - der Ökonom würde sagen: das reale Lebenszeiteinkommen - Orientierungspunkt der Familiengründung und –planung. Unerwartete Verknappungen der verfügbaren Nahrungsmittel nach Missernten, Feuersbrünsten, Überschwemmungen und anderen Katastrophen, schlugen sich dann in erhöhter Sterblichkeit der Schwachen, vor allem der Kinder und Alten, nieder. Langfristige Ungleichgewichte wurden durch bewußte Regelung der Fruchtbarkeit gemieden, kurzfristige durch ungeplante und ungewollte Veränderungen der Sterblichkeit und durch Wanderungen ausgeglichen. Nur in solchen Katastrophen kam ein Selektionsprozess zur Geltung, das Überleben der Robusteren, die Auslöschung der weniger Widerstandsfähigen. Von daher die Bevölkerungszyklen in der vor-industriellen Zeit. Sie sind das Ergebnis von Schwankungen der Sterblichkeit bei gegebener und bewußt gesteuerter Fruchtbarkeit.

Für die Menschen im Deutschen Reich war das zu Hitlers Zeit alles längst ohne Bedeutung. Zwar gab es im 19. Jahrhundert in Europa noch Grippe- und Cholera-Epidemien, die Abertausende Opfer forderten. Aber das hatte nichts mit Hungersnöten, mit einem Mangel an Lebensraum zu tun, sondern mit den mangelhaften hygienischen Verhältnissen und den damaligen Grenzen des medizinischen Wissens. Opfer dieser Epidemien waren Menschen aus allen sozialen Schichten. Auch in der modernen Welt sind Epidemien nie und nirgends ausgeschlossen, weil sich neue oder angepasste Erreger verbreiten, die mangels geeigneter Medikamente nicht ohne Verzögerung erfolgreich abgewehrt werden können. Noch immer sind Bakterien und Viren mächtige und unbesiegte Feinde des Menschen. Das trifft die Bevölkerung armer Länder eher und stärker als die der reichen Staaten. Wiederum muss gesagt werden, dass es sich dabei nicht um eine "Natürliche Auslese" handelt, sondern um das Ergebnis der ungleichen Verteilung von Lebenschancen in der modernen Welt. Unterschiede, die verschwinden würden, wenn es gelänge, die Lebens- und damit Überlebensbedingungen in den armen Ländern jenen der reichen Länder anzugleichen. Der Nahrungsspielraum der Erde erlaubt, wenn wir den Agrarökonomen glauben, bei Anwendung moderner agrartechnischer Methoden 12 Milliarden Menschen satt zu machen, eine Zahl, die die Weltbevölkerung mutmaßlich nie erreichen wird. Allenfalls eine Klimakatastrophe könnte einen Strich durch diese Rechnung machen.

Schließlich sind Kriege zwischen menschlichen Völkern um Siedlungsraum, um Nahrungsquellen – anders als von Hitler behauptet - in der Neuzeit eher die Ausnahme als die Regel. Kriege wurden und werden immer und überall und aus mancherlei Gründen geführt, aber Eroberungskriege, die einem Volk zulasten anderer Völker den für eine wachsende Menschenzahl notwendigen Lebensraum verschaffen, es vor aktuellen oder künftigen Hungerkatastrophen bewahren sollen, lassen sich in der europäischen Geschichte seit der Völkerwanderung kaum noch entdecken. Sie hätten zu großen Bevölkerungsverschiebungen führen müssen, die es innerhalb Europas seit jener Zeit garnicht mehr gab, wenn man von den millionenfachen Vertreibungen nach Hitlers Krieg absieht. Vertreibungen, die nichts mit Hungerkatastrophen zu tun hatten. Das gilt auch für die Eroberung des Baltikums durch die deutschen Ordensritter, die Hitler immer wieder als historisches Vorbild rühmte. Es waren freilich wenige Ritter, die damals, durchaus nicht vom Hunger getrieben, gen Osten ritten. Allenfalls die Eroberung von Kolonien in anderen Kontinenten könnte als kriegerische Gewinnung von Siedlungsraum genommen werden, aber das kennzeichnet kaum die tatsächlichen Motive für die Aneignung von Gebieten in Afrika, Asien, Amerika und anderswo durch die europäischen Mächte. Die Kolonien wurden nicht erobert, um Hungerkatastrophen zu entgehen. Sie waren nicht in erster Linie neuer Siedlungsraum, sondern Rohstofflieferanten und Absatzmärkte für Fertigwaren. Auch, wenn viele Kolonialherren Siedler wurden und die Einheimischen auf den Plantagen als billige Arbeitskräfte nutzten. Am ehesten entspricht die Besiedlung Nordamerikas und Australiens Hitlers kriegerischer Deutung der menschlichen Geschichte. Denn man kann durchaus von einem Kampf um Lebensraum zwischen den europäischen Siedlern und den eingesessenen Völkern, den Indianern und Aborigines, sprechen, die das Land seit Tausenden Jahren bewohnten. Darum Hitlers ständiger Hinweis auf die Besiedlung Nordamerikas als historisches Vorbild für seine Eroberungspläne.

Die Kriege der großen und kleinen europäischen Herrscher dagegen waren zwar über Jahrhunderte hin eher die Regel als die Ausnahme, weil immer irgendwo gefochten und geschossen wurde, aber das hat mit Hitlers Bild der Geschichte als ewigem Kampf um Lebensraum wenig zu tun. Der Hundertjährige, der Dreißigjährige und der Siebenjährige Krieg, die Erbfolgekriege, Habsburgs Türkenkriege, Preußens Eroberung fremder Provinzen, Napoleons Feldzüge oder Bismarcks Kriege: Das waren keine Kämpfe um Lebensraum. Und was den Ersten Weltkrieg angeht, so weiß man als Nachgeborener eigentlich garnicht, warum und wofür er begonnen und ausgefochten wurde. Die Ziele sind damals dem Krieg gewissermaßen nachgerannt. Auch der Zweite Weltkrieg war kein erbitterter Kampf um Lebensraum, denn das "Volk ohne Raum" existierte, wie wir gesehen haben, allenfalls in Hitlers Phantasie. Millionen deutscher Soldaten sind damals keineswegs über fremde Länder hergefallen, um einer aktuellen oder drohenden Hungerkatastrophe zu entkommen. Auch, falls sie das, Hitler folgend, geglaubt haben sollten. Auch die vielen Kriege, die seitdem da und dort in der Welt geführt worden sind, hatten und haben mit Hungerkatastrophen wenig zu tun. Diese sind mitunter Folge, nicht aber Ursache der Konflikte. Allenfalls unfriedliche Auseinandersetzungen um die Herrschaft über wichtige Rohstoffvorkommen finden sich bis in die Gegenwart. Der Kampf um Öl- und andere Rohstoffreserven ist sicherlich ein Ressourcen-, aber eben kein Rassenkonflikt. Und er wird meist nicht durch militärische Intervention und angezettelte Bürgerkriege, sondern durch Abkommen unter Firmen und Staaten und durch den Markt reguliert.

Natürlich könnte man eine solche nüchterne Sicht auf die menschliche Geschichte beiseiteschieben und darauf beharren, dass Kampf, Krieg und Konkurrenz überall und jederzeit das Instrument der Entwicklung seien. Man könnte darauf hinweisen, dass auch in der unbelebten Natur das Starke das Schwache verdrängt. Dass die Himmelskörper einander verschlingen. Dass auch im Kleinsten die Konkurrenz der Teilchen den Gang der Dinge bestimmt. Dass auch der menschliche oder tierische Körper nichts weiter als der Kampfplatz mikrobiotischer Gegner ist, den am Ende immer die zerstörenden Kräfte gewinnen. Zerstörung, Tod, Verfall, um für das Neue Platz zu schaffen. Wer will, kann überall Kampf und Krieg erblicken. Nur, mit der Fülle des Lebens in dieser Welt hat das wenig zu tun. Sie wird durch die gewählte Optik unsichtbar.

Auch Hitler war, ob er den Ausdruck kannte oder nicht, ein Sozialdarwinist, ein Vertreter des Gedankens, dass die "Natürliche Selektion" nicht nur bei Pflanzen und Tieren, sondern auch bei menschlichen Völkern waltet. Sozialdarwinisten glauben, dass im Lebenskampf der Völker um die irdischen Ressourcen die Stärkeren, Besseren siegen und die Schwächeren, Schlechteren unterliegen, und sie sehen auch im friedlichen Wettbewerb der Individuen auf den Märkten den Tüchtigen, den Starken auf der Gewinner- und den Untüchtigen, den Schwachen, auf der Verliererseite. Das Prinzip, das den Kampf ganzer Völker beherrscht, gilt in dieser Sicht auch für den Wettbewerb der Einzelnen auf den Märkten. Der klassische, im England des 19. Jahrhunderts entstandene Wirtschaftsdarwinismus stützte sich, seiner Benennung zum Trotz, weniger auf Darwin und mehr auf Spencer (The Social Organism.1860), der in der durch den wirtschaftlichen Wettbewerb angetriebenen Evolution die Entwicklung der Menschheit vom Niederen zum Höheren, vom Schlechteren zum Besseren, vom Einfachen zum Komplexen sah. Spencer und nicht Darwin hat das Schlagwort vom "Survival of the Fittest" populär gemacht. Darwin hat die im Frühkapitalismus, im England des 19. Jahrhunderts, verbreitete Vorstellung von der produktiven Wirkung der wirtschaftlichen Konkurrenz auf die Welt der Pflanzen und Tiere angewendet, so wie Malthus den Kampf des städtischen Lumpenproletariats um Überlebenschancen im England der Industriellen Revolution auf die Weltbevölkerung übertragen hat. Und in der kolonialistischen Welt jener Zeit war es nur ein kleiner Schritt, die sozialdarwinistische Doktrin auf die herrschenden und die beherrschten Völker anzuwenden. Die "Weißen" als überlegene, die "Farbigen" als unterlegene Rassen. Rassistische Vorurteile waren in Europa, in Spanien, Portugal, England und den anderen Staaten, die überseeische Kolonien besaßen, lange vor der Industriellen Revolution verbreitet. Die Verquickung dieser rassistischen Vorurteile mit biologischen Theoremen hat freilich erst im England der Industriellen Revolution mit dem Sozialdarwinismus eine konsequente Form gefunden. Diese Ideen sind dann in mancherlei Fassung auf den europäischen Kontinent übergesprungen. Hitler brauchte sich aus diesem Ideenkonvolut nur zu bedienen. Damit ist garnichts über den wissenschaftlichen Wert von Darwins Grundgedanken über die Entstehung, den Wandel und den Tod von Arten in der Tier- und Pflanzenwelt ausgesagt. Das steht einem Ökonomen nicht zu. Es war nur festzustellen, dass im frühkapitalistischen England die sozialen Strukturen und das intellektuelle Milieu herrschten, in denen Darwins Hypothesen, die den Lehren der Staatskirche krass widersprachen, konzipiert und publiziert werden konnten. Von da war es, wie gesagt, nur ein Schritt, diese Ideen zu ihrem Ursprung zurückzuführen und den Gedanken der Evolution als Selektionsprozess auf die neuere menschliche Geschichte zu projizieren. Auf Zeiträume, die viel zu kurz sind, um der natürlichen Selektion im Sinne Darwins Platz zur Entfaltung zu lassen. Die technische Zivilisation, die der moderne Mensch in wenigen Jahrhunderten geschaffen hat, ist kein biologisches Phänomen.

Will man Völker und Epochen in Hinsicht auf kulturelle Unterschiede vergleichen, so muss man zunächst klären, was als Kultur verstanden und gemessen wird. Der Autor ist Ökonom und darum geneigt, von Kulturgütern, Kulturproduzenten und -konsumenten zu sprechen. Auch Hitler hat von den Ariern als Kulturerzeugern und von den Nicht-Ariern als Kulturverbrauchern gesprochen. Und Kulturgüter, das waren für ihn Kathedralen, Paläste, Skulpturen, Gemälde, Sinfonien, Romane, Gedichte, wissenschaftliche Werke, Erfindungen, Entdeckungen und technische Innovationen. So hat er es jedenfalls seinen Tafelgenossen erklärt. Kultur war also für ihn ein vieldimensionales Gebilde. Und doch hat er von Kultur schlechthin, vom Kulturniveau dieser oder jener Völker und Rassen und von der Weltkultur gesprochen. Natürlich hat er dabei nicht unterstellt, dass die von ihm geschätzten Kulturgüter akribisch bestimmt und bewertet wurden. Er hat vielmehr erkennbar seine eigenen Vorlieben und Vorurteile zum Ausdruck gebracht. Der nüchterne Zeuge will freilich wissen, wie man auf nachvollziehbare Weise zur Feststellung kultureller Niveaus und kultureller Differenzen zwischen menschlichen Völkern und Epochen der menschlichen Geschichte gelangt. Nehmen wir also an, wir besäßen klare Vorstellungen davon, was die Kultur eines Volkes ausmacht. Wir hätten Kultur-Indikatoren und unstrittige Methoden, in konkreten Fällen ihren Wert zu bestimmen. Wenn wir des weiteren eindeutige Gewichte für den Beitrag jedes Indikators zur Kultur insgesamt besäßen, dann könnten wir das kulturelle Niveau eines Volkes ebenso wie kulturelle Unterschiede zwischen diesen oder jenen Völkern und Epochen bestimmen. Wir könnten dann auch zwischen Hochkulturen und niederen, minderen Kulturen unterscheiden. Auch die Unterscheidung zwischen Natur- und Kulturvölkern besäße dann vielleicht Plausibilität. Man könnte auch mit Hilfe solcher Messkonzepte die Kultur der Mayas, Azteken und Inkas mit der ägyptischen, assyrischen oder babylonischen Kultur vergleichen. Oder die kulturellen Welten Asiens und Amerikas mit den Kulturen Europas. Nicht nur das Niveau, auch die Struktur einzelner Kulturen ließe sich zweifelsfrei vergleichen. Wenn man dann noch Arier und Nicht-Arier klar voneinander trennen könnte, dann ließe sich in der Tat feststellen, ob und inwieweit die arische Rasse zur Weltkultur beigetragen hat. Nur: Wir verfügen nicht über ein solches kulturwissenschaftliches Messsystem, und wir sind nicht in der Lage, Arier und Nicht-Arier anhand messbarer Kriterien zu unterscheiden. Wir vermögen nicht, die Behauptung zu prüfen, die Arier, diese unbekannten Wesen, seien die "Kulturerzeuger", die Nicht-Arier bloße "Kulturverbraucher", weil uns die Messobjekte und Messverfahren fehlen. Es ist, wie gesagt, nicht möglich, die Kultur eines Volkes ohne wertende Hilfen, ohne Vor-Urteile eindeutig zu bestimmen und derart die Kulturen der Völker und Zeiten mess- und vergleichbar zu machen. Darum kann man auch nicht sagen, der Wettbewerb von Völkern oder Rassen erhöhe oder senke das kulturelle Niveau dieser Kollektive und damit das der Weltkultur. Der nüchterne Zeitgenosse hat Grund, dem unbesonnenen, dem naiven Fortschrittsglauben mit großer Distanz zu begegnen und der Idee einer fraglosen Höherentwicklung der Menschheit mit Skepsis zu begegnen. Die unreflektierte Deutung der menschlichen Geschichte als Aufwärtsbewegung, als schöpferischen Prozess, hält dem nüchternen Blick so wenig stand wie das Gegenteil, die Sicht des Vergangenen als Verfallserscheinung. Die Frage, ob der Wettbewerb der Völker, wenn es ihn gibt, oder jener der Individuen auf den Märkten, die Menschheit unter dem Strich aufwärts oder abwärts führt, ob die Weltkultur als Inbegriff aller kulturrelevanten Objekte gestiegen oder gesunken ist, läßt sich ohne explizite wertende Kriterien nicht beantworten. Hitler verzichtete denn auch darauf, uns zu sagen, auf welche Weise die phantasierte arische Rasse die Weltkultur geschaffen und gesteigert habe. Er behauptet einfach, was zu beweisen wäre, aber nicht glaubhaft bewiesen werden kann.

Vielen Zeitgenossen erscheint es selbstverständlich, dass die menschliche Kultur nach vorne, nach oben schreitet. Das bedeutet natürlich noch nicht notwendig zu glauben, dass das Ziel der Entwicklung bereits beschlossen sei. Denn nur von Schritten ist die Rede, nicht auch von einem sichtbaren Ziel. Nur der Rückblick läßt einen Weg erkennen. Aber dieser Kulturoptimismus versteht sich wie sein Gegenteil, der Missmut, dem die Weltkultur rückwärts, abwärts gleitet, nicht von selbst. Gleiches gilt für die Überzeugung, dass die Geschichte sich in Zyklen bewegt, dass die ewige Wiederkehr des Gleichen waltet. Solche Erklärungen sind geschichtsphilosophische Glaubenssätze, dichterische Deutungen, die man, das ist natürlich freigestellt, übernehmen oder ablehnen kann. In aller Regel wird freilich nicht einmal der Versuch gemacht zu erklären, was genau da aufwärts, abwärts oder im Kreise schreitet. Allenfalls Ökonomen glauben, im realen Pro-Kopf-Einkommen, einem eindimensionalen statistischen Aggregat, hinter dem sich mancherlei willkürliche Wertungen verbergen, einen soliden Maßstab für die Fort- oder Rückschrittlichkeit der menschlichen Entwicklung zu haben. Aber die vielen Veränderungen, die diesen Indikator steigen, stagnieren oder auch sinken lassen, müssen nicht von jedem als Fortschritt, Stillstand oder Rückschritt genommen werden. Denn viele wohlstandsrelevante Fakten gehen in diese Rechnung garnicht ein. Oder mit zweifelhafter Gewichtung. Immer handelt es sich um Glaubenssätze, denen man zustimmen oder die man ablehnen kann. Wie gesagt: In einer vieldimensionalen Welt sozialer Werte, die ohne Vor-Urteile nicht mess- und zählbar sind, ist es garnicht möglich, zu einem eindeutigen Urteil aller Beteiligten über die Vor- oder Nachteilhaftigkeit historischer Zustände und Abläufe zu gelangen. Nur in einer eindimensionalen Wertewelt könnte man hoffen, unstrittige Aussagen über die Fort- oder Rückschrittlichkeit eines Ereignisses treffen oder vernünftige Vergleiche zwischen diesen und jenen Individuen oder Kollektiven anstellen zu können. Darum hantieren die Ideologen jeglicher Couleur stets mit simplen und vagen verbalen Konstrukten, wenn sie historische Zustände und Abläufe als positiv oder negativ, als über- oder unterlegen plakatieren. Dem Leser bleibt, wie gesagt, unbenommen, sich der einen oder anderen solcher Marschrichtungen anzuschließen und das Unmessbare als messbar und gemessen zu nehmen. Das gilt auch für den Glauben Hitlers und seiner Trabanten an die arische Rasse als Kulturerzeuger und Kulturbewahrer. Der Autor wollte dem Leser, dem das Gesagte nicht ohnehin geläufig ist, vermitteln, dass es diese Rasse für einen kritischen Kopf so wenig gibt wie die Weltkultur als Ensemble arischer Wunderwerke. Dass diese rassistischen Elaborate niemandem je in der Wirklichkeit begegnet sind. Aussagen über Gang und Sinn der menschlichen Geschichte sind immer nur als Deutungsangebote dieser oder jener Observanz verfügbar, sie erzählen stets nur eine von vielen möglichen Geschichten über die Geschichte und zeigen niemals zur Gänze, "wie es eigentlich gewesen ist". Denn Erklären heißt immer, in Alternativen, in Möglichkeiten zu denken und nicht nur zu beschreiben, wie sich Dinge an sich da und dort verhalten haben. Dinge, die überdies erst als Geschöpfe von Begriffen, Modellen und Hypothesen Gestalt gewinnen. Bloßes Beschreiben erklärt nicht, warum die Welt so ist, wie sie ist. Der Autor will nicht missverstanden werden. Niemandem ist verwehrt, unter diesen oder jenen Gesichtspunkten und im Namen und Rahmen dieser oder jener wissenschaftlichen Disziplin Völker und Epochen zu vergleichen. Das ist legitim. Er wird seine Ergebnisse freilich nicht ohne selektive Vorgaben gewinnen, die in seinen Annahmen sichtbar oder auch verborgen sind. Intellektuelle Redlichkeit gebietet, diese Einschränkungen kundzutun. Nur so unterscheidet sich Wissenschaft vom bloßen Glauben und Meinen.

Hitler, der nicht den wirtschaftlichen Wettbewerb unter Individuen, sondern die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Völkern im Auge hatte, verwickelt sich bei seinen Aussagen über den Einfluss des Lebenskampfes eines Volkes auf seinen Rassenwert in Widersprüche. Einerseits sorgt das "aristokratische Prinzip der Natur" nach seiner Auffassung dafür, dass im Kampf nur die Stärksten, die Besten überleben, dass also der Krieg den Rassenwert des Volkes steigen läßt. In solchen Aussagen erweist sich Hitler als wahrer Sozialdarwinist, als Anhänger des "Survival of the Fittest". Andererseits und an anderer Stelle beklagt er, dass der Krieg eine negative Auslese unter den Individuen mit sich bringt, dass der Rassenwert eines Volkes, das allzulange und allzuviele Kriege führt, zu sinken und nicht zu steigen neigt, weil im Krieg in erster Linie die Besten, die Edelsten fallen, während die Minderen, die Feiglinge überleben und ihr Erbgut, ihren geringen Rassenwert, an ihre Nachkommen weitergeben. Von daher Hitlers – auf den ersten Blick verblüffender - Rat an künftige Staatenlenker, Kriege in Grenzen zu halten, um die Ausdünnung des Rassenwerts durch den Verlust der Besten zu begrenzen. Sein Publikum hat Hitler sicherlich irritiert hinterlassen, weil nach seinen Auslassungen völlig unklar war, ob der Krieg den Rassenwert eines Volkes unter dem Strich nun steigen oder sinken läßt, ob die Starken oder die Schwachen den Krieg überleben. Darwin, wenn in dieser Sache befragt, hätte vielleicht die "Mutigen", die im Krieg getötet werden, für die am schlechtesten Angepassten gehalten, weil sie den eigenen Tod statt das Überleben wählen. So wie er die "Feigen" womöglich als die am besten Angepassten gesehen hätte, weil sie das eigene Überleben vorgezogen haben. Hitler hingegen hat den heldischen Willen zur Hingabe des eigenen Lebens für das eigene Volk als wichtiges Element des kollektiven Rassenwertes gesehen. Gemeinnutz statt Eigennutz, Arterhaltung statt Selbsterhaltung war für Hitler die Maxime der arischen Menschen, die dem ewigen Gesetz der Geschichte folgen. Es fragt sich gleichwohl, ob "Mut" und "Feigheit" - soldatische Verhaltensweisen, die einer Erklärung bedürfen -, wie Hitler wohl glaubte, genetisch verankerte Eigenschaften sind, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. So wie blonde oder braune Haare, blaue oder graue Augen. Eine simple, allzu simple Vorstellung von der Vererbung menschlicher Eigenschaften.

Im Gegensatz zur Idee der genetischen Höherentwicklung des Menschen, wie sie Hitler und viele andere Sozialdarwinisten vor und nach ihm vertraten, sind in Darwins Erklärung der Evolution, wie wir wissen, keine teleologischen Elemente, keine Annahmen über das Ziel der Entwicklung enthalten. Kein "Intelligent Design", kein göttlicher Uhrmacher, der den Gang der Evolution im Vorhinein entworfen hätte. Der Wandel der Arten folgt in dieser Sicht gewissermaßen einem endlosen Würfelspiel der Natur. Und es gilt überhaupt, dass eine objektive Einteilung der Lebewesen in höhere und niedere Arten ohne zusätzliche, wertende Kriterien unmöglich ist. Natürlich können Vögel besser fliegen und Fische besser schwimmen als Menschen. Darum sind Menschen noch lange nicht schlechthin die schwächeren, unterlegenen, Vögel und Fische die stärkeren, überlegenen Arten. Dass Menschen Maschinen bauen, Romane schreiben und Bilder malen können, macht sie Pflanzen und Tieren gegenüber, die das nicht vermögen, noch nicht schlechthin überlegen. Ohne Hilfe seiner gewohnten Umwelt, der Festung seiner in Jahrtausenden geschaffenen Kunstwelt, seiner komplexen technischen Zivilisation entrissen, in eine trockene, endlose Wüste oder hilflos ins weite Meer verschlagen, verliert der Mensch, anders als die solcher Umwelt angepassten Pflanzen und Tiere, jegliche Überlebenschance. In dieser Welt überleben eben jene und nur jene Individuen und Arten, die - aus welchen Gründen immer - besser den wechselnden Umweltbedingungen zu begegnen vermögen. Diese Sicht läßt, zur Seite gesprochen, jedem, der das will, immer noch Platz für den Glauben an Gott. Selbst der Urknall, wenn es ihn gab, schließt ja einen Schöpfer nicht aus. Auch nicht die denkbare Existenz paralleler, für uns nicht erkennbarer Universen. Und wer will sagen, ob die Evolution mit dem Homo Sapiens endet? Mutmaßlich nicht, wagt der Autor zu sagen. Obwohl Ökonom und nicht Evolutionsbiologe. Ein hinreichend großer Asteroid, der die Erde trifft, genügt, unter das Kapitel "Mensch" einen Schlußstrich zu ziehen. Oder die selbstverschuldete Umweltkatastrophe. Viele weitere, fatale Szenarien kommen einem in den Sinn. Denn die Menschen sind Gäste auf dieser Erde, ein Nichts gegenüber den Gewalten der Natur. Sie sind in vielen Tausend Jahren einen weiten Weg gegangen, und wir wissen nicht, wo sie enden werden. Außer, dass am Ende aller Tage nicht die Weltherrschaft der Germanen steht. Die Europäer allesamt haben als Weltenlenker ohnehin weitgehend ausgespielt. Und vielleicht gibt es am Ende garnicht mehr die sichtbaren, die äußerlichen Unterschiede zwischen den Völkern, weil in der künftigen, globalisierten Zivilisation die weltweite Verpaarung der Menschen ihre äußeren, ehedem ortsfesten Erscheinungsweisen durcheinandergewirbelt hat. Wie gesagt, wir wissen nicht, wie es mit den Menschen auf lange Sicht weitergeht.


V
Resummee


Kommen wir zum Schluss. Den Ökonomen muss das offene Bekenntnis Hitlers zunächst irritieren, der Kampf der Deutschen um Lebensraum ziele letzten Endes auf die Weltherrschaft. Es ging Hitler also garnicht in erster Linie, muß man konstatieren, um die Ernährung des deutschen Volkes. Nicht um den notwendigen Lebensraum, um die fehlenden Ressourcen. Dann sind natürlich die Beweise ohne Bedeutung, dass es keiner Kriege bedurfte, um die deutsche Bevölkerung zu ernähren. Weil diese garnicht mehr wuchs, sondern schrumpfte. Und weil das Wachstum der agrarischen Produktivität auch eine wachsende Bevölkerung bei steigendem Pro-Kopf-Verbrauch leicht ernähren konnte. Weil eine Öffnung zum Weltmarkt den Weg zum wachsenden Wohlstand der Deutschen weit geöffnet hätte. Weil wachsender deutscher Wohlstand nicht die Zahl der Auswanderer, sondern die der Einwanderer aus weniger entwickelten Gegenden der Welt hätte steigen lassen. Solche nüchternen Feststellungen hätten Hitler, müssen wir annehmen, allenfalls veranlasst, die Argumente, nicht aber das Ziel zu wechseln. Ohnehin kann man das malthusianische Schreckensgemälde leicht aus Hitlers welthistorischen Vorstellungen wegdenken. Es blieben auch dann die einfachen Glaubenssätze, die er in seiner Jugend bei der Lektüre der nationalistischen und rassistischen Pamphlete und Gazetten erworben hat, die damals in Wien nicht anders als in München verbreitete Lektüre waren. Ideen von einem mächtigen Deutschen Reich, in dem alle Menschen deutscher Sprache und Kultur vereinigt wären. Einem Deutschen Reich, das als Weltmacht auf allen Märkten und Meeren ein ebenbürtiger Rivale Englands und der Vereinigten Staaten wäre. Das seiner wachsenden Bevölkerung im Osten Europas Lebensraum verschaffen würde. Einem Deutschen Reich, das sich aller "Fremdvölkischen" entledigen würde. Auch die Rassendoktrin hätte freilich leicht aus Hitlers Welt- und Menschenbild weggelassen werden können, ohne seinen kriegerischen Ambitionen Abbruch zu tun. Schließlich ist der Erste Weltkrieg, dessen Geschöpf er war, auch ohne krasse rassistische Glaubenssätze auf der einen und anderen Seite vonstatten gegangen. Hitler hätte seinen Krieg dann wenigstens ohne den millionenfachen Mord an den europäischen Juden geführt. Aber begonnen hätte er ihn auch ohne Rassendoktrin, denn auch dann wären seine alldeutschen Phantasien wirksam geblieben. Hitler hätte sich von seinem aberwitzigen Vorhaben mutmaßlich auch dann nicht abbringen lassen, wenn ihm nicht nur die Bodenflächen und Bevölkerungszahlen, sondern auch die Kohle-, Öl-, Erz- und anderen Rohstoffreserven, die industriellen Kapazitäten, die technischen und militärischen Potentiale seiner Gegner zur rechten Zeit eindringlich vor Augen geführt worden wären. Die Tatsache, dass er seinen Krieg nach allem vernünftigen Ermessen nicht gewinnen konnte. Er hätte sein Vabanque-Spiel auch dann begonnen, weil es seine Natur war, die Widerstände zu unter- und sich zu überschätzen. Weil sein Leitspruch war: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Darum ist das Phänomen Hitler in ökonomischen Begriffen letztlich garnicht zu fassen. Der Ökonom kann allenfalls deutlich machen, was von Hitlers ökonomischen Argumenten zu halten ist. Die lapidare Antwort lautet: Nichts. In der doppelten Bedeutung, dass sie nicht nur der geschichtlichen Wirklichkeit widersprachen, sondern dass sie Hitler am Ende wohl auch nicht wichtig waren. Er war ein Hasardeur, der Geld einsetzte, das er garnicht besaß. Er hätte seinen Krieg gegen den Rest der Welt, genau betrachtet, nur gewinnen können, nachdem er ihn gewonnen hatte. Mit den Ressourcen nämlich, die er durch Kriege erst hätte erobern müssen. Wie bei seiner letzten Offensive im Westen, als die Panzer mit dem Treibstoff rollen sollten, den sie erst dem besiegten Feind hätten wegnehmen können. Hitler wußte das alles bereits, bevor sein Spiel für alle erkennbar verloren war. Sehr früh, Jahre vor dem Ende, hat er seiner Entourage erklärt, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. Beendet hat er ihn freilich nicht. Verhandlungen mit dem Gegner hat er nie gesucht. Denn er war ein Spieler, der nicht aufgeben konnte. Ein Hasardeur, der weiterspielte, bis ihm nur noch blieb, sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Wie in einem Dreigroschenroman.

Was aber, wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg doch gewonnen hätte? Wenn seine sogenannten Germanen die ganze Welt erobert hätten? Dann wäre unter Hitlers Annahmen genau das eingetreten, was Malthus einst beschrieben hatte. Weiteres Bevölkerungswachstum hätte die siegreichen Arier in Hungerkatastrophen geführt, die sich – wir folgen Hitlers früher diskutierten vier alternativen Strategien - allenfalls durch stetige Verbesserungen der Agrartechnik, durch Geburtenbeschränkung oder Auswanderung vermeiden ließen. Das eine, die nachhaltige Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität, war nach Hitlers Erklärung nicht denkbar und die Geburtenbeschränkung Frevel, weil sie den Rassenwert des deutschen Volkes senken würde. Bliebe nur die Auswanderung – aber wohin? Die Arier bewohnten und beherrschten ja in Hitlers Phantasie am Ende ihres kriegerischen Weges schon die ganze Erde. Auch die Beschaffung von Nahrungsmitteln auf dem Weltmarkt wäre darum kein Ausweg gewesen. Denn den Weltmarkt als Ort des Austauschs von Nahrungsmitteln gegen Fertigprodukte existiert in Hitlers malthusianischem Endzustand der Geschichte nicht, weil es keine Länder mit Agrarüberschüssen mehr gibt. Die Herrschaft der Arier hätte eine autarke Weltwirtschaft geschaffen, die nach Hitlers naiven Glaubenssätzen am Ende nicht in der Lage gewesen wäre, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Dieser malthusianischen Schreckenswelt wären die Arier nicht entronnen, weil sie nach Hitlers Erklärung nicht in der Lage gewesen wären, die Agrartechnik stetig so zu verbessern, dass die wachsende Zahl der Mäuler gestopft werden konnte. Kein Eroberungskrieg hätte die Malthussche Hungerkatastrophe vermeiden können, auch nicht, wenn die Arier ihre nicht-arischen Heloten allesamt totgeschlagen und selbst den Pflug gezogen hätten. Dann spätestens wären Malthus' Mechanismen zur Angleichung der Bevölkerungszahl an die Nahrungskapazität wirksam geworden: Die präventive oder repressive Geburtenkontrolle mit dem Ziel, die Weltbevölkerung konstant zu halten, sie an den Nahrungsspielraum anzupassen. Und das hieß nach Hitlers Feststellung: Kulturelle Stagnation, weil mit den zweiten, dritten und vierten Söhnen die Hoch- und Höchstbegabten wegfallen würden. Die Arier wären keine "Kulturerzeuger" mehr, nur noch "Kulturverbraucher". Wie ihre welthistorischen Gegenspieler, die nicht-arischen Völker. Entartung träte ein, weil in der durch Geburtenbeschränkung stabilisierten Welt die Anlässe zum Lebenskampf fehlen würden. Es sei denn, die arischen Völker würden, dem "aristokratischen Prinzip der Natur" folgend, im Kampf um den notwendigen Lebensraum aufeinander einschlagen und so die Geschichte vom Lebenskampf um den Lebensraum weiterspinnen. Dann aber würden nach Hitler die Rassenwerte der verfeindeten arischen Völker stetig sinken, weil im Krieg immer die Besten, die Starken fallen und die Feigen, die Schwachen überleben. Anders ausgedrückt: Es ergäbe sich eine selektive Geburtenkontrolle durch Kriegsverluste, die nach Hitler zur Ausrottung aller positiven Rassenwerte führen müßte. Ein Weg in die Welt der Feigen und Schwachen.

Eine Malthus-Welt, in der die Arier durch ihre zu große Kinderzahl gezwungen wären, die Überschüssigen im Kriege von den Feinden umbringen zu lassen, weil Hitler ihnen verboten hatte, andere Methoden der Geburtenkontrolle zu praktizieren. Bis nur noch die Feigen, die Kriegsunwilligen übrigbleiben und vielleicht darüber zu debattieren beginnen würden, wie sie die Geburtenkontrolle auf andere Weise regeln, wie sie Malthus' Bevölkerungsfalle auf friedliche Weise entrinnen können. Hitlers Schriften könnten ihnen dabei nicht helfen. Sie würden womöglich allein darauf kommen, dass andere Wege der Geburtenkontrolle verfügbar sind. Vielleicht auch, dass man den Nahrungsspielraum steigern kann. Dass es möglich ist, durch agrartechnische Verbesserungen eine wachsende Weltbevölkerung bei steigendem Pro-Kopf-Einkommen zu ernähren. Jedenfalls, solange die zwölf Milliarden nicht überschritten wären, die nach Erklärung von Agrarökonomen auf der Erde ernährt werden können. Ohne Krieg, ohne Kampf um Lebensraum. Die Menschen könnten die Weltgeschichte auf eine neue Weise weiterschreiben, und wenn sie Glück hätten, dann würde ihnen auf ihrem Weg kein neuer Hitler begegnen und sie mit seinen abenteuerlichen Erzählungen vom Kampf der Völker um die Weltressourcen auf kriegerische Irrwege führen.

Vergleicht man die Ideenwelt Hitlers mit modernen pessimistischen Szenarien zur weltweiten Ressourcenknappheit und globalen Ressourcenkonflikten, dann wird deutlich, dass Hitlers Vorstellungen vom begrenzten und umkämpften irdischen Lebensraum nicht zur Gänze mit ihm untergegangen sind. So wie er seine malthusianischen und sozialdarwinistischen Thesen auch nicht erfunden, sondern in der Trivialliteratur seiner Jugendzeit vorgefunden hat. Was gegenwärtig über die Grenzen des Wachstums, über globale Ressourcenverknappung und weltweite Ressourcenkonflikte, über Klimakatastrophen vorgetragen wird, unterscheidet sich freilich in einem überaus wichtigen Punkt von Hitlers kriegerischer Vorstellungswelt: Die Akteure in diesen modernen malthusianischen Umweltdramen sind nicht menschliche Rassen, sondern alle Völker, alle Staaten, die am globalen Raubbau an den natürlichen Ressourcen, an der Zerstörung der Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen beteiligt sind. Diese neo-malthusianischen Szenarien wollen, anders als Hitler, die Menschen zur Umkehr bewegen und nicht zu erbarmungslosen Kämpfen um den Lebensraum aufrufen. Ihnen fehlt das sozialdarwinistische Element. Diese umweltökonomischen Appelle machen zumindest zweierlei klar. Erstens, dass sich die Industrieländer von ihrem ressourcenzehrenden Weg des wirtschaftlichen Wachstums abwenden, womöglich auf materielles Wachstum überhaupt verzichten müssen. Das ließe dem Wachstum des tertiären Sektors, der Dienstleistungsproduktion, immer noch endlosen Raum. Das Ende des Kapitalismus wäre durchaus nicht gekommen. Zweitens, dass die Entwicklungs- und Schwellenländer nicht den gleichen, umweltfeindlichen Weg der industriellen Entwicklung gehen dürfen, den die heutigen Industrieländer in der Vergangenheit genommen haben. Mit Hitlers fatalen kriegerischen Rezepten haben diese modernen Versionen des malthusianischen Schreckensbildes wenig zu tun. Darum sind sie nicht Gegenstand dieses Textes. Sie handeln von einem anderen, späteren Kapitel der Weltgeschichte.


Nachgedanken

Wir haben uns mit Hitlers ökonomischen Glaubenssätzen, mit seinen Thesen zum Thema Lebensraum und Lebenskampf der Völker und Rassen beschäftigt, mit Behauptungen, die erkennbar kaum Kontakt zu den geschichtlichen Fakten hatten. Wie war es möglich, muss man am Ende fragen, dass diese Ideen, verballhornte, verkürzte und auf den Kopf gestellte Sätze der wissenschaftlichen und politischen Diskussion des 19. Jahrhunderts, ihre unfassliche historische Sprengkraft gewinnen konnten. Wie vermochte jemand mit solchen Ideen und Intentionen ganz legal Herrscher des Deutschen Reiches zu werden und die Welt in Krieg und Verbrechen zu stürzen? Es ist nicht Sache des Ökonomen, eine Antwort auf diese Fragen zu geben. Die Historiker wiederum nennen eine Vielzahl von Gründen, die einander teils ergänzen, teils widersprechen. Nehmen wir einige dieser Antworten auf die Frage zur Kenntnis, warum und wie Hitler zur Macht kommen und für wenige, schreckliche Jahre an der Macht bleiben konnte. Lassen wir diese Hypothesen Revue passieren. Warum also Hitler? Was wird uns da gesagt? Weil die Ideen, mit denen er vor die Deutschen trat, schon lange vor dem Ersten Weltkrieg viele Anhänger besaßen und in diesem Krieg bereits unter den Deutschen weithin Geltung erwarben? Weil ein großer Teil des besiegten Volkes die Niederlage als Schmach, als Kränkung empfand, mit der diese Menschen sich nicht abfinden wollten? Weil in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre die Hyperinflation, mit der die Kriegs- und Nachkriegsverschuldung des Deutschen Reiches de facto gestrichen wurde, Millionen Menschen in Armut und Verzweiflung gestoßen hat, weil das Geldvermögen jener, die die Staatspapiere besaßen, durch Geldentwertung und Währungsreform vernichtet wurde? Weil der diesen Bürgern zugefügte Schaden groß war, weil die Kriegs- und Kriegsfolgekosten damals nicht durch Steuern, sondern durch Staatsverschuldung finanziert worden waren? Weil die Hyperinflation nicht nur die vergangene Staatsverschuldung, sondern auch die Reparationsforderungen der Sieger illusorisch machen sollte? Weil in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre die Weltwirtschaftskrise Tausende Betriebe und Millionen Arbeitsplätze vernichtet hat? Weil die demokratischen Institutionen der Weimarer Republik, vielen Deutschen ohnehin nur das ungewollte, ungeliebte Kind des verlorenen Krieges, bereits bei der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler nur noch auf dem Papier gestanden haben? Weil Links- und Rechtsradikale damals das parlamentarische Leben lahmgelegt haben? Weil die Günstlinge des greisen Reichspräsidenten als Kanzler und Minister kamen und gingen und das Vertrauen der Bürger in die demokratischen Regeln verspielten? Weil diese Kamarilla glaubte, den "böhmischen Gefreiten" in Schach halten zu können, als sie ihn, den Chef der am Ende stärksten Partei im Parlament und einer nach Hunderttausenden zählenden Privatarmee, zum Reichskanzler machten? Weil der Reichspräsident als Hüter der Verfassung in den eineinhalb Jahren, die ihm nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler an Lebenszeit blieben, die Entmachtung des Parlaments, die Auflösung der politischen Parteien, die Gleichschaltung aller Ämter und die ersten Verbrechen Hitlers geduldet und gebilligt hat? Die Verhaftung der politischen Gegner, die Ermordung der unbequem gewordenen Kumpane, die ersten Attacken wider die deutschen Juden? Weil ihm keinerlei parlamentarische Kontrollen, keine Opposition, keine freie Presse, keine freien Wahlen, keine unabhängigen Gerichte mehr Grenzen setzten? Weil die Mehrheit der Richter, der Offiziere, der Beamten, der Industriellen, der Bankiers, der Journalisten, Professoren und Redakteure ohne meßbare Schamfrist zu Hitler übergelaufen ist. Um das Schlimmste zu verhindern, wie viele von ihnen später erklärten? Weil auch aus dem Ausland kaum Widerstand geleistet wurde, als Hitler geltende Abmachungen eine nach der anderen zerriß? Weil die meisten Generale, schnell avanciert und durch ihren Eid auf Hitler gebunden und gedeckt, dem Bedenken der Konsequenzen enthoben, ihm bei der schnellen und vertragswidrigen Wiederbewaffnung des Deutschen Reiches, bei der heimlichen Vorbereitung des Krieges willig zur Hand gegangen sind? Weil ein Finanzjongleur, ein Konservativer, ihm die Finanzierung der heimlichen Wiederbewaffnung außerhalb aller Gesetze verschaffte? Weil Hitler die narzißtische Kränkung der Deutschen durch den verlorenen Krieg und das Versailler Diktat aufzuheben, den verletzten Nationalstolz zu kurieren versprach? Weil ihm alles leicht zu gelingen schien, was er in den ersten Jahren seiner Herrschaft in Angriff nahm? Weil ein wachsender Teil der Deutschen sich von den im Kino, im Radio, auf Plakaten und in der gleichgeschalteten Presse vorgeführten Konterfeis dieses Mannes, die einen mit stählernen Augen weit in die Ferne blickenden Staatsmann zeigten, faszinieren und übersehen ließ, dass sie sich einem Verbrecher in die Hand gegeben hatten? Ohne inneren Vorbehalt? Weil seine Auftritte in den großen, opernhaften Inszenierungen mit einer nach Tausenden zählenden, aus allen Winkeln des Deutschen Reichs herangekarrten Statisterie, viele, allzuviele Deutsche faszinierten? Wie die Massenveranstaltungen, in denen die von einer gekonnten Regie in großen Blöcken aufgestellten Parteibataillone wie eine Armee zu groß geratener Zinnsoldaten neben diesem Mann wirkten, der durch ihre Mitte zur Rednertribüne schritt oder im offenen Wagen vorfuhr, um von dort oben seine politischen Botschaften zu verkünden? Weil er nach seinen politischen und militärischen Erfolgen im offenen Mercedes durch Berlin fuhr und Beifall und Bewunderung der Hunderttausende auslöste, die die Straßen säumten? Weil alle Tricks der Propaganda wirkungsvoll eingesetzt wurden, um diesem Mann den Nimbus eines politischen Heilands zu verschaffen? Weil es den meisten Deutschen, die diese Inszenierungen im Kino erlebten, nicht möglich war, sie als bloßes Theater, sein Auftreten als lange trainierte Schauspielerei abzutun? Gründe über Gründe, die uns da vorgetragen werden. Dem Ökonomen steht nicht zu, sie zu gewichten.

Natürlich könnte man behaupten, dass Hitler ohne die Weltwirtschaftskrise niemals Reichskanzler hätte werden können. In der Tat war er bis 1929, bis zum Beginn der Börsen-, Banken- und Wirtschaftskrise, nurmehr der ständig von Geldproblemen verfolgte Chef einer rechtsradikalen Splitterpartei. Und es mag sein, dass er das immer geblieben wäre, wenn nicht Börsen, Banken und Betriebe zusammengebrochen, Vermögen vernichtet, Arbeiter und Angestellte zu Millionen entlassen, Tausende Unternehmen liquidiert worden wären. Wenn nicht zuvor die in Versailles diktierten Reparationen in erster Linie durch Aufnahme kurzfristiger Auslandskredite finanziert, also kommerzialisiert worden wären. Kurzfristige Kredite, die in der Weltwirtschaftskrise von den ausländischen Gläubigern unerwartet gekündigt wurden, was deutsche Banken und Betriebe in die Zahlungsunfähigkeit trieb, weil Staat und Zentralbank ihnen nicht halfen. Wenn nicht auch das deutsche Wirtschaftswunder seit Mitte der Zwanziger Jahre mit Auslandskrediten finanziert worden wäre. Die Deutschen lebten damals auf Pump, bis der kurze Spaß mit dem fremden Geld in der Wirtschaftskrise ein jähes Ende nahm, als die Auslandskredite unerwartet gekündigt wurden. Mehr noch: Hitler wäre trotz Wirtschaftskrise womöglich ein exotischer Schreihals geblieben, wenn nicht eine unkluge restriktive Geld- und Finanzpolitik die aus den USA importierte Wirtschaftsflaute im Deutschen Reich unnötig vervielfacht hätte. Vielleicht, dass ohne die Große Depression weiterhin Koalitionen verfassungstreuer Parteien am Ruder geblieben oder von einem Präsidialkabinett ohne Hitler abgelöst worden wären. Dass Hitler Chef einer kleinen, rechtsradikalen Partei geblieben oder gar im Nichts verschwunden wäre. Vielleicht, vielleicht. Aber die Große Depression hat die USA, hat England, Frankreich und die anderen demokratisch verfassten Länder in gleicher Weise getroffen, ohne dass dort die politische Ordnung umgestürzt worden wäre. Es war also nicht, jedenfalls nicht allein die Weltwirtschaftskrise, die den Weg in die Diktatur Hitlers freigemacht hat. Es mußte viel mehr zusammenkommen, um einen befremdlichen Akteur wie ihn zur Macht zu bringen. Der Ökonom kann in dieser Frage keine schlüssige Antwort geben. Ihm bleibt nur festzustellen, dass Hitler aus allerlei Gründen, aber nicht, jedenfalls nicht allein wegen der Weltwirtschaftskrise und auch nicht wegen seiner in diesem Text diskutierten radikalen Ideen Kanzler des Deutschen Reiches wurde. Diese Ansichten und Absichten hat er damals zunächst klug für sich behalten und stattdessen in der Maske des politischen Biedermanns Näherliegendes, Arbeit und Brot für Alle, versprochen. Und die meisten Deutschen haben offenbar nicht zur Kenntnis oder nicht ernst genommen, was in seinen Büchern klar und deutlich zu lesen stand. Bücher, die in Millionenzahl unter das Volk gebracht, aber offenbar so gut wie garnicht gelesen wurden.

Beenden wir diesen unberufenen Ausflug in die Geschichte, diesen vergeblichen Versuch, den Aufstieg Hitlers zu verstehen. Um es erneut und zum letzten Mal zu sagen: Der Autor - kein Historiker, sondern Ökonom - wollte in dieser Schrift Hitlers zentrale ökonomische Thesen, nicht seine Person und seine unfasslichen Taten diskutieren. Gleichwohl kommt man bei diesem Unterfangen an Neben- und Nachgedanken über den Urheber und Vollstrecker dieser verbrecherischen Ideen nicht vorbei. Hitler ahnte sehr wohl, wie spätere Generationen ihn sehen würden, falls seine Weltherrschaftspläne misslängen. Kurz vor der Entfesselung seines Kriegs hat er einem Gesprächspartner erklärt, dass er, wenn seine Pläne scheitern, wohl als der größte Verbrecher aller Zeiten in die Geschichte eingehen werde. In der Tat. Das ist ihm gelungen.


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Quellen-Hinweise:

Adolf Hitler, Mein Kampf, Erster Band
646. - 650. Auflage (Erste Auflage: München 1924)
München 1942
S. 143 - 168; 311 - 315

Hitlers Zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928.
Herausgegeben vom Institut für Zeitgeschichte
Eingeleitet und kommentiert von Gerhard L. Weinberg
Stuttgart 1961
S. 46 - 69

In diesen Abschnitten beider Bücher diskutiert Hitler die von ihm gesehenen vier Wege, Bevölkerungszahl und Lebensraum des deutschen Volkes in Einklang zu bringen und die Grundzüge seines rassistischen Geschichts- und Menschenbildes.


Henry Picker
Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier
Bonn 1951
ISBN 3-549-07185-X


Adolf Hitler. Monologe im Führerhauptquartier 1941 - 1944
Aufgezeichnet von Heinrich Heim
Herausgegeben von Werner Jochmann
München 2000
ISBN 3-572-01156-6

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Autor:
Prof. Dr. rer.pol. Dr. h.c. mult. Gerhard Wilhelm Schmitt-Rink